Das „Romeo-Syndrom“ - eine Freud’sche Fehlleistung

Klaus Eichner

Im Juni 1951 eröffnete die Spionageabwehr des MfS der DDR einen Vorgang gegen die Mitarbeiterin im Büro des Ministerpräsidenten der DDR, Elli Barczatis. Sie war von dem Journalisten Dr. Karl Laurenz unter Ausnutzung eines Liebesverhältnisses zur Spionage für die damalige Organisation Gehlen, den späteren Bundesnachrichtendienst, angeworben worden. Reinhard Gehlen bezeichnet in seinen Memoiren diese Operation als einen besonderen Erfolg seines Dienstes. Zu diesem Zeitpunkt existierte die HVA noch nicht.

 

Wenn in kurzer Zeit zwei Autorinnen sich der Schicksale von weiblichen Quellen der HVA bzw. des KGB annehmen, dann muß doch in diesem Thema eine besondere Brisanz liegen.

Aber auch durch ständige Wiederholungen und weitere Dramatisierungen wird ein im Geheimdienst-Gewerbe normaler Vorgang nicht zu einem Drama Shakespear’scher Dimension.

Die HVA war mit einer umfangreichen Palette verschiedenster nachrichtendienstlicher Mittel und Methoden zur Auswahl, Kontaktierung und Werbung von Quellen in der Bundesrepublik tätig. Eine Facette aus diesem breiten Spektrum der Geheimdienstarbeit ist die Kontaktanbahnung eines Werbers mit einer weiblichen Zielperson. Dabei wird niemand bestreiten, daß es eine solche Methode der Gewinnung von Quellen gab, daß darüber auch in der HVA wissenschaftliche Forschungen betrieben wurden. Markus Wolf beschreibt selbst mehrere dieser Fälle, verweist aber auch darauf, „... daß niemand - und schon gar keine Frau - gegen den eigenen Willen zur Spionage gezwungen werden kann.“ (M.Wolf: „Spionagechef im geheimen Krieg“, S. 153)

Wenn Marianne Quoirin in ihrem Buch die Schicksale weiblicher Quellen untersucht, dann wird bewußt oder unbewußt der Eindruck hervorgerufen, daß lediglich diese Quellen mit besonderen Belastungen zu kämpfen hatten und haben. Die Autorin negiert, daß schwierige persönliche Schicksale und Beeinträchtigungen der Psyche bei vielen ehemaligen Agenten von Geheimdiensten zu verzeichnen sind. Enttäuschungen durch Verrat oder Vertrauensbruch oder psychische Auswirkungen von langjährigen Haftstrafen - all das sind keine Spezifika nur von weiblichen Agenten.

Dabei ist jedes Schicksal der von der Autorin ausgewählten Beispiele schlimm genug, die Auswirkungen der Geheimdiensttätigkeit machen den Leser betroffen und führen ihn letztlich auch zu einem der Kernsätze in diesem Buch: „An der unsichtbaren Front des Kalten Krieges gab es keine Helden, keine Sieger, nur Verlierer.“(S.245) Diese Erkenntnis sollte aber auch jene zum Nachdenken anregen, die heute noch in den angeblich so demokratisch agierenden Nachrichtendiensten diesem Gewerbe nachgehen.

 

Marianne Quoirin beschreibt in ihrem Buch ein „Rumpelstilzschen-Syndrom“, aber man gewinnt den Eindruck, sie selbst leidet an einem „Romeo-Syndrom“. Da hat sie nun durch intensive Recherchen alle psychologisch interessanten Sätze aus Vernehmungen und Erinnerungen von Beteiligten zusammengetragen, aber ihre im Untertitel des Buches selbstgestellte Aufgabe, herauszufinden, „Warum Frauen für den Osten spionierten“, konnte sie nicht erfüllen. Sie ist so auf die angebliche „amouröse Front“ fixiert, daß sie die eigentliche, die „ Geheimdienst-Front“ immer wieder ignoriert. Dazu gehört auch, daß die Autorin alle anderen Motivationen der Quellen sowie deren Veränderungen im Laufe der Zusammenarbeit nicht sehen will oder zumindest kleinredet. Es ist schon etwas mehr als Zynismus, wenn von ihr politische Motive der Quellen als „...das wunderbare Gefühl, plötzlich wichtig genommen zu werden und scheinbar befähigt zu sein, ganz allein den Weltfrieden zu retten...“ (S. 222) charakterisiert werden.

 

 

Bezeichnend ist auch ihre selektive Auswahl der Beispiele. Dr. Gabriele Gast, die Quelle der HVA im BND, dient ihr zwar als Zeugin gegen Markus Wolf, aber die klare politische Positionierung von Dr. Gabriele Gast in ihrem Buch „Kundschafterin des Friedens“ paßt Frau Quoirin offensichtlich nicht in ihr Bild. Dabei stand am Beginn des Kontaktes von Frau Gast zum MfS auch eine Liebesbeziehung und Gabriele Gast mußte diesbezüglich schwere Enttäuschungen hinnehmen.

 

Natürlich ist jede Bewertung eine Frage des Standpunktes. Man kann auf der Grundlage ausführlicher Gespräche mit einem der Psychologen der HVA die psychologische Betreuung der Quellen als „Streicheltherapie der marxistischen Psychologie“ (S.211) abtun, man kann aber auch zu dem Schluß kommen, daß die HVA im Bewußtsein der schwierigen, manchmal verzweifelten Situation einiger Quellen zumindest eine gediegene psychologische Unterstützung zur Bewältigung von Konfliktsituationen  anbot. Aber Frau Quoirin braucht für ihr „Romeo-Syndrom“ die erste Version.

Die beschriebenen Schicksale, die keinen Leser unbeeindruckt lassen, hätten eine ausgewogenere und damit auch seriösere Behandlung verdient. Aber bei dem Thema „MfS der DDR“ müssen auch neun Jahre nach der staatlichen Einheit weiterhin die Klischees bedient und die Emotionen geschürt werden. Frau Quoirin macht da leider keine Ausnahme.

 

Marianne Quoirin: „Agentinnen aus Liebe - Warum Frauen für den Osten spionierten“

Frankfurt am Main, Eichborn, 1999

ISBN 3-8218-0780-6

geb., 255 S.,