„Neues Deutschland“, 29.09.2005

 

Der supergeheime Geheimdienst der DDR

Headquarter unter Physikern?


Von Wolfgang Ebert

War das Mathematisch­physikalische Institut in der Berliner Oberspreestraße ein Geheimdienst? Die politische Öffentlichkeit horchte auf, als am 12. August 1992 Sabine Christiansen in den »Tagesthemen« über einen »Supergeheimdienst« in der DDR berichtete. Gemeint war der Militärische Nachrichtendienst der NVA. Auch wenn kaum ein Bürger der DDR etwas über diese Einrichtung wusste - selbst in der NVA waren die Kenntnisse gering -, blieb die Reaktion auf diese vermeintliche Sensationsmeldung gering. Erschien es doch den Bürgern normal, dass eine Armee über einen derartigen Dienst verfügen müsste. Drei Buchpublikationen mit unterschiedlicher Qualität gab es danach zum Thema. Sie dienten mehr oder minder dazu, weitere Mythen und Legenden zu stricken. Bodo Wegmann ist es zu verdanken, dass nun eine beachtenswerte Forschungsarbeit vorliegt, die schon jetzt Standardwerk zum Thema genannt werden kann - die erste umfassende wissenschaftliche Darstellung über den militärischen Nachrichtendienst der NVA. Mit Akribie und großem Fleiß hat er Fakten, Daten, Material zusammengetragen, aus dem der interessierte Leser wie der Insider viel Neues erfahren.

Berechtigt wird im Buch die Frage aufgeworfen, ob die Verwaltung Aufklärung des Ministeriums für Verteidigung der DDR ein Geheimdienst oder ein Organ der Nachrichtenbeschaffung gewesen sei. Die Antwort: Aus einem Organ der Nachrichtenbeschaffung, auch mit geheimdienstlichen Mitteln, wurde eine Organisationsstruktur geschaffen, die alle technischen und militärischen Möglichkeiten zu nutzen verstand - von der Aufklärung über Agenturen bis hin zu operativ-taktischer, Funk- und Satellitenaufklärung. Mit der außen­politischen Anerkennung der DDR erschlossen sich weitere Möglichkeiten. Militärattaches wurden der Verwaltung Aufklärung unterstellt. Die auf diese Weise vermehrt ein­gehenden Informationen ergaben aussagekräftige Angaben über den potenziellen Gegner. Darüber berichtet Egon Bahr achtungsvoll nach einem Besuch in der Stabseinrichtung Oberspreestraße in Ostberlin, damals als Berater des Ministers für Abrüstung und Verteidigung, Rainer Eppelmann, tätig. Zwei umfangreiche Bände waren ihm übergeben worden, die er dem verantwortlichen General des BND  im Verteidigungsministerium in Bonn zeigte. Nach Bahr verfärbte sich dessen Gesichtsfarbe schneller rot, als eine Flasche Whisky es vermocht hätte. Kein Wunder, denn weit über 100 000 Angaben, Daten, Namen, Waffen und Ausstattungstypen der Bundeswehr erwiesen sich als exakt erkannt.

Wegmann schreibt nicht nur über die Erfolge des Dienstes. Es gab Höhen und Tiefen. Und es gab nach Wende und Beitritt Überläufer (wie Oberst Lehmann), die konspirativ geführte Mitarbeiter der Justiz der Bundesrepublik auslieferten. Der Autor hebt hervor, dass besonders unter der Ägide des Generalleutnants Franke ein monolithisch operierendes Aufklärungsorgan geschaffen werden konnte. Die danach eingesetzten Führungskräfte operierten nicht ohne Probleme. Der nach der Ablösung des Generalleutnants Gregori angetretene Krause fand wegen seines überzogenen militärbürokratischen Führungsstils nicht immer den Zugang zu den selbstbewussten, gebildeten und ehrgeizigen Aufklärungsoffizieren des operativen Bereiches. Da waren Reibungen programmiert, die aber durch die Disziplin der Offiziere gedeckelt werden konnten.

Wegmann befasst sich auch mit den Aufklärungsinstitutionen in den Stäben der Teilstreitkräfte. Verständlich ist, dass nicht alle Angaben über die Verwaltung Aufklärung aus überlieferten Dokumenten entnommen werden konnten, individuelle Befragungen mussten sicher so manche Forschungslücke schließen helfen. Manche Gespräche mit Zeitzeugen, z.B. mit Bahnik, Kader, Tschesche und Polit, führten zu günstigeren Beurteilungen, als die Wahrnehmung der Angehörigen der Verwaltung diese bestätigen würden. Ein ausführlicher wissenschaftlicher Apparat ist angefügt. Und trotz des vom Autor beklagten Fehlens eines Lektors gibt es nur wenige Fehler, was in heutigen Publikationen eher selten ist.

Schließlich sei noch auf die vergleichenden und bewertenden Betrachtungen des Autors am Ende der Arbeit hingewiesen, eine Kurzfassung deutscher Militärgeschichte im Kalten Krieg, lesenswert und informativ, ohne einseitige Parteinahme. So ist eine Geschichte des Militärischen Nach­richtendienstes der NVA entstanden, die den wissenschaftlichen Ansprüchen voll gerecht wird und an der künftig Forscher zum Thema nicht vorbeikommen.

Bodo Wegmann: Die Militäraufklärung der NVA. Die zentraleOrganisation der militärischen Aufklärung der Streitkräfte der Deutschen Demokratischen Republik. Verlag Dr. Köster, Berlin 2005. 714 S., geb., 48 €.