Rezension

des Buches Klaus Huhn, "Die Gauck-Behörde. Der Inquisitor zieht ins Schloss", 128 S., 9,95 Euro, ISBN 978-3-360-02068-0



Seit bekannt ist, dass Joachim Gauck der nächste Bundespräsident werden soll, ist viel über ihn geschrieben worden. Während Union, FDP, SPD und Grüne sowie die deutschen Leitmedien sich gegenseitig darin zu überbieten suchen, ihn als "den Richtigen" für dieses Amt, als eine Art Heilsbringer, zu preisen, mehren sich die Stimmen, die vor seiner Wahl warnen. Gleichzeitig werden zur Frage "Wer ist Gauck?" Sachverhalte bekannt, die bisher sowohl von ihm selbst als auch von seinen einflussreichen Gönnern unter der Decke gehalten wurden.

In seinem Buch "Die Gauck-Behörde. Der Inquisitor zieht ins Schloss" (ISBN 978-3-360-02068-0) beschreibt Klaus Huhn diesen Mann als eitlen, selbstgefälligen und selbstgerechten Wichtigtuer, dessen Glaubwürdigkeit, demokratische Gesinnung sowie soziales Gewissen ernsthaft in Zeifel zu ziehen sind.

So sprechen zum Beispiel bekannte Mitglieder der DDR-Opposition wie Hans-Jochen Tschiche (82), einst Pfarrer und Leiter der Evangelischen Akademie in Magdeburg, Gauck das Recht ab, sich mit dem Attribut "Bürgerechtler" zu schmücken oder schmücken zu lassen. In seiner vom Berliner Tagesspiegel am 23.Februar 2012 verbreiteten Erklärung heißt es dazu: "Er hat niemals zur DDR-Opposition gehört, deren Akteure man im heutigen Sprachgebrauch Bürgerrechtler nennt. Er verließ erst 1989 die schützenden Mauern der Kirche und kam über das
Neue Forum in die Volkskammer", so der empörte Tschiche. Gauck habe sich in München bei einer Preisverleihung mit den Geschwistern Scholl vergleichen lassen "und wurde nicht einmal schamrot". Er reise "ohne Skrupel" auf dem Ticket Bürgerrechtler durch die politische Landschaft. "Er ist kein Vater der protestantischen Revolution, sondern er gehört zu denen, die sie beendet haben." Tschiches Fazit: "Gauck ist die falsche Person."

Ausführlich beschäftigt Klaus Huhn sich mit der von Rechtsanwalt Dr. Peter-Michael Diestel (CDU), ehemaliger stellvertretender Ministerpräsident und Minister des Innern der DDR im Kabinett von Lothar de Maiziere (CDU), gegenüber Publikationsorganen geäußerten Meinung, Gauck sei "Begünstigter der Staatssicherheit" im Sinne des Stasiunterlagengesetzes gewesen.
In seinem in Der Freitag vom 28.April 2000 veröffentlichten Beitrag "Auf Wiedersehen Herr Gauck" bezieht Dr. Diestel sich auf dasTerpe-Dossier, das für Gauck voller Brisanz ist und nach Diestels Einschätzung ausreicht, ihn wie Tausenden andere aus dem öffentlichen Dienst zu verbannen". Der ausführliche Bericht des MfS-Hauptmanns Terpe über dessen konspiratives Treffen in Gaucks Wohnung, die vielen besonderen Vergünstigungen, die Gauck und seine Familie mit Unterstützung des MfS erfuhren, und der von Hauptmann Terpe an ihn übermittelte Dank des Ministeriums für Staatssicherheit hatten schon damals viele Fragen nach dem Verhältnis zwischen Gauck und dem MfS aufgeworfen. Dr. Diestel hielt Gauck vor, keine einzige der für ihn brisanten Fragen beantwortet zu haben. Statt dessen würde er abwiegeln und versuchen, sich zu entlasten.

Es ist aufschlussreich, dass die Terpe-Papiere ebenso unauffindbar sind wie der Artikel der Welt dazu vom 23.April 1991. Die immer nachhaltiger gestellten Forderungen nach der Rolle von Pastor Gauck in Verbindung mit der Leitung der Gauck-Behörde und Gerüchten über abhandengekommene Akten von diversen Politikern etc. dürfen nicht länger negiert und die öffentliche Diskussion darüber wie bisher massiv unterdrückt werden.

Schon 1991 hatte der Spiegel (17 / 1991) vermeldet "Was seit Wochen blubbert und schwelt, erfährt am Mittwoch voriger Woche im ZDF ein Millionen-Publikum. Der Leiter von Studio 1, Bodo H. Hauser meldet 'schwere Zeifel', dass der 'Herr der Stasi-Akten' integer genug ist.
Dem wurde nämlich der Vorwurf gemacht, sich im Sommer 1990 - also noch vor dem "Beitritt" - in die Räumlichkeiten begeben zu haben, in denen das MfS die Akten aufbewahrte. Dort hatte er mutterselenallein in den Akten gewühlt - einleuchtend, dass er vor allem seine in den Händen hatte -, und niemand weiß, ob er sie am Ort beließ oder mitnahm. Gauck konnte sich nie völlig von dem Verdacht befreien, belastendes Papier beiseite geschafft bzw. in seiner Biografi geschwärzt zu haben, was nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Wieder und wieder wurde die Frage in den Medien gestellt und erörtert. "Man vergesse nicht", merkt Klaus Huhn auf Seite 54 seines Buches dazu an: "Gauck hatte selbst zugegeben, dass er die Akten 'allein' eingesehen habe."

Am 25.Februar 2012 prophezeite Dr. Diestel der Tageszeitung junge Welt : "Ich glaube, dass uns nach dem Desaster mit Christian Wulff eine weitere kalte Dusche erwartet - in welchem Ausmaß, werden wir noch sehen." Und auf die Medien angesprochen, die Gauck auf den Schild gehoben und zur demokratischen Lichtgestalt, zum
'Freiheitslehrer', hochgejubelt hatten, erklärte der Rechtsanwalt hintersinnig: "Hätte Gauck eine auch nur geringfügige Eignung für dieses Amt, hätte er eine solche Etikettierung abgelehnt. Dass er mit der Bürgerrechtsbewegung in der DDR nicht das geringste zu tun hatte, weiß kaum jemand besser als ich."

Breiten Raum im Buch von Klaus Huhn nimmt Gaucks Rolle als "Großinquisitor" in den neuen Bundesländern ein, die Rolle des Mannes, der nach Huhns Aufassung wie der Pariser Advokat Pitaval die Papiere des Teufels für die Hexenverbrennungen lieferte.
Nicht ohne Grund nannte man die Gauck-Behörde den "Akten-Lieferservice Gauck", der immer dann Aufträge der Politik pünktlich und zur Zufriedenheit ausführte, wenn sie gebraucht wurden, um politisch missliebige Kontrahenten zu verleumden, öffentlich zu demontieren bzw. aus ihren Funktionen oder von ihren Mandaten zu entfernen. Als Beispiele schildert Klaus Huhn Einzelheiten der jahrelangen vergeblichen Jagd der Behörde auf Gregor Gysi und ihre aktive Teilnahme an der von der damaligen Bundestagspräsidentin Süssmuth (CDU) und den damaligen Bundesinnenminister Kanther (CDU) organisierten Schmierenkomödie, um zu verhindern, dass der Schriftsteller Stefan Heym - mit 81 Jahren der Alterspräsident des Bundestages - traditionsgemäß die Legislaturperiode eröffnet. Selbst Gauck musste einräumnen, dass dabei gegen das Stasi-Unterlagengesetz verstoßen und Akten verfälschend weitergegeben worden sind.

Mit Stolz hat Gauck bei verschienenen Gelegenheiten bekundet, dass er ein konsequenter Antikommunist sei. Darum war es auch folgerichtig, dass er zu den Erstunterzeichnern eines von strammen Antikommunisten vieler Länder im Februar 2010 in Prag verfassten Manifestes gegen den Kommunismus und kommunistische Regime gehört. Es ist ein Verdienst von Klaus Huhn, dieses bisher noch nie in deutscher Sprache erschienene elf Punkte umfassende hasserfüllte Machwerk in seinem Buch veröffentlicht zu haben.
Dabei weist er darauf hin, dass der zweite Deutsche unter den Erstunterzeichnern Christoph Schaefgen war, jener Generalstaatsanwalt, der 1990 nach Berlin geholt wurde, um die "Regierungskriminalität der DDR" zu untersuchen und der sich durch eine grundgesetz- und strafgesetzwidrige rückwirkende Strafverfolgung auszeichnete. Dass in einer seiner öffentlichen Veranstaltungen der anwesende Mob den PDS-Bundestagabgeordneten Prof. Heuer ungestraft mit dem Galgen drohen konnte und einer der Anwesenden, dessen Angehörigen im KZ ermordert wurden, angesichts dieses Skandals einen tödlichen Herzinfrakt erlitt, kennzeichnet diesen antikommunistischen Juristen und zeigt gleichzeitig, dass Gauck sich in Prag ebenso in bester Gesellschaft befand wie bei seinem antikommunistischen Engagement im "Veldensteiner Kreis zur Geschichte und Gegenwart von Extremismus und Demokratie".
Hier trifft sich auf einer Burg, die Hermann Göring gehörte, seit 1990 zweimal im Jahr eine illustre Runde. Referenten waren und sind u.a. Dr. Joachim Gauck, Dr. Hubertus Knabe, Günter Schabowski und Prof. Dr. Ernst Nolte (das ist jener Historiker, der in den 80er Jahren die These aufstellte, der Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion sei ein Präventivkrieg gewesen und die Gulags in der Sowjetunion hätten die Vorlage für die Nazi-KZ geliefert.)

In diesem Zusammenhang lenkt Klaus Huhn die Aufmerksamkeit auf einen Leserbrief des Schriftstellers Gerhard Zwerenz an die junge Welt vom 25.Februar 2012, in dem es heißt: "Pastor Gauk sprach sich am 5.6.2011 in der Paulskirche gegen die 68er-Bewegung aus. Das ist logisch. Die 68er revoltierten gegen ihre Nazi-Eltern. Joachim Gaucks Eltern waren früh faschistisch. Die Mutter als alte Kämpferin seit 1932, der Vater ab 1934 Mitglied der NSDAP.
Nun ist niemand für seine Erzeuger verantwortlich. Doch Gauck argumentiert in vielen Punkten wie ein getreuer Sohn. Laut eigener Aussage ist er 'mit einem gut begründeten Antikommunismus aufgewachsen' - so ehrt er als braver Christ Mutter und Vater in Ewigkeit. Amen!
Sowohl aus familiärer wie nationaler Tradition ist ein Bundespräsident Gauck der passende Ausdruck deutscher
Einheit in Treue zur Vergangenheit."
Dazu passt, dass Welt online am 17. November 2011 Gauck mit dem Satz zitierte: "Von dem Vorschlag, für die Opfer der gerade bekanntgewordenen Mordserie von Neonazis einen Staatsakt zu veranstalten, halte ich nichts."

Kein Wunder, dass nicht nur die Leitmedien und die vier vorschlagenden Bundestagsparteien, sondern auch eine Zeitung der äußersten Rechten die Einigung auf Gauck als nächsten Bundespräsidenten begeistert feiert.

Klaus Huhn gebührt das Verdienst, kritische Wortmeldungen im Zusammenhang mit der Wahl von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten der Öffentlichtkeit zugänglich zu machen. Dass er an mehreren Stellen seines Buches schreibt: "Da stockt einem der Atem." oder "Wieder verschlägt es einem die Sprache." zeigt die Brisanz bestimmter
Sachverhalte aus dem Leben des nunmehr deutschen Staatsoberhauptes.
Warten wir ab, ob bzw. wann sich die oben erwähnte Prophezeiung von Dr. Michael Diestel (CDU) hinsichtlich einer "weiteren kalten Dusche"erfüllt.

Hans Fricke

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Hans Fricke ist Autor des 2010 im GNN-Verlag erschienenen Buches "Eine feine Gesellschaft" - Jubiläumsjahre und ihre Tücken -, 250 Seiten, Preis 15.00 Euro, ISBN 978-3-89819-341-2
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