Neues Deutschland vom 2. November 2010, Seite 12 (Berlin-Kultur)

Wachregiment mit Geburtsfehler

Lothar Tyb'ls Buch Auf Posten beschftigt sich mit der Berliner Stasi-Einheit Feliks Dzierzynski

Von Andreas Fritsche

Die Geschichte des Wachregiments Feliks Dzierzynski nur von seinem Ende her zu beurteilen, wre unsinnig, weil sie dann als vorherbestimmt erscheinen wrde, schreibt Lothar Tyb'l, der dieser Truppe einst angehrte.

Das Regiment unterstand ab 1951 dem Ministerium fr Staatssicherheit. Bis Ende Mrz 1990 wurde es abgewickelt. In den letzten Jahren versahen jeweils 11 000 Soldaten und Offiziere ihren Dienst vornehmlich in Berlin und Umland. Sie bewachten etwa die Waldsiedlung Wandlitz und das Ministerium fr Staatssicherheit in der Berliner Normannenstrae. Oder sie sicherten den ueren Ring der Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Hohenschnhausen, nicht ahnend, dass dort auch Kommunisten wie Walter Janka einsaen, wie Tyb'l betont.

In seinem Buch Auf Posten widmet sich Tyb'l einleitend den zwei Betrachtungsweisen der bewaffneten Organe der DDR. Die eine sei angereichert mit grundstzlicher Ablehnung, mit Diffamierungen, Verzerrungen und Teilwahrheiten, mit der berbetonung von Fehlern und Unsinnigkeiten sowie gensslicher Analyse realer Schwchen. Die andere verteidige die historische Legitimation des ersten sozialistischen deutschen Staates, bekmpfe dessen Verunglimpfungen und Verflschungen, lasse aber offen, warum der so vehement verteidigte sozialistische Staat untergegangen ist, seine Fhrung versagte und von vielen Brgern nicht zurckgewnscht werde.

Tyb'l selbst bemht sich in seiner Darstellung des Wachregiments um eine realistische Einschtzung. Er erklrt Fehlentwicklungen aus der historischen Situation der Systemkonfrontation, ohne sie damit zu entschuldigen. Tyb'l verweist auf die Morde an Fhrern der deutschen Arbeiterbewegung whrend der Novemberrevolution und in der Nazizeit, die zu einem bertriebenen Sicherheitsdenken fhrten. Er nennt die Geburtsfehler der Spezialeinheit, die militrisch ausgebildet und ausgerstet war, obwohl eine Polizeitruppe fr die Sicherung von Partei- und Regierungsobjekten sicherlich geeigneter gewesen wre. Doch ein drohender Krieg wurde niemals aus den Augen gelassen, wenngleich die Staatssicherheit durch ihre Aufklrung im Westen wusste, dass eine solche Gefahr nicht unmittelbar bestand.

Der weltweiten Friedensbewegung fhlten sich die Regimentsangehrigen verbunden, erzhlt Tyb'l. Im Widerspruch dazu sei die christliche Richtung Schwerter zu Pflugscharen in der DDR als pazifistische Illusion berwiegend abgelehnt worden. Ihre Rolle als mglicher Bndnispartner im Friedenskampf sei verkannt und als unvereinbar mit der Militrdoktrin der DDR gebrandmarkt worden. Hier wirkte ein vereinfachtes und dogmatisches Politik- und Religionsverstndnis mit. Warum die Wende in der DDR friedlich abgelaufen ist, kann der Autor sehr leicht erklren. Die Mglichkeit, auf das eigene Volk zu schieen, existierte in der Vorstellungswelt von Soldaten und Offizieren berhaupt nicht. Das habe fr die Nationale Volksarmee gleichermaen gegolten wie fr das Wachregiment, fr dessen Offiziere und Mannschaften es brigens nie eine geheimdienstliche Ausbildung gegeben habe. Selbst in der Ausnahmesituation des 17. Juni 1953 habe es lediglich Warnschsse in die Luft gegeben und dies wegen Provokateuren aus Westberlin, die ber die Sektorengrenze drangen.

Der Autor versucht, am Beispiel des Wachregiments das Scheitern der DDR zu erklren. Das klingt womglich irrwitzig, doch es funktioniert. Tyb'l schwankt nicht zwischen Verdammung und Glorifizierung. Er whlt den ehrlichen, geraden Mittelweg.

Das Regiment habe seine Aufgaben stets erfllt, den beschwerlichen und monotonen Wachdienst geleistet und zustzliche Auftrge erledigt, die etwa der Reprsentation dienten, auch wenn Zweifel am volkswirtschaftlichen Nutzen angebracht gewesen wren. Man sei gegen die demtigende Bewegung der Entlassungskandidaten gegen die jngeren Soldaten vorgegangen, habe sie jedoch leider nicht vllig unterbinden knnen.

Natrlich dienten im Wachregiment fast ausschlielich Menschen, die voller berzeugung treu zur DDR standen und mit der Linie der SED im Groen und Ganzen einverstanden waren. Trotzdem gab es etwa ber die immer wieder neu eintretenden Wehrdienstleistenden und ber Patenschaften mit Schulen Verbindungen zum ganz gewhnlichen Leben. Die Soldaten und Offiziere kannten deshalb sehr wohl die Probleme im Land und viele fhlten auch die Notwendigkeit von Vernderungen - natrlich immer mit dem Ziel eines besseren Sozialismus. Genauso sahen sie die Schwierigkeiten in der Sowjetunion, obwohl an der brderlichen Freundschaft kein Zweifel bestand. Sie wussten um die sehr bescheidenen Lebensverhltnisse in dem Riesenreich und um den manchmal erschtternd respektlosen Umgang der Offiziere mit den einfachen Soldaten in der sowjetischen Armee.

Am Ende verharrten jedoch auch die Wachsoldaten viel zu lange und viel zu sehr in Unttigkeit. Sie gewhnten sich an die Befehlsstruktur und orientierten sich nicht am Vorbild des preuischen Offiziers Scharnhorst, fr den militrische und zivile Reformen eine Einheit bildeten.

Lothar Tyb'l: Auf Posten. Zum Charakter und zu den Aufgaben des Wachregiments Berlin >Feliks Dzierzynski<, 113 Seiten (brosch.), 9,90 Euro.