Rezension, veröffentlicht im "ND" vom 24.09.1996

 

Die Inoffiziellen Mitarbeiter

Nur ein DDR-Phänomen?

 

Von Wolfgang Schmidt

 

Die "Einigung" bescherte uns auch die Gauck-Behörde. Als "reine" Forschungs-Einrichtung will sie angesehen werden. Skepsis indes ist angebracht, angesichts der von ihr bereits herausgegebenen Publikationen. Allzu oft schon wurde durch diese Institution wissenschaftliche Seriosität auf den Altären durchsichtiger politischer Interessen und brachialer Geschichtsrevision geopfert. Das vom Politologen Helmut Müller-Enbergs, seit 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Gauck, zuvor FU Berlin, herausgegebene Buch zu IM-Richtlinien des MfS ist so nicht einzuordnen. Es dokumentiert alle fünf Richtlinien des MfS, die seit 1950 für die Arbeit mit Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) im Bereich der "Inneren Abwehr" galten, einschließlich Durchführungs- und  ergänzender Bestimmungen, denen eine ausführliche Analyse vorangestellt ist.

 

Im Gegensatz zur üblichen Praxis, vorgefasste Urteile durch selektive Auswahl von Materialien und z.T. wilde Spekulationen zu illustrieren, handelt es sich bei diesem Buch um eine fleißige wissenschaftliche Arbeit. Müller-Enbergs untersucht und vergleicht die vorgefundenen Dokumente, zieht eine Fülle weiterer MfS-Unterlagen zu diesem Thema heran und verbindet seine Betrachtungen mit den jeweiligen, sich im zeitlichen Ablauf verändernden Aufgaben und Bedingungen für die Arbeit des MfS.

Soweit ihm das möglich ist, versucht er die durch die IM-Richtlinien vorgegebenen Normen mit ihrer Umsetzung in der Praxis zu vergleichen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass eine buchstabengetreue Umsetzung dieser Richtlinien durch alle Mitarbeiter und Diensteinheiten des MfS zu keinem             Zeitpunkt gegeben war und das Anliegen der Richtlinien auch darin bestand, vorhandene unerwünschte Praktiken zu korrigieren. 

 

Wer dieses Buch aufmerksam liest, erfährt mehr über das MfS, als die zu diesem Thema weitgehend gleichgeschalteten Medien erlauben. Zweifellos sind auch Rückschlüsse auf die Arbeitsweise des Komitees für Staatssicherheit der UdSSR und der Sicherheitsorgane der anderen ehemals sozialistischen Länder möglich, darüber hinaus aber auch auf die Arbeit von Geheimdiensten überhaupt. Jeder Geheimdienst, der kein hochdotierter Zeitungsausschnittsdienst sein will, muss und wird inoffizielle Mit­arbeiter - wie immer er sie auch bezeichnet- als "heimliche Zuträger" und "Hauptwaffe" anwerben ("rekrutieren") und einsetzen. Die moralischen Wertungen dieser Tätigkeit werden bestimmt von den herrschenden politischen Machtverhältnissen. So wurden hierzulande aus "Patrioten und Kämpfern an der unsichtbaren Front" quasi über nacht "Spitzel" und "Denunzianten".

 

Müller-Enbergs verhält sich freilich nicht illoyal gegenüber seinem Arbeitgeber. Und da es zu den vornehmsten Aufgaben der Gauck-Behörde zählt, die westlichen Geheimdienste und Agentenzentralen abzuschirmen, werden z.B. alle Verweise auf deren subversives Wirken oder eine Zusammenarbeit zwischen äußeren und inneren Feinden auch in diesem Buch bagatellisiert oder angezweifelt. Das liest sich z.B. so: "Der Zwang, unmittelbar Erfolge vorzuweisen, blieb in den nächsten Jahren die bestimmende Maxime. Im Sommer 1954 wurden schlagartig 547, im April 1955 521 und im Mai 1956 130 "Agenten" festgenommen. Agenten in Gänsefüßchen also. Auch die "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" ("KgU") wird selbstverständlich nicht als klassische Terrororganisation, die im Kampf gegen die DDR u.a. auch Brandsätze gelegt hat, charakterisiert. Die Gegenprobe - eine rückhaltlose Offenlegung der Aktivitäten und Praktiken der einstmals gegen die DDR kämpfenden Subversionszentren - entfällt ohnehin.

 

Auch dem Zeitgeist entrichtet Müller­Enbergs seinen Tribut. Unter Bezugnahme auf die neuen Bedingungen für die Arbeit des MfS nach 1961 schreibt er z.B.: "Für das MfS bedeutete das die Verbreiterung der inoffiziellen Basis, somit den Ausbau des Repressionssystems." Neben den repressiven Funktionen sind aber viele Aufgaben des MfS und daraus abgeleitete Einsatzrichtungen von IM, z.B. Spionageabwehr, Geheimnisschutz, Schadensverhütung in der Volkswirtschaft, im Verkehrswesen etc. auch aus heutiger Sicht nicht als Repression einzustufen.

 

Richtig ist natürlich die Feststellung Müller-Enbergs: "Mit Blick auf die vierzigjährige Existenz des Staates kommt den IM das zweifelhafte "Verdienst" zu, unbeschadet ihrer jeweiligen Intentionen und der Art des Engagements, zum Machterhalt Ulbrichts und Honeckers beigetragen zu haben." Abgesehen davon, dass die IM oder das MfS nicht die einzigen Machtstützen waren, ist die Tätigkeit der IM hierauf nicht zu reduzieren.

 

Das vorliegende Buch ist nicht als Bestseller angelegt. Wer sich tiefgründig mit diesem Thema beschäftigen möchte oder muss, sollte sich aber heranwagen.

 

Helmut Müller-Enbergs: Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Richtlinien und Durchführungsbestimmungen. Analysen und Dokumente. Wissenschaftliche Reihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Bd. 3. Ch. Links Verlag, Berlin 1996. 544 S., geb., 40 DM.