"Neues Deutschland, 25.10.05

 

Unter fremder Flagge gesegelt

Ein Buch zu den Rosenholz-Akten ist berfllig. Dieses aber ist berflssig

Von Helmut Mller-Enbergs

Nachdem seit Jahren das Thema Rosenholz in aller Munde ist, haben nun der Historiker Heribert Schwan und die Psychologin Helgard Heindrichs nach dreijhriger, mhevoller Arbeit ein Buch ber jene geheimen Akten verffentlicht. Schwan hat bereits der Biografie des MfS-Ministers Erich Mielke wie auch dem mysterisen Tod des Fuballspielers Lutz Eigendorf nachgesprt. Mit filmischen Mitteln trug er das Aufklrungsinteresse bis vor die verschlossenen Tren ehemaliger Akteure der Staatssicherheit, mitunter sogar ttliche Auseinandersetzungen in Kauf nehmend.

Mithin steht Schwan fr eine besonders kmpferische Variante der Aufklrung ber das Wirken der Stasi.

Und nun das: Gesttzt auf die geheimen Akten der Rosenholz-Datei wollen er und seine Mitautorin jetzt das Ausma des Geheimnisverrates enthllen. Ob Auswrtiges Amt, Kanzleramt oder die Parteizentralen von CDU, SPD, FDP und Grnen - die Schaltstellen der Macht waren von DDR-Agenten durchsetzt. Das klingt sensationell. Nicht nur die verfilmten Karteien der Hauptverwaltung A (HVA), Rosenholz genannt, sind also berliefert, sondern auch noch die dazugehrigen geheimen Akten. Man meint, endlich nachlesen zu knnen, welche der rund 6000 bundesdeutschen IM der HVA wirklich bedeutend waren und was sie geleistet haben. Ob die DDR-Auslandsspionage gar in Fraktionsstrke im Bundestag vertreten war, welcher IM einem Bundeskabinett angehrt hat und welcher Ministerprsident intensive Gesprche mit dem Nachrichtendienst der DDR fhrte, ohne frmlich Agent zu sein, was sich hinter dem Decknamen Pfeiffer verbirgt etc. Man darf also gespannt sein. Doch die Erwartungen werden nicht erfllt. Weder gibt es geheime Akten noch erfhrt man etwas vom Ausma߫ des Spinnennetzes. Sind in der Druckerrei zwischen die Buchdeckel mit der sensationellen Ankndigung etwa die falschen Seiten geklebt worden?

Die Autoren haben sich allein auf Vorgnge im Auswrtigen Amt beschrnkt, um an ihnen exemplarisch die nachrichtendienstliche Arbeit des MfS zu beschreiben. Man erfhrt nichts Neues. Die Generalbundesanwaltschaft hat 1990 bis 1994 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Fr dieses Amt waren zwei Abschpfquellen zustndig, der Berliner Sprachwissenschaftler Sascha oder die Frankfurter Postbeamtin Michaela, und elf Objektquellen wie der Bonner Beamte Maro, die Sekretrinnen Balkan, Britta,Jasmina und Rose, der Bonner Jurist Abraham, die Stuttgarter Angestellte Feder oder der Nachwuchswissenschaftler Arnim; dazu gehrten auch die beiden Hausfrauen Blume und Hanna. ber die meisten dieser Flle berichtete auch diese Zeitung. Vier IM wurden verurteilt, doch spielen sie in diesem Buch seltsamerweise keine Rolle. Und dies, obwohl drei Monate vor dessen Druck ebenfalls diese Zeitung von 18 bundesdeutschen Agenten berichtet hat, die Ende der 80er Jahre ihr Augenmerk auf das Auswrtige Amt legen sollten. Wenn es also nicht um das ganze Ausma߫ der DDR-Spionage oder im AA geht, worum dann? Es geht um die Geschichte von Lilli Pttrich (Angelika), einer damals 22-jhrigen Studentin, die 1976 geworben wurde und es im Auswrtigen Amt zur Referentin gebracht hat. Ihr ist das halbe Buch gewidmet. Begleitend werden drei weitere Akteure vorgestellt: die Bonner Beamten Ludwig Pauli (Adler), Klaus von Raussendorf (Brede) und Dr. Hagen Blau (Merten). Es geht also allein um vier der zuletzt 18 im Auswrtigen Amt oder in dessen Umfeld aktive IM. Drei von ihnen sind im April 1990 durch berlufer, Angelika im Oktober 1993 durch Rosenholz enttarnt und sodann zu langjhrigen Haftstrafen verurteilt worden. Sie stnden, heit es, stellvertretend fr das Vorgehen und die Methoden der HVA. Das stimmt nicht, vielmehr handelt es sich hier um komplizierte und verwickelte Geschichten von Spitzenquellen, von denen es zuletzt etwa 90 gab und die aus der Schar der zuletzt aktiven 1500 HVA-Agenten deutlich herausragen. Sie waren etwas Besonderes. Politisch eher links orientiert, hatten insbesondere Adler, Brede und Merten ber drei Jahrzehnte ber 3400 Informationen an die HVA vermittelt. Das ist bekannt, doch die Autoren dieses Buches spekulieren munter weiter. Man vermisst grndliche Recherche.

Im Dunklen bleibe, schreiben die Autoren, wie Ludwig Pauli in das Netz der Stasi gelangte. Aber schon ein erster Blick auf Paulis Rosenholz-Karteikarte zeigt, dass diese kurz nach Grndung der HVA angelegt worden ist - im Herbst 1951, es also eine Vorgeschichte geben muss. Aus den vorhandenen Stasi-Unterlagen ergibt sich, dass Pauli als 18-Jhriger 1948 zunchst der SPD und ein Jahr spter zustzlich der SED beigetreten ist. 1950 ist der kleine Angestellte in der Informationsabteilung der SED-Landesleitung Berlin fr die nachrichtendienstliche Arbeit geworben worden. Seine Ttigkeit innerhalb der SPD und bis zum April 1952 im Bezirksamt Neuklln brachte verhltnismig wenig Material. Diese Quelle ist aber in der Mitarbeit sehr willig und legt eigene Initiative an den Tag, so dass er in seiner neuen Stelle im Senat fr Wirtschaft, um die er sich im Auftrag der HVA beworben hatte, verhltnismig bedeutende Materialien beschaffte -solcherart, dass er ein monatliches Salr von 20 Westmark erhielt. Pauli galt als sehr intelligent und hat die Perspektive, spter in wichtige Positionen zu gelangen, und gelangte. Neben Pauli gab es noch zwei altgediente Kundschafter der HVA, die bereits 1948 begonnen hatten: der Flick-Lobbyist Hans-Adolf Kanter (Fichtel) und der Hamburger Sozialdemokrat Kurt Wand (Hlse).

Wren in dem Buch lediglich belanglose Fehler wie falsche Schreibweisen -William Boom statt Borm - festzustellen, man wrde darber hinwegblicken knnen. Htte man sich im Anspruch beschieden, auf das nachrichtendienstliche Leben der Lilli Pttrich zu verweisen, knnte das Sachbuch empfohlen werden, weil deren Entwicklung erstaunlich dicht nachgezeichnet wurde. Doch wird dem Leser stattdessen werbewirksam mit Rosenholz etwas feilgeboten, was tatschlich ohne diese Kartei zu schreiben war. Das Buch segelt unter Fremder Flagge. Die Leser werden getuscht und enttuscht. Rosenholz bleibt geheim.

Heribert Schwan/Helgard Heindrichs: Das Spinnennetz. Stasi-Agenten im Westen: Die geheimen Akten der Rosenholz-Datei. Knaur, 2005. 320 S., br., 12,95 EUR.