DDR-Führung auf Reisen

(Rezension)

Klaus Bossig

EK-Verlag Freiburg

ISBN. 978-388255-734-3

 

Innerhalb von 10 Jahren stellen Klaus Bossig und der EK-Verlag Freiburg nach „Regierungszüge der DDR"(2001) und „Sonderfahrten der Reichsbahn"(2008) nun mit dem Titel „DDR-Führung auf Reisen - Schienen-, Strassen-, Luft- und Wasserfahrzeuge für Staatsreisen der DDR-Führung" ihr drittes Sachbuch vor. Es ist bemerkenswert, beachtenswert, weil nicht nur Sachbuch für Interessierte, Liebhaber und Historiker, sondern weil es mehr ist. Im Reigen der vielfältigen Buchveröffentlichungen und medialen Produkte anlässlich der 20jährigen Wiederkehr des Erlöschens der DDR, verbunden mit einseitigen und getürkten Darstellungen in den Medien, mit Häme gegen diesen Staat und seine ehemaligen Bürger, legt Bossig ein Produkt vor, das über den abzielenden Leserkreis hinaus tausende Interessierte finden dürfte, die in wichtigen und weniger wichtigen Positionen zum Funktionieren eines ganzen Systems der Umsorgung der Staats- und Parteiführung der DDR in vierzig Jahren DDR-Geschichte beigetragen haben dürften. Nicht erstaunlich für Bossig, der seine diesbezügliche ersten Erfahrungen Ende der 60er Jahre als Angehöriger des Wachregimentes „Feliks Dzierzynski" des Ministeriums für Staatssicherheit (WR) sammeln durfte, ehe er dann beruflich in den Bestand dieses Systems Verankerung fand, beachtlich aber für den EK-Verlag, der sich gleichermaßen dem Thema verantwortlich und in hoher Objektivität verschrieben hat.

Richtigerweise warnt Bossig den Leser im Vorwort vor falschen Erwartungen, indem er sagt: „Wer nur Interesse an Sensationsberichten hat, sollte das Buch gleich wieder aus der Hand legen. Es wird keinesfalls mit irgendwelchen Enthüllungen aufgewartet...". Enthüllt wird natürlich doch, indem offen gelegt und klar ausgesprochen wird, was in Zeiten seines Funktionierens, wie auch in anderen Staaten zum Gedeih und zum Schutz der Eliten, üblich und erforderlich war. Und das in hoher Komplexität. Der Autor bedient sich vieler Sachdokumente aus einschlägigen Archiven und zwingt förmlich den Leser, sich dieser Faksimile anzunehmen, wenn er die Schriftzüge der Unterzeichner wahrgenommen hat. Dadurch werden Zusammenhänge klar zum gesellschaftlichen System in der DDR, beispielsweise zur primären Rolle der Partei und ihres Politbüros bei allen Festlegungen, was das öffentliche Leben und den Schutz der Repräsentanten von Partei und Staat betraf. Das Politbüro fasste die Beschlüsse, das Ministerium für Staatssicherheit oder andere zuständige Organe hatten für deren Durchsetzung zu sorgen, hatten die personelle und sachliche Sicherstellung zu gewährleisten. Mit dieser Darstellung gibt sich Bossig jedoch nicht zufrieden. Er suchte und fand Insider und Experten, die ihm die Aktenlage erläutern und bestätigen konnten. Das erhöht den Wert der Darlegungen und Aussagen und verhinderte, dass der Autor möglicherweise zu dem Buch nicht gut passenden subjektiven Eigenwertungen kommen musste, obwohl zu erkennen ist, dass es ihm dahingehend in den Fingern juckte. Nicht zuletzt die äußerst umfangreiche Bilddokumentation(150), darunter kaum oder wenig bekannte Aufnahmen aus dem privaten Umfeld der Repräsentanten der DDR sowie in Wahrnehmung ihrer politischen und staatlichen Aufgaben stehend, legen „offen" und zeigen auf, wie normal doch mancher Zeitsplitter damals war, der heute geheimnisumkrämert und geschichtsverfälscht dargestellt wird. Das bezieht sich auch auf das Kapitel der Beziehungen zwischen der DDR und der BRD und die daraus resultierenden Kontakte auf Spitzenebene.

Das vorliegende Buch gibt im Zeitraffer einen Überblick zur Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik wieder, ehe es sich mit den Transportmitteln der Repräsentanten auf Straße, Schiene, zu Wasser und in der Luft befasst. Akribisch wird hier alles vom Horch
830 BL Sedancabriolet des Präsidenten Wilhelm Pieck bis zum Parade-Tschaika, vom ersten Regierungszug bis zum letzten Verkehrsflugzeug Typ IL-62M oder den so genannten Staatsjachten vorgestellt, ehe sich der Autor sehr umfänglich den in diesem Zusammenhang
stehenden notwendigen Sicherheitsfragen widmet. Übersichtlich stellt er die Aufgabenstellungen des Ministeriums für Staatssicherheit allgemein dar, ehe er die Strukturen und Aufgabenstellungen der Hauptabteilung Personenschutz (HA PS), des Wachregimentes
Feliks Dzierzynski" und der Abteilung Nachrichten in den spezifischen Zügen aufzeigt. Er widmet sich dann dem ersten Wohngebiet der Repräsentanten von Partei und Regierung der DDR in Pankow sowie der Waldsiedlung Wandlitz und einer Reihe der wichtigsten
Erholungs- und Gästehäuser, von der Schorfheide bis zur Insel Vilm. Und das immer im Kontext zu den erforderlichen Maßnahmen für Schutz, Transport und Versorgung. Im 4.Kapitel mit dem Untertitel „Unterwegs auf Strasse, Schiene, per Luft und auf dem Wasser"
versucht sich Bossig an einer „unvollständigen Chronologie" der Reisetätigkeit der führenden Repräsentanten der DDR im In- und Ausland. Seine Auswahl scheint gelungen, macht sie doch die politische und internationale Entwicklung und Achtung der DDR deutlich, nicht nur durch den Besuch Erich Honeckers bei Japans Kaiser Hirohito oder das Auftreten der DDR-Delegation zur KSZE-Abschlusskonferenz in Helsinki im Jahre 1975. Dankenswerterweise hat der Autor mit dem Kapitel zu den deutsch-deutschen Beziehungen und der in diesem Zusammenhang stehenden Reisetätigkeit eine Darstellung zur Dokumentation gebracht, die deutlicher nicht sein könnte, zumal in heutigen Zeiten derartiges vielfach unter den Tisch der Geschichte gekehrt ist.

Bleibt zu wünschen, das Bossigs Buch von vielen in die Hände genommen werden kann, was bei dem Preis von über 40 EURO leider nicht jedem Interessierten möglich sein wird. Es ist aber handwerklich so solide in Form gebracht, dass ein Exemplar sehr viele Leser überleben dürfte.

 

Eberhard Rebohle