26.09.2011 / Thema / Seite 10

junge Welt


Brisante Beamtenprosa

Vorabdruck. 1998 druckte der Verlag Das Neue Berlin die Memoiren des in die DDR bergelaufenen Verfassungsschtzers Hansjoachim Tiedge sehr zum Missfallen der westdeutschen Spitzelbehrde
Robert Allertz

Am 24. Juni 1937 wurde in Berlin-Wilmersdorf Hansjoachim Tiedge geboren. Tiedge wandte sich nach dem Abitur der Juristerei zu, legte 1966 sein Staatsexamen ab und heuerte beim westdeutschen Bundesamt fr Verfassungsschutz (BfV) an. Er stieg zum Spionageabwehrchef auf, verfiel dem Alkohol und geriet in grbere pekunire Nte. 1985 flchtete er in die DDR, promovierte mit einer Arbeit ber die Abwehrttigkeit des BfV und machte sich daran, seine Erinnerungen an seine frhere Ttigkeit aufzuschreiben. Als 13 Jahre nach dem Grenzbertritt seine Memoiren im Verlag Das Neue Berlin erscheinen sollten, reagierten die frheren Kollegen wenig amsiert: Das Buch wurde verboten, Exemplare beschlagnahmt und juristische Manahmen gegen Verlag und Verleger eingeleitet. Doch die Zensoren hatten es nicht leicht: Als eines der ersten deutschen Bcher war Tiedges Der berlufer. Eine Lebensbeichte im Internet zugnglich, und auch die junge Welt druckte Passagen aus dem inkriminierten Werk (jW-Thema, 14./15. Oktober 1998).

Am 6. April 2011 verstarb Tiedge, und im Berliner Spotless Verlag erscheint nun Robert Allerz' Resmee der Affre unter dem Titel Der berlufer: Letztes Kapitel. JW verffentlicht einen gekrzten Auszug aus dem Kapitel Windiges aus der Luftfahrt und dem Verlagswesen vorab.

Tiedge hatte in Moskau gelegentlich deutsche Journalisten schon beizeiten wissen lassen, da er seine Autobiographie zu Papier bringe. 1993 hatte es im Spiegel geheien: Im russischen Exil schreibt der 56jhrige zur Zeit seine Lebenserinnerungen - geplanter Titel: >Der Deserteur<.

An diese Meldung schlo sich die Feststellung an: Gegen Tiedge besteht ein Haftbefehl der Bundesanwaltschaft wegen Landesverrats im besonders schweren Fall. Angedrohte Hchststrafe: Lebenslnglich. (...)

Nachdem Tiedge die Arbeit an seinem Manuskript abgeschlossen hatte, bemhte sich einer der beiden Spiegel-Redakteure, die seinerzeit das Interview mit ihm gefhrt hatten -Georg Bnisch und Georg Mascolo, heute Chefredakteur des Nachrichtenmagazins -, sowie Tiedges Rechtsanwltin um einen Buchverlag in der Bundesrepublik. Doch alle angefragten Huser winkten ab.

Eine Lebensbeichte

Inhalt und Form waren den Verlegern wenig aufregend, oder wie Matthias Oehme spter in einem Interview sagen wrde: typische Beamtenprosa. Denn nachdem Tiedges Literaturagenten sich in der Hierarchie hinuntergearbeitet hatten - zuletzt hatte der Aufbau-Verlag abgelehnt -, landeten sie in der Berliner Luxemburgstrae 16. (Die Hausnummer sollte schon bald von Bedeutung sein.) Dort arbeitete der Verlag Das Neue Berlin. Ein Traditionsunternehmen, gewi, aber eben ein durch die Wende arg gerupftes. Sechs Leute hatten dort ihr bescheidenes Auskommen. Verleger Oehme nahm die Offerte an, weil er - ein politischer Kopf und nicht eben Freund der Verhltnisse, die hierzulande eingekehrt waren - das Potential dieser Beamtenprosa sah.

Wer zwischen den Zeilen zu lesen vermochte, und das konnte die DNB-Leserschaft nach jahrzehntelangem Training, erkannte den hochorganisierten Selbstlauf dieser Bundesbehrde. (...)

Natrlich war das keine politische Autobiographie, wo einer Haltung und Flagge zeigte. Doch wie der Auenlektor schon bald merkte, war entsprechende Nacharbeit zwecklos. In einem Schreiben an den Verleger am 27. Juli 1998 - der Verlagsvertrag war am 6. April unterzeichnet worden - hatte Tiedge wissen lassen, da die von ihm korrigierte Fassung meines Manuskriptes nunmehr unterwegs sei, was wohl offenkundig sein letztes Wort dazu sein sollte. Ich habe lange mit mir gerungen, aber dann doch auf grere Streichungen verzichtet. Es erscheint mir nach wie vor zweckmiger, den kundigen Leser umfassend zu unterrichten, als den Zufallsleser zu langweilen. Als wenn das eine das andere ausschlsse. (...)

Die von Ihnen angeregten Einfgungen in den beiden letzten Kapiteln habe ich ebenso selbstverstndlich vorgenommen wie Ergnzungen, die einzelne Flle betrafen. Alles gilt natrlich unter der Klausel meines Wissensstandes, der halt doch nicht dem eines allseits unterrichteten Bundesbrgers entspricht. Insgesamt aber glaube ich doch, ein lesbares und interessantes Buch vorzulegen, dem ich einen erfreulichen Erfolg wnsche. Die bisherigen Querschsse von Focus sehe ich als Reklame an und hoffe nur, da meine frhere Dienststelle keine - erfolgreichen - rechtlichen Schritte gegen Sie einleitet. Mit freundlichen Gren.

Da ist die verschwiemelte, wichtigtuerische Sprache wieder, dieser literarische Anflug und die anmaende Bedeutungshuberei, die der Berliner Lektor im Manuskript abzuschleifen versucht hatte. Dazu war er wiederholt nach Moskau geflogen, um sich mit Tiedge zu treffen. Die Begegnungen fanden stets auf neutralem Gelnde statt und immer unter den Augen des Pressechefs der russischen Auslandsaufklrung SW R, was ausgeschrieben Slushba Wneshnej Roswetki heit und sich vielleicht mit Dienst der ueren Aufklrung bersetzen lt. Der Herr Generalmajor Juri Kobaladse machte auch Tiedges Termine, womit erkennbar war, da der Exilant keineswegs verlassen und vergessen am Rande der russischen Hauptstadt vegetierte, wie es gelegentlich in deutschen Gazetten zu lesen war. Kobaladse, so schrieb das Neue Deutschland am 5. September 1998, lag Tiedges Text seit 1991 in Varianten vor, zugnglich nur einem kleinen Kreis. Moskau habe die Verbreitung gezielt gesteuert, hie es hellseherisch weiter, und dem Geheimdienstgeneral wurde Vergngen unterstellt, das er empfunden habe, weil er damit im fernen Deutschland fr Unruhe sorgte.

Vermutlich handelte es sich um eine sich selbst erfllende Prophezeiung, denn damals, als die Lektorenarbeit an ihre objektiven Grenzen und die Ankndigung des Titels auf mdes Echo stieen, war nirgendwo von derlei Vergngen etwas zu spren. Bei Buchhndlern und Journalisten, denen - wie blich - im Mai die Verlagsvorschau zugestellt wurde, regte sich nichts, was ein solches Vergngen in Moskau und anderswo ausgelst hatte. Im Katalog waren die Neuerscheinungen des Herbstes 1998 avisiert worden, darunter auch Tiedges Memoiren mit zirka 400 Seiten, am Ende waren es dann achtzig Seiten mehr. Das kann man als Indiz fr eine gewisse Unkenntnis im Verlag nehmen wie auch die zweckdienlich bertriebene Unterzeile: Eine Lebensbeichte.

Als Erscheinungstermin war September genannt. Die vom Verlag angekndigte spektakulre Bilanz eines Mannes, der im deutsch-deutschen Spionagegeschft lange Zeit zu den wichtigsten Ttern, am Ende aber auch zu den Opfern gehrte, erzeugte jedenfalls nicht das erhoffte Echo. Die Reaktionen in den Redaktionen: Ghnen. Trotzdem lie Das Neue Berlin 5000 Exemplare drucken, und zwar in Wien, was aber weniger der Konspiration, sondern einzig der Tatsache geschuldet war, da der Verlag dort schon immer drucken lie. Das sollte sich spter als ntzlich erweisen, denn so konnte der Lkw via Schweiz zum Auslieferer nach Bielefeld dirigiert werden, weil - nicht unbegrndet der Verdacht - an der deutsch-sterreichischen Grenze eventuell die Sendung bereits erwartet wurde.

ffentliche Interessen gefhrdet

Schlielich hatten die Ermittler im Verlag die Lieferpapiere beschlagnahmt und wuten, wo sie sich auf die Lauer legen muten. Aber wir wollen der Sache nicht vorgreifen. Eine Palette, schwarz ummantelt, wurde am Abend vor die Verlagstr in Berlin gestellt. Auch dies ein doppelter Betriebsunfall. Der Verlag wollte es halten wie die Konkurrenz mit Harry Potter, die jeden einzelnen Band mit undurchsichtiger Folie verhllt hatte, um das Geheimnis bis zum letzten Moment zu wahren. Aus Kostengrnden oder Faulheit hatten die sterreicher jedoch lediglich den ganzen Stapel schwarz umwickelt und diesen - zweiter Fehler - flschlich vor der Nr. 16 deponiert.

So karrten denn - nicht ahnend, was am nchsten Vormittag auf sie zukme - die Verlagsmitarbeiter mit einem Hubwagen die Palette ber die Kreuzung Mnz-/Memhardtstrae in einen Hinterhof unweit der S-Bahntrasse.

In der Luxemburgstrae Nr. 3 hatte der Verlag nmlich sein Lager, sehr eng, sehr feucht, die Lufttrockner liefen rund um die Uhr. Und nur wenige Exemplare von Tiedges Werk nahm man mit ins Bro.

Am nchsten Morgen drngte die Staatsmacht in Gestalt von etwa 20 Beamten in die Verlagsrume. Der Huptling hielt dem Verleger einen Durchsuchungs- und einen Beschlagnahmebeschlu des Amtsgerichts Tiergarten unter die Nase. Im Hinblick auf die Vielzahl und den Umfang der zu beanstandenden Textpassagen kann nur die vollstndige Beschlagnahme des Druckwerks der von ihm ausgehenden Gefhrdung wichtiger ffentlicher Interessen entgegenwirken, hie es dort.

Begrndet wurde die Konfiszierung mit dem Verdacht der Verletzung von Dienstgeheimnissen und einer besonderen Geheimhaltungspflicht. Und da der Autor fr den erhobenen Vorwurf, Dienstgeheimnisse unbefugt offenbart zu haben, nicht in Haftung genommen werden konnte, der sa schlielich im fernen Ruland, hielt man sich an den Verlag, denn der hatte Beihilfe zu der vom Beschuldigten Tiedge begangenen Tat geleistet.

Die Anzeige kam, natrlich, aus Kln. Sie war des Amtes wrdig: gleichermaen generalstabsmig wie dilettantisch vorbereitet. (...)

Bereits zwei Monate spter, lange vor Erscheinen des Buches, traf beim Verlag als sogenanntem Drittschuldner eine Pfndungs- und Einziehungsverfgung des Hauptzollamts Kln-West im Auftrag des Bundesamtes fr Verfassungsschutz ber 6444,51 DM ein. Sie sollten aus flligen und knftigen Vorschssen und Honorarforderungen, die der Verlag an seinen Autor Tiedge zahlte, flieen.

Am nchsten Tag kreuzte die Staatsmacht in Bielefeld auf und stellte die dort auffindbaren Exemplare unter Kuratel. Aus den Verlagsrumen und der Privatwohnung des Verlegers trug der lange Arm des Verfassungsschutzes Manuskripte, Umbrche, Korrekturfahnen, Geschftsakten, Datentrger und Computer. Was man dort zu finden hoffte, blieb ein Geheimnis - sofern man ignorierte, da hier ein Geheimdienst aktiv war.

In Bielefeld hoffte man nun, die 5000 Exemplare beschlagnahmen zu knnen, was aus dem den Lesern bekannten Grunde schlechterdings unmglich war. Nun wollte die Staatsmacht ersatzweise die Adressen der Zwischenhndler und Buchlden, denen Tiedges Memoiren bereits zugestellt worden waren. Die rckte die Auslieferung nach Rcksprache mit dem Verlag heraus, um nicht die Blockade aller anderen Sendungen zu riskieren. Und nun geschah, was wohl einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik war und die Besetzung der Spiegel-Redaktion im Jahre 1962 als lachhaft erscheinen lt: Bundesweit wurden etwa 700 Buchhandlungen aufgesucht, um dort Tiedges Aufzeichnungen zu beschlagnahmen. Dazu wurden jeweils zwei Polizeibeamte in Bewegung gesetzt.

Mancherorts waren die Bcher bereits verkauft - dort verlangte man allen Ernstes die Privatadressen der Kufer. Bei denen, die noch Exemplare besaen, gab es unterschiedliche Reaktionen: Die einen lieen sie unterm Ladentisch verschwinden, andere rckten sie heraus, mit der Polizei wollte man sich nicht anlegen.

Beschlagnahmt

Der materielle Schaden war quantifizierbar, der ideelle nicht. Denn neben den Solidarittsbekundungen aus dem Buchhandel gab es auch eine merkliche Verunsicherung, die - auch hier sei vorgegriffen - bis heute punktuell andauert.

Von dieser Staatsaktion nahm die Presse selbst im letzten Winkel des Landes Notiz, was von einigen Journalisten als werbewirksame Kampagne interpretiert wurde. Die Mrkische Allgemeine etwa schlo ihren Beitrag am 7. Oktober 1998 mit dem Satz: Die beste Werbung, die sich ein Verlag nur wnschen knne. Da hatte zwischenzeitlich der Verlag auf einer Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse die Auslieferung der - in der Schweiz zwischengelagerten - Bcher angekndigt und eine zweite als schikans aufzufassende Durchsuchung der Verlagsrume, wie die Nachrichtenagentur ADN verbreitete, scharf kritisiert.

Unmittelbarer Anla fr diesen Schritt war die Tatsache, da im Internet inzwischen Tiedge zu lesen war. Wegen der Verffentlichung der ursprnglichen, unkorrigierten und mglicherweise nicht ganz vollstndigen Manuskriptfassung im Internet habe der Verlag Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt, meldete dpa am 5. Oktober. Der schlitzohrige Verleger Oehme hatte jedoch alle Kufer des Buches sffisant darauf hingewiesen, da sie sich unter Umstnden strafbar machten, wenn denn Staatsanwaltschaft und der Verfassungsschutz recht behielten - womit nicht gesagt war, da deren Anschuldigungen auch rechtens seien. Ein Angebot der Staatsanwaltschaft, die Sache beizulegen und ein Verfahren zu vermeiden, indem die Auflage eingestampft werde, hatte Oehme jedoch abgewiesen, Das kommt nicht in Frage, hatte er gegenber dem Berliner Kurier am 9. Oktober erklrt.

Am gleichen Tage - so aberwitzig luft mitunter die Geschichte - verlie (der DDR-Kundschafter, d.Red.) Klaus Kuron nach acht Jahren Haft die Justizvollzugsanstalt Remscheid in NRW. Auf der Messe in Frankfurt am Main kam es, wie vermutet, zu dem angekndigten Eklat. (...) Am Verlagsstand lieen sich im Zweistundentakt zwei Polizeibeamte sehen. Fr die Dauer der Kontrolle hatten die Mitarbeiter an jenen Platz, wo sonst Tiedges Buch stand, die Verlagsvorschau mit berdruck plaziert: Beschlagnahmt. Unterm Tresen lagen zwei Exemplare, die Bcherkiste am Stand eines befreundeten Verlages. Sobald die diensttuenden Herren jedoch abgerckt waren, stand das Buch wieder an seinem Platz. (...)

So bereitete sich also der Berliner Verleger auf den angekndigten Proze vor und whlte den Rechtsanwalt Wolfgang Ziegler, der auch schon Erich Honecker verteidigt und in Freiheit gebracht hatte. Denn es standen fnf Jahre Haft im Raum fr das monierte Delikt, was man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Unterdessen ging die Beschlagnahme der ausgelieferten Exemplare weiter. (...)

Im Mrz 1999 erhob die Staatsanwaltschaft Berlin Anklage. Verleger Oehme gab sich, gestrkt durch etwa 10000 verkaufte Bcher, optimistisch. Die Ostsee-Zeitung zitierte ihn am 18. Mrz mit der Bemerkung, es sei noch unklar, ob die Anklage zugelassen werde und es zum Proze komme.

Es kam zur Anklage. Am Montag, dem 10. Januar 2000, gleich nach der Jahrtausendwende, fand der erste von drei geplanten Prozetagen statt. Die beschuldigten Geschftsfhrer des Verlages suchten den Verhandlungssaal im Moabiter Gerichtsgebude und wunderten sich ob des Gedrnges im Flur. Fotografen, Kamerateams und andere Personen lungerten herum, die, so meinte Jacqueline Khne, vermutlich auf irgendwelche Prominenten warteten, denn anders lt sich ihr naiver Ausruf angesichts des Aushangs nicht erklren: Das sind ja wir, hier stehen unsere Namen.

Diese ffentliche Mitteilung fuhr wie ein Blitz in die Meute. Das sind sie! rief einer, und schon drngten sich die Journalisten urn die Angeklagten.

Das Neue Deutschland hatte in der Ausgabe vom Tage bereits von einem Maulkorbproze geschrieben und die Formulierungen abgedruckt, an denen die Berliner Staatsanwaltschaft vulgo der Verfassungsschutz Ansto nahm: Selten habe ich strahlendere Augen gesehen als bei meinem Mitarbeiter Karl-Heinz Reuter, meinem besten Sachbarbeiter in all den Jahren. Rolf Warene, ein knochentrockener Norddeutscher aus Itzehoe, war nicht einmal Lebenszeitbeamter und hatte in der Spionageabwehr berhaupt keine Erfahrung, als er Nachfolger des qualifizierten Rheinlnders Fetten wurde. In der Auenstelle Merlorstrae im Schatten der Agneskirche, in der Albrecht Rausch mit seiner Referatsgruppe IV B damals untergebracht war, lie Hans Watschounek Tausende von illegal beschafften Telegrammen in die DDR und andere sozialistische Staaten ablichten. Eine Rechtsgrundlage fr einen solchen Rundumschlag gegen die Grundrechte der Bundesbrger gab es nicht. Und hier sahnte, gedeckt von seinem Vorgesetzten, der Oberregierungsrat Hans Watschounek das gesamte Telegrammaufkommen ab.

Wahrlich ein Staatsgeheimnis, denn gespitzelt wurde laut offizieller Darstellung bekanntlich nur in der DDR, nicht im Rechtsstaat BRD. Der erste Prozetag sah fr die Beklagten nicht sehr gut aus. (...)

Die Tageszeitung junge Welt berichtete am 11. Januar unter der witzigen wie sinngebenden berschrift Popeln gegen Kommunismus folgendes: >Wer andern in der Nase bohrt, ist selbst ein Schwein, lautet ein bekanntes Sprichwort. Nach der Erffnung des Prozesses wegen Beihilfe zum Geheimnisverrat gegen den Chef des Verlages Das Neue Berlin, Matthias Oehme, und seine Kollegin Jacqueline Khne am Montag vor dem Berliner Landgericht besteht die Gefahr, da derart notorische Popelbrder knftig als Abteilungsleiter des Bundesamtes fr Verfassungsschutz identifiziert werden. Denn einer der von der Staatsanwaltschaft monierten Stze im Buch des berlufers Hansjoachim Tiedge befat sich mit den leidenschaftlichen Nasenbohrungen eines hohen VS- Vorgesetzten, die er >bei keinem anderen Menschen mit dem intellektuellen und kulturellen Niveau< gesehen haben will. Aber auch durch andere Passagen, die sich mit den Feierabendgewohnheiten der Kommunistenjger beschftigen, fhlte sich die Klner Schnffeltruppe offenbar als Clique von Trunkenbolden mit Hang zu Striptease-Shows geoutet. Offiziell beklagt die Staatsanwaltschaft jedoch eher Schilderungen wie: >Selten habe ich strahlendere Augen gesehen als bei meinem Mitarbeiter Karl-Heinz Reuter, meinem besten Mitarbeiter in all den Jahren<, und: >Selten habe ich einen Menschen gesehen, bei dem das uere Erscheinungsbild und die charakterliche Veranlagung weiter auseinander lagen, als bei diesem jungen Mann, Jahrgang 1952, aus Oberhausen.< An einer anderen Stelle lieferte Tiedge gleich noch die Anschrift mit: >Wolfhard Rosenthal war den Verlockungen erlegen, die die Abteilung VII, die Abteilung Terrorismusbekmpfung, auf ihn ausbte. [...] Er wohnte in Merheim im Kratzweg. Dort wartete nicht nur seine hbsche Frau auf ihn, auch Rot-Schwarz Neubrck wollte beim Punktspiel am Wochenende nicht auf die Dienste des talentierten Spielers verzichten.< Doch die >Brisanz< der sogenannten Enthllungen des 1985 in die DDR bergelaufenen Tiedge ist mittlerweile mehr als fraglich, zumal er bereits beim Ministerium fr Staatssicherheit umfangreich ausgepackt hat und sogar eine mit summa cum laude ausgezeichnete Doktorarbeit ber den westdeutschen Inlandsgeheimdienst verfate. Gleich zu Prozebeginn am Montag verlangte Rechtsanwalt Ziegler von der Kammer, da sie prfen mge, ob demnach berhaupt eine Beihilfe zum Geheimnisverrat seitens der Verleger Oehme und Khne vorliegen knne. Dadurch, da Tiedge nicht nur beim MfS ausgepackt und eine Doktorarbeit verfat habe, sondern das Buch auch ber Internet zu lesen sei, knne doch eigentlich nur versuchte Beihilfe zum Geheimnisverrat vorliegen. Das wiederum sei kein Straftatbestand, sagte der Anwalt. Die Richterin mochte sich diesem Argument nicht verschlieen, schlug aber vor, zunchst die Beweisaufnahme abzuwarten.

Verlagsleiter Matthias Oehme selbst sagte aus, da es ihm bei der Verffentlichung des Buches um die literarischen Aspekte gegangen sei. Insbesondere >die Selbstzerstrung und Demontage eines Mannes, die man einem Romanschreiber nicht so ohne weiteres abgekauft htte<, sowie die Korruption, die mit der Arbeit in so einer Behrde einhergehe, habe ihn an dem Buch fasziniert. Auf die Frage der Richterin, ob er die Nennung von Namen als besonders spannend gesehen habe, entgegnete Oehme: >Nee, eher problematisch.< Immerhin habe keine der im Buch erwhnten Personen eine einstweilige Verfgung wegen der Verletzung von Persnlichkeitsrechten gestellt.

Bis zur Fortsetzung des Termins am 20. Januar gab die Richterin den Schffen auf, das Buch >Der berlufer< zu lesen und sich damit auseinanderzusetzen.

Imageschaden

Am zweiten Prozetag war kaum Presse zugegen, die Journalisten hatten sich offenkundig auf den Auftakt und das Ende konzentriert, am dritten Tag sollte schlielich das Urteil gesprochen werden. Etwas anderes interessierte nicht mehr an diesem Verfahren. Einen dritten Verhandlungstag sollte es aber nicht mehr geben.

Sptestens nach Auftritt der BfV-Zeugen war gestern klar, schrieb anderentags die taz, worum es in dem Verfahren eigentlich ging: nicht um Geheimnisverrat, sondern um Imageschaden. Der Kooperationswille von Informanten und befreundeten Diensten sei seit Jahren rcklufig, so Verfassungsschtzer Rainer Walter. Klar habe Tiedges Buch Ruf und Arbeit des Amtes geschadet. Nachweisen knne man das aber nicht. (...) In der Lausitzer Rundschau brachten es die berraschten Angeklagten sogar in die Schlagzeile: Freisprche fr Oehme und Khne. Die Bilanz? Alles in allem kostete die Geschichte den Verlag rund 40000 DM, darin eingeschlossen die Anwaltskosten.

Robert Allertz: Der berlufer - Letztes Kapitel. Spotless Verlag, Berlin 2011, 128 Seiten, 9,95 Euro