junge Welt vom 10.10.2005

 

Feuilleton

Mein lieber Schwan ...

WDR-Autor langte mal wieder tief in die Stasi-Kiste. Und griff erneut daneben

Peter Wolter

Es geht nicht immer gut, wenn Journalisten meinen, ein Buch schreiben zu mssen. Halbbildung kompensiert mancher von ihnen gerne mit Wortgeklingel und bersteigertem Selbstbewutsein. Was herauskommt, ist erstens dick im Umfang und dnn im Inhalt und zweitens landet es schnell auf dem Ramschtisch. Dieses Sondermllager fr intellektuell kontaminierte Produkte wre die angemessene Endstation. Aber leider gehen derartige Bcher auch den klassischen Umweltschutz an: Um so etwas drucken zu knnen, mssen Bume geschlagen werden.

Ein schnes Beispiel fr derartigen Baumfrevel hat jetzt der WDR-Journalist Heribert Schwan vorgelegt. Das Spinnennetz heit sein neuestes Buch, das er gemeinsam mit der Psychologin Helgard Heindrichs verfate. Es geht darin um Schwans Lieblingsthema: Das bse Ministerium fr Staatssicherheit (MfS). Das hat nmlich die Dreistigkeit besessen, mit seiner Auslandsaufklrung Interna aus dem Auswrtigen Amt in Bonn erfahren zu wollen.

Mal eben ein Buch

Das MfS-Thema treibt Schwan schon seit Jahren um. Tiefenrecherche braucht es da nicht, immerhin hat man ja ein paar nette Kontakte zu Verfassungsschtzern, Gerichten und zur Birthler-Behrde. Sobald das Thema filmisch erfat und mehreren Sendern honorarpflichtig angedreht ist, bietet sich noch die Weiterverwertung in Form eines sensationell aufgemachten Buches an. Das gibt erstens Zusatzhonorar, zweitens festigt man sein Image als Stasi-Jger und drittens macht es kaum Arbeit. Die hatte nmlich wohl in erster Linie die Koautorin.

Das als Tatsachenkrimi angekndigte Taschenbuch befat sich mit den vier Diplomaten, die im Dienste der DDR-Auslandsaufklrung Informationen aus dem Auswrtigen Amt beschafften: Ludwig Pauli, Hagen Blau, Klaus von Raussendorff und Lilli Pttrich. Informationsbasis waren Gerichtsakten, Material aus der Birthler-Behrde sowie Gesprche mit Frau Pttrich und einigen anderen. Das war es auch schon. Schwan und seine Koautorin zeigen sich emprt darber, da die anderen Kundschafter kaum oder gar nicht mit ihnen reden wollten.

Anhand einer Anleitung des MfS fr den Umgang mit Inoffiziellen Mitarbeitern versuchen Schwan/Heindrichs nachzuzeichnen, wie diese Agenten angeworben und gefhrt wurden. Beiden Autoren mu es ein wenig weh getan haben, besttigen zu mssen, da die DDR-Auslandsaufklrung intensiv und einfhlsam mit ihren Kundschaftern umging. Wahrscheinlich ging es ihnen auch gegen den Strich, da sie in keinem der geschilderten Beispiele Spuren von Erpressung oder Bestechung entdecken konnten. Eher widerwillig rumen sie ein, da alle vier erwhnten Diplomaten durch ihre Zusammenarbeit mit der DDR den Frieden sichern wollten.

Dieser Tatsachenkrimi ist eine vorzgliche Einschlafhilfe. Er ist oberflchlich zusammengeschrieben; jedes halbwegs haltbare Klischee ber die DDR, ihren Geheimdienst und die Auslandsaufklrung wird aus der Schublade gekramt. Die eigentlichen Motive der Kundschafter interessieren Schwan/Heindrichs, wenig - das Buch Kundschafter des Friedens, in dem u.a. Klaus von Raussendorff ausfhrlich seine Karriere geschildert hat, wird zwar in der Literaturliste genannt aber im vorliegenden Buch nicht einmal zitiert. Hinzu kommen Ungereimtheiten redaktioneller Art: Das Oberlandesgericht in NRW hat pltzlich in Mnster seinen Sitz, die Alphabetische Aufstellung der MfS-Agenten in Bonn am Ende des Buches ist nicht nur unvollstndig, sondern stellenweise falsch.

Er hat recht

Schwan hat sich mit dem Thema offenkundig bernommen, er stt an seine Erkenntnisgrenzen. Er versteht es nicht, wie man dem Westen schlechte Absichten unterstellen und sich fr den Erhalt des Friedens verantwortlich fhlen kann. Er versteht es nicht, da ehemalige MfS-Offiziere und ihre Kundschafter heute immer noch zu dieser Meinung stehen. Aber wo er recht hat, hat er recht: Um so dreister treten sie immer mal wieder auf. ... Der Ha auf die Bundesrepublik ist ungebrochen, und der Zorn auf den >Verrter< Michail Gorbatschow wirkt noch lange nach. Von Einsicht, gar Reue, im Auftrag einer kommunistischen Diktatur Landesverrat gebt zu haben, fehlt jede Spur. Im Gegenteil: Voller Stolz blicken sie zurck auf ihre Taten und auf das, was sie im Namen von Erich Honecker, Erich Mielke, Markus Wolf und Werner Gromann fr den SED-Staat geleistet haben. (Seite 308 f.)

* Heribert Schwan/Helgard Heindrichs: Das Spinnennetz. Knaur Taschenbuch Verlag, September 2005, 400 Seiten, ISBN: 3426777320, 12,95 Euro