Wolfgang Schwanitz

und Reinhard Grimmer (Hrsg.)

 

 

Unbequeme Zeitzeugen

Erinnerungen von MfS-Angehörigen

 

 

Das Buch

 

Vierzehn Männer und eine Frau erinnern sich ihrer Tätigkeit für den Schutz und  die Sicherheit eines Landes, das von 1949 bis 1990 exis­tierte. Sie schildern überzeugend die Gründe, weshalb sie sich dem MfS anschlossen und wie ihre Entwicklung verlief – bis zum Ende des Dienstes und danach, als sie für ihre entbehrungsreiche, gesellschaftlich notwendige und nützliche Arbeit ge­schmäht, geächtet, ausge­grenzt und auch juristisch verfolgt wurden. Sie waren Zeugen und Akteure oft kons­pirativer Vorgänge, die, wären sie seinerzeit publik geworden, jedem bewusst gemacht hätten, dass der DDR von außen nach dem Leben getrachtet wurde. Es fand kein fairer Wettstreit der Systeme statt: Die DDR hatte tatsächliche Feinde. Wer es noch immer bezweifelt: Diese Texte weisen es nach. Unaufgeregt und sachlich. Hier wird deutsche Geschichte dokumentiert. Für heute, vor allem aber für nachfolgende Generationen.

 

Die Herausgeber

 

Wolfgang Schwanitz, Jahrgang 1930, von 1951 bis 1989 beim MfS, im Dezember 1989 Leiter des Amtes für Nationale Sicherheit (AfNS) und Mitglied des Ministerrates der DDR.

In den 60er Jahren Jura-Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin, Promotion 1973. Von 1974 bis 1986 Leiter der Bezirksverwaltung Berlin des MfS, danach, bis November 1989, Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit. Generalleutnant a. D. Wolfgang Schwanitz lebt in Berlin.

 

Reinhard Grimmer, Jahrgang 1942, seit1960 Mitarbeiter des MfS, zunächst zehn Jahre bei der Spionageabwehr (Funk). Jura-Studium und Promotion an der Juristischen Hochschule in Potsdam. Von 1978 bis 1990 Offizier für Grundsatzdokumente in der Zentralen Auswertungs- und Kontrollgruppe (ZAIG) des MfS/AfNS.

Oberst a. D. Reinhard Grimmer lebt in Berlin.

 

 

 

Mit Beiträgen von Klaus Eichner, Uwe Fischer,

Fritz Hausmann, Dieter Lehmann , Manfred Liebscher, Harry Mittenzwei, Reiner Neubert, Klaus Panster, Helga Plache, Hans Reichelt, Johannes Schindler,

Heinz Schmidt , Adolf Thode, Gerd Vogel, Hans-Peter Wokittel und Kurt Zeiseweis

 

 

 

 

Inhalt

Anmerkung: Seitenangaben beziehen sich auf die Buchausgabe

 

Vorwort..................................................................   7

 

Hans Reichelt

Gemeinsam für die Sicherung der Volkswirtschaft

und  den Schutz der Umwelt..............................   11

 

Heinz Schmidt

Mein »Bitterfelder Weg« seit Mai 1952.............   31

 

Fritz Hausmann

Das neue Leben muss anders werden, 

als dieses Leben, als diese Zeit...........................   88

 

Gerd Vogel

Über Molekularsiebe und einen Turbinenpapst   119

 

Klaus Panster

Spionageabwehr im Wissenschaftsbereich.......   167

 

Hans-Peter Wokittel

Heiße Tage im August ’61.................................   185

 

Uwe Fischer

Im Dienst für die Energiesicherung der Republik   196

 

Dieter Lehmann

Stationen meines Dienstes...................................  204

 

Klaus Eichner

Aus der KD Altenburg zur Bearbeitung

der Spionagezentren der US-Geheimdienste....   241

 

 

Harry Mittenzwei

Meine amerikanische Zeit.................................  268

 

Johannes Schindler

Wie der Schutz und die Sicherheit der DDR

zu meinem Beruf wurden..................................   336

 

Reiner Neubert 

Episoden aus meinem Leben und meiner Tätigkeit   350

 

Kurt Zeiseweis

Operativer Mitarbeiter

in der Hauptstadt der DDR...............................  364

 

Helga Plache

Vom Soldaten zum Oberstleutnant.

Eine Frau im MfS............................................  391

 

Manfred Liebscher

Die Untersuchungsabteilung des MfS

war kein Geheimnis......................................   423

 

Adolf Thode

Wie die BRD-Justiz

mich zum Täter machen wollte......................  466

 

Nachwort.....................................................  478 

 

Literatur........................................................  481

 

 

Vorwort

 

 

15 ehemalige Mitarbeiter des MfS erinnern sich an ihre Arbeit, an ihre Motivation, an Erfolge und Niederlagen. Diese Erinnerungen sind von besonderem Wert, können die Autoren doch auf langjährige persönliche Erfahrungen und Kenntnisse zurückgreifen.

Das MfS war ein Organ des Ministerrates der DDR. Der einstige Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates, Dr. Hans Reichelt (DBD), würdigt in seinem Beitrag am Anfang dieses Buches das konstruktive Zusammenwirken mit dem MfS. Hans Reichelt war Minister für Umweltschutz und Wasserwirtschaft und gehörte, mit kurzzeitigen Unterbrechungen, 32 Jahre der Regierung der DDR an. Damit ist er wohl weltweit der Minister mit der längsten Dienstzeit und -erfahrung. Nebenbei: Er war als 28-Jähriger in der DDR-Regierungsdelegation, die im August 1953 in Moskau erfolg­reich über die Entlassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen verhandelte. Dass diese freikamen, wird völlig zu unrecht Bundeskanzler Adenauer zugeschrieben. Auch das ein Beispiel dafür, wie im kapitalistischen Deutschland die historische Wahrheit gebeugt wird und Legenden geschaffen werden.

Wir danken explizit auch den Hinterbliebenen von Weggefährten, die uns die Zustimmung zur Veröffentlichung von Aufzeichnungen aus Nachlässen erteilten.

Die nachfolgenden Texte gewähren einen interessanten Einblick in die Tätigkeit des MfS. Das geschieht auf höchst unterschiedliche, aber stets individuelle Weise. Klaus Eichner beispielsweise schildert anschaulich, was das MfS bereits über die Spionagetätigkeit der NSA gegen ihre eigenen Verbündeten wusste. Das ist insofern erheblich, als er damit bestätigt, was heute sogenannte Whistleblower enthüllen: dass nämlich die USA zur Durchsetzung imperialer Herrschaftsansprüche die ganze Welt flächendeckend ausspähen. Wir hatten also allen Grund, uns zu schützen. Die gegenwärtigen Enthüllungen begründen im Nachgang die Aufklärungs- und Abwehrtätigkeit der DDR und ihrer Verbündeten. Eichner macht zudem deutlich, dass jene die USA bzw. die NSA belastenden Unterlagen, welche das MfS zusammengetragen hatte, unmittelbar nach dem Ende der DDR im Auftrag des Bundesinnenministers aus dem Berliner Archiv entfernt und in die USA ausgeflogen wurden. Die NSA ließ also mit Hilfe der Bundesregierung ihre Spuren verwischen. Die Kumpanei der Herrschenden diesseits und jenseits des Ozeans besteht unverändert fort.

Auch bei anderen Autoren spielt die Abwehr von Angriffen gegnerischer Geheimdienste eine beachtliche Rolle. Deutlich wird der Umfang der Spionage gegen die DDR und die auf ihrem Territorium stationierten sowjetischen Streitkräfte. Die Autoren dokumentieren auf überzeugende Weise, dass im Zentrum der operativen Arbeit die Bekämpfung von Agenten, Terroristen und kriminellen Menschenhändlern stand und eben nicht, wie seit 1990 demagogisch behauptet, die Überwachung und Unterdrückung der eigenen Bevölkerung.

Oberstleutnant a. D. Helga Plache berichtet über den fürsorglichen Umgang mit Kindern von Festgenommenen und wie der Staat DDR jene Verantwortung übernahm, der sich diese Eltern durch Flucht entzogen hatten.

In fast allen Beiträgen nimmt die Darstellung vorbeugender, also Schaden verhütender Tätigkeit breiten Raum ein. Allerdings beschönigen die Autoren nicht die verhängnisvolle Politik der Partei- und Staatsführung in den 80er Jahren. Sie setzen sich kritisch mit dem dem MfS erteilten Auftrag auseinander, etwa die wachsende Zahl von Ausreiseanträgen mit administrativen Maßnahmen inklusive strafrechtlicher Verfolgung zurückzudrängen. Das Verhältnis der Bevölkerung zur Volkspolizei, zur Justiz, vor allem aber zum MfS wurde dadurch beträchtlich gestört. Zu dieser Wahrheit gehört aber auch, dass die meisten Menschen, die ausreisten, dies vorrangig aus wirtschaftlichen und nicht aus politischen Erwägungen taten. Es war und ist darum falsch, sie als politische Opfer zu betrachten. In diesem Kontext erinnert etwa Dr. Hans Reichelt an Erich Mielkes Intervention im Ministerrat, dass die Ursachen erforscht und politisch ausgeräumt werden müssten, weshalb Menschen die DDR verlassen wollten. Aber nicht mit administrativen, restriktiven Maßnahmen. Er selbst nannte als Gründe herzloses, bürokratisches Verhalten, Ungerechtigkeit, Ignoranz von ernsthaften persönlichen Problemen etwa im Beruf, bei der Versorgung oder in Wohnungsfragen.

Alle Autoren schildern als kompetente Zeitzeugen offen und kritisch ihren oft schwierigen Alltag im Dienst. Damit leisten sie einen bemerkenswerten Beitrag in der Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist, in dessen Mittelpunkt nach wie vor Verleumdung und Beleidigung des MfS, seiner einstigen Angehörigen und Inoffiziellen Mitarbeiter stehen. Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der DDR und seines Schutz- und Sicherheitsorgans ist es unverändert politischer Wille der herrschenden Klasse, diese Personengruppe weiterhin zu diskreditieren und sie für alles Schlechte verantwortlich zu machen, was sich zwischen 1945 und 1990 im Osten Deutschlands zutrug. Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass der Anteil der MfS-Mitarbeiter am friedlichen Verlauf der Ereignisse in der DDR 1989/90 völlig verschwiegen wird.

Die Autoren wollen mit ihrer Wortmeldung zu mehr Objektivität bei der Bewertung und Beurteilung historischer Prozesse beitragen. Dabei steht jeder einzelne Autor mit seinem Namen nur für seinen Text. 

 

Die Herausgeber

Berlin, im Juni 2014

 

 

 

Gemeinsam für die Sicherung der Volkswirtschaft und

den Schutz der Umwelt

 

Von Dr. Hans Reichelt

 

Jahrgang 1925; Minister für Land- und Forstwirtschaft von 1953 bis 1963, Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates und Minister für Umweltschutz und Wasserwirtschaft von 1972 bis 1989; Stellvertretender Vorsitzender der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD) bis 1989

 

Seit 1990 sucht die Bundesregierung mit einer Vielzahl von Instituten mit einer großen Anzahl Historiker und Journalisten, einer riesigen Behörde zur »Aufarbeitung« der Geschichte des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), einem ungebremsten, täglichen Einsatz der bürgerlichen Medien, immer mehr aus dem Boden schießenden »Gedenkstätten«, sogar dem Einsatz beamteter Hassprediger, tatkräftig unterstützt von der Justiz und dem Einsatz von gewaltigen Finanzmitteln, die DDR und ihre Menschen mit ihren geschichtlichen Leistungen und Erfahrungen zu verteufeln, zu kriminalisieren und zu diskriminieren.

In der Bundesrepublik Deutschland ist die Delegitimierung der DDR und ihrer sozialistischen Entwicklung Staatsdoktrin. Und sie soll es wohl noch weiter bleiben. Hierbei hat das MfS eine herausragende Rolle. Es soll das wichtigste Beweisstück für das »Unrechtsregime« DDR abgeben. Und das mit allen möglichen angedichteten und sogar von der BRD-Justiz widerlegten Untaten. Das MfS wird als »Staat im Staate« verunglimpft. Nicht wenige fallen darauf hinein. Von vielen wird das aber als Mittel erkannt, die Mitarbeiter des MfS ins Abseits zu stellen, sie aus der Solidargemeinschaft herauszubrechen. So lassen sie sich am Besten diskriminieren und ihre Menschen- und Grundgesetz-Rechte politisch und sozial massiv und auf Dauer einschränken.

Alle bis in die Einzelheiten gehenden kritischen und selbstkritischen Veröffentlichungen von Mitarbeitern zur Geschichte des MfS, auch von DDR-Politikern, Juristen, Journalisten und selbst von sachkundigen Fachleuten der Altbundesrepublik werden als undiskutabel bezeichnet, nicht zur Kenntnis genommen oder totgeschwiegen. Jede öffentliche Diskussion auf gleicher Augenhöhe mit den ehemaligen Angehörigen des MfS wird – wenn sie nicht den Kniefall begehen – abgelehnt, sogar Buchlesungen unterbunden, die Organisatoren diskriminiert.

Historisch wahr ist: Das MfS war das am weitesten mit allen Staatsorganen, Parteien, Massenorganisationen, Betrieben, Instituten und Kultureinrichtungen verbundene staatliche Organ in der DDR-Gesellschaft. Nach heutigem Sprachgebrauch war es auf das Engste mit allen gesellschaftlichen Bereichen vernetzt. Das war lebensnotwendig. Einerseits stand nach 1945 in der sowjetischen Besatzungszone der Aufbau einer antifaschistischen, demokratischen, antiimperialistischen, antimilitaristischen und friedenssichernden, später sozialistischen Gesellschaftsordnung auf der Tagesordnung. Andererseits erfolgte in den westlichen Besatzungszonen, mit aktiver Unterstützung der Besatzungsmächte, die Wiederherstellung eines imperialistischen Staates. Diametral erfolgte hier die Fortsetzung der Herrschaft der gleichen Kräfte des Monopol- und Finanzkapitals, des Großgrundbesitzes und des militärisch-industriellen Komplexes, die in Deutschland den Faschismus an die Macht gebracht hatten. Wehrwirtschaftsführer, Generale, Geheimdienstführer, hohe Beamte der Justiz und des faschistischen Regimes waren sehr bald die Geburtshelfer. Eines ihrer Hauptziele war es, mit allen Mitteln den Aufbau, einer neuen, antifaschistisch-demokratischen Ordnung und später einer sozialistischen Gesellschaft in dem anderen Deutschland zu verhindern.

Dabei war man nicht wählerisch in den Mitteln und sparte weder an Finanzen, Personal und Material. Dazu über sechzehn Jahre offene Staatsgrenzen und über achtzig feindliche Geheimdienste in Westberlin mit dem Einsatzort DDR. Nicht wenige von ihnen bedienten sich skrupellos Terror- und Sabotagegruppen.

Daraus war als Schlussfolgerung nur zu ziehen, die Sicherung des Neuaufbaus einer humanitären und sozial gerechten Gesellschaft, der Schutz deren Menschen, Güter und Werke benötigt ausgebildete, ausgerüstete und motivierte Sicherheitskräfte. Unerlässlich war dabei deren Verankerung im Volk, das demokratische Zusammenwirken mit allen Staats- und wirtschaftsleitenden Organen, mit  allen demokratischen Kräften in Stadt und Land einschließlich der SED. Hierbei geleistete Arbeiten und Ergebnisse des MfS, die zu seinen Hauptaufgaben gehörten, werden bei der »Aufarbeitung« der MfS-Geschichte totgeschwiegen. Sie eignen sich nicht zur Verteufelung und Kriminalisierung der DDR und des MfS.

Ihre Helden von heute sind die Gegner der DDR von gestern. Darunter besonders solche, die die größten Gefahren und Schäden für Menschen und Volkswirtschaft herbeigeführt und wegen ihrer Verbrechen in der DDR bestraft wurden.

Auf Grund meiner jahrzehntelangen Regierungsarbeit will ich deshalb über das Totgeschwiegene, über meine Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit dem MfS in der Regierung der DDR, speziell bei der Sicherung der Volkswirtschaft und dem Schutz der Umwelt berichten.

 

 

Aus der Arbeit der Regierung

 

Die Mitglieder des Ministerrates, der Regierung der DDR, arbeiteten bei der Vorbereitung von Regierungsentscheidungen und deren Umsetzung kollektiv zusammen. Das betraf natürlich auch das MfS. Es war ein Organ der Regierung der DDR. Als dessen Vertreter nahm an deren Beratungen über lange Zeit der Erste Stellvertreter des Ministers, Generaloberst Mittig teil. Bei Themen, die die Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit direkt betrafen und zu den selbst eingebrachten Entscheidungsvorschlägen, nahm der Minister teil.

In der zweiten Hälfte der 80er Jahre war das u. a. ein Bericht zu Übersiedlungsersuchen von Bürgern der DDR in die BRD. In Erinnerung geblieben ist mir als Kernpunkt der Ausführungen des Ministers für Staatssicherheit die Betonung der persönlichen Arbeit mit Bürgern, die Anträge gestellt hatten. Es war sein Hauptanliegen, Klarheit zu schaffen, dass nur durch eine ständige politische Arbeit mit den Menschen Ursachen, wie z. B. herzloses, bürokratisches Verhalten, Ungerechtigkeiten, nicht Eingehen auf persönliche Anliegen in der Bildung, dem Beruf, bei Wohnungs- und häufig Versorgungsproblemen, die oft zu Übersiedlungsanträgen führten, zu erkennen und möglichst zu beseitigen sind.

Nachdrücklich hob er hervor, dass durch administrative Verbote, anstelle persönlicher Überzeugungsarbeit in Verwaltungen, Betrieben, LPG und besonders in politischen und sozialen Organisationen, Bürger von ihren Ausreiseabsichten nicht abzubringen, Anträge nicht aus der Welt zu schaffen und neue nicht zu verhindern sein werden.

Das war für mich – vom Geheimdienstchef ausgesprochen – zwar zunächst ungewöhnlich, aber doch höchst aktuell. Dass der Minister sich leidenschaftlich für eine bessere politische Arbeit, für die Beseitigung bürokratischen Arbeitsstils und engere Beziehungen­ zu den Bürgern, besonders Jugendlichen, einsetzte, hielt ich für richtig und zwingend notwendig.

Das ging über die ausreisewilligen Bürger weit hinaus. Es betraf die Überwindung der sich in den achtziger Jahren ausbreitenden Stagnation des gesellschaftlichen Lebens, wie z. B. durch Einschränkung der Arbeit der Volkskammer und ihrer Ausschüsse, die Reduzierung der Regierungsarbeit als „Hauptinstrument für die Planerfüllung«, die fehlenden Antworten auf drängende Fragen der Bürger und die Rechenschaftslegung der führenden Politiker und Abgeordneten in Betrieben, LPG, Instituten, Dörfern und Städten. Dazu gehörte besonders die Lösung längst fälliger ökonomischer Probleme, die oft tief in das persönliche Leben eingriffen.

Spürbar wurde eine sich vertiefende Trennung der Führung der SED von Staatsorganen, von den Menschen und eine fortschreitende Unzufriedenheit in der Gesellschaft. Der Geheimdienstchef wusste sicher um die Stimmungsverschlechterung am besten. Die politische Führung konnte oder wollte sie nicht wahrnehmen. Auch Erich Mielke, selbst ihr Mitglied, konnte sie nicht ändern. Kritiker wurden übertriebenen Skeptizismus geziehen, berechtigte Kritiken schroff zurückgewiesen und auch Minister, die hartnäckig auf unüberbrückbare Defizite im Plan verwiesen und auf Lösungen drängten, gemaßregelt. Misstrauen und Unsicherheit machten sich breit. Es blieb bei den nichts bewegenden und nichts ändernden Losungen von »Kontinuität« und »Erneuerung«.

Nicht wenige Mitglieder der politischen und staatlichen Führung, hofften auf spürbare politische, ökonomische und personelle Veränderungen. Das besonders durch den 1989 bereits in Vorbereitung befindlichen Parteitag der SED. Zu keinem der vorangegangenen habe ich eine so große Anzahl von Vorschlägen, Anträgen, sogar Forderungen erlebt. Oft stellten diese eine Kritik an bestehenden Zuständen dar. Vieles, was bisher in der Diskussion tabu war, wurde in Frage gestellt.1 Nach dem Bericht des Ministers für Staatssicherheit wurden alle Regierungsmitglieder verpflichtet, mit den Leitern ihres Bereiches bis in die Betriebe, LPG, Institute und weitere Einrichtungen für eine Veränderung der Arbeit mit den Menschen, die persönliche Aussprache mit ihnen und die Lösung ihrer Probleme zu wirken. Das ist wohl geschehen. Dadurch allein war aber keine grundlegende Wende zu erreichen.

Ein weiteres Feld der Regierungsarbeit war es, bei der Vorbereitung von Regierungsentscheidungen die Zustimmung aller bzw. beteiligter Regierungsmitglieder einzuholen. Dabei gab es zumeist eine erfolgreiche kollektive Ar­beit. Manches Mal auch nicht. Dafür ein Beispiel. Nachdem von Günter Mittag – verantwortliches Mitglied des SED-Politbüros auch für die Umweltpolitik – 1982 ein Veröffentlichungsverbot für Umweltdaten durchgesetzt worden war, musste an dessen Beseitigung gearbeitet werden.

Es widersprach den Forderungen der gesetzgebenden Organe nach einer großen Öffentlichkeit für die Umwelt­politik. Sehr bald wuchsen auch die Kritiken und Proteste von Umweltschützern und anderen Bürgern. Schließlich konnte ein von allen Beteiligten getragener Entwurf für die Aufhebung des Verbots vorgelegt werden. Als erster hatte der Minister für Staatssicherheit zugestimmt. Offenbar auch auf Grund seiner Kenntnis von der wachsenden Missstimmung unter Umweltschützern und von breiten Bevölkerungskreisen. Dagegen aber wandte sich Günter Mittag. Erst nachdem er aus der Führung der SED ausgeschlossen worden war, konnte der Ministerrat – noch unter Willi Stoph – in einer seiner letzten Sitzungen am 2. November 1989 die neue Regelung zur Veröffentlichung der Umweltdaten und eines zu veröffentlichenden, jährlichen Umweltberichtes der Regierung sowie eine Ordnung zum Schutz vor Smog beschließen. Der Geheimdienstchef war dabei eine treibende Kraft gewesen.2

Vielgestaltig waren die Beziehungen bei der internationalen Arbeit. Im Mittelpunkt standen die Zusammenarbeit mit der UdSSR und die Arbeit des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW). Sehr bald entwickelte sie sich auch im Rahmen von UN-Organisationen, wie der UNEP, UNESCO und der ECE. Parallel dazu folgten zweiseitige Beziehungen zu kapitalistischen und Entwicklungsländern, wie z. B. den nordischen Staaten Europas, aber auch Österreich, Niederlande, Großbritannien, Italien, Algerien u. a. Es gab dafür verschiedene vertragliche Regelungen: Konventionen, Protokolle, Regierungs- oder Ministervereinbarungen. Ihre Ausarbeitung, die Teilnahme an Konferenzen und Tagungen und auch der personelle Einsatz erforderten zur Sicherung der DDR- Interessen und zum Schutz der beteiligten Personen Informationen, Prüfungen und Abstimmungen mit dem MfS.

Ein wichtiges Kapitel waren die Beziehungen zum zweiten deutschen Staat, der Bundesrepublik Deutschland. Hier gab es vielfältige Formen und Regelungen der Beziehungen. Gemeinsam interessierende Gebiete waren grenzüberschreitender Hochwasser­ und Gewässerschutz, Grenzgewässerbehandlung, Trinkwasserschutz, Luftbelastungen, die Grenzen überschritten, und Müllablagerungen.

Gegenüber Westberlin waren dies die Behandlung der städtischen Abwässer, ihre Überleitung und Unterbringung in der DDR sowie der Schutz der durch Westberlin flie­ßenden Gewässer. Darüber wurde über Jahrzehnte hinweg, auch in zumeist vom Westen heraufbeschworenen Konfliktsituationen, beraten, wurden Entscheidungen vorbereitet und getroffen.

In den letzten Jahren gab es auch Erfahrungsaustausche und Seminare zur Reinhaltung der Luft, zum Forstschutz und Waldsterben sowie zum Umweltschutz und zur städtischen Infrastruktur. Als besonders erfolgreich sollten sich mehrere gemeinsame Versuchsobjekte zu Schwerpunkten der Umweltbelastung in der DDR mit Einsatz moderner Umweltschutztechnik und finanzieller Beteiligung der BRD erweisen.

In der gemeinsamen Grenzkommission DDR/BRD wurde die Markierung der Staatsgrenze zwischen DDR und BRD vor Ort vorgenommen. Damit verbunden war auch die Behandlung der grenzüberschreitenden Gewässer. Es flossen über 260 von Ost nach West und kaum ein Fluss in entgegengesetzter Richtung. Hier wurde über geeignete Grenzschutzmaßnahmen an den Gewässern, über deren Unterhaltung, gegebenenfalls den Ausbau, und auch den Gewässerschutz mit den Sicherheitsorganen und den Grenztruppen vor Ort entschieden. Wiederholt wurde im Jahresverlauf der Umfang und Ablauf der notwendigen Arbeiten, der Einsatz von Technik und auch der personelle Einsatz unmittelbar an der Staatsgrenze festgelegt.

Als ein empfindliches Problem erwies sich der Schutz der zahlreichen Gewässer vor Verunreinigungen. Zu deren Verminderung wurden nicht wenige Maßnahmen von der DDR durchgeführt und finanziert. Bemerkenswert war der Bau der Kläranlage in der Stadt Sonneberg, zur Abwasserreinigung des städtischen Abwassers und zur Verbesserung der Gewässerqualität des Grenzflusses Röden. Den Nutzen hatten die Bürger Sonnebergs und die der Städte und Dörfer an der Röden in der BRD. Ihr Bau wurde gemeinsam von der DDR, der BRD und von Bayern finanziert.3 Es wur­de ein Netz von Informationsstützpunkten an der Staatsgrenze zur kurzfristigen Übermittlung von Informationen über Schadstoffhavarien und auch über die Hochwasserführung der Grenzgewässer eingerichtet. Dieses hatte sich bald bewährt und zur Verhinderung mancher Schäden in der Bundesrepublik geführt.

Vereinbarungen wurden auch zu Hochwasserschutzmaßnahmen auf dem Territorium der DDR zum Schutz für Menschen und Betriebe in der BRD vereinbart und durch­geführt.

Mitglied der Grenzkommission war ein stellvertretender Abteilungsleiter des Ministeriums für Umweltschutz und Wasserwirtschaft (MUW). Er war auch für die Koordinierung und Erfüllung aller vereinbarten Maßnahmen auf DDR-Seite verantwortlich. Mit ihm waren Ingenieure der staatlichen Gewässeraufsicht und Spezialisten aus Oberflussmeistereien und den VEB Wasserversorgung und Abwasserbehandlung (WAB) als Be­vollmächtigte eingesetzt.

Es liegt auf der Hand, dass alle diese Arbeiten nur bei ständiger Koordinierung, gegenseitiger Information und Kontrolle mit dem MfS und den Grenztruppen der DDR erfolgreich sein konnten. Über die Ergebnisse der Arbeiten und zu ziehende Schlussfolgerungen ließ sich Erich Honecker jährlich vom Umweltminister berichten.

Es gab aber auch ungewöhnliche Ereignisse, die fast an das Anekdotische grenzten. Am 8. Oktober 1983 rief Erich Mielke persönlich bei mir an. Es war während mehrerer Jahrzehnte das einzige Mal. Es musste etwas sehr Bedeutsames, Ungewöhnliches passiert sein. Am Brandenburger Tor stand eine Delegation der Grünen, die zu mir wollten. Sie bestanden darauf, mit ihren Fahrrädern die Staatsgrenze zu passieren. Das war strikt verboten. Ausnahmen konnte allein der Generalsekretär und Oberkommandierende befehlen. Ich sollte mich an Erich Honecker wenden. Nach kurzem Überlegen rief ich an. Nach meinem Vortrag meinte er lachend, es hätte schon einer angerufen: Erich Mielke. Der Grenzübergang mit Fahrrädern sei entschieden.

Die Gäste hatten die Fahrräder auf DDR-Seite bei den Grenztruppen abgestellt und waren in den bereitstehenden Regierungs-Tatra gestiegen. Im Diplomaten-Club des Außenministeriums in Zeuthen begrüßte ich die Delegation des Bundesvorstandes der Grünen mit Wilhelm Knabe, Charlotte Grote und Christine Museler. Sie hatten sich in Bonn an die Ständige Vertretung der DDR mit der Bitte um einen Erfahrungs- und Informationsaustausch mit mir gewandt. Dem war zugestimmt worden. Es gab ein fast sechsstündiges Arbeitstreffen in sachlicher Atmosphäre.

Zum Abschied erhielt ich ein Paket mit Plakaten und Broschüren der Grünen. Mit dem Tatra ging es zurück zum Brandenburger Tor und mit den Fahrrädern über die Staatsgrenze.

 

 

Zu Aufgaben der Wasserwirtschaft und des Umweltschutzes.

 

Die Sicherung der Volkswirtschaft war zu allen Zeiten der DDR eine erstrangige Aufgabe aller wirtschaftsleitenden und staatlichen Organe. Zu ihrer Unterstützung konzentrierte sich das MfS auf die Vorbeugung und Verhinderung von Störmaßnahmen in der materiellen Produktion, in Wissenschaft und Technik und den Außenhandel. Das erfolgte in Zusammenarbeit mit der Volkspolizei, der Arbeiter- und Bauern-Inspektion (ABI), den Justizorganen, den Sicherheitsaktivs der Betriebe und Kombinate und den gesellschaftlichen Kräften. Das hat viel zur inneren Stabilität der Volkswirtschaft beigetragen.

In den ersten Nachkriegsjahren ging es um den Schutz und die Abwehr von Gefahren und Schäden durch feindliche Kräfte aus dem Aus- und Inland (z. B. gab es in der Landwirtschaft Brandstiftungen, Viehvergiftungen, Futtermittel- und Saatgutvernichtung, Verschieben von Ersatzteilen und Düngemittel bis hin zur Bedrohung und zu Überfällen auf gesellschaftlich engagierte Personen).4

Nach den Grenzsicherungsmaßnahmen 1961 erhielt die vorbeugende Arbeit zur Verhinderung von Schäden und Verlusten den Vorrang. Wie gestaltete sich dabei das Zusammenwirken? Das MfS übergab Informationen entsprechend deren Bedeutung zentral an die Minister und die Parteiführung der SED und in den Territorien an die Leiter der Kombinate, Betriebe, LPG-Vorsitzende, die Bezirks- bzw. Kreisleitungen der SED und die Bezirks- und Kreisräte. Dazu ein Beispiel: Wenige Monate nach meiner Berufung zum Umwelt- und Wasserwirtschaftsminister 1973 meldete sich der Verbindungsoffizier des MfS zum ersten Treffen.

Er übergab aus dem VEB WAB Berlin drei Entwürfe mit extrem voneinander abweichenden Zahlen für die mittelfristige Entwicklung des Trinkwasserbedarfs und der Abwasserbehandlung in der Hauptstadt der DDR Berlin. Diese aber mussten in voller Übereinstimmung mit dem künftigen Wohnungsbauprogramm stehen. An diesem wurde intensiv gearbeitet. Die Unterlagen waren von einem verantwortlichen Mitarbeiter übergeben worden aus Sorge vor folgenschweren Fehlentscheidungen. Seit Monaten wurde zwar an den perspektivischen Vorstellungen gearbeitet, doch wenig zielstrebig. Es kam zu keinen Entscheidungen.

Bei meinen darauf folgenden Arbeitsbesuchen in den Wasserwerken Friedrichshagen, Wuhlheide, Joachimsthal und in Kläranlagen kam es zu Beratungen mit Arbeitern und Führungskräften. Es ging um die mengenmäßige und besonders die qualitätsgerechte Lieferung des Trinkwassers und deren ständige Laborkontrolle, die notwendige Erweiterung der Werk- und Anlagekapazitäten, den Einsatz von Technik, die Besetzung aller Arbeitsplätze, die Qualifikation der Arbeiter und Führungskräfte, den Zustand der Arbeitsplätze und Sozialräume, die Einhaltung der Arbeitsschutzbestimmungen und anderes. Es kamen erhebliche Defizite zu Tage. Es wurden kurz- und mittelfristige Maßnahmen festgelegt. Mit Unterstützung anderer wasserwirtschaftlicher Betriebe wurden sie umgesetzt.

Im MUW befasste sich künftig eine Abteilung mit den zentral zu entscheidenden Aufgaben. Sie unterstand direkt dem Staatssekretär. In den folgenden Jahren erfüllte die Wasserwirtschaft in Berlin ihre durch das Wohnungsbauprogramm in Größenordnungen gestiegenen Anforderungen. Und das Jahr für Jahr, wie es hieß: »termin- und qualitätsgerecht«. Das MfS hatte dafür einen wesentlichen Anstoß gegeben. Mehrfach erhielt ich vom Verbindungsoffizier Informationen über örtliche Mängel in der Trinkwasserversorgung. So aus dem Kreis Zossen. Es war mit Nitraten belastetes Trinkwasser ausgeliefert worden. Die Information an den Verbindungsoffizier erfolgte durch einen Mitarbeiter deshalb, weil die Wasserlieferung nicht sofort eingestellt, die Gesundheitsorgane und die Bevölkerung nicht informiert worden waren.

Im Wasserwerk war man bemüht, die Havarie zu vertuschen. In der Zwischenzeit war aber durch das Eingreifen der Hygiene-Inspektion des Gesundheitswesens und die Betriebsleitung des VEB WAB in Potsdam der gesetzlich festgelegte Zustand wieder hergestellt worden. Ab den siebziger Jahren erhielt der Umweltschutz schnell wachsende Bedeutung. Das auch in der Arbeit des MfS. Von ihm erhielten die wirtschaftsleitenden und staatlichen Organe sowie die territorialen SED- Leitungen Informationen über Objekte, von denen Umweltbelastungen und -schäden für Menschen und die Natur ausgingen. Sie drängten nachdrücklich auf Veränderungen.

Eines dieser Objekte mit erheblichen Umweltbelastungen war der VEB Elektrokohle in Berlin. 1975 waren etwa 2.700 Betriebsangehörige und ca. 60.000 Bürger in Neu­bauge­bieten, die in den letzten Jahren gebaut worden waren, erheblichen Luftbelastungen ausgesetzt. Es kam zu heftigen Kritiken und Forderungen nach Veränderungen. Der Betrieb war 80 Jahre alt und einziger Zulieferer von Kohleelektroden für die Metal­lurgie, die chemische Industrie und die Elektroindustrie der DDR und anderer RGW­Länder. Die Regierung beschloss ein Investitionsprogramm für die Sanierung des Wer­kes mit sehr hohen Umweltschutzauflagen. Zur Kontrolle deren Einhaltung führte der Umweltminister über 4 Jahre lang halbjährlich Kontrollberatungen, verbunden mit Betriebsbesichtigungen durch. Mitarbeiter des MfS haben das Vorhaben, das mit zu den wichtigsten Umweltschutzobjekten der DDR gehörte, betreut. Durch das Aufdecken falsch eingebauter Filteranlagen sicherten sie z.B. mit die termin- und kostengerechte Fertigstellung.5

Mitte der 80er Jahre erhielt ich vom Verbindungsoffizier eine Information aus Erfurt. Beim Neubau eines Elektronik-Werkes gab es einen unverantwortlichen Umgang mit diversen hochgiftigen Chemikalien. Auf Baustellen standen zum Teil sogar geöffnete Fässer völlig ungesichert herum. In diesem Falle wurden durch den Rat des Bezirkes bzw. den Bezirksvorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) die Umwelt- und die Arbeitsschutzinspektionen mit der Durchsetzung der gesetzlichen Bestimmungen vor Ort beauftragt.

Eine sehr gewichtige Information erhielt ich Mitte der 80er Jahre. Es war ein mehrseitiger Bericht mit Vorschlägen und einer umfassenden Fotodokumentation. Es gab ein von Erich Mielke persönlich unterzeichnetes Anschreiben – übrigens das einzige Mal, was sicher die Bedeutung unterstrich. In einem Naturschutzgebiet nahe Potsdam waren kleine Wasserläufe von Jauche überschwemmt. Die Havarie breitete sich auch außerhalb des Schutzgebietes aus. Sie wurde zu einem öffentlichen Skandal. Naturschützer und Spaziergänger waren beunruhigt. Kritiken wurden nachdrücklicher, Proteste laut. Da die Havarie im militärischen Sperrgebiet der sowjetischen Truppen lag, übernahm das MfS die Untersuchungen. Sie führten bald zu einem Schweinestall nahe einer Kaserne. Hier funktionierte die Anlage zur Jauchebehandlung offenbar schon des längeren nicht. So floss diese ungereinigt in die Landschaft. Der wichtigste Vorschlag an mich sah vor, den Untersuchungsbericht mit dem sowjetischen Oberkommandierenden auszuwerten. Über die Aufnahme einer solchen Verbindung konnte allein Erich Honecker entscheiden.

Um Vorschläge zur persönlichen Auswertung mit dem Oberkommandierenden, zur Beseitigung der akuten Havarieschäden und zur Einhaltung der Umweltschutzgesetze der DDR erweitert, übergab ich den Bericht an Erich Honecker. Es folgte nach einiger Zeit die Bestätigung aller Vorschläge und die Zustimmung zu einem Treffen von mir mit dem Oberkommandierenden der sowjetischen Streitkräfte. Die Begrüßung war militärisch-sachlich, freundschaftlich. Die Beratungen zur Aus­wertung wurden nur einmal kurz unterbrochen. Der Oberkommandierende erteilte dem Kommandierenden General der Panzertruppen sinngemäß den Befehl: Sofort mit Einsatz von Panzern den Schweinestall beseitigen!

Mit meinem vorsichtigen, nicht ganz militärischem Einwand, dass es sicher noch lebende Schweine im Stall gäbe, gelang es, deren Leben zunächst zu retten und den Befehl auszusetzen. Übereinstimmend zwischen beiden Seiten wurde schließlich vorgeschlagen, in einer Regierungsvereinbarung DDR-UdSSR zu regeln, dass künftig für die sowjetischen Truppen uneingeschränkt die Gesetze zum Umweltschutz der DDR gelten. Von sowjetischer Seite wurde u. a. vorgeschlagen, in den Truppenteilen Offiziere für den Umweltschutz (Schutz der Gewässer, besonders von Trinkwasserschutzgebieten, den Schutz des Bodens, von Naturschutzgebieten u. a.) einzusetzen. Zu deren Unterstützung und für den Informationsaustausch sollten von DDR-Seite Ingenieure der Staatlichen Gewässeraufsicht bzw. der VEB WAB vorgesehen werden. Für die Verbindung zum Umweltschutzministerium wurde vom sowjetischen Oberkommandierenden, wie es hieß – mit sofortiger Wirkung – der Stellvertreter des Oberkommandierenden für die Rückwärtigen Dienste eingesetzt. Mit der praktischen Umsetzung weiterer Vorschläge wurde sofort begonnen.

Bald gab es die ersten Ergebnisse beim Schutz von Trinkwasserschutzgebieten und Wasserwerken in der Nähe von Truppenübungsplätzen und Kasernen sowie beim Schutz der Böden vor Flugzeugtreibstoffen beim Tanken auf Flugplätzen. Eine positive Folgewirkung war auch der Abschluss einer analogen Vereinbarung zum Schutz der Umwelt durch den Umweltminister der DDR mit dem Generaldirektor der Wismut AG.

Das Zusammenwirken mit dem MfS vollzog sich vorwiegend folgendermaßen. Die Informationen des MfS wurden durch den Verbindungsoffizier übergeben. Im Verlauf mehrerer Jahrzehnte habe ich drei kennengelernt. Sie waren hoch motiviert, beruflich, juristisch und militärisch gut ausgebildet und sachkundig. Es mangelte ihnen nicht an Selbstbewusstsein. Das lag sicher auch in der Autorität des von ihnen repräsentierten Amtes begründet. Nie waren sie arrogant. Immer korrekt und kooperativ. Es war immer Verlass auf sie. Die schriftlichen Informationen hatten immer eine hohe Aussagekraft. Bereits vor Ort waren die Angaben auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Die Quelle wurde nie angegeben und blieb auch bei den weiteren Arbeiten geheim. Soweit mir bekannt war, waren es zumeist verantwortungsbewusste Mitarbeiter oder Führungskräfte der jeweiligen Betriebe oder deren Leitungen. Sie hatten sich in der Regel bereits in der Betriebs-, Gewerkschafts- und SED-Leitung um eine Lösung des Problems bemüht. Oft erfolglos. Die Information an den Verbindungsoffizier hielten sie für den letzten und am ehesten Erfolg versprechenden Weg zur Veränderung. Die MfS-Offiziere genossen ein hohes Vertrauen, helfen und verändern zu können.

In unserem Ministerium wurden die Informationen ausgewertet, geprüft und die erforderlichen Maßnahmen getroffen. Das MfS erhielt den abschließenden Bericht oder ein Protokoll. Diese Methode hatte sich insgesamt bewährt. Sie wurde auch ähnlich bei entsprechenden Informationen der Arbeiter- und Bauern-Inspektion und auch bei Eingaben von Bürgern an den Vorsitzenden des Staatsrates angewandt. Sie hatten eine hohe Verbindlichkeit und boten die Möglichkeit der Nachkontrolle durch die Beteiligten.

Verglich man die Informationen, so gab es inhaltliche Unterschiede. Neben schwerwiegenden Problemen standen auch weniger wichtige, auch solche die bereits gelöst waren. Es entstand der Eindruck, dass Verantwortliche sich an den Verbindungsoffizier wandten, weil die Lösung eines Problems schneller aussichtsreich erschien, als auf dem normalen Arbeitsweg. Andererseits schien sich innerhalb des MfS ein Verantwortungsbewusstsein für fast alle volkswirtschaftlichen Probleme entwickelt zu haben. Einiges gehörte auch in die Arbeit der ABI, der Volkspolizei, der vielen anderen Inspektionen, besonders auch staatlicher Organe und Wirtschaftsleitungen. Daraus entstand als ein weiteres Problem, die geheimdienstliche Behandlung von oft operativen volkswirtschaftlichen Problemen.

Sie konnten nicht öffentlich gemacht und ausgewertet werden. Das wäre aber oft erforderlich gewesen und war bei anderen Kontroll- und Sicherheitsorganen wie der ABI, dem Arbeitsschutz­, den Hygiene- und Umweltschutz-Inspektionen, der Staatlichen Gewässeraufsicht Praxis. Besonders hervorzuheben ist, dass in keinem Falle das MfS oder einzelne Offiziere Einfluss auf Entscheidungen zur Wirtschaftspolitik oder auf die wirtschaftsleitende Tätigkeit nahmen. Die Lösung festgestellter Probleme erfolgte, wie dargestellt, im politisch-operativen Zusammenwirken. Ebenso konnte umgekehrt in keinem Falle ein Minister einem Mitarbeiter des MfS einen Auftrag, eine Weisung (z. B. zur Untersuchung weiterer Umstände einer vorliegenden Information oder sogar anderer Fälle) erteilen. Das festzustellen ist wichtig, weil der Bundestag im Jahr 2005 für die führenden Politiker und andere leitende Verantwortliche – eingeteilt in neun Gruppen – die Weitergeltung der Strafrente per Gesetz beschloss. Zur Begründung wurden genannt: 1. das Recht dieses Personenkreises, dem MfS bzw. seinen Mitarbeitern Weisungen zu erteilen, und 2. die Beteiligung an einem »System der Selbstprivilegierung«.

Die Verhandlungen und Untersuchungen eines Berliner Sozialgerichtes, vor dem ich gegen die Strafrente geklagt hatte, widerlegten beides. Die Minister hatten keine Weisungsbefugnis gegenüber Mitarbeitern des MfS. Gestützt wurde das auch durch zwei schriftliche Stellungnahmen der Behörde des »Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR« (BStU). Ein Nachweis der Teilnahme an einem System der Selbstprivilegierung konnte nicht erbracht werden. Es gab nicht einmal Klarheit über deren Inhalt, die Kriterien dafür. Es galten die gesetzlichen Regelungen und staatlichen Ordnungen. Trotzdem befand 2010 das Bundesverfassungsgericht, dass die Weiterzahlung der Strafrente mit dem Grundgesetz vereinbar ist. So gilt ein Gesetz auf der Grundlage falscher Tatsachen weiterhin. Tausende ehemalige Führungskräfte und ihre Familien erhalten die Strafrente weiter.

Meine Erfahrungen über die Unterstützung durch das MfS in der Wasserwirtschaft und den Umweltschutz sind sicher nur ein Bruchteil der Gesamtleistungen des MfS. Hinzu kommen solche großen volkswirtschaftlichen Bereiche wie die Energiewirtschaft, der Bergbau, die Chemie, der Maschinenbau, der Verkehr und das Gewerbe, die Landwirtschaft, Wissenschaft, Technik und der Außenhandel. Es waren wohl zehntausende Leiter staatlicher Organe, der Betriebe, Kombinate, LPG und verschiedener Einrichtungen und Organisationen, der Zweige der Volkswirtschaft und Bereiche der Gesellschaft, die wie ich auf diesem Feld der Zusammenarbeit mit dem MfS Erfahrungen gesammelt haben.

Die Unterstützung des MfS für die volkswirtschaftliche Tätigkeit meines Ministeriums war von großem Nutzen. Insgesamt für die Volkswirtschaft hatte sie sicher auf vielen Feldern einen unermesslichen Wert. Das berücksichtigend, sind die anhaltende Diffamierung der Mitarbeiter des MfS und die willkürliche soziale Bestrafung durch die Strafrente unbegründet. Da von der BStU-Behörde nicht zu erwarten ist, dass hier die Wahrheit über das MfS auf den Tisch gebracht wird, die Werte und Leistungen bei der Verhinderung volkswirtschaftlicher Schäden und Verluste, der Erschließung von Reserven und der Schaffung neuer materieller und ideeller Werte objektiv beurteilt und gewürdigt werden, müssen die Beteiligten aus allen Bereichen – das sind sicher mehrere Tausend Führungskräfte aus Industrie, Landwirtschaft, Wissenschaft, Medizin, Bildung und Kultur – die Karten auf den Tisch legen, über Erfahrungen und Ergebnisse, über die Realität berichten. Das um unserer Würde, der geschichtlichen Wahrheit und einer besseren sozialistischen Zukunft wegen.

 

Anmerkungen

 

1   ‑Im Frühjahr l989 wurden zur Vorbereitung des 1990 anstehenden Parteitages der SED vom Parteivorstand der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD) Beratungen in den Vorständen und mit Mitgliedergruppen verschiedener Tätigkeitsbereiche durchgeführt. Es sollten diesmal nicht nur vorher abgestimmte Vorschläge der zentralen Leitung an das Zentralkomitee der SED übergeben werden. Es ging um Anträge ohne Tabus, direkt aus den Dörfern, LPG, aus dem ländlichen Bildungs- und Gesundheitswesen, Handwerk und Gewerbe, dem kulturellen und sozialen Leben.

     ‑Neben Vorschlägen im Rahmen bestehender Gesetze und Beschlüsse waren es weit darüber hinausgehende. Gefordert wurde eine aktive Arbeit des Demokratischen Blocks der Parteien besonders zu den Problemen perspektivischer Gesellschaftsentwicklung, Konzentration der führenden Rolle der SED besondere auf die Ausarbeitung der strategischen Entwicklung der Gesellschaft und Volkswirtschaft; Beseitigung der Doppelgleisigkeit in der Wirtschaftsführung; schrittweise Abbau von Subventionen; Anwendung des demokratischen Zentralismus mit weniger Reglementierung und mehr ökonomischen Hebeln; Treffen von Entscheidungen dort wo es am sachkundigsten möglich ist; mehr Freiräume für Ideen und Initiativen in Betrieben, LPG, Instituten, Bildungseinrichtungen und Kommunen durch Beseitigung übertriebener zentraler Vorgaben und Kennziffern in den Plänen und zentralen Beschlüssen; höchste Autorität für die Volksvertretungen aller Ebenen und deren demokratisch gefassten Beschlüssen; wirksame Vollmachten für die Sicherung der Durchführung ihrer Beschlüsse. Eine Vielzahl von Vorschlägen betraf die Ausgestaltung der Demokratie besonders durch die Teilnahme der Bürger an der Gestaltung der Gesellschaft, Einrichtung eines Verfassungsgerichtes. Viele, bis ins einzelne gehende Vorschläge betrafen die Agrar- und Umweltpolitik. Die Herstellung der aktiven Mitarbeit der DBD an der zentralen staatlichen Leitung der Landwirtschaft (Stellvertreter des Ministers), auch in anderen zentralen Staatsorganen und an der Arbeit der Medien wurde nachdrücklich gefordert.

2   ‑Auf der Grundlage eines Berichtes der Inspektion des Ministerrates zu »Problemen des Geheimnisschutzes auf dem Gebiet des Umweltschutzes« erteilte Günter Mittag als 1. Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates und im Politbüro der SED verantwortlich für die Umweltpolitik den Auftrag zur Verschärfung der entsprechenden Bestimmungen für den Geheimnisschutz. Da es sich um eine fachbezogene Regelung-Umweltschutz handelte, wurde dafür der Umweltschutzminister verantwortlich gemacht. Am 16. November 1982 beschloss der Ministerrat die Anordnung über die Gewinnung, Bearbeitung und den Schutz von Informationen über den Zustand der natürlichen Umwelt. Diese Regelung war, nach der von Mittag bereits 1973 veranlassten Einstellung des Jahresberichtes der Regierung zum Umweltschutz und dessen Veröffentlichung, ein weiterer Schritt zur Beschränkung der Öffentlichkeit an der Umweltpolitik. Sie stieß auf großes Unverständnis und führte zu vielen Kritiken. Vom Umweltminister wurden Möglichkeiten zu deren Aufhebung gesucht. 1987 konnte der Entwurf einer Neuregelung den beteiligten Ministerien übergeben werden. Hier ist festzustellen, dass als erster der Minister für Staatssicherheit und der Leiter der Inspektion des Ministerrates dafür eintraten. Doch dieser Entwurf wurde von Mittag abgelehnt, ein zweiter folgte, ein dritter mit den Unterschriften aller beteiligten Minister, wurde ihm erneut im Juli 1989 übergeben. Zum Motiv seiner Handlungen heißt es bei Mittag: »Aber konnte und kann es Umweltschutz ohne wirtschaftliches Wachstum geben? […] Allem, was erforderlich schien, sofort und auf einen Schlag nachkommen zu wollen, drohte doch ebenfalls, die Zukunft in Frage zu stellen. Deshalb versuchte ich, das Mögliche zu tun und andererseits Panikstimmung zu vermeiden. Daraus entstand der Eindruck, und ich muss zugeben, durch eine unkluge Informationspolitik nicht zu Unrecht, dass diese Probleme aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt werden sollten«. (Günter Mittag: Um jeden Preis, Berlin 1991. S. 272) Das er nach eigenen Worten im Ministerrat eine „überflüssige Geheimniskrämerei« persönlich organisiert und zahlreiche Vorschläge an das Politbüro zurückgewiesen hatte, übersah er wissentlich.

3   ‑Nach dem Treffen Erich Honeckers mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß im Sommer 1983 in der Schorfheide wurde am 12. Oktober 1983 in München eine Vereinbarung über die Gewässerreinhaltung der Röden (Bau der Kläranlage Sonneberg und deren gemeinsame Finanzierung) durch die beiden Vorsitzenden der Grenzkommission DDR/BRD unter Teilnahme der Umweltminister Reichelt DDR, Zimmermann BRD und Dick BRD/Bayern unterzeichnet. Die Inbetriebnahme der Anlage erfolgte unter Teilnahme von viel Politprominenz der BRD am 2. Oktober 1987.

4  ‑Im Polizeibericht des Ministeriums des Innern für das I. Halbjahr 1960 »Zur Lage bei der sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft« werden verstärkte Auseinandersetzungen des Klassengegners registriert: 58 Fälle von Schädlingstätigkeit, Sabotage und Diversion; 474 Brände, mit 140 vorsätzlichen Brandstiftungen; 262 Fälle ideologischer Diversion, wovon 182 die LPG betrafen; div. Schäden in der Viehwirtschaft und im ländlichen Bauwesen; Abwerbung aus der BRD von Tierärzten, Ingenieuren, Spezialisten der MTS, Bauern und Bäuerinnen. In der gleichen Zeit gab es über 550 Provokationen an der Staatsgrenze zur BRD.

5  ‑Im Umfeld des VEB Elektrokohle in Berlin-Lichtenberg waren zu Beginn der 70er Jahre mehrere Wohnungs-Neubaugebiete, ohne gleichzeitig die zwingend erforderlichen Sanierungs- und Umweltschutzmaßnahmen im VEB Elektrokohle durchzuführen, errichtet worden. So kam es zu erheblichen Belastungen durch Teer- Pech- Aerosole und Kohlenstaub. Das führte vor dem Parteitag der SED in mehreren Parteiorganisationen und bei den Bürgern zu heftigen Kritiken. Die Akademie der Wissenschaften erhielt den Auftrag zu untersuchen, ob durch eine Sanierung mit strengen Umweltschutzauflagen das Werk weiter betrieben werden kann oder ein neues errichtet werden muss. Der Weiterbetrieb nach einer Sanierung wurde für möglich erachtet. Ein Investitionsprogramm mit Umweltschutzauflagen wurde von der Regierung beschlossen und durchgeführt. Es wurden die veraltete Generator-Gaserzeugungsanlage auf Stadtgas umgestellt, wodurch u. a. der Umschlag von 40 000 t/a Briketts mit der damit verbundenen Staubbelastung wegfielen, drei neue Rauchgasentteerungsanlagen mit Hochschornsteinen, zwei neue Elektrofilter und zwei weitere Filter wurden errichtet. Das führte zur radikalen Senkung der Luftbelastung. Das war gleichzeitig verbunden mit der Rückgewinnung und dem Wiedereinsatz von Teerpech, Kohlenstaub, Siliziumkarbid, Graphitstaub, Anthrazit- und Koksfilterstaub mit einem Wert von 5,408 Mio. Mark. Darunter auch div. Importe. Der Vorschlag des Umweltministers, die Erfahrungen und Lehren der Sanierung im Politbüro der SED und der Regierung zu behandeln, mit den Generaldirektoren der Kombinate und in den Medien auszuwerten, wurde von Günter Mittag ohne Begründung abgelehnt. Obwohl der VEB Elektrokohle aufwändig saniert und modernisiert worden war, wurde er nach 1990 durch die Treuhand aus Konkurrenzgründen plattgemacht. 2013 steht auf seinem Territorium das Dong-Xuan-Center, der zweitgrößte Asia-Markt in Europa, wie man sagt.

 

 

Mein »Bitterfelder Weg«*

seit Mai 1952

 

Von Heinz Schmidt †

 

Aus autobiografischen Aufzeichnungen von Heinz Schmidt (1930-2012); Diplomjurist, Dr. jur.; MfS/AfNS 1952-1990; zuletzt Leiter der Bezirksverwaltung Halle des MfS im Range eines Generalmajors

 

Nach Absolvierung von Einstellungsformalitäten meldete ich mich Ende Mai 1952 zum Dienstantritt in der Kreisdienststelle (KD) des MfS in Bitterfeld. Dort begann ich als Hilfssachbearbeiter im Dienstrang »Wachtmeister« auf Probe. Das bescheidene monatliche Gehalt betrug zirka 350 Mark. In den ersten Tagen versah ich nur Telefondienst, um, wie man mir sagte, den Dienstbetrieb kennen zu lernen. Dienstbeginn war 10, Dienstende 20 Uhr.

Ich wohnte weiterhin mit meiner Familie im etwa 20 Kilometer entfernt gelegenen Bad Düben. Der offizielle Dienstablauf brachte es mit sich, dass ich den fahrplanmäßigen Bus nicht erreichen konnte und deshalb den Werkbus des Chemischen Kombinats benutzen musste, der aber erst um Mitternacht fuhr. Um morgens pünktlich zum Dienst zu kommen, musste ich bereits wieder um 6.30 Uhr von Bad Düben abfahren. Die kurze Anwesenheit bei der Familie schuf oft emotionelle Reibungsflächen. Der Dienst im MfS war eine Aufgabe, bei der nicht ständig auf die Uhr geschaut werden konnte. Die Aufgabenerfüllung ging auf Kosten eines normalen Familienlebens.

Unabhängig von meiner Dienststellung hatte ich immer eine durchschnittliche Arbeitswoche von 60 bis 70 Stunden.

Unser 1955 geborener Sohn war drei Jahre alt, als ich zu einem Zweijahreslehrgang nach Potsdam-Eiche delegiert wurde. Wir durften nur vierteljährlich einmal am Wochenende nach Hause fahren. Im Vergleich zu den in späteren Jahren an mich gestellten Anforderungen und Belastungen waren das alles jedoch keine so schweren Hürden.

In der Anfangsphase meines Dienstes in Bitterfeld bekam ich Kontakt zum sowjetischen Berater, einem Hauptmann des Komitees für Staatssicherheit der UdSSR. Solche Berater oder Verbindungsoffiziere waren in jeder Dienst­stelle etabliert und hatten ihren Einfluss auf einen Dienstbetrieb nach sowjetischem Vorbild umzusetzen. Jede Aktion, jeder Vorschlag des Leiters musste die Zustimmung des Beraters erfahren. Die Aufgabenerfüllung ging nicht ohne Berichterstattung an den sowjetischen Offizier. Die Berater arbeiteten nach Arbeitszeitregelungen aus der Zeit des Vaterländischen Krieges – nämlich nachts. Wenn er einen Mitarbeiter der Dienststelle sprechen wollte, geschah das regelmäßig zur Nachtzeit. Es kam vor, dass man stundenlang gewartet hatte und dann den Bescheid erhielt, dass die Beratung ausfalle. Das ging alles auf Kosten des Familienlebens.

Ich wurde einem erfahrenen Mitarbeiter zur Seite gestellt, der für die Sicherheit der Farbenfabrik Wolfen verantwortlich war. Hier lernte ich Formen und Möglichkeiten feindlicher Angriffe auf die chemische Industrie wie auch die Maßnahmen der erfolgreichen Abwehr und Aufklärung kennen. Dazu gehörte insbesondere die Zusammenarbeit mit inoffiziellen Kräften. Von Anbeginn der Existenz der DDR bildeten sich in der BRD und in Westberlin Organisationen, die, häufig im Zusammenwirken mit westlichen Geheimdiensten, die DDR-Wirtschaft mit allen Mitteln zu stören versuchten. Anfänglich waren die subversiven Angriffe noch nicht so raffiniert konspirativ geplant wie später und daher noch relativ leicht erkennbar.

Als Erstes machte ich mich mit dem Produktionsablauf in der Farbenfabrik vertraut und lernte so die einzelnen Betriebsabschnitte kennen. Alle hatten unter den Kriegsverhältnissen gelitten. Derartige Verhältnisse waren im Raum Bitterfeld-Wolfen in allen chemischen Bereichen anzutreffen. Unter den Bedingungen maroder Betriebe notwendige Ordnung und Sicherheit durchsetzen zu müssen, verlangte ein enges abgestimmtes Zusammenwirken mit dem Betriebsschutz, der Volkspolizei, der Feuerwehr und anderen Einrichtungen. Ich lernte dabei die Verantwortlichen der verschiedenen Bereiche kennen und schätzen.

Von uns Mitarbeitern der KD wurde erwartet, dass bei der weiteren Gestaltung und Entwicklung der Betriebe gegnerische Kräfte erkannt und deren schädliches Handeln verhindert wurde. Aber wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen der jungen DDR mangelte es auch im MfS an in der Praxis erfahrenen Experten. Wir mussten uns fachliche Kompetenz Stück um Stück aneignen und lernen, wie gegnerische Kräfte und deren Wirken erkannt, vor allem aber bereits vorbeugend verhindert werden können. Das brachte es mit sich, in den ehemaligen Konzernbetrieben mit Personen zusammen zu arbeiten, die früher zum Stammpersonal des Konzerns gehörten und deren Grundhaltung zur DDR oft als nicht sonderlich ausgeprägt und gesichert galt. Nicht wenige waren materiell und finanziell korrumpiert worden oder befanden sich noch in geistiger Anhänglichkeit zum früheren Arbeitgeber. Diese Konzernverbundenheit war noch viele Jahre zu bemerken und manche feindliche Tätigkeit hatte dort ihre Wurzeln.

Ehemalige Wehrmachtsoffiziere oder Nazifunktionäre waren in die Produktion gegangen und stiegen auf Grund ihrer Bildung und Kenntnisse bald in Verwaltungs-. und Betriebsfunktionen auf. Unter ihnen gab es Leute, die für Betriebsspionage und andere Schädlingstätigkeit gegen die DDR-Volkswirtschaft ansprechbar waren. So lernte ich in der Farbenfabrik Wolfen zwei Techniker dieses Personenkreises kennen, die der Spionage und Sabotage verdächtig waren. Kurz vor der beabsichtigten Festnahme setzten sich beide nach dem Westen ab.

Bei meinen Einsätzen in der chemischen Industrie des Kreises Bitterfeld lernte ich die Situation in der Wirtschaft kennen und wurde mit allen Formen gegnerischer Angriffe auf die junge DDR-Wirtschaft konfrontiert. Es erscheint als Wunder, dass trotz Verluste durch Krieg, Demontage und Reparationsleistungen an die UdSSR, trotz Rohstoffengpässen und der ständigen Angriffe, Störungen, Sabotage und Boykotte es die Werktätigen der DDR schafften, eine funktionierende Volkswirtschaft aufzubauen. Das ist das eigentliche Wirtschaftswunder.

Zu einem späteren Zeitpunkt wurde ich als Verantwortlicher für die Absicherung eines Teils der Landwirtschaft im Kreis eingesetzt. Die Mitarbeiter des Referats zur Sicherung der Landwirtschaft waren auch für kleinere Volkseigene Betriebe und andere im Territorium befindlichen staatlichen Einrichtungen, Institutionen und Verwaltungen zuständig.

In wichtigen landwirtschaftlichen Bereichen wurden Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS) geschaffen, die besonders den Neubauern, Klein- und Mittelbauern mit den notwendigen Landwirtschaftsmaschinen zur Verfügung standen. Es gab vier Betriebe der MTS im Kreis Bitterfeld. Sie wurden in diesem Wirtschaftsbereich zum Schwerpunkt für die Mitarbeiter der MfS-Kreisdienststelle zur Sicherung und Abwehr feindlicher und anderer gegnerischer Aktionen. Bislang kannte ich mehr oder weniger gut die Verhältnisse der Großbauern und Rittergüter. Nunmehr lernte ich eine völlig neue Form landwirtschaftlicher Betriebe kennen. Menschen, die sich gegenseitig halfen und alte Besitzverhältnisse nicht mehr wollten.

Natürlich waren wirtschaftlich starke Großbauern ge­gen diese Entwicklung. Vorkommnisuntersuchungen brachten zutage, dass sich Großbauern, Gegner der Bo­denreform darüber berieten, wie man sich staatlichen Pflichtabgaben, aber auch der genossenschaftlichen Entwicklung entziehen kann.

In jener Zeit befand ich mich sehr häufig mit weiteren verantwortlichen Mitarbeitern zur Untersuchung von Bränden in landwirtschaftlichen Einrichtungen, Lagerstätten und Scheunen gemeinsam mit Feuerwehr, Volkspolizei und MTS-Fachleuten im Einsatz.

Es gehört zur sachlichen Analyse dieser Zeit, dass nicht jedes Vorkommnis im Verantwortungsbereich, wie z. B. das Verenden von landwirtschaftlichen Nutztieren oder Brandschäden, auf gewollte Schädigungsabsicht zurückzuführen war. Auch aus mangelnder Sachkenntnis, wie Fehler bei der Tierfütterung und fahrlässigem Verhalten, konnten erhebliche, aber nicht gewollte Schäden und Verluste verursacht werden. Störungen, verbrecherische Handlungen in Landwirtschaftlichen Genossenschaften wurden von Westberlin aus durch feindliche Organisationen, wie die sogenannte Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) initiiert, angeleitet und durchgeführt. Es war schon eine eigenartige Vereinigung gegen Unmenschlichkeit, die Sprengungen plante und beging, Brände legte oder Tiervergiftungen organisierte. Auch bei heutigem Rechtsverständnis werden derartige Handlungen als Terror qualifiziert. Durch unsere Arbeit konnten solche tätig gewordenen Agenten entlarvt und ihrer Strafe zugeführt werden.

In dieser Zeit lernte ich Menschen kennen, die von sowjetischen Sicherheitsorganen zur inoffiziellen Zusammenarbeit angeworben worden waren. In der Regel handelte es sich hier um Mitglieder der SED, Funktionäre von anderen Parteien und Organisationen. Damals gab es noch keine inoffiziellen Mitarbeiter (IM) des MfS, die Aufträge zum Eindringen in die Konspiration gegnerischer Geheimdienste zur Aufklärung deren Absichten und Pläne hätten ausführen können.

Mitten in dieser Tätigkeit erlebte ich den 17. Juni 1953. Zur Bewertung der Ereignisse um die besagten Juni-Tage 1953 muss man mehrere Monate zurückschauen. Nach meinen eigenen Erfahrungen gab es objektiv herangereifte Probleme, die einer Lösung harrten und von der Bevölkerung akzeptiert worden wären. Aber es gab auch eine Reihe subjektiver Verwirrungen und Einflussnahmen von westlicher Seite, die Unzufriedenheit erzeugten und zu Demonstrationen und Streiks führten. Später wurde von der SED- und Staatsführung eingeschätzt, dass es sich um einen faschistischen Putsch gehandelt habe. Der RIAS, in Westberlin als Rundfunk im amerikanischen Sektor installiert, hetzte in der Tat durch ganztägige Sendungen die DDR-Bevölkerung zum Generalstreik, zum Aufstand auf. In der BRD wird seither von einem Volksaufstand gesprochen und dieser wurde als Gedenktag begangen. Ohne Zweifel gehörten diese damals von der BRD ausgehenden Aktivitäten zu den Maßnahmen, welche die DDR beseitigen sollten. Dass ein bürgerlicher Staat in diesem Fall Volksaufstände wünscht und feiert, ist immerhin bemerkenswert.

Ich habe diesen Tag als 23-jähriger Mitarbeiter des MfS in Bitterfeld erlebt und meine, verlässlicher Augenzeuge zu sein. Später wurden über diese Ereignisse im Juni 1953 Bücher geschrieben und Filme gedreht, die hingegen wenig Sachkenntnis offenbarten.

Ich werde von meinen eigenen Wahrnehmungen zu damaliger Zeit berichten.

Anfang 1953 verschlechterte sich die ohnehin nicht großartige Stimmungslage in der DDR. Während einerseits Teile der Bevölkerung die beginnende Remilitarisierung der BRD und die Existenz ehemaliger Nazigrößen in Parteien, Wirtschaft und Verwaltungen deutlich ablehnten, übten andererseits das lukrative Warenangebot und ein besserer Lebensstandard der westdeutschen Bevölkerung eine große Anziehungskraft auf die Menschen in der DDR aus. Insofern waren die politischen Verhältnisse in der BRD für DDR-Bürger zweitrangig.

Es waren erst acht Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen und nicht wenige Bürger waren noch mit nazistischer Ideologie behaftet, orientierten sich ideologisch mehr und mehr nach der BRD.

Die Entwicklung in der DDR beim Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung verlief nicht widerspruchsfrei und erreichte unter den Bedingungen der wirtschaftlich starken BRD zu wenige Menschen. Die DDR hatte mit dem Aufbau ganzer Wirtschaftszweige zu tun. Rohstoffmangel, Absatzprobleme, Engpässe in der Versorgung und Reparationszahlungen an die UdSSR waren eine zu schwere Bürde für das Land. Hinzu kamen die fortwährenden Angriffe jeglicher Art auf die DDR. Die in dieser Zeit verlangte Erhöhung der Arbeitsnormen um zehn Prozent war dem Grunde nach gerechtfertigt und notwendig, war aber der Anlass zu anhaltenden Protesten. Diese Festlegung wurde zwar zurückgenommen, konnte aber, nun einmal in die Diskussion gebracht, nicht zur Beruhigung der Massen führen.

Es gab weitere, auch unter uns, unverständliche Regelungen. In Verkennung der Situation wurde zum Beispiel festgelegt, dass Selbstständige, Händler und Handwerker keine Lebensmittelkarten mehr erhielten. Sie sollten in der Handelsorganisation (HO) die teureren Lebensmittel einkaufen, weil sie genügend Geld zur Verfügung hätten. Es versteht sich, dass solche Maßnahmen mehr als nur Unmut auslösten. Man muss annehmen, dass die SED- und Staatsführung seinerzeit die Lage im Land völlig falsch beurteilte. Wir haben damals auch in unseren Kreisen viel darüber diskutiert, aber fanden keine vernünftige Erklärung, außer die Meinung: Die Partei wird schon wissen, warum sie das tut.

Als ich am 16. Juni abends nach Hause kam, erfuhr ich von Streiks und Demonstrationen in der Berliner Stalinallee. Am nächsten Morgen fuhr ich wie gewohnt zum Dienst. Dort erwartete mich der Dienststellenleiter und forderte meine Dienstwaffe, die Pistole, und deponierte sie im Panzerschrank. Als Begründung teilte er mit, dass in Bitterfeld gestreikt und demonstriert werde und wir sollten auf keinem Fall in Versuchung geraten, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen beziehungsweise uns die Waffe entwenden zu lassen.

Ich wurde beauftragt, mich zum MTS-Objekt nach Pouch zu begeben und mich über die Lage zu informieren. Als ich dort eintraf, wurde zwar über die Ereignisse diskutiert, aber es gab nichts Besorgniserregendes. Als ich gegen 10 Uhr telefonisch darüber meinen Leiter informieren wollte, erhielt ich keinen Anschluss. Ich beschloss, mit dem Motorrad zurück zur Dienststelle zu fahren. Bereits im nächsten Ort, Mühlbeck, sah ich mehrere Busse, die mit Arbeitern voll besetzt nach Bad Düben fuhren. Dort traf ich auf den Kraftfahrer unserer Dienststelle, der mit dem Dienstwagen unterwegs gewesen war. Er berichtete, dass das Dienstauto vom »Streikkomitee« beschlagnahmt worden wäre, um den Chef des Streikkomitees, einen Herrn Fibelkorn nach Hause zu fahren.

Ich sah Busse und Fahrzeuge der Volkspolizei, die aber nicht von Polizisten besetzt waren. Manche fuhren im scharfen Tempo herum und forderten die Menschen zum Generalstreik auf. Nicht nur ich hatte den Eindruck, dass es sich hierbei um Aufrührer und Randalierer handelte. Solche Leute waren alles andere als unzufriedene Werktätige. Sie hielten an staatlichen Gebäuden und HO-Geschäften und rissen dort Schilder und Losungen herunter.

Ich beschloss in dieser Situation zur sowjetischen Kommandantur zu fahren. Vorher wollte ich das Motorrad in der MTS-Station Pouch auftanken. Als ich auf dem Dorfplatz ankam, standen dort Arbeiter, die in Richtung Bad Düben wollten, aber aussteigen mussten, damit andere Arbeiter aus Bitterfeld geholt werden konnten. Unter ihnen waren welche, die mich kannten. Der Anführer dieser Gruppe war der Sohn eines Gastwirtes. Eine kleine Gruppe der dort Anwesenden kam auf mich zu und bemächtigte sich des Motorrades mit den Worten: »Das gehört jetzt uns Sie versuchten, mich in Richtung des Muldenabhanges zu drängen. Jetzt erschien der Fahrer eines Busses, der mich als sein häufiger Fahrgast erkannte. Er erklärte der Gruppe, dass er zum Streikkomitee gehöre und beauftragt sei, Funktionäre nach Bitterfeld zu fahren. Er nahm dem Gastwirtssohn trotz dessen Protestes das Motorrad weg, setzte sich drauf und bedeutete mir, auf den Hintersitz zu steigen. Er fuhr eine kurze Strecke in Richtung Bad Düben, hielt dann an und meinte besorgt: »Mach, dass du wegkommst

Dieser um meine Sicherheit besorgte ehemalige Busfahrer erzählte mir später, dass die Männer beabsichtigt hätten, mich vom 15 Meter hohen Muldenufer in die Tiefe zu werfen.

Wenige Tage danach war der Gastwirtssohn mit seinen Kumpanen nicht mehr zu finden. Sie hatten sich nach dem Westen abgesetzt. Vielleicht sind sie heute Freiheitshelden.

Nach diesem Zwischenfall fuhr ich nach Hause zu meiner Frau, um sie zu beruhigen, denn man hatte ihr mitgeteilt, ich sei umgebracht worden. Ich begab mich dann zur Dienststelle nach Bitterfeld. Unterwegs waren randalierende Gruppen von Jugendlichen zu sehen, die Verwüstungen anrichteten, Uniformierte angriffen und deren Uniformen zerrissen.

In den Vormittagsstunden fand in Bitterfeld eine De­monstration mit einigen tausend Betriebsangehörigen der Farbenfabrik Wolfen statt, denen sich Arbeiter des Chemischen Kombinats Bitterfeld anschlossen. Sie zogen bis zu den Binnengartenwiesen in Stadtmitte. Einige, die sich als Streikleitung ausgaben, hielten Reden und verlangten die Abdankung der Regierung und die Zurücknahme der Normerhöhung, einer von ihnen auch die Wiedervereinigung mit der BRD. An öffentlichen Gebäuden wurden auch wieder Zerstörungen vorgenommen. Nach der Kundgebung verlief sich die Menge bzw. wurde mit bereitstehenden Bussen nach Hause gefahren. Etliche der Randalierer setzte sein Treiben in den Heimatorten fort, oftmals mit zerstörerischer Gewalt. In Bad Düben zerstörten etwa fünf  Randalierer mit Äxten und Beilen die auf dem Marktplatz befindliche hölzerne Taube, das Symbol für Frieden und Freundschaft. Diese Personen wurden später festgenommen und strafrechtlich zur Verantwortung gezogen.

In einem im Jahre 2007 hier erschienenen Bildband steht: »Auch in Bad Düben fuhren am 17. Juni 1953 sowjetische Panzer auf und schlugen den Arbeiteraufstand nieder. Nach Zeugenaussagen wurden an diesem und den nachfolgenden Tagen 200 Menschen aus Bad Düben verhaftet …« Nach meiner persönlichen Wahrnehmung wurden außer den genannten fünf Personen keine weiteren Festnahmen vorgenommen.

Vor einigen Jahren behauptete eine Verwandte aus Mannheim in einem Gespräch mit mir, dass zum 17. Juni in Bad Düben viele Menschen zu Tode gekommen wären. Nach dem ich sie von meinen Erlebnissen und persönlichen Wahrnehmungen überzeugen konnte, räumte sie ein, sich ihre Meinung nur von unbelegbaren Gerüchten aus Zeitungen gebildet zu haben. Ein Beispiel, wie mit der vorgeblichen Wahrheit, auch in den Medien, umgegangen wird und welche Auffassungen sich daraus ableiten.

Weiter zu den Ereignissen:

Im Sitz der Stadtverwaltung erhoben sich Leute zu Streikkomitee-Mitgliedern, die Verbindung zum bestehenden Komitee der Farbenfabrik Wolfen aufnahmen. Am frühen Nachmittag des 17. Juni erschien ein »Berater« in der Farbenfabrik. Es handelte sich um einen ehemaligen Werksangehörigen, der nach dem Westen gegangen war und nun an der Freien Universität Berlin studierte. Nun war er mit einem »Forderungskatalog« zurückgekehrt. Während das Streikkomitee zu weiteren Maßnahmen aufforderte, wurde die Sitzung unterbrochen und aufgelöst, weil bekannt wurde, dass mit Hilfe sowjetischer Truppen der Staatsapparat und die staatlichen bzw. wirtschaftlichen Strukturen wieder arbeiteten. Der »Berater« verschwand heimlich wieder nach Berlin zu seinen Auftraggebern.

Aus der Analyse der Vorkommnisse, auch in Bitterfeld, ging hervor, dass kein Vertrauen mehr zur SED- und Staatsführung vorhanden war. Eine Wiedervereinigung allerdings stand zu jenem Zeitpunkt nicht auf dem Forderungskatalog.

Am Nachmittag des 17. Juni begannen wir mit Aufräumungsarbeiten in der verwüsteten Dienststelle und machten eine Bestandsaufnahme der Akten, Unterlagen und Dokumente. Randalierer hatten alles aus dem Fenster geworfen und Herumstehende hatten sich davon bedient. Die Akten wurden im Raum Muldenstein bei verschiedenen Personen gefunden, die im Grunde genommen nichts mit den eigentlichen Randalierern zu tun hatten. Sie hatten außer der Befriedigung ihrer Neugier keinen weiteren Verwendungszweck für die Inbesitznahme der Unterlagen verfolgt.

Es wurden aber Beweise dokumentiert über Personen, die durch ihr Handeln Gesetze der DDR verletzt hatten. Es galt jedoch der Grundsatz, dass Streiks und Demonstrationen nicht als Straftaten behandelt wurden. Zu einigen Personen wurde ermittelt, weil sie sich die Rolle von Streikführer angemaßt hatten und die Massen zu Maßnahmen gegen die DDR aufriefen. Einige waren bereits festgenommen worden. Es handelte sich dabei keinesfalls um Sozialdemokraten, die ihre Ideale verwirklichen wollten, wie wahrheitswidrig behauptet wird. Es waren vielmehr hasserfüllte Feinde der DDR, die deren Beseitigung zum Ziele hatten, was sie auch in den Vernehmungen zum Ausdruck brachten.

Auf Grund einer Weisung des Justizministers der DDR wurden, auch wenn formaljuristisch Strafrechtsverletzung vorlag, die meisten Verfahren eingestellt und Haftbefehle aufgehoben.

Es sollte interessieren, wie die Einschätzung zustande kam, es habe sich um einen faschistischen Putsch gehandelt. Die Arbeitsergebnisse, zu denen auch inoffizielle Kräfte beitrugen, sagten aus, dass in mehreren Fällen ehemalige Wehrmachtsoffiziere und Nazis, die in der Produktion untergekommen waren, auf Grund ihrer aus früherer Tätigkeit vorhandenen Erfahrungen und Fähigkeiten sich an die Spitze von Demonstrationen und Versammlungen setzten. Solche Beispiele gab es auch in anderen Bereichen. In den chemischen Werken Leuna waren eine Reihe ehemaliger Nazis in der Produktion tätig, die nun die Zeit für gekommen hielten, gegen die ihnen verhasste DDR vorzugehen.

Diese Beispiele wurden in der Auswertung durch die SED-Führung zum Anlass genommen, die Ereignisse am 17. Juni als faschistischen Putsch einzuschätzen. Nach meiner Meinung aber waren die Demonstrationen und Streiks eher Ausdruck einer verständlichen Unzufriedenheit der Bevölkerung, die von erklärten Gegnern einer Entwicklung zum Sozialismus skrupellos ausgenutzt wurde, flankiert von Randalierern, denen an Verwüstungen und Zerstörung gelegen war. Von solchen Handlungen distanzierte sich jedoch der größte Teil der Demonstranten.

Wie ging es nach diesen Tagen weiter?

Ein »Weiter so durfte es in der DDR nicht geben. Bereits am 16. und 17. Juni waren ja einige der Unruhe auslösenden Maßnahmen, zum Beispiel die Normenerhöhung und der Lebensmittelkartenentzug zurückgenommen worden. Auch innerhalb der MfS-Dienststellen wurden die Ereignisse ausgewertet und über den weiteren Weg diskutiert. Auch im MfS gab es Veränderungen. Der Staatssicherheit wurde von der SED- und Staatsführung vorgeworfen, die Gefahr eines faschistischen Putsches und die Stimmungslage in der Bevölkerung nicht erkannt zu haben. Das Ministerium für Staatssicherheit wurde nun dem Ministerium des Innern unterstellt. Der seinerzeitige Minister Zaisser wurde seiner Funktion enthoben und an dessen Stelle wurde Wollweber als Staatssekretär eingesetzt. Nach zwei Jahren wurde das Organ der Staatssicherheit wieder ein Ministerium und Erich Mielke als Minister eingesetzt.

Durch Mielke wurden praxiswirksame Schlussfolgerungen gezogen. Es begann eine Tätigkeit, die sich nicht, wie bisher, mit sporadisch ausgewerteten Informationen zufrieden gab. Dazu gehörten ständige Lageeinschätzungen und eine von der politisch-operativen Lage abgeleitete Planung für Maßnahmen zur Abwehr gegnerischer Handlungen. Mielke legte besonderen Wert auf eine ständige objektive Einschätzung der Stimmung in der Bevölkerung, eine Maßnahme, die bislang folgenschwer vernachlässigt wurde. Nach dem 17. Juni wurden Erkenntnisse erarbeitet zu Personen, von denen feindliche Handlungen und Gefahren für die gesellschaftlichen Verhältnisse der DDR ausgehen konnten. Grundlage für solche Einschätzungen waren gründliche Analysen in den jeweiligen Verantwortungsbereichen. Die Ereignisse des 17. Juni lehrten uns, dass es noch Feinde gibt und sich neue Gegner entwickeln können. Wir erkannten aber auch jene Bürger, die sich mit der DDR verbunden fühlten. Wir vertrauten den Erfahrungen, dass es unter den Arbeitern und Bauern kaum Personen gibt, die für den Gegner zu arbeiten bereit sind.

Eine heute uns immer wieder unterstellte »flächendeckende Überwachung« war aus der vorgenannten Erkenntnis operativ nicht geboten und aus technischen und personellen Gründen nicht machbar. Jede operative Arbeit kann sich nur auf Schwerpunkte richten.

In diesen Wochen und Monaten wurde in den Diensteinheiten intensiv über das weitere Vorgehen beraten. Durch Befehle wurde geregelt, dass auf Grund der ökonomischen Lage so zu arbeiten ist, dass Schäden, wirtschaftliche Störungen jeglicher Art im Produktionsprozess und in der Wirtschaft allgemein verhindert werden müssen. Die vorbeugende Arbeit hatte den Vorrang.

Weiter im Mittelpunkt der Analyse der operativen Arbeit stand die Qualifizierung der eigenen Arbeit. Es wurden Maßnahmen zur Verbesserung der politischen, rechtlichen und fachlich-spezifischen Arbeit festgelegt. In der Kreisdienststelle eignete ich mir die Kenntnisse zur Aufklärung und Abwehr feindlicher Angriffe an. Es wurden dabei umfangreiche Erkenntnisse und Erfahrungen erworben. Aber Gewalthandlungen in der operativen Arbeit waren mir und meinen Genossen zutiefst fremd. Sie passen nicht in das Bild bewusster Kommunisten.

In der Zeit der Neuordnung unserer Arbeit nach dem 17. Juni wurde mir die Leitung der Arbeitsgruppe Landwirtschaft für das gesamte landwirtschaftliche Territorium des Kreises übertragen. Für die vier Maschinen-Traktoren-Stationen im Kreis wurden vier Mitarbeiter eingesetzt. Es verstand sich, dass eine erfolgreiche operative Arbeit nur im Zusammenwirken mit den Leitern und Mitarbeitern des MdI, der betrieblich Verantwortlichen und mit der Bevölkerung zu leisten war.

Im Zusammenhang einer geplanten genossenschaftlichen Landwirtschaft fanden Vorträge und Seminare statt. Durch meine Teilnahme geriet ich wohl ins Blickfeld von Verantwortlichen der Bezirksverwaltung. Im Ergebnis eines geführten Kadergesprächs wurde ich 1956 von der Kreisdienstelle in die Bezirksverwaltung Halle versetzt und als Referatsleiter Landwirtschaft der Abteilung III eingesetzt.

Für mich begann ein neuer Abschnitt meiner MfS-Zugehörigkeit, neue Verantwortungen, aber auch familiäre Schwierigkeiten. Ich wohnte immer noch in Bad Düben und kam meist nur an den Wochenenden nach Hause zur Familie. Zu den besonderen Vorkommnissen im Verantwortungsbereich musste ich immer vor Ort sein. Zudem gab es Arbeitsbereitschaften und OvD-Dienste. Es blieb leider die Kräfte verschleißende Praxis, dass auch beim geringsten, belanglosesten Vorkommnis, ob nun ein Strohschober brannte oder eine Verpuffung in der chemischen Industrie erfolgt war, ein Mitarbeiter des MfS vor Ort sein sollte.

Später, als Leiter der Bezirksverwaltung (BV), habe ich versucht, diesen überspannten operativen Unsinn einzudämmen. Konnte nicht das Geschehen durch andere verantwortliche Mitarbeiter des Staatsapparates festgestellt und dann das MfS davon unterrichtet werden? Leider gehörte es zu den Erwartungen der Vorgesetzten, Informationen, die einer Schwerpunktarbeit entgegenstanden, unmittelbar direkt zu erhalten. Jeder wollte schnellstens und möglichst umfassend über alles informiert werden, egal, ob Hinweise zu einer Feindtätigkeit vorlagen oder nicht. Das führte zu Konkurrenzdenken zwischen den Untersuchungsorganen und eingesetzten Mitarbeitern der beteiligten Dienste. Jeder wollte als erster der vorgesetzten Dienststelle Ergebnisse melden. Das Meldesystem war so gestaltet, dass eine Nichtinformation in Berlin sofort bemerkt wurde.

In ein solches System schleichen sich Fehler ein bis hin zu schlecht recherchierten und mangelhaft untersuchten Vorgängen.

Heute sind es die Medien, die als erste mit umfangreichen Berichten untereinander konkurrieren und den Wahrheitsgehalt vernachlässigen.

 

 

Meine Station Bezirksverwaltung Halle ab 1956

 

Nach meiner Versetzung von der Kreisdienststelle Bitterfeld zur Bezirksverwaltung des MfS Halle war ich für die Sicherung der Landwirtschaft des Bezirkes Halle zuständig. Ich befand mich also in der Verantwortung, dass auf dem Lande die sozialistische Entwicklung ohne Störung durch DDR feindlich gesinnte Kräfte voran schreiten konn­te. Meine Bitterfelder Erfahrungen halfen mir dabei ganz wesentlich. Anders als im Kreis Bitterfeld, wo die Mitarbeiter für den jeweiligen MTS-Bereich zuständig waren, war mein Referat »Absicherung der Landwirtschaft« Abteilung III, der späteren Abteilung XVIII, für die Sicherung der landwirtschaftlichen Betriebe im Bezirk verantwortlich. Das war mir alles neu und manches fremd. Hinzu kam, dass ich in ein Arbeitskollektiv versetzt wurde, wo mindestens zwei Mitarbeiter gehofft hatten, als Referatsleiter eingesetzt zu werden. Ich war inzwischen zum Oberleutnant befördert worden.

In dieser Funktion als Referatsleiter arbeitete ich bis 1962. In dieser Zeit wurde die Kollektivierung der Landwirtschaft vorangebracht. Das war auch notwendig, um die Versorgung der Bevölkerung gewährleisten zu können. Mit den bisherigen Strukturen der bäuerlichen Einzelwirtschaften war diese Aufgabe nicht lösbar. Nur die Großraumwirtschaft konnte die erforderliche Arbeitsproduktivität schaffen. Die vorbeugende Verhinderung beziehungsweise Aufklärung von Bränden, Störungen, Viehvergiftungen, die Ursachenforschung solcher Ereignisse waren Hauptaufgabe des von mir geleiteten Referates.

Es gelang in der Regel, die Täter, die mit ihren Handlungen die neue Entwicklung in der Landwirtschaft stören wollten, zu ermitteln und festzunehmen. Ihre Absicht bestand vor allem in der Vernichtung und dem Unbrauchbarmachen von Betriebsausrüstungen der Maschinen- und Traktorenstationen. Zum Beispiel wurden von einem Bauernsohn, der in der MTS als Traktorist arbeitete, an den landwirtschaftlichen Großgeräten bewusst Beschädigungen vorgenommen, um deren Einsatz zu hintertreiben. In einem anderen Fall brannte eine Scheune ab. Die Untersuchungen ergaben, dass ein Buchhalter, der ehemals Angestellter eines Gutsbesitzers war, aus seiner Gegnerschaft zur sich anbahnenden sozialistischen Umgestaltung den Brand gelegt hatte.

Natürlich gab es auch Störungen, Brände, Fälle von Viehvergiftungen, die (wie schon erwähnt) nicht politisch motiviert waren, sondern aus Fahrlässigkeit oder mangelnder Praxiserfahrung oder aus rein persönlichem Fehlverhalten entstanden. Die SED-Bezirksleitung ging aber davon aus, dass solche Ereignisse in der Regel das Ergebnis bewusster Feindtätigkeit sein müssten. Ein Beispiel, das dieser Auffassung entgegen stand: Im Jahre 1957 brannte eines Nachts in einem Volksgut im Kreis Querfurt ein Rinderstall ab. Der Schaden durch Tierverluste war enorm. Ich begab mich mit einem Mitarbeiter zum Brandort. Die Volkspolizei war mit der Brandermittlung dabei und die Feuerwehr gab erste Expertisen. Zweifelsohne lag Brandstiftung vor. Lag feindlich-politische Absicht zugrunde? Die Feuerwehr war relativ spät zum Löscheinsatz gelangt. Im Ort fand wenige hundert Meter vom Brandort entfernt ein Feuerwehrball statt. Die Einsatzkräfte mussten erst nach Hause und sich umkleiden. In dringenden Verdacht geriet ein Melker, ein 22-jähriger Mann, der Stalldienst hatte. Im Verlaufe der Befragung legte er ein Geständnis ab. Er hatte den Brand gelegt, nachdem ihn der Feuerwehrleiter nachts 2 Uhr aufgefordert hatte, das Vergnügen zu verlassen und seinen Dienst im Stall anzutreten. Es habe ihn wütend gemacht, als er von seiner Arbeitsstelle aus das Treiben von der nahe gelegenen Gaststätte hörte. Er legte das Feuer, damit die dort befindlichen Ballteilnehmer auch nicht mehr feiern konnten. Staatsfeindliche Motive waren ihm nicht nachzuweisen.

Meine Tätigkeit in der Bezirksverwaltung verlangte ständige Einsatzbereitschaft, denn die Einsatzorte bei besonderen Vorkommnissen lagen weit auseinander. Ich konnte nicht täglich nach Hause fahren und auch an Wochenenden wurden häufig solche Vorkommnisse gemeldet. In einer jungen Ehe wie meiner, war das belastend, denn auch mein wenige Jahre alter Sohn brauchte mich.  Zu jener Zeit wurde ich zu einem zweijährigen Qualifizierungslehrgang nach Potsdam-Eiche delegiert. Mein Einverständnis hierfür war eine schwierige Entscheidung, aber ich fügte mich der Einsicht in die Notwendigkeit.

Am 15. Oktober 1958 trat ich als Kursant an der Hochschule an. Besonders belastend war die für Familienväter unnötige Härte, nur vierteljährlich nach Hause fahren zu dürfen. Später, nach Protesten der Lehrgangsteilnehmer, wurde diese Reglung flexibler gehandhabt. Darüber hinaus gab es während der Zeit in Potsdam-Eiche neben dem eigentlichen Ausbildungsprogramm viele Einsätze in der dortigen LPG und Aufbaustunden bei der Schaffung eines Sportplatzes.

Das Lernen wurde unnötig erschwert, indem das Selbststudium in festgelegten Seminarräumen zu erfolgen hatte. Nach Kritik der Kursanten wurde das Studium in den Unterkunftsräumen erlaubt.

Ich erlernte hier auf einem beachtlichen hohen theoretischen Niveau Grundlagen der marxistischen Weltanschauung, der marxistischen Philosophie, des Strafrechts der DDR sowie Kenntnisse der spezifischen operativen Arbeit des MfS, also Führung von Operativ-Vorgängen (OV), Operative Personenkontrolle (OPK) und die Zusammenarbeit mit Inoffiziellen Mitarbeitern (IM). Des Weiteren wurden wir über Grundlagen der Kriminalistik und der Tatortarbeit unterrichtet. Nach zwei Jahren beendete ich den Lehrgang erfolgreich und wurde wieder in meiner bisherigen Tätigkeit als Referatsleiter der Abteilung Landwirtschaft in der BV Halle eingesetzt.

In der Zwischenzeit war während meines Lehrgangsbesuches im Wesentlichen die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft im Bezirk Halle abgeschlossen. Es waren auf dem Weg dorthin viele Vorbehalte und Bedenken zu überwinden. Später erklärten mir Bauern freimütig, dass sie sich dieser Entwicklung nicht so hartnäckig widersetzt hätten, wenn ihnen Vorteile und Erleichterungen einer genossenschaftlichen Landwirtschaft bekannt gewesen wären. Sie konnten nun erstmalig in ihrem bäuerlichen Leben auch in Spitzenzeiten Urlaub mit der Familie machen, hatten eine normale Arbeitszeit und profitierten von der genossenschaftlichen Großraumwirtschaft. Da die meisten Landwirte hohe fachliche Kenntnisse hatten, konnten sie als Vorsitzende, Brigadiere und Fachspezialisten eingesetzt werden und waren dadurch auch finanziell gut gestellt. Töchter und Söhne der LPG-Mitglieder besuchten landwirtschaftliche Hoch- und Fachschulen und stärkten als Diplom-Agronomen, Tierärzte oder mit anderweitigen qualifizierten Kenntnissen die landwirtschaftlichen Großbetriebe.

Aber auch die wenigen Einzelbauern, die absolut nicht in die LPG eintreten wollten, wurden deshalb nicht vorsätzlich benachteiligt. Auch deren Kinder machten von den vorteilhaften Bildungsmöglichkeiten Gebrauch und wendeten sich dann dem landwirtschaftlichen Bereich zu.

Im Jahre 1962 bekam ich den Auftrag, als stellvertretender Leiter der Abteilung III – Sicherung der Volkswirtschaft – zu arbeiten. Nunmehr war ich für die Absicherung der Landwirtschaft sowie für alle anderen Objekte, die mit der Landwirtschaft verbunden waren, verantwortlich. Das waren u. a. die Abteilung Landwirtschaft beim Rat des Bezirkes, das Tiergesundheitsamt und ähnliche Einrichtungen.

Zu jener Zeit häuften sich Hinweise, dass Experten, Fachleute solcher Einrichtungen für eine Tätigkeit in der BRD abgeworben werden sollten. Es galt dringend, solche Absichten zu verhindern. Mit einigen von ihnen wurden unter Einbeziehung ihrer Vorgesetzten offensive Aussprachen über ihre Perspektiven in der DDR geführt, wobei sie ihre Absichten, in den Westen zu gehen, oft offen legten. Nicht alle Abwerbungsversuche waren zu unterbinden. Die an einer Tätigkeit im Westen interessierten Personen oder Partner setzten sich vielfach mit aus der BRD bzw. Westberlin tätigen Schleuser-Organisationen in Verbindung, die ein illegales Verlassen der DDR organisierten. Diese Leute waren keinesfalls Fluchthelfer, sondern, auch nach heutigem Recht, kriminelle Schleuser.

Infolge des zunehmenden Auftretens von Schäden in der Landwirtschaft wurde innerhalb der Abteilung Sicherung der Volkswirtschaft die Arbeitsgruppe »Brände und Störungen« (BuS) geschaffen, deren Mitarbeiter auf diesem Gebiet entsprechend geschult und qualifiziert wurden. Solche besonderen Vorkommnisse, die auf gezieltes Handeln hinwiesen, waren insbesondere an Feiertagen, wie zum Beispiel rund um den 1. Mai, zu verzeichnen. Durch die AG BuS konnte ein Großteil der Störungen und Schadensverursachung aufgeklärt und die Täter überführt werden. Vorbeugend gegen Störungen wurden die Ordnung erhöht und Verantwortlichkeiten festgelegt.

Im Jahre 1965 setzte der Chef der BV mich als Leiter der neu geschaffenen Diensteinheit »Anleitung und Kontrolle« ein. Mein unmittelbarer Vorgesetzter war zwar der Leiter der BV, die Zusammenarbeit mit seinen beiden Stellvertretern war aber ebenso notwendig. In dieser Funktion lernte ich alle im Bezirk tätigen Kreis- und Objektdienststellen eingehender als bis dahin kennen. Ich gewann einen Überblick über die Situation an der Basis. Zu meinen Aufgaben gehörte auch, eine Statis­tik über die Arbeitsergebnisse zu führen sowie die Lageanalyse des Bezirkes zu kennen und auszuwerten, um Leitervorlagen zu erarbeiten.

In dieser Zeit bekamen wir zuverlässige Hinweise darauf, dass bei Kriegsende Personen aus dem Bezirk Halle Guthaben und wertvolle Gegenstände zurückgelassen und versteckt hatten. So wurde bei einem Bauern in einem zugemauerten Kellerversteck tausende Flaschen hochwertiger Spirituosen und Weine gefunden. Wie sich herausstellte, gehörte dieser Fund einem nach den Westen gegangenen Fabrikbesitzer, der mit dem Bauern befreundet war.

Von der Regierung wurde für alle staatlichen Organe die »Aktion Licht« angeordnet. Diese Maßnahme beinhaltete, dass alle durch ehemalige faschistische Institutionen oder Einzelpersonen versteckten materiellen und geistigen Werte in das Eigentum der DDR zu überführen sind. Eine Reihe Materialien sowie Schriftgut von besonderem Wert konnte gefunden und sichergestellt werden. Viele Gegenstände waren aber bereits im Westen.

Eines Tages erhielt eine Kreisdienststelle des MfS die Information, dass in Dessau in einem durch Bomben beschädigten Kellerraum ein Panzerschrank, gekennzeichnet mit »II«, entdeckt worden sei. Nach dem Öffnen des Schrankes fand man zahlreiche Schmuckgegenstände aus Gold und Edelsteine sowie ein Inventarverzeichnis. Es handelte sich um den Schmuck der Zarin von Russland, Katharina II., die in Zerbst aufgewachsen war. Der Prinzessinnen-Schmuck war zum Schutz vor Bombenangriffen nach Dessau ausgelagert worden. Dem erwähnten Inventarverzeichnis war zu entnehmen, dass irgendwo noch ein zweiter Tresor vorhanden sein müsste. Nun begann die Suche nach dem Panzerschrank »I«.

Eine Arbeitsgruppe der Volkspolizei und der MfS-Bezirksverwaltung ermittelte folgendes: Nach Angaben von Verwaltungsangestellten aus Dessau war Anfang der 50er Jahre der fragliche Panzerschrank zu einer Firma nach Halle transportiert worden, die sich mit dem Bau und dem Transport von Panzerschränken beschäftigte. Dort lag ein Protokoll vor, wonach zwei Arbeiter den Schrank öffneten und ihn leer vor fanden. Das stand im Widerspruch zu der Inventarliste im von uns gefundenen Schrank. Ermittlungen ergaben, dass beide Arbeiter in außergewöhnlich vorteilhaften materiellen Verhältnissen lebten. Beide hatten sich ein Haus gebaut, besaßen neue Autos und die Familien gaben unverhältnismäßig viel Geld aus. Das waren dringende Verdachtsgründe, die dem zuständigen Staatsanwalt reichten, um ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Das Untersuchungsorgan des MfS bearbeitete diesen Vorgang. Die Arbeiter gestanden angesichts der Beweislage, dass sie sämtliche vorgefundenen Schmuck -und Wertgegenstände entnommen und unterschlagen hatten. Bei einer Hausdurchsuchung wurden eingeschmolzenes Gold und Edelsteine sichergestellt. Zum Verbleib der Wertsachen sagten sie aus, in Halle einen Goldschmied aufgesucht und verschiedene Wertgegenstände zum Kauf angeboten zu haben. Nach erfolgter Wertprüfung durch den Goldschmied erhielten die Arbeiter einen größeren Geldbetrag. Im Verlaufe der Zeit boten sie weitere Stücke an.

Eines Tages teilte der Geschäftsmann den Verkäufern mit, dass sich ein Westdeutscher angemeldet habe, der am Kauf von Schmuck aus dieser Beute interessiert sei. Um an Westgeld zu gelangen, sollten sie den Rest von Schmuck und Edelsteinen übergeben, damit deren Wert festgestellt und an den Westdeutschen verkauft werden könne. Das geschah auch so. Weil sich aber der Goldschmied nicht wieder von sich aus, wie vereinbart, meldete, suchten sie ihn nach einigen Tagen auf. Sie trafen ihn jedoch nicht mehr an, sondern mussten feststellen, dass er sich mit Familie samt ausgehändigten Wert- und Schmucksachen über Nacht nach dem Westen abgesetzt hatte. So waren aus den Dieben zusätzlich Betrogene geworden.

Der BV-Chef hatte infolge seines früheren Kampfes in den Reihen sowjetischer Partisanen gegen die deutschen Faschisten eine angegriffene Gesundheit. Er verschwieg seine Erkrankung seinen Stellvertretern und zog mich dafür ins Vertrauen. Meine Situation gestaltete sich dadurch sehr ungünstig gegenüber den Stellvertretern, weil ich mich an das Wort meines Leiters gebunden fühlte, dessen Krankheit zu verheimlichen.

Nachdem der zweite Stellvertreter nach schwerer Krankheit verstorben war, übernahm ich quasi dessen Verantwortungsbereich und immer häufiger auch die Aufgaben des abwesenden Leiters der Bezirksverwaltung. Nachdem der 1. Stellvertreter in die MfS-Zentrale nach Berlin versetzt worden war, wurde mir diese Funktion übertragen. Damit war ich verantwortlich für die Abteilung III (später Abteilung XVIII und Abteilung XX (Absicherung des Staatsapparates und Sicherung der Beziehungen zu den Kirchen und für die Bekämpfung von Versuchen politischer Untergrundtätigkeit). Zugleich war ich verantwortlich für die Organisation des Geheimnisschutzes im Bezirk. Darüber hinaus amtierte ich als Leiter der BV, wenn dieser durch Krankheit, Urlaub oder bei Dienstberatungen in der Zentrale nicht anwesend sein konnte. Natürlich schuf das Probleme, zumal die mir nun unterstellten Leiter ehemals meine Vorgesetzten waren. Aber ich setzte mich durch. In dieser Funktion, die viel mehr Entscheidungen über Grundfragen abverlangte und Mitsprache einräumte bei der neu geschaffenen »Kollektiven Beratung« beim Leiter der BV musste ich mich erst eingewöhnen.

Unmittelbar nach Übernahme meiner Tätigkeit als Stellvertreter Operativ wurde ich zum Stellvertretenden Minister, General Fritz Schröter, nach Berlin befohlen. Er wollte mich näher kennenlernen und erwartete von mir eine Einschätzung der politisch-operativen Lage im Verantwortungsbereich Halle. Darauf war ich aber nicht vorbereitet, habe ganz allgemein die Lage eingeschätzt, wie ich sie in meiner Funktion als Leiter der Abteilung »Anleitung und Kontrolle« kannte. Ich zog aber daraus die Schlussfolgerung, dass mir immer eine Lageeinschätzung möglich sein muss, wenn ich zu meinen Vorgesetzten befohlen werde. Später wurde das zur Selbstverständlichkeit, weil man als Leiter ohnehin immer »in der Lage« leben muss.

General Schröter kritisierte, dass von der BV Halle kein Maßnahmeplan zur Absicherung der bevorstehenden Radfernfahrt für den Frieden durch die DDR, die CSSR und die Volksrepublik Polen vorlag, die durch Orte des Bezirkes rollte. Meine Erwiderung, dass ich den Plan für die Sicherungsmaßnahmen der Volkspolizei kenne, ließ General Schröder nicht gelten. Er belehrte mich, dass es kein wichtiges Ereignis im Bezirk geben dürfe, zu dem das MfS keinen eigenen Maßnahmeplan erstellt habe. Wichtig seien alle Ereignisse im Bezirk, die der Durchsetzung der Politik der SED und der Regierung dienten und durch die viele Menschen angesprochen würden. Das waren Messen, große Sportveranstaltungen, Staatsbesuche, Eröffnung von besonderen Bauwerken und so weiter. Später, als ich als Leiter der BV Minister Mielke unmittelbar unterstellt war, erkannte ich die Nützlichkeit des Gesprächs mit General Schröder. Es gehörte zu einem der grundsätzlichen Arbeitsprinzipien des Ministers, dass es im jeweiligen Verantwortungsbereich keine Zwischenfälle geben darf, die voraussehbar gewesen wären. Egal, ob es sich um Feindtätigkeit oder nur um Fahrlässigkeit handelt.

So wurde die Leistungsfähigkeit der operativen Diensteinheiten weniger daran gemessen, wie viel Feinde erkannt und festgenommen wurden, sondern welches tatsächliches Ergebnis die vorbeugende Arbeit erbracht hat, wenn also gemeldet werden konnte, es gab keine relevanten operativen Vorkommnisse. Natürlich durfte niemals die Suche nach dem Feind und dessen Identität, also nach Spionen, Saboteuren und anderen Personen, die in Feindabsicht handelten, vernachlässigt werden. Das stand im Mittelpunkt der operativen Arbeit aller Diensteinheiten, denn es gab reichliche Erkenntnisse über das Wirken der NATO-Geheimdienste. Von der BRD und Westberlin aus operierten mehr als 80 Geheimdienste und Feindorganisationen, einschließlich der Schleuser-Organisationen, gegen die DDR.

Im Wissen um die Bedeutung der Volkswirtschaft für die DDR konzentrierte ich mich in meiner Führungstätigkeit auf die industrielle Produktion sowie auf das Verkehrswesen.

Die Anleitung der Abteilung XX der BV richtete sich auf die Lage in den staatlichen Verwaltungen, die Zusammenarbeit mit der Arbeiter-und-Bauern-Inspektion (ABI), die regelmäßige Kontrolle in den Verwaltungen, des Handels und anderen wichtigen Bereichen. Die dort erarbeiteten Ergebnisse waren für die Gesamteinschätzung im Bezirk von Bedeutung. Es gab die Erscheinung, dass der DDR negativ gegenüberstehende Kräfte in verschiedenen Kirchenleitungen der evangelischen Kirche untergekrochen waren und so das Dach der Kirche als Schutz für feindliche Aktivitäten missbrauchten.

Im Sommer 1968 war es zu konterrevolutionären Ak­tionen in der CSSR gekommen. Verbände der Armeen der Warschauer Vertragsstaaten – mit Ausnahme der DDR – unterbanden solche Handlungen. Während dieser Zeit befand sich die BV in erhöhter Einsatzbereitschaft, denn mit antisozialistischen Aktionen konnte gerechnet werden. Aber es kam zu keinen nennenswerten Aktionen sozialismusfeindlicher Kräfte. Vereinzelt wurden Losungen an die Häuserwände geschmiert und Plakate angebracht, was aber ohne Wirkung blieb.

In Vertretung des amtierenden Leiters der BV bekam ich es zwangsläufig auch mit solchen Diensteinheiten zu tun, die dem Leiter direkt unterstellt waren. Dazu gehörte die strafprozessuale Untersuchungsabteilung der Bezirksverwaltung, die, wie auch eine Untersuchungshaftanstalt, im so genannten »Roten Ochsen«, untergebracht war.

Weiterhin musste ich vertretungsweise die Kontrolle und Anleitung der gen Westen gerichteten Aufklärungsabteilung, der Abteilung XV, übernehmen. Unsicherheiten gab es bei mir in Bezug auf die Abteilung Kader und Schulung, die für die Kaderarbeit und Bildung der Mitarbeiter verantwortlich war. Dazu gehörte auch die Anleitung der einzelnen Diensteinheiten, um einheitliche Kader- und Schulungsarbeit in allen Diensteinheiten durchzusetzen. Mein Vorgänger wurde 1971 als Delegierter zum VIII. Parteitag der SED gewählt. Nach seiner Rückkehr machte er eine kurze Auswertung und ich musste wiederum bis November des Jahres die BV kommissarisch leiten. Viel Zeit brauchte ich zum Studium der Materialien, der Reden und Beschlüsse dieses Parteitages. Doch es war notwendig, weil überall im Land, auch im MfS, im Sinne der Parteitagsbeschlüsse zu arbeiten war. Dazu gab es ausdrückliche Orientierungen an alle Leiter der Diensteinheiten durch Erich Mielke, der seit 1971 Kandidat und seit 1976 Mitglied des Politbüros der SED war. In dieser Zeit nahm ich ein Fernstudium an der Juristischen Hochschule des MfS in Potsdam-Eiche auf, das ich mit guten Ergebnissen als Diplom-Jurist abschließen konnte.

 

 

Als Leiter der Bezirksverwaltung Halle des MfS

 

In der zweiten Hälfte des Jahres 1971 nahm der Leiter der BV Halle seinen Dienst aus gesundheitlichen Gründen nicht wieder auf. Ich wurde von Minister Mielke mit der kommissarischen Leitung der BV beauftragt. Gleichzeitig erfolgte durch den Nationalen Verteidigungsrat (NVR), der seit 1958 existierte, meine Einstufung als Nomenklaturkader, und Ende des Jahres wurde ich vom NVR zum Leiter der Bezirksverwaltung Halle des MfS ernannt. Auf Antrag des 1. Sekretärs der SED-Bezirksleitung wurde ich in die Bezirksleitung kooptiert und bei der nächsten Wahl 1974 als Leitungsmitglied gewählt.

Als mich nach 1990 Journalisten aus der BRD über das Verhältnis der SED mit dem MfS befragten, spürte ich deren feindselige Voreingenommenheit und ihr fehlendes Wissen zu dieser Problematik. Sie waren voller Hass und an informativen Auskünften gar nicht interessiert. Sie ließen sich vom Irrglauben leiten, das MfS hätte sich in einer übergeordneten Position zur SED befunden, unterwandert von Inoffiziellen Mitarbeitern, um die Linie des MfS durchzusetzen. Sie waren nicht zu belehren. Man kann im Grunde genommen solche Urteile nicht ernst nehmen, weil man die Regimeverhältnisse in der DDR und die Rolle der führenden Partei nicht zur Kenntnis nehmen will. Wer sich so verhält, dem steht seine eigene Voreingenommenheit im Wege.

Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands war entsprechend der Verfassung der DDR die führende Kraft. Sie legte die Ziele und den Weg wie auch die Maßnahmen zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaftsordnung fest. Durch die Volkskammer, den Nationalen Verteidigungsrat und andere Gremien wurden solche Festlegungen in gesetzliche und andere rechtsstaatliche Normen gefasst. Diese waren auch für das MfS bindend. Die Führung der SED betraf alle gesellschaftlichen Bereiche. Kein Sekretär einer gewählten SED-Leitung hätte zugelassen, wenn im Zuständigkeitsbereich vom MfS die Parteibeschlüsse missachtet worden wären. Prioritäten standen in jeder Hinsicht der SED zu.

Natürlich erhielt der jeweils 1. Sekretär keinen Einblick in Sachverhalte, die der Geheimhaltung unterlagen, zum Beispiel laufende operative Maßnahmen oder die Namen der Inoffiziellen Mitarbeiter. Aber die Hauptrichtung der operativen Arbeit entsprach grundsätzlich den Beschlüssen der unterschiedlichen Parteiebenen, und das hieß führende Rolle der Partei. Die Leitungen der MfS-Diensteinheiten waren verpflichtet, die jeweiligen 1. Sekretäre ständig über die Sicherheitslage im Territorium zu informieren.

Das Verhältnis zwischen den Leitern der Diensteinheiten und den 1. Sekretären war insgesamt gut. Das hing auch davon ab, wie der Leiter der Diensteinheit Vertrauen erlangte und wie sorgfältig er die politisch-operative Lage beherrschte. Ich lernte während meiner Tätigkeit als Leiter der Bezirksverwaltung drei 1. Sekretäre der SED-Bezirksleitung Halle kennen. Das waren nacheinander Horst Sindermann, Werner Felfe und in den 80er Jahren Joachim Böhme. Mit allen hatte ich ein sauberes, vertrauensvolles Parteiverhältnis. Meine Meinung war gefragt und meine Lageeinschätzungen wurden ernst genommen.

Als Leiter der BV, aber auch schon als amtierender Stellvertreter, bemerkte ich, dass einige Leiter und deren Stellvertreter, insbesondere von Kreisdienststellen, den immer komplizierter werdenden operativen Aufgaben nicht mehr gewachsen waren. Oft fehlten ihnen Rechtskenntnisse bzw.  die Fähigkeit, von diesen in konkreten Situationen Gebrauch zu machen. Die dadurch entstehenden subjektiven Entscheidungen konnten das Verhältnis zur Bevölkerung beeinträchtigen. Einige Leiter erkannten ihre Leistungsschwäche und baten mich, sie von ihren Aufgaben zu entbinden. Sie fühlten sich, auch aus gesundheitlichen Gründen, überfordert.

Meine Aufgabe als Leiter der BV bestand folglich auch darin, solche Leiter zu finden und einzusetzen, die befähigt waren, die z. T. immer komplizierter werdenden fachlichen und politischen Aufgaben zu lösen. Ich musste mit Bedacht an diese Aufgabe herangehen, denn nicht alle wollten Zwänge einer personellen Veränderung verstehen. Handelte es sich doch oftmals um im antifaschistischen Kampf bewährte Genossen, die sich mit aller Kraft dem Aufbau antifaschistischer Sicherheitsorgane zur Verfügung stellten und dabei viele persönliche Opfer gebracht hatten. Inzwischen waren junge Kader herangewachsen, die Hochschulen und Universitäten absolviert hatten und über einen beachtlichen Bildungsstand verfügten. Sie standen praktisch in allen Diensteinheiten zur Verfügung und waren oftmals ihren Vorgesetzten an Leistungsfähigkeit und Entscheidungsfreude überlegen. Solche gut ausgebildeten Kräfte konnten nach und nach auch als mittlere leitende Kader (Arbeitsgruppen- und Referatsleiter) eingesetzt werden. Anspruchsvolle Maßstäbe setzte ich vor allem an Leiter und Mitarbeiter, die unmittelbar mit der Bevölkerung Kontakt hatten, wie Mitarbeiter der Untersuchungsabteilung oder Ermittler. Unwohl fühlte ich mich bei Kaderentscheidungen, die sich in der Praxis nicht bewährten und von mir Korrekturen verlangten. Das hatte nicht nur negative Auswirkungen für die betreffenden Kader selbst, sondern es wirkte sich auch auf das Arbeitskollektiv, das Arbeitsklima nachteilig aus.

Als BV-Leiter gehörte ich auch der Bezirkseinsatzleitung (BEL) an. Diese unterstand direkt dem Nationalen Verteidigungsrat. Einer BEL, die dem jeweiligen 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED unterstand, gehörten die Chefs bzw. Leiter der bewaffneten Organe des jeweiligen Bezirkes an. So der Vorsitzende des Rates des Bezirkes in seiner Eigenschaft als Leiter der Zivilverteidigung, der Chef der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei, der auch für die Ausbildung und den Einsatz der »Kampfgruppen der Arbeiterklasse« verantwortlich war, sowie der Chef des Wehrbezirkskommando der Nationalen Volksarmee. Die BEL wurde in ihren Sitzungen durch deren Mitglieder ständig über die politisch-operative Situation in Halle informiert. Sie tagte jährlich vier bis fünf Mal und behandelte regelmäßig Maßnahmen, die sich in Spannungsperioden oder im Vorfeld eines Krieges erforderlich machen könnten. Das waren im Allgemeinen rein theoretische Überlegungen.

Die Arbeit der Einsatzleitung orientierte sich an denkbaren Möglichkeiten und Bedingungen eines NATO-Angriffes, an den Plänen der NATO-Streitkräfte, die den Aufklärungsorganen der NVA mit ihren spezifischen Diensten und dem MfS bekannt waren. Zum Beispiel, welche Ziele die NATO für Atomwaffen vorgesehen hat oder welche Aufgaben die aus der Luft abgesetzten Aufklärungstrupps der NATO haben.

Mir oblag in diesem Zusammenhang die Aufgabe, im militärischen Spannungszustand die Sicherheitslage im Bezirk festzustellen und die BEL darüber zu informieren. Das betraf zum Beispiel die angenommene subversive Tätigkeit von feindlichen Luftlandeeinheiten. Dazu gehörte, sich einen Überblick zu Personen zu beschaffen, von denen in militärischen Spannungszeiten oder im Krieg mit hoher Wahrscheinlichkeit Feindhandlungen zu erwarten wären. Das betraf immer nur Einzelpersonen, keine vorherbestimmten Kategorien von Personen. Das betraf auch Personen, die wegen Mord, Totschlag, Raub und anderen Gewaltverbrechen inhaftiert gewesen waren und von denen in den benannten Spannungszeiten hätten Gefahren ausgehen können. Natürlich wurden auch Personen erfasst, von denen wir schon wussten, dass sie als Spione oder für andere Aufgaben staatsfeindliche Verbindungen unterhielten. Die für diese besonderen Lagebedingungen geplanten Maßnahmen waren differenziert. Für manche war nur eine kurze Verwahrzeit, für andere eine längere Zeit der Kontrolle vorgesehen. Wichtig war, jene Personen zu erkennen, von denen in Spannungszeiten eine Gefahr für Verteidigungsfähigkeit und Sicherheit der DDR ausgehen konnten.

In einer meiner Vernehmungen wurde ich 1990 von absolut ahnungslosen Vertretern der neuen Macht gefragt, warum 1989 Bezirkseinsatzleitungen gebildet und welche Maßnahmen gegen die Bevölkerung geplant worden wären. Auch eine in militärischen Dingen unerfahrene Person kann wissen, das militärische Einsatzleitungen in erster Linie Entscheidungen zur Landesverteidigung gegen einen Aggressor zu treffen haben. Die Auskunft erheischenden Personen wussten aber überhaupt nicht, dass solche Einsatzleitungen bereits seit 1953 bestanden. 1989 wurde durch die Bezirkseinsatzleitung lediglich eine Einschätzung der aktuellen Situation vorgenommen. Zu keiner Zeit wurden daraus Maßnahmen gegen die DDR-Bevölkerung abgeleitet.

Als Leiter der MfS-Bezirksverwaltung war mein Hauptpartner des Zusammenwirkens der Chef der Deutschen Volkspolizei im Bezirk. Er war für die öffentliche Ordnung und Sicherheit im Bezirk verantwortlich und daraus ergaben sich enge Kooperationsbeziehungen und gemeinsam zu lösende Aufgaben. Ihm unterstand die Kriminalpolizei und bei der Aufklärung von Bränden und Havarien und ähnlichen Vorkommnissen war für erfolgreiches Arbeiten enges Zusammenwirken unabdingbar. Jeden Morgen erhielt ich die Lagemeldung der Bezirksbehörde der Volkspolizei. So konnte ich mir über die Schwerpunkte der polizeilichen Situation ein brauchbares Bild machen und die zuständigen Diensteinheiten meines Verantwortungsbereiches konkret informieren. Dieser tägliche Rapport der Volkspolizei bestand oft nur aus zwei A4-Seiten. Es gab kaum schwere Kriminalität. Ein bis zwei Tötungsverbrechen und andere Verbrechen der schweren Kriminalität im Jahr. Überfälle waren äußerst selten, so dass sich die Konzentration der vorhandenen Kräfte auf die rasche Vorkommnisklärung richten konnte.

Als BV-Leiter lernte ich Personen aus dem Politbüro der SED und verantwortliche Funktionäre der anderen Parteien sowie gesellschaftlicher Organisationen kennen. Ich konnte mit ihnen über Interna der DDR-Politik reden und gelangte so zu Informationen, die ansonsten nur im kleinen Kreis von DDR-Funktionären zur Sprache kam.

Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit gab es auch mit dem Vorsitzenden des Rates des Bezirkes, also dem staatlichen Leiter des Bezirkes. Er war unter anderem für die Versorgungslage der Bevölkerung zuständig, die häufig Anlass zur Kritik gab. Außerdem unterstand ihm der Vorsitzende des Bezirkswirtschaftsrates, zu dessen Verantwortungsbereich wiederum die bezirksgeleitete volkseigene Industrie gehörte.

Hier war die vorbeugende Tätigkeit von besonderer Bedeutung. Das betraf auch die Versorgung der Bevölkerung mit Autos, Industriewaren, aber auch mit Südfrüchten. Die auf diesem Feld nicht auszuräumenden Unzulänglichkeiten waren die eigentlichen Ursachen für die wachsende Unzufriedenheit. Der Vorsitzende des Rates des Bezirkes erhielt Informationen von uns über die Mängel und Schwächen in verschiedenen Bereichen der staatlichen Tätigkeit und die daraus entstehende Missstimmung. Aber auch der Ratsvorsitzende war an Pläne und Vorgaben gebunden, die eine grundsätzliche Behebung der Mängel nicht zuließen.

Noch öfters beriet die eingesetzte Arbeitsgruppe über die wachsende Zahl der beantragten Übersiedlungswünsche nach der BRD von DDR-Bürgern. In Zusammenarbeit mit dem Stellvertreter für Innere Angelegenheiten des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes wurde ständig beraten, wie die Antragsteller, die oft falsche Übersiedlungsgründe angaben, zur Zurücknahme bewegt werden könnten. Die Mitarbeiter der Abteilung Inneres haben vielen Antragstellern geraten, ihren Antrag zurückzuziehen. Mit geringem Erfolg. Nach 1990 behaupteten manche, sie seien von der »Stasi« vernommen worden. Das ist unwahr. In der Regel waren es Mitarbeiter der Abteilung Inneres. Die Mitarbeiter des MfS wurden nur tätig, wenn die Antragstellung mit Gewaltandrohung und anderen Delikten einherging.

Die Zusammenarbeit mit dem Chef des Wehrbezirkskommandos der Nationalen Volksarmee beschränkte sich im Wesentlichen auf theoretische Überlegungen zu Maßnahmen im Falle einer militärische Spannungsperiode oder eines militärischen Angriffs. Darüber hinaus wurde über die Gewinnung militärischer Nachwuchskader beraten. Es gab eine Kommission, der auch MfS-Mitarbeiter angehörten, die prüften, ob unter den Musterungskandidaten junge Männer waren, die den Einstellungsbedingungen des MfS entsprachen.

Die Chefs und Leiter der bewaffneten Organe führten die Aufgaben durch, die ihnen vom Nationalen Verteidigungsrat der DDR sowie von der SED-Bezirksleitung gestellt wurden. Ich hatte in erster Linie die Weisungen, Befehle und Anordnungen des Ministers für Staatssicherheit auszuführen.

Notwendige strafprozessuale, strafrechtliche Maßnahmen standen ausschließlich unter verantwortlicher Aufsicht des zuständigen Staatsanwaltes. Bei Ermittlungsverfahren, auch die vom Untersuchungsorgan des MfS geführten, oblag dem zuständigen Staatsanwalt die Kontrollaufsicht. Diese Aufsicht erfolgte entsprechend den Richtlinien des Generalstaatsanwaltes der DDR. Im Ermittlungsverfahren waren die Staatsanwälte weisungsberechtigt. Es gab, entgegen jetzigen Behauptungen, in diesem Bereich keine Inoffiziellen Mitarbeiter oder eine inoffizielle Zusammenarbeit.

Ich hatte als Leiter der BV die Aufgabe, mit den mir unterstellten Diensteinheiten die Schwerpunkte im Bezirk Halle vorbeugend abzusichern, feindliche Angriffe und negative Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen. Das war im Prinzip nichts Neues für mich, aber nun musste ich Schwerpunkte und Aufgaben für den gesamten Bezirk setzen. Die ständige aktuelle Analyse über erkannte oder mutmaßliche innere und äußere Feindtätigkeit gehörte zu den Tagesaufgaben. Die Mitarbeiter mussten in ihren Verantwortungsbereichen wissen, worauf zu achten war, das heißt, von wem und warum Angriffe ausgehen konnten. Mögliche feindliche Kräfte zu erkennen und neuralgische Schwerpunkte in wichtigen Bereichen im Bezirk abzusichern waren Hauptaufgaben der Mitarbeiter des MfS.

In den letzten 20 Jahren der DDR wurde immer deutlicher, dass die Angriffe der BRD gegen die Souveränität der völkerrechtlich anerkannten DDR zunahmen, um diesen Staat zu beseitigen. Ab Ende der 70er Jahre haben besonders in Westberlin stationierte Geheimdienste und andere gegen die DDR tätige Institutionen wie auch die gesamte Medienlandschaft ihre Aktivitäten zur Untergrabung und Zerstörung der DDR intensiviert. Kein Land der Welt hätte einem solchen Treiben tatenlos zusehen können. Die MfS-Dienststellen vermochten es, die Zentren der ideologischen Diversion gegen die DDR, deren Ziele, Mittel und Methoden zu erkennen und zu analysieren und die Wirkung dieser Maßnahmen einzuschätzen. Darüber wurden regelmäßig das SED-Politbüro und andere verantwortliche SED-und Staatsfunktionäre informiert. Leider ohne spürbare, aber immer dringender werdende politische Reaktionen auf die im Sinne »Wandel durch Annäherung« modifizierten Pläne der BRD. Für Kenner der Methoden ideologischer Subversion war es unverständlich, wie zwischen SED und SPD gemeinsame ideologische Standpunkte gesucht wurden, ohne feindliche Ideologien abzuwehren.

Die MfS-Diensteinheiten waren nicht für die ideologische Arbeit im Lande verantwortlich, aber die SED- und Staatsfunktionäre machten das MfS verantwortlich, wenn dem Gegner ideologische Einbrüche gelangen. Zu jener Zeit ging die SED- und Staatsführung von völlig falschen Voraussetzungen über die Lage und Stimmung im Land aus. Die negativen Auswirkungen wollten nicht wahrgenommen werden und unsere Hinweise blieben unbeachtet. Die mir unterstellten Mitarbeiter brachten bei vielen Gelegenheiten zum Ausdruck, dass sie keinen Sinn darin sehen würden, über Mängel und Schwächen der Gesellschaft, über Sorgen und Wünsche der Bevölkerung zu berichten, wenn unsachgemäß oder überhaupt nicht darauf reagiert und sich nichts ändern würde. Natürlich sind heute die Dinge klarer erkennbar. Aber die dauerhafte Negierung der besorgten Lageberichte musste sich negativ auf die Stimmung und das Bewusstsein der Bevölkerung auswirken.

Wir SED-Mitglieder wie auch andere politisch tätige Personen gingen in einem grenzenlosen Vertrauen davon aus, dass immer gründlich geprüft wurde, inwieweit eingeleitete Maßnahmen und vorgenommene Einschätzung sich in der Praxis als richtig erwiesen haben oder ob Korrekturen in der Gesellschaftspolitik notwendig sind. Offenkundig befanden wir uns im Irrtum.

Zur Abwehr subversiver Angriffe im Bezirk Halle mit seinen großen chemischen Kombinaten, den Betrieben des Maschinenbaus, der Lebensmittelindustrie und nicht zuletzt der starken Landwirtschaft und den stationierten Truppenverbänden befand ich mich in allererster und schwieriger Verantwortung. Nach Erkenntnissen marxistischer Klassiker, Lenin, Marx, ist die Arbeitsproduktivität der ausschlaggebende Faktor für den Sieg einer höheren Gesellschaftsordnung. Insofern hatte die Absicherung der Volkswirtschaft mit all ihren Verzweigungen, aber auch der Produktivkraft Wissenschaft und Forschung höchste Priorität. Für mich war diese Aufgabe enorm wichtig und sie verdiente es, alle Kräfte und Mittel hierfür einzusetzen. Dabei ging es in der Abwehrarbeit niemals um irgendwelches Misstrauen gegen Personen wegen negativer Bemerkungen. Es ging um Verhinderung und Aufdeckung von Spionage, Sabotage oder aus staatsfeindlicher Grundhaltung begangener Straftaten, wie auch verfassungsfeindlicher, also staatsfeindlicher Hetze. Die Gesinnung der Bevölkerung konnten wir nicht beeinflussen, diese hing von den gesellschaftlichen Bedingungen ab.

Viele Ermittlungen durch uns wurden in Form von Sicherheitsüberprüfungen zu Reisekadern in das kapitalistische Ausland geführt oder zu Personen, die sehr bedeutsame Positionen in Staat und Gesellschaft einnehmen sollten. Das waren vorbeugende Maßnahmen auch zur eigenen Sicherheit eines großen Personenkreises. Aus gemachten Erfahrungen war uns bekannt, dass von Konzernen und selbst staatlichen Stellen der BRD unter Ausnutzung von Reisekadern wirtschaftsschädigende Angriffe und Handlungen zum Nachteil von DDR-Interessen geführt wurden. Dabei konnte es sich zum Beispiel um das »Aufschwatzen« von minderwertigen oder nicht dem zu erwartenden technologischen Standard entsprechenden Anlagen oder anderweitigen Exportgütern handeln. Es wurde auch durch Korruption und andere erpresserische Methoden Einfluss auf Handelsbeziehungen genommen und Verrat von Wirtschaftsgeheimnissen verlangt. Es galt also für das MfS, keine derartigen Störungen zuzulassen. Diese und andere Angriffe mit Erfolg abzuwehren, bedurfte es der ständigen Kontrolle und Analyse störungsanfälliger Schwerpunkte. Die Abwehrmaßnahmen mussten schwerpunktmäßig dort erfolgen, wo bedeutsame Einrichtungen existierten und sensible volkswirtschaftliche Prozesse abliefen. Dazu gehörte aber auch, gemeinsam mit der Volkspolizei und Wirtschaftsstrukturen, mit dafür zu sorgen, Prinzipen der Sicherheit und Ordnung umzusetzen.

Nun wird nach 1990 durch Politik und Medien unaufhörlich behauptet, dass durch das MfS alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens »flächendeckend« überwacht und kontrolliert worden seien. Auch wenn derartiges in penetranter Weise wiederholt und verbreitet wird, können solche Behauptungen nicht die höhere Weihe der Wahrheit erlangen. »Flächendeckende Überwachung« war aus politisch-operativer Sicht nicht erforderlich und aus personellen und technischen Gründen überhaupt nicht möglich. Auf diese Problematik wird auch an anderer Stelle nochmals einzugehen sein.

Eine Vielzahl von Bürgern arbeitete in ehrenamtlichen Funktionen des Staates und gesellschaftlichen Organisationen, in der Justiz, den Arbeiter- und Bauern-Inspektionen, der Volkspolizei, in den Betriebskollektiven, in Beiräten der Wohngebiete und Schulen und in vielen anderen Einrichtungen. Es war Teil lebendiger sozialistischer Demokratie, demokratischer Selbstkontrolle und gesellschaftlicher Mitgestaltung, wenn sich die Menschen an Beratungen in ihren Betrieben und außerbetrieblichen Einrichtungen beteiligten. Auch aus diesen Gegebenheiten waren die vorgeblichen »flächendeckenden Überwachungen« eine völlig abwegiges Thema. Eine solche bewusste gesellschaftliche, freiwillige Zusammenarbeit mit staatlichen und volkswirtschaftlichen Einrichtungen ist dem bürgerlichen Staat fremd.

Ohne Zweifel war die Politik der DDR verfassungskonform auf die stetige Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Werktätigen ausgerichtet. Dieser Gedanke ist trotz der beschriebenen Mängel und Widersprüche und auch angesichts des letztlichen Versagens der Führungs- und Leitungstätigkeit der SED- und Staatsführung nicht falsch.

Es blieb den Bürgern der DDR nicht verborgen, wie die BRD mit aller staatlichen Präsenz und Autorität von An­fang an eine wüste Hetze gegen die DDR entfachte und den Spionage- und feindlich gesinnten Organisationen großzügigste Entfaltungsmöglichkeiten gewährte, wenn sie sich gegen die DDR richteten. Ich wusste, dass es Menschen gab, die sich überall anpassen konnten, sowohl in der DDR als auch in der BRD. Die »Übersiedlung« von Be­wohnern der Ostzone, der späteren DDR nach der BRD hielt die ganze Zeit an. Obwohl sie gesicherte Arbeitsplätze hatten, im Gegensatz zu der Zeit nach 1990, wo sie auf der Suche nach Arbeit ihre Heimat nach dem Westen verließen. Aus den Informationen über die Lage in den Aufnahmelagern in Westberlin und Westdeutschland wusste ich, dass einfache DDR-Bürger, die aus politischen Gründen weder verfolgt wurden noch Verfolgung zu befürchten hatten, wahrheitswidrig vorgaben, dass sie wegen Gefahr um Leib und Leben flüchten mussten. Solche verlogenen Argumente, sie seien damals politisch Verfolgte gewesen, werden auch heute noch mit Diffamierungsabsichten und in Erwartung finanzieller Entschädigungen oder einer Opferrente vorgebracht.

Ich kann aufgrund meiner Tätigkeit und funktionellen Pflichten mit bestem Gewissen sagen, dass kaum jemand, der sich als politischer Flüchtling ausgab, zwingende Gründe zum Verlassen der DDR hatte. Man benötigte aber solche Geschichten über Verfolgung und Folterung durch die »Stasi« und riskante Flucht vor dem »DDR-Terror«, um Gesetzesverletzungen und die kriminellen Handlungen von Schleuserbanden zu rechtfertigen. Geschürte Fluchtdramen haben schon immer eine Rolle gespielt, um Unruhen anzustiften und auszulösen. Die meisten DDR-Bürger, die sich nach dem Westen als »Flüchtlinge« absetzten, waren Menschen, die man als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen kann.

Eine Tageszeitung aus Halle versuchte Aufmerksamkeit zu erzeugen durch einen Artikel über »Stasi-IM« unter der Ärzteschaft in der DDR. Eine Historikerin stellte eine Studie vor, wonach drei bis fünf Prozent der Ärzte IM des MfS gewesen sein sollten. 439 Fälle sollen die Grundlage für die Analyse geboten haben.

In solchen Veröffentlichungen spielen natürlich Bezeichnungen wie »Bespitzelung von Berufskollegen«, »Zuträger« und »Ausforscher« eine herausgehobene Rolle. Die »Spitzel« hätten sich überwiegend aus politischer Überzeugung anwerben lassen. Hebel für das Ansprechen wäre Konkurrenzdenken unter den Ärzten gewesen. Einige hätte das MfS auch erpresst. Die IM hätten Informationen über Kollegen und Patienten geliefert und einige sollen die ärztliche Schweigepflicht verletzt haben. Das MfS sei an frühzeitige Hinweise zu fluchtwilligen Ärzten interessiert gewesen. Von Opfern wurde gesprochen, von ethischen Fehlverhalten und von fehlender Reue bei MfS-Mitarbeitern. So »informierte« die Mitteldeutsche Zeitung.

Das MfS hat seine Abwehrarbeit tatsächlich auch aus Sorge um eine ausreichende ärztliche Betreuung der Bevölkerung auf das Gesundheitswesen ausdehnen müssen. Zur Lösung dieser Aufgabe wurden auch IM geworben. Die Frage ist wohl erlaubt, ob es moralisch vertretbar ist, wenn Ärzte, die in und auf Kosten der DDR eine Ausbildung erhielten, ihres eigenen egoistischen Vorteils wegen ihre Patienten im Stich und sich nach der BRD ausschleusen lassen? Diesem Treiben konnte man nicht tatenlos zusehen. Auch für Ärzte galten gesetzliche Regelungen hinsichtlich ihrer Staatsbürgerschaft und der Ausreisebestimmungen.

Mit der Existenz der DDR wollte sich die BRD niemals abfinden. Unter den Bedingungen des kalten Krieges bediente man sich der Erpressung, der Einmischung und demagogischen Verführung zur Missachtung von Straftatbeständen und gesetzlichen Reglungen.

Dazu gehörte auch die Duldung und Organisierung einer Fluchtbewegung mit dem Ziel, die DDR zu schädigen und völkerrechtlich zu diffamieren. Ab 1962 organisierten sich kriminelle Banden in Westberlin und der BRD, die mit wohlwollender Duldung der BRD-Behörden mittels speziell präparierten und umgerüsteten Transportmitteln gewerbsmäßig DDR-Bürger für horrende Sum­men nach der BRD ausschleusten. Dabei wurden geheimdienstliche Mittel und Methoden eingesetzt. Mittels Qualifizierung der Zollkontrollen und Fahndungen und dem Einsatz inoffizieller Kräfte konnten zahlreiche Schleuser und Gehilfen der kriminellen Menschenhändler festgenommen werden. Auch mit Hilfe von IM im medizinischen Bereich. Außer den professionellen Schleuserbanden beteiligten sich auch Diplomaten und diplomatisches Personal verschiedener kapitalistischer Staaten unter Ausnutzung ihres Diplomatenstatus an der illegalen Verbringung fluchtwilliger DDR-Bürger nach dem Westen. Auch die in Westberlin stationierten Angehörigen der US-Armee, deren Fahrzeuge bei der Grenzpassage nicht kontrolliert werden durften, nahmen Personen auf der Transitstrecke auf und brachten sie nach Westberlin. Mit welchen Begründungen solche Handlungen heutzutage auch gerechtfertigt werden sollen, es waren und bleiben Verstöße gegen existierende Gesetze der DDR.

Im Rahmen des Vierseitigen Abkommens zwischen der UdSSR, Großbritannien, den USA und Frankreich vom 3. September 1971 einigten sich die DDR und die BRD am 17. Dezember 1971 auf ein Transitabkommen. Es regelte den Transitverkehr ziviler Personen und Güter auf Straße, Schienen und Wasserwegen zwischen der BRD und Westberlin durch das Staatsgebiet der DDR. Der Missbrauch des Transitverkehrs zur Ausschleusung eskalierte. Die Schleuserbanden suchten fortwährend nach Lücken und Möglichkeiten im Transitverkehr zur Ausschleusung von Personen. Kriminelle Menschenhändler fälschten zum Beispiel Pässe und übergaben sie für horrende Summen an schleusungswillige DDR-Bürger. Den Chefs der kriminellen Schleuserbanden ging es nicht, wie heute behauptet, um humanitäre Hilfe für »unfreie Bürger« der DDR. Es waren kommerzielle Firmen, die von Schleusungswilligen hohe Summen verlangten, aber den Bandenmitgliedern, oft Vorbestrafte oder Drogensüchtige, das beträchtliche Risiko ihrer Festnahme und langer Haftstrafen zumuteten. Die Bosse dieser Banden hielten sich aus gutem Grunde im Hintergrund. Die Duldung dieser Tätigkeit durch staatliche Organe der BRD und Westberlin war ihnen gewiss. Nach Festlegungen des Transitabkommens und auch nach geltendem Recht der BRD hätte gegen dieses Treiben polizeilich und staatsanwaltlich ermittelt werden müssen. § 129 des Strafgesetzbuches der BRD begründet beispielsweise den Verdacht bandenmäßigen Vorgehens, wenn kriminelle Vereinigungen existieren, deren Hauptzweck krimineller Gelderwerb durch Menschenhandel ist. Die Beweisführung der Gerichte der DDR in zahlreichen Verfahren gegen Menschenhändler bestätigte diesen Verdacht.

Die vorbeugende Verhinderung von Schleusungsvorhaben war zu einer der Hauptaufgaben aller Diensteinheiten des MfS geworden. Die Abwehrarbeit konzentrierte sich auf Personen, die auf Grund ihrer Ausbildung, ihrer beruflichen und politischen Stellung zu den potentiellen Zielgruppen der Abwerbungsversuche gehörten. Dieser Personenkreis war überschaubar. Vorzugweise handelte es sich um Akademiker, Ärzte, Spezialisten und Fachleute, an denen die BRD Interesse zeigte. Meist standen Verwandte und Bekannte in der BRD dahinter, die entstehende Kostenforderungen durch Anzahlungen verauslagten und sich in die konspirative Organisierung des Fluchtvorhabens mit zur Verfügung stellten. Eine Zeitung in Westberlin schrieb einst hierzu, dass sich ein krimineller Wirtschaftszweig zu entwickeln begann, der daraus Geschäfte machte. Dieser Menschenhandel wisse die offizielle Politik und die Medien hinter sich, auch Geheimdienste hätten zunehmend ihre Finger im Spiel, schließlich sei der Menschenhandel eine Waffe im kalten Krieg. Und ein Staatsanwalt stellte 1977 in einer Westberliner Zeitung lakonisch fest: »Was heißt hier Fluchthelfer? Die wollen doch nicht helfen, sondern Kapital machen. Die DDR hat schon recht, wenn sie diese Herren Kriminelle nennt …« Solchen Worten und Urteilen ist nichts hinzuzufügen!

Ausschleusung und Menschenhandel wurde unter Anwendung geheimdienstlicher Mittel und Methoden getarnt organisiert. Nach dem »Tippen« von mutmaßlichen schleusungswilligen Kandidaten erfolgte die verdeckte Verbindungsaufnahme durch einen als Besucher getarnten Mitarbeiter der Schleuserbande oder über einen Verwandten oder Bekannten, der meist ebenfalls die DDR verlassen hatte. Lag das Einverständnis der illegal zu verbringenden Person vor und einigte man sich über den Preis, wurden der Termin, der Treffpunkt und das Erkennungszeichen übermittelt. Der Schleuser reiste meist im Transitverkehr ein und nahm die betreffende Person entsprechend des vereinbarten Modus auf. Die Fahrzeuge waren entsprechend vorbereitet und präpariert. Es gab auch die Methode des »Bleibers«. Ein Mitglied der Schleuserbande reiste mit seinen echten Personaldokumenten ein und händigte sie dem zu schleusenden DDR-Bürger aus. Gegen­über den DDR-Passkontrolleuren an der Grenzübergangsstelle wurde mit einer erlogenen Geschichte – meist wurde Diebstahl vorgebracht – der Verlust seines Ausweisdokuments erklärt.

In diesem Zusammenhang noch einmal zum Thema Ärzte der DDR. Ihnen wurde bezüglich ihrer Ausbildung und Fähigkeiten international ein gutes Zeugnis ausgestellt. Ihre berufliche Ausbildung hatte Staat und Gesellschaft in der DDR viel Geld gekostet. Zudem wurden sie für die medizinische Versorgung der Bevölkerung dringend gebraucht. Jede gelungene Schleusung oder jedes ungesetzliche Verlassen schadete der DDR und den Menschen in unserem Lande empfindlich. Als gewollter Nebeneffekt wurde mit der gelungenen Abwerbung solcher Spezialisten zugleich das internationale Ansehen der DDR diskreditiert. Für die BRD war es allerdings in jeder Hinsicht ein willkommener Vorteil. Eine solche Sicht war wohl auch das entscheidende Motiv für eine freiwillige Zusammenarbeit mancher Ärzte mit dem MfS.

Ein Beispiel soll hier eingefügt werden: Ein Bürger einer Kreisstadt war illegal in die BRD gelangt. Dort setzte er sich mit einer Menschenhändlerbande in Verbindung und sicherte zu, ihm persönlich bekannte Ärzte in der DDR zu kontaktieren, sie zum Übertritt in die BRD zu inspirieren und die Flucht zu organisieren. Mit diesem Ziel setzte er sich mit dreizehn Ärzten in Verbindung. Sie wurden von ihm über mögliche Arbeitsstellen, Verdienstmöglichkeiten wie auch über die Ausschleusungsmethode und die finanziellen Bedingungen informiert. Fünf der angesprochenen Ärzte erklärten sich bereit und wurden daraufhin mit ihren Familien ausgeschleust.

Dass sie ihre Patienten im Stich ließen, obwohl sie der DDR ihre fast kostenlose Ausbildung zu verdanken hatten, ist doch wohl auch heute noch als eine unmoralische, dem ärztlichen Eid widersprechende Haltung zu werten.

Die Anzahl der Ärzte, die verantwortungslos in ihren Entscheidungen die DDR verließen, damit eben auch die medizinische Versorgung gefährdeten, ist nur der »BStU- Behörde« bekannt. Waren es 500, 1000 oder noch mehr?

Es hat in der Politik der DDR gewiss ausreichend Irrtümer und Fehleinschätzungen gegeben. Manche Entscheidungen in Wirtschaft und Politik waren schlichtweg falsch. Da trifft Bert Brechts Zitat zu: »Kommunismus ist eine einfache Sache, die schwer zu machen ist

Unter den Bedingungen des Kalten Krieges befand ich mich als Leiter der BV in einer speziellen Verantwortung gegenüber den Menschen meines Landes. Menschen in anderen Funktionen des Landes hatten andere Aufgaben. Einmal in meine Funktion gestellt, konnte ich mir meine Pflichten nicht aussuchen. Ich konnte mich aber stets auf ein gutes Kollektiv von Leitern und Mitarbeitern stützen.

Nach dem Untergang der DDR maßen sich Politiker und Medien der BRD an, allein für die Deutung der Verhältnisse in der DDR zuständig zu sein. So wird zum Beispiel versucht, ein Bild zu vermitteln, wonach die Menschen einer ständigen und lückenlosen Überwachung unterlagen. Nachfolgend ein Beispiel, welche Wirkungen solche fortwährenden Beeinflussungen ausstrahlen können. In den letzten Tagen meiner Amtszeit als Leiter der BV wurde ich mit den Folgen einer derartigen Behauptung konfrontiert. Der Leiter der Hauswache informierte mich über den Besuch von zwei Kindergärtnerinnen, die mich unbedingt zu sprechen wünschten, was eigentlich nicht dafür spricht, dass sie im Kontakt zum MfS von Ängsten befangen waren. Für mich war es selbstverständlich, beide Frauen zu empfangen. Wie sich herausstellte, wollten die beiden jungen Frauen wissen, wer »in ihrem Kollektiv der Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit sei«. Man bedenke: in einem Kindergarten!

Da war also schon das ideologische Gift, das von der Westpropaganda eingeschleppte Misstrauen, aber auch das provokante Auftreten, das bis zur Gegenwart existiert und sorgsam gepflegt wird. Undenkbar, dass heutzutage einfache Bürger z. B. an das Tor des Bundesamtes für Verfassungsschutzes klopfen und um eine solche Auskunft ersuchen. In dieser Zeit wurde ja das Trommelfeuer gegen die DDR und vornehmlich gegen die Arbeit des MfS maßlos geführt. Erschreckend, welches Vokabular benutzt und welche ungeheuerliche Lügen verbreitet wurden.

Über das Thema »flächendeckende Überwachung« habe ich bereits wiederholt berichtet. Leider gibt es eine Menge Leute, die auch die dümmsten Beschuldigungen glauben oder gern glauben wollen. Nicht zu verstehen ist jedoch, dass es auch Funktionäre der SED und anderer Parteien gab, mit denen ich viele Jahre zusammen arbeitete, die diesem Unsinn Glauben schenkten. Manche warfen uns gar vor, dass wir durch unsere Arbeit den Unwillen der Bevölkerung hervorgerufen hätten. Solche Leute hatten wohl keine Erinnerungen mehr an eigenes Handeln.

Einmal nur wurde in einer Zeitung dem Vorwurf einer flächendeckenden Überwachung unkommentiert und nicht durch Leserbriefe bekräftigt, widersprochen. Es handelte sich um einen Artikel der Mitteldeutschen Zeitung vom 4. Dezember 2007, der sich mit der Aufarbeitung der Unterlagen der Kreisdienststelle Halle befasst. »Stasiakten für Halle komplett erschlossen« war dieser Beitrag betitelt und bezog sich auf die Arbeit der Archivarin.

 

 

Das Jahr 1989 und danach.

 

In den letzten Monaten des Jahres 1989 nahmen sowohl die inneren Probleme der DDR als auch die Angriffe von außen zu. Das BRD-Fernsehen berichtete laufend über negative Erscheinungen und irgendwelche Vorgänge, welche die DDR aufs Schlimmste darstellten. Leute, die die DDR nach der BRD verlassen hatten, schilderten die angetroffenen Verhältnisse auf das Vorteilhafteste. Die Lage wurde immer schlimmer, die Stimmung der Bevölkerung zur DDR offen und provozierend ablehnend.

In jener Zeit, im August 1988, fand für mich ich ein aufschlussreiches Gespräch statt. Der ehemalige 1. Bezirkssekretär der SED im Bezirk Halle und damalige Sekretär für Landwirtschaft im Zentralkomitee der SED, Werner Felfe, hatte mich und meine Frau zu einem Besuch in seine Wohnung nach Wandlitz eingeladen. Wir sollten am vorgesehenen Tag nach dem Mittagessen da sein und er wollte anschließend in den Urlaub fahren.

Wir waren pünktlich zur Stelle, nachdem ich von meinem Minister die Erlaubnis zum Betreten der Wandlitzsiedlung (Waldsiedlung genannt), eingeholt hatte. Werner Felfe war nicht so pünktlich. Er hatte Probleme mit einer ausländischen Parteidelegation, die ihn länger als geplant festhielt. Während der Wartezeit erzählte uns seine Frau, dass sie nicht gern in Wandlitz wohnen würde und auch Werner sich wie eingesperrt vorkomme.

Gegen 16 Uhr kam endlich Werner Felfe. Er machte einen abgehetzten Eindruck. Nach dem Kaffeetrinken zogen wir uns, Werner und ich, in einen separaten Raum zurück. Dort informierte er mich über seine Sorgen. Seinen Darlegungen zufolge befand sich die SED in einer argen Lage. Die Mitglieder des Politbüros bildeten ganz und gar nicht, wie das immer vermittelt wurde, ein einheitliches, kampfstarkes Kollektiv, sondern waren sich in vielen Dingen uneinig. Er habe überlegt, ob er vielleicht die Genossen Krenz und Jarowinsky, mit denen er offene Worte sprechen könnte, zu unserem Gespräch mit hinzuziehen sollte. Man sei aber übereingekommen, nicht so zu verfahren, weil von einem solchen Treffen nicht unbedingt der Generalsekretär erfahren müsse.

Nach Felfes Meinung hätte die Parteiführung seit langer Zeit schon Probleme anpacken müssen, die für die Stabilität der DDR wichtig wären. Vor allen Dingen Mittag, als verantwortliches Mitglied des Politbüros und Zentralkomitees der SED für die DDR-Industrie, möchte sich nicht hineinreden lassen. Werner Felfe, aus dem Bezirk Halle kommend, kannte natürlich die Schwierigkeiten in der chemischen Industrie. Es regte ihn auf, dass die notwendigen Investitionen nicht eingeplant wurden. Mittag sei in einer der letzten Sekretariatssitzung seiner Funktion als Sekretär des ZK entbunden worden. Aber während seines Krankenhausaufenthaltes habe Honecker anlässlich eines Krankenbesuches mitleidig den Beschluss des Sekretariats über Mittags Ablösung wieder aufgehoben.

Nach Felfes Meinung ging es in wichtigen Bereichen der Industrie bergab. Ich kannte die Situation in der Chemie des Bezirkes sehr genau und habe mit ihm darüber diskutiert. Werner sagte zu mir: »Ich rate dir, nimm deine Leute aus der Volkswirtschaft heraus, sonst kommt eine Zeit, wo man euch alles in die Schuhe schiebt. Ihr habt mehr übernommen, als nur für die Sicherheit zu sorgen

Er meinte ausschließlich eine Zeit, wo ein neues Führungskollektiv die Arbeit übernehmen würde, nicht die Möglichkeit einer »Wiedervereinigung«.

In der Zeit des Gesprächs mit Werner Felfe wurde viel über die Rolle Gorbatschows diskutiert. Weil dieser Mann in der sowjetischen Führung eine Zeitlang für die Landwirtschaft verantwortlich war, kannte Felfe ihn ziemlich gut. Er vertrat die Meinung, dass die DDR mit anderen Leuten an der Spitze einen anderen Kurs einschlagen müsse. Es dürfe aber kein Gorbatschow sein, der nur Phrasen dresche, aber nichts nach vorne bringen würde.

Felfe war in diesem Gespräch sehr erregt. Er wusste natürlich nicht, wie ich zu diesen Informationen stehen würde. »Du kannst mich ruhig beim Generalsekretär verpfeifen – oder kann man dir vertrauen

Einige Tage später trat Werner Felfe seinen Urlaub an und verstarb an einem Herzinfarkt.

Ich persönlich meine, dass die Sorge um die Zukunft der DDR ihn aus dem Gleichgewicht brachte und sein Herz nicht mehr mitmachte. Über diese Zusammenkunft mit Werner Felfe habe ich lange nachgedacht und schwor mir, alles in meinen Kräften zu tun, damit der begonnene Weg in eine neue Gesellschaft weiter verfolgt werden kann. Im Gespräch mit engsten Vertrauten waren wir uns einig, dass vor allem die volkswirtschaftliche Stabilität zu sichern sei. Diesen Weg durften wir nicht verlassen. Damals erkannte ich noch nicht bis ins letzte Detail, dass erhebliche Teile der chemischen Industrie völlig neu erbaut werden müssten, um einen Platz in der Weltspitze einnehmen zu können.

Es nahte die Zeit der Vorbereitungen der im Mai 1989 stattfindenden Kommunalwahlen. Wie immer gab es Ministerbefehle mit Festlegungen, welche Diensteinheiten für welche Sicherungsmaßnahmen verantwortlich sind. Durch die SED-Führung gab es die politische Linie, die Wahl anlässlich des 40. Jahrestages der DDR eindrucksvoll zu gestalten.

Aus uns zugänglichen Informationsquellen war bekannt, das bestimmte, meist mit der evangelischen Kirche verbundene Gruppen planten, bereits die Vorbereitungen, auch die Vorstellung der Kandidaten in öffentlichen Einwohnerversammlungen zu stören. Wir nahmen solche Informationen zur Kenntnis, informierten die Veranstalter solcher Versammlungen, legten aber keine operativen Maßnahmen fest. Tatsächlich gingen einzelne Leute, die sich später als Mitglieder der Bürgerbewegung verstanden, von Versammlung zu Versammlung und stellten den Kandidaten naive, oft auch provokante Fragen. Da viel Anwesende diese Aktionen belustigt und auch verständnislos wahrnahmen und kein besonderer Einfluss zu bemerken war, wurde nichts Weiteres dagegen unternommen. Die Wahl selbst verlief bis kurz vor Ende sehr ruhig. In einigen Wahllokalen erschienen vor ihrer Schließung verschiedene Personen, die an der Auszählung teilnahmen. Es war nicht Aufgabe des MfS, innerhalb der Wahllokale für Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Das oblag den eigenen Ordnern des Staatsapparates.

Besonders im zweiten Halbjahr 1989 wurden Aktivitäten von kirchlichen Gruppen bekannt, um neue Organisationen bzw. Parteien zu schaffen. Unter anderem ging es um das »Neue Forum«. Die Entscheidung dazu wurde, nach den Gesetzen der DDR, im Innenministerium getroffen. Es kam zur Ablehnung des Antrages, was aber nicht akzeptiert wurde. Die Akteure versuchten weiterhin, sich zu formieren und wurden Teil der gegen die DDR gerichteten Kräfte. Es wurde dahingehend orientiert, die Entwicklung unter Kontrolle zu halten, aber keine repressiven operativen Maßnahmen einzuleiten.

Die Hinweise auf gegen die DDR gerichteten Tätigkeiten nahmen zu. So wurde in der Botschaft der USA ein kompetenter Mann des Geheimdienstes tätig. Er hatte offensichtlich die Aufgabe, sich mit DDR-Bürgern, von denen bekannt war, dass sie gegen die DDR konspirativ vorgingen, in Verbindung zu setzen und sie über das weitere Vorgehen zu beraten. Das besagten unsere Informationen, wenn sich dieser Mann im Bezirk Halle aufhielt. Es ging nun nicht mehr um die Verbesserung der DDR Verhältnisse, sondern um die Liquidierung diese Staates. Im Bezirk Halle setzte sich dieser als Diplomat getarnter US-Geheimdienstmann mit bekannten Kirchenleuten in Verbindung und orientierte auf Aktionen zur weiteren Zuspitzung der Lage. Wie aus den konspirativ gewonnenen Informationen analysiert werden konnte, ging es dabei auch um die Vernetzung von kompetenten Gegnern der sozialistischen Ordnung.

Auch innerhalb der SED wurde kritisch über die Politik von Partei und Regierung gesprochen. Zeitweilig bildeten sich Gruppierungen, die man durchaus als innere Opposition bezeichnen konnte. Das Gleiche geschah innerhalb der Blockparteien, wo sich, wie in der Liberal-Demokratischen-Partei (LDPD), Funktionäre konspirativ zusammenfanden. Allen ging es aber um die Rettung der DDR und nicht um einen Anschluss an die BRD.

Von der Bevölkerung wurden entschiedene Maßnahmen durch zentrale Stellen erwartet, die zu einer Änderung der Politik, insbesondere zur Verbesserung der Versorgung und der Reisetätigkeit führen sollten. Auch ich und meine Mitstreiter erwarteten eine neue Formierung der SED-Führung. Offensichtlich war Honecker nicht mehr in der Lage, die Situation zu beherrschen.

In jenen aufregenden Wochen wurde ich krank und musste im Juni einige Wochen ins Krankenhaus des MfS nach Berlin-Buch. Auch dort spürte ich, insbesondere unter dem mittleren Personal, gleiche Erwartungen auf politische Veränderungen. Einige Krankenschwestern hatten an ihren Kitteln ein Konterfei von Gor­batschow angebracht, um ihre Auffassung zum Geschehen offen zu de­monstrieren. In Gesprächen mit ihnen wurde deutlich, dass sie nicht anders dachten als große Teile der Bevölkerung. Sie wollten den Staat DDR behalten, aber ein Warenangebot und freie Reisemöglichkeiten wie in der BRD und anderen Staaten bekommen.

In dieser Zeit wuchs die Fluchtbewegung nach dem Westen bedrohlich an. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch Grenzöffnungen in Ungarn und anderen (noch) sozialistischen Oststaaten. Es entstand eine regelrechte Fluchthysterie. Die Folgen waren sich ausbreitende Verunsicherung und Vertrauensschwund in die gesellschaftliche Stabilität und durch Personalmangel verursachte weitere spürbare Engpässe in der Volkswirtschaft, in medizinischen Einrichtungen, in der Gastronomie und anderen Bereichen, was die gesellschaftliche Normalität störte.

Blockparteien und Organisationen diskutierten und berieten Maßnahmen, die auf das Ende der DDR hinausliefen. Weiterhin gab es Hinweise auf Aufweichungen im politischen, ideologischen Verhalten bei Offizieren und anderen Angehörigen der Nationalen Volksarmee. Mitglieder der Kampfgruppen der Arbeiterklasse lehnten einen weiteren Dienst zur Sicherung der Betriebe und Einrichtungen der DDR ab. Es gab allerdings in den Betrieben und Institutionen keine Anzeichen auf Streiks und Demonstrationen.

Das alles geschah im Vorfeld der Feiern zum 40. Jahrestag der DDR im Oktober 1989. Diese Vorbereitungen erfolgten im Wesentlichen, wie bislang an solchen Jahrestagen üblich, mit Wettbewerben und Planerfüllung, brachten aber keinen erkennbaren Stimmungsumschwung.

Die aktuelle Situation wurde eingehend geschildert, was die dramatische Lage und Entwicklung deutlich machte. Auffällig war die Zunahme der Kontakte zwischen BRD-Politikern und ihren Abgesandten zu DDR-Bürgern, die bislang durch ihre DDR-Kritik aufgefallen und bekannt waren. Wir stellten fest, dass auch die Geheimdienste aus dem Westen ihre Kontakte zu DDR-Gegnern verstärkten. Inoffiziell konnten wir erfahren, dass vorgebliche Diplomaten Hinweise gaben, wie zum Sturz der DDR-Ordnung vorzugehen sei. Sie loteten aus, welche Freiräume die Gesetze und Verfassung der DDR für weitere destabilisierende Aktionen zulassen.

In den vorangegangenen Jahren hatten DDR-Gegner in kirchlichen Einrichtungen als Hausmeister, Friedhofsgärtner und anderen Berufen Unterschlupf gefunden. In kirchlichen Räumlichkeiten wurden konspirativähnliche Zusammenkünfte und Diskussionsrunden organisiert. Zum Beispiel wurden Antragsteller auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft beraten, wie sie zweckmäßiger Weise vorgehen sollten. In einigen Orten kam es zu unangemeldeten Demonstrationen, die nach oder mit dem Kirchengang organisiert wurden. Das wurde von den staatlichen Organen, vor allem der Abteilung Inneres beobachtet mit dem Schluss, dass nunmehr Anträge auf Übersiedlung nach der BRD durch die Demonstrationsteilnehmer unverzüglich zu genehmigen seien. Man war der Annahme, damit unzufriedene Bürger loszuwerden. Das war jedoch eine Fehlentscheidung. Es sprach sich herum und die demonstrative Gegnerschaft zur DDR wurde verstärkt, um mit Ausreiseanträgen Erfolg zu haben. Die Teilnehmer solcher Aktionen wussten, dass diese Aktionen vom MfS dokumentiert werden.

Es gab Demonstranten, die sich dem MfS anvertrauten oder die Dienststellen des MfS aufsuchten. Sie boten sich als IM an für die Zusicherung, nach einer bestimmten Zeit ausreisen zu dürfen und auch danach für uns arbeiten zu wollen. In einigen Fällen wurde von diesem Angeboten Gebrauch gemacht. Wir erfuhren dadurch, wer maßgeblich solche Aktionen organisiert, welche Verbindungen sie unterhalten und welche Aktivitäten geplant waren.

Als Teil der Bevölkerung bewerteten auch die MfS-Mitarbeiter die Situation in der DDR kritisch. Sie waren unzufrieden mit der Inaktivität zentraler Stellen im Staat und bemängelnden die von der SED-Führung herausgebrachten unrealistischen, wirklichkeitsfremden Informationen zur gesellschaftlichen Entwicklung. Viele erwarteten einen Rücktritt von Erich Honecker und anderen führenden Personen. Hans Modrow als späterer Ministerpräsident gehörte aber nicht zu den Personen, von denen man sich positive Veränderungen versprach. Man setzte mehr auf die Wahl von Egon Krenz. Es wuchs aber der Zweifel, dass in dieser Situation durch die Diensteinheiten des MfS noch etwas bewirkt werden könne. Andererseits suchten Menschen den Kontakt zum MfS. Das waren Leute aus allen Schichten der Gesellschaft. Sie warnten vor politischen Veränderungen in der DDR und machten sich darüber ernste Sorgen. Sie baten uns, alles in unseren Kräften zu tun, damit die Gesellschaftsordnung der BRD mit all ihren Gebrechen nicht von der DDR Besitz nimmt.

Die von der so genannten Bürgerbewegung ausgehenden Aktivitäten konzentrierten sich vorwiegend auf Kritiken an der Versorgungslage, zu ökologischen Problemen sowie zu nicht gewährten problemlosen Reisemöglichkeiten in das kapitalistische Ausland. Sie versuchten, die von ihnen nicht akzeptierten staatlichen Entscheidungen mit öffentlichen Gegenaktionen zu verhindern. Da die Aktivisten aber einen Lebensstil demonstrierten, dem nur wenige Leute folgen konnten, wurden sie nicht eigentlich ernst genommen.

Je näher der 40. Jahrestag heranrückte, umso mehr verstärkten sich die Aktivitäten gesellschaftsfeindlicher Gruppierungen. Die Ablehnung der unbefriedigenden gesellschaftlichen Verhältnisse durch die Bevölkerung wurde immer spürbarer und nahm Formen von Auflehnung und Trotz an. Die meisten wollten zwar notwendige Veränderungen hin zum Guten und Besseren, mochten aber auch keine Vereinigung mit der BRD beziehungsweise pure BRD-Bedingungen. Sie hatten nichts gegen sozialistische Verhältnisse, spürten aber, dass alles auf die Beseitigung der DDR-Gesellschaft hinauslief. Man kann sagen, dass die Bevölkerung zerrissen war, wobei die Unzufriedenheit und die Abkehr von der DDR die Oberhand gewann.

Die Festveranstaltungen zum Jahrestag verliefen wie üblich. Die vorgeblichen Erfolge in der DDR wurden, bei Teilnahme vieler ausländischer Gäste, trotz tiefgehender Spannungen herausgestellt wie immer. Gegenüber dem Rumoren im Volk stellte man sich taub. Man glaubte wohl, dass nach den Feierlichkeiten sich die Situation wieder normalisieren könnte. Viele zweifelten nicht am richtigen Ziel zum Sozialismus, sondern am Weg nach 40 Jahre DDR, gemessen im Vergleich mit der BRD. Hierum drehten sich viele Diskussionen, auch in den Diensteinheiten des MfS. Immer mehr leitende Kader im Bezirk und den 23 Kreisen mit den vier großen Kombinaten des Bezirkes Halle wandten sich vertrauensvoll und sorgenerfüllt an die Leiter der Diensteinheiten des MfS, obwohl sie ahnten und befürchteten, dass auch wir machtlos sind, die Fahrt nach unten aufzuhalten.

Wie seit Jahren praktiziert, wurden auch in dieser Situation die 1. Sekretäre der Bezirksleitung und der Kreise der SED mit aktuellen Informationen versorgt. Aber auch sie konnten wenig damit anfangen, obwohl sie die reale Darstellung der Lage und der Bevölkerungsmeinung widerspiegelten. Der neu eingesetzte 1. Bezirkssekretär wunderte sich über die ihm zugestellte Stimmungslage. Der Mann brachte es fertig, bei Einladung zu weiteren Sitzungen der Bezirksleitung jene Mitglieder »zu vergessen«, die ihm nicht passten. Er fürchtete, in Verruf zukommen, wenn der Leiter der Bezirksverwaltung des MfS an den Sitzungen teilnimmt.

In Leipzig wiederholten sich an jedem Montag nach dem Gottesdienst mit wachsender Zahl die Demonstrationen, die als »Montagsdemonstrationen« in die Geschichtsschreibung eingegangen sind. Dorthin begaben sich viele Menschen, auch aus anderen Städten der Republik, aber auch aus der BRD trafen immer mehr Leute mit Bussen als »Demonstrationstouristen« ein. Die ab Oktober auch in Halle organisierten Montagsdemonstrationen begannen nach der Arbeitszeit. Die Teilnehmer kamen aus allen Schichten der Bevölkerung, auch aus der Martin-Luther-Universität. Einfache Arbeiter waren aber kaum präsent. In Halle richteten sich die Demonstrationen gegen die SED-Führung und deren Führungsanspruch. Es wurde viel gehetzt und Lügen verbreitet beziehungsweise normale Geschehnisse und Gegebenheiten überhöht dargestellt. Beim Vorbeizug an der SED-Bezirksleitung erklärte eine junge Mutter ihrer kleinen Tochter: »Hier arbeiten die Bösen, die gegen uns Gute sind«!

In Erinnerung bleibt mir der tragische Tod des 1. Kreissekretärs der SED in Köthen. Es war ein ehrlicher, geradliniger und beliebter Funktionär. Als er seinen 50. Geburtstag beging, waren viele Delegationen gekommen, um zu gratulieren. Er erhielt zahlreiche Geschenke aus Betrieben und anderen Einrichtungen zu seinem Jubiläum. Unter anderem auch ein Jagdgewehr durch die Mitglieder der Kreiseinsatzleitung.

Auf einer von »Bürgerrechtlern« organisierten öffentlichen Veranstaltung im Sportstadion, zu der er eingeladen worden war, wurde er in aggressiver, ehrverletzender Weise von Bürgerrechtlern aufgefordert zu berichten, welche Geschenke er erhalten habe und weshalb er sich gestattete, Volkseigentum anzunehmen. Nach dieser öffentlichen Brandmarkung und Herabwürdigung kehrte er in die Kreisleitung zurück und erschoss sich mit seiner Dienstwaffe. Als Kommunist wurde er in den Tod getrieben von Menschen, denen das Wort von »menschenverachtenden Verhältnissen in der DDR« täglich zum Gebrauch zur Verfügung steht.

Die Bezirkseinsatzleitung tagte fast jeden Tag zur Lageeinschätzung. Dabei wurde offen und ungeschminkt die Situation erörtert. Ein Mitglied der Einsatzleitung machte den Vorschlag, die Mitglieder der SED, die Kommunisten, ebenfalls demonstrieren zu lassen, mit roten Fahnen. Es sollte glaubwürdig die Frage geprüft werden, welche Bürger sich an solchen gegen die Beseitigung der DDR gerichteten Aktionen beteiligen würden. Wegen unsachgemäßen, nicht beschlossenen Herangehens an diesen Gedanken, besonders durch Überspitzungen im Kombinat BUNA, wurden begonnene Vorbereitungen wieder aufgehoben.

Nach wie vor galten die Gesetze der DDR. Sie waren nicht außer Kraft gesetzt worden. Deshalb wurde mit strafrechtlichen Mitteln gegen Personen vorgegangen, die glaub­ten, angesichts von Auflösungserscheinungen ungestraft die Bevölkerung durch Aufforderung zum Streik, Verbreitung von Hetzschriften gegen die Souveränität der DDR die Lage noch mehr anheizen zu können. Es gibt heute noch Leute, die sich wundern, warum die zuständigen Organe der DDR in einer solchen Situation noch Festnahmen durchführten, die alle nach Recht und Gesetz realisiert wurden. Solchen Leuten wäre zu wünschen, von den brutalen Polizeiaktionen betroffen worden zu sein, die in den 90er Jahren bei den Liebknecht-Luxemburg-Demonstrationen in Berlin-Friedrichsfelde vorgenommen wurden. Polizisten drangen damals ohne Not betont gewalttätig in die Menschenmenge mit Schlagstöcken ein, um u a. eine Person herauszuholen, die eine Sonnenbrille trug und damit angeblich gegen das Vermummungsverbot verstieß. Die Polizisten selbst waren übrigens so vermummt, dass nicht zu unterscheiden war, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte.

Ende August 1989 fand auf Weisung des Ministers für Staatssicherheit Erich Mielke in Berlin eine Dienstberatung statt. Es wurde die Situation in der DDR behandelt. Die Leiter, die sich zu Wort meldeten, schilderten die angespannte, komplizierte Lage im Land und betonten die Unzufriedenheit in staatlichen Organen und bei den Leitern der Betriebe und Institutionen darüber, dass keine effektiven Veränderungen in den Führungsetagen von SED und Regierung erfolgen. Die weitere »Marschrichtung« war, dass es nicht nur um die Absicherung der Betriebe und Einrichtungen ging, sondern um die Hilfe des MfS, angehäufte Probleme in staatlichen Organen lösen zu helfen. Damit schien der Minister die Lage unterschätzt zu haben. Die angehäuften Probleme, Mängel in der Versorgung, Reisemöglichkeit usw. mussten zentral gelöst werden, konnten nicht Aufgabe der MfS-Dienststellen sein.

Die Demonstrationen in den Städten wurden fortgesetzt, oftmals begleitet mit Lügen, aufrührerischen Losungen und Schmähungen gegenüber der Regierung wie auch der Sicherheitsorgane. In Medien wurde später zum Beispiel behauptet, dass auf dem Marktplatz in Halle Wasserwerfer gegen Demonstrationen zum Einsatz bereit waren. Tatsache war aber, dass in Halle Wasserwerfer überhaupt nicht zur Verfügung standen. Nicht einen einzigen Wasserwerfer besaß Halle!

Im zweiten Halbjahr 1989 änderte sich spürbar die ideologischen Einstellungen bei einer Reihe von Mitgliedern und Funktionären der SED. Man glaubte nicht mehr an die Überzeugungsfähigkeit der Partei und ihres Programms. Hier ist nicht der Ort, um eine Antwort auf die Frage zu finden, warum eine in komplizierten, schweren Klassenkampfsituationen bewährte Partei ihre Kraft zum Kampf, zur Führung der Menschen verlor. Dass einreisende BRD-Bürger, meist im Auftrage von bürgerlichen Parteien, immer offener Einfluss nahmen auf die Stimmung im Land, blieb nicht ohne Wirkung. Vor allen Dingen in Kreisen der Intelligenz und der studentischen Jugend wurden alle Argumente und Hinweise aufgenommen. So traten an den »Montagsdemonstrationen« in Halle Wissenschaftler und Studenten in Erscheinung und be­stimmten das Bild und den Inhalt solcher Veranstaltungen und auch das allgemeine öffentliche Leben.

Das war m. E. auch eine Auswirkung der seit Jahrzehnten bestehenden Verbindungen einiger Sektionen der Martin-Luther-Universität in die BRD und andere kapitalistischen Staaten, u. a. nach den USA. Selbst Mitarbeiter der Sektion Marxismus-Leninismus und anderer, die sich mit der gesellschaftlichen Entwicklung im Sozialismus beschäftigten, änderten abrupt ihre Meinungen zur DDR und den Thesen, die sie gelehrt und vertreten hatten.

In dieser Zeit musste mit Angriffen gegen das Gebäude unserer Bezirksverwaltung am Gimritzer-Damm gerechnet werden. Deshalb wurden spezielle Maßnahmen zur eigenen Sicherheit befohlen. Die Offiziere, die zur verstärkten Wache gehörten, waren mit Maschinenpistolen bewaffnet. Beim Eindringen aufgeputschter Menschen sollte allerdings nur von den vorhandenen Wasserschläuchen Ge­brauch gemacht werden.

Im November erschien eines Tages der stellvertretende Militärstaatsanwalt des Bezirkes Halle an der Spitze von Vertretern der SED, der Blockparteien und nicht berechtigten weiteren Personen – vielleicht »Bürgerrechtler« –, die sich ungemein aufsässig, bewusst provokant benahmen, ohne dass sie gerügt wurden.

Der Militärstaatsanwalt gab die Besetzung der Behörde und die Versiegelung aller Panzerschränke bekannt. Er verstieß damit gegen geltendes Recht und gegen die Verfassung der DDR. Offenbar gefiel ihm aber diese Rolle. Vielleicht erwartete er, sich bei der »neuen Macht« feilbieten zu können. Er kam allem nach, was von ihm verlangt wurde. Damals ahnte er wohl noch nicht, dass die willfährig übernommene Büttelrolle ihn später nicht davor bewahren sollte, ebenfalls als »Staatsnaher« diskriminiert zu werden.

Es begann die Zeit der Arbeit unter der »Besetzung« so genannter Bürgerrechtler und unter Bewachung der Volkspolizei, die sich sichtbar nicht wohl fühlten in dieser ihnen aufgezwungenen Aufgabe. Trotzdem wurde geplündert, Lager und Magazine ausgeraubt und ein schwunghafter Handel mit erbeuteten Uniformen, Orden und Ehrenzeichen sowie Auto-Ersatzteilen geführt.

Anfang Dezember wurde eine Dienstkonferenz in Berlin unter Leitung des neuen Ministers, Wolfgang Schwanitz, befohlen. Dort wurde beraten, wie eine neue Staatssicherheit geschaffen werden kann. Ich habe dort mit Unterstützung weiterer Teilnehmer den Antrag gestellt, als Leiter der Bezirksverwaltung abgelöst zu werden, weil sich die Stimmung der Bevölkerung gegen die alten Strukturen richtete. Ein neues Amt lässt sich mit alten Kadern nicht schaffen. Mein Antrag wurde zwar abgelehnt, aber einige Tage später erhielt ich fernschriftlich meine Beurlaubung. Mein 1. Stellvertreter wurde mit der weiteren Wahrnehmung der kommenden Aufgaben betraut. Er hat auftragsgemäß mit einem weiteren kleinen Kreis von Mitarbeitern der Bezirksverwaltung bis April 1990 die Auflösung der nunmehr »Amt für nationale Sicherheit« genannten Institution betrieben.

Mit Wirkung vom 15. Januar 1990 erfolgte meine Entlassung aus dem Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik bzw. dem in »Amt für Nationale Sicherheit« umbenannten Dienst.

 

 

Das neue Leben muss anders werden, als dieses Leben,

als diese Zeit

 

Von Fritz Hausmann

 

Jahrgang 1936; Diplom-Industrieökonom; Dr. jur.; MfS/AfNS 1964-1990; Oberstleutnant a. D.; zuletzt Stellvertretender Abteilungsleiter in der HA XVIII des MfS

 

Nachdem ich das Studium der Industrieökonomie an der Hochschule für Ökonomie in Berlin Karlshorst mit einer Diplomarbeit zur Entwicklung mathematischer Modelle für die betriebliche Leitung und Planung mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, trat ich im August 1964 den Dienst im Ministerium für Staatssicherheit auf der Linie Sicherung der Volkswirtschaft (HA XVIII) an. Die in dieser Zeit unter Walter Ulbricht vorgenommenen Änderungen in der Planung und Leitung der Volkswirtschaft, wie sie das Neue Ökonomische System und die zunehmende Bedeutung der EDV erwarten ließen, erforderten Mitarbeiter mit wissenschaftlich fundierten Kenntnissen auf diesen Gebieten. Durch meine langjährige Tätigkeit in der FDJ, in der ich mich besonders mit der Jugendarbeit in der Industrie beschäftigte, besaß ich Kenntnisse über die Aktivitäten westdeutscher und westlicher Einrichtungen und Institutionen, den Aufbau einer von Ausbeutung freien Gesellschaft in der DDR und in den anderen sozialistischen Ländern zu stören und letztlich zu verhindern.

Bereits seit meiner frühen Jugend interessierte ich mich für die Frage, welche Perspektiven wir, die Generation, die den Krieg als Kinder erlebt hatte und für die 1945 die kindlichen Vorstellungen des weiteren Lebens zusammengebrochen waren, in der Zukunft hatten. Den Anfang dieser Entwicklung, die mich von einem politisch interessierten Jugendlichen zu einem Kommunisten werden ließ, markiert ein Buch. Dieses Buch über Edison unter dem Titel »Der Zauberer vom Mendlopark«, enthält einen Einkleber: » Als Anerkennung für die beste Schularbeit im Kampf des deutschen Volkes um seine Einheit und einen gerechten Frieden überreicht: 3. Deutscher Volkskongress Kreisausschuss Auerbach (Vgtl.)«.

Die deutsche Einheit und ein gerechter Frieden, das waren die zwei Zielstellungen, die mich und viele Jugendliche zur damaligen Zeit ansprachen. In den ersten Zeilen eines damals sehr populären Jugendliedes, »Das neue Leben muss anders werden, als dieses Leben, als diese Zeit, da darf’s kein Hungern, kein Elend geben, packt alle an, dann ist es bald so weit«, kam der Wunsch nach Frieden und Aufbau zum Ausdruck. Leider wurden diese Ziele durch die Gründung der BRD und den Wiederaufbau von Streitkräften in der BRD schnell von westlicher Seite durchkreuzt. Die in diesen Jahren von der BRD ausgehen­de immer stärkere Diffamierung, Diskreditierung und Schädigung der DDR, jenes Staates, der aus der Volkskongress-Bewegung hervorgegangen war, ließ mich 1952 als Delegierter des IV. FDJ-Parlamentes mit voller Überzeugung den Beschluss zur Übernahme der Patenschaft der FDJ über die Kasernierte Volkspolizei (KVP) zum Schutze der jungen DDR zustimmen. Für die Nachgeborenen-Generation sei zur zeitgeschichtlichen Einordnung dieses Beschlusses hinzugefügt, dass in eben diesem Jahr der für seine Verbrechen an italienischen Zivilisten von einen englischen Militärgericht 1948 zum Tode verurteilte Generalfeldmarschall Kesselring in der BRD begnadigt wurde.*

Während meines gesamten Berufslebens bis 1989 hatte ich mich in allen Tätigkeiten mit den von der BRD ausgehenden Störungen, Schädigungen und Spionagehandlungen auseinander zu setzen. In der Lehre musste ich Anfang der 50er Jahre im VEB Filz- und Filtertuche Rodewisch miterleben, wie wichtige Lieferungen hochwertiger Merinowollen aus Westeuropa nicht oder nur verzögert erfolgten und so die Produktion der für die Papierproduktion erforderlichen Filze ernsthaft gestört wurde. In guter Erinnerung ist mir noch, dass ich mich in meiner Tätigkeit im Jugendverband mit der Beschwerde einer Jugendbrigade zu beschäftigen hatte, die über die schlechte Qualität des Stahls der Rohlinge, aus denen sie die Nadelbetten für die Rundstickmaschinen herstellten, Beschwerde führten. Die in der DDR neu entwickelten Rundstrickmaschinen, für die die Nadelbetten produziert wurden, hatten auf dem Weltmarkt großes Interesse gefunden. Die westlichen Stahllieferanten hatten kurzfristig die Lieferung des für die Nadelbetten benötigten Spezialstahles an die DDR gestoppt. Die äußerst aufwendige und kostenintensive Entwicklung der Speziallegierung in der DDR erforderte einige Zeit und erheblichen Aufwand.

Zwei weitere Erlebnisse, die ich zu Beginn meines Studiums in Berlin hatte, sind mir noch gut in Erinnerung. Es war damals selbstverständlich, dass jeder Student einen Platz im Studentenwohnheim bekam. Freilich konnte man sich die Mitbewohner nicht aussuchen, aber ein sicherer Wohnheimplatz und die Vollverpflegung an sieben Tagen der Woche in der Mensa haben wir sehr geschätzt. Ich wohnte mit einem Kommilitonen zusammen, der aus Trebbin stammte und dessen Vater Eigentümer eines großen Gärtnereibetriebes war. Im Verlaufe des zweiten Semesters vertraute er mir an, dass er einen Lehrling aus der Gärtnerei seines Vaters geschwängert hätte und er deshalb schnellstens über Westberlin in die BRD müsse, da sein Vater ihn verprügeln und rausschmeißen würde. Er sei auch nicht bereit für das Kind zu bezahlen. Alle meine Bemühungen, ihn von dem Plan abzubringen, blieben erfolglos, und er kam bald nicht mehr zu den Lehrveranstaltungen. Wenige Wochen später tauchte er im Studentenwohnheim bei mir wieder auf. Er bat mich inständig, meine Beziehungen, die ich als Studentenvertreter im Prorektorat für Studentenangelegenheiten hatte, dafür zu nutzen, dass er schnellstens die schriftliche Ausfertigung seiner Exmatrikulation erhalte, da sonst die fristgerechte Immatrikulation in Westberlin gefährdet sei.

Von allergrößter Wichtigkeit für ihn war darüber hinaus, dass als Exmatrikulationsgrund die Einfuhr westlicher Publikationen angeführt sei. Um dies zu belegen, sei er mehrere Tage über den U-Bahnhof Warschauer Straße mit größeren Mengen Zeitungen, Zeitschriften und anderen Druckmaterialien eingereist. Das wäre sicher ein politischer Grund für die Exmatrikulation. Nur so würde er in Westberlin als politischer Flüchtling anerkannt und sofort zu günstigen Bedingungen immatrikuliert werden. Dieses Ansinnen habe ich selbstverständlich zurückgewiesen. Die Exmatrikulation ist damals erfolgt.

Gut in Erinnerung ist mir ein Erlebnis kurz vor dem 13. August 1961. Trotz des durch ein auskömmliches Stipendium wirtschaftlich gesicherten Studiums haben wir während des Studiums oft in unterschiedlichen Bereichen gearbeitet. Einmal um fehlende Arbeitskräfte zu ersetzen und natürlich um Geld zu verdienen. Neben einigen anderen Stellen, wo ich in Wochenend- und Nachtschichten arbeitete, hatte ich seit Herbst 1960 eine feste Beziehung zu einer Produktionsbrigade in der Koksmüllerei im VEB Elektrokohle Berlin. Als ehemaliger Siemens-Betrieb war das Werk nach dem Krieg als Reparationsgut für die So­wjetunion demontiert worden.

Der in den 50er Jahren erfolgte Wiederaufbau war noch nicht abgeschlossen, so dass die Arbeit körperlich sehr anstrengend und durch den Staub belastend war. Ich hatte bei den Arbeitern, obwohl Student, einen guten Stand. Sie waren sofort bereit, mich von Juni bis Anfang August 1961 als Arbeiter im Dreischichtbetrieb auf zu nehmen. So erlebte ich in einem der schmutzigsten und schwersten Jobs in Berlin die Zeit unmittelbar vor dem »Mauerbau«. In dieser Zeit war ich in der Brigade nicht nur der einzige Student, sondern auch das einzige SED-Mitglied. Im Arbeitsablauf gab es zu dieser Zeit ein permanentes Problem. Drei bis vier der zwölf Brigademitglieder kamen nur zur Arbeit, wenn sie in Westberlin in der Beuselstraße oder anderen Orten keinen Tagesjob gefunden hatten, oder sie kamen anschließend müde und kraftlos zur Arbeit. Den Arbeitsplatz bei Elektrokohle brauchten sie, um die Sozialleistungen der DDR voll in Anspruch nehmen zu können.

Im Juli eskalierte die Situation, so dass die Arbeitsleistungen pro Schicht und damit der Verdienst erheblich zurückgingen. Da die Grenzgänger die Forderungen des Brigadeleiters und der Brigademitglieder, das Arbeitsverhältnis bei Elektrokohle zu kündigen, ablehnten, beschloss die Brigade, die Grenzgänger auszuschließen. Nun begannen die Aktivitäten der SED-Betriebsparteiorganisation und der Betriebsgewerkschaftsleitung, um die Brigade zur Rücknahme des Beschlusses zu veranlassen. Bei einer Entlassung bestand die Möglichkeit, dass die Arbeiter ganz in Westberlin arbeiten gehen würden. Auch ich wurde von der Parteileitung angesprochen und aufgefordert, unter den Brigademitgliedern für eine Rücknahme des Beschlusses zu wirken.

Es gab in der Brigade und in einigen angrenzenden Produktionsbereichen lange intensive und oft sehr konträre Diskussionen, ohne dass es eine Lösung des Problems gab. Die Vorstellung, durch staatliche Maßnahmen das Arbeiten in Westberlin zu unterbinden, war sehr verbreitet, auch der Ausschluss von den Sozialmaßnahmen, billigen Mieten u. a. war sehr verbreitet. Die Lösung beinhaltete dann den kleinsten gemeinsamen Nenner: Bei der Leistungsberechnung, auf der die Berechnung des Leistungslohnes basierte, wurden nur die zur Schicht anwesenden Arbeiter gerechnet. Das Verlassen des Arbeitsplatzes während der Schicht, sowie Arbeitsantritt währen der Schicht, führte mit der neuen Leistungsabrechnung zu erheblichen Lohneinbußen der betreffenden Kollegen, da sie aus der kollektiven Lohnabrechnung heraus fielen. Mit diesen Erlebnissen aus der Welt Berliner Arbeiter vor dem 13. August 1961 und der Unzufriedenheit mit der Klärung, reiste ich Anfang August in den Sommerferien in meine vogtländische Heimat.

Mit Beginn des neuen Studienjahres bekamen wir Studenten sofort die grundsätzliche Änderung bei den Arbeitskräften in Berlin zu spüren. Die Nachfrage nach studentischen Arbeitskräften war stark gesunken.

Im September/Oktober1961 habe ich noch ein oder zwei Mal in der Brigade gearbeitet. Verinnerlicht ist mir noch gut ein Gespräch mit dem Brigadier und einigen Arbeitern. Sie hatten große Probleme, wie sich die Kontakte zu ihren Westberliner Verwandten gestalten würden. Die Auswirkungen auf ihre Arbeit beurteilten sie positiv, die Entwicklung hätte ihnen mit ihrer Forderung nach einer grundsätzlichen Lösung des Grenzgängerproblems Recht gegeben.

Die nach 1961 einsetzende langsame Stabilisierung der Wirtschaft der DDR und die Wandlungen in der Leitung und Planung der Volkswirtschaft weckten in mir den Wunsch, aktiv an der Fortführung dieser Entwicklung mitzuarbeiten. So sah ich es als eine Ehre an, nach der gründlichen wissenschaftlichen Ausbildung in der Phase der Umgestaltung der Planung und Leitung der Volkswirtschaft, mit an der Sicherung vor feindlich terroristischen Angriffen arbeiten zu können.

In welcher Breite, Tiefe, Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit die Angriffe bereits gegen die Wirtschaft in der Sowjetischen Besatzungszone und mit Beginn der 50er Jahre gegen die DDR mit dem Ziel vorgetragen wurden, den Aufbau eines friedlichen und ausbeutungsfreien sozialistischen Landes zu verhindern, wie die Aufgaben und Arbeitsschwerpunkte der jeweiligen konkreten Lage angepasst wurden, sind im Sachbuch »Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS« exakt beschrieben. Darin wird belegt, dass Aufgaben, Handlungsrahmen und Handlungstiefe des MfS entscheidend von den aggressiven Angriffen gegen die Volkswirtschaft bestimmt wurden.

In der Biografie über Carl Steinhoff, der das Gesetz zur Gründung des MfS erarbeitete und im Ministerrat und Volkskammer einbrachte, wird anschaulich beschrieben, dass bereits seit den Jahren 1946/1947 folgenschwere Stör-, Sabotage-, und Spionageaktionen gegen die Wirtschaft der Sowjetischen Besatzungszone erfolgten und diese Sabotage- und Terrorangriffe entscheidend für die Gründung des MfS durch die Regierung der DDR waren.

Heute ist es in Mode, Entwicklung und Leben in der DDR unter der Staatsdoktrin »Aufarbeitung des SED- Unrechtssystems« darzustellen und zu verteufeln. Dabei ist der Focus besonders auf das Wirken des MfS gerichtet. Die auf die Liquidierung der DDR und deren Einverleibung in die BRD gerichteten Aktionen, wie sie von einer ganzen Armada unterschiedlicher staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen, Organisationen und Einrichtungen ausgingen, sind in der »Wissenschaftlichen Aufarbeitung » nicht zu finden. Der Zugang zu den Quellen ist nur offen für Kräfte und Einrichtungen, die den antikommunistischen Zeitgeist bedienen. Die Embargopolitik der Jahre vor 1989 lässt grüßen.

Ein wesentliches Arbeitsgebiet stellte für mich in den 60er/70er Jahren die Sicherung der sich entwickelnden Elektronischen Datenverarbeitung (EDV) dar. In dieser Zeit kristallisierten sich zwei Schwerpunkte heraus. Zum einen musste in allen Bereichen ein Verständnis für die sich aus der neuen Technologie der Informationsverarbeitung ergebenden geänderten Sicherheitsanforderungen geschaffen werden. Dies geschah in enger Zusammenarbeit mit dem Apparat des damaligen Staatssekretärs für EDV, Kleiber, durch die Inkraftsetzung wirksamer Datenschutz- und Sicherheitsordnungen in allen EDV-Anlagen. Andererseits mussten wir schnell feststellen, dass die von den DDR- Universitäten und -Hochschulen ausgebildeten EDV-Fachkader auf dem westdeutschen Arbeitsmarkt sehr gefragt waren und deshalb von kriminellen Schleuserbanden gezielt abgeworben und ausgeschleust wurden. Durch die Zerschlagung solcher Schleuserorganisationen konnten wir die Aktivitäten zumindest temporär unterbinden bzw. stören.

An der Aufdeckung einiger im zweibändigen Sachbuch »Die Sicherheit« geschilderten Spionageangriffe habe ich aktiv mitgearbeitet. Besonders ist mir der Fall eines Mitarbeiters der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik in Erinnerung. G. war in den frühen 50er Jahren als Bürolehrling von einer älteren Mitarbeiterin der Zentralverwaltung zu einem Volksfest nach Tegel eingeladen worden. Dort lernte er einen »Gönner für junge, aufgeschlossene Leute« kennen, der ihn nach weiteren Besuchen in Westberlin für den französischen Geheimdienst anwarb. Da dieser Geheimdienst aber nach einigen Jahren das Interesse an ihm verlor, wurde er im Eldorado der sich in Westberlin tummelnden Geheimdienste herumgereicht. Als er nach dem BND beim US-amerikanischen Geheimdienst gelandet war, wusste er nicht mehr genau, mit welchen Diensten er Kontakte hatte. Obwohl er vor dem 13. August 1961 noch mit geheimen Nachrichtenmitteln zum Agenten-Funkverkehr ausgerüstet worden war, brach nach dem »Mauerbau« die Verbindung ab. Seine technische Spionageausrüstung hatte er auftragsgemäß getarnt auf einer Brachfläche abgelegt.

Baumaßnahmen auf dieser Fläche führten zum Totalverlust der Spionageausrüstung. G., der nach dem vom Geheimdienst geforderten und finanziell unterstützten Studium als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Zentralverwaltung Bereich Verkehr arbeitete, war über den Verbindungsabbruch nicht böse, da er die Verbindung zum Geheimdienst als eine Bedrohung seiner zwischenzeitlich gegründeten Familie empfand.

Zu einer Katastrophe wurde es für G., als ihn Ende der 60er Jahre der USA-Geheimdienst wieder aktivieren wollte. Da er eine weitere Arbeit für den Geheimdienst ablehnte, wurde er mit der Androhung massiv unter Druck gesetzt, ihn dem MfS auszuliefern. Der Geheimdienst konnte aber nicht wissen, dass G. bereits enttarnt war und die Einleitung des Ermittlungsverfahrens kurz bevor stand.

Im Ermittlungsverfahren gegen den Mitarbeiter der Staatlichen Plankommission (SPK), S., der von 1952 bis 1970 als Agent für die CIA tätig war, gehörte ich zu den Mitarbeitern der Hauptabteilung XVIII, die mit der Suche und Sicherung der erforderlichen Beweismittel beauftragt waren. Dadurch erhielt ich Einblick in dessen umfangreiche Spionagetätigkeit. Nachdem S. 1952 der CIA zugeführt und angeworben wurde, hatte er bis zum 13. August 1961 etwa 200 reguläre und etwa 120 außerplanmäßige Treffs mit Mitarbeitern des US-Geheimdienstes. Nach dem 13. August 1961 wurde der Kontakt über Blindfunkdienst gehalten, insgesamt hatte er in 401 Sendungen Aufträge und Anweisungen empfangen und 230 nummerierte und chiffrierte Geheimschriftbriefe mit Spionageinformationen übermittelt.

Im Jahre 1956 wurde ihm mitgeteilt, er habe den Status eines Mitarbeiters der CIA erhalten. Für seine spätere Verwendung in der BRD sei gesorgt. S. erhielt zunächst monatlich 150, später 400 DM. Gelegentlich gab es auch Sonderprämien für wichtige Informationen. Hinzu kamen »Treuegelder« für 5, 10 und 15 Jahre Mitarbeit und Weihnachtsgratifikationen. Die »Honorare« wurden auf ein Konto in Westberlin eingezahlt, insgesamt 170.000 DM, wovon ihm 22.000 DM zum Verbrauch ausgezahlt wurden.

S. lieferte der CIA neben politischen und militärischen Informationen vorwiegend Angaben über die Volkswirtschaft der DDR und bestimmte Personen. In der Zeit von 1952 bis etwa 13. August 1961 bespitzelte er Funktionäre und Mitarbeiter staatlicher Organe und der Wirtschaft. Er lieferte etwa 2.000 Charakteristiken. Davon »tippte« er 400 aus seiner Sicht für eine Anwerbung geeignete Personen und lieferte zum Teil Fotos von ihnen.

Seine Tätigkeit im Staatlichen Komitee für Materialversorgung (SKM) und im Staatlichen Chemiekontor (SCK) verschaffte ihm einen Überblick über wichtige Einrichtungen, die für die Gesamtentwicklung der DDR-Volkswirtschaft von Bedeutung waren. Während er im SKM über Informationen verfügte, die sich auf volkswirtschaftlich bedeutsame Produkte in der Chemieindustrie bezogen, weiteten sie sich im SCK auf alle dort bilanzierten Erzeugnisse, einschließlich der Vereinigung der Volkseigenen Betriebe (VVB) und Großbetriebe der Chemie aus. Durch den hohen Verflechtungsgrad erhielt S. weitreichende Einblicke in Probleme der Zulieferindustrie (Kohle, Energiewesen Maschinenbau, Elektrotechnik/Elektronik, Nichterzbergbau, Importwirtschaft), sowie der abnehmenden Zweige (Leichtindustrie, Elektrotechnik/Elektronik, Nahrungsgüterwirtschaft, Maschinenbau, Verkehrswesen, Exportwirtschaft). Damit besaß S. fundamentale Kenntnisse über Hauptkettenglieder und Engpässe in der Volkswirtschaft, über die Struktur und sonstige Querschnittfragen bis hin zu Kaderproblemen.

Im Urteil des Obersten Gerichts der DDR hieß es zu den Konsequenzen dieser Spionage, dass S. von seinen Kontaktpartnern bei der CIA klargemacht worden war, dass sie über »enge Verbindung mit Regierungsstellen, Konzernen und anderen Wirtschaftsunternehmen« verfügten und auf diese Weise in der Lage seien, »auf entsprechende vom Angeklagten erlangte Informationen hin, empfindliche Störungen zu veranlassen«. In Kenntnis dessen forderte S. von seinen Auftraggebern, dass wichtige Rohstoffe und Zwischenprodukte auf die Embargo-Liste gesetzt wurden. So benannte er Erzeugnisse, die aus dem sozialistischen Staatenverbund nicht kurzfristig lieferbar waren und denunzierte Zwischenhändler, die spezifische Erzeugnisse an die DDR lieferten.

Von einem ihm berichtspflichtigen Mitarbeiter erfuhr S. im Jahre 1958, dass über griechische Zwischenhändler in der Türkei 6.700 Tonnen Bor-Erz gekauft und mit dem griechischen Schiff »Marta« in die DDR unterwegs waren. Aus dieser Ladung Bor-Erz sollte Borax produziert werden. Borax wurde zur Herstellung von Spezialgläsern für optische Geräte, Emaille-Erzeugnisse, Sanitärkeramik, Verbundlager, Kachelplatten und bestimmte Pharmaka be­nötigt. Die Ladung der »Marta« sollte anderthalb Jahre Boraxproduktion in der DDR sichern. S. übermittelte der CIA bei einem Sondertreff diese Fakten und Zusammenhänge.

Ende März 1959 wurde der griechische Frachter in neutralen Gewässern in der Nähe von Gibraltar von US-Kriegsschiffen aufgebracht und gezwungen, einen griechischen Hafen anzulaufen. Dort wurde die Ladung unter Verweis auf Embargo Bestimmungen beschlagnahmt. Mitte des Jahres 1961 (!) wurde von den griechischen Behörden die Ladung freigegeben mit der Auflage, sie an ein NATO-Mitgliedsland zu verkaufen. Für die DDR entstand daraus ein erheblicher Schaden. Allein für die Aufwendungen durch Beschlagnahme der Ladung mussten ca. 1.700.000 Valutamark gezahlt werden. Infolge des Ausbleibens der Lieferung entstand für den Herstellerbetrieb durch Produktionsausfall ein Gewinnverlust von ca. 2.360.000 Mark.

Die Folgeschäden für Betriebe der ersten Verarbeitungsstufe führten zu einem Verlust an Warenproduktion von 15 Millionen Mark. In den nachgelagerten Stufen waren die Ausfälle ebenfalls beträchtlich. Umstellungen waren weitere Begleiterscheinungen. Durch die Kenntnis der absoluten Abhängigkeit der DDR wurden die Preise für Borax und Bor-Mineralien zum Schaden der DDR-Volkswirtschaft manipuliert und hochgetrieben.

Bei den Angriffen gegen die Volkswirtschaft der DDR wurden von westlichen Dienststellen vielfältige Mittel und Methoden angewandt. So hatte ich an der Aufdeckung und Liquidierung einer besonders perfiden Methode mitzuarbeiten. Ende der 60er Jahre lernte eine Sekretärin aus dem Sekretariat des Stellvertreters für Wissenschaft und Technik der Staatlichen Plankommission in einer Bar am Berliner Alexanderplatz einen arabisch stämmigen Mann kennen. Neben intimen Beziehungen veranlasste er sie, für ihn gegen Kosmetika und andere Geschenke dienstliche Unterlagen aus dem Sekretariat mitzubringen. Da er nicht in der Lage war, die Interessen seiner Auftraggeber genau zu benennen, übergab sie bei den Treffs die Tagesablagen. Während sie mit ihrem Auftraggeber an unterschiedlichen Orten in Berlin zusammen war, wurden die Unterlagen von seinem »Freund« nach Westberlin verbracht und dort von sachkundigen Geheimdienstagenten gesichtet, bewertet und kopiert. Nach Rückkehr des Kuriers erhielt die Sekretärin die Unterlagen zurück, die sie am nächsten Tag als besonders fleißige Bürokraft vor Dienstbeginn zurückstellte. Da der arabische Amigo und sein Freund diplomatischen Status hatten, konnten sie zu jeder Zeit unkontrolliert über den Grenzübergang Friedrich-/Zimmerstraße ein- und ausreisen. Als der Geheimdienst begann, die Verbindung zur gezielten Informationsgewinnung auszubauen, war es gelungen, die Verbindung zu enttarnen und zu liquidieren. Die Amigos reisten nicht mehr in die DDR ein, die Sekretärin wurde rechtskräftig verurteilt.

In der zweiten Hälfte der 70er und zu Beginn der 80er Jahre verlagerte sich mein Arbeitsschwerpunkt auf die Sicherungsaufgaben in der Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft. In der DDR war ein hoher Stand der Tiergesundheit erreicht. Sowohl im Bereich der veterinärmedizinischen Forschung als auch der Staatlichen Leitung und Planung auf diesem Gebiet waren international hoch anerkannte Ergebnisse erreicht worden. In der von Thomas Moeller 1999 an der FU Berlin eingereichten Dissertation »Wirtschaftlich bedeutsame Erkrankungen des Rindes in der ehemaligen DDR, Ursachen und Bekämpfung«2 wird dies analysiert und detailliert dargestellt. Auch US-amerikanische Fachleute mit diplomatischen Status zeigten in mehreren von der US-Botschaft in der DDR organisierten Besuchen und Reisen dafür größtes Interesse. Es bedarf daher keiner besonderen Begründung, dass der allseitige Schutz der Tierbestände vor Anschlägen jeder Art und die Sicherung der wissenschaftlichen Erkenntnisse auf diesem Gebiet einen hohen Stellenwert in unserer Arbeit hatten.

Im Vorfeld des 100. Geburtstages des international renommierten Friedrich-Löffler-Instituts auf der Insel Riems (FLI) – heute Friedrich-Löffler-Institut, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit – ist in der Ärztezeitung vom 20. September 2010 der Artikel »Ratten und Spitzel in DDR-Forschungsinstitut« aus der Feder der Mitarbeiterin des ADN-Büros Rostock, Frau Dr. Rathke, erschienen. In ihm äußert sie sich – neben einer nicht ganz vollständigen und tendenziös gewichteten Aufzählung von Ereignissen aus der 100-jährigen Geschichte des FLI – auch zu Seuchenausbrüchen im Umfeld des Instituts und benutzt diese, um das MfS zu diffamieren.

In meiner Tätigkeit in den Jahren 1975 bis 1989 nahmen die von der Linie XVIII (Sicherung der Volkswirtschaft) zu lösenden Aufgaben auf dem Gebiet der Tiergesundheit einen zentralen Platz ein. Deshalb sind mir die Vorgänge um das FLI, auf die sich Frau Dr. Rathke bezieht, bekannt. Aus dieser meiner Sicht ist festzustellen, dass ihr Artikel oberflächlich recherchiert ist. Er ist nur insoweit recherchiert, bis die Aussage dem Geist heutiger Zeit, »DDR, ein maroder Überwachungsstaat«, entspricht. Es ist deshalb notwendig, zunächst in aller Kürze einige Fakten und Zusammenhänge darzulegen, die Frau Dr. Rathke geflissentlich übersehen hat.

Die Maul- und Klauenseuche (MKS) trat im Um­feld von Greifswald seit Beginn der Forschungsarbeit von Friedrich Löffler, der 1888 als Professor für Hygiene an die Universität Greifswald kam und 1898 den Erreger der MKS als erster beschrieb, immer wieder auf. Löffler hat zunächst in Greifswald geforscht. Dazu war die Arbeit mit aktiven Viren notwendig. Das führte zu Seuchenausbrüchen im Umfeld der Löfflerschen Forschungseinrichtung, so dass die Einrichtung selbst zu einem großen Risiko für die Klauentierbestände in Vorpommern wurde. Deshalb kaufte Preußen 1908 die Insel Riems und verlegte, bei striktester Isolation, das Institut auf die Insel. Aus seuchenhygienischen Gründen wurde die Insel für jeglichen Besucherverkehr gesperrt. Dieser Umstand brachte bei erfolgreicher wissenschaftlicher Arbeit in der landschaftlich reizvollen Gegend ein in späteren Zeiten oft hoch gelobtes Flair von Riems hervor. Die Gründung des Instituts auf einer Insel war 1910 eine erfolgreiche Seuchenschutzmaßnahme des Preußischen Staates, die der damaligen Zeit entsprach, aber den Anforderungen ab den 60er/70er Jahre des vorigen Jahrhunderts nicht mehr gerecht wurde.

Seuchenausbrüche, die ihre Ursache in einem Tierseuchenforschungsinstitut hatten, gab es nicht nur in der DDR. Aus umfangreichen Presseveröffentlichungen sind Seuchenausbrüche in Südengland bekannt. Die Ursachen waren auch hier Virusausbrüche, aber nicht aus einem »maroden DDR-Institut«, sondern aus dem weltweit führenden Institut in Pirbright (Referenzzentrum des Internationalen Tierseuchenamtes), von dem u. a. 2002 ein großer Seuchenzug in England ausging. Auch Ausbrüche in späteren Jahren hatten ihren Ursprung in diesem Institut bzw. den dazugehörigen Produktionsanlagen.

Im Tagesspiegel vom 25. August 2007 war zu lesen, dass sich der englische Inlandsgeheimdienst MI5 mit den Ursachen des MKS-Ausbruchs und möglichem Zugriff von Terroristen auf Virusbestände befasst hat.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zur Erfüllung der durch das Potsdamer Abkommen Deutschland auferlegten Reparationsverpflichtungen auf der Riems die Ausrüstungen und Einrichtungen nahezu vollständig demontiert. Obwohl der Wiederaufbau durch die wirtschaftlichen Probleme der frühen DDR-Jahre und, was den Zugang zu wissenschaftlichen Geräten betraf, durch das von den USA initiierte Wirtschaftsembargo geprägt war, führte bereits 1950 die breit angelegte Forschungsarbeit zur Entwicklung der RIEMSER Maul- und Klauenseuche-Konzentratvakzine. Diese ermöglichte die Reduzierung der Impfdosis von 30 ml auf 5 ml. Die Klauenseuche-Konzentratvakzine waren die Grundlage für die Einführung der Impfpflicht für Rinder über zwei Jahre, die 1950 in der DDR als erstes Land weltweit eingeführt wurde. Zahlreiche europäische Länder folgten diesem Beispiel.

Ab 1956 erfolgte gegenüber der Insel, in einem Neubau in Riemserort, der heute ein Teil der RIEMSER Arzneimittel AG ist, die Entwicklung und Produktion von Impfstoffen und Diagnostika zur Behandlung virusbedingter Tierkrankheiten. In den 70er/80er Jahren konnten durch umfangreiche Arbeiten in der angewandten Forschung die Impfstoffproduktion bedeutend erweitert werden. Eine Reihe neuer Impfstoffe und Diagnostika kamen auf den Markt, darunter die heute noch bekannten Präparate RIEMSER® Schweinepestvakzine, RIEMSER®IBR/IPV-Vakzine und RIEMSER®Rinderleukose-Testbesteck.

1991 konstatierte der Wissenschaftsrat den Nutzen des Instituts und empfahl dessen Erhaltung.

Die aus der Gründungszeit des FLI stammende Seuchenschutzkonzept-Insellage entsprach ab Mitte der 70er Jahre nicht mehr der gewachsenen Forschungs- und Produktionsentwicklung. Das führte im unmittelbaren Umkreis Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre mehrfach zu regional eng begrenzten MKS-Ausbrüchen, als dessen Erreger stets der MKS-Produktionsstamm ermittelt wurde. Diese MKS-Ausbrüche im Umfeld des FLI waren in dieser Zeit die einzigen in der ansonsten MKS-freien DDR. In gleicher Zeit waren in der BRD und Westeuropa mehrere auf die Fläche verteilte MKS-Ausbrüche festzustellen.

Durch das Institut, die Akademie der Landwirtschaftswissenschaften, das zuständige Landwirtschaftsministerium sowie die regionalen und zentralen Veterinärorgane wurden die Ursachen der Seuchenausbrüche ermittelt und Maßnahmen zu ihrer sofortigen Beseitigung eingeleitet. Im Zusammenhang mit Erweiterungen in Forschung und Produktion erfolgte die Planung und Realisierung eines Neubaus, der Ende der 80er Jahre fertig gestellt wurde und der den modernen Ansprüchen des Seuchenschutzes entsprach.

Dass sich das MfS mit Tierseuchen beschäftigte, ist eine unbestrittene Tatsache und ergibt sich aus den Aufgaben zur Sicherung der Landwirtschaft gegen feindliche (terroristische) Angriffe jeder Art. Im Tagesspiegel vom 5. August 2007 las man, dass sich auch der englische Inlandsgeheimdienst MI5 mit den MKS-Ausbrüchen befasst hatte.

Wie in anderen Ländern auch oblag die Bekämpfung von Tierseuchenausbrüchen in der DDR einer zentralen und territorialen Tierseuchenkommission. Ob die Inlandsgeheimdienste in anderen Ländern in Tierseuchenkommissionen vertreten sind, ist nicht bekannt. In der DDR war das MfS in diesen Kommissionen nicht vertreten.

Das MfS hatte äußere und innere terroristische Angriffe gegen die Tierbestände zu erkennen und zu verhindern, sowie strafrechtlich relevante grob fahrlässige Verhaltensweisen, die zur Schädigung der Tierbestände führten, aufzuklären. In diesem Sinne hat das MfS immer selbstständige Untersuchungen der Ursachen von MKS-Ausbrüchen im Umfeld des FLI durchgeführt, in die vergleichsweise die Ergebnisse der offiziellen staatlichen Ursachenermittlungen einflossen.

Aus den Untersuchungen ergab sich, dass bis auf den einen Ausbruch 1982 allen Ausbrüchen ein Grundmuster zu Grunde lag. Kontaminiertes Material, welches in vorgeschriebenen thermischen Desinfektionsprozessen nicht oder nicht hinreichend sterilisiert worden war, ist über Wirtstiere, im wesentlichen Möwen, aber auch Schadnager, auf die Futterflächen der umliegenden Landwirtschaftsbetriebe gelangt. Dort lösten sie eine Infektion mit einem meist leicht beginnenden Krankheitsverlauf aus. Da die Tiere sofort gekeult und unter speziellen veterinärhygienischen Maßnahmen entsorgt wurden, kam es zu keiner Ausbreitung der Krankheit. Für die Leitung des FLI war deshalb die Verbesserung der thermischen Desinfektion der Abwässer und die Verhinderung des Eindringens von Wirtstieren eine permanente Aufgabe. Zur schnellen Klärung der Ursachen war es für uns wichtig, schnellstmöglich mit eigenen Erkenntnissen den Ursachenkomplex einzugrenzen.

Deshalb nahm die MfS-Kreisdienststelle Greifswald diesen neuralgischen Bereich mit Inoffiziellen Mitarbeitern unter Kontrolle. Obwohl nach jeden MKS-Ausbruch dieser Bereich weiter entschärft wurde und auch im Umfeld Maßnahmen ergriffen wurden, um die Übertragung durch Wirtstiere auszuschließen (Halteverbot von Klauentieren in einem Umkreis um das FLI), war unstrittig, dass nur ein Institutsneubau das Problem lösen konnte. Dieser Neubau wurde dann auch Ende der 80er Jahre fertig gestellt.

Wichtigstes Indiz für die Beurteilung der Ausbruchsursachen war für das MfS die Differenzierung des Virustyps durch das FLI selbst, sowie eines ausländischen Instituts. So konnte in allen Fällen, bis auf den Ausbruch 1982, festgestellt werden, dass es sich um den in der Produktion verwendeten Virusstamm handelte.

Wie richtig und wichtig diese Vorgehensweise für die MfS-spezifische Beurteilung der Ursachen des MKS-Ausbruchs war, zeigte sich beim Ausbruch 1982, der sich zu einem Seuchenzug durch die Bezirke Neubrandenburg und Rostock entwickelte. In der für MKS-Ausbrüche günstigen meteorologischen Lage, feuchte, trübe, aber frostfreie Wetterlagen, kam es 1982 in einer Rinderanlage in Murchin im Bezirk Neubrandenburg zu einen MKS Ausbruch, der sich zu einem Seuchenzug entwickelte.

Bei der Analysierung der Lage mussten wir feststellen, dass dieser Seuchenausbruch wesentliche Besonderheiten zu den bisherigen MKS-Ausbrüchen hatte. So ergaben erste Differenzierungen des Ausbruchsvirus, das in der Folge die Bezeichnung« Murchin« erhielt, dass es sich nicht um den Produktionsstamm vom FLI oder eines Mutanten davon handelte.

Weiterhin wich der Verlauf des Krankheitsausbruches wesentlich von dem bei früheren Ausbrüchen, sowie dem in der Standardliteratur beschriebenen Verlauf ab. Die Krankheit trat sofort mit sehr großer Heftigkeit auf. Diese wird in der Literatur erst für den Höhepunkt der Erkrankung beschrieben. Gerade dieser untypische Ausbruchsverlauf war als ein starker Hinweis auf eine Fremdeinwirkung, mit dem Ziel, einen Seuchenzug auszulösen, zu interpretieren. Die größte räumliche Entfernung des Ausbruchsortes der Seuche zur DDR-Staatsgrenze West konnte ein Hinweis sein, dass mögliche Täter ein Übergreifen auf die Tierbestände der BRD verhindern wollten. Die Entfernungen und räumlichen Gegebenheiten schlossen eine Übertragung durch die bei bisherigen Ausbrüchen aufgetretenen Wirtstiere aus.

Nachdem sich der Murchiner MKS-Ausbruch zu einem Seuchenzug entwickelt hatte und aus seuchenhygienischen Gründen Sperrmaßnahmen erlassen werden mussten, wurden verstärkte Interessen der US-amerikanischen Militärverbindungsmission aus Potsdam festgestellt. Obwohl es in dieser Zeit in der DDR ein effektives Meldesystem gab, waren in vielen Fällen die Fahrzeuge der Militärverbindungsmission noch vor der zentralen Ermittlergruppe, die sich sofort nach Eingang der Meldung von Berlin aus zum befallenen Rinderbestand begaben, vor Ort. Dafür, dass die US-amerikanische Militärverbindungsmission nicht im Verteilerschlüssel von Seuchenmeldungen stand, kann sich der Autor verbürgen. Das Seuchengeschehen von 1982 stand also im Interesse der CIA, die das Meldesystem der DDR zu Spionagezwecke angezapft haben musste.

Diese Besonderheiten waren nicht dazu angetan, einen gezielten Eintrag des MKS-Erregers von außerhalb auszuschließen. Auch in den staatlichen Leitungsorganen und im Parteiapparat der SED stand man dem Gedanken des äußeren Einflusses nicht ablehnend gegenüber. Besonders die Tatsache, dass der Ausbruchsvirus nicht zum Produktionsstamm gehörte, führte vielfach zu der Feststellung, dass es sich um äußere Einwirkungen zum Schaden der DDR handeln könnte.

Diese Haltung wurde im Bezirk Rostock am deutlichsten. In der Rindergroßanlage Born auf Usedom war nach einem ersten MKS-Ausbruch, der Keulung des Bestandes, der Desinfektion der Ställe und der Neuaufstallung ein erneuter MKS-Ausbruch erfolgt. Eine Kontrolle der desinfizierten, aber noch nicht neu aufgestellten Ställe ergab, dass die Desinfektion nicht mit der erforderlichen Sorgfalt erfolgt war, so dass sich noch in erheblichem Umfang kontaminiertes Material fand. Nach dem Neuausbruch wurde der Leiter der Bezirksverwaltung Rostock zum 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung bestellt, der ihm vorhielt, dass wohl mit dem erneuten Ausbruch auf dem Born der Hinweis auf feindliches Handeln gegeben sei und das MfS nun seiner Aufgabe, den Feind zu finden, nachkommen müsse.

Diese Feindvermutung konnte mit dem Nachweis der ungenügenden Desinfektion entkräftet werden.

Es war also nicht zu übersehen, dass die Besonderheiten des Seuchenausbruchs in Murchin durchaus Ansatzpunkte äußerer Einwirkungen, beim MI5 »terroristische Handlungen« genannt, aufwiesen. Es existierten auch zahlreiche, teils sehr skurrile Mutmaßungen zu den Ausbruchsursachen. Eine hat sich teilweise bis heute erhalten – die Seuche sei aus Polen eingeschleppt worden. Sie wurde in die Welt gesetzt, um nach einem Seuchenausbruch auf der dänischen Insel Fünen vom Riems abzulenken.

Unabhängig von der gesamten Hektik um mögliche Ursachen hat die HA XVIII/6 mit großer Gründlichkeit und, gestützt auf gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse, die o. g. Lageanalyse erarbeitet und zur Grundlage der weiteren Untersuchung gemacht. Unsere Untersuchungen ergaben, dass sich der Virusstamm, der den Ausbruch in Murchin verursacht hat, im Bestand des Forschungsbereiches des FLI befand. Weiterhin konnten wir ermitteln, dass zu Forschungszwecken in der Inkubationszeit – also der Zeit zwischen der Ansteckung und Ausbruch der Krankheit – mit dem Virusstamm Untersuchungen an Schweinen durchgeführt wurden. Zu diesem Zweck wurden Schweine mit diesem Virus infiziert. Es ergaben sich auch Hinweise, dass Mängel bei der sterilen Beseitigung des infizierten und hoch aggressiven Materials aufgetreten sind. Unsere Ermittlungen wurden durch die Differenzierung des entsprechenden Virusstammes vom Riems und des Ausbruchsstammes von Murchin und der Bestätigung ihrer Identität bewiesen.

Damit konnte auch das zweite Problem des untypischen Ausbruchsverlaufes, die sofort aufgetretene hohe Aggressivität, geklärt werden. In der Literatur und den Erfahrungen der Forschung ist belegt, dass MKS-Viren, die von erkrankten Schweinen ausgeschieden werden, mit einer vielfach höheren Aggressivität auf Rinder wirken als Viren, die von erkrankten Rindern stammen. Dies wurde auch im Verlauf des Seuchenzuges sichtbar, in dem der Krankheitsausbruch und Verlauf sich immer mehr dem typischen, in der wissenschaftlichen Literatur beschriebenen Verlauf annäherte, bis keine Besonderheiten mehr auftraten.

Um eine Fremdeinwirkung zweifelsfrei auszuschließen, musste auch der Übertragungsweg geklärt werden. Zu Beginn der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts waren die Kenntnisse zur Windübertragung noch nicht in dem Maße gesichert wie heute. Bei einer Reise zum europäischen Reverenzzentrum für MKS im englischen Pirbright konnte ein DDR-Wissenschaftler, der in unserem Auftrag die Differenzierung des Ausbruchsvirus und des Forschungsvirus hatte durchführen lassen, die aktuellen Fähigkeiten des englischen Instituts ermitteln und durch eine Computersimulation die Möglichkeit der Luftübertragung prüfen. Das veranlasste uns, die erforderlichen meteorologischen Daten zu ermitteln und in Pirbright eine Simulation zu erstellen. So konnte der Weg des Virus vom Riems nach Murchin und auch die Überlebensfähigkeit nach dem Lufttransport nachgewiesen werden.

Bleibt noch die Klärung des hohen aktuellen Interesses der Militärverbindungsmission an den Seuchenobjekten. Mit dem Abklingen des Seuchenzuges und der Lockerung bestimmter Sperrmaßnahmen gingen auch die Feststellungen o. g. Fahrzeuge zurück. Eine endgültige Klärung ergab sich einige Zeit später, als uns die Linie II (Spionageabwehr) bat, eine Information zu bewerten. Ein mit Kenntnis des MfS mit der CIA zusammenarbeitender DDR-Bürger war ausführlich zu dem Seuchengeschehen im Frühjahr 1982 befragt worden, mit dem Hintergrund, ob es sich evtl. nur um Scheinmaßnahmen gehandelt haben könnte, um die Verlegung sowjetischer Raketen zu tarnen.

So konnte das MfS und der MI5 gegenüber ihren Regierungen hinsichtlich eines feindlichen Angriffs, wie es in der DDR hieß, oder eines Terroranschlags abwinken. Auf Grund welcher Erkenntnisse der MI5 abgewunken hat, wird man wohl nie erfahren, was das MfS gemacht hat, ist nun bekannt.

Die Ergebnisse unserer Arbeit wurden stets zur gegebenen Zeit mit dem Leiter der Hauptabteilung Veterinärwesen im Ministerium für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft (MfLF) ausgewertet. Dies schon deshalb, weil er unsere Untersuchungen wesentlich unterstützt hat und unsere legalisierte wissenschaftlich belegte Analyse über die Ursache des Seuchenausbruchs für ihn eine wichtige Arbeitsgrundlage war.

Zusammengefasst wurden die Ergebnisse unserer Arbeit in einer Information an Erich Honecker gegeben. Ob er diese im Original oder wie üblich erst in der Westpresse gelesen hat, vermag ich nicht zu sagen.

Zum Abschluss noch drei Bemerkungen:

Einige fordern, dass sich die Mitarbeiter des MfS bei der »Aufarbeitung ihrer Vergangenheit« entschuldigen mögen. Ja, ich will mich entschuldigen: bei den Wissenschaftlern, Veterinären und allen anderen ehemaligen DDR Bürgern, die uns aus ehrlicher Überzeugung geholfen haben, so komplizierte und komplexe Aufgaben wie die oben beschriebenen zu lösen. Es ist nicht möglich gewesen, nach dem Untergang der DDR den Schaden, der sich für sie aus der Unterstützung, die sie uns gewährt haben ergeben hat, abzuwenden.

Dem Leiter der Hauptabteilung Veterinärwesen im MfLF der DDR wurde bei der ersten Sitzung des internationalen Tierseuchenamtes in Paris, nach dem Ende des Seuchenzuges, zur erfolgreichen Überwindung des MKS-Seuchenzuges Gratulation und Anerkennung ausgesprochen. Seine Kollegen, insbesondere auch aus der BRD, zeigten allergrößtes Interesse an den in der DDR bei der Seuchenbekämpfung erlangten Erfahrungen. Es mag heute komisch klingen, dass die Chefs der europäischen Veterinärbehörden in entsprechender Form die Ergebnisse des MfS zum Seuchenausbruch 1982 in den folgenden Jahren zur Kenntnis erhielten. Sie waren also nicht erst auf die oberflächlichen und tendenziösen Ergüsse einer Frau Dr. Rathke vom ADN-Büro Rostock in 2010 angewiesen.

Ich habe aber auch noch eine weitere herbe Enttäuschung für Frau Dr. Rathke: Auf dem Gelände des FLI wurde in der zweiten Hälfte der 80er Jahre ein neuer Gebäudekomplex errichtet, in dem die Forschungs- und Produktionsbedingungen sowie die des Seuchenschutzes wesentlich verbessert werden konnten. Um dem neuesten internationalen Stand zu entsprechen, waren Expertengruppen auch in der BRD unterwegs. Aus Gesprächen mit Verantwortungsträgern auf dem Gebiet des Veterinärwesens, der Tierproduktion und der Agrarwissenschaft weiß ich, dass die Informationen des MfS nicht alleinige Entscheidungsgrundlage für Neubau und den Seuchenschutz waren, dazu hatten wir ja auch nur eine spezifische Seite des Seuchengeschehens zu untersuchen, aber unbedeutend für die Entscheidungsträger waren sie nicht. Die Behauptung von Frau Dr. Rathke, die DDR sei nicht in der Lage gewesen, entscheidende bauliche Veränderung vorzunehmen und auch das MfS hätte daran nichts ändern können, ist schlichtweg falsch, gelogen, offensichtlich um zu diffamieren und zu diskreditieren.

Aufgrund staatlicher Regelungen, Informations- und Entscheidungsstrukturen wurden wir mit einer Vielzahl von Vorkommnissen und Prozessen konfrontiert, die mit der originären Abwehrarbeit nicht unmittelbar zu tun hatten, aber aufgrund der komplizierten Lage die Aufmerksamkeit der zuständigen Diensteinheiten erforderten. Zwei Ereignisse, die beide mit der Nahrungsgüterversorgung der Sowjetunion im Zusammenhang standen, halte ich für wichtig genug, sie hier zu erwähnen.

Ende Januar 1979 erfolgte der Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan. Darauf verhängte die USA ein Getreideembargo gegenüber der Sowjetunion. Die Sowjetunion hatte im Herbst, bis das Wintereis den Schiffsverkehr auf den Großen Seen im Nordosten der USA und Kanada zum Erliegen brachte, die erforderliche Getreidemenge gekauft, die zu diesem Zeitpunkt bereits in den Russischen Häfen angelandet waren oder sich noch auf See befanden.

In der ersten Woche des Jahres 1980 unterrichtete mich der Generaldirektor des Außenhandelsbetriebes Nahrung in einem vertraulichen Gespräch, dass durch Vermittlung der Hamburger Getreidehandelsfirma Alfred C. Toepfer International, US-amerikanische Landwirtschaftsexperten und Getreidehändler zu Verhandlungen in der DDR weilten, um Wege zu erkunden, wie das noch in den Getreidespeichern an den großen Seen lagernde Getreide, welches für den sowjetischen Markt bestimmt ist, trotz des Embargos in die Sowjetunion gelangt. Die amerikanische Seite hat sehr nachdrücklich auf entsprechende Hilfe der DDR bestanden, da das Getreide nach der Winterperiode rechtzeitig verschifft werden musste, um Lagerkapazität für die neue Ernte zu schaffen. Auf diesem Weg gelangten auch umfangreiche Interna über die Ausgestaltung und Handhabung des Embargos durch die US-Behörden in die DDR. Ohne auf Details einzugehen, ist mir heute noch erinnerlich, dass die DDR den USA-Händlern und der Sowjetunion geholfen hat, das Getreideembargo der US-Administration zu umgehen.

Eine interessante Frage kann sich heute, nach fast 35 Jahren, für den aufmerksamen Leser ergeben: Hat die DDR damit dem sowjetischen Bündnispartner oder dem Klassenfeind geholfen? Zur Hilfe für den Bündnispartner war die DDR sicherlich verpflichtet, aber insgesamt hat die DDR an den Geschäften zur Umgehung des Embargos, inklusive aller Folgegeschäfte, nicht schlecht verdient. Dazu gehörte auch, dass die Sowjetunion in nicht unerheblichem Maße die zur Kompensation des Embargos aus der DDR erfolgten Getreide-, Futtermittel- und Fleischlieferungen mit Erdöl bezahlte, welches nach Verarbeitung in der Raffinerie in Schwedt als Treibstoff in Westeuropa verkauft wurde. Heute kann man in einschlägigen Quellen nachlesen, wie viele Handelslinien und Länder an dem Getreideembargo verdient haben, indem sie den USA halfen, Jahr für Jahr das Getreide zu den Verbrauchern in der Sowjetunion zu bringen. Damit wird aber auch sehr klar, welcher zahnlose Papiertiger das Getreideembargo der US-Administration war. Wirksamer war da schon die Aufrüstung der Taliban unter Osama Bin Laden. Aber die negativen Folgen dieser gegen die Sowjetunion gerichteten Aktion trafen die Amerikaner schneller als gedacht selbst. Nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Afghanistan zeigen schon mehrere Jahrzehnte, dass es den USA ergeht wie dem Zauberlehrling in Goethes gleichnamiger Ballade. Während Goethes Zauberlehrling mit den Worten »Die ich rief, die Geister, / werd’ ich nun nicht los« den Meister ruft, kann der mit den Worten »In die Ecke, Besen, Besen! Seid’s gewesen« die Situation bereinigen, jedoch hat der nach dem Abzug der sowjetischen. Truppen aus Afghanistan einsetzende Terror unzählige Menschenleben gekostet und Leid gebracht, und das bis in das Zentrum der USA mit den Anschlägen gegen das World Trade Center.

Wenn ich heute Medien-Berichte aus der »Stasi«-Unterlagenbehörde lese, fällt mir immer wieder auf, wie undifferenziert von den laufenden Metern Akten als Ausdruck der »Unterdrückung« der DDR-Bevölkerung gesprochen wird. Auch wegen der Aktionen zur Umgehung des Getreideembargos, die auf Bitten der US-Vertreter in der DDR eingeleitet wurden, sind in meiner Abteilung mindestens ein laufender Meter Akten angefallen, dazu kommt in anderen Diensteinheiten durch die Ablage von Berichten und Informationen vermutlich ein gleicher Aktenumfang.

In den letzten Jahren meines Dienstes im MfS war ich nochmals mit Nahrungsgüterlieferungen in die Sowjetunion befasst. Auch für sie trifft hinsichtlich der angefallenen Papiermenge dasselbe zu wie beim eben Erwähnten. Der Ausgangspunkt lag weit außerhalb der von uns zu lösenden Aufgaben. Die Gorbatschowsche Perestroika hatte für die sowjetische Landwirtschaft, wie auch in anderen Bereichen, katastrophale Auswirkungen. Das veranlasste den KPdSU-Generalsekretär, sich 1987 persönlich an den Generalsekretär des ZK der SED, Honecker, zu wenden und um eine größere Lieferung Kartoffeln für die Winterversorgung der Moskauer Bevölkerung zu bitten. Die Lieferungen erfolgten im Herbst 1987.

Das MfS hatte damit weder etwas zu tun geschweige denn davon Kenntnis.

Nach meinen Erinnerungen brach 1988 für den Bereich Sicherung der Landwirtschaft der HA XVIII ein Sturm los, weil sowohl über das ZK der SED als auch über die sowjetische Dienstelle in Karlshorst energische Proteste einliefen, da die von der DDR auf Bitten von Gorbatschow, nach Weisung von Honecker, gelieferten Kartoffeln von äußerst schlechter Qualität gewesen waren, so dass sie nicht zur Versorgung der Moskauer Bevölkerung geeignet waren. Auch die Verdächtigung, dass damit der Sowjetunion und Gorbatschow nicht geholfen, sondern in dem komplizierten Prozess der Perestroika eher geschädigt werden sollte, lag in der Luft.

In dieser Situation erhielt ich den Auftrag, die Ursachen zu ermitteln und für qualitätsgerechte Lieferungen zu sorgen. Die Ursache war schnell gefunden. Laut Vertrag hatte die DDR die Kartoffeln am Kai im Rostocker Hafen bereitzustellen. Ab Kai Rostock war der weitere Transport in der Verantwortung der sowjetischen Seite. Praktisch sah es so aus, dass die Kartoffelzüge teilweise Tage im Rostocker Hafen standen, weil keine geeigneten Schiffe eintrafen. Die Sowjets wollten Hafenschuten, teilweise sogar offen, und andere für den Transport von Kartoffeln ungeeignete Fahrzeuge nutzen. Zum Beladen wurden Soldaten der Roten Armee abgestellt, die keinerlei Kenntnisse zur Verladung von Kartoffeln hatten und auch alle Angebote, sie in der Verladung zu unterweisen, zurückwiesen. Nachdem wir das geklärt hatten, erhielten wir den Auftrag, dafür Sorge zu tragen, dass die Kartoffeln in hoher Qualität nach Moskau gelangten.

Da das Transportsystem nicht geändert wurde, war das ein ziemlich kompliziertes Problem. Der Kartoffelexport in die Sowjetunion war politisch so hoch angehängt, dass wir täglich zu berichten hatten. Selbst während der Tagung des Politisch Beratenden Ausschusses des Warschauer Vertrages 1989 wurde täglich mit der Kuriermaschine um 6 Uhr die Tagesinformation nach Bukarest geschickt.

Etwa im Herbst 1990 las ich in der Zeitung, dass Kanzler Helmut Kohl auf persönliche Bitte von KPdSU-Generalsekretär Gorbatschow für die Winterversorgung der Moskauer Bevölkerung die Lieferung von Speisekartoffeln zugesagt habe. Mit der Abwicklung sei der Stellvertretende Kanzleramtsminister Horst Teltschik beauftragt worden. Da Teltschik mit der Koordinierung der Geheimdienste in der damaligen Zeit befasst war, hat wohl Gorbatschow in Erinnerung an den reibungslosen Ablauf des Kartoffelexportes unter der Regie der Nachrichtendienste der DDR auf der Abwicklung in gleicher Weise bestanden.

Gern hätte ich meine Erfahrungen Herrn Teltschik zur Verfügung gestellt, aber wir waren ja zwischenzeitlich zu Unpersonen geworden, und die Unterlagen zu den Kartoffellieferungen galten und gelten, gemessen in laufenden Metern, als Ausdruck der Unterdrückung.

Am Ende meiner Dienstzeit im MfS wurde ich zu einer Arbeitsgruppe in Erfurt abkommandiert, die im Auftrag der Modrow-Regierung für die Zusammenarbeit mit dem »Runden Tisch« bei der Auflösung der Dienststellen der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Erfurt zuständig war.

Im Februar 1990 erhielt der Leiter der Arbeitsgruppe die Information, dass im März in Erfurt eine Großkundgebung mit Bundeskanzler Helmut Kohl stattfinden wird. Alle vorbereitenden Maßnahmen liefen über die Bezirksverwaltung der Deutschen Volkspolizei (BDVP). Wohl aus den ersten Arbeitskontakten der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes und des Operativstabes der BDVP erfuhren wir, dass von den zuständigen Beamten der Sicherungsgruppe Bonn, die offensichtlich aus früheren Einsätzen die Erfurter Verhältnisse gut kannten, die zuständigen Mitarbeiter der Bezirksverwaltung des MfS vermisst wurden. Daraus ergab sich eine mehrtägige Erörterung der Lage durch die Herren des »Runden Tisches«, in die ich nicht involviert war.

Schließlich erhielt ich den Auftrag, nach einer Liste Akten zusammenzustellen, die wir übergeben sollten. Diese Akten sind dann in Räumen der MfS-Bezirksverwaltung von mir genau nach der Aufstellung an einen mir namentlich nicht mehr bekannten Kirchenmann übergeben worden, der sie sofort an den Stabschef der BDVP übergab, der wiederum für den Abtransport an die Beamten der Sicherungsgruppe Bonn verantwortlich war.

Ob die Beamten der Sicherungsgruppe Bonn zu den entlassenen Mitarbeiten der BV Erfurt, die sie aus früheren Einsätzen offensichtlich kannten, Kontakt aufgenommen haben, ist mir nicht bekannt, die uns übergebene sehr exakte Aufstellung der zu übergebenden Akten sind aber ein starkes Indiz dafür. Da die Akten im Auftrag des Erfurter »Runden Tisch« und ordentlich dokumentiert übergeben worden waren, hatte sich die Sache für uns erledigt.

Äußerst erstaunt war ich, als etwa im Herbst 1990 bis zum Frühjahr 1991 in Presse und Rundfunk eine Meldung auftauchte, die immer wiederholt wurde, dass im Februar 1990 durch noch in Erfurt tätige MfS-Mitarbeiter aus Berlin mit Lkw Akten aus der ehemaligen Bezirksverwaltung abtransportiert worden seien. Schließlich fand ich diese Darstellung in einem Spiegel-Artikel. Hier wurde die unbewiesene und pauschale Behauptung aufgestellt, die Akten seien durch uns der Aufarbeitung entzogen worden. Als Beweis dienten offensichtlich die aufgefundenen Entnahmevermerke und Berichte von Bürgern, die die Lkw der Volkspolizei beobachtet hatten. »Aufmerksame Bürger haben den Abtransport der Akten beobachtet« hieß in den Pressebeiträgen. Ordentliche Journalisten hätten mit einer Anfrage bei den Mitgliedern des »Runden Tisches«, der Polizei oder den damals in Erfurt eingesetzten Beamten der Sicherungsgruppe Bonn die Wahrheit ermitteln können, nur die Wahrheit ist für die Diskreditierung der Mitarbeiter des ehemaligen MfS ungeeignet.

Der Sensationsgehalt der Meldung über die in Erfurt verschwundenen Akten wurde noch mit einer weiteren Lüge aufgepeppt. Da im Januar/Februar 1990 bestimmte Gruppen begannen, ihre Aktivitäten in den Bezirken der DDR zentral von Berlin zu steuern, erfolgten regelmäßig Reisen nach Berlin. Der »Runde Tisch« hatte dazu festgelegt, dass aus dem Bestand der Bezirksverwaltung des MfS an einige Vertreter Pkw mit Tankkreditheften zu übergeben seien. Bei der ersten Fahrt rutschte ein Pkw bei Glatteis auf dem Berliner Ring von der Autobahn. Uns wurden sofort Manipulationen an dem Auto als Unfallursache unterstellt. Der Unfallbericht der Volkspolizei wies unangemessenes Fahren bei Straßenglätte, also zu hohe Geschwindigkeit, als Ursache aus, bei dem es Schäden am Fahrzeug gegeben hatte.

Nachdem wir, wie mir erinnerlich ist, Kopien des Unfallberichtes dem »Runden Tisch« und dem Fahrer zugestellt hatten, beruhigte sich damals die Sache. Erstaunt war ich nun, dass der Vorwurf, wir hätten mit einem manipulierten Auto einen Anschlag auf einen Angehörigen des »Runden Tisches« verübt, nunmehr offiziell publiziert wurde. Der Schreiber hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, darüber nachzudenken, dass der von ihm behauptete Sachverhalt strafrechtliche Konsequenzen hätte nach sich ziehen müssen, die aber bei der Unfallursache – nicht angemessene Fahrweise bei glatter Fahrbahn – nicht einzuleiten waren. Wahrheitsgemäße Berichterstattung waren und sind für die Verteufelung des MfS und ihrer Mitarbeiter aber nicht geeignet.

Am 28. Februar 1990 schied ich nach 25 Dienstjahren aus den MfS aus und nahm am 1. März 1990 eine Arbeit im Gesundheits- und Sozialwesen auf. An der Erhaltung und dem Ausbau dieser Einrichtung unter den neuen rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, sowie einen möglichst störungsfreien Übergang in der Patientenversorgung bei sicheren Arbeitsplätzen des Personals, konnte ich in verantwortungsvoller Tätigkeit mitwirken. Auch einiges Bewährte aus dem Gesundheitssystem der DDR konnte dadurch trotz aller Anfeindungen in der BRD erhalten werden. Erwähnenswert scheint mir noch, dass die Erfahrungen bei der Überführung von Einrichtungen aus dem sozialistischen Gesundheitswesen in das BRD-Gesundheitsrecht in verschiedenen Projekten auch den Russischen Gesundheitsbehörden vermittelt werden konnten.

Es stellt sich auch mir – wie meinen ehemaligen Mitstreitern – die Frage: Was ist aus dem anderen Leben, welches besser sein sollte, für welches ich mich Ende der 40er Anfang der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts bekannte, geworden? Heute muss ich feststellen, dass der Versuch, im letzten Jahrhundert in einem umfassenden weltumspannenden revolutionären Prozess eine frei von Ausbeutung, eine sozial gerechte Welt zu schaffen, gescheitert ist. Die heutige Zeit wird m. E. durch die Aussage eines Kindes in der Sendung des Hessischen Rundfunks am 19. Januar 2014 treffend charakterisiert. Auf die Frage nach seinen Wünschen antwortete das Mädchen, »dass ihre Mutter so viel Geld haben solle, dass sie immer ausreichend Brot kaufen kann«. In diesem Sinne hat das Lied »Das neue Leben muss anders werden, als dieses Leben, als diese Zeit, da darf’s kein Hungern, kein Elend geben, packt alle an, dann ist es bald soweit …« in dem reichen Deutschland heute nicht an Aussagekraft verloren – im Gegenteil, es ist mit seiner Botschaft aktueller denn je. Das Ziel der USA, als Weltgendarm alle auf die Überwindung der Ausbeutung des Menschen durch Menschen gerichteten Aktivitäten auszumerzen, auch mit militärischen Mitteln, ist die Realität unserer Tage. Wenn man einen Beweis für diese Hegemoniebestrebungen braucht – siehe die Rede von US-Präsident Obama vom 17. Januar 2014.

Die Verteufelung der DDR, allen voran ihres Geheimdienstes, dient nur dem Ziel, das Andenken an den Versuch eines ganzen Volkes unter Führung einer marxistischen Arbeiterpartei, eine sozial gerechtere Gesellschaft aufzubauen, auszulöschen.

Karl Kautsky schrieb 1909 in seinem Buch »Vorläufer des neueren Sozialismus«: »Aber die wütenden Angriffe, welche die Anwälte der herrschenden Klassen seit Luther und Melanchthon bis auf unsere Tage gegen Münzer mehr als gegen jeden anderen Kommunisten und Revolutionär seiner Zeit […] richten, sind gerade das mächtigste Mittel geworden, das Andenken an ihn im Volke wachzuhalten und ihm dessen Sympathien ungeschmälert zu bewahren. Münzer war und ist heute noch im Volksbewusstsein die glänzendste Verkörperung des rebellischen, ketzerischen Kommunismus

 

 

Über Molekularsiebe

und einen Turbinenpapst

 

Von Gerd Vogel

 

Jahrgang 1939; Diplom-Staatsrechtler; MfS 1957-1989; Oberstleutnant a. D.; zuletzt Referatsleiter in der HA XVIII

 

Als 14-jähriger Geraer, Sohn eines Angestellten, erhielt ich die Möglichkeit, bis zum Abitur die Internats-Oberschule Wickersdorf, Kreis Saalfeld, zu besuchen. Ich gehöre also zu den »Wickersdorfern«, deren Leben angeblich durch die menschenverachtenden Methoden der »Stasi« dauerhaft geschädigt wurde. So zumindest lautet das Ergebnis der so genannten Aufarbeitung, wie sie u. a. von den Fernsehanstalten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit dem Film »Stasi auf dem Schulhof« nun schon seit mehreren Jahren dem herrschenden Zeitgeist dienend, betrieben wird.

Historisch verbürgt ist die jahrzehntelange humanistische Tradition der Wickersdorfer Lehrstätte, die 1906 als »Freie Schulgemeinde Wickersdorf« gegründet und damit eine Alternative zur überkommenen preußisch-deutschen Bildungs- und Erziehungsarbeit angestrebt wurde. Mit Unterbrechung während der faschistischen Herrschaft in Deutschland wurden junge Menschen zu sich frei entscheidenden Persönlichkeiten geformt, ausgerüstet mit Verantwortungsbewusstsein und Selbständigkeit für die Gestaltung ihres Lebens.

Nach 1945, mit dem Aufbau der antifaschistisch-demokratischen Ordnung im Osten Deutschlands, wurde die Erziehung von den Gedanken des Friedens unter den Völkern, sozialer Gerechtigkeit und internationaler Solidarität geprägt. Einen hohen Stellenwert hatte das Erlernen der russischen Sprache, eine Tradition seit Gründung der Wickersdorfer Internatsoberschule zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1964 wurde sie als »Spezialschule zur Vorbereitung auf das Russischlehrer-Studium« eingerichtet. Den Anschluss der DDR an die BRD überlebte die »Spezialschule« nicht. Der Bedarf an Russischlehrern schwand und eine so genannte Rote Kaderschmiede passte schon gar nicht in die Konzepte des bürgerlichen Rechtsstaates. Durch das Kultusministerium des Freistaates Thüringen wurde die traditionsreiche Schule 1991 endgültig geschlossen.

Ich war Wickersdorfer Schüler von 1953 bis 1957. Im Abiturjahr erhielten mehrere meiner Klassenkumpels ein Angebot aus Gera, der Bezirksstadt, sich als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) verpflichten zu lassen. Vor diese Frage wurde auch ich gestellt. Alle Angesprochenen sagten zu und ich war dabei. Diese Entscheidung entsprach meinem bisherigen Lebensweg, nichts Spektakuläres. Eher erwartete ich eine spannende und nützliche Arbeit – später sagt man dazu gesellschaftlich nützlich – egal wie, ich hatte nach den Gesprächen mit dem Werbeoffizier aus Gera meine Entscheidung getroffen. Diese Gespräche fanden nicht heimlich auf einem Hinterhof oder auf Waldwegen statt, sondern im Schulhaus des Internates. Das alles war mit keinen geheimnisumwitterten Aufträgen zur Beschaffung von Informationen u. ä. gekoppelt. Ich erhielt die Perspektive, nach erfolgreichem Besuch einer speziellen Hochschule im so genannten operativen Dienst zu arbeiten, und zwar an einem Ort, der vom MfS bestimmt werden wird. Operativer Dienst habe zum Inhalt, verschiedene Vorkommnisse zu klären, Menschen zu suchen, die dabei Hilfe geben könnten und mit ihnen zusammen zu arbeiten. Im Vordergrund der Gespräche mit dem Werbeoffizier stand die politische Motivation zur Notwendigkeit des Schutzes unseres Staates und seiner Bürger vor feindseligen Anschlägen von außen und dem Auffinden von Helfershelfern im eigenen Land. Mein Vater hatte mit meiner Entscheidung kein Problem, meine Mutter war überängstlich. Das beruhigte sich aber, nachdem ich in meinen ersten Urlauben gesund und munter zu Hause wieder auftauchte.

Wir Schulkumpels trafen uns also wenige Tage nach dem Abitur in der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in Gera wieder – als Wachsoldaten im Range von Anwärtern. Dieser Dienst ging bis September und dann wurde wieder die Schulbank gedrückt – zwei Jahre als Offiziersschüler an der Schule des MfS in Potsdam-Eiche, Absolvent mit dem Dienstgrad Unterleutnant und wieder Einsatz in der BV Gera. Nach einem reichlichen Jahr mit operativem Dienst stand die Frage meiner Versetzung nach Berlin in eine Abwehrdiensteinheit, die Verantwortung für die Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung im Industriezweig der chemischen Industrie der DDR trug. Ich sagte zu und damit endgültig dem Thüringer Land ade. Im chemischen Fach gelandet, hatte ich lediglich den völlig bedeutungslosen Vorteil, Begriffe wie Caprolactam oder Dimethyltherephtalat ohne zu stolpern hersagen zu können – alles andere war Neuland und ich erneut ein lernender Anfänger.

Im Folgenden geht es um Begebenheiten aus meiner dienstlichen Tätigkeit auf der Linie III (später als Linie XVIII bekannt), die vor über 50 Jahren geschehen sind und seinerzeit nach mehrjähriger intensiver Arbeit ein vorläufiges Ende gefunden hatten. Vorläufig deshalb, weil der konkrete Fall zwar geklärt werden konnte, aber an anderen Orten und Situationen gleiches Übel erneut vorbereitet wurde und geschah. Viele Einzelheiten meiner Darstellungen können zurzeit nicht durch Dokumente belegt werden. Auch mir als ehemaligen Mitarbeiter des MfS wird immer noch der Zugriff auf wesentliche Teile des beim »Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR« (BStU) eingelagerten Schriftgutes verwehrt. Dazu müsste man sich schon einen so genannten privilegierten Archivzugang »erarbeitet« haben, z. B. durch Andienen bei Springer oder anderen politikkonformen Einrichtungen, Stiftungen und Anstalten.

Die operativen Arbeitsunterlagen, insbesondere die Operativen Vorgänge (OV) der Sicherheitsorgane und schon gar die Akten über durchgeführte Prozesse an DDR-Gerichten, sind für die BStU und deren eigentliche Auftraggeber aus Wirtschaft und Politik begreiflicherweise eine äußerst heiße Ware. Es handelt sich dabei um Aktenkilometer des Archivbestandes 1 und 2 der Behörde, welche Einblick in die Pläne und Aktionen der westlichen – nicht nur der bundesdeutschen – Konzerne, staatlichen und privaten Einrichtungen und Organisationen gegen die DDR und die anderen sozialistischen Länder geben würden. Stattdessen bleibt die dargebotene Wahrheitsfindung beim Spektakel über enttarnte Inoffizielle Mitarbeiter und Offiziere im besonderen Einsatz (OibE) stehen. Die eigentliche Schieflage besteht jedoch darin, dass alle archivarischen Überlieferungen der DDR offen liegen, für die Bestände, welche die BRD betreffen, dagegen die 30-jährige Benutzersperre gilt, für sensible Bereiche (Außenministerium, Geheimdienste) kann das auch länger sein.

Also – meine nachfolgend zu Papier gebrachten Erinnerungen umfassen nur einen spaltbreiten Blick auf meinen Anteil in der politisch-operativen Sicherungsarbeit im Industriezweig der chemischen Industrie der DDR. Die uns übertragene Aufgabe lautete: Knapp fünfzehn Jahre nach Kriegsende zu verhindern, dass die im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges im Osten Deutschlands enteigneten und abgestraften Ostlandritter doch noch ihre Ziele, die sie nie aufgaben, erreichen. Und wir hatten diese Vorhaben speziell in unserem Aufgabenfeld, den Betrieben und Einrichtungen der chemischen Industrie, zu verhindern.

Die Lage dort stellte sich uns in ihrer Entwicklung nach 1945 folgendermaßen dar: Nach Zerschlagung des Hitlerfaschismus mussten die bundesdeutschen Chemieführer keinen besonders starken Druck auf die Adenauer-Regierung ausüben, um die Enteignung des IG Farben-Imperiums zu verhindern. Im Ergebnis wurde die so mächtige deutsche Chemieindustrie nicht abgewickelt, sondern lediglich halbherzig entflochten. Heute sind die IG-Nachfolger Bayer, Hoechst und BASF jede für sich reicher, als es das IG Farben-Kartell jemals war. Eine Wiedergeburt der IG Farben nach den Vorstellungen der ehemaligen Wirtschaftsführer konnte nicht erfolgen, da nur weniger als die Hälfte des Besitzes in den Westzonen lag. Allein daraus erweist sich schon der revanchistische Anspruch auf die sich in den späteren sozialistischen Ländern befindlichen und verloren gegangenen Werke.

Die Strategie der gegen die DDR angetretenen Kräfte wurde recht deutlich ausgesprochen zur Aktionärsversammlung der IG-Farben im Mai 1955 in Frankfurt am Main unter Leitung des Bankiers Hermann J. Abs. Dessen Ausführungen wurden in der Wochenzeitung Die Zeit vom 19. Mai 1955 so kommentiert: »Die Liquidatoren rechnen damit, dass die Abwicklung des West-Vermögens der IG noch etwa sechs bis acht Jahre dauern wird. Aber auch dann wird die Löschung des Namens im Handelsregister nicht erfolgen können, weil die Firma als solche mit Rücksicht auf das Ost-Vermögen erhalten bleiben muss. Eine Verwertung jenes gewaltigen Ost-Vermögens ist für die Liquidatoren erst nach dem Tage X der Wiedervereinigung übersehbar. Soweit Nachrichten vorliegen, kann gesagt werden, dass die großen ostdeutschen IG-Betriebe gegenwärtig (1955 d. Verf.) etwa 100.000 Menschen, davon Bitterfeld 13.000, Film Wolfen (AGFA) 14.000, Buna/ Schkopau 16.000, Leuna 25.500 beschäftigen. Aufgaben neuer Art und besonderen Ausmaßes stehen nach der Wiedervereinigung den Liquidatoren bevor

Das war der Kalte Krieg, der den neuen Staat im Osten Deutschlands und im besonderen Maße seine Sicherheitsorgane vor immer neue Herausforderungen stellte. Und die als »Liquidatoren« bezeichneten Damen und Herren waren seit 1945 mit der von den Siegermächten beauftragten Entflechtung des IG-Farben-Imperiums befasst – sie taten das widerwillig und ohne große Eile an den Tag zu legen.

Die Strategie, welche später als Kalter Krieg bezeichnet wird, war bereits vor Ende des Zweiten Weltkrieges ein Bestandteil der Planungen der Westalliierten im Bündnis mit deutschen Wirtschaftsunternehmen geworden, als abzusehen war, dass der Vormarsch der Sowjettruppen bis nach Deutschland hinein nicht mehr aufgehalten werden konnte. Gemäß den Vereinbarungen der Kriegsgegner Hitlerdeutschlands in den Konferenzen von Jalta und Teheran sowie der so genannten Berliner Erklärung vom 5. Juni 1945 war geregelt, dass die Westalliierten keine Ansprüche auf Gebiete im Osten Deutschlands erheben können. Ende Juni 1945 wurden die Alliierten Vereinbarungen über die Besatzungszonen vollzogen, die britischen und amerikanischen Truppen räumten die Gebiete, die der Sowjetunion zugewiesen worden waren.

In der britischen Sonntagszeitung Reynolds News vom 20. April 1947 berichtete der Journalist Gordon Schaffer: »In Leuna und Buna, den großen Werken in Mitteldeutschland, die einmal Hitler mit synthetischem Öl und Gummi versorgten, befand sich der Sitz des Weltreiches der IG-Farben. […] Die Amerikaner übernahmen als Erste dieses Gebiet, aber Ende Juni 1945 zogen sie sich zurück. […] Während sie sich auf die Abreise vorbereiteten, wurden führende Wissenschaftler der Leuna- und Buna-Werke und einer anderen Fabrik in Böhlen bei Leipzig zu dem amerikanischen Kommandeur gerufen. Er erklärte ihnen: ›Auf Anforderung der amerikanischen Regierung werden Sie morgen abreisen.‹ Es wurde den Wissenschaftlern mitgeteilt, dass sie ihre Familien mitnehmen könnten, aber als Gepäck nur zwei Koffer. Die Amerikaner rückten ab und führten auf Lastwagen die Spezialisten – zusammen 200 Personen – mit sich*

Auch vom Mitglied des Vereins »Sachzeugen der chemischen Industrie e.V. Merseburg«, Heinz Rehmann, ist dokumentiert worden: »… Die US-Armee, die am 15. April 1945 unser Gebiet besetzte, hatte es sehr eilig, aus den Leuna- und Buna-Werken Schkopau wertvolle Rohstoffe, Patente und Verfahrensbeschreibungen abzutransportieren.  […] Als sie sich im Juni 1945 zurückzog, nahm sie am 22. Juni aus Leuna 27 und aus Schkopau 25 der führenden Chemiker und Ingenieure einschließlich ihrer Familien mit in ihre Besatzungszone und internierten sie in Rosenthal/Hessen. Die gesamte hochqualifizierte Führungsschicht fehlte in Zukunft**

Im Operativen Vorgang (OV) gegen den »Turbinen-Papst der DDR« konnte bewiesen werden, dass neben diesem Vorgehen der Alliierten vor allem seitens der alten und neuen Besitzer der deutschen Großkonzerne eine Praxis verfolgt wurde, die mit ausgesprochen subversiven Aktivitäten der gleichen Zielstellung diente. Dieses Vorgehen war durchaus nicht neu, wie in Strafprozessen bereits in den 50er Jahren bewiesen werden konnte.

Dazu aus dem Urteil des Obersten Gerichts der DDR im Solvay-Prozess vom 20. Dezember 1950: »Die in den Prozessen gegen leitende Mitarbeiter der DSGG (Deutsche Continental- Gas-Gesellschaft, Sitz Dessau) und der DSW (Deutsche Solvay-Werke) aufgedeckten Mittel und Methoden waren charakteristisch für die gegen die DDR gerichtete wirtschaftliche Störtätigkeit. Die Eigentümer ließen leitende Angestellte als Vertrauenspersonen zurück und schafften Abhängigkeitsverhältnisse durch Korruption. Dabei wirkten sie sowohl mit Auftraggebern in der BRD bzw. Westberlin als auch Erfüllungsgehilfen in der DDR zusammen. Objektiv trat eine wirtschaftliche Schädigung der DDR ein***

Und all diesen Aktivitäten war gemeinsam, dass sie mit Methoden durchgeführt wurden, die als geheimdienstlich zu bezeichnen sind – was bedeutet: die eigentlichen Absichten und Ziele des Handelns wurden getarnt, sie hatten im Verborgenen zu bleiben. Die Akteure stellten ihr gesamtes Verhalten, ja ihre Lebensweise, darauf ein, über ihre gegen die Entwicklung der DDR gerichteten Aufträge hinwegzutäuschen. Es ist erklärlich, dass es mit solch umsichtig vorbereiteter, professionell ausgeübter schädigender Tätigkeit über längere Zeit möglich war, die feindliche Gesinnung zu verbergen, das private und berufliche Umfeld zu täuschen und Vertrauensverhältnisse zu missbrauchen.

Bei der Beurteilung der Tätigkeit des MfS aus unserer Sicht, der Sicht der Abwehrenden, wird auch klar, warum wir heute als die »Bösewichter der Nation« herhalten müssen. Die von uns in vier Jahrzehnten operativer Arbeit zugefügten Niederlagen, auch Nadelstiche und das speziell in der Volkswirtschaft geschaffene Sicherheitsregime mit den gebotenen Stoppzeichen können im Rückblick von den alten und neuen Dienern des Rechtsstaates nicht so einfach verkraftet werden, vergessen schon gar nicht. Es ist die gängige westliche Variante zur Erforschung der Wahrheit, immer wieder neu die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR mit dem Begriff der » zweiten deutschen Diktatur« zu strapazieren und das alte und neue Spiel der Kräfte, das bereits während des zweiten Weltkrieges auf Hochtouren gebracht wurde – also weit vor Gründung der DDR – schlicht zu vernachlässigen.

Ich wurde gegen Ende des Jahres 1960 nach Berlin versetzt. Wir waren vier Mitarbeiter im operativen Dienst, arbeiteten im Referat Chemie, wurden geführt von einem Referatsleiter, der ein echter Mecklenburger »Durchreißer« war. Mitarbeiter im operativen Dienst zu sein bedeutete vor allem ausdauernd arbeiten zu können und Mitverantwortung bei der Durchführung wichtiger Aufgaben zu haben. Das lässt sich im Nachhinein so einfach aussprechen – in der täglichen Arbeit aber mussten selbständig und oft sofort die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

Und die Tätigkeit als operativer Mitarbeiter hatte es außerdem an sich, immer einsatzbereit und bei klarem Verstand sein zu müssen, von einer Stunde auf die andere an Orte zu gehen, die man noch nicht gekannt hat; oder auf Menschen zuzugehen, sie anzusprechen und für eine Aufgabe zu gewinnen oder sie von einem Vorsatz abzubringen. Wie oft musste ich zum Telefonhörer greifen, wählen, dann warten, den Angerufenen entsprechend des vorher erdachten Ablaufes ansprechen und dann mit ihm eine Vereinbarung aushandeln. Oder eine interessierende Person zu einer vorher erkundeten Gelegenheit auf der Straße, in einem Verkehrsmittel oder wo auch sonst immer so zu kontaktieren, dass sich daraus nicht sofort ein öffentlichkeitswirksamer Skandal entwickelte.

Und der Begriff der Öffentlichkeit konnte in einem sehr weiten Bogen gespannt werden, ich habe es als Neuling erfahren – und das ging so: Ich hatte, wie ich glaubte, unter einem ausgetüftelten Vorwand eine Ärztin, die etwas älter war als ich, angesprochen und eigentlich ihre Zustimmung für ein weiteres Gespräch erhalten. Am darauf folgenden Tag stand sie in der Anmeldung – einem für jeden Bürger zugänglichen Trakt im MfS-Gebäude – und meldete dem dort diensttuenden Mitarbeiter ihr Erlebnis mit mir, mehr nicht. Mein Plan, mit ihrer Hilfe Erkenntnisse zu uns interessierenden Personen zu erhalten, hatte sich damit erledigt. Die Abreibung folgte auf dem Fuß, natürlich dienstlich – und als Mitglied der SED wurde parteiseitig »nachgewaschen«. Es durfte eben nichts daneben gehen. Ein halber Pluspunkt für mich war, dass ich das eigentliche Ziel ihr gegenüber nicht zu erkennen gegeben hatte. Einige Zeit später erwies sich, dass die Angesprochene einen eleganten Weg gefunden hatte, dem MfS auszuweichen.

Es war Herzklopfen kostenlos! Das Ziel einer Handlung zu verdecken ist nicht Sache eines jeden Menschen und es darf zu keinem Missbrauch für Privates kommen. Zur Frage, ob man auch weiterhin ein ehrlicher Mensch ist, wenn man andere hinters Licht führt und täuscht, musste sich jeder operative Mitarbeiter entscheiden. Die Fähigkeit, Informationen zu gewinnen, ohne seine eigentliche Herkunft und Zielstellung zu offenbaren, sich gewissermaßen zu tarnen, gehörte schon zum Handwerkszeug eines jeden Operativen, um feindlich tätigen Kräften auf die Spur zu kommen und dafür schließlich auch den Beweis führen zu können.

Wir vier Mitarbeiter im Referat hatten unterschiedliche Erfahrungen in der Arbeit der Sicherheitsorgane. Es war kein ausgebildeter Chemiker oder Techniker unter uns. Eine auf die operative Abwehrarbeit zugeschnittene Ausbildung befand sich Ende der 50er Jahre noch in ihren Anfängen. In den Diensteinheiten wurden nach einheitlichen Vorgaben Schulungsmaßnahmen durchgeführt. Das spezielle, für die konkrete Aufgabenstellung notwendige Wissen, wurde »im Prozess der Arbeit« erworben.

Die Ausstattung mit Technik war bescheiden, aber von uns akzeptiert. Schreibmaschine, von uns mit »System Adler« bedient, zwei Telefone mit der Möglichkeit der Einwahl ins öffentliche Netz, ein gemeinsames Arbeitszimmer und für besondere Aufgaben und Dienstreisen der Pkw »Wartburg« des Referates. Der Referatsleiter hatte ständig mehrere Dosen mit Autolack vorrätig – es misslang ihm mitunter das Einbiegen in die Garage; mit der chemischen Industrie eng verbunden war diese Bevorratung aber die kleinste Hürde.

Mit den Maßnahmen am 13. August 1961 veränderte sich unsere Arbeitswelt von einem Tag auf den anderen. Den Plänen der Gegenseite war zunächst einmal die Kraft genommen. Es ist bekannt, mit wie viel Ideenreichtum und Einsatz in den weiteren Jahrzehnten daran gearbeitet wurde, doch noch zum erhofften Erfolg, der Beseitigung der DDR, zu kommen.

In den Monaten nach dem August 1961 ging es in der operativen Arbeit richtig zur Sache, das große Umdenken auf die neue Situation war gefordert. Ich habe noch heute vor Augen, dass ich in dieser Zeit mit unserem Referatsleiter zu einer Besprechung beim Abteilungsleiter gerufen wurde. Zugegen war ein Mitarbeiter der Spionageabwehr, also Linie II im MfS. Nach einigem Drumherum – Belehrung! – kam das Anliegen zur Sprache:

Es stand die Aufgabe, die für Spionageabwehr verantwortliche Diensteinheit bei der Suche nach einem Spion eines USA-Geheimdienstes zu unterstützen. Der Spion war nach den Grenzsicherungsmaßnahmen im August 1961 darauf angewiesen, seine Spionageberichte an den ihn von Westberlin aus steuernden Residenten nunmehr durch mit Geheimschrift präparierte Briefe zu übermitteln. Die benutzte Deckadresse und die Geheimschriftmethode waren den Fahndungsspezialisten des MfS bekannt geworden, so dass schon mitgelesen werden konnte. Die Suche nach dem Schreiber hatte begonnen, war aber wie immer eine komplizierte und mit äußerster Vorsicht durchzuführende Arbeit.

Der Spion übermittelte immer Begriffe chemischer Substanzen, die wegen ihrer Vielfalt zunächst nicht zugeordnet werden konnten. Es begann mit Düngemitteln, ging über Lösungsmittel, Bestandteile von Erdölprodukten, Elasten bis hin zu Fotochemikalien usw. Erst als der seltsame Begriff »Molekular-Siebe«, verbunden mit Namen und weiteren Daten, verwendet wurde, bestand eine größere Chance, die Spur eingrenzen zu können und den Spion zu identifizieren. Unsere Hilfe als Referat Chemie wurde abgerufen. Der Begriff »Molekular-Siebe« war in keinem Katalog oder Lehrbuch gefunden worden und mit chemischen Begriffen bewanderte Personen konnten nicht einfach befragt werden, denn der Spion hatte gewiss damit zu arbeiten. Das weitere Vorgehen war geklärt: höchste Vorsicht, nur über Umwege heranarbeiten und nur auf ihre Zuverlässigkeit überprüfte und an das MfS gebundene Personen – also Inoffizielle Mitarbeiter – einbeziehen. Ich führte mehrere IM aus dem Chemiehandel im Berliner Raum, denen ich eine kleine aufgelistete Auswahl chemischer Produkte, darunter den gesuchten Begriff, mit der Bitte vorlegte, anzugeben, ob sich darunter Ausgangsstoffe für Sprengsätze befinden könnten. Nur einer der befragten IM konnte mir weiterhelfen. Er klärte mich auf, dass Molekular-Siebe Stoffe sind, die in der Laborchemie, aber auch in größeren technischen Anlagen zur Trennung von Gasen und Flüssigkeiten eingesetzt werden, d. h. eine spezielle Filterfunktion haben. Er konnte auch benennen, dass generell mit Bedarfsermittlung, Beschaffung und Verteilung von Chemikalien im Republikmaßstab ein Handelsbetrieb in Berlin-Lichtenberg zu tun habe. Es wurde immer spannender, denn diesen kleinen staatlichen Handelsbetrieb konnten wir vom Fenster unserer Diensträume aus sehen. Dieses Unternehmen hatte auch Funktionen beim Import chemischer Produkte. Und das traf auf Molekular-Siebe zu, eine Chemikalie, die über Umwege (sie stand unter Embargo, d. h. Ausfuhrverbot) in kleinsten Mengen aus dem westlichen Ausland importiert werden musste. Das brachte etwas mehr Klarheit in die Geheimschrift-Meldungen.

Wie in solchen Fällen immer: als nächster Schritt musste der Schreiber durch Schriftenvergleiche ausfindig gemacht werden. Es lag nahe, im genannten Betrieb damit zu beginnen. Doch halt! Nicht einfach in das Personalbüro gehen und die dort befindlichen Akten zu den Beschäftigten neben die Geheimschrift legen und dann vergleichen. Zunächst wurden vom übergeordneten Handelsunternehmen die Daten aller Mitarbeiter unseres Zielobjektes beschafft. Das war eine übliche und für die Sicherheitsorgane bekannte, oft belächelte und als Bequemlichkeit angesehene Vorgehensweise – nach der heutigen Lesart gewisser Behörden sogar als Begründung für »flächendeckende Überwachung durch die Stasi« genutzt. Also – diese Namensaufstellung wurde in den Karteien des MfS überprüft und u. a. festgestellt, dass eine ältere weibliche Angestellte bereits einmal Kontakt zum MfS unterhalten und ihre Sache gut gemacht hatte. Um was es dabei ging, stand nicht in den Akten, denn aus Gründen der Konspiration hatten Einzelheiten zu unterbleiben. Das war ein Grundsatz in der Aktenführung im MfS.

Dann erfolgten zu dieser möglichen Quelle Ermittlungen im Wohngebiet derselben und weitere Überprüfungen. Schließlich wurde der Entschluss gefasst, den persönlichen Kontakt herzustellen – selbstverständlich nicht öffentlich. Sie lebte alleinstehend und konnte in ihrer Wohnung aufgesucht werden. Wir waren gut beraten, alles Weitere verlief erfolgreich. Es fand sich die Möglichkeit, an einem Wochenende den unbesetzten Betrieb zu betreten und mittels mobiler sowjetischer Kopiertechnik aus den Personalakten die zum Schriftenvergleich erforderlichen Handschriften in Originalgröße zu kopieren. Unsere Quelle war bereit, mögliche Störungen zu signalisieren oder abzuwenden. Alles ging gut.

Von der Auftragserteilung bis zu diesem Arbeitsstand vergingen etwa zehn Wochen. Sie waren für mich selbstverständlich nicht nur mit dieser Aufgabe angefüllt. Der Schriftenvergleich über die Beschäftigten des Chemiehandels-Betriebes führte zur Klärung: der Schreiber war ein Angestellter, der einen Überblick über den Bedarf an chemischen Produkten führte, Bestellungen für Chemikalien auslösen konnte, ihre Anlieferung verfolgte und quittierte, soweit sie zum Handelsbetrieb geliefert wurden. Über diesen Chemiehandelsbetrieb wurde auch die Lieferung so genannter Embargo-Waren abgewickelt.

Dazu ein kurzer Abzweig in die große Politik: Die USA führten 1945 eine Exportkontroll-Liste ein. Im November 1950 wurde schließlich eine »Koordinierungsstelle für Multilaterale Exportkontrolle« (COCOM = Coordinating Commitee on Multilateral Export Controls) eingerichtet. In der praktischen Durchführung sollten die Exportbeschränkungen der aufgelisteten Güter einen Technologietransfer in die DDR und weitere Länder, nicht nur des Ostens, sondern z. B. für Kuba bis in die Jetztzeit, verhindern. Verstöße dagegen wurden im Westen strafrechtlich verfolgt – ein besonderes Kapitel des Kalten Krieges.

Als Embargo-Händler wurden Unternehmer aus dem westlichen Ausland bezeichnet, die aus sehr unterschiedlichen Motiven heraus bereit waren, die COCOM-Regelungen zu umgehen und diese Güter auf Umwegen in die DDR bzw. andere von den Regelungen betroffene Länder zu liefern. Der Vorgang der Linie II/Spionageabwehr konnte beendet werden, denn die Identifizierung des Spions war gelungen, das Schriftenvergleichs-Gutachten war eindeutig. In mehreren seiner Geheimschrift-Berichte wurde das polizeiliche Kennzeichen eines Holländers verschlüsselt aufgeführt. Dieser war einer der Embargohändler, der auf dem Innenhof des Chemiehandelsbetriebes in Berlin-Lichtenberg seine Waren ablieferte. Offensichtlich hatten die Meldungen des Spions an den Residenten des amerikanischen Geheimdienstes zu Maßnahmen gegen den Händler geführt. Er war nicht mehr erreichbar. Der Spion hatte zur Zeit der noch offenen Grenze über Berlin die DDR verlassen und wurde im berüchtigten Aufnahmelager Berlin-Marienfelde vom USA-Geheimdienst angeworben und mit Spionageauftrag in die DDR zurückgeschickt.

Nicht nur am Rande bemerkt: Aus den Vernehmungen des inhaftierten Spions war uns auch bekannt, dass in Verwertung seiner Spionageinformationen durch die Navy, also die US-Kriegsmarine, ein Frachter der Deutschen Seereederei mit einer Ladung Salpeter aus Chile auf hoher See aufgebracht und die gesamte Fracht beschlagnahmt wurde. Chile-Salpeter, in der DDR als Düngemittel eingesetzt, stand auf der Embargo-Liste.

Und hierzu eine Feinheit: Die Festnahme des Spions erfolgte geheim, er war für seine Umwelt einfach nicht mehr da, und auf Grund seiner persönlichen Verhältnisse gab es auch keine Fragen nach seinem Verbleib. Die Fahndungsspezialisten des MfS gewannen ihn für ein sogenanntes Nachrichtenspiel: Er schrieb an seine amerikanischen Auftraggeber weiterhin Berichte, nunmehr jedoch mit fingierten Inhalten. Er hatte darauf verzichtet, die gebotenen Sicherheitscodes, die bei Gefahrensituationen an den Geheimdienst zu übermitteln waren, zu aktivieren. So konnte die Desinformation des Geheimdienstes etwa drei Monate lang aufrechterhalten werden, dann wurde die Gegenseite doch stutzig.

Obwohl sich die Spezialisten der Spionageabwehr selbst uns gegenüber an die Grundsätze der Konspiration hielten, glaube ich aber doch verstanden zu haben, dass mit diesem Spiel der Gegner ordentlich beschäftigt wurde. So wurde zum Beispiel die US-Navy zum Auslaufen veranlasst, um auf hoher See nach neuer Beute zu suchen. Wegen der besonderen Umstände mit Sicherheit ohne Erfolg.

Warum diese »Nachrichtenspiele«? Weil der Kontrahent auf der anderen Seite des Grabens im Kalten Krieg sich ein paar Beulen holen sollte und für uns viel wichtiger, weil sein Verbindungswesen über diesen Zeitraum studiert werden konnte. Aber auch wir »Chemiker« durften die Hände nicht in den Schoß legen. Die fingierten Inhalte mussten in Kleinarbeit bis ins Detail unter Zuhilfenahme versierter und absolut zuverlässiger Fachleute zusammengestellt werden. Erprobte IM haben den größten Anteil bei diesem Nachrichtenspiel geleistet!  Und noch eine Zugabe: Im Verlaufe der Untersuchungsarbeit, d. h. den Vernehmungen des inhaftierten Spions, entstand der Verdacht, dass es möglicherweise einen Nachfolger bzw. Ersatz für den Fall seines unfreiwilligen »Ausscheidens« geben könnte. Eine solche Annahme war nicht aus der Luft gegriffen, weil Agenten von ihren Auftraggebern immer nach weiteren möglichen Werbekandidaten abgefragt wurden. Ich begann also, zumal ein gewisser Erkenntnisstand zur personellen Zusammensetzung des Chemiehandels-Betriebes vorlag, die Lage weiter zu sondieren.

Ein Mitarbeiter war auffällig geworden, der in den 50er Jahren aus der BRD in die DDR übersiedelte und mit ähnlichem Aufgabengebiet im näheren Umfeld des Spions arbeitete. Auffällig zunächst deshalb, weil er unermüdlich als Patriot, der in der BRD wegen seiner Mitgliedschaft in der FDJ drangsaliert worden sei, auftrat und dies auch durch das Tragen des blauen FDJ-Hemdes öffentlich kundtat. Das war selbst unter DDR-Bedingungen Anfang der 60er Jahre sehr ungewöhnlich. Um weiteren Aufschluss zu erhalten, sprach ich unter einer Legende, d. h. unter einem Vorwand, die bereits am Anfang meines Beitrages genannte Ärztin an, weil sie zu seinen engeren Verbindungen zählte. Den Ausgang dieser meiner Aktion habe ich ja bereits geschildert.

An einem weiteren Schwerpunkt der Abwehrarbeit unseres Referates Chemie konnte ich über mehr als drei Jahre tätig sein. Es war zu keiner Zeit leicht, die als wichtig erkannten Aufgaben bis zu ihrer Klärung zu bearbeiten.

Die Schließung der Staatsgrenze zur BRD und der offenen Grenze nach Westberlin im August 1961 brachte schon kurzfristig mehr Übersichtlichkeit in die operative Arbeit, insbesondere in Bezug auf den so genannten grenzüberschreitenden Verkehr. Damit wurde die Ein- und Ausreise von Bürgern der DDR, der BRD sowie Ausländern über die Grenze zur BRD und Westberlins bezeichnet. Es gelang, eine solche Ordnung einzuführen, wie sie an Grenzen jedes souveränen Staates zu dieser Zeit noch ohne Ausnahme üblich war. Dem Treiben der Bonner Menschen­händler und Revanchepolitiker wurde zwar ein Stoppsignal geboten, jedoch kein Ende gesetzt. Die Auseinandersetzungen auf dem Gebiet der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Unternehmen der DDR und der BRD gingen in eine neue Phase.

Die ab Mitte der 50er Jahre merklich gestiegene Anzahl von Bränden, Havarien und Störungen machte es erforderlich, die Zusammenarbeit der verschiedenen Dienststellen und Dienstzweige des MfS mit der Deutschen Volkspolizei sowie den Arbeitsschutz- und Sicherheitsinspektionen in den Produktionsbetrieben auszubauen. Der Volkswirtschaft waren beträchtliche Sachschäden entstanden, auch waren Menschenleben zu beklagen.

Deshalb sollten gewonnene Erkenntnisse aus der Arbeit der Schutz- und Sicherheitsorgane deutlicher an die Öf­fentlichkeit gebracht und die Werktätigen in ihrer Einstellung zu Sicherheitsfragen noch mehr sensibilisiert werden. Vorkommnisse waren auszuwerten und klare rechtliche Konsequenzen zu ziehen.

Der Werkleiter der Leuna-Werke führte in diesem Zusammenhang 1957 auf einer Beratung mit Gewerkschaftsfunktionären aus, dass insbesondere mittlere Führungskader, die seit den 20er Jahren dem IG Farben-Konzern angehörten, sich immer noch mit dem Konzern eng verbunden fühlen würden und nicht im erwarteten  Umfang auf reibungslose Produktionsabläufe und die Planerfüllung orientiert seien.

Zu einem Dreh- und Angelpunkt für das Wirtschaftswachstum war die Erzeugung von Elektroenergie geworden. Das hatte objektive Ursachen. Sie lagen in den für den Osten Deutschlands wesentlich schwierigeren Startbedingungen nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere auf Grund historisch entstandener Unterschiede in den ost- und westdeutschen Wirtschaftsstrukturen. Sie erforderten im Osten eine vorrangige Entwicklung von Produktionsstätten der Schwerindustrie und Chemie, und das war wiederum mit umfänglichen Investitionen, besonders in der Energiewirtschaft, verbunden. Aber auch die Reparationsleistungen Ostdeutschlands und später der DDR an die Sowjetunion in den Jahren von 1946 bis 1953, notwendige Demontagen und Entnahmen aus laufender Produktion, waren weitere Ursachen für anhaltende Disproportionen.

Für die chemischen Großbetriebe im Hallenser Raum war die störungsfreie Verfügbarkeit von Elektroenergie in der Tat eine Existenzfrage, denn die chemischen Prozesse wurden überwiegend kontinuierlich betrieben, d. h. es musste durchgängig ausreichend Elektroenergie zur Verfügung stehen. Die Einspeisung und Entnahme von Elektroenergie erfolgte hauptsächlich über den so genannten Chemiering. Das war ein Verbundsystem zwischen Kraftwerken und Großbetrieben und betraf die Produktion der Leuna-Werke, des Buna-Werkes in Schkopau, des Chemiewerkes Bitterfeld, der Farbenfabrik und der Filmfabrik Wolfen, des Mineralölwerkes Lützkendorf, des Chemiewerkes Böhlen und weiterer Betriebe. Die Einspeisung in den Chemiering erfolgte darüber hinaus auch aus den Industriekraftwerken der einzelnen Chemiebetriebe, funktionierte jedoch faktisch zu keiner Zeit ohne Störungen. Dieser unbefriedigende Zustand wurde deshalb auch zu einem Schwerpunkt der operativen Arbeit des MfS, also der Suche nach den Ursachen.

Einen Anfang für die Auflösung dieses Knäuels zu finden war die erste Schwierigkeit. Jedes Vorkommnis musste erfasst und die Erkenntnisse mit einfachen, ja nach heutigen Maßstäben, primitiven Mitteln festgehalten werden. Vieles hing in dieser Zeit vom Erinnerungs- und Denkvermögen der operativen Mitarbeiter des MfS ab, von ihren Fähigkeiten zum Erkennen von Zusammenhängen aus einer Vielzahl von Informationen.

Grundsätzlich waren wichtige Kennziffern volkswirtschaftlicher Vorhaben in Plandokumenten auf den verschiedenen Ebenen festgeschrieben. Ausgewiesen wurden u. a. Umfang, Terminstellungen, Finanzierung und Verantwortung für ihre Realisierung. In der Praxis handelte es sich um eine Vielzahl von Dokumenten, die zudem aus verschiedenen Gründen Änderungen unterworfen waren. Für unsere operativen Aufgabenstellungen bildeten diese Dokumente wichtige Ausgangspunkte, ging es doch immer um die Aufklärung von Störungen im Ablauf wichtiger beschlossener Vorhaben. Ohne sachkundige Hilfestellungen war für uns diese Problematik jedoch nicht zu überblicken. Nach zielgerichteter Suche konnten wir schließlich aus einem kleinen Arbeitsstab im Ministerium für Chemie eine solche Hilfe finden. Es handelte sich um einen sehr agilen und engagierten Mitarbeiter. Zu ihm bauten wir eine vertrauensvolle und für Außenstehende nicht erkennbare Verbindung auf.

In abendfüllenden Gesprächen ging es zunächst um die Erweiterung unseres technischen Verständnisses und das Eindringen in das umfangreiche Material zur Lage und Perspektive der Energieversorgung der großen Chemiewerke. Diese Zusammenkünfte fanden von Anbeginn mit seiner Zustimmung unter Einhaltung der Regeln der Geheimhaltung in einer Konspirativen Wohnung (KW) statt.

Es war die Zeit, als nach einer mehrstündigen, meist abendlichen Sitzung nicht nur unsere Köpfe rauchten, sondern von mindestens drei erwachsenen Männern wohl an die 40 Kippen im Aschenbecher verglühten, ohne Filter! Für die Gardinenpflege erhielten die Wohnungsinhaber mehrfach Zuwendungen. Später wurden mit dem Mitarbeiter des Arbeitsstabes auch Einschätzungen zu Handlungen von Personen, die Entscheidungsträger waren, ihrem Verhalten in Verhandlungen sowie ihren Reaktionen auf Ereignisse im jeweiligen Verantwortungsbereich erarbeitet. Und in einem weiteren Arbeitsschritt musste die Aufarbeitung der ge­wonnenen Erkenntnisse für unsere eigenen politisch-operativen Arbeitspläne und auf Linie erfolgen. Auf Linie bedeutete, die für die Chemiebetriebe verantwortlichen Diensteinheiten in den Bezirken und Kreisen auf das konkrete Anliegen einzustellen. Wir hatten uns entschieden, den Schwerpunkt der weiteren Arbeit auf die Leuna-Werke, dem größten Chemiewerk der DDR, zu legen. Wir konnten uns auf die Erfahrungen qualifizierter und hoch motivierter operativer Mitarbeiter stützen. Für die Tätigkeit des MfS in den Leuna-Werken waren spezifische Bedingungen zu beachten.

Leuna wurde 1906 als Ammoniakwerk Merseburg gegründet, 1925 Zweigwerk der IG Farben und war 1939 bei Kriegsbeginn das größte produzierende Hydrierwerk der IG Farben. Nach dem Prinzip der Braunkohleverflüssigung sind Treibstoffe und Flugbenzin produziert worden. Die Produktion kam nach massiven alliierten Bombenschlägen aus der Luft am 4. April 1945 endgültig zum Erliegen. Das im Krieg schwer zerstörte Werk verlor weitere 40 bis 50 Prozent der Anlagen durch die – wie schon beschrieben – Demontagen für Reparationen gegenüber der Sowjetunion.

Der IG Farben-Konzern wurde 1945 zumindest in Ostdeutschland zerschlagen. Die Leuna-Werke wurden Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) und 1954 ein volkseigener Betrieb der DDR. Durch die aufopferungsvolle Arbeit der Leunawerker konnte nach Kriegsende bald der Teilbetrieb mit vielen Provisorien aufgenommen werden. Jahre später, 1959, wurde mit der Errichtung von Leuna II, einem modernen Produktionskomplex der Petrolchemie, begonnen. Diese neuen Anlagen wurden aus der BRD, UdSSR, Großbritannien und dem Anlagenbau der DDR geliefert.

Die Energieerzeugungsanlagen der Leuna-Werke waren aus der jahrzehntelangen Zugehörigkeit zum IG-Farben-Konzern natürlich durch die traditionellen deutschen Anlagenbauer Siemens, Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN), Babcock und andere errichtet worden. Diese Struktur blieb auch nach Kriegsende erhalten. In den späteren Jahren entwickelten sich die Wirtschaftsbeziehungen zu den westdeutschen Unternehmen weiter. Der Maschinen- und Anlagenbau der DDR konnte sich jedoch nur schwer mit der Konkurrenz, die in Leuna jahrzehntelang ihre Einflusssphären geschaffen hatte, messen.

Durch den Einsatz sachkundiger IM der beteiligten Diensteinheiten und unserer eigenen Quellen wurde ein Bearbeitungsstand zum Problem der Versorgungssicherheit der Chemiebetriebe des Hallenser Raumes mit Elektroenergie erreicht, der zunächst die Aussage zuließ: Westdeutsche Unternehmen wie der Siemens-Konzern und MAN sind den Anlagenbaubetrieben der DDR mit ihren Angeboten immer einen Schritt voraus, können mit besseren Parametern, besseren Service-Angeboten und Terminen auftreten. Sie bleiben damit immer im Geschäft, sowohl beim Import von Neuanlagen als auch bei Wartung und Reparaturen. Die Offerten aus dem Westen passten einfach immer besser als die der Anlagenbau- und Reparaturbetriebe der DDR.

Aufgetretene Störfälle werden überwiegend an westdeutsche Unternehmen zur Bearbeitung übertragen. Es kommt jedoch ständig entgegen den vertraglichen Zusicherungen zu Terminüberschreitungen sowie in mehreren Fällen nach kurzer Betriebsdauer zu erneuten Schäden, deren Ursachen in technischen Mängeln, wie Unwucht, Schaufel- bzw. Lagerschäden an Dampfturbinen, lagen.

Dieser Arbeitsstand, zusammengeführt mit Erkenntnissen aus der Aufklärung von Sabotage- und Diversionsakten in den 50er Jahren, führte zu einer Arbeitsrichtung, die auf einen Teilerfolg bei der Bewertung aktueller Störfälle hoffen ließ. Das bedeutete, über die Untersuchung rein technischer Details hinaus sollte die Rolle der beteiligten Unternehmen und ihrer handelnden Vertreter zum Schwerpunkt unserer Nachforschungen werden.

Kritischer zu bewerten war nunmehr die in den Leuna-Werken langjährig übliche Praxis, dass bei Störungen im Werk die Vertreter westdeutscher Anlagenbauer ein und aus gingen und das als hilfreicher Beistand angesehen wurde. So war es schon beinahe selbstverständlich, dass die Vertreter des Siemens-Konzerns und der MAN auf Störungen in den Chemiebetrieben sehr schnell reagierten, dem Betriebspersonal mit Sachkunde zur Seite standen und ihre Empfehlungen zur Abhilfe gaben. Auch war es nicht ungewöhnlich, dass die übergeordneten Wirtschaftsleitungen der meist alternativlos angebotenen Hilfe aus dem Westen folgten, obwohl es um Devisengeschäfte ging.

In der DDR musste die Notwendigkeit des Importes von Produkten, Anlagen und Dienstleistungen in einem vorgeschriebenen Prüfungsverfahren festgestellt werden. Das Ergebnis war in einem so genannten Negativattest zu fixieren. Damit wurde bestätigt, dass die konkrete Leistung nicht mit den Kapazitäten der eigenen Industrie erreicht bzw. termingerecht geliefert werden konnte. Das betraf nicht nur komplette Anlagen, sondern auch Teil- und Zulieferungen. In der Wirtschaftspraxis gingen die Prüfung der DDR-seitigen Liefermöglichkeiten und die Aufnahme von Import-Verhandlungen mit möglichen ausländischen Handelspartnern fast immer inhaltlich und zeitlich ineinander über. Sie waren deshalb in ihrem Einfluss auf die spätere Entscheidung nur schwer nachvollziehbar.

Aus den erarbeiteten operativen Materialien verdichteten sich die Hinweise auf Manipulation mit solchen Importanträgen, meist verbunden mit Korruption, aber auch aus der Einstellung heraus, der Westen sei sowieso überlegen. Wenn es um den Vergleich von technischen Parametern, Garantiebedingungen, Terminstellungen und anderen Faktoren ging, wurde der DDR-Anlagenbau oft »ausgebootet«. So zum Beispiel der VEB Görlitzer Maschinenbau, der VEB Bergmann-Borsig Berlin und der VEB Reparaturwerk »Clara Zetkin« in Erfurt. Letzterer war in der DDR führend für Reparaturen an Energieerzeugungsanlagen, speziell der Turbinen-Reparatur.

Die zunächst noch nicht beweisbaren Ansätze über möglicherweise unbegründete Importentscheidungen mussten in mühevoller Vergleichsarbeit konkretisiert werden, wobei der Bezug zu handelnden Personen über den Betrieb hinaus bis zu den zuständigen Außenhandelsunternehmen der DDR hergestellt werden musste.

In den Leuna-Werken hatten wir begonnen, vorhandene Betriebs-Unterlagen zu dokumentieren. Insbesondere sollten die so genannten Lebenslaufakten ausgewählter Energieerzeugungsanlagen durch Anfertigung von Kopien gesichert werden. Diese Akten gaben über Jahre zurückliegend Auskunft zu den jeweiligen Betriebszuständen, über Störungen, Instandsetzungen sowie Wartungen, Entscheidungen, Unterschriften usw.

Bei der Vorbereitung und Durchführung der Dokumentation solcher Akten waren wir uns durchaus über die Brisanz einer derartigen Aktion im Klaren. Alles erfolgte deshalb unter Bedingungen strengster Geheimhaltung. Außerdem erschien es nach Durchsicht der Lebenslaufakten sinnvoll, auch ausgewählte Unterlagen über Angebote, Vertragsverhandlungen und Entscheidungsvorbereitungen zu sichern, weil sie Aufschluss über Zusammenhänge geben konnten, die für eine spätere rechtliche Bewertung bedeutsam wären. Die kleinste Indiskretion des Interesses des MfS an solchen Unterlagen, zumal in der Größenordnung unseres Vorgehens, hätte die gesamte Arbeitsrichtung gefährdet, von einer Schädigung des Ansehens der Sicherheitsorgane ganz abgesehen.

So begann eine zumeist an Wochenenden durchgeführte Suche nach operativ relevanten Unterlagen und ihrer Sicherung vor Ort mittels sowjetischer Fotokopiertechnik. Es mussten die Dienstabläufe in den betreffenden Büroetagen ermittelt und unsere Aktivitäten darauf eingestellt werden. Dem umsichtigen Handeln aller Beteiligten, darunter auch Beschäftigten des Leuna-Werkes, war es zu danken, dass diese Aktion ein Geheimnis blieb. Gleichlaufend wurden solche Maßnahmen von den Dienststellen, die für die Sicherungsarbeit in der Farbenfabrik Wolfen, dem Chemiewerk Bitterfeld und dem Mineralölwerk Lützkendorf zuständig waren, durchgeführt. Diese im Geheimen ablaufende operative Arbeitsrichtung war jedoch allein nicht geeignet, ein mögliches schuldhaftes Verhalten für die Instabilität der Energieversorgung zu erkennen. Der zunehmende Ermittlungsdruck aller für die Anlagensicherheit zuständigen Organe, insbesondere die unmittelbare Gegenwart der Mitarbeiter des MfS bei Havarien, Bränden und Störungen führte zu den verschiedensten Reaktionen bei den Beschäftigten. Neben erhöhter Disziplin und Ordnung mussten wir auch damit rechnen, dass mögliche Täter nun vorgewarnt waren und mit noch größerer Vorsicht zu Werke gingen.

Entscheidend für unser weiteres Vorgehen war der Hinweis eines IM einer Erfurter Dienststelle des MfS. Er führte in seinem Bericht aus, dass die Reparatur einer Turbine, die im VEB Reparaturwerk »Clara Zetkin« ausgeführt werden sollte, umdisponiert und dem westdeutschen MAN-Konzern übertragen wurde. Einsprüche seitens des Erfurter Reparaturwerkes und diesbezüglich geführte Verhandlungen wurden übergangen, insbesondere weil – wie so oft –Termindruck bestand. Derartige Korrekturen waren im normal üblichen Betriebsablauf nicht ungewöhnlich. Belege dafür waren in den sichergestellten Unterlagen zu finden.

Ein interessantes Detail in dem hier beschriebenen Vorgang war, dass wir erstmalig mehrere Verantwortungsträger aus Ost und West mit den von ihnen vertretenen Positionen in Aktion erlebt haben und sie damit in unser »operatives Blickfeld« gerieten. Operatives Blickfeld bedeutete nichts anderes als die Verdichtung von Hinweisen zu bestimmten Personen und ihren Handlungen.

Vom normalen Menschenverstand aus gesehen konnten wir nur mit dem Kopf schütteln, was hier abgelaufen war. Der IM hatte als unmittelbar Beteiligter den gesamten Ablauf bis zur Entscheidungsfindung verfolgt und intern für seinen Führungsoffizier dokumentiert.

Ausschlaggebend für die getroffene Entscheidung war schließlich die Argumentation des langjährigen Experten für Fragen des Kraftwerksbetriebes aus den Leuna-Werken. Seine Urteile waren in der Fachwelt zwar auch nicht unumstritten, wurden jedoch mittlerweile republikweit bald wie ein Evangelium mit den Worten befolgt: verkündet vom »Turbinenpapst der DDR«!

Eine eher nebensächliche Frage zur Arbeit der Sicherheitsorgane spreche ich hier trotzdem an: Wieso war es eigentlich möglich, dass die Feststellungen der Erfurter Dienststelle in unserer Berliner Diensteinheit bekannt werden konnten? Es war ein großer Vorteil in der Arbeitsweise des MfS, dass mit einem besonderen und doch einfach zu handhabenden System zur Erfassung von Informationen und der Möglichkeit auf sie wieder zugreifen zu können, gearbeitet wurde. Und zwar seit Zeiten, als an eine elektronische Datenerfassung und -verarbeitung noch nicht zu denken war. Es hat auch im hier beschriebenen Vorgang funktioniert.

Die vom Erfurter IM gegebenen Hinweise konnten zunächst nicht durch Informationen aus anderen Quellen überprüft oder konkretisiert werden. Jedoch schon nach wenigen Wochen erhielten wir Gewissheit zur angenommenen Lage. Aus dem westdeutschen Reparaturbetrieb kamen wiederum Hinweise, dass es zu Terminverzögerungen kommen könnte. Letzten Endes wurden auch in diesem Falle die vertraglichen Vorgaben erneut nicht erfüllt. Alle Umstände belegten die operative Version der Erfurter Dienststelle, dass bereits in der Entscheidungsphase zur Reparaturvergabe mit »unsauberen« Mitteln gearbeitet wurde. Die eingetretene Lage wäre ohne die vorhandenen inoffiziellen Informationen wiederum als eine im technischen Prozess vorkommende Komplikation durchgegangen und mit einem kurzen Bedauern zur Kenntnis genommen worden. Der nunmehr erreichte operative Kenntnis- und Bearbeitungsstand rechtfertigte die Entscheidung, den gesamten Komplex in einem Operativen Vorgang weiter zu bearbeiten.

Die Zielstellung der Vorgangsarbeit ergab sich aus dem Verdacht einer Straftat nach Paragraph 23 (»Schädlingstätigkeit und Sabotage«) des Strafrechtsergänzungsgesetzes der DDR (StEG) vom 11. Dezember 1957. In dem hieß es: »Wer mit dem Ziel, die Tätigkeit der staatlichen Organe oder die Volkswirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik zu untergraben oder den Aufbau des Sozialismus zu stören, es unternimmt, staatliche oder genossenschaftliche Einrichtungen oder Betriebe in ihrer geordneten Tätigkeit zu behindern, wird mit Zuchthaus bestraft; auf Vermögenseinziehung kann erkannt werden.«

Neben der Fortsetzung der operativen Arbeit zur Verhinderung von Havarien und Störungen in der Chemischen Industrie wurde der Schwerpunkt jetzt auf die Aufklärung von Personen gelegt, die Einfluss insbesondere auf energetische Prozesse in den Chemiebetrieben des Hallenser Raumes nehmen konnten. Des Weiteren musste erforscht werden, warum die handelnden Personen sich so und nicht anders entschieden und ob sie aus einer feindlichen Einstellung zur DDR heraus agiert haben.

Mit der Eröffnung des Operativen Vorganges waren uns weitergehende Möglichkeiten gegeben, die Klärung von Sachverhalten zu beschleunigen. So konnten zusätzliche operative Kräfte einbezogen werden, insbesondere aus den Diensteinheiten, die für die Sicherung der Energiewirtschaft und des Kraftwerksanlagenbaus der DDR Verantwortung trugen. Auch von diesen Diensteinheiten wurden Hinweise zu Störungen wirtschaftlicher Abläufe operativ bearbeitet. Ein Austausch der notwendigen Informationen und die unmittelbare gemeinsame Durchführung abgestimmter operativer Maßnahmen waren in der Zeit zu Anfang der 60er Jahre noch recht unkompliziert zu verwirklichen. Es handelte sich um relativ kleine Diensteinheiten, teilweise auch nur um ein oder zwei operative Mitarbeiter. Es bestanden persönliche Kontakte untereinander, die Verantwortungsbereiche waren bekannt. Man wusste, wohin man sich zu wenden hatte. Nach Bestätigung durch die vorgesetzten dienstlichen Leiter konnte eine Zusammenarbeit beginnen.

Erfolge in der operativen Arbeit waren überhaupt erst möglich durch das Zusammenführen von Erkenntnissen aus den verschiedenen Diensteinheiten. Jedoch ohne realitätsnahe Ideen und ihre Umsetzung durch den einzelnen Mitarbeiter ging gar nichts. Und herausragende Talente mussten teamfähig sein und sich auf die Arbeit des Nebenmannes verlassen können. Jeder Mitarbeiter hatte mit Eigenleistungen zum Erfolg beizutragen.

Es sollte fast ein weiteres Jahr ins Land gehen, aber wir wollten dem bevorstehenden Aufwand nicht ausweichen, und es forderte den beteiligten Mitarbeitern wiederum den Verzicht auf viel Persönliches ab. Dieses weitere Arbeitsjahr steht mir deshalb noch heute so deutlich vor Augen, weil es für uns mit ständigen Dienstreisen in den Hallenser Raum verbunden war. Einzelne Mitarbeiter hatten über mehrere Wochen vor Ort Aufgaben zu erfüllen. Es waren Dienstfahrten bei Schnee, Eis und dem berüchtigten Hallenser Nebel. Die Einsätze zu den Leipziger Messen im Frühjahr und Herbst führten trotz der Verlockungen der Messe-Metropole zu messbaren operativen Erkenntnissen über die uns interessierenden Personenkreise. Nicht zu vergessen unsere eigenen Aktionen im Frühsommer des Jahres, als wir nach längerer Vorbereitung selbst in die Tätigkeiten von Betriebshandwerkern, Reparatur-Trupps und verschiedenen Dienstleistern wechselten. Im Leunaer Umfeld wurden die ge­heimen operativen Maßnahmen intensiviert und wir legten selbst mit Hand an.

Unser Ziel war es, die konspirativen Kontrollmaßnahmen gegen den »Turbinen-Papst der DDR« zu vervollkommnen. Es mussten Möglichkeiten zum Einsatz von Abhörtechnik und für die Werbung weiterer IM zur konspirativen Beobachtung von Zusammentreffen mit Vertretern westdeutscher Unternehmen, insbesondere des Siemens-Konzerns, gefunden werden. Solche Einsatzrichtungen waren uns auf den Leib geschnitten und auch nur vom MfS mit (auf der Grundlage der staatlicherseits erlassenen Statuten und durch andere Rechtsvorschriften, einschließlich Dienstanweisungen und Befehlen des Ministers) geregelten Arbeitsmethoden zu bewältigen. Die eingeleiteten operativen Fahndungsmaßnahmen im Reiseverkehr von und nach der BRD und Westberlin halfen uns, den Einsatz von IM bei bevorstehenden technischen und kommerziellen Verhandlungen zielgerichteter inhaltlich vorzubereiten und zu steuern.

Diese Einsatzrichtung von IM – unmittelbar im Umfeld der im Verdacht strafbarer Handlungen stehenden Personen – war nunmehr ein Schwerpunkt unserer Arbeit am besagten OV geworden. Dabei hatten wir zu berücksichtigen, dass die Fahndungsmethoden des MfS den westdeutschen Vertretern bekannt waren und sie sich mit dem Ziel, diese zu umgehen, in der DDR bewegten. Über das in Berlin-Mitte bestehende Leuna-Büro konnten zeitnah wichtige Angaben beschafft werden. Das Leuna-Büro wurde bereits in den 50er Jahren in der Nähe staatlicher Dienststellen eingerichtet, um notwendige Kontakte dieses Großbetriebes z. B. zum Ministerium für Chemische Industrie, der Staatlichen Plankommission, den Außenhandelsbetrieben sowie dem Ministerium des Inneren und der Zollverwaltung der DDR effektiver gestalten zu können. Auch standen im Büro Besprechungsräume kurzfristig zur Verfügung. Es bedarf sicher keiner weiteren Erklärung, dass unter den wenigen Angestellten des Büros Inoffizielle Mitarbeiter arbeiteten, die, mit ständigen Aufträgen versehen, die konspirativen Kontrollmaßnahmen aktiv unterstützen konnten. Auf Grund ihrer Sachkunde sowie der aufgebauten Verbindungen konnten sie in vielen Fällen selbst an Besprechungen teilnehmen, die Positionen der Gesprächspartner registrieren und somit das MfS aus erster Hand informieren. Klar war aber auch, dass diese Informationen durch weitere Feststellungen überprüft, d. h. objektiviert, werden mussten. Die Ehrlichkeit der einbezogenen IM stand dabei nicht auf dem Prüfstand, ihre Ehrlichkeit hatten sie bereits in der bisherigen Zusammenarbeit mit dem MfS bewiesen.

Bei alldem gab es nichts Spektakuläres; es war eher ein Wettlauf in den Köpfen, bei dem kluges Denken angesagt war. Wir mussten fähig sein, in die Gedankenwelt und die Verhaltensweisen der Vertreter westdeutscher Unternehmen und in die Motivation möglicher Helfer auf der DDR-Seite einzudringen. Der Fortschritt unserer Arbeit hing in dieser Phase davon ab, ob wir in der Beweisführung zu den Tatbestandsmerkmalen des Paragraphen 23 StEG, also Sabotage, weiterkamen. Das betraf insbesondere den so genannten subjektiven Faktor, d. h. es war der Nachweis einer feindlichen Absicht für die Handlungen zu erbringen. Und die Zeiten hatten sich geändert. Der harte Kurs, wie er zu Adenauers Regierungszeit gegenüber dem Osten gefahren wurde, war abgelöst worden mit »Wandel durch Handel«, der Präsentation der Überlegenheit des westlichen Modells auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technik, besonders aber der Konsumtion. Nebenbei blieb es dabei: Das Volk im Osten Deutschlands wurde zu Brüdern und Schwestern stilisiert. Aber der zügellose Wirtschaftskrieg gegen die DDR war weiterhin im Gange.

In der Bearbeitung des OV war es gelungen, eine Reihe von Verbindungen zwischen mittleren bzw. leitenden Mitarbeitern der chemischen Betriebe und Vertretern westdeutscher Unternehmen zu erkennen. Nach unseren Feststellungen handelte es sich um Kontakte, die Arbeitsbeziehungen zur Grundlage hatten. Es konnten keine verwertbaren Anhaltspunkte für geheimdienstlich gesteuerte Interessen, keine negativen politischen, gegen die DDR gerichteten Äußerungen, keine Beeinflussung von Entscheidungen durch Korruptionsversuche gefunden werden; von der Präsentation der westlichen Systemüberlegenheit einmal abgesehen (diese begann ja schon mit dem Eintreffen der Vertreter in der Mercedes-Karosse).

Mit wenigen Ausnahmen gelang es, die Reisetätigkeit eines Siemens-Vertreters in der DDR mit dem Passieren der Staatsgrenze zu verfolgen und es konnten auch dabei keine Abweichungen von dessen Reiseanträgen festgestellt werden. Hauptgegenstand seiner Kontakte zum »Turbinen-Papst« waren technische Abstimmungen zu Import-Anlagen bzw. zu Teillieferungen sowie zu Reparaturleistungen durch die Fa. Siemens. Da der Vertreter über einen so genannten Dauerpassierschein verfügte, der ihm von den zuständigen DDR-Organen auf Antrag der Leuna-Werke erteilt wurde, konnte er bei Störungen sowie auftretenden Problemen zur Realisierung von Vertragsinhalten sehr zügig persönlich am Ereignisort erscheinen und agieren.

Hatten wir uns in unserem Sicherheitsdenken vielleicht doch zu weit von der Realität entfernt, zu viele Gedankenkonstruktionen erfunden? Also Wunschdenken?

Es ist schon so, dass, wenn eine Arbeitsaufgabe über den Zeitraum mehrerer Jahre anhält, ohne dass greifbare Anhaltspunkte zu finden sind, Zweifel am Konzept insgesamt aufkommen können. Immer öfter gingen wir zu den Ausgangspunkten unserer Überlegungen zurück, vergewisserten uns praktisch selbst darüber, ob wir aus den vorliegenden Erkenntnissen und den Erfahrungen des vergangenen Jahrzehnts die richtigen Schlüsse gezogen haben. Und auf Glücksumstände zu warten entsprach nicht unserem Wesen.

Das über mehrere Jahre angehäufte operative Wissen zu kommerziellen und technischen Beziehungen, insbesondere die Kenntnisse über laufende Verträge und ihren Erfüllungsstand, ermöglichte es uns bei einem bemerkenswerten und in seiner Dimension noch nicht da gewesenen Vorkommnis gewissermaßen von einem Tag auf den anderen und sogar mit strafrechtlichen Mitteln zu reagieren. Was war geschehen?

Der Erfolg in der Sache OV »Turbinen-Papst« trat ein. Das Gasturbinen-Kraftwerk Erfurt-Gispersleben war mit einer Leistung von etwa 30 Megawatt (MW) von Bedeutung für die Stromversorgung Mittelthüringens. Es wurde Anfang der 1960er Jahre in Betrieb genommen. Die Gasturbinen-Technik war eine moderne neue Technologie, insbesondere umweltschonender als die herkömmliche Braunkohleverstromung. Der Kraftwerks-Block mit vor- und nachgeschalteten Aggregaten nahm eine Halle fast in der Größe eines halben Fußballfeldes ein. Die Gasturbine lief seit ihrer Inbetriebnahme nicht störungsfrei, bei neuen Technologien durchaus erklärlich. Der mit einer Unwucht behaftete Turbinen-Läufer musste zum wiederholten Male außer Betrieb genommen und zur Reparatur in die BRD transportiert werden. Da es sich bei diesem Gisperslebener Projekt um ein wichtiges energiewirtschaftliches Investitionsvorhaben der DDR handelte, standen die aufgetretenen Probleme der Instabilität des Turbinen-Läufers bereits seit längerer Zeit auch unter operativer Kontrolle der zuständigen Mitarbeiter der Erfurter Dienststelle des MfS. Gleichermaßen war der verantwortliche operative Mitarbeiter für den Bereich der Energiewirtschaft in unserer eigenen Diensteinheit mit diesem Problem befasst.

Die Dokumentationen zu den Abläufen seit der ersten Inbetriebsetzung der Gasturbine, in Verbindung mit unseren aktuellen operativen Arbeitsergebnissen, führten zum begründeten Verdacht, dass hier auf mehreren Ebenen in­korrekt gearbeitet wurde. Zunächst war bemerkenswert, dass die Reparaturarbeiten wiederum nicht dem VEB Reparaturwerk »Clara Zetkin« Erfurt übertragen, sondern in Südwestdeutschland durchgeführt wurden. Allein der Schwerlast-Transport des Turbinen-Läufers bedeutete einen erheblichen und mit Risiken behafteten Mehraufwand. Für die Bearbeitung des OV war von Bedeutung, dass die Entscheidung für die Reparatur in der BRD von dem im operativen Blickfeld stehenden »Turbinen-Papst« initiiert und durch die verantwortlichen Leiter des Kraftwerkes Gispersleben und der Energieversorgung Erfurt unterstützt worden war. Die vom VEB Reparaturwerk »Clara Zetkin« vorgebrachten Argumente, die Reparaturarbeit selbst durchführen zu können, änderten nichts an der getroffenen Entscheidung.

Nach Abschluss der Reparatur des Läufers in Westdeutschland wurde dieser wieder im Kraftwerk installiert. Es begann das Anfahren der Anlage, ein sehr komplizierter Prozess nach einem vorgegebenen Ablauf mit minutiöser Kontrolle der Parameter. Bis zu diesem Arbeitsstand war die Gasturbine mehr als drei Monate nicht am Netz. Der Turbinen-Läufer erreichte für kurze Zeit die im Programm vorgegebenen Parameter, sein Lauf wurde dann jedoch erneut instabil und die gesamte Maschine geriet schließlich außer Kontrolle.

Dieses Mal führte die Unwucht des Läufers zu einem nicht mehr zu beherrschenden selbständigen Aufschwingen der gesamten Maschine und in der Folge zu einer überdimensionalen Belastung weiterer Anlagenteile, insbesondere der Abdeckungen, Lagerteile und Lagerblöcke zum Fundament. Trotz sofort eingeleitetem Havarie-Stopp mussten die mit dem Anfahrprozess befassten Fachkräfte die Kraftwerkshalle fluchtartig verlassen, weil Gefahr für ihr Leben bestand.

Die entsprechend der örtlichen Einsatzpläne anwesenden Mitarbeiter der Sicherheitsorgane veranlassten unmittelbar darauf die komplette Absperrung der Anlage, übernahmen die Absicherung gegen alle, auch gut gemeinten Eingriffe, damit die Arbeiten zur Begutachtung und der Suche nach den Ursachen der Havarie am unveränderten Zustand des Objektes gewährleistet war. Der »Turbinen-Papst« und der gleichfalls anwesende Vertreter des Siemens-Konzerns sowie zwei leitende Mitarbeiter aus dem Bereich der Energieversorgung Erfurt wurden wegen Verdacht von Straftaten gem. § 23 StEG festgenommen.

An dieser Stelle will ich meinen mehr oder weniger chronologisch dargestellten Ablauf der politisch-operativen Maßnahmen der beteiligten Abwehr-Diensteinheiten des MfS verlassen, um die weiteren Arbeitsergebnisse dem Leser in ihrer ganzen Dimension besser verständlich zu machen.

Nach Vollzug des staatsanwaltschaftlich ausgefertigten Haftbeschlusses und der Überführung der Beschuldigten in die Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen (UHA) wurde die Verantwortung für die Weiterführung der Aufklärungsarbeit in die Hände der zuständigen Untersuchungsabteilung des MfS (HA IX) gelegt. Für uns als Abwehr-Diensteinheit war damit jedoch keine Entlastung in der Arbeit angesagt, sondern es begann ein Prozess engster abgestimmter Zusammenarbeit mit den Untersuchungsführern. Dieses arbeitsteilige Vorgehen zwischen operativer Diensteinheit und dem Untersuchungsorgan war eine unerlässliche Voraussetzung zur Wahrheitsfindung überhaupt. »Die Untersuchungsführer erhielten über diesen Weg konspirativ erarbeitete Verdachtshinweise, Angaben zu möglichen Tatumständen und -beteiligten bzw. andere operative Anregungen, die sie durch klärende Fragen an Beschuldigte oder Zeugen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüften und die möglicherweise weitere be- oder entlastende Fakten/Beweise zutage fördern konnten. Andererseits erhielten operative Diensteinheiten Erkenntnisse aus den Ermittlungsverfahren (neue gegnerische Angriffsrichtungen, geheimdienstliche Arbeitsmethoden, Hinweise auf mögliche weitere Agenten etc.), die der Qualifizierung der Abwehrtätigkeit dienten, sowie Hinweise auf weitere Beweise und zur Veranlassung vorbeugender Maßnahmen«, heißt es dazu im zweiten Band von »Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS« auf Seite 429.

Wir wurden beinahe täglich gefordert, Ergebnisse der Untersuchungsarbeit, insbesondere die Einlassungen der Beschuldigten, auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, zu ergänzen und weitere Fragestellungen einfließen zu lassen.

Die Untersuchungsabteilungen des MfS (Linie IX) stehen seit Ende 1989 als Beispiel für die »Menschenfeindlichkeit des DDR-Regimes«, für die Abartigkeit der Methoden gegen Andersdenkende, für praktizierten Sadismus, im Blickfeld der Medien. Teile des Dienstgebäudes in Berlin-Hohenschönhausen sind zur Verbreitung von diesbezüglichen Behauptungen und Gräuelmärchen und zur anschaulichen Präsentation der Praktiken im »Stasigefängnis« für die Öffentlichkeit als Gedenkstätte hergerichtet worden. Warum verweise ich bewusst in polemischer Art auf diese Praxis? Aus dem von mir beschriebenen Operativen Vorgang wird deutlich, dass die diskriminierende Beschreibung der Arbeit der Mitarbeiter der Untersuchungsabteilung in keiner Weise zutrifft. Die Arbeitsergebnisse der Untersuchungsarbeit, welche die operativen Erkenntnisse der Diensteinheiten der Abwehr nicht nur bestätigten, sondern in wesentlichen Zügen erweitern konnten, waren nur zu erreichen, weil die in U-Haft Genommenen zu einer, wenn auch nur begrenzten, Kooperation bereit waren. Im von mir beschriebenen Operativen Vorgang erklärten die Beschuldigten von sich aus ihre Aussagebereitschaft zu den von ihnen betriebenen strafbaren Handlungen und ihren Motiven.

Der unvoreingenommene Leser dieses Beitrages und erst recht ein nur in Ansätzen mit Psychologie vertraut Urteilender wird konstatieren, dass ein solcher Zustand nicht mit Folter, Psychopharmaka, Bestrahlung u. a. Techniken zu erreichen ist, sondern durch die sachliche und überzeugende Arbeit eines befähigten Untersuchungsführers. Alles hing ab von dessen Menschenverstand, seiner Sachkenntnis und dem klugen Einsatz der Beweisvorlagen und den daraus abzuleitenden Fragestellungen und Argumentationen. Nicht zuletzt war auch die Fähigkeit, vorhandene menschliche Regungen bei den Inhaftierten zu erkennen und damit Einfluss auf deren Aussagebereitschaft während des gesamten Strafverfahrens zu nehmen, von Bedeutung.

Im dargestellten Sachverhalt darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die konkreten Umstände, die zur Inhaftierung führten, also letztlich der Vorwurf, den Tod von Menschen in Kauf genommen zu haben, sowie das entschlossene Vorgehen der Sicherheitsorgane diese Aussagebereitschaft unterstützt haben. Eine Einstellung, die sich bei den Tätern bis vor Gericht gehalten hat und gewiss nicht nur aus Kalkül. Ihnen war schon klar, dass sie gegen Gesetze der DDR und den ihnen aus Arbeitsverträgen übertragenen Rechtspflichten bewusst verstoßen haben.

Die Verteidigung der Angeklagten lag in den Händen eines in Ost und West bekannten Anwalts, der in seinem abschließenden Plädoyer einräumte, angesichts der Beweislast keine Möglichkeiten eines Einspruches zu haben.

Die Ermittlungsergebnisse wurden durch die gerichtliche Hauptverhandlung am Bezirksgericht Erfurt vollauf bestätigt. Das war ein klares Zeugnis für den hohen Grad der Wahrheitsfindung im gesamten Vorgang. Der ebenfalls zu einer Freiheitsstrafe verurteilte T. (bis zu seiner Festnahme leitend im Bereich der Energieversorgung Erfurt tätig) wurde einige Jahre später als Zeuge im Prozess gegen die geheimdienstlich gesteuerten Agenten Hü. und Lat. gehört und sagte 1967 zu seinen subversiven Handlungen aus, »dass seine Tätigkeit dem Ziel diente, die Energiewirtschaft der DDR von westdeutschen Konzernen abhängig zu machen, um schließlich zu einem beliebigen Zeitpunkt die Energieerzeugung der DDR völlig zusammenbrechen lassen zu können«. (s. Die Sicherheit, Bd. 2., Seite 104)

Rückblickend auf unsere operativen Aktivitäten gegen einen Gegner, der mit verschiedenen und zum Teil modernsten geheimdienstlichen Mitteln und Methoden gegen unseren Staat antrat, möchte ich hervorheben: Ohne Inanspruchnahme gut durchdachter Hilfen von vielen Bürgern der DDR sowie strikter Geheimhaltung bis in die kleinsten Details, wären wir sehr schnell geplatzt, hätten uns den Weg zum operativen Erfolg selbst verlegt. Und auch wenn ich mich wiederhole – es mussten hunderte Helfer in diese operativen Arbeitsprozesse einbezogen werden – und trotzdem hat es über die Jahre kein »Leck« gegeben.

Im folgenden Abschnitt meiner Erinnerungen sollen noch Erkenntnisse zum Lebensweg des »Turbinen-Papstes« dargestellt werden, soweit sie für die hier beschriebenen Inhalte interessant sind. Es handelt sich um Ergebnisse aus der politisch-operativen Bearbeitung durch unsere Diensteinheit und durch die Untersuchungsabteilung des MfS.

Als »Turbinen-Papst der DDR« ist ein leitender Oberingenieur bezeichnet worden, weil er sich den Ruf erarbeitet hatte, in wichtigen Entscheidungen zu Energieerzeugungsanlagen in der DDR die höchste Kompetenz zu besitzen. Sein Wort galt!

Er war bereits vor Beginn des Zweiten Weltkrieges als Angehöriger des IG Farben-Konzerns im Industriekraftwerk der Leuna-Werke tätig. Als ein befähigter Techniker, der umsichtig, ehrgeizig und mit beruflichem Engagement Tag für Tag seine Arbeitspflichten erfüllte, wurde er als entwicklungsfähig erkannt und gefördert. Mit Kriegsbeginn ist er »Unabkömmlich« (UK) gestellt worden. Ihm wurden Aufgaben mit höherer Verantwortung übertragen. Er hatte der IG seine Treue und Zuverlässigkeit in der Arbeit bewiesen. In politischer Hinsicht waren ihm offensichtlich aus kluger Voraussicht keine zwingenden Entscheidungen auferlegt worden. Die Verinnerlichung der IG-Ideologie war ein ausreichendes Unterpfand für Zuverlässigkeit und treue Pflichterfüllung.

Nach Annexion der Tschechoslowakei wurde er aus dem Personalbestand des IG Farben-Konzerns für eine leitende Position im Industriekraftwerk der »Hermann-Göring-Werke« in Brüx, dem heutigen Most, eingesetzt. Später ist ihm die Leitung des dortigen Industriekraftwerkes übertragen worden. Die »Hermann-Göring-Werke« waren ein deutscher Staatskonzern, welcher kriegswichtige Produktionsbetriebe in den besetzten Ostgebieten übernahm und expandierte. In Brüx bestand die Sudetenländische Bergbau AG mit umliegenden Braunkohlefördergebieten.

Ab 1937 wurde nördlich von Brüx durch die Sudetenländische Treibstoff AG ein Hydrierwerk errichtet. Nach der in Deutschland, insbesondere in den Leuna-Werken, praktizierten Technologie der Kohleverflüssigung, wurde auch in Brüx synthetisches Benzin hergestellt. Die Produktion wurde ab 1939, nach der Okkupation des Sudetenlandes – heute würde man es Anschluss nennen – vollständig in den Dienst der aggressiven deutschen Kriegsmaschine gestellt. Die leitenden Positionen des Werkes wurden mit deutschen Spezialisten besetzt und die Produktion selbst bereits 1939 mit über 50 Prozent Zwangsarbeitern aufrechterhalten.

Mit dem Ziel, die Rolle des »Turbinen-Papstes« in der Zeit von 1939 bis Frühjahr 1945 in den besetzten Ost-Gebieten zu ermitteln, haben wir im Rahmen der operativen Vorgangsarbeit 1964 mit Unterstützung der Kreisdienststelle Most der Tschechischen Staatssicherheitsorgane im ehemaligen »Hermann-Göring-Werk« recherchiert. Es standen uns umfangreiche Dokumente des Betriebsarchivs zur Verfügung und es war möglich, auch noch mit Zeitzeugen, die in der Zeit der deutschen Besetzung im Werk arbeiteten, zu sprechen.

Für unsere Erfahrungen nicht nachzuvollziehen war zunächst, dass weder von tschechischer noch deutscher Seite dieser Zeitabschnitt aufgearbeitet worden war, d. h. dieser Teil des Betriebsarchivs trug eine dicke Staubschicht. Wir fanden wenig zeitliche Daten und keine Angaben zu Personen – erklärlich, da mit dem Vormarsch der Sowjetarmee angewiesen war, die Bestände an Unterlagen zu vernichten. Wir konnten aber u. a. Einblick in das Fotoarchiv nehmen und sahen Aufnahmen von Arbeitskolonnen, die zum Appell vor einem Gebäude standen, im Vordergrund ein MG-Schütze mit Stahlhelm, die Waffe auf den Appellplatz gerichtet. Und weitere Fotos, auf denen sich die deutschen Militärs und Zivilisten als Herrenmenschen in Positur warfen, so bei Besuchen hoher Chargen der Wehrmacht, SS sowie von Wirtschaftsführern usw. im Chemiewerk Brüx.

Im Gespräch mit tschechischen Bürgern, die ehemals im Kraftwerk des Hydrierwerkes beschäftigt waren, kam zum Ausdruck, dass ihnen der deutsche Kraftwerks-Direktor noch in Erinnerung war. Er wurde als ständig im Betrieb gegenwärtiger Ingenieur geschildert, der ein Produktionsregime aufgebaut hatte, das keine Unordnung, Disziplinlosigkeit und fachliche Fehlleistungen zuließ. Er war eine Autoritätsperson, hatte ausschließlich Kontakte zu Seinesgleichen. Es gab keine Hinweise darauf, dass er denunziert oder Strafaktionen veranlasst hätte bzw. an solchen beteiligt gewesen wäre. Erinnerlich war den tschechischen Bürgern, dass dieser »Reichsdeutsche« bis zuletzt in seiner Funktion gearbeitet hat. Über seinen Verbleib nach Einrücken der Roten Armee in den Brüxer Raum konnten wir keine Angaben mehr erhalten.

Aus der operativen Bearbeitung einschließlich der Auswertung seiner Angaben in der Personalakte der Leuna-Werke war uns bekannt, dass er im Mai 1945 aus Brüx zurück in die Leuna-Werke kam und dort seine Arbeit wieder aufnahm.

Die ganze Wahrheit jedoch offenbarte der Beschuldigte gegenüber dem Untersuchungsführer des MfS. Seine Aussagen bestätigten eine bemerkenswerte, den Sicherheitsorganen auch aus anderen bereits abgeschlossenen Operativen Vorgängen und vorhandenen Dokumenten bekannte Tatsache. Auch ihm wurde spätestens 1939 ab seinem Einsatz im besetzten Brüx von der Direktionsebene des IG Farben-Konzerns die Funktion eines Abwehrbeauftragten (Abwb) angetragen und das fand seine Zustimmung. Diese seine interne (oder nach heutigem Sprachgebrauch besser inoffizielle) Arbeit in Brüx war zunächst darauf angelegt, durch sein Wirken ein solches technisch-organisatorisches Sicherheitsregime im Kraftwerk durchzusetzen, um das möglichst störungsfreie Betreiben der Anlagen unter den Bedingungen im besetzten Feindesland zu gewährleisten.

Dazu war ein aufgabenbezogener Informationsaustausch mit dem Konzernsitz in Deutschland vereinbart, der von technischen Entscheidungen bis hin zu ständigen Lageberichten (Zuführung von Arbeitskräften, Stimmung und Versorgungslage der Bevölkerung, Zustand der Anlagen einschließlich der Infrastruktur usw.) ging.

Es blieben während der deutschen Besetzung jedoch Störungen im Betriebsablauf nicht aus, die nach Erkenntnis durch die deutschen staatlichen Sicherheitsbehörden auch mit Aktivitäten des Widerstandes gegen die faschistischen Aggressoren in Verbindung zu bringen waren. Die Aufgaben des Abwehrbeauftragten wurden so Stück für Stück über das Technische hinaus für Zuarbeiten bei Verdacht von Sabotage und anderen Hinweisen auf eine Widerstandsbewegung erweitert. Diese Problematik wurde in der Untersuchungsarbeit des MfS gegen den »Turbinen-Papst« nicht vertieft bzw. strafrechtlich qualifiziert. Es war davon auszugehen, dass er durch das von ihm geschaffene Sicherheitsregime potentiell Voraussetzungen auch für Strafaktionen schuf, jedoch keinen direkten Anteil daran hatte. Seine Funktion als Abwehrbeauftragter war im nationalsozialistischen Sinn ohne Zweifel mit einer politisch geprägten Überwachung der Arbeitskräfte verbunden.

Durch Dokumente, die uns bereits vor Anlegen des hier beschriebenen Operativ-Vorganges bekannt waren, ist erwiesen, dass es bereits Jahre vor Kriegsbeginn zwischen den Führungen der deutschen staatlichen Abwehrorgane und den eigenen Abwehrstrukturen des IG Farben-Konzerns enge Arbeitsbeziehungen gab. Die Belange der privatwirtschaftlichen Organisation der IG-Abwehr, d. h. der Gewährleistung des Patentschutzes, der Verhinderung von Werksspionage und ähnlichem, wurden mit den Jahren immer stärker mit den politischen Zielsetzungen des nationalsozialistischen Staates verflochten. Die beteiligten Seiten zogen Vorteile aus dieser Zusammenarbeit, die zu einer immer tieferen Verbindung, einschließlich personeller Verknüpfungen zwischen IG Farben-Konzern mit den Institutionen des faschistischen Staates, führten.

Die gemeinsamen Interessen des expansiven deutschen Monopolkapitals und des faschistischen Staates (hier dem Oberkommando der Hitlerwehrmacht) waren sprichwörtlich mit deutscher Gründlichkeit bis zur Perfektion organisiert. Ein Beleg für diese Feststellung wird im Inhalt einer geheim gehaltenen Beratung am 2. Mai 1941 in Frankfurt am Main geliefert, also kurz vor dem faschistischen Überfall auf die UdSSR.

Vom in Berlin ansässigen IG-Büro A nahmen der Hauptabwehrbeauftragte Dr. Schneider und Dr. von der Heyde als sein Stellvertreter und von der militärischen Abwehr Abw. I Wi (Amt Canaris) ein Major Dr. Bloch teil. Major Dr. Bloch führte aus: »Hauptzweck der Tagung bestehe darin, sich über eine möglichst rationelle und zweckmäßige Durchführung einer systematischen Zusammenarbeit auf lange Sicht klar zu werden. Er zeigte auf, weshalb es gerade jetzt im Kriege notwendig sei, eine solche Zukunftsaufgabe zu intensivieren und unterstrich, dass die Mitarbeit der IG – wie überhaupt der deutschen Wirtschaft – keinesfalls mit Kriegsschluss beendet sein darf, sondern dass es im Gegenteil notwendig ist, die ganze deutsche Wirtschaft gerade nach dem gewonnenen Krieg systematisch für eine Mitarbeit auf dem Gebiet des Auslandsnachrichtendienstes bzgl. wirtschaftlicher (wehrwirtschaftlicher) Fragen zu gewinnen und damit systematischer als bisher einzuschalten.«

Mit detaillierten Erläuterungen wurden folgende Komplexe beschlossen (nachfolgend die wesentlichen protokollierten Angaben):

1. Auslandsreisen von Herren der IG sind rechtzeitig den Abwehrstellen zur Kenntnis zu geben, um Aufträge vorbringen zu können; der aus dem Ausland zurück kehrende Reisende soll dem Abwb der IG berichten.

2. Besucher aus dem Ausland, insbesondere Reichsdeutsche, sollen künftig restlos mit der militärischen Abwehrstelle in Kontakt gebracht werden.

3. IG-Herren, die ihren ständigen Wohnsitz im Ausland haben, sollen nach Wünschen von Abw.I Wi zu V-Leuten bestellt werden. Aus Gründen der Geheimhaltung erfolgt keine listenmäßige Erfassung bei der IG.

4. Auslandsvertreterberichte sollen möglichst restlos bei der IG erfasst und für Abw. I Wi zur Auswertung bearbeitet werden.

5. (betrifft Auswertung des in Deutschland erarbeiteten statistischen und volkswirtschaftlichen Materials durch Abw.1 Wi)

6. Auf Wunsch von Major Dr. Bloch wird die IG auch weiterhin Angehörigen von Abw. I Wi oder deren Außenstellen bei Tarnung von Reisen ins Ausland nach Möglichkeit behilflich sein.

Im Protokoll dieses Treffens, nachzulesen in »Hitlers Spionagegenerale sagen aus« von Julius Mader, 1970 erschienen, heißt es weiter: »In Zukunft soll es allgemein heißen: keine Auslandsreise, kein Auslandsaufenthalt, kein Besuch aus dem Ausland, kein Bericht aus dem Ausland, kein Nachrichten- oder Erfahrungsaustausch mit dem Ausland ohne die Überlegung, ob Abw. I Wi und ihre Außenstellen daran interessiert sind.« Die inhaltliche Breite dieser Aufträge berührte praktisch alle Angaben zu Land und Leuten, Lage und Stimmung der Bevölkerung bis hin zu Industrie- und Verkehrsanlagen sowie zu militärischen Anlagen einschließlich der Entwicklungen auf den Kriegsschauplätzen.

Erwiesen ist, dass das Aufklärungs- und Informationssystem der IG Farben auf Grund seiner speziellen personellen Strukturen auch in den letzten Kriegsmonaten immer noch funktionierte. Damit ist gemeint, dass die nachrichtdienstlich genutzten Konzernmitarbeiter im Ausland durch ihre kommerziellen bzw. technischen Funktionen gut abgedeckt und zudem immer unmittelbar an den Schwerpunkten des geheimdienstlichen Interesses tätig werden konnten. Diese Effektivität war mit den eigenen Quellen der deutschen Geheimdienste, besonders der militärischen, nicht durchzuhalten, insbesondere nicht unter den Bedingungen der Rückzugsgefechte in den letzten Monaten des Krieges.

Aus anderen aufgefundenen Dokumenten ist übrigens bekannt, dass gleiche nachrichtendienstliche Strukturen auch in weiteren deutschen Konzernen, so zum Beispiel in den Zeiss-Werken, aufgebaut worden waren. Der Beschuldigte sagte aus, dass er im Synthesewerk Brüx bis zur unmittelbaren Einnahme durch die Rote Armee ausharrte, es jedoch nicht zu einer Begegnung kommen ließ. Er trat die Flucht in Richtung Westen per Fahrrad an. Immer die Nähe der Front abwartend überquerte er das Erzgebirge und gelangte schließlich geplant in die Hände der US-Armee im Südwesten Deutschlands. Dieses Ende seiner Fluchtbewegung zu den Amerikanern war ihm wiederum vom Konzern so vorgegeben worden und für ihn mit geringer Gefahr seiner Gefangennahme oder Internierung verbunden. Er war im Besitz eines Dokumentes, ausgestellt von einer USA-Behörde (offenkundig einem Geheimdienst), in welchem jede amerikanische Einheit angewiesen wurde, dem Besitzer des Dokumentes Hilfe und Unterstützung zu geben. Im Verlaufe seiner Absetzbewegung in Richtung Westen übermittelte er Berichte zum sowjetischen Vormarsch und der Lage an der Front an seinen Kontaktmann im Konzern.

Sein Aufenthalt im Westen Deutschlands dauerte nur kurze Zeit. Er meldete sich im Konzern-Sitz zurück und erhielt den Auftrag, sich nach Leuna abzusetzen, sich dort wieder anzusiedeln und seine berufliche Tätigkeit im Leuna-Werk wieder aufzunehmen. So kam er in Leuna an, als Sachsen-Anhalt und Thüringen noch unter amerikanischer Besatzung standen. Auf Grund der unvorstellbaren Zerstörungen der Produktionsanlagen, dem allgemeinen Durcheinander und dem Leben unter der amerikanischen Besatzung war es nicht aufgefallen, wie, woher und wann er wieder in Leuna eintraf. Als im Juni 1945 mit der Neuordnung der Besatzungszonen die Ostzone unter sowjetischer Besetzung entstand, hatte er sich bereits in Leuna wieder etabliert. Es wurde jede Hand gebraucht und er war es gewohnt, zuzupacken. So begann sein neuer Start im zerstörten Osten Deutschlands.

In seinen Vernehmungen sagte der »Turbinen-Papst« aus, dass er sich zunächst mit einem leitenden Mitarbeiter in der Technischen Direktion der Leuna-Werke in Verbindung zu setzen hatte. Dies tat er und es wurde ein Bündnis für die nächsten Jahre geschlossen.

Die Vereinbarung hatte zum Inhalt, dass der Beschuldigte seine berufliche Laufbahn auch weiterhin mit den Interessen des Konzerns abstimmt und von diesem mit den gegebenen Möglichkeiten dabei unterstützt wird. Er hing an seinem Beruf, sein Lebensinhalt war die Beherrschung der Technik und er stellte alle anderen Dinge des Lebens hinten an. In den ersten Jahren des Wiederaufbaus der zerstörten Anlagen des Leuna-Werkes stand er immer zur Verfügung, wenn er gebraucht wurde. Diese Haltung war ganz gewiss ehrlich und entsprach seinem beruflichen Ehrgeiz. Bald wurde er auch über Leuna hinaus in der Hallenser Region als ein Fachmann auf dem Gebiet der Kraftwerks-Technik bekannt und stand für Beratungen und auch bereits für einen begrenzten Einsatz als Gutachter zur Verfügung.

Diese Erweiterung seines Wirkens war jedoch nicht nur sein eigenes Werk, sondern entsprach dem generellen Plan der im Osten enteigneten Konzerne und wurde ganz entscheidend durch Einfluss des bereits genannten Mitarbeiters in der Technischen Direktion betrieben. Dieser war über Jahre der unmittelbare Vorgesetzte des Beschuldigten im Leuna-Werk. Er sorgte auch dafür, dass dessen Personalakte mit lobreichen Beurteilungen angefüllt wurde. Jede positiv ausgegangene Leistung bei der Beherrschung aufgetretener Störungen und deren Beseitigung wurde benannt und mit Prämien und anderen, eher bescheidenen Ehrungen, gewürdigt. Diese Entwicklung war klar kalkuliert. Der Beschuldigte wurde so über seine Tätigkeit in den Leuna-Werken hinaus bald republikweit bekannt. Es gab inzwischen nicht mehr die so genannte SBZ, sondern die DDR war gegründet worden.

Im Osten Deutschlands waren die zum IG Farben-Konzern gehörenden Chemiewerke enteignet worden, die »Entflechtung« hatte gegriffen. Im Westen ging das offiziell zögerlich voran, im Hintergrund jedoch wurde das eigentliche Kapital des Konzerns – sein Einfluss und seine Macht auf den Staat – nur umgebaut. So war es auch erklärlich, dass der »Turbinen-Papst« in keiner Phase ohne Führung durch den Konzern dastand. Neben seinem direkten Förderer in der Technischen Direktion der Leuna-Werke wurde zu ihm eine stabile Verbindung über einen Vertreter des Siemens-Konzerns geschaffen.

In den Vernehmungen sagte der Beschuldigte aus, dass über sein Zusammenwirken mit dem Vertreter des Siemens-Konzerns letztlich die Interessen des IG-Farben-Konzerns weiterhin realisiert wurden. Durch die Aussagen konnten die gegen den sozialistischen Aufbau gerichteten Konzerninteressen so zusammengefasst werden:

1. Schädigung der Volkswirtschaft der DDR durch Herbeiführung von Havarien und Störungen auf dem Gebiet der Energieerzeugung und -versorgung;     

2. Herstellung und Aufrechterhaltung der Abhängigkeit von westlicher Technik und damit eine zusätzliche Belastung der Devisenbilanz der DDR;

3. Es sollte sichergestellt werden, dass Anlagen und Betriebe der Energiewirtschaft weiterhin mit der Technik aus dem Westen ausgerüstet bleiben mit dem Ziel, sie bei einer Wiedervereinigung nach westlichem Modell problemlos übernehmen und weiter betreiben zu können;

4. Durch den Absatz der konzerneigenen Produkte einschließlich seiner Dienstleistungen (Reparaturen u. ä.) sollte ein zusätzlicher Gewinn erzielt werden. Diese Zielstellung war aber untergeordnet, da der »Zonen-Markt« im Konzernmaßstab unbedeutend war. 

In der Untersuchungsarbeit konnte zu weiteren subversiven Handlungen des Beschuldigten Beweismaterial gesichert und viele der über Jahre zurückliegenden Vorkommnisse nachvollzogen werden. Die besondere Schwere seiner Handlungen bestand darin, dass er neben den eingetretenen wirtschaftlichen Schäden die Gefährdung von Menschenleben in Kauf genommen hatte. Diese direkt feindselige Haltung wiegt umso schwerer, weil in Absprache mit dem Siemens-Vertreter nicht nur Reparaturmaßnahmen ohne zwingende Notwendigkeit an westdeutsche Unternehmen vergeben wurden, sondern damit bewusst Möglichkeiten geschaffen wurden, die betroffenen Anlagenteile erneut mit Fehlerquellen zu versehen. Daraus erklären sich die entstandenen Mehrfachreparaturen mit allen damit verbundenen Nachteilen für die Betreiber in der DDR.

Darin lag eine von mehreren Ursachen für die jahrelange Instabilität des Chemieringes.

Die Havarie im Kraftwerk Erfurt-Gispersleben wurde dank mehrjähriger Ermittlungsarbeit aller für Sicherheit und Ordnung zuständigen Organe der vorläufige Schlusspunkt einer verbrecherischen Tätigkeit. In den Vernehmungen befragt, wie die Abstimmungen zwischen den Mitangeklagten im Einzelnen durchgeführt worden waren, brachten diese übereinstimmend zum Ausdruck, dass sie davon ausgingen, von den Staatssicherheitsorganen der DDR unter Kontrolle gehalten zu werden. Es habe keiner besonderen Verständigung über das Herangehen an die Bearbeitung einer Havarie oder anderer Aufgaben bedurft, weil die Zielstellung ihrer Aktionen grundsätzlich immer klar war – zu stören.

Der »Turbinen-Papst« als der in der DDR anerkannte Fachmann für das Betreiben, die Wartung und Reparatur von Kraftwerkstechniken, begutachtete die anstehenden Probleme, und der Siemens-Vertreter unterbreitete entsprechend abgestimmte Lösungsvorschläge, die in einer Vielzahl von Fällen zur Ausführung kamen. Bei ihren diesbezüglichen Absprachen, sofern sie in geschlossenen Räumen in Leuna (Werks-Räume oder Wohnungen), in Berlin oder in anderen Chemiebetrieben stattfanden, verständigten sie sich über erforderliche Maßnahmen mit einem Blick und meinten immer das genaue Gegenteil ihrer gesprochenen Worte.

Alles das war auch für unsere weitere operative Arbeit eine sehr aufschlussreiche Erkenntnis. So ist es auch zu verstehen, dass alle üblichen Muster zur Feststellung feindlicher Handlungen bei dieser Kategorie von Saboteuren nicht gegriffen hatten, wäre ihnen nicht die hohe fachliche Kompetenz der zur operativen Bearbeitung eingesetzten Inoffiziellen Mitarbeiter zum Stolperstein geworden.

Der Beschuldigte war verheiratet. Als parteiloser leitender Mitarbeiter, der über die Leuna-Werke hinaus bekannt und gerühmt wurde, hatte man von ihm keine negativen politischen Äußerungen gehört, die allgemein verbreiteten Kritiken zu Leitungsfragen, Bürokratie, Versorgung usw. hier ausgenommen. Sein Leben spielte sich im Werk und seinem Zuhause ab. Es gab keine Hinweise auf teure Hobbys, Leidenschaften, größere Anschaffungen, Nachbarschaftsstreitigkeiten. Er war eine Autoritätsperson und ließ Niemanden näher an sich herankommen.

Er besaß keine Reichtümer und führte ein ortsübliches Leben ohne westliche Güter zur Schau zu stellen. Vom IG-Farben-Konzern war ihm im Zusammenhang seiner weiteren Verwendung nach Kriegsende für später eine Altersversorgung zugesagt worden.

Beachtenswert ist die über den Zeitraum von fast einem Arbeitsleben durchgestandene Disziplin aller an diesem »Projekt« beteiligten Personen, Ämter und Gehilfen. Die hier geschilderten Umstände und Handlungen sind Ausdruck eines kaum zu überbietenden hohen Grades von Identifikation mit den Konzerninteressen in dem Bewusstsein, dem nationalsozialistischen Staat und seinem Nachgeborenen auf deutschem Boden zu dienen. Seine unauffällige Lebensart hat er nicht nur wegen einer als notwendig erachteten Täuschung der Öffentlichkeit vorgelebt, sondern die Persönlichkeit des »Turbinen-Papstes« war genauso angelegt – er musste sich in seinen Handlungen immer vorsehen, aber nicht seinen Charakter verbiegen.

Der Vorgangsabschluss und der Prozess vor dem Bezirksgericht Erfurt mit der Verurteilung der Angeklagten gemäß Paragraf 23 StEG reihte sich ein in die Ergebnisse der Abwehrarbeit des MfS gegen die auf die Volkswirtschaft der DDR gerichteten feindlichen Angriffe. Ebenso bedeutsam, weil bewiesen, waren die Erkenntnisse darüber, welche Potentiale die westdeutschen Nachrichtendienste aus der faschistischen Herrschaft übernommen und in ihrer vorherrschenden Angriffsrichtung Ost nahtlos weiter eingesetzt haben. Abwehrbeauftragte der Konzerne wurden in allen Wirtschaftszweigen geführt. Am Beispiel des IG-Farben-Konzerns konnte das arbeitsteilige Vorgehen von Staat und Wirtschaft nachgewiesen werden.

Der Staat als Machtinstrument der herrschenden Klasse – eine der Grundaussagen der Gesellschaftstheorie des Marxismus-Leninismus – wurde uns sehr praxisnah vorgeführt. Gewissermaßen absolvierten wir eine mehrjährige Ausbildung auf diesem Wissenschaftszweig. Man muss kein Hellseher sein um zu erahnen, welcher Flut feindlicher Aktivitäten die DDR bis 1989 ausgesetzt war und der Osten Deutschlands es nach 1989 und heute noch ist.

Oder geht etwa alles mit rechten Dingen zu? Nach dem Anschluss der DDR an die BRD im Jahre 1990 wurden rechtskräftig von DDR-Gerichten wegen begangener Verbrechen verurteilte Straftäter zu »Opfern einer Gewalt- und Willkürherrschaft« erklärt. »Aufarbeitungs- und Opfervereine« würdigen diese als antikommunistische Widerstandskämpfer, die einen erheblichen Beitrag dazu geleistet haben, die »Diktatur in der DDR« zu überwinden.

Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob der im vorliegenden Beitrag wegen seiner Straftaten einst Verurteilte auch rehabilitiert wurde. Auch ist mir nicht bekannt, ob er vielleicht schon zu DDR-Zeiten von Amnestieerlassen betroffen war.

Ich, der auf Abwehrseite tätig gewesene Mitarbeiter der Staatssicherheitsorgane der DDR, habe meine Erfahrungen gemacht mit den aus westlichen Gefilden tönenden Losungen über die »Brüder und Schwestern im Osten«, und daran erinnere ich mich, wenn ich höre oder lese: »Blühende Landschaften«. Und das auch mit Bitterkeit.

 

 

Spionageabwehr

im Wissenschaftsbereich

 

Von Klaus Panster

 

Jahrgang 1938; Diplomjurist; Dr. jur.; MfS/AfNS 1956 – 1990; Oberstleutnant a. D.; zuletzt Stellvertretender Abteilungsleiter in der HA XVIII des MfS

 

 

Ein Verwaltungsleiter im Akademie-Institut und USA-Spion

 

Mein erster »richtiger« Erfolg nahm seinen Anfang am Tisch meines Abteilungsleiters. Ich war etwa zwei Monate in der Abteilung, als um die Monatsmitte Dezember 1958 auf meinem Schreibtisch das Telefon klingelte. Switala: »Komm mal zu mir! Bring deine Handakten mit

Mit dem Häuflein Hefter in der Hand war ich Minuten später in seinem Zimmer. Er nahm mein Papier und fing an zu blättern, stellenweise zu lesen. Plötzlich sagte er, von einer der Akten aufblickend: »Warum ist der noch nicht eingesperrt. Das ist doch ein Agent

Sicher habe ich irritiert geguckt.

»Hier, lies das mal

Es war ein IM-Bericht aus einer anderen Diensteinheit, etwa 10 oder 12 Zeilen, in der Akte über J. L., den Verwaltungsleiter des Heinrich-Hertz-Instituts (HHI) in Berlin-Adlershof. Der berichtende IM kannte L. (woher, habe ich nicht in Erinnerung) und hatte diesen zufällig eines Tages gegen Mitternacht – offenbar angetrunken – auf dem Bahnhof Friedrichstraße gesehen, und zwar auf dem Bahnsteig, auf dem die S-Bahnzüge aus Westberlin ankamen.

Der Chef: »Was hat ein Mann in dieser Position abends in Westberlin zu suchen?! Mit wem trinkt der dort?! Zum Treff war der

Ich wusste nichts zu sagen. Gelesen hatte ich das auch, aber mir keine Fragen dazu gestellt. Ich bekam Weisung: Überprüfungsvorgang anlegen, dazu Eröffnungsbericht schreiben und Maßnahmeplan vorlegen. Termin: vor Weihnachten! Damit war ich entlassen.

Die nächsten acht Tage habe ich geschwitzt. Die wenigen Kenntnisse über L. zusammenzufassen, war nicht viel Mühe, aber was konnte ich zur Überprüfung und Klärung des Verdachts, den der Chef ableitete, an Maßnahmen vorschlagen? Die Theorie war an unserer Schule in Eiche Unterrichtsstoff, jetzt hatte ich es erstmals mit einem konkreten Fall zu tun. Es wird nicht großartig gewesen sein, was mir einfiel; wahrscheinlich zunächst Routinemaßnahmen zur Vervollständigung der Kenntnisse über Person und Lebensverhältnisse, Aufgaben und Umfeld im Institut sowie Abfrage der in Betracht kommenden Speicher im MfS über evtl. weitere Hinweise zu L.

Auf jeden Fall gehörte dazu, im dienstlichen, im privaten (soweit bekannt) und im Wohn-Umfeld des zu Überprüfenden abzuklären, ob sich dort nutzbare Quellen des MfS fanden. Auch wenn der Zufall da vielleicht half, war unverzichtbar, einen Kandidaten zu suchen, den ich selbst als IM zur »Bearbeitung« des Verdächtigen einsetzen konnte. So wenig »großartig« mein Maßnahmeplan für eine erste Etappe wohl war, er wurde bestätigt, die nötigen Formulare desgleichen, so dass ich tatsächlich vor Weihnachten den Aktendeckel von der Registratur für meinen ersten Operativen Vorgang in Händen hatte.

Zur Erläuterung: Heute, da jeder über das MfS Bescheid zu wissen meint, ist verbreitet, das MfS habe Menschen »zu Vorgängen gemacht«. »Vorgang« hießen die Akten, »IM-Vorgang« die blaue Akte, in der das Papier über einen IM und die Arbeit mit ihm geordnet aufbewahrt wurde, »Überprüfungs­Vorgang« – und wenn in dessen Ergebnis die Verdachtsmomente dringend wurden – »Operativ-Vorgang« hießen die gelben, in denen die Maßnahmen und deren Ergebnisse dokumentiert wurden, um den Verdacht einer Straftat zu klären.

Diese Klärung im Falle J. L. wurde Hauptinhalt meiner Arbeit im Jahre 1959. Es sei vorweggenommen: »Kurz« – so unser Deckname für den Verdächtigen – erwies sich als Spion des US-Geheimdienstes. Die »Nase« des Chefs hatte auf die richtige Spur geführt. Wir haben »Kurz« Ende September 1959 festgenommen; 1960 wurde er zu zehn Jahren Freiheitsentzug verurteilt.

Doch der Reihe nach.

Die Bearbeitung von »Kurz« wegen Spionage-Verdachts will ich als Beispiel dafür schildern, wie eine abwehrmäßige Vorgangs-Bearbeitung durch das MfS damals vor sich ging. Obwohl seither über fünfzig Jahre vergangen sind, habe ich eine einigermaßen genaue Erinnerung daran – vielleicht weil sich dieser erste nennenswerte Erfolg stärker eingeprägt hat als spätere Vorgänge, in denen sich der Ausgangsverdacht oft nicht bestätigte.

Wichtigste Voraussetzung, derartige Vorgänge erfolgreich bearbeiten zu können – so die Erfahrung des MfS (und sicher jeglicher nachrichtendienstlichen Arbeit) – war es, einen Inoffiziellen Mitarbeiter zu finden, der entweder eine vertrauliche Beziehung zu »Kurz« schon besaß oder herstellen konnte. Unter meinen IM kam dafür nur »Hahn« in Frage. Mit ihm beriet ich die Aufgabe, zügig eine enge Verbindung zu »Kurz« herzustellen, ohne sich verdächtig zu machen. »Hahn« löste das exzellent. Im Frühsommer 1959 war er bereits Teilnehmer der privaten Geburtstagsfeier von »Kurz«. So erfuhren wir, dass zu dem kleinen Kreis der Gäste auch eine Westberlinerin M. gehörte, deren Überprüfung in MfS-Archiven ergab, dass ihr verstorbener Ehemann in Westberlin für den US-Geheimdienst gearbeitet hatte. Das bestärkte unseren Verdacht gegen »Kurz«, war aber viel zu vage, um strafprozessrechtlichen Anforderungen für die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens zu genügen. Es kam aber etwas anderes ans Licht: »Kurz« vertraute »Hahn« an, dass er mit Frau und erwachsener Tochter (einer Medizinisch-Technischen Assistentin, die im elterlichen Haushalt lebte) vorbereitete, nach Westberlin »abzuhauen«. Dort habe er eine höhere Rente zu erwarten, als im Osten, und überhaupt werde man dort besser leben können.

Nun lagen Welten zwischen Spionage und »Republikflucht« bzw. deren Unterbindung. Aber auch Letzteres galt für uns als Erfolg. Die Abwanderung von Menschen nach dem Westen war kein kleines Problem für die DDR. Bei »Kurz« kam hinzu, dass er durch seine Tätigkeit im HHI viele Informationen über das Institut und dessen Mitarbeiter preisgeben konnte. Es war damals Allgemeinwissen, dass im »Notaufnahmeverfahren« die Geheimdienste der westlichen Siegermächte und der BRD reihum jeden im Westen angekommenen DDR-Bürger befragten, um gegen die DDR ausnutzbare Informationen zu erlangen.

Im Falle L. kam ein spezieller Aspekt hinzu: Etwa zwei Jahre vor »meiner Zeit« war eine Sekretärin aus der Kaderabteilung der Akademie-Institute in Adlershof der Spionage überführt worden. Ihren Aussagen zufolge hatten sich die Auftraggeber in Westberlin unter den Adlershofer Instituten speziell für das HHI und dessen Mitarbeiter interessiert. Das dürfte damit zu tun haben, dass das HHI für die Deutsche Post und das MfS vertraglich gebunden Auftragsarbeiten ausführte: Messergebnisse in bestimmten Wellenlängenbereichen ermöglichten Prognosen für den Funkverkehr. Die Frequenzen, die für staatliche Stellen der DDR wichtig waren, waren geheim zu halten.

Auf Grund solcher Zusammenhänge wurde bei uns als erheblich eingeschätzt, wenn »Kurz« am Verlassen der DDR gehindert werden konnte. Also verfolgte ich – durch »Hahn« auf dem Laufenden gehalten – seine Fluchtvorbereitungen bis zu dem Punkt, an dem sicher war, dass der Zustand der Wohnung genug Beweise liefern würde, dass hier ein Abgang vorbereitet war. Es musste immer damit gerechnet werden, dass Festgenommene nicht geständig waren. Also musste durch uns geklärt werden, welche anderen schlüssigen Beweise in solchem Falle den Haftbefehl rechtfertigen konnten. (Wenn die der DDR und speziell dem MfS und der Strafjustiz unterstellte Willkür Tatsache gewesen wäre, hätten wir eine sehr viel leichtere Arbeit gehabt. Aber entgegen anders lautenden Unterstellungen waren wir eben nicht vom Verfolgungswahn besessen, sondern wollten Straftaten zum Nachteil der DDR unterbinden. Und wenn solche nicht zu beweisen waren, konnte es auch keine Strafmaßnahmen geben.)

Wir nahmen zunächst die Tochter und danach »Kurz« morgens auf dem Wege zur S-Bahn fest – ihre Gewohnheiten kannten wir inzwischen. Mir fiel zu, sie jeweils anzusprechen und ihnen die Festnahme mitzuteilen. Ich war aufgeregt, aber es lief alles ganz ruhig ab. Nachdem beide auf dem Wege zur Erstvernehmung bei der Untersuchungsabteilung waren, stand die Durchsuchung der Wohnung zwecks Beweissicherung an. Für Frau L. war es erkennbar ein Schreck, als wir vor ihrer Tür standen und sie ins Bild setzten, aber sie trug es mit Fassung. Sie wurde nicht in U­ Haft genommen, obwohl Tatbeteiligte. Wir gingen davon aus, dass sie allein – ohne Mann und Tochter nicht fliehen würde. So kam es auch.

Die Durchsuchung zeigte, dass wir nicht mehr lange hätten zögern dürfen – z. B. war für jedes Familienmitglied gerade mal noch ein Essbesteck vorhanden. Als Treffer erwies sich ein unscheinbares Zettelchen, dass ich zwischen »Krimskrams« aus einer Schale in der Küche herausfischte. Darauf notiert eine Ziffernfolge, deren Überprüfung in Speichern des MfS ergab, dass unter dieser Nummer eine Dienststelle des US-Geheimdienstes in Westberlin zu erreichen war. Nach Vorhalt gestand »Kurz«, vom amerikanischen Geheimdienst angeworben zu sein und für diesen spioniert zu haben. Er gab an, dass er durch einen Bekannten namens Emil A. (der im gleichen Kiez wohnte wie Familie L.) mit dem US-Geheimdienst zusammengebracht wurde. A. hatte dort über die Stellung von »Kurz« im HHI informiert und wurde daraufhin beauftragt, diesen zuzuführen. Nach Zusicherung, man werde später die Übersiedlung der Familie nach dem Westen und den Start dort unterstützen, hatte »Kurz« in die Agententätigkeit eingewilligt. Sein Deckname bei den Amerikanern war »Jupp«.

Binnen einer Woche war so doch noch ein Spionagefall sichtbar geworden – dazu einer mit mehreren Tätern, zumal sich auch die Lebensgefährtin des A., Ottilie H., als beteiligt erwies. Die Beweislage war eindeutig, insbesondere, da die unabhängigen Aussagen der Inhaftierten sich gegenseitig bestätigten und Überprüfungen ergaben, dass angegebene Akteure und Trefforte des US-Geheimdienstes in Westberlin tatsächlich existierten und dem MfS z. T. aus anderen Vorgängen einschlägig bekannt waren. Für die Prozessvorbereitung wurde das alles »wasserdicht« gemacht, wie wir es nannten.

Als Beispiel: Auf eine Aussage, L. habe sich mit seinem Agentenführer »Carsten« in einer Villa in Nikolassee, X­ Straße, Nr. Y getroffen, wurden durch uns Fotos von Grundstück und Gebäude gemacht, dem Häftling L. vorgelegt und zu Protokoll genommen, dass er zutreffend unter mehreren Fotos das richtige als Abbildung des von ihm angegebenen Treffortes erkannt hatte. Wir mussten so akribisch arbeiten, um Geständniswiderruf in der gerichtlichen Hauptverhandlung von vornherein aussichtslos zu machen. Außerdem mussten wir sicher gehen, tatsächlich Wissenszuwachs über Kräfte, Mittel und Methoden eines gegnerischen Dienstes gewonnen zu haben, und nicht etwa Phantasiegebilde für Erkenntnisse zu halten.

In solche Überprüfungs- und Vergleichsarbeiten waren wir als »Operative« nach der Inhaftierung von Straftätern mit eingespannt. Bei der Untersuchungsabteilung traf ich regelmäßig mit dem die Untersuchung führenden Genossen zusammen. Er übergab Kopien der Vernehmungsprotokolle zur Kenntnis und Auswertung für unsere Arbeit. Zugleich hatte er Bitten um Überprüfungsmaßnahmen, die wir als Aufträge behandelten. Durch mich (natürlich nach Zustimmung entscheidungsbefugter Vorgesetzter) wurden dann ggf. bei anderen Diensteinheiten, z.B. bei der HA VIII (Beobachtung und Fahndung), Aufträge ausgelöst zu Ermittlungen, Dokumentationen und anderen zweckmäßigen Maßnahmen. Umgekehrt ergaben sich aus den Ergebnissen der Vernehmungen Bitten unsererseits an die Untersuchungsabteilung. Ganz wichtig war für uns, genau zu erfahren, nach welchen Mitarbeitern oder Gruppen von Mitarbeitern der Akademie der gegnerische Geheimdienst welche Fragen wie gestellt hatte. War ein Name beim Treff durch »Kurz« ins Gespräch gebracht worden, war wesentlich, wie der Geheimdienst-Mitarbeiter – sofort oder auch bei späteren Treffs – darauf reagiert hatte. War ein Name durch den Geheimdienst vorgegeben worden, ohne dass »Kurz« ihn zuvor genannt hatte, war erheblich, welche Vorkenntnisse über die/den Betreffenden die Fragestellung erkennen ließ.

Aus solchen Aussagen ließen sich Anhaltspunkte gewinnen, für wen sich der Gegner interessierte und gegebenenfalls auch, wo er weitere Quellen nutzte.

Nachdem die Untersuchung abgeschlossen war und die Akten durch die Untersuchungsabteilung an die Staatsanwaltschaft übergeben waren, um Anklage vorzubereiten, war die Arbeit für uns beendet; die Angelegenheit aus unserem Einflussbereich heraus. Es gab dann irgendwann eine eher beiläufige Information, dass der Prozess stattgefunden hatte und die Urteile so und so ausgefallen waren. Bei »Kurz« und Mitangeklagten war es so, dass er und Emil A. langjährige Zuchthausstrafen erhielten; auch Ottilie H. mehrere Jahre.

Die Tochter L.’s war an der Spionage nicht beteiligt; wegen Republikflucht-Vorbereitung wurden gegen sie – soweit mir erinnerlich – eineinhalb oder zwei Jahre Gefängnisstrafe verhängt. Nach Strafverbüßung wurde sie als IM angeworben. Wir hielten für möglich, dass der US-Geheimdienst Verbindung zu ihr suchen würde, und wir könnten so Kenntnisse über dessen Pläne und Vorgehen erlangen. Aber das erfolgte nicht – oder sie hat es uns nicht wissen lassen. Es war eindeutig, dass sie nur auf unser Ansinnen einging, weil wir in Aussicht stellten, dies könne zur Verkürzung der Haftzeit ihres Vaters beitragen. Sie verhehlte das auch nicht; blieb immer distanziert. Wir haben die Verbindung zu ihr nach einiger Zeit wegen Perspektivlosigkeit eingestellt. Danach habe ich über »Kurz« und dessen Familie nichts mehr erfahren.

Was zu diesem Fall noch zu berichten bleibt, ist die Wirkung im Heinrich-Hertz-Institut (HHI) und für unsere Arbeit in den Akademie-Instituten. Nach der Inhaftierung von »Kurz« informierte ich darüber den HHl-Direktor, Prof. Hachenberg. Irgendwann in den ersten Monaten hatte mein Referatsleiter mich bei ihm als nunmehr zuständigen Mitarbeiter des MfS vorgestellt.

Wir nannten das einen offiziellen Kontakt. Der wurde generell zu Personen in Schlüsselpositionen des Verantwortungsbereichs gepflegt. Aber es war in Inhalt und Form natürlich ein erheblicher Unterschied, ob es etwas mit dem Genossen Kaderleiter zu besprechen gab oder mit dem aus der Entwicklungsabteilung des Telefunken-Konzerns herkommenden bürgerlichen Professor, der zudem noch Westberliner war. Hachenberg galt damals auch im Westen als der bedeutendste deutsche Wissenschaftler auf dem Gebiet der Radioastronomie. Nach seinen Plänen wurde ab 1957 auf dem Adlershofer Akademie-Gelände eine Parabolantenne mit 36 m Durchmesser für Empfang und Messung von Radiostrahlung aus dem kosmischen Raum errichtet. 1958 war der »Große Spiegel« weitgehend fertiggestellt. Er wurde ein Wahrzeichen des Akademiegeländes und ganz Adlershofs. Er war eine mit Hachenbergs Namen verbundene wissenschaftliche und konstruktive Leistung und zugleich ein Beleg, wie die damals alles andere als reiche DDR erhebliche Summen bereitstellte, um Grundlagenforschung zu fördern.

Als für mich der Termin des ersten selbständigen Gesprächs mit Hachenberg heranrückte, fühlte ich mich gar nicht wohl in meiner Haut. Ich konstruierte mir dann für mich selbst ein Gedankengebäude, das mir Rückhalt geben sollte (und auch gab).

Das ging etwa so: »H. ist Professor. Kann ich es zum Professor bringen? Ja, na klar! Kann H. es zum Mitarbeiter des MfS bringen? Nie! Also kein Grund für Kleinmut.«

Mir war durchaus bewusst, dass diese Konstruktion fragwürdig war, aber irgendwie musste ich mit meinen 21 Jahren bewältigen, einem solchen Mann ein Gesprächspartner zu werden. H. war bekanntermaßen kein Freund der DDR und versuchte auch nicht, sich diesen Anschein zu geben. Die Gespräche waren von distanzierter Höflichkeit geprägt.

Ich erinnere mich nicht im Einzelnen, wie er die Information aufnahm, dass und warum sein Verwaltungschef durch das MfS inhaftiert wurde. Erkennbar wurde aber meine Position für die Zukunft gestärkt. Unsererseits ging es ja stets darum, auf Lästiges zu drängen: Ordnung, Sicherheit, Geheimnisschutz. Aber ab dato war in den Hinterköpfen immer der Fall »Kurz«, der nicht mehr zuließ, Regelungen und Maßnahmen, die wir anmahnten, als unnötige Bürokratie oder Ähnliches abtun zu wollen.

 

 

 

Grenzschließung in Berlin 1961 –

Desaster für die West-Geheimdienste

 

In den ersten Tagen nach dem 13.August 1961 mussten wir die Schwerpunkte unserer Sicherungsarbeit neu bestimmen. Die ersten Tage nach der Grenzschließung zeigten, dass es seitens des Westens keine für die DDR ernsthaft bedrohlichen Aktionen geben werde. Nun galt es für uns als nachrichtendienstliche Abwehr, die für die gegnerischen Geheimdienste, Agentenzentralen und andere Einrichtungen des Westens plötzlich erheblich kompliziertere Lage zu nutzen. Deren Verbindungskanäle zu ihren Helfershelfern in der DDR waren in Berlin fast vollständig auf Nutzung der offenen Grenze gebaut. Jetzt waren die Verbindungen gestört. Sie wieder zu knüpfen, mussten die Feindzentralen Risiken eingehen, soweit sie nicht vorgesorgt hatten. Dass die Situation für uns Chancen bot, bisher nicht enttarnte feindliche Verbindungen zu erkennen, lag auf der Hand. Und ich war gewillt, das zu nutzen.

In meinem Schrank lag eine dünne Akte mit dem Hinweis, dass der BND sich bemüht hatte, den Labormechaniker W. aus dem Adlershofer Heinrich-Hertz-Institut für Schwingungsforschung in Westberlin sprechen zu können. Der Sohn dieses Mannes hatte nach Republikflucht 1960 bei der Befragung durch BND-Leute im Lager Marienfelde erzählt, dass sein Vater im genannten Institut tätig war. Danach wurde er aufgefordert, den Vater zu einem Gespräch nach Westberlin zu bitten – die Grenze war ja offen – und den BND wissen zu lassen, wann und wo das Treffen stattfinden würde.

Nach unserer Erfahrung hieß das mit hoher Wahrscheinlichkeit, der BND wollte W. – zugeführt durch dessen Sohn – anwerben. Durch die Diensteinheit, die den Hinweis erarbeitet hatte, war dieser zuständigkeitshalber unserer Abteilung zugeleitet worden. So kam er zu mir. Was fehlte war die Kenntnis, ob es zu einem Gespräch zwischen dem BND und W. gekommen war, und wenn ja  mit welchem Ergebnis.

Ich hatte an der Prüfung des Hinweises nicht intensiv gearbeitet. Ob es eine Rolle spielte, dass mir nichts Effektives eingefallen war, ob wegen Belastung mit anderen Aufgaben oder auch infolge anderer Gründe, ist mir nicht erinnerlich. Fakt war, dass ich nichts Nennenswertes tat.

Routinemaßnahmen hatten ergeben, dass W. seiner Arbeit ordentlich nachging, in keiner Weise im Institut auffiel. Mit seiner Frau – vor dessen Republikflucht auch noch mit dem Sohn – wohnte er in einer Mietwohnung in Treptow. Interessant war, dass W. als kirchlicher Laie der Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg angehörte. Aber W.’s kirchliches Amt war kein Anlass gewesen, mich dem Hinweis energisch zuzuwenden, dass er evtl. vom BND angeworben war.

Nun sah ich die Sache mit anderen Augen. Mit angetrieben von schlechtem Gewissen, dass ich zur Prüfung des Hinweises bisher kaum etwas getan hatte, sann ich nach, wie unter Nutzung der nach dem 13.August neuen Situation Klärung gelingen konnte – und zwar nicht in lang andauernder Bearbeitung, sondern möglichst mit einer Art Handstreich. Denn es war klar, dass die Geheimdienste sich beeilen würden, gestörte Verbindungen zu ihren Leuten in der DDR wieder herzustellen.

Gedanklich rekonstruierte ich die Situation, in der sich W. wahrscheinlich befand, falls er wirklich angeworben war: Von seinen Auftraggebern und von der Fluchtmöglichkeit nach Westberlin plötzlich abgeschnitten, nicht vorbereitet auf diese Komplikation, musste er wohl oder übel darauf warten, dass der BND sich bei ihm melden würde. Schließlich waren das die Profis, nicht er. Und was könnte er auch tun ohne zu großes Risiko? Wenn also ein angeblicher Kurier des Geheimdienstes zu ihm käme, gäbe es eine reale Chance, dass W. in seiner Erleichterung eine ihn verratende Reaktion zeigen würde.

Da wir ja nicht wussten, ob angeworben oder nicht, würde es »lediglich« darauf ankommen, dass unser Genosse – der angebliche Abgesandte des BND – sein Anliegen so vortrug, dass es als Versuch einer Neuwerbung verstanden werden konnte oder eben als Versuch der Verbindungsaufnahme zu einem schon Geworbenen. Es steckten – das war mir bewusst – Unwägbarkeiten und Risiken in der Idee, aber eben auch eine reale Chance. Im ungünstigsten Falle hatte der BND dem W. ein Losungswort oder anderes Erkennungszeichen genannt, mit dem sich ein Kurier ggf. ausweisen würde. W. würde dann auf die durch mich erwogene Finte kaum hereinfallen. Wahrscheinlich würden wir dann nie erfahren, ob er angeworben war, da ein gewarnter Spion in aller Regel nicht mehr zu fassen ist. Einige Tage ging mir das Für und Wider im Kopfe herum, dann entschloss ich mich, meinen Vorschlag zu unterbreiten. Für mich selbst überraschend stimmte der Chef binnen weniger Stunden der Idee zu. Ausschlag gebend dafür waren sicher seine Risikobereitschaft und Entschlusskraft. Und wohl auch, dass er es schätzte, wenn Mitarbeiter Ideen und Initiative einbrachten.

Nach der Entscheidung blieb die Frage, wen losschicken? Im »Normalfall« war so etwas Aufgabe für einen IM, in diesem Falle für einen, der tatsächlich »Wessi« war. Einen solchen IM auszuwählen und vorzubereiten, hätte aber Zeit gekostet. Also entschied der Chef, einen Mitarbeiter der Abteilung dafür einzusetzen. Die Wahl fiel auf Kurt, einen der wenigen älteren Genossen in der Abteilung. Er stach von allen anderen in unserer Truppe deutlich ab: kein Sachse, ständig in Nadelstreifen-Anzug mit Binder und mit Stockschirm »bewaffnet«, hatte er etwas aristokratisch Anmutendes an sich. Kurt war auch sofort bereit, die Rolle zu spielen, stellte allerdings eine Bedingung: er wollte mit einem West-Personalausweis ausgerüstet werden. Das wurde für vernünftig befunden. Binnen 24 Stunden war der Ausweis da.

Inzwischen hatten wir gemeinsam beraten und festgelegt, wie Kurt sich an der Wohnungstür bei W. vorstellen und wie er sein Anliegen formulieren würde. Auch Varianten seines weiteren Verhaltens – je nach Reaktion des W. –spielten wir durch. Am späten Abend ging Kurt los. Mir ist es als Zufall in Erinnerung, aber vielleicht war es auch Resultat davon, dass ich unruhig auf dem Korridor herumtigerte, jedenfalls war ich der Erste, der Kurt sah, als er – schon ein Stück nach 23 Uhr – gemessenen Schrittes die Treppe heraufkam. Er sagte nur: »Ist Spion

Zusammen gingen wir sofort zum Chef.

Kurts Bericht zufolge war die erste Reaktion von W. auf den Einleitungssatz »Ich komme aus Westberlin«, dass er sich den Ausweis zeigen ließ. Und dann kam sofort: »Endlich kommt einer von Euch! Wo soll ich denn mit dem ganzen Zeug hin Auf eine solche Frage hatten wir keine Antwort geübt. Aber Kurt reagierte klug mit »Erst einmal alles lassen, wo es ist Er teilte W. dann mit, heute wäre es nur darum gegangen, sich zu vergewissern, dass dieser »zur Stange hält«. Um Konkretes zu besprechen, würde er am nächsten Abend wiederkommen.

Es gab keine »Siegesfeier«. Das war nicht die Art unseres Chefs, außerdem war noch eine Menge zu leisten. Wie jetzt weiter war schnell befunden. W. sollte – mit Zustimmung des vom Chef informierten zuständigen Stellvertreters des Ministers General Walter – am nächsten Morgen auf dem Wege zur Arbeit festgenommen werden. Infolge seiner Reaktion am Vorabend konnten wir sicher sein, in seinem Besitz gegenständliche Beweise für eine Täterschaft zu finden. Die Hauptabteilung VIII wurde beauftragt, die Festnahme vorzunehmen – dafür gab es dort spezielle Trupps. Die Untersuchungs-Abteilung wurde informiert, damit dort Vorbereitungen für die Erstvernehmung W.’s getroffen wurden.

Am nächsten Morgen gab es allerdings eine Panne. Die Festnahme-Gruppe meldete, dass ihr W. »durch die Lappen gegangen« war. Sie waren auf einen Mann eingestellt, der brav zur S-Bahn laufen würde, um mit der zur Arbeit zu fahren. Infolge meiner mangelhaften Überprüfungen wussten wir nicht, dass W. für seine kirchlichen Aktivitäten ein Motorrad zur Verfügung gestellt war, das er – wie auch an diesem Morgen – häufig für den Weg zur Arbeit nutzte. Er musste also vom Arbeitsplatz weg festgenommen werden. Das konnte ohne Aufsehen eine Gruppe der HA VIII nicht leisten, die die Örtlichkeiten und Regimeverhältnisse in dem Adlershofer Institut nicht kannte. Also musste improvisiert werden. Wir – eine Pkw-Besatzung operativer Mitarbeiter – fuhren nach Adlershof. Die für das HHI zuständige Kadersachbearbeiterin rief auf meine Bitte bei W. im Labor an – er war am Arbeitsplatz. Wie besprochen bat sie ihn, zu ihr zu kommen. Das bot sich für uns an, da ihr Arbeitszimmer in einem anderen Gebäude lag. Es dauerte keine zehn Minuten, da erschien der Gerufene. Die Kadersachbearbeiterin hatte ich zuvor gebeten, mir ihr Zimmer für eine halbe Stunde zu überlassen. (Es war nicht auszuschließen, dass W. bei der Festnahme Widerstand leisten würde, und wir konnten die Genossin nicht gefährden.)

W. reagierte aber fast teilnahmslos, als ich ihm eröffnete, er sei festgenommen. Widerstandslos ging er vor mir her aus Zimmer und Gebäude zu unserem Fahrzeug, mit dem er nach Hohenschönhausen zur Erstvernehmung gebracht wurde.

Mir fiel zu, unserer Helferin mitzuteilen, was geschehen war, ihr zu danken und mit ihr zu besprechen, welche Nachricht sie an die Kollegen von W. gab, damit diese sich nicht schon in den nächsten Stunden den Kopf zerbrachen, wieso der so lange bei der Kaderabteilung aufgehalten wurde. Vorzeitig Unruhe zu erregen, hätte dazu führen können, dass seine Ehefrau durch einen Anruf aus dem Institut aufgestört wurde, ehe wir in der Wohnung zur Durchsuchung eingetroffen waren.

Das war unser nächster Weg. Gemeinsam mit einem auf diesen Einsatz bereits vorbereiteten Staatsanwalt und mit Durchsuchungs-Profis der HA VIII fuhren wir dorthin. Frau W. zeigte sich perplex, aber gegen den vorgewiesenen gerichtlichen Durchsuchungsbeschluss hatte sie keine Widerstandsmöglichkeit. Unter den Hausbewohnern suchten wir uns zwei Zeugen (die es zufällig traf, weil sie gerade zu Hause waren).

Wir taten das, obwohl laut Strafprozessordnung bei Anwesenheit eines Staatsanwalts Zeugen verzichtbar waren. In der Gewissheit, fündig zu werden, wollten wir aber eine doppelte Absicherung dagegen, dass übelwollende Leute (dabei dachten wir vor allem an die Kirche, die sich evtl. hinter W. zu stellen versuchen würde) nachträglich behaupten könnten, wir hätten Beweise manipuliert.

Die Durchsuchung wurde eine unerwartet leichte Übung: W. hatte bei Beginn der Erstvernehmung sofort gestanden und auf Fragen danach angegeben, was er wo in der Wohnung versteckt hatte. Wir mussten nur noch »einsammeln«. Anderenfalls – denke ich zumindest – hätten auch die Profis kaum alles gefunden. An drei Stellen hatte W. ihm durch den BND übergebene Hilfsmittel für die Spionage verborgen: im ausgehöhlten Griff eines Bügeleisens (das ihm speziell für diesen Zweck vom BND ausgehändigt wurde); in zwei Steckdosen, bei denen man zunächst die Abdeckplatte abschrauben musste, hinter der zusätzliche Löcher in die Wand gebohrt waren, in denen Papierröllchen steckten; sowie im Buchrücken einer Bibel, die hinter Glas in einem Bücherschrank gleich in der vorderen Reihe stand.

In allen drei Fällen waren dort jeweils mehrere kleine Blätter dünnes Seidenpapier verborgen, bedruckt mit Anleitungen für Agenten: Umrisszeichnungen militärischer Technik wie Panzer, Geschütze und Lkw mit jeweiliger Typenbezeichnung sowie Code-Tabellen zum Ent- und Verschlüsseln von Funknachrichten. Durch uns wurde die Lage der Verstecke in der Wohnung, deren Öffnung, das Hervorholen des Inhalts und schließlich die gefundenen Papiere fotografisch dokumentiert. Durchsuchungs- und Beschlagnahmeprotokoll wurden durch den Staatsanwalt und die Zeugen unterzeichnet. Die Funde kamen zur Untersuchungsabteilung. In den folgenden Vernehmungen W.’s klärte sich schnell, welche Bewandtnis es mit den für uns zunächst überraschenden Funden hatte: W. war durch den BND nur in zweiter Linie wegen Interesses am Institut geworben worden; in erster Linie war er für Militärspionage eingesetzt. Die Erkennungstafeln (so der Fachausdruck) für militärisches Gerät brauchte er, da selbst ohne Fachkenntnisse, um berichten zu können, welche Waffen- oder Fahrzeugtypen er wo und wann gesehen hatte. Es war sein Auftrag, systematisch Kasernen der Sowjetarmee in der Berliner Umgebung zu beobachten und zu melden, wann wie viele Arten militärischer Ausrüstungen und Geräte hinein- und herausgefahren wurden. Die Anleitungen für verschlüsselten Funkverkehr waren ihm mit der Ankündigung übergeben worden, er werde in nächster Zeit auch ein Funkgerät erhalten, um im Falle einer bewaffneten Auseinandersetzung Ost-West per Funk mit dem BND in Verbindung bleiben zu können und seine Beobachtungen über militärische Bewegungen der Truppen des Feindes zu übermitteln.

Diese Aussagen des W. – untermauert durch die sichergestellten Sachbeweise – waren in der Situation unmittelbar nach dem 13. August 1961 natürlich von erheblicher politischer Brisanz. Auf unserer Seite wurden sie als Belege genommen, dass es nicht mehr lange gedauert hätte, bis der Westen den »Marsch durchs Brandenburger Tor« gestartet hätte. Es war für uns ein Beweis, wie notwendig und dringlich die Grenzsicherung war. (Später erfuhren wir, weshalb diese Beweise für akute westliche Kriegsvorbereitungen nicht propagandistisch genutzt wurden: Es gab eine interne Information über ein Agreement mit Bischof Dibelius, nicht publik zu machen, dass einer seiner Synodalen für die BRD spioniert hatte, wenn der Bischof sich im Gegenzuge bei Kritik an den DDR-Grenzsicherungsmaßnahmen mäßigte.)

Die Aussagewilligkeit von W. zeigte sich auch darin, dass er in Übereinstimmung mit unserer Kenntnis aussagte, bei einem Treffen mit seinem Sohn in Westberlin, um das ihn dieser gebeten hatte, vom BND angesprochen und geworben worden zu sein. Der Sohn – das habe ich noch nicht erwähnt – war zwischenzeitlich als Rückkehrer wieder in Ostberlin. Er arbeitete als Laborant in einem VEB in Berlin-Adlershof. Nachdem W. seinen Sohn belastet hatte, erwirkte die Untersuchungsabteilung Haftbefehl gegen diesen. Ähnlich wie den Vater ließen wir ihn im Werk vom Arbeitsplatz fort rufen und brachten ihn per Pkw zur Untersuchungsabteilung.

Im Übrigen kam in den Vernehmungen des W. zu Tage, an welch dünnem Faden unser Erfolg bei seiner Überlistung gehangen hatte. Er sagte aus, dass ihm der BND für den Fall, dass ein Kurier zu ihm geschickt werden musste, ein Losungswort genannt hatte, mit dem der Kurier sich zu erkennen geben würde. Er – W. – sei aber in der angespannten nervlichen Verfassung nach der Grenzschließung und dem einerseits erwarteten, andererseits überraschenden Auftauchen eines »Westberliners« so verwirrt gewesen, dass er daran in dem Moment nicht gedacht habe, sondern durch Äußeres und Auftreten des Besuchers sowie dessen Westausweis ohne Zweifel gewesen sei, einen Abgesandten des BND vor sich zu haben. Da wir das Risiko gewagt hatten und es für uns gut gegangen war, gab es keine Erörterungen mehr, was gewesen wäre wenn …

Überrascht waren wir, als W. in einer Vernehmung offenbarte, dass er eine Kollegin aus dem Institut in die Spionagetätigkeit eingeweiht und einbezogen hatte. Monika S., eine Frau Anfang der Dreißig, ledig, technische Kraft im Institut, war seine Geliebte. Als der BND den W. mit der Beobachtung von Kasernen beauftragte, kam dem die Idee, Auftragserfüllung und Annehmlichkeit miteinander zu verbinden. Wenn er nach Feierabend vom Institut zum Spionieren aufbrach, ließ er Monika S. in den Beiwagen des ihm von der Kirche zur Verfügung gestellten Motorrads steigen und fuhr mit ihr in die Berliner Umgebung. Der jungen Frau fiel bald auf, dass sein Interesse am Waldrand nicht allein ihr galt. W. offenbarte sich ihr, und ab da half sie ihm beim Identifizieren und Zählen von Selbstfahrlafetten, Panzern, Lkw und anderen Fahrzeugen der Sowjetarmee. So wurde sie zur Spionin, ohne selbst von einem Geheimdienst angeworben zu sein.

W. und dessen Sohn wurden – im gesetzlichen Rahmen – zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt. Monika S. hat nach meiner Erinnerung – ohne dass ich eine Zahl nennen kann – eine für Staatsverbrechen moderat zu nennende Haftstrafe erhalten, aber etliche Jahre waren es auch bei ihr. Alle, die sich durch fremde Mächte gegen die DDR missbrauchen ließen, waren Täter und Opfer zugleich. Das Schicksal von Monika S. scheint mir in besonderer Weise tragisch. Heute denke ich, wenn es das Gesetz zugelassen hätte, wäre es menschlich und klug gewesen, ihr Haftverschonung zu gewähren.

 

 

 

Heiße Tage im August ’61

 

Von Hans-Peter Wokittel

 

Jahrgang 1933; Fachschuljurist; MfS/AfNS 1952-1990; Major a. D.; zuletzt Leiter der Traditionsstätte der Bezirksverwaltung des MfS Berlin

 

Im Mai 1952 tagte das IV. Parlament der Freien Deutschen Jugend in Leipzig. Zu jener Zeit war ich Schriftsetzerlehrling im 3. Lehrjahr und Sekretär der FDJ-Organisation meines Ausbildungs-Betriebes. Für mich sollte vor allem der Beschluss der Delegierten, mit dem die FDJ die Patenschaft über die Volkspolizei übernahm, entscheidend für mein weiteres Leben werden. Bereits vor dem Parlament wurden wir Mitglieder und Funktionäre darauf orientiert, dass der Dienst zum Schutze der Deutschen Demokratischen Republik für jedes FDJ-Mitglied ein Ehrendienst ist. Zahlreiche Mitglieder des Jugendverbandes hatten bereits ihre Bereitschaft erklärt, die DDR mit der Waffe in der Hand zu verteidigen – auch ich. Nach Abschluss der Ausbildung wollte ich den Dienst in einer Bereitschaft der VP aufnehmen, um nach drei Jahren in meinen Ausbildungsbetrieb zurückzukehren. Damals konnte ich nicht ahnen, dass aus den angedachten drei Jahren schließlich 40 Jahre Dienst in den bewaffneten Organen der DDR werden sollten.

Noch vor dem IV. Parlament der FDJ erfolgte im Frühjahr 1952 meine Einberufung zur Bereitschaftspolizei, die im Sommer 1952 in die »Kasernierte Volkspolizei« (KVP) umgewandelt wurde. Wir Dresdener Mitglieder und Funktionäre der FDJ hatten uns an einem Sammelpunkt einzufinden und wurden von dort per Lkw zur Kaserne der Bereitschaftspolizei in Zittau gebracht. Hier erfolgte die Vergatterung, Einkleidung und schließlich die Einweisung in die »Stuben«. Obwohl ich ab diesem Tag als Angehöriger der Bereitschaftspolizei galt, brauchte ich dort nicht einzurücken. Nach der Vergatterung kehrte ich vereinbarungsgemäß in meinen Ausbildungsbetrieb zurück, um mich der Facharbeiterprüfung zu stellen. Eines Tages wurde ich im Betrieb von einem Besucher angesprochen, der sich als Mitarbeiter des MfS vorstellte. Er hatte die Aufgabe, mich für den Dienst in der Staatsicherheit zu gewinnen. Selbstsicher erklärte ich, dass dies nicht möglich sei, weil ich bereits bei der Bereitschaftspolizei in Zittau vergattert wurde. Außerdem berief ich mich auf meine Verpflichtung, dort drei Jahre Dienst zu leisten und danach – wie vereinbart – in meinen Betrieb zurückzukehren, um eine Ausbildung zum Maschinensetzer aufzunehmen.

Der Dienst im MfS sollte auf Dauer sein, bedeutete also einen Berufswechsel. Am Ende siegte die Überzeugungskraft des »Werbers«, das belegen meine fast vierzig Dienstjahre im Ministerium für Staatssicherheit. Ich war 19, als ich Angehöriger der Staatssicherheit wurde. Am 21. Juli 1952 erfolgte meine Einstellung in die damalige, noch kurze Zeit bestehende »Landesbehörde Sachsen des MfS« mit dem Dienstgrad Hauptwachtmeister der DVP.

In der Kaderabteilung der Landesbehörde in Dresden unterschrieb ich meine Dienstverpflichtung, die ich von einem vorgegebenen Muster handschriftlich abgeschrieben hatte. Nun hatte ich »Ja« gesagt, ohne zu ahnen, was damit auf mich zukam. Aus Überzeugung und freiwillig hatte ich mich verpflichtet, meine Kräfte und Fähigkeiten einzusetzen, um die Pflichten und Aufgaben eines Angehörigen des MfS zu erfüllen, den Dienst ehrlich und gewissenhaft an jedem Einsatzort zu leisten. Als selbstverständlich empfand ich die Verpflichtung, mit aller Entschlossenheit den Kampf gegen die Feinde der DDR und der sozialistischen Staatengemeinschaft zu leisten, die militärische Disziplin, eingeschlossen die staatlichen und dienstlichen Geheimnisse zu wahren und ständig einsatzbereit zu sein. Ebenso nach den Geboten der sozialistischen Moral und Ethik zu handeln, innerhalb und außerhalb des Dienstes Vorbild zu sein und so die Ehre und Würde des MfS zu wahren.

Mein Einsatz erfolgte vorerst in der Abt. VIII, Referat »Operative Beobachtung« der Ende Juli 1952 (nach der Aufhebung der Länderstruktur der DDR und der Schaffung von Bezirken und Kreisen) neu gebildeten Bezirksverwaltung für Staatssicherheit, Dresden. Noch konnte ich nicht ahnen, dass meine Einsatzorte bald die Kreisdienststelle Zittau und schließlich Berlin sein sollten. Im November 1954 erfolgte meine Versetzung zur Verwaltung für Staatssicherheit Groß-Berlin (später BV Berlin) und hier zur Kreisdienststelle Prenzlauer Berg. Dort absolvierte ich meine militärische Dienstlaufbahn vom Oberfeldwebel bis zum Major, vom Hilfssachbearbeiter bis zum Referatsleiter. 1980 wurde ich in die Auswertungs- und Kontrollgruppe (AKG) der BV versetzt und 1985 mit der Leitung der Traditionsstätte der BV beauftragt. Diese Tätigkeit endete 1990. Zwischenzeitlich hatte ich im September 1986 ein Fernstudium an der Juristischen Fachschule des MfS in Potsdam als Fachschuljurist erfolgreich abgeschlossen.

In der KD Prenzlauer Berg war ich bis 1980 mit unterschiedlichen Aufgaben tätig, unter anderem in der für die Sicherung der Volkswirtschaft zuständigen Linie III (später XVIII). Als Objektsachbearbeiter war ich verantwortlich für das Damenoberbekleidungswerk VEB Treffmodelle Berlin, später, zum Zeitpunkt der Sicherung der Staatsgrenzen der DDR im August 1961, für den VEB Groß-Berliner Vieh- und Schlachthöfe. Der von den Berlinern allgemein als Zentralviehhof genannte Betrieb hatte einen »eigenen« S-Bahnhof mit gleichen Namen (heute S-Bahnhof Storkower Straße).

Vom Bahnhof ging eine unendlich lange Fußgängerbrücke über das Betriebsgelände zur Eldenaer Straße (Friedrichshain), um unbefugtes Betreten des Betriebsgeländes auszuschließen. Bei der Erweiterung des Schlachthofes 1936 war sie errichtet worden, um etwa die Ausbreitung von Tierseuchen zu verhindern. Bis 1945 herrschten dort die Großhändler vor. Im Februar 1946 übernahm die Stadt die Einrichtung, im April 1952 wurde sie ein volkseigener Betrieb. Der VEB kaufte in eigener Verantwortung das Vieh und sorgte für den Absatz der Fleischerzeugnisse, die Abnahme von Lebendvieh und den Transport von den Auftriebsstellen zum Betrieb. Mit 1.800 Beschäftigten war es der größte Schlachthof der DDR zu jener Zeit. Jährlich wurden etwa eine Million Tiere geschlachtet und verarbeitet. Im September 1954 wurde in der Lichtenberger Herzbergstraße der Sperrvieh-Schlachthof eröffnet und mit der Forschungsanstalt für Tierseuchen auf der Insel Riems ein Vertrag über die Schlachtung von infizierten Rindern zur Gewinnung von Erregern der Maul- und Klauenseuche geschlossen.

Nach 1990, kurz vor dem 110. Geburtstag im Mai 1991, wurde der Schlachtbetrieb eingestellt, die Belegschaft entlassen, die Gebäude und Einrichtungen, bis auf einige wenige denkmalgeschützte wie die ehemalige »Rinderauktionshalle« abgerissen. Das ehemalige Betriebsgelände wurde zum »Entwicklungsgebiet Alter Schlachthof« erklärt. Wenn ich heute an ehemaligen Standorten »meiner« Betriebe, so am »VEB Groß-Berliner Vieh- und Schlachthöfe«, dem heutigen Wohngebiet »Am alten Schlachthof«, vorbeikomme, gehen meine Erinnerungen in jene Zeit zurück, in der meine politisch-operative Arbeit vor allem darin bestand, dafür zu sorgen, dass die Produktion des Unternehmens zur Versorgung der Bevölkerung und zur Erfüllung der Exportverpflichtung vor beabsichtigten, gegnerisch motivierten Schäden und anderen Angriffen geschützt wurde. In diesem Betrieb war ich als zuständiger Mitarbeiter des MfS bekannt, hatte im Verwaltungsgebäude mein Dienstzimmer, war mit einem Betriebsausweis ausgestattet und wurde somit als Betriebsangehöriger geführt.

Auch im VEB Groß-Berliner Vieh- und Schlachthöfe war die Abwehr und Aufklärung von Angriffen, die sich gegen die Volkswirtschaft der DDR richteten, meine wichtigste Aufgabe. Das betraf sowohl solche Wirtschaftsverbrechen, wie Viehvergiftungen und andere vorsätzliche Verletzungen von Schlachtvieh während des Transportes oder auf dem Gelände des Viehhofes, als auch Handlungen und Umstände, durch die Menschenleben gefährdet wurden, die wirtschaftliche Schäden oder straftatbegünstigende Auswirkungen zur Folge haben konnten.

In meine Zuständigkeit gehörte die Gewährleistung des Geheimnisschutzes, die Durchführung von Sicherheitsüberprüfungen, die Verhinderung von Straftaten im Zusammenhang mit dem ungesetzlichen Verlassens der DDR. Zu diesem vorbeugenden Wirken gehörte die Zusammenarbeit mit IM, das Zusammenwirken mit der Deutschen Volkspolizei/Kriminalpolizei und staatlichen Kontrollorganen wie der ABI. Zu meinen Aufgaben gehörte es, die Verbindung zur Betriebsleitung, zur SED-Betriebsparteiorganisation und zur -gewerkschaftsleitung (BGL) sowie zu anderen Massenorganisationen im Betrieb zu gewährleisten. An den Betriebsleiter und den Sekretär der SED-Parteiorganisation sollten Informationen aus den Erkenntnissen der operativen Arbeit übermittelt werden, um deren Wirken für Ordnung und Sicherheit zu unterstützen. Auf diese Weise galt es gemeinsam Straftaten, begünstigende Umstände und Bedingungen aufzudecken und zu beseitigen. Dem diente auch meine enge Verbindung zur Belegschaft des Betriebes. Ich legte großen Wert auf regelmäßige persönliche Aufenthalte in den Schlachthäusern, im Verladebereich, in Stallungen. Alles mit dem Ziel, die Beschäftigten in die Gewährleistung von Ordnung und Sicherheit einzubeziehen und so auch das Vertrauensverhältnis zum MfS zu gewährleisten. Dazu gehörte auch, dass Hinweise von Werktätigen ernsthaft geprüft und ausgewertet wurden.

Zu meinen Aufgaben gehörte nicht zuletzt die Gewinnung von Inoffiziellen Mitarbeitern, die geeignet waren, an der Verhinderung und Aufklärung schwerer Straftaten sowie der Ermittlung von Personen mitzuarbeiten, bei denen der Verdacht bestand, an staatsfeindlichen oder anderen kriminellen Handlungen mitgewirkt zu haben. Nicht zuletzt versetzte uns die Zusammenarbeit mit IM in die Lage, begünstigende Bedingungen für Verletzungen gesetzlicher Normen und Vorschriften, für Straftaten, Schäden und Gefahren zu erkennen und möglichst auszuräumen. Mit aller Entschiedenheit wende ich mich deshalb gegen die seit dem Anschluss der DDR an die BRD praktizierte entwürdigende Behandlung von Menschen, die sich aus politischer Überzeugung und gesellschaftlicher Verantwortung bereit erklärten, konspirativ mit dem MfS zusammenzuarbeiten. Ihnen gebührt für ihren Einsatz meine Hochachtung und solidarische Verbundenheit. Meine Zusammenarbeit mit IM war von beiden Seiten immer von der Absicht bestimmt, unsere Betriebe vor Anschlägen äußerer und innerer Feinde zuverlässig zu schützen. In der Öffentlichkeit wurde die Zusammenarbeit des MfS mit IM keinesfalls verschwiegen, wenn auch der Begriff »IM« nicht verwandt wurde. Sie hießen wohl zurecht »Patrioten an der unsichtbaren Front«.

Die Inoffiziellen Mitarbeiter, die ich geführt habe, fühlten sich auch so. Freiwillig und aus Überzeugung hatten sie sich für die Zusammenarbeit entschieden, weil sie sich mit der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR, der daraus resultierenden Aufgabenstellung für das MfS identifizierten und in der Zusammenarbeit einen Beitrag zur Mitgestaltung der gesellschaftlichen Entwicklung sahen. Sie waren bereit, gemeinsam mit dem MfS ihren Betrieb zu schützen, der, im wahrsten Sinne des Wortes, in mühevoller Arbeit aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges geschaffen wurde (am 26. Februar und 3. März 1945 war der Betrieb von US-Bombern zu 80 Prozent zerstört worden). Die IM empfanden sich als Mitarbeiter, nicht als »Spitzel«, und wurden auch von mir so gesehen, eingesetzt und behandelt.

Für die Gewinnung von IM und die konspirative Zusammenarbeit mit ihnen gab es klare Vorgaben. Die Werbung war nur zulässig, wenn es für die Erfüllung der Aufgaben notwendig erschien und wenn der Kandidat über die Voraussetzungen zur Erfüllung der Aufgaben verfügte. Freiwilligkeit war erforderlich, Zwang und Widerwillen konnten keine Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sein. Für die Motivation der IM war das Vertrauensverhältnis zwischen hauptamtlichem und inoffiziellem Mitarbeiter wesentlich, nicht zuletzt auch das Gespür für Probleme, Fragen und Sorgen des IM.

Das höhere fachspezifisches Wissen oder die durch Alter und berufliche Entwicklung größere Lebenserfahrung eines IM waren für mich als jungem Führungsoffizier kein Hindernis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Im Gegenteil: Dank der Zusammenarbeit mit den IM konnte ich mir rasch notwendige Sach- und Fachkenntnisse zum Schlachtbetrieb aneignen, was mich als gelernten Schriftsetzer in die Lage versetzte, die Einhaltung bzw. Verletzung  gesetzlicher Normen und Betriebsvorschriften oder Straftaten begünstigende Umstände zu erkennen. Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit eines Kandidaten galten als Voraussetzung für die Werbung als IM. Die Zusammenarbeit schloss für den IM selbstverständlichen Vertrauensschutz ein. Sollten sie erfolgreich arbeiten, mussten sie unerkannt bleiben und vor Dekonspiration in der Öffentlichkeit wie auch innerhalb des MfS geschützt werden.

Die Aufgabenstellungen für Objektsachbearbeiter der Linie III waren mir bewusst. Ich war ehrgeizig genug, diese auch durchzusetzen. Umso betroffener war ich, dass es mir nicht gelungen war, eine Anfang August 1961 erfolgte schwere Brandstiftung auf dem Betriebsgelände des VEB Groß-Berliner Vieh- und Schlachthöfe zu verhindern. Mir blieb nur noch die intensive Mitwirkung an der Aufklärung dieser schweren Straftat. Es galt, die Ursachen und Hintergründe des Brandes aufzuklären (vor allem war es eine Havarie, war es eine mit krimineller oder gar staatsfeindlicher Motivation bewusst begangene Wirtschaftsschädigung oder gar Diversion?), und es galt, den möglichen Brandstifter aufzuspüren und diesen der gerechten Bestrafung zuzuführen.

Was war geschehen? Am 7. August, wenige Tage vor den Maßnahmen zur Sicherung der Staatsgrenze der DDR in Berlin am 13. August 1961, wurde ich wegen eines Feuerwehreinsatzes in den Betrieb gerufen. Weithin sichtbar stand eine mächtige schwarze Qualmwolke über dem Betriebsgelände. Eine Lagerhalle brannte in voller Ausdehnung.

Die Feuerwehr musste ihren Einsatz darauf konzentrieren, ein Übergreifen des Brandes auf die angrenzenden Gebäude, in denen sich die Trafo-Station und das Kesselhaus befanden zu verhindern. Die Lagerhalle brannte bis auf die Grundmauern nieder, die eingelagerten Materialien wurden vernichtet. Die Aufklärung des Brandes erfolgte durch konzentrierten Einsatz von operativen Kräften des MfS, bestehend aus Mitarbeitern der KD, der Arbeitsgruppe Brände und Störungen der Abteilung III und der Untersuchungsabteilung IX der BV, im engen Zusammenwirken mit Spezialisten der Kriminalpolizei und der Branduntersuchungskommission des Präsidiums der Deutschen Volkspolizei Berlin (PdVP). Den ermittelnden Experten war schnell klar, technische Mängel waren als Brandursache auszuschließen.

Die Spurenlage wies eindeutig auf vorsätzliche Brandstiftung hin. Nun galt es, den Brandstifter aufzuspüren. Es war davon auszugehen, für Trafo-Station und Kesselhaus hatte eine akute Gefahr bestanden. Beim Übergreifen des Brandes war der Totalausfall des Schlachtbetriebes nicht auszuschließen. Bedeutende wirtschaftliche Auswirkungen wären die Folge gewesen. Dem Betrieb oblag die Versorgung der Bevölkerung Berlins mit Fleisch, Fleischwaren und Fett. Bei Ausfall des Schlachtbetriebes wäre die Versorgung mit Frischfleisch für lange Zeit nicht mehr möglich gewesen. Zu berücksichtigen war auch, dass vom Kesselhaus des Schlachthofes sowohl der VEB Kühlbetriebe Berlin als auch die Werner-Seelenbinder-Halle mit Dampf versorgt wurden, also ebenfalls betroffen gewesen wären.

Jetzt musste sich erweisen, ob meine IM bereit und in der Lage waren, an der Aufklärung der folgenschweren Straftat und der Ermittlung des oder der Straftäter mitzuarbeiten. Als Tatverdächtiger geriet schließlich ein im Betrieb tätiger Maschinenschlosser ins Visier der ermittelnden Experten. Seine Observation durch Mitarbeiter der zuständigen Abteilung der Bezirksverwaltung wurde für erforderlich gehalten und eingeleitet. Die Festnahme des Verdächtigen erfolgte am 9. August 1961. Nur Stunden nach der Tatausführung. Die Beobachter hatten festgestellt, dass er nach Verlassen des Betriebes mit der S-Bahn in Richtung Gesundbrunnen fuhr und den Zug auch auf dem letzten Bahnhof vor der Grenze zu Westberlin, Bahnhof »Schönhauser Allee«, nicht verließ. Bei seiner Festnahme trug er umfangreiche Personaldokumente bei sich. Der ermittelte Täter und seine Ehefrau hatten sich entschlossen, die DDR zu verlassen. Die Vernehmung des Beschuldigten ergab, er hatte vorsätzlich den Brand gelegt, um der DDR Schaden zuzufügen. Damit wollte er in Westberlin seine Anerkennung als politischer Flüchtling erlangen.

In seiner Vernehmung bekannte er, dass sich seine ablehnende Haltung zur DDR durch regelmäßiges Lesen von Westberliner Presseorganen und Propagandamaterial, wie der von der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) verbreiteten Hetzschrift Tarantel, durch Sendungen der Westberliner Rundfunkstationen Rias und Sender Freies Berlin, und auch Kinobesuchen in Westberlin entwickelte. Der geständige Täter wurde aufgrund der eindeutigen Beweise wegen Diversion im schweren Fall in Verbindung mit terroristischem Gewaltakt gemäß den geltenden Strafrechtsbestimmungen der DDR zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Rahmen der öffentlichen Auswertung des Prozesses wurden die gegen die DDR gerichteten Aktivitäten der Westberliner Publikationsorgane entlarvt, zugleich auch die Notwendigkeit der wenige Tage nach dieser Straftat erfolgenden Maßnahmen zur Sicherung der Staatsgrenzen der DDR anschaulich begründet. Zumal – wie ich mich erinnere – am 11. August auch in der Berliner Humboldt-Universität Brandsätze gezündet worden waren.

Parallel zu den Erfordernissen der Aufklärung der geschilderten Brandstiftung im VEB Groß-Berliner Vieh- und Schlachthöfe ergab sich in Verbindung mit meinem konzentrierten Einsatz in den besagten Tagen zwischen dem 7. und 9. August 1961 auch eine persönliche Situation, die wohl kaum besser Zeugnis ablegte, wie ich als Objektsachbearbeiter des MfS als zur Belegschaft des Betriebes gehörig betrachtet wurde. Ein Sprichwort sagt: »Ein Unglück kommt selten allein Und so war es. Als ich zum Brandort gerufen wurde, war ich familiär in arger Bedrängnis. Meine Ehefrau war akut erkrankt, wir mussten den ärztlichen Notdienst rufen. Der behandelnde Arzt konnte eine mögliche stationäre Weiterbehandlung nicht ausschließen. Seine Empfehlung, ich sollte mich beurlauben zu lassen, damit die notwendige Betreuung meine Ehefrau sowie unserer beiden Kinder (4 Jahre bzw. 3 Monate alt) gesichert sei. Was tun? Unsere Eltern wohnten ca. 300 km entfernt, verwandtschaftliche Bindungen in Berlin gab es nicht. Am Ereignisort wurde ich aber dringend gebraucht. Jetzt bewährte sich meine Verbundenheit mit dem Betrieb. Eine Genossin der SED-Betriebsparteiorganisation (BPO) bot ihre Unterstützung an und betreute mit mütterlicher Fürsorge meine Frau und unsere Kinder.

Nach der Aufklärung des Brandes blieb mir nur kurze Zeit, um mich der Familie zu widmen. Vier Tage später, im Morgengrauen des 13. August 1961, einem Sonntag, nahmen die bewaffneten Organe der DDR gemeinsam mit den Kampfgruppen der Arbeiterklasse aus den Berliner Großbetrieben und Einrichtungen die gesamte bisher offene Grenze gegenüber Westberlin unter Kontrolle. Auch für das Ministerium für Staatssicherheit war »volle Einsatzbereitschaft«, also »kasernierte« Stationierung im Dienstobjekt rund um die Uhr befohlen worden. Mehr als 80 Straßenübergänge nach Westberlin wurden abgeriegelt, fünf davon lagen im Verantwortungsbereich der KD Prenzlauer Berg des MfS.

Aber darüber gibt es ja schon umfangreiche seriöse, nicht vom antikommunistischen Zeitgeist beherrschte Publikationen.

 

 

 

Im Dienst für die Energiesicherung der Republik

 

Von Uwe Fischer

 

Jahrgang 1944; Ingenieur; MfS/AfNS von 1970-1990; Major a. D.; zuletzt Referatsleiter in der KD Berlin-Pankow

 

Ich entstamme einer Arbeiterfamilie aus dem Berliner Osten. Die DDR und meine Eltern ermöglichten mir eine gute Schulbildung. Nach Grundschule und Abitur erlernte ich im VEB Bergmann-Borsig in Berlin den Beruf eines Maschinenbauers. Anschließend nahm ich ein Fachschulstudium auf, das ich mit dem Abschluss als Ingenieur beendete. Danach leistete ich meinen 18-monatigen Grundwehrdienst in der NVA ab. Erst 1964, in meinem 20. Le­bensjahr, erfuhr ich von der Existenz eines Ministeriums für Staatssicherheit, meine Vorstellungen tendierten bis dahin in Richtung Null.

Im Mai 1970, ich war 25 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Söhnen, wurde ich mit dem Dienstgrad Unterleutnant als operativer Mitarbeiter des MfS eingestellt und begann in der Kreisdienststelle Berlin-Pankow auf der Linie XVIII (Sicherung Volkswirtschaft) im dortigen Referat. Die für die operative Arbeit notwendigen Kenntnisse erarbeitete ich mir, wie viele Mitarbeiter des MfS, zunächst im Selbststudium. Dazu stand mir von der Juristischen Hochschule des MfS ausgearbeitetes Studienmaterial zur Verfügung.

Die praktischen Fähigkeiten entwickelten sich im Prozess der täglichen Arbeit. Es ging nicht nur um die rechtzeitige Aufdeckung und Verhinderung von Sabotage, Spionage oder anderen schweren Straftaten gegen die Wirtschaft der DDR, im konkreten gegen zu sichernde Betriebe und Einrichtungen.

Unsere Aufgabe war, so wurden wir geschult, vor allem vorbeugend wirksam zu werden, unsere Volkswirtschaft und die Werktätigen vor feindlichen Angriffen zu schützen, Straftaten zu verhindern sowie mitzuwirken an hoher staatlicher und öffentlicher Sicherheit und Ordnung im jeweiligen Verantwortungsbereich. Mein erstes Objekt als politisch-operativer Mitarbeiter war der VEB Kernkraftwerksbau (KKWB). Das war ein bedeutender Betrieb für die Energieversorgung der DDR, demzufolge hatte ich eine Aufgabe erhalten, die mich richtig herausforderte.

Von den etwa 1.100 Mitarbeitern des KKWB waren rund 900 auf Geheime (GVS) und Vertrauliche Verschlusssache (VVS) verpflichtet. Etwa 20 Betriebsangehörige waren Reisekader ins Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet, NSW genannt, und 700 Reisekader ins SW, dem Sozialistischen Wirtschaftsgebiet. Gemessen an den Sicherheitsanforderungen und den bestehenden internationalen Verbindungen des Betriebes, entsprachen meine Kenntnisse von diesem Personenkreis zu Beginn meiner Tätigkeit nicht den notwendigen Sicherheitsanforderungen. Fragen ergaben sich zudem: Ist es westlichen Geheimdiensten oder Konzernen gelungen, in diesem Personenkreis Informanten anzuheuern? Gab es Erkenntnisse zum Umfeld dieser Personen, die eine Kontaktaufnahme gegnerischer Dienste begünstigten? Meine vordringlichste Aufgabe war es also, diese Fragen und Probleme zu klären. Das erforderte viel operative Kleinarbeit, verbunden mit häufigen Besuchen und Kontakten vor Ort.

Bei einem Aufenthalt im Betrieb fiel mir auf, dass die Eingangskontrolle, insbesondere die beim Bereich EDV, sehr lasch war. Was tun? Sollte ich mit dem Direktor, Prof. Rambusch, sprechen und ihm den Vorschlag unterbreiten, in einer Versammlung eine straffere Betriebsordnung und -sicherheit einzufordern? Mir war bekannt, dass der Professor ohnehin kaum Zeit hatte, er bereitete in jener Zeit mit seinem Betrieb den Bau des Kernkraftwerkes Nord in Lubmin vor. Also selbst handeln.

Der Eingang zum EDV-Bereich im Betrieb war z. B. mit einem elektronischen Zahlencodeschloss gesichert, die Eingabe war jedoch leicht einsehbar. Ich hielt mich keine fünf Minuten im Eingangsbereich auf und hatte schon den Zahlencode ausgespäht. So verschaffte ich mir Zutritt zur EDV. Erst nach 15 Minuten und durch mein bewusst auffälliges Verhalten wurde ich bemerkt und zum zuständigen Abteilungsleiter gebracht. Dort wies ich mich als Mitarbeiter des MfS aus. Die erzielte Wirkung war sehr erfreulich. Schon mit Beginn der Nachtschicht wurden die notwendigen Maßnahmen zur Verbesserung von Ordnung und Sicherheit in Kraft gesetzt und auch wirksam.

Im November des Einstellungsjahres konnte ich dann meine erste, den Kriterien entsprechende Werbung eines inoffiziellen Mitarbeiters realisieren. Er war Mitglied der CDU.

Im RGW gab es einen »Komplex-04«, an dem auch der VEB KKWB beteiligt war. Die DDR hatte den Auftrag, für die UdSSR eine spezielle technische Prototypanlage zu errichten. Dazu wurden sogenannte Manipulatoren benötigt, die aber aus Frankreich importiert werden mussten. Deren Anlieferung erfolgte zunächst zum Hauptbahnhof Dresden. Der französische Geheimdienst, der BND und anzunehmen auch andere westliche Geheimdienste interessierten sich dafür, wohin diese Manipulatoren geliefert wurden und welchen Verwendungszweck sie hatten. Tarnung war geraten.

Etwa vier Wochen nach Anlieferung der Manipulatoren waren sie ohne Ankündigung bei »Nacht und Nebel« vom Bahnhof mit unbekanntem Ziel verschwunden. Die Anlage, in der für den »Komplex-04« bedeutsame Entwicklungs- und Produktionsaufgaben erfüllt wurden, befand sich in Dresden in einem Industriegebiet, das damals noch von Kriegsschäden gezeichnet war. Im Inneren einer der dort befindlichen Halle, mit zerschlagenen Fenstern und defektem Mauerwerk, befand sich eine zweite Halle aus Stahl. In ihr arbeiteten Werktätige in weißer Kleidung, teilweise trugen sie Schutzanzüge. Die beiden Manipulatoren erreichten wohlbehalten diesen Bestimmungsort und konnten erprobt werden. Ich fühlte Genugtuung, einen Beitrag zur Sicherung dieses Vorhabens geleistet zu haben.

Während meiner 17-jährigen operativen Arbeit auf der Linie XVIII war ich für die Sicherung von Betrieben und Kombinaten verantwortlich, die für die Energiewirtschaft, für den Industrieanlagenbau und Maschinenbau der DDR zentrale Bedeutung hatten. Wichtigste Grundlage hierfür war – wie in anderen Bereichen und Diensteinheiten des MfS – die Zusammenarbeit mit IM. Diese musste entsprechend den speziellen Sicherheitsbedürfnissen und der konkreten Sicherheitslage aufgebaut, gestaltet und weiter entwickelt werden. Die Gewinnung von Menschen für die inoffizielle Zusammenarbeit erfolgte planmäßig, abhängig von der Bedeutung des Produktionsbereiches für die Volkswirtschaft der DDR und der möglichen Gefährdung durch Spionage und Störtätigkeit oder seiner Anfälligkeit für Störungen und Havarien. Werbungen auf Druck (wie heute wahrheitswidrig behauptet) waren nicht gestattet und bei den zu lösenden Aufgaben auch völlig unangebracht.

Meine Sicht, worauf die Erfolge bei der Gewinnung von Betriebsangehörigen für die inoffizielle Zusammenarbeit zurückzuführen waren, lassen sich wie folgt zusammenfassen. Kompliziert war die Zeit von der Kontaktaufnahme bis zu den ersten Zusammenkünften, in denen das Anliegen der konspirativen Zusammenarbeit genauer erläutert werden konnte. Zunächst wurden von den Betreffenden häufig vorhandene Vorbehalte oder Skepsis vorgebracht. Die angesprochenen Betriebsangehörigen erkannten aber im Ergebnis unserer vertraulichen Gespräche zumeist rasch, dass es in der konspirativen Zusammenarbeit um Sachverhalte und Herausforderungen in ihrer eigenen täglichen Arbeit ging, deren Bewältigung auch in ihrem Interesse lag. Ihre Kenntnisse wurden gebraucht, um herauszufinden, ob die bei der Lösung technischer und ökonomischer Aufgaben auftretenden Probleme, Zeitverzögerungen bis hin zu Havarien, z. B. durch menschliches Versagen oder vorsätzliches schädigendes Handeln verursacht werden. Die IM begriffen unsere Zielstellung und es entwickelte sich so die Bereitschaft, ihren Anteil zum Schutz ihrer eigenen Arbeit und insgesamt des Volkseigentums zu leisten. Sie berichteten von sich aus über technische Probleme, Gefahrenherde für Mensch und Technik, und auch über damit im Zusammenhang stehende Personen, deren Haltungen und Handlungen.

Für die Wirksamkeit der inoffiziellen Arbeit war das Verhältnis zwischen mir und dem IM entscheidend. Vertrauen, Achtung der Persönlichkeit, Rücksichtnahme auf die persönlichen Belange, gehörten zu jenen Verhaltensweisen, denen ich mich immer verpflichtet fühlte, die es zu entwickeln und zu wahren galt. Selbst bei bestehenden Meinungsunterschieden zwischen Mitarbeiter und IM-Kandidat war eine mögliche Zusammenarbeit auf der Basis gemeinsamer humanistischer Werte möglich, wie das bei meinem ersten IM, einen Christdemokraten, der Fall war.

Mit zunehmender Erfahrung im Umgang mit den Werktätigen, mit Mitarbeitern der Kaderabteilungen, mit Leitern der VS-Hauptstellen, mit Abteilungsleitern, Direktoren und Generaldirektoren wuchs auch meine Fähigkeit zur besseren »operativen Durchdringung des Sicherungsbereiches« vor allem mittels qualifizierter inoffizieller und offizieller Informationsgewinnung.

Die Entwicklung brachte es mit sich, dass zu meinem Verantwortungsbereich später auch der Betrieb gehörte, der mich einst zum Studium delegiert hatte. Viele Kollegen kannten mich noch aus früherer Tätigkeit im Betrieb und in kürzester Zeit war vielen Kollegen klar, dass ich nun Mitarbeiter der »Staatssicherheit« war. Das machte meine Arbeit einerseits einfacher, andererseits war das den spezifischen Sicherheitsaufgaben nicht gerade dienlich, zumal ich auch in unmittelbarer Nähe des Betriebes wohnte. »Bergmann-Borsig«, wie der Betrieb im Volksmund genannt wurde, lag im Territorium der Staatsgrenze zu Westberlin. Die Lage des Betriebes machte eine enge Zusammenarbeit mit dem Referat »Sicherung der Staatsgrenze« erforderlich.

Mit den Jahren wuchsen auch die allgemeinen Anforderungen an alle operativen Mitarbeiter. Dazu gehörte, daran mitzuwirken, dass die wachsende Tendenz zum ungesetzlichen Verlassen der DDR zurückgedrängt wurde. Viele Mitarbeiter vermissten hier insbesondere aktives politisches Handeln der Führung, auch ich. Uns war damals bekannt, dass in Bulgarien Bürger, die ihr Land verlassen wollten, je nach ihrem Ausbildungsstand, zwischen 25.000 und 50.000 Mark an den Staat zurückzahlen mussten. Damit wurde ein illegales Verlassen weitgehend zurückgedrängt. Solche oder ähnliche Maßnahmen wurden eigentlich von der SED-Führung und der Regierung der DDR auch erwartet, um dieses Problem zu lösen. Heute wissen wir, dass die Rückzahlung von Ausbildungskosten beim Auswandern aus den USA zur Normalität gehört.

In meiner Arbeit war ich auch damit konfrontiert, dass die Anforderungen an Umfang und Inhalt der allgemeinen Informationstätigkeit für die SED-Führungsebenen bzw. staatlichen Leitungen, wurden stetig erhöht wurden. Das gipfelte dann in solchen Maßnahmen, wie der Berichterstattung zur Winterbereitschaft, um nur ein Beispiel zu nennen. Um einen repräsentativen Querschnitt zu erfassen, wäre dafür ein großes IM-Netz erforderlich gewesen. Ein Mitarbeiter hat das nicht bewältigen können, unsere »Überstunden« sprachen Bände. Es gab damals auch unter den Mitarbeitern der Linie XVIII in nicht wenigen Fällen Unzufriedenheit, Unverständnis über die allgemeinen öffentlichen Berichterstattungen zur Lage im Verantwortungsbereich.

Eines Tages erhielt ich von einem wachsamen Bürger einen Hinweis auf einen illegalen Handel mit begehrten Dingen des täglichen Bedarfs. Nach längerer Beobachtung, Aufklärung und Bearbeitung kristallisierte sich heraus, dass durch Schlamperei im gesamten Organisationsablauf im Bauhof des VEB Bergmann-Borsig/Görlitzer Maschinenbau dem Diebstahl von Volkseigentum Tür und Tor geöffnet war. In enger Zusammenarbeit mit dem Betriebsdirektor, dem Leiter der Sicherheitsinspektion, der Arbeiter- und Bauern-Inspektion und anderen gesellschaftlichen Kräften wurden die vorhandenen Mängel schonungslos aufgedeckt und beseitigt.

Ein oder zwei Jahre nach meiner Beförderung zum stellvertretenden Referatsleiter hatte ich mich wieder auf einen Wechsel des Verantwortungsbereiches einzustellen. Im Territorium der Kreisdienststelle des MfS in Pankow errichtete der Generaldirektor des VEB Kombinat Zentraler Industrieanlagenbau der Metallurgie (KZIM) seine Niederlassung einschließlich seines gesamten Arbeitsstabs. Ein zur Unterstützung der KD bei der Sicherung der örtlichen Industrie im besagten Stadtbezirk neu eingestellter junger Mitarbeiter bat mich nach einigen Monaten um Hilfe. Er bekam seit einigen Wochen von einer Kontaktperson aus seinem Verantwortungsbereich Hinweise auf persönliche Bereicherung einiger Betriebsangehöriger. Mit dieser Sache befasste ich mich genauer.

Nach mehrfacher Rücksprache mit der Kontaktperson, anderen Betriebsangehörigen und konspirativen Maßnahmen ergaben sich Hinweise auf Verletzung von Straftatbeständen, die eine weitere Bearbeitung in einer OPK (Operativen Personenkontrolle) zwingend erforderlich machten. Die sich im Ergebnis der Bearbeitung offenbarenden betrieblichen Missstände waren eklatant. Es standen drei Personen im Mittelpunkt, von denen einer mit erheblicher krimineller Energie herausragte. Seine Vorgehensweise war nur mit konspirativen Mitteln und Methoden nachzuweisen. Er nutzte nicht nur die vorhandenen Missstände im Betrieb, sondern schuf sich durch Korrumpierung von Kollegen personelle Stützpunkte, die teilweise, ohne es zu ahnen, von ihm missbraucht wurden. Darüber hinaus hatte er aktive Mitwisser und Mittäter. Mit konspirativen Ermittlungen konnten wir personelle und sachliche Zusammenhänge seiner kriminellen Vorgehensweise aufdecken. Er nutzte die im Betrieb herrschende nachlässige Abrechnungsweise von Wirtschaftsvorhaben, um sich mit dringend benötigten Ersatzteilen für Heizungs- und Elektroanlagen auszustatten. Dann suchte er sich über seine personellen Stützpunkte Wirtschaftseinrichtungen aus, die dringenden Reparaturbedarf hatten. Diesen bot er an, die entsprechende Reparatur oder den Umbau in Feierabendarbeit vorzunehmen. Die Reparaturen umfassten ein Budget zwischen 10.000 und 30.000 Mark und wurden mit seinen »Kumpanen« in der regulären Arbeitszeit durchgeführt. So »erarbeitete« er sich einen Pkw »Trabant«, einen »Wartburg«, einen »Shiguli«, ein Wochenendgrundstück, ein Segelboot und konnte zudem noch eine ansehnliche Geldsumme auf seinem Konto verbuchen.

Die Missstände wurden beseitigt, die »Feierabendbrigade« aufgelöst und der Betriebsdirektor sorgte für strenge Maßnahmen zur Wiederherstellung von Ordnung und Sicherheit.

Zu meinen Erinnerungen gehört in diesem Zusammenhang aber auch: Auf die rasche Wiederherstellung von Ordnung und Sicherheit mit unseren Möglichkeiten hinzuwirken, das gehörte in meiner Arbeit auf der Linie XVIII zum »Alltag«, kostete viel Nerven, Kraft und Zeit, war aber auch kein »erfolgreich abgeschlossener Operativer Vorgang«, der mit Orden und Auszeichnungen honoriert wurde.

 

 

Stationen meines Dienstes

 

Von Dieter Lehmann †

 

Aus autobiografischen Aufzeichnungen von Dieter Lehmann (1928-2013); Diplomjurist; Dr. jur.; MfS 1950-1988; zuletzt Leiter der Bezirksverwaltung Gera des MfS im Rang eines Generalmajors

 

Mit dem Dienstgrad eines Hauptwachtmeisters der VP begann ich im Februar 1950 meinen Dienst in den Reihen des MfS. Mein Einsatz erfolgte in der damaligen Abteilung IV, der Spionageabwehr der Landesverwaltung Sachsen. Im Februar 1950 bestand diese Abteilung aus deren Leiter und mir, als dessen damals einzigen Mitarbeiter.

Wir kannten uns aus gemeinsamer Arbeit in der Hauptverwaltung Kriminalpolizei, dem Kommissariat K 5. Mein Abteilungsleiter war etwa doppelt so alt wie ich. In der Zeit des Faschismus saß er mehrere Jahre im Zuchthaus, da er aktiver Widerstandskämpfer gegen den Faschismus war. Er gehörte zu den anerkannten Opfern des Faschismus. Wir beide sollten nunmehr im Land Sachsen gegen die westlichen Geheimdienste und deren Spione den Kampf aufnehmen. Wir gestanden uns gegenseitig, dass wir davon nicht die geringste Ahnung besaßen. Wie sollten wir die Bekämpfung von Spionen anstellen? Mit welchen Methoden könnte dies geschehen?

In einem unserer ersten Gespräche fragte er mich, welchen Beruf ich erlernt habe. Ich ließ ihn wissen, er habe es mit einem Holzwurm zu tun. Ich erinnere mich noch an seine Entgegnung: »Als deine Lehre begann, warst du doch auch nicht in der Lage, einen Kleiderschrank anzufertigen. Zuerst hast du sicher gelernt, mit Hobel, Säge und Stemmeisen umzugehen. Ebenso benötigen wir erst einmal bestimmte Grundkenntnisse, um schrittweise unser neues Handwerk zu erlernen

Seinen Vergleich fand ich schon in Ordnung, doch wie wir zu den Kenntnissen und Fähigkeiten gelangen konnten, war damit noch nicht geklärt. Wie konnte es anders sein, wir lernten von den »Freunden«, den Mitarbeitern der sowjetischen Staatsicherheitsorgane. Von ihnen lernten wir, wer für die inoffizielle Tätigkeit zur Abwehr der Spionage geeignet ist, wie man Menschen für die konspirative Zusammenarbeit gewinnt, wie die Zusammenarbeit mit ihnen zu organisieren ist und anders mehr.

Ich erinnere mich, dass wir den ersten Hinweis zu einer der Spionage verdächtigen Person von unseren sowjetischen Partnern erhielten. Er beinhaltete, dass aus einem Braunkohlewerk des Kreises Hoyerswerda Informationen an einen westlichen Nachrichtendienst gelangen, die im Interesse der Volkswirtschaft der DDR der Geheimhaltung unterlagen. Im Zuge der Bearbeitung der tatverdächtigen Person durch geeignete Inoffizielle Mitarbeiter konnte der Spion überführt werden. Dank der Hilfe unserer »Freunde« entwickelte sich in der Praxis allmählich die Spionageabwehr des MfS. Die Geschichte des MfS widerspiegelt, die schlechteste Spionageabwehr hatten wir nicht.

Dem Spion aus der Braunkohle folgten Militärspione, deren Aktivitäten gegen sowjetische Militärobjekte gerichtet waren. Mittels technischer Geräte, die im Gleiskörper der Reichsbahn versteckt waren, wurde an den Magistralen der Eisenbahn beispielsweise der Urangehalt von Erztransporten der Wismut in die Sowjetunion gemessen. Der Industriezweig Wismut insgesamt fand das lebhafte Interesse der westlichen Nachrichtendienste. Ein Umstand, der im Zeitalter beginnender atomarer Aufrüstung niemanden zu wundern brauchte.

Beispielhaft wären noch jene Militärspione zu nennen, die in den Dispatcherleitungen der Deutschen Reichsbahn den sowjetischen Militärverkehr ausspionierten. Mit Fug und Recht kann man feststellen, an der Trennlinie der beiden Gesellschaftssysteme, der Welt des Kapitals und der Welt des Sozialismus, gab es nicht nur den kalten Krieg. Im Herzen Europas, an der Grenze zwischen der BRD und der DDR existierte eine Frontlinie. An dieser oder der so genannten »unsichtbaren Front« vollzog sich ein erbitterter Kampf. Man könnte ihn auch als eine Schlacht spezifischer Art betiteln. Auf der einen Seite der Barrikade waren die Kräfte der Reaktion, des Kapitals zu finden, auf der anderen Seite jene Kräfte, die den Versuch wagten, eine neue, bessere Welt des Sozialismus zu errichten.

Ich erinnere mich solch bundesdeutscher Losungen wie »Lieber tot als rot« oder »Lieber das halbe Deutschland ganz, als das ganze Deutschland halb«. Während wir die Volkskongressbewegung »Für Einheit und gerechten Frieden« ins Leben riefen, spaltete Adenauer, im Verein mit den Westmächten, Deutschland. Bekanntlich trat am 7. September 1949 erstmals der Deutsche Bundestag in Bonn zusammen. Seither hatten die Ewiggestrigen ihr halbes Deutschland ganz. Mit Gründung der BRD war es deren erklärtes Ziel, Deutschland als einheitlichen imperialistischen Staat in den Grenzen von 1937 wiederherzustellen. Diese Zielstellung war und blieb bis 1990 gewissermaßen die offene Kriegserklärung an die Adresse der DDR.

Aber zurück in die Gründerzeit der DDR. Die Republik im Osten Deutschlands entstand im Gefolge der Spalterpolitik Adenauers und der Westmächte, einen Monat nach Abspaltung der drei westlichen Besatzungszonen (als BRD) aus dem deutschen Nationalverband.

Nach der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949, wurde bereits am 6. Juli 1950 durch den polnischen Minis­terpräsidenten Joseph Cyrankiewicz und den Ministerpräsidenten der DDR, Otto Grotewohl, in Zgorzelec das Abkommen über die Grenze an Oder und Neiße (in die DDR-Geschichte als Oder-Neiße-Friedensgrenze eingegangen) unterzeichnet. Dieser politisch und völkerrechtlich bedeutsame Akt besiegelte eine Festlegung der Siegermächte im Ergebnis der bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands. Nach dieser Unterzeichnung fand vor der ehemaligen Görlitzer Ruhmeshalle eine Großkundgebung mit Teilnehmern aus beiden Ländern statt. Die Teilnehmer aus der DDR passierten über die Görlitzer Friedensbrücke die Staatsgrenze zur Volksrepublik Polen. Beide Ministerpräsidenten erläuterten auf dieser Kundgebung die politische Bedeutung dieses Vertrages.

Da Adenauer ein absoluter Gegner dieser Grenze war, nimmt es nicht Wunder, dass unmittelbar nach Unterzeichnung dieses Vertrages Revanchepolitiker der BRD im Verein mit den Vertriebenenverbänden der BRD gegen dieses Abkommen protestierten und die Grenzen von 1937 einforderten. Erst rund 50 Jahre nach der Unterzeichnung, erst mit der Eingliederung der DDR in die BRD, erkannte die BRD diese Grenze an. Wie nicht anders zu erwarten, heulten die Vertriebenenverbände auf. Fast entschuldigend traten vor diesen Leuten Bundespolitiker auf und stellten fest, die Anerkennung dieser Grenze sei der Preis, den die BRD für die staatliche Einheit zu zahlen habe.

Das MfS erhielt den Auftrag, die Veranstaltung am 6. Juli 1950 in Görlitz zu sichern. Es kam zu keinerlei Zwischenfällen. In den Abendstunden nahm ich am Empfang des polnischen Ministerpräsidenten teil. Ich erinnere mich an ein Gespräch während des Empfanges mit einem polnischen General. Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass an dieser Grenze immer Frieden herrschen möge.

Im Herbst 1952 verließ ich das nunmehr auf etwa ein Dutzend Mitarbeiter angewachsene Kollektiv der Spionageabwehr. Insgesamt hatte sich der Personalbestand des MfS in diesen Anfangsjahren beträchtlich erhöht. Die Ausbildung und Schulung der Mitarbeiter gewann an Bedeutung. Mir wurde die Funktion des Schulungsbeauftragten übertragen, die ich bis Februar 1953 ausübte. In Potsdam-Eiche unterhielt das MfS eine Schule. Sie suchte Lehrkräfte und so kam es zu meiner Kommandierung an diese Einrichtung. Sie erhielt später den Status Juristische Hochschule des MfS. An ihr diplomierte und promovierte ich Jahre später.

Damals aber musste ich mich entscheiden, Versetzung an die Schule oder Aufhebung meiner Kommandierung. Als »Pauker« an der Schule zu verbleiben, entsprach nicht meinen Vorstellungen. Es zog mich zurück in die operative Arbeit. So kehrte ich im Juni 1953 nach Dresden zurück. Mir wurde die Leitung der Abteilung VII – Abwehrarbeit in der Volkspolizei und im Strafvollzug – übertragen. In dieser Dienststellung war ich bis zu meiner Versetzung als Leiter der Kreisdienststelle Görlitz im Jahr 1955 tätig.

Über zwei Ereignisse aus dieser Zeit möchte ich hier berichten. Das eine betraf Friedrich Paulus. Er war einst Befehlshaber der faschistischen 6. Armee in der Schlacht um Stalingrad, dem Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges. Aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, nahm er in Dresden seinen Wohnsitz. Beim Pass- und Meldewesen der Deutschen Volkspolizei beantragte er einen Personalausweis. Im Antrag trug er in die Rubrik »Beruf« seinen letzten Dienstgrad der faschistischen Armee  ein: »Generalfeldmarschall«.

Die Leiterin der Abteilung Pass- und Meldewesen der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei bat mich telefonisch um persönliche Rücksprache. Sie legte mir seinen Antrag vor und erklärte, dass sie nicht bereit sei, einen Personalausweis mit der Eintragung dieses Dienstgrades auszustellen.

Ich unterstützte sie in ihrer Auffassung mit der Begründung, der Titel Generalfeldmarschall sei bestenfalls ein verliehener Dienstgrad, aber kein Beruf. Ich gab ihr die Empfehlung, die Sache zur Entscheidung an den Innenminister der DDR heranzutragen. Sie verfuhr entsprechend. Um es kurz zu machen. Paulus erhielt sein Personaldokument mit dem Eintrag »Pensionär«.

Das zweite Ereignis war eine folgenschwere Fehlentscheidung, die für einen IM eine zweijährige Haftstrafe zur Folge hatte, die er in der Westberliner Haftanstalt Moabit verbüßen musste. In einer der Strafvollzugseinrichtungen, die zum Sicherungsbereich meiner Abteilung VII gehörte, saß ein Westberliner ein. Dessen Ehefrau war in der Untergrundorganisation »Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen« (UfJ) tätig. Nach den Angaben ihres Mannes verwaltete sie unter anderem die Kartei der als V-Leute (Vertrauensleute) bezeichneten Agenten. Für uns also eine verlockende Angelegenheit. Mit einem Brief des Ehemannes schickten wir unseren IM zu ihr nach Westberlin.

Im Brief deutete er an, dass er mit einer vorzeitigen Haftentlassung rechnen könne, wenn sie zu einer inoffiziellen Zusammenarbeit mit den Sicherheitsorganen der DDR bereit wäre. Sie möge sich dem Überbringer des Briefes gegenüber zu diesem Angebot äußern. Einzelheiten könnten später behandelt werden. Der IM traf die Ehefrau des Inhaftierten nicht an, sondern nur deren Mutter. Diese erkundigte sich nach seinem Anliegen. Er stellte sich als ehemaliger Mithäftling ihres inhaftierten Schwiegersohnes vor, auf dessen Bitte er den Brief an die Ehefrau übergeben soll.

Da der IM auf einer persönlichen Übergabe bestand, wurde für zwei Stunden später, ein erneuter Besuch vereinbart, da dann die Tochter anwesend sei. Von der Hauptstadt der DDR aus informierte mich der IM telefonisch über seinen Fehlversuch. Er erwartete von mir eine Orientierung für sein weiteres Vorgehen. Meine erste Antwort lautete, den Brief mit dem Vermerk, dass sich die Ehefrau schriftlich gegenüber ihrem Mann äußern möchte, in den Hausbriefkasten einzuwerfen. Ich war dagegen, dass mein IM einen zweiten Besuch unternahm, weil ich unübersehbare Folgen für ihn befürchtete. Ich gab ihn den Auftrag, in etwa einer Stunde nochmals anzurufen, dann könne ich ihm eine verbindliche Antwort geben. Diese Zeit benötigte ich, um die Sache mit meinem Dienstvorgesetzten zu besprechen, da eine solche Veränderung im Plan unseres Vorgehens seiner Bestätigung bedurfte. Er bestand darauf, nach dem von ihm bestätigten Plan zu verfahren, den Brief also persönlich zu übergeben. Mein Fehler – ich beugte mich dieser Entscheidung und erhob keinen Einwand.

Beim Rückruf des IM teilte ich ihm mit, er möge den zweiten Versuch der persönlichen Übergabe unternehmen. Die Folge war, mein IM kehrte erst zwei Jahre später aus der Haftanstalt Moabit kommend zu seiner Familie zurück. Man hatte ihn zu einer zweijährigen Haftstrafe wegen versuchten Menschenraubs verurteilt. In diesen zwei Jahren betreute ich seine Familie, zu der zwei kleine Kinder gehörten. Selbst die beste, auch finanzielle Unterstützung konnte den Verlust des Vaters für die Zeit von zwei Jahren nicht ersetzen. Anfang des Jahres 2004 verstarb er im Alter von 72 Jahren an einem Krebsleiden. Bis zu seinem Ableben verband uns eine mehr als 50-jährige Freundschaft. Meinen verstorbenen, mit mir langjährig befreundeten IM konnte ich nie eine richtige Antwort darauf geben, warum der zweite Versuch unternommen wurde, warum ich von der Variante des Einwurfs in den Briefkasten Abstand nahm. Hin und wieder entgegnete ich ihm gegenüber, er möge mir doch bitte eine leichtere Frage stellen.

Im Jahr 1955 kam es zu meiner Versetzung in den östlichen Teil des Bezirkes Dresden. Es ging nach Görlitz.  Nunmehr sammelte ich Erfahrungen als Leiter einer Kreisdienststelle. Schon nach kurzer Zeit gelangte ich zu der Erkenntnis, an dieser Grenze ging es nicht nur friedlich zu. Seitens des Bundesnachrichtendienstes existierten im Görlitzer Raum illegale Grenzschleusen. Spione und Kuriere des BND wechselten hier über die Grenze. Aus Liebe zu unseren polnischen Nachbarn weilten sie aber nicht im Nachbarland. Wer mit lauteren, ehrlichen Absichten nach Polen wollte, der passierte mit gültigen Dokumenten die offiziellen Grenzübergangsstellen. Für die Zusammenarbeit mit meinen polnischen Kollegen wirkte sich günstig aus, dass ich einige Zeit in der Spionageabwehr tätig war. Gemeinsam arbeiteten wir auf diesem Gebiet recht erfolgreich und leisteten damit unseren Beitrag zur Verwirklichung des Abkommens vom 6. Juli 1950.

In meine Görlitzer Amtszeit fällt auch ein Ereignis, bei dem ich einer Täuschung zum Opfer fiel. Eines Tages erhielten wir die Information, wonach sich in der Nähe eines Stellwerks der Deutschen Reichsbahn ein so genannter »toter Briefkasten« (TBK) befand. Also eine im Verbindungswesen zwischen Nachrichtendienst und dessen Agenturen wichtige Einrichtung. Aus der Lage folgerten wir, dass es sich um einen Spion handeln könnte. Der Inhalt konnte von uns zunächst nicht eingeordnet werden. Das Material trug den Charakter von Liebesbriefen. Sollte es sich um eine neuere, noch unbekannte Methode der nachrichtendienstlichen Arbeit handeln? Oder hat dieser Tote Briefkasten überhaupt nichts mit nachrichtendienstlicher Arbeit zu tun? Eines Tages stellten wir eine weibliche Person fest, die dem Behältnis im TBK Schriftgut entnahm und gleichzeitig neues dort ablegte. Wir identifizierten diese Frau, fanden aber keine Anhaltspunkte für Spionageaktivitäten. Schließlich stellte sich heraus, dass diese Dame ein wenig verklemmt war. Sie besaß einen stillen Verehrer, mit dem sie auf diese Weise verkehrte. Also aus unserer Sicht wie man sagt: Außer Spesen nichts gewesen.

Im Jahr 1958 gab es ein recht bedeutsames Ereignis in meiner Arbeit. Weit über zwanzig Jahre war die Versorgung der Bevölkerung vom Säugling bis zum Greis an Lebensmittelkarten gebunden. Die im faschistischen Krieg begonnene Rationierung aller Nahrungsgüter, musste nach Kriegsende in der SBZ bzw. DDR noch über Jahre beibehalten werden. Neben der Versorgung auf Lebensmittelkartenbasis existierten erst so genannte freie Läden und später HO-Geschäfte. Die unterschiedlichen Versorgungsarten besaßen entsprechende Preisgefüge. Es gab Waren »ohne Marken«, die man nur zu höheren Preisen erwerben konnte. Im Jahr 1958 schickte sich die DDR an, die Rationierung und damit die Lebensmittelkarten abzuschaffen. Um Spekulationen auszuschließen und den entsprechenden Effekt zu erzielen, bedurfte diese Maßnahme der absoluten Geheimhaltung.

Bis zur Veröffentlichung der entsprechenden Regierungsbeschlüsse galt es dieses »Geheimnis« zu hüten. Im Rahmen dieser Aktion waren von der KD bedeutsame Sicherungsmaßnahmen zu bewältigen. Das neue einheitliche Preisgefüge, der Druck der Preislisten, deren sichere Aufbewahrung und republikweite Verteilung standen auf der Tagesordnung. Eine Jugendherberge im Zentrum der Görlitzer Altstadt, dem früheren Ostsachsendruck und das Staatsreservelager Ostritz bei Görlitz waren die Hauptobjekte für die Realisierung dieser Angelegenheit. Alle an der Aktion beteiligten Personen, die Drucker, das Küchen- und Reinigungspersonal, die Bedienungskräfte, die Krankenschwestern waren für mehrere Wochen streng von der Außenwelt abgeschnitten.

Die Hauptobjekte unterlagen in dieser Zeit einer strengen Bewachung. Aber alles führte auch dazu, dass es zahlreiche Gerüchte über die Vorgänge in diesen Einrichtungen gab. So unterschiedlich die Gerüchte auch gewesen sind, was sich tatsächlich dort vollzog, kam nicht an das Tageslicht. Völlig überraschend für die Bevölkerung wurde schließlich der Regierungsbeschluss verkündet. Ein Aufatmen ging durch die Bevölkerung. In der Entwicklung der DDR gab es einen Schritt nach vorn und das MfS war maßgeblich daran beteiligt.

In der Görlitzer Arbeit sammelte ich eine neue Erfahrung. Die Sicherheit von Objekten und Territorien war nicht im Alleingang zu bewältigen. Das verlangte die enge Kooperation mit den Kräften der Deutschen Volkspolizei. Staatliche Sicherheit und Gewährleistung allgemeiner Ordnung und Sicherheit kann man nicht abstrakt voneinander trennen. Hier existieren fließende Grenzen.

Mit dem Leiter des Volkspolizeikreisamtes verbanden mich aufrichtige Beziehungen und es gab eine vorbildliche Zusammenarbeit. Im Jahr 1958 trennten sich leider unsere Wege durch meine erneute Versetzung. Er selbst entwickelte sich bis zum ersten Stellvertreter des Ministers des Innern der DDR. Oft begegneten wir uns zu zentralen Veranstaltungen in Berlin und fanden immer auch etwas Zeit füreinander. Das herzliche Verhältnis, das uns verband, fand viel zu früh durch seinen Tod ein Ende.

Eine Versetzung in die Funktion des Stellvertreters des Leiters der Bezirksverwaltung Dresden führte mich an die Seite eines Mannes aus der Gründergeneration des MfS. Wir kannten uns aus der K 5, wo er mein Dezernatsleiter war. Zu dieser Zeit galt ich als sein jüngster Mitarbeiter. Es passte mir überhaupt nicht, wenn er mich hin und wieder als »junger Spund« betitelte. Für seine kommunistische Überzeugung saß er zehn Jahre in faschistischer Haft. In dem Buch von Bruno Apitz »Nackt unter Wölfen« setzte man ihm ein bleibendes Denkmal. Im KZ Buchenwald fungierte er im Krankenbau als Pfleger. In dieser Mission rettete er zahlreichen Antifaschisten und sowjetischen Kriegsgefangenen das Leben. Er arbeitete in der illegalen militärpolitischen Leitung des Lagers und wirkte aktiv mit an der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald.

Die Wahrnehmung der mir nun übertragenen Dienststellung fiel mir nicht leicht. Die damals im Aufbau befindliche Flugzeugindustrie, die Kernforschung in Rossendorf, das Institut von Manfred von Ardenne und die Technische Universität in Dresden, die metallurgischen und Maschinenbaubetriebe, die Waggonbaubetriebe in Bautzen, Görlitz und Niesky stellten hohe Anforderungen an die Gewährleistung der Sicherheit. Mit der Dresdner Flugzeugindustrie gab es zahlreiche Probleme. Ich kann nicht darüber befinden, ob der Aufbau dieses Industriezweiges aus volkswirtschaftlicher Sicht damals eine richtige Entscheidung gewesen ist. Offen gesagt, ich hatte meine Zweifel. Die damals leitenden Mitarbeiter der Dresdner Flugzeugindustrie arbeiteten vorher auf Vertragsbasis über Jahre in der sowjetischen Flugzeugindustrie. Mit Ablauf der Verträge kehrten sie in die DDR zurück. Ihnen musste eine Perspektive gegeben werden. Der Preis, den wir dafür zahlten, war nach meiner persönlichen Auffassung eine Nummer zu groß für uns.

Die Entwicklung dieses Industriezweiges wurde erschwert, da sich Leute fanden, die im Auftrag des Bundesnachrichtendienstes selbige hintertrieben. Einer der vom BND besoldeten Spione saß in leitender Stellung im Entwicklungsbau Pirna, der für die Bereitstellung der Triebwerke die Verantwortung trug. In langjähriger Arbeit enttarnten wir ihn, er kam vor Gericht. Während der Verbüßung seiner Freiheitsstrafe kaufte ihn die BRD frei. Mir ist in Erinnerung, dass er im Fond seines Pkw ein Maskottchen in Gestalt eines Teddybären mitführte. In diesem befand sich ein Container, mit dessen Hilfe konnte er Mikrofilme konspirativ transportieren.

Die Dresdner Flugzeugindustrie entwickelte ihr erstes Mittelstreckenflugzeug, die »152«. Da von vorgenanntem Spion die Entwicklung der Triebwerke verschleppt wurde, gab es größere Schwierigkeiten. Man war gezwungen, in die »152« Triebwerke aus der Sowjetunion einzubauen. Bei ihrem ersten Versuchsflug am 4. März 1959 stürzte die Maschine im Raum Ottendorf-Okrilla in der Einflugschneise zum Dresdner Flughafen ab. Die Besatzung fand dabei den Tod. Jetzt traten Diskussionen auf, wer an dieser Katastrophe die Schuld trage. Die Entwickler und Produzenten des Flugkörpers meinten, sie tragen keine Schuld. Mehr und mehr zielte man auf die aus der Sowjetunion stammenden Triebwerke.

Nach dem Absturz war ich in Ottendorf-Okrilla vor Ort. Die Experten suchten und fanden die Flugschreiber. Nach Auffinden erfolgte deren Sicherstellung und Übergabe an die Staatliche Luftfahrtinspektion, die den Absturz untersuchte. Sie stellte zweifelsfrei fest: die Absturzursache war menschliches Versagen. Damit war die versuchte Schuldzuweisung an die Adresse der Sowjetunion vom Tisch.

Im August/September 1960 kam es mit der »152-V 4« zu den beiden Erstflügen, die zugleich die letzten werden sollten. Eines Tages, nach der Durchführung von Rollversuchen, ergoss sich aus den Tragflächen Treibstoff auf die Start- und Landebahn. Bei diesem Versuch wirkten Schubkräfte auf die Treibstoffbehälter, die zum Abscheren der Ventile führten. Es gab also noch immer eine Schwachstelle an der Maschine. Dank der von IM erhaltenen Informationen erlangten wir exakte Kenntnis zum Sachverhalt. Wir waren ihnen für diese Informationen dankbar.

Auf dieser Grundlage konnte das MfS Berlin die zuständigen wirtschaftsleitenden Organe der DDR informieren. In welchem Maße das den Regierungsbeschluss zur Einstellung des Flugzeugbaus in der DDR beeinflusste, damit weitere Ausgaben und Vorkommnisse ausgeschlossen wurden, entzieht sich meiner Kenntnis.

Laut der heutigen Medien beging das MfS doch nur Verbrechen und andere »Abscheulichkeiten«. Wenn dazu die Verhinderung möglicher Katastrophen zählt, dann bin ich stolz darauf, in meiner Laufbahn nicht nur eine begangen zu haben!

Wie im Kreis Görlitz, war nun auch auf Bezirksebene die Deutsche Volkspolizei unser wichtigster Kooperationspartner. Es war gängiges Prinzip, dass wir die Volkspolizei bei der Aufklärung schwerer Straftaten auf dem Gebiet der allgemeinen Kriminalität unterstützen. Dies galt vor allem dann, wenn durch diese Straftaten die Bevölkerung verunsichert oder gar Angst und Schrecken verbreitet wurden.

Größere Verunsicherung lösten damals in Bautzen mehr als fünfzig Brandstiftungen aus, die von einem Kriminellen begangen wurden. Betroffen war ausschließlich persönliches Eigentum der Bürger, wie Gartenlauben, Garagen, Schuppen und ähnliche Einrichtungen. Neben den Kräften der Kriminalpolizei kamen Mitarbeiter unseres Organs zum Einsatz, um gemeinsam den Brennpunkt zu klären. Vorerst gab es keine näheren Hinweise zum Täter.

Nach weiteren Brandlegungen konnten an zwei Brandstellen Spuren von Fahrradreifen gesichert werden. Sie trugen individuelle Merkmale, die zur Identifizierung geeignet waren. Mittels zahlreicher gedeckter Maßnahmen wurden in Bautzen schrittweise die Fahrräder einer Prüfung unterzogen. Eines Tages stand ein Fahrrad angeschlossen in der Nähe eines Rummelplatzes, den der Nutzer offensichtlich besuchte. Ein augenscheinlicher Vergleich der Reifen des Fahrrades mit den Tatortfotografien und individuellen Merkmalen ergab Übereinstimmung. Als der Nutzer des Fahrrades erschien, wurde er durch die zur Observierung des Rummelplatzes eingesetzten Mitarbeiter des MfS dem Kreisamt der Volkspolizei zugeführt. Die nachfolgenden Prüfungshandlungen erbrachten eindeutige Beweise für seine Täterschaft. Unter der Bevölkerung des Kreises Bautzen zog nunmehr wieder Ruhe und Sicherheit ein.

Zu Anfang des Jahres 1962 hatte die Bezirksverwaltung eine spezielle Aufgabe zu erfüllen. Bereits zu Beginn der 60er Jahre war man in einem Bankgebäude der DDR auf so genannte »Verwahrgegenstände« aufmerksam geworden, für die seit Ende des Zweiten Weltkrieges, von den Einliefernden keine Gebühren für die Aufbewahrung gezahlt wurden. Die Gegenstände kamen vorwiegend in den Jahren des zweiten Weltkrieges zur Einlagerung. Sie waren zum Teil offensichtlich Beutegut aus den vom faschistischen Deutschland besetzten Ländern. Möglicherweise befand sich darunter auch bedeutsames Schriftgut. Für die DDR ergab sich daraus ein politisches und rechtliches Interesse zu klären: Welches sind die Gründe für die Einstellung dieser Zahlungen? Leben die Einlieferer noch, gibt es Erben? Wo bestehen Zweifel darüber, dass es sich bei den eingelagerten Gütern um Privateigentum der Einlieferer handelt? Womit ist der Zweifel an einem Privatbesitz begründet? In welchen Fällen handelt es sich zweifelsfrei um Beutegut aus faschistischen Raubzügen? Womit wird diese Tatsache bewiesen? Weiter zu klären war, in welchen Einrichtungen, insbesondere Banken, Sparkassen, Post, sind noch derartige Verwahrgegenstände eingelagert.

In der Folge begann im Januar 1962 die Aktion »Licht«. Schon die Bezeichnung dieser Maßnahmen sagt aus, dass Licht in das Dunkel der Verwahrgegenstände gebracht werden sollte. Zur Klärung dieser Fragen hatten die Finanzorgane der DDR und das MfS Aufgaben zu erfüllen. Da Aspekte der staatlichen Sicherheit und Verantwortung für die Ahndung möglicher Verbrechen zu beachten waren, wurde das MfS einbezogen.

Verantwortung und Aufgaben des MfS waren in einer Weisung des Ministers für Staatssicherheit festgelegt. Darin wurde auf die Auffindung bedeutsamer Dokumente aus faschistischer Zeit, auf die Herkunft und die Art der Erlangung des Beutegutes orientiert. Alles was in Richtung privater Vermögenswerte ging, lag in den Händen der staatlichen Finanzorgane.

Insgesamt waren wir im ehemaligen Bezirk Dresden in vielfältiger Weise fündig.

In einem Archiv der Deutschen Notenbank in Dresden fanden wir bedeutsame Dokumente. Es handelte sich um Personalakten aus der Zeit des Faschismus sowie dazugehörige Karteimittel. Der sich in der Dresdner Altstadt befindliche Tresorkeller der Deutschen Notenbank enthielt die größte Anzahl an Verwahrbehältnisse, die seit den letzten Kriegsjahren unberührt dort lagerten. Sie enthielten Bilder, Kupferstiche, Skulpturen, Ikonen, Schmuck, Tafelsilber, Briefmarkensammlungen. Auch museale Gegenstände, Raubgut aus den vom faschistischen Deutschland besetzten Ländern gehörten dazu. So eine Handschriftensammlung von unschätzbarem Wert, wie damals hinzugezogene Sachverständige und Gutachter feststellten. Alle aufgefundenen Verwahrgegenstände wurden in gewissenhafter Kleinarbeit sorgfältig protokolliert und einer Schätzung unterzogen. Das geschah im Zusammenwirken mit Experten, einem Juwelier und einem Philatelisten.

Die Aktion »Licht« war für alle beteiligten Personen eine Geschichtslektion besonderer Art. Wurde uns doch anschaulich bewusst, dass offensichtlich vor den faschistischen Eindringlingen in den europäischen Ländern, während deren Besetzung, nichts sicher war. Die Übergabe aller bei der Aktion vom MfS sichergestellten Güter an das Finanzministerium in Berlin nahm einen längeren Zeitraum in Anspruch. Das war auf das große Volumen der sichergestellten Verwahrgegenstände zurückzuführen.

Wie ich selbst erlebte, hatte die Aktion »Licht« Nachwirkungen bis Ende der 60er Jahre. Ein Vorgang widerspiegelt, wie korrekt sich die DDR im Umgang mit den Verwahrgegenständen aus der Zeit des Faschismus verhielt. Ein Bürger der alten Bundesländer wurde mit einer Briefmarkensammlung beerbt. Der Erblasser hatte sie einst im Dresdner Tresorkeller eingelagert. Bei Abschluss der Aktion »Licht« konnte der Erbe dieser Briefmarkensammlung nicht festgestellt werden. In Verantwortung der staatlichen Finanzorgane kam sie zur Versteigerung. Der später aufgefundene Erbe erhielt eine entsprechende finanzielle Entschädigung.

Der nachfolgende Vorfall mit dem Orchester »Kurt Edelhagen« ist ein weiteres Zeugnis dafür, dass wir uns nicht nur mit nachrichtendienstlicher Arbeit befassten. Eine Veranstaltung im Dresdner Ostragehege mit dem aus der BRD stammenden Orchester war durch die Deutsche Volkspolizei und die Staatssicherheit abzusichern. Im Vorfeld der Veranstaltung sprachen wir uns gemeinsam dafür aus, selbige in einem geschlossenen Objekt und nicht im Eisstadion durchzuführen. In Erwartung der größeren finanziellen Einnahmen entschied man sich gegen uns. Der Auftritt im Ostragehege wurde beschlossen. Wenn es um das Geld ging, konnte sich die Konzert- und Gastspieldirektion problemlos gegen uns durchsetzen.

Mit dem Abschluss der Veranstaltung begaben sich einige Souvenirjäger zu den im Stadion abgestellten Reisebussen des Schauorchesters. Neben der Jagd nach einem Souvenir riefen einige Teilnehmer »Nehmt uns mit nach Hamburg«. Wenn diese Rufe auch unsere Gemüter erregten, die Sicherheit der DDR sahen wir damit nicht gefährdet. Da die Veranstaltung sehr gut besucht war, reichten die zum Abtransport bereitgestellten Fahrzeuge der Verkehrsbetriebe nicht aus. Die zahlreich zu Fuß abwandernden Veranstaltungsbesucher machten sich mit Rufen bemerkbar, die uns nicht zur Ehre gereichten. Im Grunde genommen – wir hatten uns diese Reaktion selbst organisiert. Die eingesetzten Sicherheitsorgane sahen in diesen Ereignissen keine Veranlassung, dagegen einzuschreiten. Wir hätten damit eine Eskalation und weitere Zuspitzung heraufbeschworen. Höheren Ortes wurde darüber anders geurteilt.

Am Tage der Veranstaltung vertrat ich den Leiter der Bezirksverwaltung. Der erste Sekretär der SED-Bezirksleitung, Werner Krolikowski, rief mich an und stellte mir die Frage, wieso die Staatssicherheit tatenlos zusieht, wenn sich auf Dresdens Straßen die Konterrevolution breit macht? In meiner Erwiderung versuchte ich ihm die Zusammenhänge zu verdeutlichen und stellte die marschierende Konterrevolution in Abrede. Meine Antwort schlug ihm offensichtlich auf den Magen. Er verlangte von mir zum Vorkommnis eine schriftliche Stellungnahme, die ich vor dem Sekretariat der SED-Bezirksleitung vertreten sollte. Ich fragte ihn, ob er sich die Sache mit meiner schriftlichen Stellungnahme richtig überlegt habe, seine Forderung entspringe doch in erster Linie seiner Neigung zur Spontaneität. Diese Bemerkung hätte ich mir besser ersparen sollen, denn es kam seinerseits zu einer äußerst unsachlichen Reaktion. Im Umgang mit Werner Krolikowski hatte ich schon meine Erfahrungen. Mit ihm konnte man zusammenarbeiten, doch Widerspruch vertrug er nicht. Was mich betrifft, ich war so veranlagt, dass mich Unsachlichkeiten zum Widerspruch reizten.

Über diese Auseinandersetzung informierte Werner Krolikowski den damaligen Leiter der Abteilung für Sicherheitsfragen der Bezirksleitung der SED, der sich um die durch mich zu erarbeitende Stellungnahme kümmern sollte. Als er diesbezüglich mit mir in Verbindung trat, erklärte er mich bezüglich meines Vorwurfes der Spontaneität an die Adresse von Werner Krolikowski für verrückt. Damit hätte ich ihn an seiner empfindlichsten Stelle getroffen. Bestenfalls könne ich so etwas denken, aber doch nicht aussprechen. Was meine damalige Stellungnahme betraf, ich gab sie auftragsgemäß ab. In ihr stand, dass es keinen Marsch der Konterrevolution durch Dresden gab. Zum festgelegten Termin wartete ich vor dem Sitzungssaal des Sekretariats der SED-Bezirksleitung und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Stunden waren vergangen, da trat das Sekretariat in die Mittagspause. Die Leiterin des Büros der Bezirksleitung teilte mir mit, das Sekretariat habe meine Stellungnahme zur Kenntnis genommen und für mich sei die Sache erledigt. Ich habe nie erfahren, was mit der Stellungnahme geschah. War sie dem Sekretariat oder nur Werner Krolikowski bekannt?

Der Bezirk Dresden grenzte an die Volksrepublik Polen und an die Tschechoslowakische Sozialistische Republik. In der Zeit meiner Tätigkeit als Stellvertreter des Leiters der Bezirksverwaltung Dresden nahmen die Sicherheitsorgane der CSSR im Landesinnern einen BND-Agenten fest. In der Vernehmung gab er an, mit Hilfe eines DDR-Bürgers über die Staatsgrenze zwischen DDR und CSSR, konkret im Raum Sebnitz, illegal in unser Nachbarland gelangt zu sein. Zum Zeitpunkt der Verhaftung des BND-Spions in der CSSR war der Termin für dessen Rückschleusung mittels des DDR-Bürgers noch nicht verstrichen. Damit bestand die Möglichkeit, ihn bei dem vermeintlichen Vorhaben festzunehmen.

Der feststehende Treffpunkt für die Rückführung wurde gedeckt observiert und es gelang, den DDR-Schleuser festzunehmen. Er stammte aus Bad Schandau. In Heimarbeit arbeitete er für die Sebnitzer Kunstblumenindustrie. Dieser Umstand ließ seinen Aufenthalt in Sebnitz als normal erscheinen. Die Untersuchung ergab, seine Anwerbung durch den BND zum Zwecke der Einschleusung von BND-Agenten in die CSSR lag mehrere Jahre zurück. Im Verlauf seiner Tätigkeit war das Ein- und Ausschleusen von BND-Spionen kein einmaliger Akt. Dieser Fall belegt, dass unsere sozialistischen Nachbarländer nicht von den westlichen Nachrichtendiensten verschont wurden. Sie waren gleichermaßen Angriffsobjekt wie die DDR und alle anderen sozialistischen Staaten. Nach meinem Dienst in Dresden wurde ich zur Bezirksverwaltung Gera versetzt, die ich annähernd 18 Jahre leitete. Hier stellten sich für mich wieder zahlreiche neue Aufgaben.

Eine davon war der von der Bezirksverwaltung zu leistende Beitrag zur Sicherung der Staatsgrenze zur BRD. Das waren ca. 70 Kilometer Staatsgrenze in den Kreisen Schleiz, Lobenstein und Saalfeld sowie die Grenzübergangsstellen auf Straße und Schiene in Hirschberg und Probstzella. Ebenso die durch das Territorium der DDR verlaufenden Transitwege zwischen der BRD und Westberlin. Die Grundlage bildete das zwischen beiden deutschen Staaten vereinbarte Transitabkommen. Danach war die zügige Abfertigung der Transitreisenden an den Grenzübergangsstellen zu gewährleisten. Kontrollhandlungen seitens der DDR waren nur zulässig, wenn konkrete Verdachtsmomente für eine Verletzung des Abkommens vorlagen. So war es unzulässig, das Öffnen des Kofferraumes eines Pkw zu fordern, wenn es keine Verdachtsmomente gab.

Die Transitreisenden hatten das Recht, sich über Kontrollhandlungen seitens der Passkontrolleinheiten zu beschweren. Derartige Fälle wurden in einer dazu bestehenden Transitkommission verhandelt. Gegebenenfalls kam es zur Ahndung von Verstößen. Die Organe der DDR konnten und wollten sich bei der Abfertigung von Transitreisenden keine dem Geist dieses Abkommens widersprechende Handlung leisten und handelten dementsprechend korrekt und umsichtig. Die westlichen Medien »standen ja immer Gewehr bei Fuß«, um sich gegebenen Falls auf solche Vorfälle zu stürzen und sie politisch gegen die DDR auszuschlachten.

Das Transitabkommen machte es erforderlich, ein System der Kontrolle und Überwachung an den Transitstrecken zu entfalten, damit Versuche des Missbrauchs für kriminelle und nachrichtendienstliche Handlungen unterbunden werden konnten. Zur Klärung von Verdachtshinweisen und zur Sicherung von Beweisen waren Intensivkontrollen an den Grenzübergangsstellen notwendig. Eine neue Verantwortung und Aufgabenstellung für das MfS.

Im Bezirk Gera, in dem ich nun als Leiter der Bezirksverwaltung des MfS arbeitete, lebten damals ca. 740.000 Einwohner. Für die von der Bezirksverwaltung und ihren Kreisdienststellen zu lösenden Aufgaben standen 2.400 Angehörige des MfS und etwa 6.300 inoffizielle Mitarbeiter zur Verfügung.

Eines Tages erhielten wir die Meldung: An der Autobahnausfahrt Bad Klosterlausnitz, unmittelbar an der Transitstrecke, liegt eine völlig verbrannte Leiche neben einem leeren Benzinkanister. Die Autobahn war Transitstrecke Berlin-München und die Bearbeitung schwerer Straftaten in diesem Bereich fiel in unsere Verantwortung, bei kriminellen Dingen natürlich in enger Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei. Nach einer Woche intensiver Tag- und Nachtarbeit (Stoff für einen echten Krimi), wussten wir, der Tote war ein Westberliner Gastwirt. Er war von einem aus der DDR in den Westen geflohenen jungen Ehepaar umgebracht worden. Sie hatten den Kauf seines Lokals vorgetäuscht. Bei der vermeintlichen Übergabe des Kaufpreises bekam er kein Geld. Sie brachten ihn um. Zur Verwischung der Spuren transportierten sie ihn im Kofferraum ihres Autos über die Transitautobahn an die besagte Stelle, übergossen ihn mit Benzin und zündeten ihn an.

Eine intensive und gründliche Spurensicherung und die Befragung von mehr als hundert Personen in den umliegenden Orten brachten erst einmal Gewissheit zur ziemlich genauen Uhrzeit der Tat und der Beteiligung eines Fahrzeuges aus dem Westen. Den letzten Anstoß zu Aufklärung gab ein Zöllner vom Grenzübergang in Hirschberg. Durch seine Kontrollstelle waren die jungen Leute nach Bayern ausgereist.

Da er unmittelbar danach aus organisatorischen Gründen zum Dienst auf die Einreisespur wechselte, bemerkte er, dass die beiden schon eine halbe Stunde später zurückkamen. Er hatte sie noch gefragt, ob sie etwas vergessen hatten. Sie bejahten und setzten die Fahrt in Richtung Berlin fort. Solche innerhalb kurzer Zeit wieder einreisende Personen wurden von den an Grenzübergangsstellen Tätigen als »Kurzumkehrer« bezeichnet und besonders aufmerksam betrachtet. Schließlich wurden auf diese Weise die Transitstrecken für kriminelle und nachrichtendienstliche Handlungen gegen die DDR missbraucht.

Unsere Kriminaltechniker hatten gemeinsam mit den Gerichtsmedizinern der Jenaer Universität von der total verkohlten Leiche eine Art Passbild fertigen können. Eine Hälfte des Gesichtes des Toten hatte auf dem Waldweg, in einer Wasserpfütze gelegen und war noch leidlich zu erkennen. Man fotografierte sie, und passte sie spiegelbildlich an die andere Seite an. Nach einer kosmetischen Behandlung war ein Bild von einem ramponierten Gesicht entstanden. Es ermöglichte die eindeutige Identifizierung des Toten. Die Westberliner Polizei zeigte zunächst wenig Interesse, an der Aufklärung der Tat mit zu wirken. Als die Angehörigen des Opfers eine Vermisstenanzeige aufgegeben hatten, waren sie aber sehr über die von uns vorgelegten Ergebnisse der Aufklärung erfreut und bereit, sie zu übernehmen. Leider durften die Hintergründe dieses Verbrechens und der Missbrauch der Transitwege nicht öffentlich ausgewertet werden.

Die Aufklärung dieses Verbrechens könnte noch heute als ein Lehrbeispiel für das Zusammenwirken verschiedener Organe bei der Aufklärung derartiger Straftaten gelten. Einer der zur Aufklärung des Mordes eingesetzten Mitarbeiter des MfS war ein ausgezeichneter Fachmann, maßgeblich sein Anteil am erfolgreichen Abschluss. In der so genannten Nachwendezeit verdiente er sich bis zu seiner Berentung den Lebensunterhalt als Hausmeister in einem Internat. Er war froh darüber, überhaupt eine Arbeit gefunden zu haben. In diese Lage geriet er, da er den »Fehler« hatte, einst Mitarbeiter der »Stasi« gewesen zu sein.

Auf den Transitwegen kam es nicht nur zu Straftaten, die von außen vorgetragen wurden. Auch die aus dem Inneren der DDR vorgetragenen Rechtsverletzungen trugen nicht selten gefährliche Züge

Eines Morgens, direkt zum Dienstbeginn, kam eine Meldung über eine Geiselnahme – und die war echt. In Hermsdorf hatte ein Auto neben zwei zur Schule gehenden zehnjährigen Kindern angehalten. Der Fahrer zog einen Jungen gewaltsam in das Fahrzeug, dem Mädchen wurde ein Zettel gegeben, den sie in der Schule überreichen sollte. Der Text, »wenn nicht sofort die Grenze nach dem Westen geöffnet und freie Fahrt für den Wagen gegeben wird, stirbt der Junge.« Neben der Sofort-Information an alle, die es wissen mussten, wurden am Autogrenzübergang Hirschberg, auf den der Geiselnehmer zufuhr, die entsprechenden Vorbereitungen getroffen. Wir hatten nur maximal zwanzig Minuten Zeit. Weil Versuche gewaltsamer Grenzdurchbrüche an den Übergängen immer sehr gefährlich waren, hatten unsere MfS-Techniker eine so genannte Fangeinrichtung konstruiert. Damit wurde verhindert, dass die Fahrzeuge auf feste Hindernisse prallten und es zu Verletzungen der Insassen kam. Mit der neuen Lösung wurden selbst schwere und schnell fahrende Fahrzeuge ohne Personen und Sachschäden zum Stehen gebracht.

Wir mussten nicht lange warten. Der Wolga kam mit hoher Geschwindigkeit angebraust, durchbrach unter Missachtung von Warnschüssen eine kurz vor dem Grenzübergang aufgestellte Polizeisperre und hing kurz darauf in unserer Fanganlage. In diesem Moment öffnete der Fahrer einen Benzinkanister, goss diesen aus und entzündete das Benzin. Unsere Mitarbeiter waren für alle möglichen Vorfälle trainiert. Einer schlug mit einem Hammer die Scheiben ein, ein anderer sprühte mit einem speziellen Feuerlöscher in die Flammen und zwei weitere zogen die Insassen aus dem Wagen. Außer beim Fahrer gab es bei den Insassen, das waren die Ehefrau des Gangsters mit zwei Kleinkindern und der als Geisel genommene Schüler aus Hermsdorf, keine Verletzungen. Wir konnten den Jungen unversehrt an seine Eltern zurückgeben. Alles war gut gelungen, doch danach gab es Ärger.

Das Ereignis hatte über den Ort hinaus Wellen geschlagen und alle wollten wissen, was eigentlich passiert war. Doch es kam – wie immer bei solchen vergleichbaren Vorkommnissen – von »zentraler Stelle« die bekannte Nachrichtensperre. Wir sollten die Eltern, auf die aus ihrem Umfeld viele Fragen einstürmten, verpflichten, mit niemanden über den Vorfall zu reden. Auch an der Schule, wo die Sache in aller Munde war, sollten die Gespräche unterbunden werden. Die Eltern, denen wir das Ansinnen vorsichtig antrugen, weigerten sich, eine solche Verpflichtung einzugehen. Von uns aus wurde dann auch nichts weiter unternommen. Die Debatten legten sich nach und nach. Bei manchen Menschen wird aber auch zurückgeblieben sein: Mit den Sicherheitsleuten sei nicht gut zu reden, sie wollten offenkundig etwas vertuschen. Dabei hätten sich dieser Vorfall und das umsichtige Handeln der Mitarbeiter ausgezeichnet für eine sachliche Öffentlichkeitsarbeit und damit für die Festigung des Vertrauensverhältnisses zwischen Bürgern und MfS nutzen lassen. Bei dem Täter handelte es sich um einen Kriminellen aus Dresden, der dort wegen Scheckbetrug mit Haftbefehl gesucht wurde. Als die Kriminalpolizisten nach der Festnahme die Wohnung durchsuchten, fanden sie einen Zettel mit dem Text: »Da guckt ihr dumm, ihr Arschlöcher – der Vogel ist ausgeflogen«.

Die an der Verhinderung des Terrorverbrechens beteiligten Hirschberger Antiterrorkräfte waren zum Teil selbst Kindesväter. Sie schonten ihr Leben nicht, um fremdes Leben zu schützen. Für ihr mutiges, entschlossenes Handeln wurden diese Mitarbeiter mit Orden und Medaillen geehrt. Sie verdienten es, diese voller Stolz tragen zu dürfen. Im nunmehr »geeinten« Deutschland ist das ihnen nicht erlaubt. Die Erinnerung an die Geiselbefreiung werden sie sicher weiter in ihren Herzen tragen. Heute stellt sich die Frage, hat dieser Kriminelle – wie nicht wenige einstige Rechtsbrecher – etwa auch Haftentschädigung erhalten? Hat man ihn mittels Gerichtsbeschluss rehabilitiert? Wurde er vom Täter zum »Stasi-Opfer« erklärt?

Sicher gehörte es zu den erklärten Zielen eines jeden Mitarbeiters der Schutz-, Sicherheits- und Justizorgane der DDR, alle Straftaten aufzuklären. So lobenswert eine solche Grundeinstellung ist, sie wird wohl immer – mehr oder weniger – ein frommer Wunsch bleiben. Es gab demzufolge auch für mich nicht nur Erfolge, ich musste auch mit Niederlagen fertig werden. Über eine meiner Niederlagen, eine der empfindlichsten, möchte ich nunmehr berichten.

Sie betrifft den spektakulären Flug zweier Pößnecker Familien, die mit einem Heißluftballon die Staatsgrenze zur BRD überwanden. Das Spektakel veranlasste eine amerikanische Filmgesellschaft, darüber einen Film zu drehen, in den westlichen Medien erfolgte eine ausgiebige Publizierung dieses Ereignisses. Diese gelungene spektakuläre Republikflucht hatte auch eine Vorgeschichte. Einige Zeit vorher wurde im Kreis Schleiz in einem Waldstück ein herrenloser Heißluftballon gefunden. Dazu gab es eine Reihe von Versionen. Die Palette reichte vom abenteuerlichen jugendlichen Spiel bis zum möglichen illegalen Überflug der Staatsgrenze. Aus meiner Sicht war es notwendig, von der letztgenannten Version auszugehen. Aus diesen Gründen nahm die Aufklärung des Fundes in meiner Arbeit eine zentrale Stelle ein. Es begann eine zielstrebige, konzentrierte Arbeit, um Produzenten und Nutzer rechtzeitig, vor einer möglichen Wiederholung eines Fluges zu finden.

In der Technischen Untersuchungsstelle des MfS wurde der Ballon einer Überprüfung unterzogen, um Hinweise für die Täterermittlung zu erhalten. Aus meiner langjährigen Praxis besaß ich die Erfahrung, dass die Technische Untersuchungsstelle eine qualifizierte Arbeit leistete und setzte große Erwartungen in sie. Leider erfüllten sich diese nicht. Im Gegenteil, mit dem Gutachten schickten sie uns leider in die falsche Richtung. Das Gutachten sagte aus, der Ballon sei auf einer Industrienähmaschine gefertigt. Dafür kämen zwei Typen in Betracht. Wir stellten damals im Bezirk Gera etwas über 400 derartiger Industrienähmaschinen fest. Auch über den Aufkauf größerer Mengen Stoff, den Kauf und die Füllung mehrerer größerer Propangasflaschen, über das zur Erzeugung von Heißluft benutzte Brennersystem usw. versuchten wir Hinweise zu erhalten. Wir taten viel, um eine mögliche Wiederholung zu verhindern. Schließlich stellte wir fest, weder der im Wald von Schleiz gefundene Ballon, noch der in der BRD gelandete, wurden auf einer Industrienähmaschine angefertigt. Beide Ballons entstanden auf einer einfachen Haushaltnähmaschine der Firma Singer. Wir hatten uns völlig überflüssig mit den 400 Industrienähmaschinen und deren Nutzern befasst. Im Nachgang will ich damit nicht die Gutachter für die Landung in Naila verantwortlich machen. Wem sollte dies heute noch etwas nutzen? Angesprochen habe ich dieses Problem nur deshalb, um zu zeigen, wie sehr Gutachten über den Erfolg oder Misserfolg in der Arbeit entscheiden können.

Eine Bemerkung zu diesem Flug gibt es aber doch noch. In den heutigen Massenmedien wird nicht selten über die angebliche »flächendeckende Kontrolle und Überwachung« durch die »Stasi« berichtet. Ihr wird ein Perfektionismus angedichtet, den es in der Praxis niemals gab und wahrscheinlich auch nicht geben wird.

Wir erhielten keinerlei Hinweise zu den Versuchen, die mit dem Brennersystem in einem Pößnecker Wohnhaus unternommen wurden, obwohl dessen Bewohner befürchteten, dass ihr Wohnhaus durch die starke Flammenbildung in Brand geraten könne. Wo war denn hier die propagierte »flächendeckende Überwachung«?

Wer hat übrigens noch nichts über die Schießwütigkeit der Grenztruppen der DDR gelesen? Hier gab es laut der Medien doch nur »Mauer- und Todesschützen«. Bei der Landung des Ballons in Naila fanden sich beispielsweise keine Einschüsse in der Gondel. Dem Ballon entstiegen auch keine durch Schüsse der Grenztruppen verletzten Personen und auch keine Toten mussten abtransportiert werden. Diese Tatsachen passen nicht in das Bild, das man über unsere Grenztruppen zeichnet. Warum haben sie den Ballon denn nicht beschossen?

Es gab nicht nur einen Überflug der Staatsgrenze von Ost nach West. Sie gab es mittels so genannter Drachengleiter, mittels GST-Sportflugzeugen (Sportflugzeuge der Gesellschaft für Sport und Technik) oder Agrarmaschinen der Interflug. Ich kenne nicht einen einzelnen Fall, wo es diesbezüglich zur Schusswaffenanwendung kam, wo seitens der Luftstreitkräfte der DDR ein Flugkörper vom Himmel geholt wurde.

Vor Jahren gab es im Hauptpostamt Gera den Versuch eines Raubüberfalls. Das Ziel des Täters bestand darin, sich in den Besitz einer größeren Summe Bargeld zu bringen. Zu den bedrohten Personen dieses Überfalls gehörte eine Postangestellte, die gerade hochschwanger war. Es war zu befürchten, dass sie gesundheitliche Schäden davonträgt. Sie erlitt einen Schock. Mehrere Postangestellte störten das Vorhaben des Eindringlings, so dass er von seinem Vorhaben Abstand nahm. Unter Zurücklassung einiger persönlicher Gegenstände ergriff er die Flucht.

Der Vorfall verursachte in Gera erhebliches Aufsehen, zumal solche Straftaten in der DDR Seltenheitswert besaßen.

Dieser Raubüberfall auf das Geraer Hauptpostamt zählte zu Straftaten der schweren allgemeinen Kriminalität. Für uns war es aber selbstverständlich, dass wir die Kriminalpolizei bei der Aufklärung mit unseren spezifischen Mitteln und Methoden unterstützten. In die systematische Bearbeitung wurden auch IM einbezogen. Sie wurden orientiert, auf alle Hinweise zu achten, die Anhaltspunkte zur Überführung des Täters enthielten. Wieder einmal bewährten sich Qualität, Umsicht und Verantwortung, mit der IM zur Sicherheit der Menschen in DDR beitrugen. Ein IM, der im Auftrage seines Betriebes mit anderen Betriebsangehörigen in verschieden Landesteilen der DDR tätig war, stellte fest, dass die ähnlichen, bisher ungeklärten Raubüberfälle immer dann stattgefunden hatten, wenn er mit seinen Kollegen im jeweiligen Gebiet arbeitete. Von seiner Vermutung, dass der Täter möglicherweise unter den eingesetzten Betriebsangehörigen sein könnte, unterrichtete er seinen Führungsoffizier.

Weitere Aufklärungsmaßnahmen bestätigten die Vermutung. Der Täter wurde gefunden. Ihm konnte nachgewiesen werden, dass er vor einigen Jahren bereits einen Überfall in Berlin verübte, einen erheblichen Barbetrag erbeutete und dabei mit großer Brutalität gegen eine Reinigungskraft dieser Einrichtung vorging. Bis zu seiner Verhaftung in Gera blieb dieses Verbrechen unaufgeklärt. Die Aufklärung war vor allem einem wachsamen inoffiziellen Mitarbeiter zu verdanken. Sicher hat er seine aufrichtige Arbeit für Sicherheit und Ordnung in unserem Land, wie alle inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit, heute mit Diskriminierung und Verleumdung bezahlt.

Nunmehr einige Bemerkungen zur Antragstellung von Bürgern der DDR auf Entlassung aus ihrer Staatsbürgerschaft mit dem Ziel der Übersiedlung in den »Westen«, vordergründig die BRD. Dieses Problem hat uns über Jahre beschäftigt. Es band erhebliche Kräfte des Ministeriums. Es entwickelte sich von Einzelerscheinungen im Verlauf einiger Jahre zu einer regelrechten Massenbewegung. Wo lagen die Gründe, dass sich zahlreiche Bürger unseres Landes dafür entschieden, ihre Staatsbürgerschaft aufzugeben und in den Westen zu gehen?

Die in der inneren Entwicklung der DDR zu suchenden Ursachen wurden nicht realistisch gewertet. Es gab Kräfte in der politischen Führung, die diese Entwicklung als Feindtätigkeit deklarierten. Und damit schob man die Verantwortung dem MfS zu. Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Gera äußerte sich mir gegenüber: »Wann wollte ihr mit den Ansinnen der Antragsteller auf Übersiedlung endlich Schluss machen? Ihr müsst nur härter durchgreifen, um diesen Feinden das Handwerk zu legen

Sowohl in schriftlichen Lagebeurteilungen, als auch in mündlichen Berichterstattungen ersuchte ich die SED-Führung des Bezirkes, dass man sich mit den inneren Ursachen dieser Entwicklung auseinandersetzen sollte, die in der Regel nichts mit Feindtätigkeit zu tun hatte. Nicht selten wurde mir entgegnet, womit sich die Partei auseinandersetzen muss, ist ihre Angelegenheit und nicht Sache der Staatssicherheit.

Das alles führte mit dazu, dass wir dieses Problem nie in den Griff bekamen. Wir beherrschten es nicht – es beherrschte uns. Ich kenne keine andere Aufgabenstellung des Ministeriums, wo es ein vergleichbares »auf und ab« gegeben hat. Zentrale Entscheidungen in den Verfahrensfragen wechselten nicht selten täglich. Ausreisewillige DDR-Bürger begingen bewusst strafbare Handlungen, um auf diese Weise ihre Übersiedlung zu erreichen, mehr oder weniger zu erzwingen. Das wurde zu einer regelrechten »Modeerscheinung«. Wiederholt unternahmen Leiter der Bezirksverwaltungen unseres Organs den Versuch durchzusetzen, dass keine Übersiedlungen mehr aus der Haft in die BRD erfolgen. Unser Verlangen fand kein Gehör. Die Antwort lautete, dass es auch in Zukunft aus der Haft heraus Übersiedlungen geben wird. Mit dieser Tatsache müssten wir leben und uns operativ darauf einstellen. Worauf wir uns alles einstellen sollten, entwickelte sich mehr und mehr zu einem Fass ohne Boden. Auf mehreren zentralen Dienstkonferenzen des Ministers wurden ihm Vorschläge unterbreitet, wie wir die Lage auf diesem Gebiet besser beherrschen können. In der Mehrheit verfielen sie der Ablehnung.

Bei uns war beispielsweise die Bezeichnung »rechtswidriges Ersuchen« üblich. Welche der Ersuchen aus staatsrechtlicher Sicht als »rechtmäßig« zu werten sind, war eine unserer Fragen. Bis zu meinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst blieb eine exakte Beantwortung aus. Was den Bezirk Gera betraf, so waren wir und die Abteilung Inneres des Rates des Bezirkes nicht selten der Kritik der SED-Bezirksleitung ausgesetzt.

Im Zusammenhang mit den Übersiedlungen blieb mir eine Begebenheit in Erinnerung, die den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung persönlich betraf. Eines Tages erhielt ich aus Berlin von einem der Stellvertreter des Ministers einen Anruf. Er stellte mir die Frage, ob der 1. Sekretär mit einer bestimmten weiblichen Person verwandt sei. Auf Anhieb konnte ich diese Frage beantworten. Es handelte sich um die Ex-Schwiegertochter von ihm.

Daraufhin ließ mich der Anrufer wissen, dass die Ex-Schwiegertochter mit ihren beiden Kindern in der BRD-Botschaft in Budapest säße. Sie wolle dieselbe nur dann verlassen, wenn sie mit ihren Kindern ungehindert in die BRD ausreisen dürfe.

Der Stellvertreter des Ministers erteilte mir den Auftrag, den 1. Sekretär über den Sachverhalt umgehend zu informieren. Da zu erwarten sei, dass die westlichen Medien darüber berichten, sollte er diese Information von uns und nicht über die Westmedien erfahren.

Bei der Überbringung der Nachricht entgegnete Herbert Ziegenhahn: »Was habe ich mit dieser Sache und mit dieser Frau zu tun? Mein Sohn ist von dieser Frau geschieden, sie geht mich überhaupt nichts mehr an

Sie aber saß mit seiner leiblichen Enkelin und einem zweiten Kind in der BRD-Botschaft und wollte ihre Ausreise erzwingen.

Mich bewegte diese Erklärung, diese Reaktion, die jede menschliche Regung vermissen ließ, zutiefst. Während seine Gattin mit Tränen in den Augen in ihrer Küche saß, zeigte er nicht die geringste Reaktion.

Zu einem »Terrorakt der besonderen Art« möchte ich mich noch äußern. In einem der Tagesrapporte der Deutschen Volkspolizei über die Lage im Bezirk Gera war zu lesen, dass die Sekretärin eines leitenden Offiziers der Nationalen Volksarmee Opfer eines »Terroranschlages« wurde. Nach Rückkehr von einer Dienstreise war sie demnach von unbekannten Tätern in der Nähe ihrer Wohnung brutal zusammengeschlagen worden. Der Grad der Verletzungen habe dazu geführt, sie in das Bezirkskrankenhaus Gera einzuliefern. Bereits mit dem Lesen dieses Berichts traten bei mir Zweifel über dieses Vorkommnis auf. Sie beruhten auf zwei unterschiedlichen Gründen. Erstens, ich konnte mir schwerlich vorstellen, was »Terroristen« im Schilde führen, wenn sie eine Sekretärin im Dienstgrad eines Feldwebels auf der Straße zusammenschlagen. Zweitens, ich besaß bereits vor dem Überfall auf diese Sekretärin Kenntnisse über ihren Chef, die mich veranlassten in eine andere Richtung zu denken. Mitten in meinen Überlegungen zu eventuell zu veranlassenden Maßnahmen gab es zahlreiche Anrufe bei mir zu diesem Vorkommnis. Angefangen beim Minister, über den Ersten Sekretär der Bezirksleitung der SED, dem Chef der Volkspolizei des Bezirkes Gera, dem Bezirksstaatsanwalt und anderen. Mit Ausnahme meines Ministers wurden mir zahlreiche Ratschläge erteilt, wie ich bei der Aufklärung dieser »Terroranschläge« vorgehen sollte. Lediglich dem Chef der Volkspolizei ging es nicht um Ratschläge, ihm ging es um eine Abstimmung unseres Vorgehens zur Klärung dieses Ereignisses. Für Ratschläge von Leuten, die keinerlei Sach- und Fachkenntnis zur Aufklärung von Straftaten besaßen, war ich besonders empfindlich. Wenn ich davon die Nase voll hatte, antwortete ich nicht selten gereizt, dass ich mit guten Ratschlägen bereits über Jahre versorgt sei.

Im Gespräch mit Minister Mielke in dieser Sache äußerte ich meine Überlegungen. Vor allem ließ ich ihn wissen, dass ich über inoffizielle Informationen zu diesem leitenden Offizier aus dem Bereich NVA-Wehrkommando verfüge, die seinen Alkoholmissbrauch sowie sexuelle Belästigungen weiblicher Mitarbeiterinnen betreffen.

Eine Zustimmung zu meinen geplanten Maßnahmen durch den Minister erfolgte. Sie war notwendig, da dieser leitende Offizier Mitglied der SED-Bezirksleitung und Nomenklaturkader des zuständigen Militärbezirks war. Die zur Klärung des Sachverhalts von mir eingesetzten Mitarbeiter erhielten die nötige Orientierung und im Ergebnis ihrer Tätigkeit bestätigte sich: Terroristen gab es nicht. Es gab einen Dienstvorgesetzten, der seine Sekretärin im volltrunkenen Zustand sexuell missbrauchen wollte. Da sie sich entschieden gegen seine Belästigungen zur Wehr setzte, schlug er sie brutal zusammen. Er übte Druck auf sie aus, drohte weitere körperliche Züchtigungen an, wenn sie nicht bei der »Variante Überfall von Terroristen« bleibt. Nachdem er dieser Straftat überführt war, erfolgte seine Degradierung. Unter Aberkennung aller verliehenen militärischen Auszeichnungen erfolgte sein Ausstoß aus der Nationalen Volksarmee. Auch in diesem Fall kamen die entscheidenden Hinweise zur korrekten Klärung von inoffiziellen Mitarbeitern.

Hin und wieder musste ich mich mit Hinterlassenschaften aus der Zeit des Faschismus befassen. In einer Dorfkirche des Kreises Pößneck kam es in den 70er Jahren zu einer Dachreparatur. Im Gebälk des Kirchturms entdeckten Bauleute einen dort versteckten Jutesack. In ihm befand sich ein eingenähter Gegenstand. Er wurde von den Dachdeckern dem Ortspfarrer übergeben. Der Pfarrer öffnete im Beisein der Handwerker dieses Paket. Es fand sich eine Gestapo-Akte aus der Stadt Prag. Angelegt wurde sie von der ehemaligen Gestapo-Leitstelle Prag. Sie bezog sich auf das Attentat an dem ehemaligen Reichsprotektor Reinhard Heydrich. Angefangen von Tatortaufnahmen, wo die Erschießung stattfand, bis zu der Entdeckung der Attentäter in einer Prager Kirche, enthielt die Akte alle Einzelheiten zu dem Anschlag.

Soweit ich mich erinnere, die Attentäter verteidigten sich in dieser Kirche gegen die Faschisten und kamen dabei ums Leben. Der Pfarrer übergab die Akte an den zuständigen Kreisdienststellenleiter. Von ihm kam sie auf meinen Tisch und ich leitete sie an Minister Mielke weiter. Einige Zeit danach informierte er mich, dass er die Akte in Prag an unser damaliges Bruderorgan übergeben hat. Wie die Gestapo-Akte aus der Leitstelle Prag den Weg in die Dorfkirche nahm, dies wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Wichtig erscheint mir, nach ihrem Fund kam sie in die richtigen Hände.

Zum Abschluss dieses Kapitels meiner Erinnerungen möchte ich mich zum Wirken von Militärspionen westlicher Nachrichtendienste im ehemaligen Bezirk Gera äußern. Anlässlich des XI. Parteitages der SED wurde die Bezirksverwaltung Gera des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR mit einem Ehrenbanner des ZK der SED ausgezeichnet. Die Auszeichnung stützte sich in starkem Maße darauf, dass wir in der Aufklärung und Entlarvung von westlichen Militärspionen republikweit einen guten Platz einnahmen. Allein in meinen letzten zehn Dienstjahren entlarvten wir ein Dutzend Militärspione. Sie arbeiteten für verschiedene westliche Nachrichtendienste. Es dominierten die Militärspione des Bundesnachrichtendienstes der BRD. Selbst die bestgemeinten Ratschläge des BND an seine Militärspione halfen nicht, um sie vor unserem Zugriff zu schützen.

In der schriftlichen Anleitung des Bundesnachrichtendienstes der BRD an seine in der DDR wirkenden Militärspione war in der Einleitung derselben zu lesen: »Aus Ihren persönlichen Erfahrungen mit dem kommunistischen Regime werden sie ja größtenteils die Praktiken der staatlichen Organe kennen. Trotzdem wollen wir in dieser Anleitung Ihnen nochmals all die uns zunächst wichtig erscheinenden Punkte für Ihre Sicherheit aufzeigen, um Sie vor möglichen Unbedachtsamkeiten zu schützen. Die meisten dieser Ratschläge sind einfach und verständlich, so daß sie keiner längeren Erläuterung bedürfen. Bitte halten Sie sich an diese Ratschläge strickt, da sie für Ihre Sicherheit von ausschlaggebender Bedeutung sind. Eine Gefahr kann erst eintreten, wenn Ihnen auf diesem Gebiet gravierende Fehler unterlaufen. Meistens sind diese dann nicht mehr rückgängig zu machen

Die beiden letzten Sätze aus der zitierten Einleitung der Ratschläge des BND an seine Militärspione sollte man sich in aller Ruhe auf der Zunge zergehen lassen. Hier schiebt der BND den Schwarzen Peter in die Taschen seiner Militärspione. Wie stand dort geschrieben? Eine Gefahr könne erst eintreten, »wenn Ihnen auf diesem Gebiet gravierende Fehler unterlaufen«. Im Klartext: Wer sich von der Staatssicherheit erwischen lässt, ist selber schuld. Dem BND wäre hier mehr Selbstkritik anzuraten, denn in der Regel war die Entlarvung seiner Spione nicht das Resultat von deren Fehlern. Eine Enttarnung ging in erster Linie auf das Konto des BND selbst. Er beging folgenschwere Fehler im Verbindungswesen zwischen Zentrale und Spion. Hier hakten wir ein und deckten auf. Vor allem jene Mitarbeiter, die sich mit der geheimen postalischen Verbindung vom Spion zu seiner Zen­trale beschäftigten, leisteten eine hervorragende Arbeit.

Noch einmal zurück zum Text der BND-Ratschläge.

»Erzählen Sie niemanden, außer Ihrer Frau, wobei Sie sich diesen Schritt vorher gut überlegen müssen, von Ihrer geheimen Tätigkeit für uns. Vertrauen Sie es auch nicht Ihrem besten Freund an, denn er könnte ungewollt Fehler machen, mit denen er die Aufmerksamkeit anderer auf Sie lenkt. Sie müssen stets unterstellen, dass sich in Ihrem Bekanntenkreis Personen befinden können, die als Spitzel verpflichtet sind. Seien Sie daher bei politischen Gesprächen vorsichtig und halten Sie sich mit Ihren Äußerungen zurück

Mir scheint zumindest bemerkenswert, dass der BND in seinen Verhaltensmerkmalen festschrieb, seine Spione übten eine geheime Tätigkeit aus. Eine solche geheime Tätigkeit wird überall auf unserer Erde, als Spionage unter Strafe gestellt. Trotzdem verzichtet kaum ein Staat auf sie und lässt sich die Arbeit mit ihnen nicht verbieten.

Ein anderer klug gemeinter Ratschlag des BND an seine Spione lautete: »Bedenken Sie, dass über den bisherigen Rahmen gehende Geldausgaben Neugier hervorruft, die mit Nachforschungen verbunden sein können. Größere Geldbeträge, die Sie von uns erhalten, zahlen Sie nur in solchen Raten auf der Bank oder Sparkasse ein, die Sie glaubhaft von Ihrem Verdienst hätten ersparen können. Meiden Sie Geldausgaben, die mit Ihrem Verdienst nicht in Einklang stehen Da in einem Rechtsstaat wie der BRD alles seine Ordnung hat, wird geheime Tätigkeit für ihn mit hohen Geldbeträgen honoriert. Offensichtlich gab es keine Skrupel, sich des schnöden Mammons zu bedienen.

Bevor ich noch ein wenig aus der »BND-Gebrauchsanweisung« zitiere, möchte ich mich hier zu einem anderen Gedanken äußern. Alles was das MfS dereinst an Erkenntnissen über westliche Nachrichtendienste – insbesondere über den BND – gewann, lag in unseren Archiven. Jetzt wachen die »Stasi-Unterlagenverwalter« sorgsam über diese Akten, damit nichts an die Öffentlichkeit dringt. Was diese Akten aber über das MfS und seine inoffiziellen Mitarbeiter beinhalten, wird zumeist mit diffamierenden Begriffen wie »Stasispitzel« über die Medien vermarktet.

Nun noch zu einem weiteren Ratschlag des BND an seine Spione, der nicht gerade »der feinen englischen Art« entspricht: »Kommen Sie mit fremden Personen zusammen, von denen Sie interessante Dinge erfahren können, so vermeiden Sie unbedingt durch direkte Fragen den Gesprächspartner stutzig zu machen. Versuchen Sie vielmehr, durch unverfängliche Bemerkungen dem Gespräch die gewünschte Richtung zu geben. Die anderen reden lassen, selber aber ein aufmerksamer Zuhörer sein. Das von Ihnen gezeigte Interesse darf niemals den normalen Rahmen überschreiten

Der Bundesnachrichtendienst rüstete seine Spione zur Erledigung der Spionageaufträge in der Regel mit Codetafeln, Geheimschriftverfahren, technische Hilfsmittel zum Empfang von Anweisungen und der Übermittlung von Informationen auf dem Funkweg aus Bezüglich des Um­gangs mit diesen Mitteln besagten die Ratschläge des BND: »Alle Geräte und Unterlagen, die Sie für Ihre Geheimdienstliche Tätigkeit verwenden, müssen Sie so verstecken, dass sie sowohl vor Zufallsentdeckungen (Kinder, Verwandtenbesuch, Handwerker) sicher sind, als auch bei einer gründlichen Durchsuchung Ihrer Wohnung nicht gefunden werden können. Grundsätzlich dürfen Sie daher die geheimen Unterlagen nur dann dem Versteck entnehmen, wenn sie gebraucht werden, nach Benutzung müssen sie sofort wieder ordnungsgemäß versteckt werden

Was die Auftragserteilung an die Spione des BND betraf, so handelte es sich um eine recht umfangreiche Palette. Aus dieser möchte ich die »Sofortmeldeflicht« hervorheben, die für alle ehemaligen Militärspione des BND in der DDR als Hauptaufgabe galt. Dazu hieß es in den Orientierungen des BND: »Ihre Aufgabe besteht darin, dass Sie uns entsprechend Ihrer jeweiligen Möglichkeiten sachlich und objektiv berichten. Um Gefahren und Krisenherde rechtzeitig zu erkennen, ist es von bedeutender Wichtigkeit, dass Sie Anzeichen, die allgemein nur vor oder während Krisenlagen (Phase der Kriegsvorbereitung, der Verfasser) auftreten, sofort melden

Der BND gab die Orientierung, dass folgende Probleme als wichtige derartige Anzeichen zu werten sind: vermehrte, ungewöhnliche Militärbewegungen (Straße, Schie­ne); Ein- und Ausrücken der ganzen Truppe; neue Truppen im Objekt; Einberufung von NVA-Reservisten; Urlaubs- und Ausgangssperre für die NVA und die Sowjetarmee; Sperrung von Straßen für den zivilen Verkehr; verstärkte Bewachung von Objekten in denen Dienststellen; Behörden oder Auslandsvertretungen untergebracht sind; Auftauchen ausländischer Truppen, z. B. Polen, Tschechen usw.

Bereits an anderer Stelle machte ich darauf aufmerksam, dass an der Trennlinie zwischen Kapitalismus und Sozialismus im Herzen Europas ein erbitterter Kampf stattfand. Hier wird der Beweis dafür angetreten. Dieser Kampf ging auch um den Erhalt rechtzeitiger Informationen bezüglich der Vorbereitung eines heißen Krieges.

Im atomaren Zeitalter braucht man nicht darüber zu philosophieren, welche Bedeutung der Ausschaltung des Überraschungsmoments zukommt. Schon hier könnte der Ausgang eines künftigen Krieges entschieden werden. Ohne Übertreibung ist festzustellen, die Ausschaltung des Überraschungsmoments war die Hauptaufgabe aller nachrichtendienstlichen Quellen auf beiden Seiten der damaligen Frontlinie.

Zur Nachrichtenübermittlung von Informationen, die nicht der Sofortmeldepflicht unterlagen, rüstete der BND seine Spione mit so genannten »vorgefertigten« Briefen aus. Auf diesen hatte der BND-Spion den verschlüsselten unsichtbaren Geheimtext aufzubringen. Diese vorgefertigten Briefe stellte man in der BRD her. Auf konspirativem Weg – meist über so genannte »Tote Briefkästen« – gelangten sie in die Hände der BND-Spione. Die Benutzung derartiger Briefe für Spionagezwecke geschah vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass die Handschrift des Spions verborgen bleibt. Die Briefumschläge trugen als Empfänger Deckadressen in der BRD und als Absender nutzte der BND Namen und Adressen von real existierenden Bürgern der DDR. Die Handschrift des in der BRD angesiedelten Produzenten dieser Briefe stimmte nicht mit der Handschrift des aus der DDR gewählten Absenders überein.

In den Fällen, wo wir diesen Umstand erkannten, lieferte uns der BND gewissermaßen von selbst die Ausgangsinformationen für eine spätere Entlarvung seiner Militärspione. Zur Verwendung vorgefertigter Briefe zur nachrichtendienstlichen Informationsübermittlung hieß es in der Anleitung des BND: »Zur Übermittlung der von Ihnen gewonnenen Erkenntnisse und Berichte verwenden Sie bitte ausschließlich die von uns erhaltenen Briefe. Auf keinen Fall dürfen Sie auf anderen Briefen einen Geheimtext (G-Text) aufbringen. Auch dann nicht, wenn Sie keine vorgeschriebenen Briefe mehr zur Verfügung haben sollten. Wir werden uns stets bemühen, Sie rechtzeitig mit Nachschub zu versorgen. Ihre Mitteilungen müssen grundsätzlich verschlüsselt sein. Auch wenn das Verschlüsseln Zeit in Anspruch nimmt, müssen wir auf dieser Methode bestehen …«

Wenn es dem MfS trotz dieser Sicherheitsvorkehrungen gelang, in die konspirative Arbeitsweise des BND einzudringen, dann, weil auf unserer Seite kluge Mitarbeiter am Werke waren. Woher nahm sich der BND das Recht, seine Spionagebriefe mit Absendern real existierender DDR-Bürger zu versehen? Immerhin setzte er diese damit der Gefahr aus, unter Spionageverdacht zu geraten. Was würde wohl geschehen, wenn auf diese Art missbrauchte DDR- Bürger gegen den BND Anzeige erstatten? Der BND hätte sicher damit keine Probleme, denn ein für den BND zuständiger Staatsminister erklärte einst: »Wie wir ohne bestimmtes Feindbild eine Bundeswehr unterhalten, brauchen wir unsere Nachrichtendienste. Zu wissen, was ein anderer Staat kann und macht oder machen will, ist das legitime Interesse eines auf seine Sicherheit und die Erhaltung des Friedens bedachten Staates. Die Nachrichtendienste eines Staates sind Ausdruck seiner Souveränität

Diesen Ausführungen wäre nichts hinzuzufügen, wenn das für die Nachrichtendienste des souveränen Staates DDR gleichfalls als legitimes Recht anerkannt wird. Nach meinem Wissen gibt es noch Länder auf dieser Erde, wo eine inoffizielle nachrichtendienstliche Arbeit hoch geschätzt wird. Beispielsweise gab es englische Spione, die für ihre Tätigkeit geadelt wurden.

In einer englischen Fernsehsendung fragte man einen englischen Wissenschaftler, welchen Beruf er ergriffen hätte, falls er kein Wissenschaftler geworden wäre. Er erwiderte: »Dann wäre ich ein Spion für die englische Krone und könnte mich der Anerkennung selbiger erfreuen

 

 

Aus der KD Altenburg zur Bearbeitung von Spionagezentren der US-Geheimdienste

 

Von Klaus Eichner

 

Jahrgang 1939; Diplomjurist; MfS/AfNS/Auslandsaufklärung der DDR 1959 -1990; Oberst a. D.; zuletzt Leiter des Bereiches C der Abteilung IX der HV A

 

 

Altenburg: Auf der Suche nach Spionen

 

Ich hatte 1959 die Zweijahresausbildung in Potsdam-Eiche (3. Hochschullehrgang) absolviert und war auf die Kreisdienststelle meiner Heimatstadt Altenburg versetzt worden. Dort wurde ich der Arbeitsgruppe Spionageabwehr (Linie II) zugeteilt.

Für den Kreis Altenburg waren die Schwerpunkte der Spionageabwehr zwei Objekte der Roten Armee: Eine großräumige Kasernenanlage am Stadtrand zu beiden Seiten der Fernverkehrsstraße nach Leipzig und ein Flugplatz am Rande eines größeren Waldgebietes (Leinawald) südlich der Stadt. Anfang der 60er Jahre unternahm die Spionageabwehr des Bezirkes Leipzig verschiedene Versuche, die Identifizierung von Spionen an militärischen Objekten mit größerer Effektivität zu gestalten.

Den Planungen lagen folgende Aussagen festgenommener Agenten zugrunde: Jeder Militärspion hatte ein bis zwei feststehende Objekte von außen zu kontrollieren. Dazu musste er in Abständen von ca. vier Wochen das Objekt aufsuchen und evtl. bauliche Veränderungen, Hinweise auf veränderte Belegungen und aktuelle Aktivitäten am und im Objekt aufnehmen und an die Zentrale berichten. Der dazu notwendige Aufenthalt in unmittelbarer Nähe des Objektes war einer der neuralgischen Punkte für den Spion.

Anschließend musste der Agent eine Information – in der Regel mittels eines vom Geheimdienst vorgefertigten Tarnbriefes – im Geheimschriftverfahren an die Zentrale abschicken. D. h. er musste nach der Kontrolle des Objektes in ca. 24 Stunden einen Post-Briefkasten aufsuchen und den Brief einwerfen. Auf diesen Kenntnissen gründete sich die Planung unserer Abwehrmaßnahmen: Feststellung und Dokumentierung von Personen am Objekt, Identifizierung der Person durch Beobachtung bis zum Wohnsitz, kurzfristige Aufklärung der Person und Observation in den nächsten 24 bis 48 Stunden.

In der Theorie klang das alles sehr schlüssig und Erfolg versprechend – aber die Praxis sah doch etwas anders aus. In Abstimmung mit der sowjetischen Militärabwehr organisierten wir in Altenburg entsprechende Kontrollmaßnahmen an der Kaserne am Ortsausgang. Eine Wohnung am Rande der Kaserne mit günstigem Blick zur Fernverkehrsstraße wurde unser Stützpunkt und der Standort einer Fotokamera. Alle bedeutsamen Feststellungen wurden in einem Tagebuch festgehalten. Die ständige Kontrolle während der Tageszeit und die Bereitschaft mehrerer Gruppen zum Einsatz als Beobachter stellten uns vor große personelle Probleme.

In Absprachen mit den Leitern des Volkpolizeikreisamtes und des Amtes der Transportpolizei in Altenburg vereinbarten wir, dass diese mehrere junge Kräfte zum Einsatz für uns abkommandierten – natürlich unter entsprechender Legendierung. Nach kurzer Zeit hatten wir eine effektiv arbeitende Einsatzgruppe vor Ort. Aber greifbare Ergebnisse blieben aus. Nur eine von uns überprüfte Verdachtsperson verhielt sich so am Objekt, wie wir uns das Verhalten eines Spions vorstellten. Die Überprüfung ergab aber, dass diese Person für einen leitenden Mitarbeiter der Spionageabwehr erfasst war, der in Abstimmung mit seinem Führungsoffizier seinen Kontrollauftrag des Geheimdienstes an der Kaserne erfüllte.

Über längere Zeit beschäftigte uns ein Rentnerehepaar aus Altenburg. Sie kamen fast täglich mit einem Handwagen an der Kaserne vorbei und fuhren zu einer Mülldeponie am Ortsausgang. Dort entsorgte auch die Sowjetarmee ihren Müll. Nun war uns bekannt, dass Militärspione auch den Auftrag hatten, Müllhalden in der Nähe der Objekte nach Schriftmaterial zu durchsuchen. Das war schon der zweite Verdachtspunkt. Bei visuellen Kontrollen konnten wir im Handwagen der beiden Alten aber nur Altstoffe (Flaschen, Schrott etc.) feststellen. Wir organisierten eine sehr intensive Kontrolle des Rentnerehepaares – aber sie gingen nie zu einem Briefkasten, es gab auch keine anderen Hinweise auf eine mögliche Spionagetätigkeit. Das einzige greifbare Ergebnis war: sie hatten mit den Altstoffen ein beträchtliches Vermögen gesammelt, zwei oder drei Häuser waren ihr Eigentum.

Dann bekamen wir einen Hinweis aus der Festnahme eines Spions in Karl-Marx-Stadt: Der Agent hatte von seiner Zentrale als zeitweiliges Kontrollobjekt die Kaserne in Altenburg zugewiesen bekommen. Als er das erste Mal dort ankam, war ihm klar, dass er sich dort wie auf dem Präsentierteller bewegte – also auffallen musste. Seine Überprüfungen ergaben, dass eine Omnibuslinie von Altenburg aus an der Kaserne vorbei in den Landkreis führte. Vom Bus aus konnte man außerdem weitaus besser in das Objekt Einsicht nehmen als zu Fuß an der Umfassungsmauer entlang. Der Spion fuhr also mit dem Bus inmitten von Einwohnern der umliegenden Orte oder auch gelegentlicher Touristen (einige Kilometer entfernt war ein Stausee) an unserem Objekt vorbei. Das erforderte von uns ganz andere Reaktionen. Wir gliederten eine Gruppe aus unseren Einsatzkräften aus, die regelmäßig mit dem Omnibus fahren durften. Aber wie verhält sich ein Spion, der sein Kontrollobjekt in einem Omnibus besucht? Nach normaler Logik müsste er an einigen Haltestellen hinter der Kaserne aussteigen, aber kein Ziel ansteuern und eventuell den oder einen der nächsten Omnibusse für die Rückfahrt zu nehmen. Wenn er klug ist, fährt er einige Haltestellen weiter und steigt nicht gleich hinter der Kaserne aus. Unsere Beobachter mussten sich also oft unterwegs auf mehrere Verdachtspersonen aufteilen. Dieser zusätzliche Aufwand brachte uns auch keine Erfolge. Entweder hatte der Spion aus Karl-Marx-Stadt nur ganz allein diese zündende Idee oder unsere Selektionskriterien reichten nicht aus, um die richtigen Verdachtspersonen herauszufiltern.

Einige Zeit später versuchten wir eine ähnliche Aktion zur Absicherung des Flugplatzes. In unmittelbarer Nähe des Flugplatzes befand sich ein Altersheim, in dem viele Parteiveteranen der SED untergebracht waren. Zuerst einmal ging es uns um eine spezielle Orientierung der Insassen auf erhöhte Aufmerksamkeit im Verlauf ihrer Spaziergänge. Dazu beriefen wir eine Versammlung der Heimbewohner ein, auf der wir über die Bedeutung des Flugplatzes für die Sicherung der DDR, über die Aktivitäten der Geheimdienste und das Verhalten von Spionen vor Ort informierten. Gemeinsam mit der Heimleitung wählten wir eine Gruppe rüstiger und zuverlässiger Rentner aus, die wir in einem vorbereiteten Kontrollstützpunkt einsetzen wollten. Dazu hatte uns die Forstwirtschaft einen Bauwagen an einer von uns ausgewählten Kreuzung hingestellt, von wo aus mögliche Annäherungswege an den Waldrand mit Einsichtmöglichkeiten auf den Flugplatz kontrolliert werden konnten.

Die Besatzung des Bauwagens war ebenfalls mit Fototechnik ausgerüstet und einige rüstige Rentner konnten zur Observation von Verdachtspersonen eingesetzt werden. Natürlich war das alles nur auf einige ausgewählte Schwerpunkte konzentriert. Eine umfassende Absicherung war mit diesen Mitteln nicht möglich. Aber auch hier ging uns kein Spion in das Netz.

Mehr Erfolg hatten wir einige Jahre zuvor mit einem unserer IM, der als Taxifahrer tätig war. Zu ihm stieg eines Tages am Bahnhof Altenburg ein Reisender, der sich zu einem Ort in der Nähe des Flugplatzes fahren ließ. Er hatte eine Angelausrüstung dabei, wie er sagte, um dort zu fischen. Nun war der IM mit der Gegend vertraut und wusste, dass es dort weit und breit kein Angelgewässer gab. Und dazu war der Mann eigens mit der Bahn und nun mit dem Taxi unterwegs? Entsprechend unserer Instruktionen blieb der IM in Kontakt mit dem Reisenden, der schon bald als Werber und Kurier des militärischen Geheimdienstes der USA identifiziert werden konnte.

Manchmal half auch der »Genosse Zufall«. Kurz nach dem 13. August 1961 informierte mich ein ABV, zu dessen Abschnitt auch eine Kaserne der Sowjetarmee gehörte. In einem Wäldchen in der Nähe hatten spielende Kinder ein Heft gefunden, in welchem Fahrzeugbewegungen aus und zur Kaserne notiert worden waren, die Typen der Militärfahrzeuge, Kennzeichen und andere Details. Auf der Rückseite des Heftes hatte der »Autor« ein Kündigungsschreiben an den Kreisbaubetrieb Altenburg entworfen und sogar mit seinem Namen unterzeichnet. Unsere Ermittlungen im Betrieb ergaben, dass der Mann wenige Tage vor der Schließung der Grenze die DDR verlassen hatte.

Aus den vorliegenden Unterlagen stellten wir Angaben zu einem Fahndungsvorgang wegen erwiesener Spionagetätigkeit zusammen. Als ich beim Pass- und Meldewesen des VPKA den Antrag des Geflüchteten für den Personalausweis mit Passbild anforderte, erinnerte sich die Leiterin, dass wegen jenes Mannes unlängst eine Anfrage des Präsidiums der Volkspolizei Berlin bei ihr eingegangen sei. Der Mann war kurz nach den Grenzmaßnahmen noch einmal in die DDR-Hauptstadt zum Zweck der »Familienzusammenführung« eingereist und dabei von den Grenzern als Republikflüchtling festgenommen worden. Da wir nun den Vorwurf der Spionage erhoben, wurde er in die U-Haft von Berlin nach Leipzig überstellt. Die Untersuchungen ergaben, dass er für den französischen Geheimdienst spioniert hatte. Wohl selten konnte mit nur wenigen administrativen Überprüfungen wie hier ein Spionagevorgang erfolgreich abgeschlossen werden.

 

 

Als Spezialist für die Analyse der Entwicklung

und Tätigkeit der US-Geheimdienste

 

Nachdem ich in der Kreisdienststelle in Altenburg erste Erfahrungen in der Spionageabwehr gesammelt hatte, kam ich einige Jahre später zur Hauptverwaltung Aufklärung und wurde dort Mitarbeiter der neu gebildeten Abteilung IX (Gegenspionage/Äußere Abwehr). Dort qualifizierte ich mich zum Spezialisten für die Analyse der Entwicklung und Tätigkeit der US-amerikanischen Geheimdienste. Das brachte es mit sich, dass ich neben der Auswertung von Dokumenten aus den US-Geheimdiensten relativ eng in die direkte Zusammenarbeit mit den dort platzierten Quellen einbezogen wurde.

Im Verlauf weniger Jahre erhielten wir einen tiefen Einblick in die Strukturen, Aufgabenstellungen, Ausrüstungen und perspektivische Entwicklung der Geheimdienste der fernmelde-/elektronischen Aufklärung der Vereinigten Staaten. Das betraf sowohl den zentralen Geheimdienste National Security Agency (NSA) als auch die entsprechenden Gliederungen in den Teilstreitkräften der USA. Mitte der 80er Jahre beschafften Quellen der Hauptverwaltung Aufklärung geheime Dokumente, die heute jedem Whistleblower zur Ehre gereichen würden.

Eine zentrale Aufgabenstellung für die Äußere Abwehr des MfS war die Aufklärung des Objektes Teufelsberg in Berlin-Grunewald. Dieses Objekt konnte man zwar von einigen Standorten in Ostberlin aus sehen, aber niemand wusste, was sich hinter den Verkleidungen der Radome, die wie riesige Golfbälle aufragten, verbarg.

Einige Zeit später konnten wir dokumentarisch belegen, dass die Field Station Berlin (FSB), so die interne Bezeichnung,  auf dem Teufelsberg in Westberlin zu den bedeutendsten Stationen der fernmelde-/elektronischen Spionage der USA-Geheimdienste in Europa gehörte. Die logistische Verantwortung für die Station Teufelsberg hatte der Geheimdienst der US-Landstreitkräfte Intelligence and Security Command (INSCOM), aber die operativ-fachliche Führung erfolgte durch Vertreter der NSA.

Die NSA hatte eine Außenstelle ihrer Europavertretung direkt im Objekt mit einem Personalbestand von ca. zwölf Mitarbeitern eingerichtet. Vom Teufelsberg aus bestanden mehrere Direktkanäle für die Übermittlung von aufgefangenen Funkverkehren unmittelbar in das NSA-Hauptquartier in Fort George Mead/Maryland. Das betraf insbesondere bedeutsame Nachrichtenlinien der DDR und der Sowjetarmee, zu denen Interesse bestand, mit Hilfe der Hochleistungs-Computer der NSA-Zentrale eine Dechiffrierung zu versuchen.

Zusätzlich zu den laufenden Programmen übermittelte die NSA-Zentrale täglich spezielle Aufklärungsforderungen an die FSB. Das konnten sowohl spezielle Inhalte sein, die zusätzlich in die Selektions- und Auswertungscomputer eingespeist wurden oder auch besondere Erfassungsziele für die Peilanlagen.

Die Funktion der Station Teufelsberg wurde begünstigt durch die geographische Lage des 115 m hohen Trümmerberges im Grunewald und durch das physikalische Umfeld mit nach Aussagen der Experten besonders günstigen Ausbreitungsbedingungen für elektromagnetische Wellen.

Im Zusammenwirken mit den Anlagen des Geheimdienstes der US-Luftwaffe (Electronic Security Command – ESC) in Berlin-Marienfelde waren damit die US-Geheimdienste in der Lage, von Westberlin aus Erfassungen von elektronischen Abstrahlungen z. B. von Waffen- und Waffenleitsystemen, von Funkverkehren unterschiedlicher Reichweite bis in Tiefen von 600 Kilometer in die ost­europäischen Staaten vorzunehmen. Außerdem wurden von diesen Objekten aus spezielle Funk-Fernverbindungen (die Fachleute nennen sie Troposcatter-Verbindungen = Funkverkehre unter Nutzung der stratosphärischen Streustrahlungen), mit deren Hilfe z. B. die Kommunikation mit dem Hauptquartier des Warschauer Vertrages und dem Generalstab der sowjetischen Streitkräfte aufrechterhalten wurde, sowie die sowjetischen Satellitenfunkverbindungen erfasst und ausgewertet.

Auf dem Teufelsberg waren neben den INSCOM-Einheiten weiterhin Elemente der Luftwaffenaufklärung1 sowie Einheiten der britischen fernmelde-/elektronischen Aufklärung2 ständig im Einsatz.

Diese Einheiten unterhielten auf dem Teufelsberg eigenständige Erfassungs- und Auswertungsplätze und waren darüber hinaus für die Koordinierung der Aktivitäten zwischen den von ihnen vertretenen Diensten zuständig.

Im Jahre 1986 hatte der Geheimdienst INSCOM ein mittelfristiges Modernisierungsprogramm der Station bis in die Jahre 1995 beschlossen. Das Programm enthielt Maßnahmen zur Modernisierung der Peil- und Empfangstechnik, zum kurzfristigen und ständigen Austausch veralteter Computeranlagen für die Erfassung, Auswertung und Datenübertragung sowie zur generellen Modernisierung der Arbeitsplätze. Jährlich waren im Rahmen dieses Programms allein für die Modernisierung dieses einen Objektes zwischen 15 und 60 Millionen Dollar vorgesehen.

Im Zusammenhang mit der Auflösung des Objektes ab August 1992 wurde in den Medien auch bekannt, dass die Bundesregierung für den Aufbau der FSB 300 Millionen DM Steuergelder den Amerikanern zugeschossen hat.3

Im Objekt Teufelsberg wurden als ständige Aufgaben u. a. folgende Spionageprogramme gegen DDR-Einrichtungen rund um die Uhr realisiert: Erfassung des Richtfunkverkehrs der SED (Deckbezeichnung: KOMMISSAR); Erfassung der Richtfunkverkehre der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung der NVA (Deckbezeichnung: THORNBUSH); Erfassung der Funkverkehre des MfS, besonders auch des nachrichtendienstlichen Führungsfunks (Deckbezeichnung: ODDMAN).

Darüber hinaus wurden alle offenen Nachrichtenverbindungen der DDR aufgezeichnet und ausgewertet, u. a. die täglichen Lageinformationen der SED-Gliederungen an das ZK der SED, die veraltete Richtfunkstrecken in der DDR nutzten. Diese, auch der SED-Führung als nicht abhörsicher bekannten Richtfunkverbindungen, hatte der zuständige ZK-Sekretär Günter Mittag zur ständigen Kommunikation mit den wirtschaftsleitenden Organen der DDR, insbesondere den Generaldirektoren der Kombinate, okkupiert. Wer Vorstellungen hat über die Anforderungen Mittags an seine »Untergebenen« und von seinem fast stündlichen konkreten Informationsbedarf rund um die Uhr, der wird bestätigen können, dass damit ständig ein tagesfertiges Bild der wirtschaftlichen Lage der DDR für die US-Geheimdienste zugänglich war.

Obwohl naturgemäß die DDR-Aufklärung vorrangig die ostwärts gerichteten Aktivitäten der FSB im Visier hatte, war offensichtlich, dass nicht wenige Ressourcen der Station Teufelsberg auch westwärts gerichtet waren. Das betraf sowohl das direkte Umfeld in Berlin (West) und in der BRD als auch weitere Aktivitäten gegen NATO-Partner. Die Amerikaner haben sich doch solche günstigen Bedingungen noch nie entgehen lassen!

Zumindest ein Teil der Auswertungsergebnisse der FSB wurde in den letzten Jahren im Direktverbund an eine NATO-Führungsstelle in Börfink in der Westpfalz weitergeleitet. Die Personalstärke der FSB betrug rund 1.000 Mitarbeiter, davon 230 im Schichtdienst. Ein Teil leistete seinen Wehrdienst ab, insbesondere im technischen und logistischen Bereich. Kern des Personals waren jedoch länger dienende Militärangehörige, besonders mit Sprachkenntnissen in Russisch, Polnisch, Tschechisch und natürlich in Deutsch.

Woher hatten wir diese internen Kenntnisse?

 

 

Das Team BLITZ und PAUL

 

Die Abteilung IX der HV A arbeitete in Westberlin mit einem inoffiziellen Mitarbeiter türkischer Nationalität zusammen, der als Zivilangestellter bei den amerikanischen Streitkräften im Auto Craft Shop beschäftigt war und dort als Kfz-Meister eine allseits anerkannte, qualifizierte berufliche Arbeit leistete. BLITZ, so sein Deckname in der HV A, war aber auch ein Agent in einer Position, wie man ihn sich nicht besser hätte vorstellen können. Zu ihm kamen fast alle Angehörigen der amerikanischen Dienststellen (wer hatte schon von ihnen kein Auto!), einschließlich aller Geheimdienstorgane. Er besaß Möglichkeiten, sich innerhalb der US-Objekte in Berlin zu bewegen und lernte so mit der Zeit immer mehr Mitarbeiter der unterschiedlichen amerikanischen Dienststellen kennen, die ihn als anerkannten Kfz-Spezialisten wiederum an andere vermittelten.

Da er von uns erfolgsorientiert bezahlt wurde, erledigte er seine »Aufträge« mit Engagement und Findigkeit. Einen Fehler hatte er jedoch, er war zu sprunghaft aktiv. Die Richtlinien und das Verständnis einiger Vorgesetzter in der HV A für die Gestaltung operativer Beziehungen gingen immer von klaren Verhältnissen zwischen IM und Führungsoffizier aus, auch von einer klaren Unterordnung des IM unter die Aufträge und Verhaltensinstruktionen. Und nun dieser BLITZ immer mit seinen »Blitzaktionen«, unklaren Angaben über die Beziehungspartner und geheimnisvollen Andeutungen. Die Eskapaden von BLITZ brachten die ganze schöne Theorie durcheinander, und nicht jeder Vorgesetzte konnte dafür Verständnis aufbringen.

Einen Glückstreffer in den häufigen, aber bis dahin immer erfolglosen Versuchen von BLITZ, der HV A einen amerikanischen Geheimdienstmitarbeiter zur Werbung zuzuführen, landete BLITZ mit dem Mitarbeiter des US-Geheimdienstes INSCOM, James W. Hall III. Hall arbeitete, damals noch im Unteroffiziersdienstgrad, auf dem Teufelsberg. Er war ein ausgezeichneter Analytiker und hatte innerhalb seiner Einheit einen guten Ruf. Hall suchte nach Möglichkeiten, seine finanzielle Situation zu verbessern. Ihm schwebte vor, sich innerhalb einer überschaubaren Zeit ein solches finanzielles Polster zu verschaffen, das ihm einen sorgenfreien Lebensabend in den Staaten garantieren könnte. Außerdem brauchte er gerade aktuell viel Geld, um seinen Flugschein zu finanzieren (ein finanziell sehr anspruchsvolles Hobby). Dafür waren ihm – der marktwirtschaftlichen Erziehung sei Dank – viele Mittel recht, wenn er nur selbst das Risiko bestimmen konnte. BLITZ wiederum spürte mit seinem untrüglichen Sinn für Geschäfte, das sich ihm hier die große Chance bot, an diesem »Geschäft« auch sehr gut zu verdienen, und stürzte sich mit Feuereifer in diese Angelegenheit. Und Hall brachte die ersten Materialien aus der Field Station. Eines der ersten Dokumente war das NATO-Dokument Allied Communications Publication (ACP) mit der Darstellung der Kommunikationslinien zwischen den weltweiten Erfassungs- und Verarbeitungsstationen der fernmelde-/elektronischen Aufklärung der Intelligence Community der Vereinigten Staaten unter der Ägide der NSA. Im Dokument wurden alle Erfassungseinheiten in allen Ländern mit ihren Standorten und Bezeichnungen aufgeführt und deren technischen Verbindungslinien verdeutlicht. Erstmalig konnten wir nun alle ELOKA-relevanten Standorte in der BRD und in Westberlin identifizieren und ihre Grundfunktion darstellen. So ein Dokument hatte es im MfS noch nicht gegeben. Wir waren fasziniert, nicht nur über dieses Dokument an sich, sondern vielmehr auch durch die sich nunmehr abzeichnenden Möglichkeiten aus diesem Vorgang.

Die Arbeit mit der neuen Quelle verlief außerordentlich erfolgreich. Der amerikanische Publizist Peter Wyden erwähnt in einer Fußnote seines Buches WALL den Vorgang Hall und verweist darauf, dass ähnlich wie beim Alt-Glienicker Spionage-Tunnel die Wirksamkeit der Station Teufelsberg durch die Arbeit von James W. Hall III mit der Übermittlung von Geheimnissen der elektronischen Spionage zumindest eingeschränkt war. Nach Wydens Angaben hat ein Programm, das Hall uns übergeben hat, den USA Hunderte von Millionen Dollar gekostet.4

In der Zwischenzeit hatten wir dem Vorgang den Decknamen PAUL gegeben. Zwischen BLITZ und HALL kam es zu einer ausgezeichneten Zusammenarbeit. Alles, was HALL nicht im Original liefern konnte, nahm er zum Feierabend aus dem Objekt mit nach Hause und übergab es BLITZ, der alles kopierte und dann die Unterlagen wieder an HALL zurückgab. BLITZ ging dabei recht locker und unbedarft heran. Er ging mit den streng geheimen Unterlagen, die mit den höchsten Sicherheitseinstufungen bedacht waren, in große Kaufhäuser und zog sie dort über öffentlich zugängliche und nutzbare Kopierer. Eine völlig ungewöhnliche, dafür aber sichere Methode, denn so verrückt konnte man gar nicht denken.

BLITZ machte sich über all die Jahre der Zusammenarbeit mit HALL und der HV A keine Sorgen um seine Sicherheit. Er arbeitete unorthodox und mit einer Selbstsicherheit, die unseren operativen Mitstreitern mehr als nur einmal den Schweiß auf die Stirn trieben und den Schauer über den Rücken laufen ließen. BLITZ tat eben alles irgendwie anders als man es von einem konspirativ tätigen Verbindungsmann erwartete.

Die Einsatzzeit von PAUL auf der Field Station in Berlin ging dem Ende entgegen. Für uns war es wichtig zu erfahren, wohin er zu seinem nächsten Einsatz kommandiert würde. Nach einem kurzen Intermezzo in einer für uns nicht bedeutsamen Einheit in den USA bewarb sich HALL um einen Posten beim 533th Military Intelligence Bataillon (533th MIBn) in Frankfurt. Unter Nutzung seiner guten Arbeitsergebnisse in der Field Station und unter Beibringung entsprechender Referenzen seiner Vorgesetzten konnte er seine Stationierung in Frankfurt erreichen.

Da es sich bei dem 533th. MIBn um eine zentrale Auswertungseinheit für die Fernmelde/Elektronische Spionage im europäischen Einsatzraum handelte, erweiterten sich aber nun die Möglichkeiten der Informationsbeschaffung von PAUL. Wir kamen jetzt an mehr und interessantere Unterlagen und Dokumente heran als in der Zeit an der Field Station Berlin.

Unsere Quelle war auch deshalb so erfolgreich, weil neben seiner persönlichen Pfiffigkeit die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen in allen von HALL frequentierten Objekten lasch war und diese erfolgreich umgangen werden konnten.

Für den unmittelbaren Transport der Dokumente aus seinem Dienstzimmer bis zu BLITZ erbat HALL von uns lediglich eine zu einem Container umgebaute Sporttasche, wie sie fast jeder amerikanische Soldat mit sich herumschleppte. Das Versteck, welches die Sporttasche zum Container umfunktionierte, musste aber nach seinen Forderungen ein entsprechendes Volumen aufweisen, um die oft umfangreichen Dokumentensendungen aufnehmen zu können. In der Tasche dann einige verschwitzte Sportsachen und fertig war die perfekte geheimdienstliche Tarnung, wesentlich weniger spektakulär als bei 007!

Während seiner Stationierung in Frankfurt übernahm BLITZ weiterhin die Betreuung von PAUL. Er war als Instrukteur und Kurier tätig. Natürlich war diese Aufgabe mit Risiken verbunden, aber auch hier ging BLITZ mit einer Kaltschnäuzigkeit zu Werke, die selbst gestandene Geheimdienstmitarbeiter verblüffte. BLITZ übernahm von HALL umfangreiche Geheimdienstdokumente und deponierte sie auf dem Beifahrersitz seines Autos. Darüber legte er ein paar unverfängliche Dinge (Zeitungen, Zeitschriften usw.) und transportierte die Unterlagen aus Frankfurt über die Transitstrecken nach Berlin(West), wo sie dann von uns in Empfang genommen wurden. Nie ist etwas passiert und es hat keine Pannen gegeben.

Um zu verdeutlichen, um was für ein Unikum es sich bei BLITZ handelte, soll eine Anekdote nicht unerwähnt bleiben. BLITZ hatte durch seine Tätigkeit im Fuhrpark der amerikanischen Streitkräfte in Westberlin auch Kontakt zu den Abwehrmitarbeitern des 766th MI Detachment bekommen. Diese Kontakte baute er Stück für Stück weiter aus. Seine Freundschaft mit dem Leutnant Armado Parade hat ihn einige Zeit auch gut geschützt. Besonders gut stand er mit dem damaligen Commander LtCol. Paul Herrington. BLITZ war sogar so verrückt, mit einem Taschenrecorder Herrington zu Hause aufzusuchen und mit ihm Diskussionen und persönliche Gespräche zu führen. Im Halbstundenrhythmus ist er dann auf Toilette gerannt, um das Band umzudrehen bzw. zu wechseln. Diese Aktivitäten waren natürlich nicht in unserem Interesse, zumal der Informationswert solcher Gespräche relativ gering ist. Aber es ging alles gut, BLITZ stellte auf unsere Forderung hin diese Art der Informationsbeschaffung ein und beschränkte sich auf die von uns vorgegebenen Aufgaben. Herrington war in dieser Hinsicht jedoch nachtragender. Als altgedienter Mitarbeiter der Gegenspionage (u. a. mit Kriegseinsätzen in Vietnam) war er wütend, so hereingelegt worden zu sein. Als sich nach der Enttarnung von BLITZ die Möglichkeiten boten als Zeuge im Gerichtsverfahren gegen BLITZ zurückzuschlagen, nutzte er diese Gelegenheit gründlich aus.

Die Stationierung von HALL in Frankfurt boten dem Vorgang natürlich völlig neue Möglichkeiten. Das Angebot an Dokumenten, die PAUL nun »besorgen« konnte, war enorm gewachsen. Auf unsere Bitte hin gab er uns einen Überblick, über die zur Auswahl stehenden Unterlagen. Natürlich bestand keine Frage, dass wir sie alle haben wollten, einigen mussten wir uns nur über die Frage der zu realisierenden Reihenfolge und der Bezahlung. Selbstverständlich kann auch ein HALL nicht einfach beim Geheimdienst an den Tresor oder an das Regal gehen und das eine oder andere Dokument herausnehmen. Es mussten immer günstige Umstände und Situationen abgepasst werden, die nach außen hin den Schein wahren und keinen Verdacht wecken sollten. Er schaffte es, selbst Dokumente, deren Ausleihe nur über eine EDV-gestützte Bestätigung und Nachweisführung möglich war, zu beschaffen.

Auf unsere Fragen nach dem Wie gab er ausweichende Antworten, verwies darauf, dass man nur mit Geduld die richtige Gelegenheit abwarten musste.

BLITZ hatte in unserem Auftrag in Frankfurt am Main eine kleine Wohnung gemietet und einen Tischkopierer angeschafft. Dort arbeitete er viele Stunden, um die von PAUL beschafften Dokumente zu kopieren. Sie hatten ein perfektes System der Dokumentenübergabe entwickelt. PAUL kam mit seiner Sporttasche in einen PX-Laden, dort übernahm BLITZ die Tasche und brachte die Dokumente in die Wohnung. Nach Dienstschluss kam auch PAUL in die Wohnung zur Unterstützung der Kopierarbeiten. Zur Beschleunigung des Kopierverfahrens hatten sie die Abdeckplatte des Kopierers entfernt und mussten nun mit Sonnenbrillen arbeiten.

PAULs Einsatzzeit in Frankfurt näherte sich dem Ende. Es waren keine Chancen in Sicht, für den europäischen Handlungsraum eine erneute Stationierung zu bekommen. Trotz Bemühungen seinerseits wurde ihm in Anerkennung seiner guten Leistungen und im Zusammenhang mit seiner weiteren Qualifizierung und Beförderung ein Einsatzort in den Vereinigten Staaten zuerkannt. Das stellte die Anforderungen an das Verbindungssystem zu PAUL vor unüberwindliche Schwierigkeiten. Die Leitung der HV A entschied, dass wir nicht in den USA operieren werden. Andererseits sollte für alle Fälle, z. B. bei Aufenthalten von PAUL in Europa, ein persönliches Verbindungssystem funktionssicher bereitstehen.

Ende 1987 hatte der Bereich IX/A der HV A die Zusammenarbeit mit BLITZ eingestellt, ihn in Ehren verabschiedet, da er in die Vereinigten Staaten übersiedeln wollte. Als Instrukteur für alle Fälle zur evtl. Betreuung von PAUL wählten die operativ zuständigen Mitarbeiter einen erfahrenen IM mit ausgezeichneten Sprachkenntnissen aus, einen Hochschullehrer an der Humboldt-Universität zu Berlin. Manfred S. trug den Decknamen »Hagen«, bezogen auf seinen Herkunftsort Hagen/Westfalen. Hätten wir an der Hochschule des MfS auch eine Ausbildung in den »Deutschen Heldensagen« gehabt, wäre uns evtl. aufgefallen, dass dieser Deckname auch »nomen est omen« für Verrat am Freunde, für Heimtücke und Niedertracht sein könnte. Aber wir vertrauten diesem »Hagen« und er erhielt stückweise Kenntnis vom Vorgang PAUL, nahm selbst an einem Treff in Ostberlin teil.

Wie später durch authentische Informationen belegt werden konnte, war »Hagen« ein klassischer Doppelagent. Er war in den 80er Jahren für Kontaktaufnahmen in Westberlin unter Nutzung seiner perfekten englischen Sprachkenntnisse eingesetzt gewesen. Dort beging er ca. 1986 einen primitiven Diebstahl in einem Kaufhaus und wurde dabei gestellt.5 Der Vorgang landete auf dem Tisch eines Mitarbeiters des Landesamtes für Verfassungsschutz, der eine Telefoneintragung im Kalender von »Hagen« als amerikanische Linie der HV A identifizierte und das Material direkt seinem Kontaktpartner beim amerikanischen Geheimdienst zuschob. So wurde »Hagen« Doppelagent der Amerikaner. Hätte jener Mitarbeiter des LfV seine Dienstvorschriften eingehalten, den Vorgang an das BfV in Köln gemeldet und nicht eigenständige Bündnispolitik betrieben, dann wären wir dank Klaus Kuron6 rechtzeitig zu der Information über »Hagens« wahre Haltung gekommen. So aber nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Im Dezember 1988 schlug dann die Spionageabwehr der USA zu. Sie hatten durch einen Komplex illegaler Maßnahmen und Provokationen genügend Beweise zusammengetragen, um beide verhaften und anklagen zu können. »Paul« wurde von einem Militärgericht zu 40 Jahren Haft verurteilt; BLITZ erhielt vor einem Zivilgericht das Urteil lebenslange Haft ohne Möglichkeiten einer Bewährung.

Durch den couragierten Einsatz eines amerikanischen Anwalts gelang es, eine Überstellung von BLITZ in seine Heimat Türkei zu erreichen. Trotz der Forderung der USA, BLITZ weiterhin lebenslänglich in der Türkei zu inhaftieren, war er am nächsten Tag frei und konnte danach zu seiner Familie nach Berlin ausreisen.

James Hall verbüßte 23 Jahre Haft in einem Militärgefängnis in den USA und wurde dann im September 2011 »vorzeitig« entlassen. Er arbeitet jetzt in einem kleinen Betrieb für Verleih und Reparatur landwirtschaftlicher Geräte.

Die DDR-Aufklärung hat im Prozess der Auflösung der HV A zum Objekt »Teufelsberg« archiviert: die zentrale Direktive des Chefs der NSA (diese Direktiven wurden »USSID = U.S. Signal Intelligence Directive« genannt) Nr. 1005 über die Tätigkeit der Field Station Berlin;  das Dokument über die mittelfristige Modernisierungsplanung bis 1995; eine Dokumentation als gemeinsame Analyse der HV A und der Hauptabteilung III des MfS über das Objekt Teufelsberg mit detaillierten Darstellungen der Struktur, Funktionen, Zielobjekte und Aufklärungsergebnisse.

Zu den Spitzenergebnissen, die unsere Quellen beschafften, gehörte das rund 4.200 Blatt umfassende Dokument mit der Bezeichnung National SIGINT Requirements List (NSRL).

Dabei handelte es sich um eine weltweite Wunschliste der Intelligence Community für die fernmelde-/elektronische Aufklärung unter Federführung der NSA. In ihr wurden akribisch die Interessenlagen aller amerikanischen Geheimdienste sowie einzelner ihrer Strukturen, aber auch die Wünsche anderer Regierungsorgane, so des Weißen Hauses, des Außen- oder Energieministeriums an spezifischen Informationen zu bestimmten Regionen und Ländern festgehalten. Detailliert wurden die Informationsinteressen über die Außen-, Innen- und Wirtschaftspolitik, Potenzen an strategischen Rohstoffen; Streitkräftelage, Besitz an Massenvernichtungswaffen, Grundlagenforschung (vor allem jene Bereiche, aus denen auch für die Vereinigten Staaten Überraschungseffekte durch potentielle Gegner oder Partner entstehen konnten), spezielle Rüstungsforschung, Energiepolitik, besonders Kernenergieforschung u. ä., in der Regel auch zur Tätigkeit der Geheimdienste der Länder definiert. Die NSA als »federführendes Organ« hatte für diese Liste in einem extra Gliederungspunkt die gegenwärtigen und künftigen potentiellen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung mittels der fernmelde-/elektronischen Aufklärung sehr detailliert bewertet.

Die NSRL hatte bei uns einen Umfang von mehr als zehn großen Leitzordnern – und wir kannten die Informationsinteressen der Vereinigten Staaten bezüglich jedes Landes der Erde! Außerdem enthielt die NSRL einige zentrale, länderübergreifende Themen, wie Probleme der Nichtweiterverbreitung von Massenvernichtungsmitteln, internationaler Terrorismus, internationaler Waffen- und Drogenhandel.

Bezüglich der UdSSR und der anderen sozialistischen Staaten enthielt das Dokument auch Aufstellungen von Zielobjekten (z. B. Lager von ABC-Waffen, militärisch nutzbare Grundlagenforschung und Rüstungsproduktion) und von Zielpersonen (vorwiegend Wissenschaftler). Das waren natürlich Signale für konkrete Spionageinteressen. Wir wussten, ihre Einspeisung in die NSA-Computer bewirkte, dass bei jeder Nennung des Namens in einer Aufzeichnung diese zur weiteren Auswertung selektiert wurde. Gleichzeitig war klar, dass damit eine strenge Überwachung und nachrichtendienstliche Bearbeitung bei Einreisen, z. B. in die USA, verbunden sein würde.

Ein anderes Positivum brachte die NSRL jedoch noch mit sich. Wir konnten schon damals mittels der Informationsinteressen der Intelligence Community nachweisen, wie stark deren Interessen auch an der Bearbeitung der Verbündeten waren. Seitenweise wurden Informationswünsche zu Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Kanada oder der BRD fixiert, insbesondere Umfang und Detailliertheit der Informationsinteressen zu Frankreich (ca. 50 Blatt) und zur BRD (ca. 36 Blatt) waren beeindruckend.

Zu den bedeutendsten Dokumenten aus der Zusammenarbeit mit der Quelle PAUL gehörte ein streng geheimes Dokument der aktiven Kriegsvorbereitung mit der Deckbezeichnung CANOPY WING. Die Arbeitsgruppe zur Erarbeitung des Dokumentes CANOPY WING wur­de von der Regierung der USA Anfang 1986 einberufen. Das war ein Zeitpunkt, da hatte Gorbatschow schon seine Politik des »neuen Denkens« öffentlich verkündet, die Vision einer menschlichen Gesellschaft ohne Atomwaffen bis zur Jahrtausendwende in die Diskussion gebracht, das Aufbrechen der erstarrten Blockkonfrontation eingeleitet. Zu diesem Zeitpunkt wurden die qualifiziertesten Analytiker und Praktiker der US-Geheimdienste und des Pentagon zusammengezogen, und ihnen wurde nochmals die Aufgabe gestellt, alle Möglichkeiten der modernen Waffensysteme und elektronischen Kampfführung zu prüfen, um einen erfolgreichen atomaren Enthauptungsschlag gegen die Führungszentren der UdSSR und des Warschauer Vertrages zu gewährleisten.7

Unsere Quelle PAUL gehörte zu diesem Kreis der Auserwählten. Als dann nach wochenlanger Abwesenheit von PAUL das Dokument auf unserem Tisch lag, rieselte uns ein kalter Schauer über den Rücken. Nicht nur deshalb, weil wir noch nie ein Dokument der US-Geheimdienste mit so vielen Geheimhaltungsvermerken und Schutzwörtern, mit der höchsten geheimdienstlichen Sicherheitseinstufung innerhalb der Intelligence Community, in der Hand hatten. Vor allem hatten wir ein kompaktes Material der aktiven Kriegsvorbereitung, der Vorbereitung einer Aggression gegen den Warschauer Vertrag vor uns liegen. Und das in diesem historischen Kontext. Hier ging es nicht mehr um eine Verteidigungsplanung. Die Aufgabe war von den Vereinigten Stabschefs der USA klar gestellt: Zur Vorbereitung eines Angriffs durch die NATO mussten die Führungszentren des Gegners aufgeklärt, durch elektronische Maßnahmen arbeitsunfähig oder durch selektiven Waffeneinsatz zerstört sein! Der atomare Gegenschlag der sowjetischen Seite sollte damit verhindert, ein Kernwaffenkrieg wieder führbar und gewinnbar gemacht werden.

Aus dem Inhalt sind mir noch folgende Aussagen in Erinnerung: Es bilanzierte die bisherigen Möglichkeiten der Elektronischen Kampfführung und die technischen und softwareseitigen Anforderungen an weitere Entwicklungen zur Vorbereitung bzw. Unterstützung eines nuklearen Erstschlages/Enthauptungsschlages gegen den Generalstab der UdSSR sowie gegen das Oberkommando des Warschauer Vertrages. Die Grundaufgabe war, die Fähigkeiten des Warschauer Vertrages zur Abwehr eines Schlages und zur Auslösung eines atomaren Gegenschlages lahm zu legen. Dazu wurden als Aufgaben gestellt: Identifizierung der Führungsstellen und der Ausweichstellen im Spannungsfall; Aufklärung von Standorten, Strukturen, Personal, technischen Ausrüstungen mit exakten Parametern und Zielkoordinaten; Möglichkeiten der Störung des normalen Betriebes, u. a. durch Kurzschlüsse mit Hilfe von mikroskopischen Kohlenstoffasern oder durch Einsatz von chemischen Kampfstoffen; elektronische Blockierung der Arbeit unmittelbar vor dem Schlag, damit keine Gegenreaktionen möglich sind; Anforderungen an den Einsatz verschiedener Waffensysteme zur schlagartigen Zerstörung von Führungsstellen u. a. Einrichtungen (einschließlich punktgenauer Zielsucheinrichtungen für Waffensysteme, die gegen »gehärtete« Bunkersysteme einsetzbar sind); Möglichkeiten der Täuschung/Fälschung (u. a. unter Nutzung der Fähigkeit, mit Hilfe der Computersimulation ein zeitechtes Einschalten in Befehlsübermittlungen z. B. im Funkverkehr Flugzeug – Bodenstation oder Leitstelle – U-Boot zu erreichen).

Die Arbeitsgruppe veranschlagte für all diese Projekte einen Finanzbedarf von 14,5 Milliarden Dollar an Investitions-, Betriebs- und Wartungskosten sowie den Einsatz von rund 1.570 Mitarbeitern.9

 

 

Vorgang KID

 

Einige Zeit hatten wir einen recht intensiven Informationsfluss mit Dokumenten über das Westberliner Objekt der Electronic Security Group der US-Luftwaffe und seine Funktion im Rahmen der amerikanischen fernmelde/elektronischen Aufklärung von Westberlin aus. Sie hatten ihren Ursprung bei dem Sergeanten Jeffrey M. Carney (HV A-Deckname KID), der im September 1985 in die DDR überlaufen wollte. Carney war aufgrund seiner Sprachkenntnisse und als Spezialist für Kommunikationsfragen in der 6912th Electronic Security Group (6912th ESG) eingesetzt. Vertreter der HV A konnten KID überzeugen, noch einige Zeit als unsere Quelle in diesem Objekt tätig zu sein.

Als besonders bedeutsam empfanden wir Informationen über ein spezielles Forschungsprogramm der NSA und des ESC. Die Geheimdienste prüften die Möglichkeiten, sich über Computersimulationen in den direkten Funkverkehr zwischen den Bodenleitstationen und den Einsatzflugzeugen des potentiellen Gegners in Echtzeit so einzutakten, dass beide Gegenstellen das nicht bemerkten. Über diesen Weg sollten falsche Befehle an die Flugzeuge übermittelt werden. Das klang zwar anfangs wie Science Fiction, war aber harte Realität.10

Die Auswirkungen solcher Maßnahmen in einem realen Einsatz könnten katastrophal sein. Voraussetzungen dafür waren erst einmal umfangreiche Datenbanken, in denen die Stimmenprofile der Flugzeugbesatzungen und der Offiziere der Leitstellen erfasst und ständig aktualisiert wurden. Ebenso, wie auch früher schon ein erfahrener Auswerter den Funker einer Gegenstelle an der »Handschrift« der Bedienung der Morsetaste erkennen konnte, waren die Analytiker des ESC in der Lage, mit den ersten Worten den russischen Gesprächspartner in der Kommunikation mit den Einsatzflugzeugen zu identifizieren.

Später übersiedelte KID dann doch in die DDR. In Abstimmung zwischen der Hauptabteilung III (Funkaufklärung) und der HV A wurde KID zur tagesaktuellen Auswertung von ausgewählten Fernsprechverbindungen der US-Geheimdienste eingesetzt. Zur Tarnung erhielt er Personaldokumente der DDR.

Mit der Auflösung des MfS und dem Ende der DDR musste sich auch KID eine neue Perspektive suchen. Er fand eine Beschäftigung als Triebwagenfahrer bei der U-Bahn in Berlin, die ihm sehr zusagte. Damit schien seine Perspektive als «ehemaliger DDR-Bürger« gesichert. Aber es kam doch anders, Uncle Sam verzeiht keinen Verrat. Nachdem die amerikanischen und deutschen Behörden direkten Zugriff auf dem Territorium der DDR hatten, spürten die US-Geheimdienste mit Hilfe des deutschen Verfassungsschutzes KID in Ostberlin auf. Ein bewaffnetes Einsatzkommando des Geheimdienstes der Luftwaffe entführte ihn in einer Nacht- und Nebelaktion am 22. April 1991, verbunden mit einer rabiaten Hausdurchsuchung. KID wurde über den Flughafen Tempelhof in die USA verbracht; ein amerikanisches Gericht verurteilte ihn zu 38 Jahren Freiheitsentzug, er wurde bereits aus der Haft entlassen.11

Jeffrey Carney hat kürzlich in den USA ein Buch mit seinen Erinnerungen herausgebracht (Against all Enemies). Er ließ sich das Manuskript von verantwortlichen Mitarbeitern der amerikanischen Luftwaffe zensieren – das sagt etwas über den Inhalt!

 

 

Dokumente im Archiv der BStU?

 

Der Bereich IX/C spielte bei der legalen Auflösung der HV A eine nicht unwesentliche Rolle. In der Phase der aus eigener Entscheidung veranlassten Reduzierung der Aktenbestände – etwa ab November 1989 bis zur Besetzung der Zentrale des MfS am 15. Januar 1990 – hatten die Materialbestände der unmittelbaren operativen Strukturen logischerweise den Vorrang bei der Vernichtung. Im Bereich Auswertung sollte das erst einmal nur Informationen betreffen, die direkten Aufschluss über die Quellenlage der HV A in den Geheimdiensten der westlichen Hauptstaaten betrafen.

Mit der Besetzung der Zentrale am 15. Januar 1990 wurde uns deutlich bewusst, welchen Erkenntnisgewinn über unsere Quellenlage westliche Geheimdienste bei einem direkten Zugriff auf unsere Unterlagen bekämen. Da war aber unser Zugang zu den Diensträumen bereits äußerst eingeschränkt, für die eingesetzten Kräfte im Rhythmus von 24 oder 48 Stunden möglich. Wir verständigten uns in der Leitung der Abt. IX darüber, dass bei jeder »Dienstschicht« der zur Vorbereitung der Auflösung in das Dienstobjekt eingesetzten Kräfte auch Mitarbeiter des Bereiches IX/C gehören mussten. Dabei kam uns zugute, dass die operativen Bereiche bis zum 15. Januar 1990 bereits eine sehr gute Vorarbeit geleistet hatten.

Jedenfalls war der Materialbestand im März 1990 – nachdem am 23. Februar 1990 der Beschluss des Zentralen Runden Tisches über die legale Auflösung der HV A gefasst wurde – bereits von allen wesentlichen, direkt auf die Quellen führenden Informationen bereinigt. Aber wir hatten immerhin noch einige Lkw-Ladungen mit gespeicherten Informationen, Ausarbeitungen, Karteien, Dossierablagen u. v. a. Die Verladung dieser Unterlagen für die endgültige Vernichtung in einem Außenobjekt der HV A in Berlin-Hohenschönhausen erfolgte unter strenger Aufsicht von Vertretern der Kirchen. Bei vielen von diesen Unterlagen konnte eine komplexe Analyse immer noch Spuren zu unseren Quellen legen. Dann erreichte uns die Festlegung des Zentralen Runden Tisches und der Leitung der HV A, dass ein gewisser Bestand an Unterlagen, der für eine spätere historische Bewertung der Arbeit der HV A von Nutzen sein konnte (und nach unserer Vorstellung auch die Wirksamkeit der Arbeit der HV A einem unvoreingenommenen Zeitzeugen demonstrieren konnte), für eine Archivierung bereitgestellt werden sollte. Also mussten die in chaotischer Unordnung in einem Keller angehäuften Unterlagen noch einmal vorselektiert werden. Wir schleppten einen Teil des Materialbestandes aus dem Keller wieder in die zeitweiligen Arbeitsräume und sichteten sie unter diesem neuen Blickwinkel. Nach mehreren Prozeduren der Säuberung blieb ein immer noch ansehnlicher Bestand an Originaldokumenten und Ausarbeitungen übrig. Die »Säuberungen« betrafen ausschließlich alle Bezüge auf originale Aussagen von Quellen.

Im Juni 1990 war es dann so weit. Die zur Archivierung vorgesehenen Materialien wurden in einen Transporter verladen, und eine Kolonne von Fahrzeugen, begleitet von Funkstreifenwagen mit Blaulicht und besetzt mit Polizisten, die mit MPi ausgerüstet waren, bahnte sich den Weg in die Normannenstraße, die frühere Zentrale des MfS. Im Archivraum der Abt. XII des MfS stapelten wir die Unterlagen in bereitstehende Stahlschränke. Ein letztes Mal hatte ich körperliche Berührung mit Unterlagen, die einmal der ganze Inhalt meiner langjährigen Arbeit waren.

Was verschwand hier in den Schränken der späteren Gauck-Behörde? Allein die dokumentarischen Materialien über die USA-Geheimdienste füllten einen großen Stahlschrank: Kopien der bedeutendsten zentralen Direktiven des Direktors der NSA, von der Nr. 1 (Grundaufgaben der NSA) über die Direktive zur Regelung der Partnerdienstbeziehungen der NSA bis zur Direktive über die Tätigkeit der Field-Station Berlin-FSB auf dem Teufelsberg; zehn Ordner mit der National SIGINT Requirements List (NSRL); das DIA-Dokument »TENS« – eine Übersicht über die weltweite Organisation der Spionagetätigkeit der USA-Geheimdienste;  das 47-seitige Dokument mit der Deckbezeichnung »CANOPY WING« mit Übersetzung; mehrere detaillierte Dokumente über die Organisation der elektronischen Spionage gegen die DDR von ortsfesten Anlagen aus, z. T. im automatisierten Betrieb (Projekt »TROJAN«), durch den regelmäßigen Einsatz von Aufklärungsflugzeugen in unmittelbarer Grenznähe oder durch mobile Einsatzkräfte der Geheimdienste; die umfangreiche Studie über die Formierung und Modernisierung des Geheimdienstes der USA-Landstreitkräfte INSCOM; in Auswertung der vorliegenden Dokumente und anderer Informationen eine Zusammenfassung unserer Erkenntnisse über die operative Spionagetätigkeit der USA- Geheimdienste gegen die DDR mit den grundsätzlichen Aufgabenstellungen, den spezifischen Methoden und den erkannten Zielobjekten und Zielpersonen; eine Kartei mit den kompletten Angaben über die Dienststellen und Objekte der USA- Geheimdienste auf dem Territorium der BRD und Westberlins; mehrere Ordner mit Dossierangaben über Mitarbeiter der USA-Geheimdienste, von den CIA-Direktoren bis zu operativen Mitarbeitern der Residenturen im deutschsprachigen Raum.

Außerdem hatten wir als Abteilung IX noch archiviert: Analysen zu Struktur und Arbeitsweise des BND, z. B. die Feinstruktur der Zentrale und die Übersicht über alle Außenstellen; Analysen zur Spionagetätigkeit des BND gegen die DDR;  die komplette Kartei über alle hauptamtlichen BND-Mitarbeiter sowie Dossiers über eine größere Zahl von Mitarbeitern des BND (ca. 15 schmale Ordner); Materialsammlungen über das BfV und die LfV, Dossiers über Mitarbeiter des Verfassungsschutzes; mehrere Exemplare einer Auskunft über die Spionageabwehr des Verfassungsschutzes; eine Liste der Mitarbeiter des MAD ; diverse Materialien zum Staatsschutz der BRD; eine Sammlung von zusammenfassenden Analysen über Struktur, Hauptangriffsrichtungen und Arbeitsweise der Geheimdienste aller NATO-Staaten und weiterer europäischer Länder (z. B. sehr detaillierte Darstellungen zu den Geheimdiensten Großbritanniens und Frankreichs).

Aber diese Dokumente blieben nicht für immer in den Schränken der damaligen Gauck-Behörde. Unter Berufung auf Regelungen des sogen. Stasi-Unterlagen-Gesetzes, die Zugriffsrechte der westlichen Geheimdienste auf Unterlagen aus den Beständen des MfS – soweit sie Quellen dieser Geheimdienste betreffen – sichern sollen, forderte das Bundesministerium des Inneren im ersten Halbjahr 1992 die »Herausgabe« von Dokumenten entsprechend einer langen Liste von Unterlagen. Der damalige Direktor der Gauck-Behörde und spätere Präsident des BND, Dr. Hansjörg Geiger, veranlasste die Übergabe dieser Unterlagen an das Innenministerium, von wo aus sie dann offensichtlich wieder in die Hände der US-Geheimdienste gelangten.

Anmerkungen

 

1   Teile der 6912th Electronic Security Group, später 690th Electronic Security Wing

2   ‑Teile der 26. Signal Unit = Royal Air Force sowie das Detachment 3 des 13. Signal Regiment = Army

3   Vgl. Berliner Zeitung vom 21. Oktober 1992

4   Vgl. Peter Wyden: Wall: The Inside Story of Divided Berlin; Simon and Schuster, New York; 1989, S. 114

5   ‑Aus der Praxis der HV A sind nicht wenige Fälle bekannt, dass Auslandskader der DDR oder auch IM bei Einsätzen in der BRD oder Westberlin durch ganz billige Kaufhausdiebstähle auffielen und danach auch in der Regel als Agent oder Doppelagent für die andere Seite arbeiteten. Der Verfassungsschutz hatte sich darauf eingestellt und mit den Kaufhaus-Detekteien ein Informationssystem vereinbart, wenn Bürger aus sozialistischen Staaten durch solche Delikte bekannt wurden. Die Kaufhaus-Detektive verzögerten die Untersuchungen, bis ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes den »Fall« übernehmen konnte.

6   ‑Klaus Kuron war Quelle der Abt. IX der HV A im Bundesamt für Verfassungsschutz und verantwortlich für alle Doppelagentenvorgänge des BfV

7   ‑Die USA hatten bereits 1983 begonnen, innerhalb der NATO-Gremien ihr neues, offensives Konzept der »chirurgisch sauberen Enthauptungsschläge« vorzustellen; die Arbeitsgruppe CANOPY WING sollte offensichtlich schon eine modernisierte Version auf der Grundlage neuester technischer und technologischer Einsatzmöglichkeiten erstellen

8   Details aus Quick vom Mai 1990 (Hefte 20 und 22)

9   ‑Hinweise auf diese Realität sind z. B. zu finden in: Spiegel 34/1995, S. 132: »Schweiß schnuppern«. Der Autor verweist dort auf diverse Vorbereitungen des Pentagon auf »information warfare«, u. a. auch auf die Übermittlung gefälschter Befehle über Sprechfunk.

10 ‑Angaben aus Focus 25/1997 und Washington Post vom 21. Dezember 1991

11 ­‑Jeffrey Carney kehrte 2011 nach Berlin zurück und versuchte in Deutschland neuerlich Fuß zu fassen, was aus verschiedenen Gründen misslang. Er lebt heute wieder in den USA

 

 

Meine amerikanische Zeit

 

Von Harry Mittenzwei

 

Jahrgang 1931; Diplomjurist; MfS/AfNS 1952-1990; Oberst a. D.; zuletzt Abteilungsleiter in der HV A

 

Im August 1957 war ich Zuhörer in einem Prozess vor den 1. Strafsenat des Obersten Gericht der DDR in Berlin. Generalstaatsanwalt Ernst Melsheimer klagte auf der Grundlage umfangreicher Beweisdokumente und eines Gutachtens des Militärhistorikers Dr. Egbert von Frankenberg fünf Agenten von in Westberlin aus operierenden US-Geheimdiensten wegen Spionage und aktiver Mitwirkung an der Vorbereitung eines Angriffskrieges gegen die Staaten des Warschauer Vertrages an.

Unsere Regierung hatte am 23. Dezember 1956 in einem Memorandum auf die zunehmend massiven Attacken dieser Dienste gegen die Grundlage des gesellschaftlichen Systems in der DDR und die Gefährdung des Friedens hingewiesen und von der UNO entsprechende Konsequenzen gefordert. Im zweiten Halbjahr 1956 war durch die Sicherheitsorgane der DDR eine größere Anzahl solcher Agenten festgenommen und verurteilt worden. Dieser jetzt laufende letzte Prozess war praktisch der Abschluss einer ganzen Serie von Verhandlungen, die durch die zuständigen Bezirksgerichte geführt wurden und er sollte noch einmal mit seiner gründlichen Auswertung die Öffentlichkeit über die gefährliche Wühltätigkeit dieser gegnerischen Dienste ins Bild setzen.

Angeklagt waren fünf Personen, von denen drei dem US-Geheimdienst MID (Military Intelligence Detachement) in Berlin-Zehlendorf dienten und zwei Abteilungsleiter einer Dienststelle des CIC (Counter Intelligence Corps) in Berlin-Dahlem. Dem vorliegenden Beweismaterial war zu entnehmen, dass es sich bei den Handlungen dieser Leute nicht nur schlechthin um das Sammeln von Informationen und deren Übergabe an die Amerikaner handelte. Den Beschuldigten war voll bewusst, welche Ziele und Absichten ihre Auftraggeber mit diesen Unternehmungen verfolgten und welche Bedeutung ihr Mitwirken an deren friedensgefährdeten Aktionen hatte.

Der Angeklagte Alfred F. war leitender Mitarbeiter in Zentralen Entwurfsbüro der Deutschen Reichsbahn in Berlin. Von dort steuerte er eine Agentengruppe im Reichsbahnbereich Pirna-Bad Schandau, über die damit die Amerikaner unter anderem den gesamten Güter- und Personenverkehr, der auf dem Schienenwege zwischen der DDR und Südosteuropa verlief, im Griff hatten und damit die Möglichkeit bekamen, uns schwere wirtschaftliche Schäden zuzufügen.

F. war 1939 nach der Besetzung durch die Deutsche Wehrmacht und die Angliederung des Sudetengebietes an das Deutsche Reich Mitarbeiter der Reichsbahn geworden. Nach der Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg war er im Raum Dresden untergekommen und weiter bei der Bahn tätig. Er kam dann 1952 in die Zentrale der Deutschen Reichsbahn nach Berlin. Dieser Aufstieg gelang ihm, weil er verschwiegen hatte, dass er vor 1945 aktiver Nazi war. Nach Hitlers Einfall wurde er Mitglied der NSDAP und im Deutschen Beamtenbund.

Durch Vermittlung seines damaligen Vorgesetzten geriet er an den US-Geheimdienst. Er wurde zu einer Geburtstagsfeier nach Westberlin eingeladen. Dabei kam es zu diesem Kontakt. Es begann sofort eine intensive Zusammenarbeit. F. lieferte alles, was ihm in seiner Funktion in die Hände kam. In Berlin hatte er noch keine Wohnung. Die Amerikaner orientierten darauf, dass er ihnen, bevor er dorthin verzieht, weitere Kontakte im Bereich Pirna verschafft. Und das wurde zuerst der Mitangeklagte Walter K. Anfangs Fahrdienstleiter, dann zum Dispatcher auf dem Eisenbahnknotenpunkt Pirna-Bad Schandau aufgestiegen, war er die ideale Person für die Interessen des MID. Zu seinem Auftrag gehörte, sich ein progressives öffentliches Ansehen zu erwerben. Als Stadtverordneter der CDU in der Stadt Wehlen und eine aktive Gewerkschaftsarbeit an seiner Arbeitsstelle, ist ihm das auch bald gelungen. Beide bauten gemeinsam eine Agentengruppe auf und nutzen auch in ihrem Umgangskreis Personen für die Informationsbeschaffung, die nicht ahnten, was mit ihren gegebenen Auskünften geschah.

Unter den geworbenen Agenten befand sich ein Mitarbeiter des Rangierdienstes des Pirnaer Güterbahnhofs, der die Laufzettel an den Waggons vertauschte. So rollten dann die durch seine Hände gehenden Ladungen an falsche Zielorte. Was nach Rostock gehen sollte kam in Erfurt an und umgekehrt. Dadurch entstanden oft erhebliche Störungen in der Volkswirtschaft. Bei Transporten im Transitverkehr mit empfindlichen Ladungen entfernte er die entsprechenden Markierungen, die auf besondere Sorgfalt beim Rangieren hinwiesen. Auch damit verursachte er große Schäden vor allem bei Im- und Exportgütern.

F. lieferte den Amerikanern umfangreiche Informationen aus allen acht Reichsbahnbezirken. Neben Streckenplänen, Brückenzuständen und Personalbestand ging es hauptsächlich auch um Abläufe im Transportwesen. Da interessierte, was von wo nach wo ging, welche wichtigen Verladepunkte es im ganzen Land gab, welche Bedeutung welcher Eisenbahngrenzübergang sowohl in wirtschaftlicher als auch in militärischer Hinsicht hatte, wie der momentane Zustand der Bahnanlagen war und welche Pläne für die Zukunft existierten. Bei wöchentlichen Treffs mit den Amerikanern wurden die Antworten auf diese Fragen sowohl mündlich als auch schriftlich und teils in Originalunterlagen oder auch in Form von Fotokopien überbracht.

Die Gruppe von K.  erweiterte sich in kurzer Zeit um drei weitere Agenten. Neben den allgemeinen Aufgaben ging es da vor allem um die bahntechnischen Anlagen der Flugzeugindustrie in Dresden, des Kernforschungsinstituts in Rossendorf und um die Zulieferer zu diesen Einrichtungen. Auch die Forschungseinrichtungen in Pirna-Sonnenstein gehörten zu den Zielobjekten. Das Besondere an der ganzen Geschichte war aber die Tatsache, dass nicht nur Informationen geliefert wurden. Man debattierte auch über den Zweck der ganzen Angelegenheit. Ganz konkret wurde erörtert, wie und an welcher Stelle und in welcher Stärke mit künftigen Luftangriffen das Verkehrsnetz der Bahn am effektivsten außer Betrieb gesetzt werden konnte. Die Perfidie wird deutlich, wenn man sich erinnert, dass Dresden erst im Februar 1945 von angloamerikanischen Bombern zerstört worden war.

Es ging noch weiter. Die Agenten sollten sich darauf vorbereiten, wie sie nach diesen Luftschlägen auf schnellsten Wege Informationen über deren Auswirkung und auch über die Stimmung der Bevölkerung nach diesen Attacken an die Amerikaner geben können. Zu diesem Zweck wurde ein besonderes Verbindungssystem vorbereitet. Neben Deckadressen in der BRD, Ausrüstung mit Geheimschriftmitteln und dem Aufbau eines Kuriersystems, legte man zur unpersönlichen Nachrichtenübergabe sogenannte Tote Briefkästen an.

Nicht zu dieser Eisenbahntruppe, aber zur gleichen Agentenzentrale, gehörte die dritte Angeklagte, Jutta T. Sie war als Sekretärin im VEB Wissenschaftlich-Technisches Büro für Gerätebau von einem Bekannten, der vor einiger Zeit die DDR verlassen hatte, nach Westberlin eingeladen und dem Geheimdienst zugeführt worden. Auch ihr Persönlichkeitsbild entsprach den Vorstellungen der Amerikaner. Aus einer Gutsbesitzerfamilie stammend, hatte sie im Jahre 1930 ein Medizinstudium begonnen. Zwei Jahre später brach sie das ab und trat der NSDAP bei. Nach Hitlers Machtantritt meldete sie sich freiwillig zum Reichsarbeitsdienst und kam als Reichsarbeitsdienstführerin nach Stettin. Dort übernahm sie 1940 die Funktion der Gaufrauenschaftsleiterin, also eine recht hohe Funktion im Parteiapparat der Nazis. Durch Heirat zog sie 1944 nach Berlin. Nach Kriegsende begann sie nach mehreren anderen Beschäftigungen ein Studium an der Fachschule für Betriebswirtschaft und war vor ihrem Wechsel in die neue Tätigkeit bis 1954 Produktionsleiterin in einem Berliner Chemiebetrieb. Ihr politisches Image als progressive Person erwarb sie sich im Auftrag der Amerikaner durch aktive Gewerkschaftsarbeit, in der Betriebssportgemeinschaft und als Vorsitzende des Frauenausschusses des Unternehmens.

Sie lieferte an den Geheimdienst umfangreiche Materialien über Entwicklungen in der zivilen und militärischen Luftfahrt, über Flugsicherung und Luftabwehr, die Entwicklung meteorologischer Anlagen und über Navigationssysteme auf dem Gebiet der Luft- und Seeortung. In ihrer Funktion kamen ihr auch Unterlagen anderer Forschungseinrichtungen und Unternehmen der DDR in die Hände. Diese Dokumentationen verbrachte sie regelmäßig in kurzen Abständen im Original nach Westberlin, übergab sie dem zuständigen Geheimdienstmitarbeiter und wartete ab, bis sie abfotografiert wurden um sie dann wieder mit nach Hause zu nehmen.

Der eigentliche Grund für meine Anwesenheit bei diesem Prozess waren die beiden nächsten Angeklagten Fried­rich W. und Werner Ch. Sie kamen aus dem von mir geführten Operativ-Vorgang »Rote Spinne«. Alle Mitarbeiter dieser Geheimdienststelle bekamen als Erkennungszeichen eine Art Taschentuch aus Japanseide mit einem kleinen in eine Ecke eingedruckten roten Spinnensymbol. Daher dieser Vorgangsname. Bevor ich mich zu den operativen Details äußere, ist es angebracht, die Persönlichkeitsbilder der beiden, die der CIC-Dienststelle des US-Geheimdienstoffiziers Captain Walter dienten, etwas näher anzusehen.

Als Sohn eines Berufsoffiziers begann W. nach dem Schulabschluss im Jahre 1920 eine Lehre bei der Deutschen Bank, um auf Wunsch seines Vaters die höhere Beamtenlaufbahn einzuschlagen. Als ausgebildeter Bankbeamter trat er dann schon 1926 in die Nazipartei ein. Seine politischen Aktivitäten im Sinne dieser Bewegung führten 1929 zu seiner Entlassung aus dem Bankhaus Dellbrück-Schickler und Co, in dem er zu dieser Zeit arbeitete. Da er keine neue Beschäftigung fand, emigrierte er über Schweden nach Finnland und verdiente seinen Unterhalt als kaufmännischer Angestellter. 1932 kehrte er nach Deutschland zurück, war kurze Zeit arbeitslos und wurde sofort nach Hitlers Machtantritt Mitarbeiter der Geheimen Staatspolizei.

Sein Einsatz erfolgte zuerst bei der Zerschlagung der Reste der Kommunistischen und der Sozialdemokratischen Partei. 1934 kam er zur Sittenpolizei. Bei einer Hausdurchsuchung eignete er sich widerrechtlich Wertsachen an. Das brachte ihm eine Verurteilung zu acht Monaten Gefängnis ein. Fünf Monate musste er davon abbüßen. Seine neue Arbeitsstelle war danach die NS-Ferienorganisation »Kraft durch Freude«. Diese Beschäftigung war aber recht kurz. Nach wenigen Wochen holte ihn die Gestapo zurück in die Abteilung Fremdenüberwachung. Unter Nutzung seiner erworbenen skandinavischen Sprachkenntnisse waren seine Zielobjekte vor allem Ausländer aus dieser Region, die sich längere Zeit in Deutschland aufhielten. Man stattete ihn mit Personaldokumenten aus, die ihn als Sportjournalist auswiesen.

In Berlin gab es damals in der Budapester Straße eine zu jener Zeit recht bekannte Ballettschule. Das war ein Treffpunkt honoriger Personen und vor allem ausländischer Diplomaten. Den Nazis war sie ein Dorn im Auge, weil man nicht wusste, was sich da so alles abspielte. W.  gelang es, sich unter seiner neuen Identität dort einzuschmuggeln und dafür zu sorgen, dass die Chefin und zwei ihrer Mitarbeiterinnen verhaftet werden konnten. Als Belohnung für diesen Erfolg wurde er als ZbV (»Zur besonderen Verwendung«) mit dem Dienstgrad SS-Obersturmführer in den Stab des SS-Reichsführers Heinrich Himmler versetzt.

Sein neues Aufgabengebiet waren Erkundungen in Kreisen der höheren Naziführung, in denen sich oppositionelles Gedankengut entwickelte. Ein spezieller Auftrag richtet sich gegen den Reichsbankpräsidenten Dr. Hjalmar Schacht. Der sollte umgebracht werden. Das war W. jedoch zu viel. Wegen Befehlsverweigerung, die Nazis gingen bekanntermaßen auch hart mit ihren eigenen Leuten um, sperrte man ihn in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Als besondere Demütigung für ihn als Judenhasser war sein Einsatz als Blockältester in einem Judenblock. Zu dieser Zeit wurde im KZ Sachsenhausen eine so genannte Frontbewährungseinheit, bestehend aus kriminellen SS-Angehörigen und anderen Verbrechern, angeführt von dem wegen Kinderschändung vorbestraften SS-Offizier Dirlewanger, gegründet. W. bekam hier die Möglichkeit mitzumachen. Und er tat es. Mordend und plündernd zog diese Truppe durch die besetzten Gebiete. Zuerst in Frankreich und dann in der Sowjetunion verrichteten sie ihr verbrecherisches Werk.

Das Wüten dieser Bande erregte selbst in führenden Nazikreisen Ablehnung. Im Sommer 1944 wurde sie aufgelöst und ihre Angehörigen in die Wehrmacht eingegliedert. Nach kurzem Fronteinsatz in Frankreich kam W. in den Stab des Generalfeldmarschalls Model als Kraftfahrer. Im Februar 1945 wurde er als Feldwebel der Wehrmacht entlassen, um nicht als ehemaliger SS-Mann in Kriegsgefangenschaft zu geraten. Zur Vervollständigung seines Persönlichkeitsbildes sei noch gesagt, dass er mit dem Kriegsverdienstkreuz, dem Eisernen Kreuz II. Klasse und der bronzenen Nahkampfspange ausgezeichnet wurde.

Nach Kriegsende kam er auf Umwegen nach Berlin, übte verschiedene Tätigkeiten aus und bekam eine Stelle als Kraftfahrer bei der französischen Besatzungsmacht. 1948 wurde er Gefängniswärter in Tegel. Das endete 1950, weil er als derjenige erkannt wurde, der während eines Fronturlaubs im Kriege einen Berliner Geschäftsmann, der sich gegen Hitler geäußert hatte, ins Konzentrationslager brachte, in dem dieser ums Leben kam. W. wurde deswegen von einem Westberliner Schwurgericht zu einem Jahr Freiheitsentzug verurteilt. Nach dieser Zeit ging er wieder auf Suche nach Arbeit und lernte dabei einen angeblichen Detektiv kennen. Der nutzte ihn gegen Bezahlung für verschiedene Ermittlungs- und Beobachtungstätigkeiten. Gegen Ende des Jahres 1953 schlug der Detektiv vor, W. seinem Chef zwecks Aufnahme einer ordentlichen Arbeit vorzustellen. Dieser Chef war der CIC-Mann Captain Walter und W. war von da an fester Angestellter bei diesem Geheimdienst.

Nun zum fünften Angeklagten in diesem Prozess – Werner Ch. Der hatte nicht ganz so eine spektakuläre Vergangenheit wie der eben beschriebene W. Seine Befähigung für diese Tätigkeit ergab sich aus anderen Eigenschaften, die den Amerikanern Appetit machten. Als kaufmännischer Angestellter war er in den 30er Jahren in die Arbeitslosigkeit geraten. Deswegen meldete er sich im Jahre 1935 als Berufssoldat zur Deutschen Kriegsmarine, in der er bis zum Kriegsende 1945 diente. Nach kurzer Gefangenschaft und verschiedenen Beschäftigungen danach bekam er 1949 eine Stelle bei der HO, Landesleitung Brandenburg, in der er es bis zum Abteilungsleiter Ein- und Verkauf von Wirtschaftswaren brachte. Unter Missbrauch seiner Möglichkeiten veruntreute er eine größere Menge devisenträchtiges Meißner Porzellan und verschob es zugunsten seiner Privatkasse nach Westberlin. Das kam heraus und brachte ihn eine Verurteilung zu sechs Jahren Haft, von denen er drei Jahre absitzen musste, ein.

Nach der Haftentlassung verließ er die DDR in Richtung Westberlin und nahm Kontakt zu seinem damaligen Kumpel, mit dem er die Porzellanschiebungen gemeinsam gemacht hatte, auf, ohne zu wissen, dass der inzwischen den Amerikanern als einer der Stellvertreter von Cptn. Walter diente. In dieser Eigenschaft hätte der ja eigentlich nun dafür sorgen müssen, dass sein in Not geratener alter Freund entsprechend seinem Wunsch als politischer Flüchtling aufgenommen wird. Nichts in dieser Richtung geschah. Ch.s Anerkennung wurde abgelehnt. Als er seinen Personalausweis wieder haben wollte, um in die DDR zurück zu kehren, verweigerte man das. Dagegen empfahl ihm sein Freund, den Beschwerdeweg zu gehen und vermittelte ihn an die »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« und die »Vereinigung der Opfer des Stalinismus«. Während er in der KgU nur registriert wurde, traf er bei der VOS auf einen uns aus anderen operativen Zusammenhängen schon bekannten Agenten. Der versprach Hilfe und vermittelte bis zur Klärung der ganzen Sache eine Beschäftigung in der Registratur der Organisation. Er hatte selbst eine faschistische Vergangenheit. Schon vor 1933 war er Anhänger von Hitler und in dessen Partei aktiv. Das rette ihn damals vor einer wegen Unterschlagung ausgesprochen längeren Gefängnisstrafe und brachte ihm nach der Machtübernahme einen Posten im Parteiapparat der Nazis ein. Am Ende war er Hauptpropagandaleiter der NSDAP für das Land Brandenburg.

Ch. wurde mit der Sortierung der Kartei der VOS beschäftigt. Dabei notierte er sich eine größere Anzahl Adressen von DDR-Bürgern, in weiser Voraussicht, daraus einmal Kapital schlagen zu können. Zu dieser Zeit tauchte Friedrich W. bei ihm auf und bot die Zusammenarbeit mit dem USA-Geheimdienst an. Ch. stimmte zu, wurde zu Cptn. Walter gebracht und zur Zusammenarbeit verpflichtet. Die Anerkennung als politischer Flüchtling erfolgte zwar nicht. Bei einer solchen Prozedur wären zu viele Außenstehende mit den Interessen der Amerikaner konfrontiert worden. Das sollte auf alle Fälle vermieden werden. Es wurde ein Westberliner Personalausweis ausgestellt, Ch. konnte das Flüchtlingslager verlassen und in Berlin eine Wohnung nehmen. Soweit erst einmal zu den Persönlichkeitsbildern der Angeklagten.

Die vom Gericht verhängten Urteile waren hart. F. und W. bekamen wegen der Schwere ihrer Straftaten lebenslängliche und die anderen zeitlich begrenzte Freiheitsstrafen. Wenn man heute darüber spricht, wird oft die Frage gestellt: Warum hat die DDR so hart zugeschlagen? Spionage haben doch alle gemacht. DDR-Spione, die im Westen erwischt wurden, sind doch viel milder davon gekommen. Da muss man schon genau hinsehen. Kein DDR-Spion hatte den Auftrag an Kriegsvorbereitungen oder dem Sturz des westlichen Herrschaftssystems zu arbeiten, Brände zu legen oder Sabotageakte auszuführen. Der Einsatz unserer Leute erfolgte ausschließlich zur Erkennung und Abwehr der Angriffe der anderen Seite, die aus ihrer Absicht, die DDR zu beseitigen, nie ein Hehl gemacht hat. Dass dabei die Methoden der Abwehr auch außergewöhnliche Handlungen notwendig machten, lag in der Natur der Sache. Was das Wesen der westlichen Geheimdienstarbeit war und im übertragenen Sinne heute noch ist, habe ich hier schon unter Bezug auf die Anklageschrift des Generalstaatsanwaltes genannt.

An dieser Stelle muss ich jetzt zur Erläuterung der Zusammenhänge um zwei Jahre zurückgehen. Im Sommer 1955 wurde ich zur Hauptabteilung II versetzt. Das war die Zentrale der Spionageabwehr in Berlin. Meine praktischen Erfahrungen bis dahin bestanden in zwei Jahren Arbeit als Sachbearbeiter in einer kleinen Kreisdienststelle, die mit dieser Art von Feindkontakten nicht allzu viel zu tun hatte, und aus den neun Monaten Theorie aus dem gerade abgeschlossenen Grundlehrgang an der Ausbildungsstätte in Eberswalde. Es waren mehrere Teilnehmer aus diesem Lehrgang, die sich da am neuen Arbeitsplatz einfanden und vom stellvertretenden Hauptabteilungsleiter empfangen wurden. In seinen Worten betonte er die Notwendigkeit der personellen Verstärkung dieser Diensteinheit, weil die anfallenden Aufgaben unter den zu dieser Zeit herrschenden Bedingungen nicht mehr zu bewältigen waren. Die Hauptabteilung bestand zu dieser Zeit aus sechs Unterabteilungen. Mein Einsatz erfolgte in der HA II/1, damals die amerikanische Linie, die so um die 30 operative Mitarbeiter hatte. Das entsprach etwa der Zahl der Agentenzentralen, die von Westberlin aus gegen die DDR ihr Unwesen trieben.

Wie kompliziert die die Lage war merkte ich, nachdem mir ein konkretes Aufgabengebiet übertragen wurde. Vom zuständigen Referatsleiter bekam ich den Schlüssel für einen Stahlschrank, in dem die gesammelten Dokumentationen zu einer Einrichtung des amerikanischen Geheimdienstes aufbewahrt wurden. (Das war die CIC-Dienststelle des Cptn. Walter, die ich in meinen vorausgegangenen Ausführungen schon genannt habe.) Das vorliegende Material war bis zu diesem Zeitpunkt aus Mangel an Personal nur gesammelt worden und bedurfte dringend einer systematischen Bearbeitung. Vor allem war eine Koordinierung zwischen den verschiedenen Diensteinheiten, die es erarbeitet hatten, nötig. Daraus ergab sich nun für die kommende Zeit meine Aufgabe.

Jetzt musst erst einmal alles gesichtet, geordnet und ein Sachstandsbericht erarbeitet werden. Was ich da vorfand übertraf alles, was ich bisher über Geheimdienstarbeit gelernt hatte. Jetzt war es mein normaler Alltag. Man half mir natürlich bei der Fertigung des Berichts und ich konnte ihn in der vorgegebenen Zeit von zwei Wochen abliefern. Nach einigen kleinen Korrekturen wurde er dann auch akzeptiert. Es ging weiter. Ein Arbeitsplan für die künftige Bearbeitung dieser Feindzentrale musste gefertigt werden. Davon hatte ich aber nun überhaupt keine Ahnung. Aber auch da gab es Helfer, die mir zeigten, wie das zu machen war.

Die im Dienstgebrauch verwendeten Begriff »Offensive Abwehr« oder auch »Äußere Abwehr« waren dabei die Grundlage und mir wurde in diesem Zusammenhang erst richtig bewusst, was sie inhaltlich bedeuteten. Normalerweise denkt man bei der Arbeit an einem solchen Komplex, man macht gegnerische Agenten sichtbar und legt sie auf irgendeine Weise lahm und damit ist die Sache geklärt. So einfach sollte das aber nicht sein. Auf diese Art zu kämpfen hieße, die erkannten Personen fängt man weg, der Gegner sucht sich neue, man entlarvt sie wieder und so weiter und so fort. Das wäre ein nicht enden wollender Kreislauf, in dem man den Dingen immer hinterher läuft und zu keinem Ende kommt.

Offensive Abwehr meinte aber das Übel an der Wurzel zu packen und diese gewissermaßen trocken zu legen. Meine konkrete Aufgabe bestand demnach darin, die vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen, mit eigenen Agenturen in die gegnerische Zentrale einzudringen, sie von innen heraus lahm zu legen und zu zerstören. Das mir vorliegende operative Material stammte hauptsächlich aus den Arbeitsergebnissen verschiedener Diensteinheiten. In den Bezirksverwaltungen gab es analog zu der Struktur in der Zentrale auch die für die Spionageabwehr zuständigen Abteilungen II. Deren Leiter warteten schon lange auf eine Stelle in der Zentrale, wo sie Arbeit zu diesem konkreten Material abstimmen konnten. Ich war jetzt der Anlaufpunkt für die Genossen von der Basis, die alle schon längere Zeit in diesem Metier tätig waren und sich in den Sitten und Gebräuchen dieses Geschäfts gut auskannten. Entgegen meinen Bedenken lief das alles recht gut an. Es war für mich, wie man das so nennt, eine Qualifizierung im Prozess der täglichen operativen Arbeit. Die Amerikaner nannten es »learning by doing«.

Das verlief besonders positiv, weil die Partner meine Situation beachteten und im Zusammenwirken sehr kooperativ waren.

Wer war nun mein konkreter Gegner? Eingangs sagte ich schon, die USA unterhielten in Westberlin so an die 30 Filialen der verschiedenen militärischen und zivilen Geheimdienste, die in der Mehrzahl getarnt als private Einrichtungen in der Stadt verteilt waren. Die von Cptn. Walter befand sich zuerst in Berlin-Dahlem, sie zog in jener Zeit, als ich sie bearbeitete, nach Lichterfelde-West um. In beiden Fällen handelte es sich um unscheinbare Stadtvillen, bei denen kein Außenstehender ahnte, was sich hinter deren Fenstern tatsächlich abspielte Am letzteren Standort existierte diese Einrichtung bis zur durch unsere Maßnahmen bedingten Auflösung im Jahre 1957. Der Chef war der schon erwähnte Cptn. William von Walter. Er gehörte, nach eigenem Bekunden, in den USA als leitender Mann der faschistischen Organisation Ku-Kux-Klan an. Im Koreakrieg war er Kommandeur einer Fallschirmjägereinheit. Stolz berichtete er über die Teilnahme an Terroreinsätzen in Nordkorea. Noch während des Krieges wurde er vom CIC übernommen und danach in die benannte Funktion nach Berlin delegiert.

Wir waren im Besitz schriftlicher Originaldokumente, auf deren Grundlage die Amerikaner ihre Agenten ausbildeten und instruierten. Wie wir in den Besitz dieser Dinge gekommen sind, geht aus meinen weiteren Ausführungen hervor. Was also hier gesagt und beschrieben wird sind keine Deutungen und Vermutungen. Es entstammt dem von den Amerikanern selbst formulierten Originaltext. Die Zielgebiete dieser Dienststelle waren vor allem die DDR und darüber hinaus Polen und die CSSR. Ihre Aufgabenstellung bestand in umfassender Informationsbeschaffung auf allen Gebieten, durch Sabotage, Diversion und Unterwanderung die Entwicklung in den Zielgebieten zu stören und aktive Vorbereitungen zur Unterstützung westlicher Streitkräfte für den Fall eines militärischen Konflikts zu treffen. Also die gleichen Handlungen, wie ich sie eingangs beim Einsatz der anderen Angeklagten nannte.

Neben einer schriftlichen Fassung seiner Aufgaben war jeder Agent im Einsatzgebiet mit sogenannten Erkennungstafeln ausgestattet. Sie bestanden aus Blättern im A 5-Format auf denen alles, was den Geheimdienst interessierte, bildlich dargestellt und mit Zahlencodes versehen war. Der Spion konnte damit die meisten seiner zu liefernden Informationen in einfachen Zahlentabellen übermitteln. Um beim Militärischen zu bleiben, es war nicht nur möglich, auf diese Art militärische Ausrüstungen zu benennen. Die Bilder umfassten auch Uniformen, Dienstgrade, Art der Waffengattung bis hin zu Orden und Abzeichen der Armeeangehörigen.

Walters Dienststelle unterhielt in den Tagen, als ich die Bearbeitung übernahm, etwa 60 aktive Agenturen in der DDR. An der Ausweitung und Qualifizierung dieses Netzes wurde eifrig gearbeitet. Neben der umfassenden Sammlung von Spionageinformationen aller Art geriet immer mehr in den Vordergrund die Suche und der Ausbau von Stützpunkten für die Lagerung von Waffen und Sprengstoffen, die Schaffung von Funkstützpunkten, von Unterkünften für konterrevolutionären Gruppen und von Nachrichtenschleusen. Die Agenten wurden auch in bestimmten Abständen immer wieder abgefragt, ob sie auch im Falle eines bewaffneten Konflikts bereit sind, weiter mit den Amerikanern Verbindung zu halten.

Die Methoden zur Beschaffung von Namen neuer Werbungskandidaten waren vielfältig. Man unterhielt ständige aktive Kontakte zu solchen Organisationen, die sich vor allem dem Kampf gegen die DDR verschrieben hatten, extra dafür gegründet und zum großen Teil von den Amerikanern finanziert wurden, wie die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, der Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen, der Rundfunk im Amerikanischen Sektor, die Ostbüros der SPD und des DGB, die  Westberliner Politische  Polizei und natürlich die sogenannten Sichtungsstellen der westlichen Geheimdienste in den Aufnahmelagern für DDR-Flüchtlinge. Von all denen holte man sich ständig Adressen von DDR-Bürgern und erkundete Möglichkeiten, sie zu kontaktieren.

Es war ja bekannt, das Ostbüro der SPD, inzwischen von führenden Leuten der Partei selbst bestätigt, war eine Geheimdienstgründung. Ursprünglich von den Engländern erdacht, geriet es sehr bald in US-amerikanische Hände. Sie operierten ins Gebiet der DDR über Verbindungen, die die Sozialdemokratie auch nach der Vereinigung zwischen KPD und SPD zur SED 1946 noch in den Osten unterhielt. Auch der RIAS bemühte sich intensiv um Ostverbindungen. Mit seinen Rätselsendungen der verschiedenen Art, die speziell auf Hörer aus dem Osten ausgerichtet waren, bekam er viele Zuschriften ins Haus. Personen, die die bewusst einfach gehaltenen Quizfragen richtig beantworteten, wurden dann nach Westberlin zur Abholung ihrer in großer Zahl ausgeschütteten Gewinne eingeladen. Dabei wurden sie raffiniert ausgefragt. Mit denen, die den US-Leuten ein interessantes Persönlichkeitsbild boten, versuchte man in Kontakt zu bleiben, um sie dann in geeigneter Form an sich zu binden. Damit wir in der DDR nicht dahinter kommen, wer Briefe an den RIAS schrieb, gab man nach jeder Sendung private Westberliner Deckadressen aus, die ständig gewechselt wurden. Die Rückinformationen an die Briefschreiber aus der DDR wurden mit fingierten Adressen aus dem Osten versehen und auch da in die Briefkästen geworfen, weil man mit Recht annahm, dass sie da nicht so leicht in unsere Hände geraten.

Neben zwei weiteren US-Amerikanern waren es vor allem Deutsche mit faschistischer Vergangenheit, die den hauptamtlichen Mitarbeiterbestand von Walters Dienststelle ausmachten. Walter vertrat den Standpunkt, auf solche sei im Kampf gegen den Bolschewismus hundertprozentig Verlass. So fanden wir dort einen ehemaligen SS-Sturmführer, einen Wehrmachtsoffizier, den ehemaligen Vorsitzenden der nazistischen Deutschen Partei und auch einen aus dem kriminellen Milieu stammenden Typen, der eine ganz besondere Aufgabe hatte. Der unterhielt eine Bande Jugendlicher, die man für alle möglichen Provokationen einsetzen konnte. Captain Walter meinte, mit einigen Steinwürfen kann man aus jeder normalen Demonstration eine politische Aktion machen. Durch in solche Veranstaltungen hineingetragene Gewalt wird Gegengewalt herausgefordert und man hat das, was man braucht. Dabei verwies er auf die Ereignisse des 17. Juni 1953, wo die Amerikaner mit dieser Methode dazu beigetragen haben, dass aus anfänglich friedlichen Demonstrationen das wurde, als was es dann in die Geschichte einging.

Diese Truppe kam nicht nur im Osten zum Einsatz. Auch in Westberlin und in der BRD warfen solche Leute bei dem Regime unliebsamen Demos Schaufenster ein, brannten Müllcontainer an und bedrohten Sicherungskräfte, um Polizeieinsätze zu provozieren und zu rechtfertigen. Wenn ich heutzutage manchmal höre, welche Krawalle oft bei an sich vernünftigen Veranstaltungen entstehen, stellt sich bei mir auch immer wieder die Frage: Mischt da jemand in den eben beschriebenen Sinne mit? Auch die oft bei Veranstaltungen dem linken Milieu zugeschriebenen randalierenden Vermummten, die da Chaos inszenieren, lassen da bei mir solche Gedanken aufkommen.

Nachdem ich mich einigermaßen mit dem ganzen Sachverhalt vertraut gemacht hatte, rief mich mein Abteilungsleiter zu sich. Ich sollte mit ihm nach Erkner fahren. Obwohl ihm das in seiner Dienststellung zustand, hatte er keinen eigenen Kraftfahrer. Er fuhr seinen Wagen selbst oder ließ sich hin und wieder von einem seiner Mitarbeiter transportieren. So nahm ich an, es sollte sich um einen solchen Fall handeln. Unterwegs erfuhr ich, worum es ging. Er wollte mir einen seiner Inoffiziellen Mitarbeiter zur weiteren Zusammenarbeit übergeben. Für mich war das schon eine Überraschung. Es handelte sich nämlich um einen ehemaligen leitenden Mitarbeiter der Walterschen CIC-Zentrale, der aus Sicherheitsgründen zurückgezogen worden war. Von ihm erfuhr ich dann die vielen Detailinformationen über die inneren Zustände in dieser Truppe und über die Charaktere der dort tätigen Leute.

In den Bezirksverwaltungen des MfS liefen mehrere Operative Vorgänge zu Walters Aktivitäten. Ein Schwerpunkt war wohl dabei der Uranbergbau im Erzgebirge, also die Wismut-AG im Raum Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz). Interessantes Material lag auch aus den Verwaltungen Berlin, Cottbus, Dresden und Frankfurt/Oder vor. Die Genossen von der Wismut hatten gerade eine interessante Maßnahme laufen, in die ich einbezogen wurde. Der Leiter eines Materiallagers der Wismut-AG war nach Westberlin geflüchtet. In seinem Verantwortungsbereich hatte es Unregelmäßigkeiten gegeben und die Kriminalpolizei ermittelte gegen ihn. Zur gleichen Zeit lag er in Ehescheidung. Seine Frau hatte ihn aus der Wohnung gewiesen und dann kam für ihn als SED-Mitglied noch ein Parteiverfahren hinzu. Das alles überforderte seine Kräfte und in einer Kurzschlussreaktion, im Glauben, sich den Problemen entziehen zu können, ging er in den Westen. Da hatte er sich aber geirrt. In den Notaufnahmelagern, wo die DDR-Flüchtigen gesammelt wurden, gab es die so genannten Sichtungsstellen der westlichen Geheimdienste. Da musste jeder Angekommene, in der Reihenfolge US-Amerikaner, Engländer, Franzosen durch. Wer für diese Leute als besonders interessant galt, blieb bei der jeweiligen Firma hängen und wurde aus dem normalen Ablauf des Verfahrens herausgenommen. Unser Wismutmann war für die Amerikaner ein gefundenes Fressen. Der Uranbergbau galt ja für die Geheimdienste aus nahe liegenden Gründen als Hauptangriffsziel.

In den Westen gehende DDR-Bürger wurden in der Regel mit offenen Armen empfangen. Wollte man jedoch jemanden, wie in diesem Falle, zur völligen Offenbarung zwingen oder gar in geheimdienstliche Aktivitäten gegen die DDR einbinden, trieb man mit diesen Personen oft ein übles Spiel. Um sie von sich abhängig zu machen, wurden ihnen erst einmal Schwierigkeiten bereitet, aus denen sie ohne die vermeintliche Hilfe der Amerikaner nicht wieder heraus kamen. Da man wusste, dass manche, im konkreten Falle traf das ja zu, wegen zu erwartender Strafverfolgung nicht wieder in die DDR zurück konnten, drohte man die Aufenthaltsverweigerung für den Westen an, wenn sie ihre Fluchtgründe nicht durch glaubwürdige Schriftstücke oder Zeugen beweisen konnten.

Wer sich nun in seiner Not darauf einließ, der musste aus seinem früheren Umgangskreis Bekannte nach Westberlin locken und sie dem Geheimdienst in die Hände geben. Ließen sich solche DDR-Bürger, in der Annahme, für ihren Freund oder Kollegen etwas Gutes zu tun, darauf ein, waren sie kompromittiert. Man sagte ihnen ganz offen und brutal, wenn die DDR-Behörden von diesem ihrem Kontakt etwas erfahren, werden sie mit Sicherheit Ärger bekommen. Und ob die DDR davon etwas davon mitbekommt, teilte man den Betroffenen so nebenbei mit, hängt weitgehend vom Wohlwollen der Amerikaner ab. Damit hatte man diese Leute in der Hand und es gab nicht wenige Fälle wo daraus neue Agenten wurden. So etwas nennt man normalerweise Erpressung. Das gehörte bei diesen Diensten aber zur Normalität.

In diese Situation war unser Wismutmann geraten. Seine frühere politische Gesinnung hatte er noch nicht verloren. Mit dem US-Geheimdienst wollte er sich auf keinen Fall einlassen. Schweren Herzens nahm er Verbindung zu seiner geschiedenen Frau auf. Er bat sie um Nachforschungen, ob gegen ihn noch strafrechtliche Maßnahmen laufen und unter welchen Bedingungen er möglicherweise in die DDR zurückkehren kann. Von diesen Dingen erfuhren unsere Genossen von der Wismutdienststelle. Man sprach mit der Frau und gewann sie zur inoffiziellen Zusammenarbeit, also als IM, um ein operatives Spiel, wie das in unserem Sprachgebrauch genannt wurde, einzuleiten. Sie war bereit, nach Westberlin zu fahren und sich die Probleme ihres Ehemaligen ausführlich schildern zu lassen und vor allem seine Vorstellungen zu erkunden, wie er aus diesem Dilemma herauskommen will. Bei einem zweiten Treffen nahm sie unseren Auftrag mit, ihn zu überzeugen, sich zu einer Kontaktaufnahme mit der Staatssicherheit in Ostberlin bereit zu erklären. Das hat funktioniert. Als neuer IM verließ er diese Zusammenkunft und trat in unserem Auftrag in die Dienste des US-amerikanischen CIC. Da die nun notwendige intensive Zusammenarbeit von Karl-Marx-Stadt aus nicht einfach zu bewältigen war, bekam ich diese Aufgabe übertragen.

Jetzt, wo er sich gegenüber den Amerikanern zugänglich zeigte, nahm die ganze Angelegenheit schnell in unserem Sinne ihren Lauf. Der Zeuge, der jetzt von der Wismut aus nach Westberlin reiste, war ein speziell dafür instruierter IM. Er wurde schneller als wir annahmen von den Amerikanern angeworben und begann damit seine Kariere als CIC-Agent unter unserer Führung. Bei unserem Freund im Flüchtlingslager erschien dann der eingangs beschrieben Friedrich W. und stellte sich als Beauftragter der Amerikaner vor. Das bis dahin erfolglose Aufnahmeverfahren als Flüchtling wurde unkompliziert abgeschlossen, ein Westberliner Personalausweis ausgestellt und eine Wohnung vermittelt. Nach mehreren Kontaktgesprächen, in denen im Großen und Ganzen erklärt wurde, worum es ging, wurde er von W. Cptn. Walter vorgestellt. Dieser stellte die Forderung bei der Wismut-AG ein Agentennetz aufzubauen.

Vorerst verblieb der IM unter der Anleitung von W. Er wurde auch in dessen privaten Umgangskreis einbezogen. Dazu gehörte noch W.s Freundin, die »Blonde Rita«, wie man sie nannte. Die war in die Geheimdiensttätigkeit mit einbezogen und steuerte auch eigene Agenturen in der DDR. Bei den häufigen Zusammenkünften floss immer reichlich Alkohol und es wurde viel gequatscht und vor allem auch mit den Ergebnissen der Tätigkeit geprahlt. Für unsere Informationsgewinnung war das eine echte Goldgrube, für unseren neuen Freund aber eine gewaltige Strapaze, denn sein Standvermögen beim Trinken war nicht sehr entwickelt.

Auch Ch., der dem Alkohol zugetan war, fand in diesem Kreis seinen Platz. Wir konnten damit seine Entwicklung ziemlich genau verfolgen. Auf der Grundlage des bei seiner Beschäftigung bei der Vereinigung der Opfer des Stalinismus notierten Adressenmaterials und der Anschriften von Mithäftlingen aus den verschiedenen Strafanstalten der DDR, in denen er gesessen hatte, begann er auftragsgemäß diese Leute anzuschreiben und sie unter ausgedachten Vorwänden nach Westberlin einzuladen. Mehr als 60 Personen bekamen solche Briefe. Für die Rückantwort bekamen sie Deckadressen in Westberlin genannt. Wir haben sofort reagiert und versucht, diesen Personenkreis zu ermitteln. Im Zusammenwirken mit den territorial zuständigen Diensteinheiten haben wir Kontakte aufgenommen und es ist uns unter Mitwirken der zuständigen Bezirksverwaltungen gelungen, unter den zehn Leuten, die Ch. bei seiner Aktion für die Amerikaner gewinnen konnte, sieben als IM anzuwerben Das war für den Anfang schon ein ganz gutes Ergebnis. Von Cptn. Walter hatte Ch. ganz konkrete Ziele genannt bekommen. Neben den allgemeinen Spionageaufträgen wirtschaftlicher, militärischer und gesellschaftlicher Natur, die alle Agenten hatten, bekam er konkrete Aufträge. Die betrafen bestimmte Produktionsstätten in Dresden, Leipzig und Magdeburg und ein Treibstofflager im Süden der DDR. Eine spezielle Aufgabe war die Schaffung einer Agentur in den Robur-Werken in Zittau. Dort wurden Kraftfahrzeuge mit luftgekühltem Motor hergestellt, die vor allem in den Export in Wüstengegenden der Dritten Welt gingen und dort vor allem beim Militär zum Einsatz kamen. Da wollten die Amerikaner genaueres wissen.

Wir fanden dort einen IM der zuständigen Diensteinheit, der in persönliche Schwierigkeiten geraten war. Eheprobleme, an denen er nicht ganz schuldlos war, und in deren Folge auch Auseinandersetzungen in seinem Betriebskollektiv, hatten ihm schwer zugesetzt. In einem Gespräch mit unserem Mitarbeiter äußerte er einmal, am besten ist, man haut ab. Abhauen war allgemein die Bezeichnung für in den Westen zu gehen. Diese Bemerkung ließ uns Überlegungen anstellen, um dann zu sagen: Warum nicht? Die ganze Sache nahm ihren Lauf und ging für uns ausgesprochen positiv aus. Oft waren für die Absicht, gezielt Personen an den Gegner anzuschleusen, viele Versuche notwendig. In vielen Fällen gelang es auch nicht. Hier hatten wir Erfolg. Unser Mann meldete sich im Flüchtlingslager Marienfelde. Die US-Sichtungsstelle nahm ihn sofort beiseite, offenbar hatte da Cptn. Walter dringenden Informationsbedarf angemeldet, Ch. tauchte auf und nahm die Angelegenheit in die Hand. In diesem Fall verlief die Geschichte unkompliziert. Ihm erschien offenbar unser Mann sehr sympathisch. Der bekam sogar eine Wohnung im gleichen Hause vermittelt, in dem Ch. wohnte. Besser konnte es für uns nicht laufen. Zumal wir damit auch gleich eine feste Position in dessen engerem Umfeld hatten.

Unter diesen Bedingen ist es dann gelungen einen weiteren IM, der vor seinem Abgang nach dem Westen in der Flugzeugindustrie in Dresden gearbeitet hatte, einzuschleusen. Dem beschaffte Ch. auch eine Wohnung an derselben Adresse. Wir hatten also dort gewissermaßen einen festen Stützpunkt. In kurzer Zeit kannten wir von Ch.s ungefähr zwanzig Agenten, die er bis dahin angeworben hatte, siebzehn mit Namen und Adresse. Wie schon gesagt, sieben davon waren unsere eigenen Quellen. An diesen Aktionen war eine ganze Reihe von MfS-Diensteinheiten in den Bezirken beteiligt. Meine Aufgabe war, das alles zu koordinieren und die Planung der Bearbeitung zu organisieren. Das war sehr zeitaufwändig und mit ständiger Reisetätigkeit verbunden.

W. hatte sich inzwischen auftragsgemäß auf die Schaffung von Stützpunkten nördlich von Berlin für Waffenlager und die Unterbringung von Diversantengruppen konzentriert. Von dem bereits erwähnten Mann von der Vereinigung der Opfer des Stalinismus bekam er Adressen von alten Nazis, die in dieser Gegend wohnten. Ausgewählt wurden Personen, die in einsamer Umgebung, möglichst in eigenen abgelegenen Grundstücken wohnten und viel Platz für solche Vorhaben hatten. Nach unseren ersten Erkenntnissen hatte er in diesen Tagen bereits acht solcher Basen geschaffen. Die »Blonde Rita« war in diese Dinge fest eingebunden und machte auch stellvertretend Treffs, wenn W. selbst nicht konnte.

Cptn. Walter war mit seinen neuen Agentenführen sehr zufrieden. Mit unserer Hilfe war er in bestimmte Bereiche der Wismut-AG eingedrungen, in denen die Amerikaner bisher noch keinen Fuß fassen konnten. Für unsere dortigen Genossen war es eine anstrengende Aufgabe, ständig neue Informationen zu basteln, die uns keinen Schaden zufügten aber die US-Leute glücklich machten. Wir durften aber auch nicht so weit gehen, dass der Verdacht entstand, jemand mischt da mit. Wir wussten also weitgehend, wo die Amerikaner ihre Leute suchten und konnten sie ihnen gezielt anbieten. Das heißt, auf verschiedene Weise suchten wir und warben IM und setzten sie so ins Blickfeld, dass die Geheimdienstleute auf sie stoßen mussten. Einfach war das nicht. Viel Kleinarbeit war nötig und viele Versuche gingen auch ins Leere. Am Ende war jedoch die Erfolgsquote recht positiv.

Das Vertrauen, das unsere eingeschleusten IM bei Cptn. Walter wegen ihrer vermeintlichen Erfolge gewonnen hatten, zahlte sich aus. Es machte ihn redselig und in seiner Selbstgefälligkeit gab er manchmal Dinge von sich, die er aus seiner Sicht hätte besser für sich behalten sollen. Aus vielen kleinen Bemerkungen und Andeutungen konnten wir bei gründlichem Sammeln und Analysieren wertvolle operative Schlussfolgerungen ziehen.

Bei der Auswertung der Walterschen Angeberei wurde ein Spion identifiziert, der lange Jahre im Randgebiet im Norden von Berlin seine Taten durchführte, sich nach Westberlin abgesetzt hatte und dort umgehend beim Westberliner Senat eine leitende Stelle einnahm. Wer so vorzüglich behandelt wurde, der musste schon Hervorragendes geleistet haben. Das Besondere an dem Mann war, dass er aus seinem engeren Verwandten- und Bekanntenkreis eine Reihe für den Geheimdienst wichtiger Leute zugeführt hatte, die nun ihre Mission weiter ausübten. Also begannen wir uns dieses Umfeld näher anzusehen. Vor seiner Flucht war er Bezirksschornsteinfegermeister in einem Gebiet mit hoher Konzentration militärischer Objekte der Sowjetarmee gewesen. Eine bessere Abdeckung als die, die dieser Beruf bot, konnte er kaum gehabt haben. Wer denkt schon daran, wenn der Schwarze Mann auf den Dächern herum klettert, dass der Böses im Schilde führt. Eher das Gegenteil ist der Fall. Gilt er doch normalerweise als Glücksbringer.

Wir waren bisher noch nicht darauf gekommen, auf welche Weise die Amerikaner die technischen Ausrüstungen, wie zum Beispiel Funkgeräte oder die geplanten Waffen und Sprengstoffe, in die DDR gebracht haben oder bringen wollten. Möglichkeiten dafür gab es ja viele, aber die Erkenntnis, wie es konkret lief, fehlte noch. Unter den Verwandten des abgegangenen Spions war ein Bestattungsunternehmer und der schaffte das Material bei seinen Transporten versteckt in Särgen unter den darin liegenden Leichen über die Grenze. Auf solche Gedanken war bisher keiner von uns gekommen. Der Mann war schnell ermittelt. Es entstand aber die nächste Frage: Wie kommt das Zeug an die endgültigen Empfänger? Dazu gab es einen weiteren Hinweis. Ein Mitarbeiter einer Bäckerei aus Berlin-Pankow hatte sich von Amerikanern kaufen lassen und holte die Gegenstände bei dem Leichentransporteur ab, vergrub die Dinge am Stadtrand in so genannten Toten Briefkästen, dokumentierte die Verstecke und gab die Lagepläne zurück an den Geheimdienst. Sie wurden dann bei Bedarf an die Endempfänger gegeben und die konnten das Zeug abholen. Ein ganz wichtiger Hinweis, der zur Identifizierung des Agenten diente, war: Die besagte Bäckerei sollte in der Zeit, als wir die Information erhielten, Urlaub machen und geschlossen sein.

Auf dem Amtswege, also über die zuständigen Stellen beim Rat des Stadtbezirks, war da nichts zu klären. Wir wollten auch nicht viel Aufhebens machen. Die Gefahr, dass unsere Aktivitäten an der falschen Stelle bekannt werden, war ja immer gegeben. So rüsteten wir einen IM als Kriminalisten aus und ließen ihn planmäßig durch die Straßen Pankows laufen und nach einer geschlossenen Bäckerei suchen. Das hat zwar einige Zeit in Anspruch genommen, aber wir hatten Erfolg. Der gesuchte Mann war also gefunden. Wie schon gesagt, ein Familienvater mit sechs Kindern und darum mit seinem geringen Einkommen ständig in Geldnot. Für die Amerikaner war das ein leichter Fang. Sie boten für die geleisteten Dienste eine relativ kräftige Entlohnung. Ohne große politische Ambitionen und ohne die Tragweite seines Handelns richtig zu erfassen, hatte er sich auf diese gefährliche Geschichte eingelassen.

Die Ergebnisse unserer Überprüfungen ergaben: kein verbissener Gegner der DDR. So wurde der Gedanke verfolgt, den Mann zu überwerben, um damit weitere Aktivitäten des Geheimdienstes zu erkennen. Er wurde konspirativ zugeführt, wie das im operativen Sprachgebrauch hieß und mit der Frage konfrontiert, entweder nach Recht und Gesetz für die begangene Straftat verurteilt zu werden oder zur Wiedergutmachung (juristisch formuliert: tätige Reue) mit uns zusammenzuarbeiten und dadurch weiteren Schaden von der DDR abzuwenden. Die Entscheidung fiel ihm offenbar nicht schwer. Mit ihm als neuen IM bin ich dann in den späten Abendstunden zusammen mit Günter Kratzsch, damals Referatsleiter in der Abteilung II/1, der Spionageabwehr, durch die Wälder rund um Berlin gezogen und wir gruben die verborgenen Schätze wieder aus. Die Inhalte der Toten Briefkästen waren nicht für den sofortigen Gebrauch bestimmt. Es waren hauptsächlich Ausrüstungen für den so genannten Tag X, also für den Zeitpunkt, wo die USA militärisch zuschlagen wollten. Wir mussten also nicht damit rechnen, dass unsere Handlungen gleich erkannt wurden.

An dieser Stelle mache ich mal eine Bemerkung zu den Begriffen »konspirative Zuführung« und »Werbung unter Druck«. Das wirft man ja heute dem MfS als besonders gemeine Arbeitsmethode vor. Es gibt da eine ganze Reihe von Personen, die mit uns in Konflikt geraten waren, von denen man hört, sie seien hinterhältig weggefangen und zur Zusammenarbeit gepresst worden – und sie erzielen damit natürlich in der heutzutage bei diesem Thema aufgeheizten Atmosphäre Wirkung. Der Kalte Krieg, von dem manche reden, ihn aber nur als Wortgefechte am Rednerpult betrachten, war für unsere Mitarbeiter harte Realität. Und kalt war er in vielen Fällen überhaupt nicht. Da wurde, wie man so schön sagt, mit scharfen Säbeln gefochten. Die wirksamste Bekämpfung gegnerischer Geheimdienste bestand im Eindringen in ihre Systeme und die Lähmung ihrer Aktivitäten von Innen heraus. Am Effektivsten war das natürlich, wenn man Personen, die schon drin waren, »herausbrechen«, d. h. zur Zusammenarbeit gewinnen konnte. Das funktionierte in der Regel nur mit dieser Methode. In dem Moment, wo unsere Maßnahmen öffentlich wurden, wäre ja ein weiteres Vorgehen in diese Richtung sinnlos gewesen. Aus diesem Grunde wurden in den meisten Fällen vorgesehene Festnahmen von Geheimdienstagenten als konspirative Zuführung organisiert. Es durfte erst einmal kein Außenstehender etwas davon mitbekommen. Das Gesetz ließ bei Gefahr im Verzuge eine solche Maßnahme ohne richterlichen Haftbefehl innerhalb einer Frist von 24 Stunden zu. Das ist übrigens auch in der bundesdeutschen Gesetzgebung so. Um jemanden ohne Aufsehen und ohne Zeugen in die Hände zu bekommen, war die Anwendung von Legenden und Täuschungen notwendig. Gelang das, konnte man den Betreffenden bei Annahme unseres Angebots ohne Probleme und Erklärungen gegenüber irgendjemanden wieder laufen lassen. Wäre diese Zuführung allerdings öffentlich geworden, war eine Überwerbung sinnlos geworden.

Was ist denn daran unmoralisch oder gar verwerflich, wenn eine Person, wie eben der genannte Bäckergeselle, vor die Frage gestellt wird, entweder für eine begangene Straftat vor Gericht zu gehen oder durch Zusammenarbeit mit den Sicherheitsorganen seine Schuld wieder abzutragen und weitere Straftaten zu verhindern? Diese Anwerbung unter Druck, wie es im innerdienstlichen Sprachgebrauch hieß, machte dabei einen sehr geringen Teil in der IM-Gewinnung aus und wurde bei Personen angewandt, die bereits Straftaten begangen hatten. Dazu muss ich sagen, im Laufe der Zusammenarbeit erwuchsen daraus, wie auch in diesem Falle, oft Überzeugung und gegenseitiges Vertrauen.

Besonders auf einen Agenten in der Volkskammer der DDR war Cptn. Walter stolz. Noch während der Sitzungen des Parlaments, wusste er, was dort verhandelt wurde. Diesen Mann aus dem Verwandtenkreis des Schornsteinfegers fanden wir in Cottbus. Er gehörte zur CDU-Fraktion und wurde nach den ersten Erkundungen als politisch aktiver und staatstreuer DDR-Bürger eingeschätzt. Durch seine Abgeordnetenimmunität war eine operative Bearbeitung schwierig. Die erforderlichen Maßnahmen konnten aus diesem Grunde nicht ohne weiteres durchgeführt werden. Die Beweise gegen ihn waren inoffizieller Natur und wir wollten auf keinen Fall unsere Quellen gefährden. Um diese Geschichte loszuwerden und akuten Schaden abzuwenden, entschlossen wir uns, unter einer Legende Kontakt aufzunehmen und seine unmittelbare Reaktion darauf zu registrieren. Ich suchte ihn während eines Berlinaufenthaltes in seiner hier gelegenen Zweitwohnung auf, trug ihm eine ausgedachte Agentengeschichte mit der Bitte vor, uns zu helfen. Mein Erscheinen hatte ihn sichtlich nervös gemacht. Er zwang sich deutlich wahrnehmbar zur Gelassenheit und sagte alles zu, was ich von ihm wollte. Nach Vereinbarung eines neuen Gesprächstermins und meiner Verabschiedung setzte er sich sofort in die S-Bahn nach Westberlin und kam nicht wieder. Das hatten wir einkalkuliert und waren auf diese Weise das Problem los.

Ein weiterer Agent aus dem Verwandtenkreis des Schornsteinfegers überraschte uns. Der ehemalige Chef der Betriebsfeuerwehr aus einem für die DDR-Wirtschaft wichtigen Berliner Großbetrieb und aktives Mitglied der SED diente den Amerikanern. Wir konnten es kaum glauben. In seiner Funktion als einer der höchsten Geheimnisträger mit Zugang zu allen sensiblen Bereichen, der wusste wo man drehen und schalten musste, um den Betrieb zu stören, hatte sich für diese Sache hingegeben. Durch ihn waren jahrelang Informationen an den Geheimdienst geflossen, deren konkreter Schaden zwar nicht genau messbar war aber unmittelbare Gefahren für die Sicherheit des gesamten Unternehmens heraufbeschworen hatte.

Gegen seine spätere Festnahme gab es aus der sonst progressiven Verwandtschaft heftige Proteste. Wir hätten uns geirrt oder wären falschen Anschuldigungen aufgesessen, wurde behauptet. Die Tatsachen sagten aber anderes aus. Nach seiner Verurteilung bin ich mit seiner Tochter auf ihren Wunsch nach Brandenburg gefahren, wo er seine Haftstrafe verbüßte und habe ihr ermöglicht, ein längeres Gespräch mit ihm zu führen, damit sie selbst hört, was da gelaufen war. Vor uns saß ein Mann mit auf diesem Gebiet unbeschreiblicher Naivität. Politisch durchaus interessiert und auch gebildet, war für ihn die gesamte Geheimdienstproblematik lediglich ein Thema für Kriminal- und Abenteuerromane. Er gehörte zu der Sorte von Partei- und Staatsfunktionären, die unsere Hinweise und Warnungen als die von immer schwarzsehenden Spinnern ansahen. Leider gab es nicht wenige aus diesen Kreisen mit ähnlicher Denkweise.

Bisher habe ich erzählt, wie wir in gegnerische Geheimdienste eingedrungen sind. Die haben natürlich das Gleiche mit uns versucht. Von der Berliner Dienststelle gab es einen Hinweis über einen Mitarbeiter aus der Gerichtsmedizin der Humboldt-Universität, der in seinem Umgangskreis unbekümmert von seinem Westberliner Bruder und dessen Beziehungen zum US-Geheimdienst sprach. Weil dabei auch der Name Cptn. Walter fiel, kam das auf meinen Tisch. Der Ostbruder von den beiden lebte in einer Gartenkolonie direkt an der Grenze. Mein erster Gedanke war, hier es handelt sich möglicherweise um eine dieser Schleusen, die von den Amerikaner mit hoher Intensität in diesen Gegenden gesucht wurden. Meine Erkundungen ergaben aber ein anders Bild.

Da er an der Universität offen über die Geheimdienstkontakte seines Bruders sprach, habe ich ihn eines Tages in seinem Domizil aufgesucht. Er war gar nicht verwundert. Meistens war es so, wenn man als Mitarbeiter des MfS in einer diffizilen Sache jemanden ansprach, gab es erst einmal ein gegenseitiges Herantasten. Es ging gleich lustig darauf los, er bestätigte die Geheimdienstkontakte seines Bruders und schlug auch gleich vor, wenn wir dessen Sicherheit garantierten, ihn zu einer nächsten Zusammenkunft mitzubringen. Seine Beziehungen zu den Amis seien rein finanzieller Natur, ein Gegner von uns wäre er nicht und wir könnten sicher bei einem Kontakt zu ihm davon profitieren Das lief alles verdächtig glatt und problemlos, so dass Vorsicht geboten war. Wir trafen uns dann kurze Zeit später in einer der kleinen Imbissgaststätten am Spreehafen im Treptower Park. Beide erklärten sich bereit, noch ehe sie richtig gefragt wurden, für uns gegen die Amerikaner arbeiten zu wollen. Sie hatten auch schon Decknamen für sich festgelegt. Die Informationen, die dann bei weiteren Zusammenkünften über die Waltersche Dienststelle kamen, waren sehr mager. Nach unserem bisherigen Erkenntnisstand hätte, wenn guter Wille vorhanden gewesen wäre, mehr kommen müssen.

Die Klärung der Angelegenheit ließ nicht lange auf sich warten. Einmal war ich etwas zeitig zu einem Treff nach Treptow gefahren. Eine andere Sache war schneller als geplant abgelaufen und ich wollte dazwischen nicht noch mal zurück zu Dienststelle. Auf den S-Bahnsteig sah ich, wie mein Freund eilig in den Zug nach Westberlin stieg. Zur vereinbarten Zusammenkunft erschien er verspätet und entschuldigte sich damit, nicht rechtzeitig von seiner Arbeitsstelle weg gekommen zu sein. Hier stimmte etwas nicht. Sein Arbeitsort lag doch in entgegen gesetzter Richtung und nicht dort, wo ich ihn vor einer halben Stunde habe hinfahren sehen. Beim kommenden Treff habe ich dann eigene Beobachter mitgenommen. Die stellten eindeutig fest, er war nicht allein. Mit ihm war eine Begleitung der anderen Seite, die unser Zusammentreffen im Blick hatte. Der Verdacht eines Doppelspiels war ziemlich eindeutig. Nach gründlichen Überlegungen haben wir beschlossen, unsere Erkenntnis nicht preis zu geben und dieses Spiel mitzumachen. Auf diese Weise haben wir die Amerikaner lange Zeit mit Desinformationen versorgt.

Wie diese ausgesehen haben? Ganz einfach. Mit ausgedachten Aktionen unsererseits in Westberlin haben wir Spuren gelegt, die die US-Amerikaner, wenn sie um ihre Interessen besorgt waren, verfolgen mussten. Das hat bei denen Kräfte gebunden, die nicht gegen uns ins Feld geführt werden konnten.

Ein anderes Beispiel. Ein Selbststeller hatte sich bei uns als Kurier des US-Geheimdienstes gemeldet, weil er angeblich eingesehen hatte, dass das eine unmoralische Sache war, für die er sich nicht länger missbrauchen lassen wollte. Als DDR-Flüchtling lebte er in Westberlin und war von den Amerikanern mit DDR-Personaldokumenten unter falschem Namen ausgestattet worden. Er erschien stets plötzlich zu verschiedenen Tag- und manchmal auch zu Nachtzeiten und zeigte uns Briefsendungen, die er irgendwo in der Umgebung Berlins an geheimen Stellen ablegen sollte. Die ganze Sache war aber so primitiv gemacht und widersprach allen Erfahrungen, die wir hatten, dass der Verdacht, wir werden hier sinnlos beschäftigt, schnell ausreifte. Wir haben dem Mann vorsichtig durchblicken lassen, wie er durch uns eingeschätzt wird und er blieb künftig fern. Eine operative Bearbeitung hätte viel Kraft und Zeit gekostet und nicht viel eingebracht.

In der Zusammenarbeit mit IM auf diesem Gebiet benutzten wir als Mitarbeiter nicht unsere Klarnamen. In einem weiteren Fall sprach mich ein Westberliner Kontaktpartner einmal mit meinem richtigen Namen an. Er erschrak danach offensichtlich und wurde nervös. Ich habe getan, als hätte ich nichts bemerkt und das Gespräch normal fortgesetzt. Die Sache war klar. Woher sollte jemand, mit dem ich vorher nichts zu tun hatte, meinen Namen kennen. Das konnte nur vom Geheimdienst kommen. In den Geheimdienstzentralen hatte man natürlich im Laufe der Jahre unsere Identität erkannt. Auch hier haben wir die Sache laufen lassen und den Mann mit ausgedachten Begründungen Aufträge in Westberlin ausführen lassen, die denen sicher einige Arbeit gemacht haben.

In der Gegend am Wannsee, unmittelbar an der Grenze zu Potsdam, gab es auf Westberliner Seite ein kleines Bordell mit niedrigen Preisen. So um die fünfzehn Westmark hat damals eine Visite dort gekostet. Das waren noch Zeiten. Früher war eben alles besser. Vor allem Kundschaft aus dem grenznahen Raum der DDR vergnügte sich dort. Die Waltersche Dienststelle hatte in diesem Etablissement einen Zuhälter mit dem Auftrag, die Adressen von DDR-Kundschaft festzustellen. Das sollte als Mittel zur Erpressung dieser Leute genutzt werden. Wer wollte schon, dass man zuhause, womöglich sogar die Ehefrau, erfährt, wo und wie man da seine Freizeit verbringt. Dieser Agent fühlte sich bei dieser Sache nicht sehr wohl. Ihm gefiel zwar das Geld der Amis, ihn plagte aber die Angst, im Osten deswegen erkannt zu werden. Dort lebte nämlich seine Mutter, zu der er den persönlichen Kontakt auf keinen Fall abbrechen wollte. Was er wirklich trieb, wusste die Mutter nicht. Sie glaubte ihn als einen Angestellten in der Gastronomie tätig. Im gewissen Sinne stimmte das ja auch.

Bei einem Besuch seiner Mutter, mit der wir unter der Legende, Hilfe bei der Aufklärung von Kriminalität in ihrer Wohnumgebung zu erhalten, Kontakt hergestellt hatten, nahmen wir mit ihm Verbindung auf. Es kam zum Gespräch und nach einiger Zeit äußerte er sich auch zu seinen Geheimdienstbeziehungen. Er erklärte die Bereitschaft zur inoffiziellen Zusammenarbeit mit uns. Sicher spielte in diesem Falle auch seine Hoffnung auf Belohnung eine Rolle. Ob wir von ihm alles erfahren haben, war ich mir nicht sicher. Aber eine ganze Reihe von entstandenen operativ interessanten Verbindungen zu bestimmten Personen konnten wir doch feststellen und an die zuständigen Diensteinheiten weiterleiten.

Besondere Aktionen gab es auch. Eines Tages rief einer unserer IM aus der US-Zentrale unter Verwendung eines besonderen Kennwortes an, das für außergewöhnliche Fälle festgelegt war und einen sofortigen Treff erforderte. Am vereinbarten Ort kamen wir zusammen. Er zeigte mir einen mit fiktiven Namen ausgestellten DDR-Personalausweis mit seinem Passbild und aus der Westentasche zog er eine amerikanische Armeepistole. Diese Ausrüstung hatte er und ein anderer Agent, den er bisher selbst nicht kannte, soeben von Cptn. Walter erhalten und den Auftrag bekommen, mit der Bahn nach Dessau zu fahren. Dort war einem Offizier der sowjetischen Garnison ein Umschlag zu übergeben. Darin befanden sich ebenfalls gefälschte Personaldokumente, mit denen er zusammen mit seiner Familie nach Westberlin reisen konnte. Unser Mann und sein Kumpel sollten die Leute dabei begleiten und ihnen hilfreich zur Seite stehen. Also eine perfekt vorbereitete vermeintliche Fahnenflucht war da im Gange.

Viel Zeit zum Nachdenken war nicht gegeben. Wir verständigten den für die HA II zuständigen sowjetischen Verbindungsoffizier. Der entschloss sich selbst mit nach Dessau zu fahren. Er nahm das Auto und ich empfand es als günstiger, in Sichtweite meines IM mit dem Zug zu reisen, ohne dabei mit ihm direkten Kontakt zu haben. Zur gleichen Zeit beorderten wir eine Beobachtergruppe nach Dessau. In der Kreisdienstelle haben wir eine Art Führungspunkt eingerichtet und von da aus die Sache dirigiert. Unsere Beobachter stellten die Dokumentenübergabe an den Offizier fest, sahen dann aber, dass der sich unmittelbar danach mit zwei Zivilisten traf, ihnen die erhaltenen Papiere zeigte und mit ihnen gemeinsam das Kasernengelände betrat. Die Sache war demnach ziemlich klar. Hier trieb die Militärabwehr ein Spiel gegen den amerikanischen Geheimdienst. Der Offizier war ihr IM und sie wollten Agenten fassen.

Jetzt war Gefahr im Verzuge. Wir hätten mit den sowjetischen Genossen Verbindung aufnehmen können um die Geschichte abzubrechen. Dabei wäre es aber einem größeren Personenkreis bekannt geworden, dass eine Quelle von uns im Spiel war. Das musste vermieden werden. Kurz entschlossen beauftragten wir unsere eigenen Beobachter, sich so zu benehmen, dass ihre Beschattung bemerkt wird. Mir war es möglich, meinen Mann noch von diesem Vorhaben zu informieren. Die Sache verlief wie gedacht. Sein Kollege geriet fast in Panik und verlangte den sofortigen Abbruch der Aktion und die Rückfahrt nach Berlin. So geschah es dann auch. Sie nahmen den nächsten Zug und berichteten dem enttäuschten Cptn. Walter von dem Misserfolg des Unternehmens. Für die sowjetischen Partner der Militärabwehr war das eine Niederlage. Sie hatten wohl viel Zeit und Kraft investiert, um im Kampf gegen die US-Geheimdienste zu einem Erfolg zu kommen. Nun war alles im Handumdrehen gescheitert. Für uns war wichtig, unser Mann war gerettet. Wäre die Geschichte gelaufen, wie es von sowjetischer Seite geplant war, hätten wir unsere Quelle zurückziehen müssen. Das wäre ein empfindlicher Verlust gewesen.

Die US-Geheimdienste arbeiteten neben ihren Agenten mit fester Auftragsstruktur auch mit einer größeren Anzahl so genannter Reiseagenten. Das waren leicht erreichbare Leute, die zeitlich unabhängig waren und bei Bedarf jederzeit zur Verfügung standen. In der Regel kamen dazu mobile Rentner zum Einsatz. Die wurden losgeschickt, um schnell bestimmte aktuelle Informationen zu beschaffen oder sie zu überprüfen, zum Beispiel, wenn auf unserem Territorium Militärbewegungen stattfanden oder sich andere lokale Ereignisse in dieser Richtung abspielten. Ein Beispiel dazu aus der eigenen Praxis.

Einer der Abteilungsleiter von Cptn. Walter erzählte von einem neuen Agenten, bei dem er dabei war, ihn für einen solchen Zweck zu gewinnen. Es handelte sich um einen gerade in Rente gehenden Angestellten einer Kreissparkasse am Rande von Berlin. Das wäre ein Mensch, der unbedingt im Ruhestand noch eine Beschäftigung braucht und deswegen besonders geeignet für diese Aufgabe schien. Für mich war es nicht sehr schwer, diesen Mann zu ermitteln. In einer Berliner Randgemeinde fand ich ihn. Nachdem ich einiges zu seinem Persönlichkeitsbild zusammengetragen und mir ein ungefähres Bild von ihm machen konnte, beschloss ich, unter einer Legende mit ihm zu reden. Wäre er nicht auf meine Gespräche eingegangen, hätte ich mich, ohne den Grund für mein Interesse sichtbar werden zu lassen, wieder verabschieden können. Nach Recherchen bei der örtlichen Kriminalpolizei ergab sich ein Anlass für meine Gespräche. In seiner näheren Umgebung wurde wegen Einbrüchen in Gartenlauben ermittelt. Ich klinkte mich da ein und befragte ihn, ob er zu dieser Angelegenheit Hinweise geben konnte. Er erwies sich als aufgeschlossener und interessanter Gesprächspartner, der allerdings zur Einbruchsgeschichte wenig sagen konnte. Die Bereitschaft, sich etwas um diese Dinge zu kümmern, gab er und so war die Voraussetzung für weitere Kontakte vorhanden. Wir redeten dann nicht nur über die konkrete Sache, sondern kamen auch zu Debatten über Gott und die Welt, wie man so schön sagt – und das war ja eigentlich meine Absicht.

Er erzählte mir dabei auch von einem Verwandten in Westberlin, zu dem er in der Vergangenheit nur lockere Kontakte hatte, der sich aber in letzter Zeit sehr um ihn bemühte. Neulich hätte er von ihm für eine Gefälligkeit sogar 50.- Westmark bekommen. Das war zwar alles etwas eigenartig, aber es gibt ja heutzutage so manches, was man nicht gleich versteht, bemerkte er und warum soll man es nicht tun, wenn es Geld bringt und die Freizeit etwas bereichert. Unser Rentner sollte an einen bestimmten Ort in die Nähe von Magdeburg fahren und dort einige Fotos anfertigen. Der Auftraggeber hatte dort seine Jugend verbracht und jetzt, wo er an der Familienchronik arbeitet, stellte er fest, dass ihm aus dieser Gegend einige Bilder fehlen. Die brauchte er nun.

Mein Gesprächspartner war ein reiselustiger Mensch, begab sich an diese Stelle und traf dort auf eine sowjetische Militäreinheit, die im Rahmen der gerade stattfindenden Herbstmanöver mit gepanzerten Fahrzeugen eine Flussdurchquerung übte. Er verzichtete aufs Fotografieren und berichtete seinem Auftraggeber vom Misserfolg. Der war aber gar nicht unzufrieden mit dieser Botschaft und ließ sich mit der Bemerkung, Bekannte von ihm hätten großes Interesse an solchen Dingen und würden sogar Geld dafür zahlen, ausführlich schildern, was da gelaufen war. Mein Mann war misstrauisch geworden und erwog, die Verbindung einzuschränken. Er vermutete richtig, er wollte sich auf keinen Fall in ein Abenteuer einlassen. Ich dachte natürlich anders darüber und nach einigen weiteren Diskussionen zu diesem Thema einigten wir uns auf ein weiteres Zusammenwirken. Ich hatte damit einen neuen IM und die Amerikaner einen weiteren Reisespion, allerdings ohne Nutzen davon zu haben.

Auf dieser Ebene hatten die Amis noch eine weitere Kategorie von Agenten. An den Garnisonsstandorten der Sowjetarmee durchwühlten sie systematisch die Müllplätze, wo die Abfälle aus den Kasernen entsorgt wurden. Alle Arten von beschriebenem Papier, ganz gleich zu welchem Zweck es vorher gebraucht worden war und in welchem Zustand es sich befand, wurde gesammelt und nach Westberlin gebracht. Besonders scharf war man auf privaten Briefverkehr der Militärangehörigen mit ihren Angehörigen in der Heimat und umgekehrt, der mit dem Inhalt von Papierkörben auf die Müllhalden kam. Der Sinn dieser Aktion war, die Charaktere von Soldaten zu erkennen, um mögliche Anhaltspunkte für eine Kontaktierung zu erhalten und sie möglicherweise zur Zusammenarbeit zu gewinnen. Diese oft eklige Sammeltätigkeit wurde gut bezahlt. Für unsere territorial zuständigen Diensteinheiten gab es da Ansatzpunkte zu Erkennung dieser Sammler im Auftrag der Amerikaner. Die in der DDR angeworbenen und tätigen Agenten erhielten ansonsten in der Regel monatlich 80 D-Mark und die Fahrtkosten nach Berlin ersetzt. Zusammenkünfte mit ihnen fanden in regelmäßigen Abständen, je nach Bedeutung, in ein bis vier Wochenabständen in verschiedenen Treffquartieren in Westberlin, sie nannten das Stützpunkte, statt.

Uns war da inzwischen eine ganze Reihe von Adressen bekannt geworden. Die Auftragserteilung an die Agenten wurde immer mehr intensiviert und spezialisiert. W. und Ch. hatten sich hauptsächlich auf ausgewählte militärische Objekte und Ein­richtungen in Brandenburg, Dresden, Leipzig, Frankfurt/Oder und Magdeburg konzentriert. Dazu kamen als neue Ziele die sowjetischen Einrichtungen und Verwaltungen in Berlin-Karlshorst. Im Raum Dresden war es der Truppenübungsplatz Königsbrück, den man hauptsächlich im Visier hatte. Wegen seiner besonderen Möglichkeiten wurde Ch. zeitweise an die US-Geheimdienststelle Onkel-Tom-Straße in Berlin-Zahlendorf delegiert, die ihm spezielle Aufgaben übertrug.

Jeder Spion wurde auf Weisung der Amerikaner bei jeder Zusammenkunft in zunehmenden Maße zu seinem persönlichen Umfeld, zu den privaten Verhältnissen und Beziehungen, zu den Zuständen an seiner Arbeitsstelle, zum Freundes- und Bekanntenkreis und zur allgemeinen Lage in seinem Lebensumfeld befragt. All das wurde gründlich dokumentiert. Sie hatten damals noch nicht die Sattelitenüberwachung und auch das Handy mit seinen vielen Möglichkeiten gab es noch nicht. Der Informationshunger war aber nicht weniger unersättlich als heute. Es wurden auch Einschätzungen von Versammlungen, anderen Veranstaltungen und Kundgebungen abgefragt. Auch das Verhalten und Beurteilen von konkreten Personen bei diesen Anlässen war von Interesse. Die Agenten wurden aufgefordert, aktuelle örtliche Zeitungen und Veröffentlichung aus ihrer Umgebung und ihrem Wirkungsbereich sowie ständig neue Stadtpläne mitzubringen. Besonders gefragt waren auch Kenntnisse über Angehörige bewaffneter Organe der DDR und persönliche Beziehungen zu diesen.

Man begann für die künftige Tätigkeit bessere und schnellere Nachrichtenverbindungen aufzubauen. Vor allem der Ausbau von Funkstützpunkten wurde forciert. Jeder Spion bekam den Auftrag, in seiner Nähe »Tote Briefkästen« anzulegen, damit ihm Materialien schneller übermittelt werden können. Mitte des Jahres 1956 wurde noch mal jedem eine Liste mit Fragen vorgelegt, ich habe das weiter vorn schon erwähnt, wo unter anderem die Bereitschaft erklärt werden sollte, ob er im Kriegsfalle weiter mitmachen will, einschließlich aller Konsequenzen, die damit verbunden waren. Es wurde aufgefordert zu prüfen, ob man Mitglied der Sektion Funken in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) werden kann, um sein Interesse für die Funkerei und die damit verbundene Technik zu legalisieren. W., der sich schon geraume Zeit damit intensiv beschäftigte, hatte bereits im Raum Berlin-Frohnau und -Lübars zwei funktionsfähige Grenzschleusen mit dazugehörigen Funkstützpunkten installiert. Eine Telefonschleuse hatte er an der Havel im französischen Sektor geschaffen.

Auf operativem Wege haben wir das den Franzosen zugespielt, so als ob wir da im Gange gewesen wären. Die haben sich darauf gestürzt und W. bei einem seiner nächsten Kontrollgänge attackiert. Dabei wurde sein Schlauchboot versenkt. Erst danach haben sie bemerkt, dass sie mit ihrem eigenen Waffenbruder in Konflikt geraten waren.

Diese alltäglichen Abläufe wurden am 26. Juni 1956 durch eine nun nicht alltägliche Geschichte unterbrochen. Mein Chef rief mich zu sich, um mit ihm gemeinsam nach Altglienicke zu fahren. Es war eilig, ich sollte alles stehen und liegen lassen. Worum es ging, wusste er selber nicht. Gerufen hatte ihn der KGB-Verbindungsoffizier. An dem Punkt, wo die Hauptzufahrtsstraße aus dem Süden der DDR nach dem Osten Berlins ankam, stand jenseits der Grenze auf Westberliner Territorium seit einigen Jahren eine von den USA errichtete Radarstation. Allgemein nahmen wir an, sie diente der Überwachung unseres in mittelbarer Nähe liegenden Flughafens Berlin-Schönefeld.

Bei der Ankunft an besagter Stelle sahen wir vor dem amerikanischen Objekt auf unserer Seite der Grenze einen großen Erdhaufen, einen Bagger und davor sowjetische Militärposten mit der Maschinenpistole im Anschlag. In das ausgehobene mehrere Meter tiefe Loch war eine lange Leiter gestellt, auf der wir in Begleitung unseres sowjetischen Partners in einen mit Schneidbrennern aufgetrennten stählernen Tunnel hinab stiegen. Auf der Westseite war er durch eine Sandsackbarriere mit einem kleinen Guckloch und einem offenbar in großer Eile handgemalten Schild: Amerikanischer Sektor – Betreten verboten!, abgeschlossen. Nach Osten hin ging es einige hundert Meter weit unter dicken Kabelsträngen in eine kleine Kammer. Dort waren die Telefonleitungen der sowjetischen Armee, die von Berlin aus in die Zentrale ihres Oberkommandos nach Wünsdorf gingen, angezapft worden. Eine Vielzahl von Geräten mit glimmenden Lampen war da noch in Betrieb. Die Amerikaner müssen durch diese Entdeckung so schockiert gewesen sein, dass sie selbst vergaßen, den Strom abzuschalten.

Eine Spionageaktion dieser Art hat alle überrascht. Keiner von uns, auch unser KGB-Partner nicht, wussten zu dieser Zeit, dass der sowjetische Geheimdienst dieses Projekt von Anfang an kannte, sich rechtzeitig darauf einrichtete und die Sache in aller Ruhe laufen ließ. Als die Amerikaner dann damit fertig waren, den Erfolg feierten und die Beteiligten ehrten, beschloss man in Moskau, die Geschichte öffentlich zu machen. Wie das geschehen ist, erlebten wir gerade hautnah. Zwanzig Jahre später wurde ich noch einmal an das alles direkt erinnert. Bei meiner Tätigkeit im Bezirk Gera hatten wir einen KGB-Verbindungsoffizier. Das war der Mann, der in den 50er Jahren den sowjetischen Kundschafter in London führte, der die Hinweise auf den geplanten Tunnelbau gegeben hat.

Mit einer neuen Linie der US-Amerikaner wurden wir konfrontiert. Sie beauftragten geeignete Agenten, Urlaubs- und Touristenreisen an vorgegebene Ziele in die Sowjetunion zu unternehmen. Dort sollten sie von verschiedenen Stellen Boden- und Wasserproben mitbringen. Zur Tarnung wurden diese Sachen in Behältern von Kosmetikartikeln transportiert. Wir haben die sowjetischen Partner darüber informiert und sie auch in einem Fall von einer konkreten Reise eines unserer für die Amerikaner tätigen IM informiert. Allerdings haben wir ihnen nicht dazu gesagt, dass das unser Mann ist. Sie glaubten, das wäre ein echter CIC-Mann, der durch uns bearbeitet wird. Kurze Zeit nach der Reise bekamen wir einen ausführlichen Beobachtungsbericht über den gesamten Ablauf der Tour.

Wir waren mit unseren IM in der Walterschen Dienststelle soweit verankert, dass die dort gesammelten Spionageinformationen weitgehend in unserem Sinne manipuliert werden konnten Auch das in der DDR aufgebaute Stützpunktsystem war in groben Zügen bekannt. Im Notfall hätten wir es umgehend außer Betrieb setzen können. Trotzdem stand immer wieder die Frage: Wie lange wollen wir das alles noch laufen lassen? Da kam die von mir eingangs schon genannte Initiative der DDR-Regierung mit dem Memorandum an die UNO zu Hilfe. Bei deren Vorbereitung ging an alle operativen Diensteinheiten die Aufforderung zu melden, bei welchen gegnerischen Agenturen die objektive Beweislage soweit entwickelt ist, dass sie festgenommen werden können. Aus dem Operativ-Vorgang «Rote Spinne« wählten wir 28 Personen aus. Etwa die gleiche Anzahl von Agenten in diesem Komplex waren unsere IM und das restliche Drittel kannten wir zwar nicht genau mit Namen und Adresse, wussten aber ungefähr, wo sie wirkten.

Das Agentennetz von Ch. wäre damit komplett auszuschalten gewesen. Er hatte aber durch seine immer noch intensiv betriebene Adressensammlung eine ganze Menge Reserven. So wie wir ihn kannten, hätte er in kurzer Zeit die Verluste durch Neuanwerbungen ausgeglichen. Ein IM in seiner unmittelbaren Umgebung brachte uns auf einen Gedanken. Ch. war Alkoholiker und trank regelmäßig in kurzen Zeitabständen fast bis zur Bewusstlosigkeit. Für die Fahrten zu den entsprechenden Kneipen benutzte er einen unserer Leute immer als Chauffeur. Der meinte, es sei für ihn kein Problem einmal bei einer solchen Tour »aus Versehen« über die Grenze in den Osten zu fahren. So geschah es denn auch – und wir hatten einen der intensivsten und gefährlichsten Leute dieser Truppe in der Hand.

Dieses Unternehmen erregte natürlich viel Aufsehen und der westliche Blätterwald geriet in Aufregung, weil ein angeblich freiheitlich-demokratischer Bürger Westberlins gewaltsam in die »Zone«, wie die DDR im Westen damals offiziell genannt wurde, entführt worden war. Gegen unseren IM, der natürlich nicht wieder in den Westen zurückkehrte, wurde dort Haftbefehl erlassen. Nichts dagegen, aber doch interessant und bezeichnend für die damalige Situation sind die Formulierungen, die dazu vom Westberliner Gericht gebraucht wurden: »Er wird beschuldigt […] aus Gewinnsucht einen anderen durch List oder Gewalt in ein Gebiet außerhalb des Bereichs der in Berlin geltenden Gerichtsverfassung verbracht und dadurch diesen anderen der Gefahr ausgesetzt zu haben, verfolgt zu werden und hierbei im Widerspruch zu rechtsstaatlichen Grundsätzen durch Gewalt oder Willkürmaßnahmen Schaden an Leib oder Leben zu erleiden, der Freiheit beraubt oder in seinem Vermögen, seiner beruflichen oder wirtschaftlichen Stellung empfindlich beeinträchtigt zu werden, indem er den anerkannten politischen Flüchtling […] durch List bzw. Gewalt in ein Gebiet außerhalb des Geltungsbereichs der in Westberlin geltenden Gerichtsverfassung verbracht und dort den sowjetzonalen Behörden in die Hand spielte. Dadurch ist […] der Gefahr ausgesetzt worden, im Widerspruch zu rechtsstaatlichen Grundsätzen Schaden an Leib oder Leben zu erleiden bzw. seiner Freiheit beraubt zu werden

Abgesehen davon, dass unser IM nicht aus Gewinnsucht handelte, sondern seine Motive durchaus politischer Natur waren und Ch. nicht anerkannter politischer Flüchtling war, die Gründe für seine vorherige Verfolgung in der DDR waren rein krimineller Natur, ist seine berufliche und wirtschaftliche Stellung in Westberlin, die auf die Teilnahme an aktiver Vorbereitung einer militärischen Aggression gegen die DDR beruhte, im Grunde auch nach dortigen Gesetzen strafbar gewesen. Und daran zu erinnern, dass die genannten sowjetzonalen Behörden die der DDR waren, könnte man auch noch. So war das eben zu dieser Zeit.

Doch wieder zurück zum weiteren operativen Vorgehen. Nach der Festnahmeaktion gegen die Agenten dieser Dienststelle und den Auswertungen der nachfolgenden Untersuchung kamen weitere dazu. Aus Sicherheitsgründen haben wir einen Teil unserer im Bereich der Walterschen Dienststelle tätigen IM zurückgezogen, so dass die Amerikaner vor einem Desaster standen. Ihr Reaktion war, diese Truppe sofort aufzulösen und alle deutschen Mitarbeiter, ganz gleich welche Funktion sie hatten, zu entlassen. Das betraf auch W. Für ihn war das unbegreiflich. Hatte er sich doch mit seinen Taten so bewährt, dass er sich als einer ihrer Besten fühlte. Beschwerden seinerseits bei übergeordneten Stellen liefen ins Leere. Sie wurden nicht beantwortet. Versuche zu persönlichen Vorsprachen verliefen ohne Erfolg. Da meinte er, der Bundesnachrichtendienst wird sicher für ihn Verwendung haben und bewarb sich dort. Dabei warb er mit dem Teil seines noch intakten Agentennetzes, von dem er meinte, der BND könne es sicher gut gebrauchen. Doch der biss nicht an. Die waren grundsätzlich misstrauisch gegen Leute, die von den Amis »abgelegt« wurden.

W. war verzweifelt und wollte auch hier den Beschwerdeweg gehen. Durch unsere IM-Verbindungen waren wir über seinen Zustand gut informiert und überlegten, was daraus zu machen sei; denn gefährlich war er nach wie vor für uns. Wir wussten, er verfügt noch über mindestens acht solcher Stützpunkte, die in den aktiven Kriegsvorbereitungen eine Rolle spielten. In letzter Zeit wurden da Überlegungen angestellt, wie man Personen- und Materialtransporte mit Kleinflugzeugen in die und aus der DDR machen kann. Da wurden abenteuerliche Pläne entwickelt. Skizzen für Landeplätze wurden entworfen, wo Agenten abgesetzt und auch wieder aufgenommen werden können. Eine dieser Ideen war, zwischen zwei weit auseinander stehenden Bäumen, sollte ein langes Gummiseil gespannt werden, an das die für den Abtransport vorgesehene Person in einem speziellen Geschirr hing. Ein mit einem Schlepphaken ausgerüstetes Kleinflugzeug sollte beim Überflug die gesamte Vorrichtung mit Person aufnehmen. Das klingt alles sehr abenteuerlich. Wir hatten aber diese Pläne im Original auf dem Tisch liegen.

Das Problem W. beschäftigte uns sehr intensiv. Keineswegs war ausgeschlossen, dass sich nach einer gewissen Beruhigung der Lage entweder die Amerikaner oder auch der Bundesnachrichtendienst dieser Dinge wieder annahmen. Es wäre fraglich gewesen, ob wir damit solcher Intensität hätten wieder einsteigen können. Da kam der Zufall zu Hilfe.

Dazu erst einmal folgende Geschichte. Eines Morgens fand ich beim Dienstantritt neben meinem Schreibtisch einen gewaltsam aufgebrochenen Tresor. Das war der berühmte Würzburger Panzerschrank. Für einen Schrank war er etwas klein, aber sein Inhalt hatte es in sich. Wer diese Zeit mit politischem Interesse erlebt hat, wird sich an diese Geschichte erinnern. Sie bestimmte damals die Schlagzeilen der Presse in Ost und West. Was war passiert? In einem anderen Bereich unserer Hauptabteilung wurde ein IM geführt, der es in eine leitende Funktion in einer Würzburger CIA-Dienststelle gebracht hatte. In einer spektakulären Aktion wurde er in die DDR zurückgezogen. Als Beigabe brachte er den Tresor seines Chefs mit. Die DDR-Filmgesellschaft DEFA hat zu dieser Geschichte den Film »For Eyes Only« gedreht, nicht als Dokumentation, sondern als Komödie. Ich habe eine Kopie von ihm noch bei mir liegen.

Unbewusst hatte ich am Rande an dieser Aktion mitgewirkt. Bei uns war es üblich, ohne in alle Zusammenhänge eingeweiht zu sein, andere Diensteinheiten zu unterstützen, wenn deren eigene Kapazität bei der Durchführung bestimmter Maßnahmen nicht ausreichte. Das traf auch hier auf mich zu. In einer Wohnung in Alt-Stralau saß ich am Vorabend auftragsgemäß an einem Telefon, hatte auf einen Anruf zu warten und die eingehende Information weiterzuleiten. In den mittleren Abendstunden klingelte das Telefon. Ein Heinz meldete: »Der Onkel Karl ist ins Krankenhaus eingeliefert worden, ihm geht es aber den Umständen entsprechend gut Das war das Kennwort der geglückten Aktion in Würzburg. Meine Mission war, nachdem ich das weiter vermittelt hatte, beendet.

Jetzt stand ich nun vor diesem Panzerschrank. Ich sollte den Inhalt sichten und registrieren. Die in ihm gewesenen Aktenordner waren aber schon entnommen. Was ich da noch vorfand war aber auch nicht zu verachten. Neben verschiedenen Papieren, die nur der Kenner einordnen konnte, fand ich eine beträchtliche Menge von Blankoausweisdokumenten. Da waren Bundespersonalausweise, Presseausweise der verschiedenen Agenturen, Ausweise von Ämtern und Institutionen und als Höhepunkt Hausausweise der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes in Pullach bei München. Dazu fand sich alles was nötig war, um diese Dokumente auszufüllen und gültig zu machen. Damals gab es ja noch nicht diese Hightech-Karten wie heute. Man benutzte die Schreibmaschine oder auch die Handschrift.

Mit einem eigenen Passbild hätte ich mich da selbst beliebig ausstatten können. Der BND-Hausausweis sah bei flüchtiger Betrachtung dem echten Dienstausweis dieser Organisation recht ähnlich. In uneingeweihten Kreisen hätte man damit durchaus operieren können. Bei den in solchen Situationen üblichen Debattieren und Herumalbern, das vorkommt, wenn man plötzlich Dinge in der Hand hat, an die man im normalen Leben nie herankommt, entstand zuerst etwas unernst, dann aber doch mit immer mehr Nachdenken verbunden die Frage, ob damit an das noch ungelöste Problem W. heran zu gehen ist. Der kämpfte doch in diesen Tagen verbissen und ergebnislos um eine Verbindung zum Bundesnachrichtendienst. Über diese Bemühungen waren wir ständig auf dem Laufenden. Unser Chef meinte, er hätte einen solchen Mann, der für eine Aufgabe dieser Art geeignet schien.

W. hatte inzwischen eine neue Bewerbung an den BND geschrieben, die uns in die Hände kam. Warum sollten wir die Amerikaner nicht mit ihren eigenen Waffen schlagen? Ausgerüstet mit einem dieser erbeuteten Ausweise nahm der IM Kontakt zu W. auf. Der war so vernarrt in seinem Vorhaben, beim deutschen Geheimdienst unterzukommen, dass er keinerlei Verdacht schöpfte. Ursprünglich ging es uns ja nur darum, seine Agenturen kennenzulernen. Der war aber auch jetzt nur bereit darüber zu reden, wenn er die Zusage für eine feste Anstellung bekommt. Wir gerieten in Zeitnot, denn ewig konnten wir mit dieser Legende nicht arbeiten.

Dem IM bot W. an, eine seiner Grenzschleusen im Norden von Berlin praktisch vorzuführen. Die Hoffnung, ihn dabei auf DDR-Gebiet zu locken und festzunehmen, wurde uns nach Rücksprache mit den verantwortlichen Genossen von der Unersuchungsabteilung genommen. Eine Maßnahme dieser Art direkt an der Grenzlinie barg immer die Gefahr in sich, wir hätten ihn gewaltsam auf unser Territorium gezogen. Das Gegenteil wäre nicht zu beweisen gewesen, und einen solchen Skandal konnte die DDR in dieser Situation auf keinen Fall gebrauchen. Eins habe ich aber dann doch unternommen. Zum besagten Zeitpunkt, als W. mit dem IM diese Grenzinspektion unternahm, bin ich zusammen mit einem anderen Mitarbeiter, wir beide getarnt als Spaziergänger, dorthin gegangen. Aus dem reichlich vorhandenen Gebüsch haben wir die Annäherung der beiden Kontrahenten jenseits der Grenze beobachtet und sind dann in ungefähr fünf Meter Entfernung an ihnen vorbeigelaufen. Wenn wir gewollt hätten, wäre sogar eine Unterhaltung möglich gewesen. Aber soweit wollten wir dann doch nicht gehen.

Eine neue Version musste her. W. bestand unbedingt darauf, mit dem vermeintlichen Vorgesetzten des IM zu sprechen. Er wäre sofort bereit, zu diesem Zweck nach München zu reisen um dort zu erläutern, wie wichtig seine Verbindungen für den deutschen Geheimdienst wären. Wir haben hin und her überlegt und dann entschieden da nachzuhelfen. Aus den vom Würzburger Panzerschrank überkommenen Dokumenten bekam W. einen Westberliner Personalausweis auf einen ausgedachten Namen und er setzte sich in Bewegung Richtung München. Geplant war, ihn im Raum Michendorf bei einer Verkehrskontrolle zu ergreifen. Zum Glück hatten wir die Festnahmegruppe schon am Grenzübergang Drewitz in Aktion gesetzt. Die sollten ihn erst einmal bis zum Ort der Wegnahme beobachten. Er benahm sich jedoch bei der Grenzkontrolle derart provokativ, dass ihn der Passkontrolleur, der nichts von unseren Vorhaben wusste, fast zurückgewiesen hätte. Der Hass auf die DDR war so groß, dass W. sich selbst in dieser Situation nicht zügeln konnte. Unsere Genossen reagierten da sofort und nahmen ihn weg.

In seiner Begleitung befand sich die »Blonde Rita« Damit hatten wir gar nicht gerechnet. Das war nun ihr persönliches Pech. Für uns war das aber gut, denn W. verweigerte in der ersten Zeit in der Untersuchungshaft die Aussage. Wenn der Wärter in Hohenschönhausen die Zellentür öffnete, nahm W. militärische Haltung an, knallte die Hacken zusammen und erhob den Arm zum »Deutschen Gruß«. Heil Hitler hat er nicht dazu gesagt. »Rita« erzählte alles, was sie wusste. Sie kannte sich in den Geschäften ihres Freundes gut aus. Die letzten Stützpunkte dieser Zentrale konnten lahm gelegt werden. Am Ende zahlte sich das bei ihr für die Strafzumessung durch das Gericht günstig aus. Nach der umfangreichen Auswertung und der in solchen Sachen üblichen Nacharbeit, war das Kapitel Cptn. Walter für mich beendet.

Der Operativ-Vorgang »Rote Spinne« ging ins Archiv. Ohne Arbeit war ich aber nicht. Da war mir eine neue interessante Information auf den Tisch gekommen. Eine andere Dienststelle aus den USA suchte Verbindung zu einer außergewöhnlichen Personengruppe, um zu prüfen, inwieweit diese für den Kampf gegen die DDR nutzbar ist. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Berlin einen spektakulären Einbruch in die Deutsche Reichsbank. Die Täter wurden zwar später gefasst, aber erst einmal waren sie mit ihrer Tat weithin berühmt geworden. Immerhin galt diese Bank als einbruchssicher. Nach Kriegsende kamen sie auf freien Fuß. Einer davon kaufte sich aus Beständen der US-Besatzungsmacht in Westberlin einen ausgedienten Lkw und eröffnete damit ein Fuhrgeschäft. Das lief sehr gut an und in den kommenden Jahren entwickelte sich aus dieser Minifirma eins der größten Reise- und Busunternehmen Westberlins. Man kann heute zu beliebiger Zeit in die Stadt gehen. Garantiert trifft man dabei eines dieser dazu gehörigen Fahrzeuge an. Dieser Unternehmer machte mit dem damaligen Autokauf nicht nur für sich ein Geschäft, die Amerikaner machten auch eins mit ihm.

Sie hatten ihm den Auftrag gegeben, seine ehemaligen Bankraubkollegen zu finden und zu prüfen, ob sie für die Zwecke der CIA zu gebrauchen sind. Wir gingen sofort in die Spur und fanden zwei dieser Leute bei uns im Osten. »Otto« lebte mit seiner Frau als seriöser Rentner in einer kleinen Wohnung in der Chausseestraße und »Erwin« verdiente den Unterhalt für seine Familie als Kellner in einem Restaurant in der Brunnenstraße. Nachdem wir uns beide gründlich angesehen hatten, wurde entschieden, mit »Otto« zur Sache zu reden. Er wurde an einen neutralen Ort eingeladen, erschien pünktlich in exakter Aufmachung. Einen Bankräuber hatte ich mir anders vorgestellt. Dunkler Anzug, weißes Hemd mit Manschettenknöpfen, Krawatte, Hut und feinste Manieren waren seine äußeren Zeichen. Ihm war klar, dass etwas Besonderes vorliegen musste, wenn vom MfS eine Einladung kam. Gleich zu Beginn betonte er, wir sollten nicht um die Sache herumreden sondern ihm klipp und klar sagen, was wir wollen. Er würde uns eine offene und ehrliche Antwort geben und wenn wir es wünschten, gegenüber niemand über das Gespräch ein Wort fallen lassen.

Also gingen wir die Sache offen an. Im Grunde war ja nichts zu verderben. Zu seinen anderen drei Mitkumpanen hatte er keinen aktiven Kontakt, das heißt, zu dem Busunternehmer überhaupt keinen, der war ja zum reichen Kapitalisten aufgestiegen. Solche Beziehungen wollte er nicht haben. Annäherungsversuche in Richtung US-Geheimdienst hatte »Otto« bisher in keiner Form bemerkt. Er erklärte gleich, mit diesen Leuten würde er sich nie einlassen, schon gar nicht mit den US-Amerikanern, in denen er die Vorreiter des Weltkapitalismus sah. Allerdings war er bereit, mit den beiden anderen, dem »Erwin« und dem in Westberlin wohnenden »Udo« Kontakt aufzunehmen und uns die Ergebnisse zu übermitteln. In Erwartung neuer Nachrichten gingen wir auseinander.

»Otto« hatte sich mit »Udo« getroffen und erfahren, dass der Busunternehmer schon bei ihm gewesen ist und ein derartiges Angebot gemacht hat. Das, was »Ottos« Standpunkt zu den Amis war, galt auch bei »Udo«. Er hatte den Amerikaner abgewiesen und gewissermaßen vor die Tür gesetzt. Die Angelegenheit war demnach nicht in unserem Sinne gelaufen. Nun blieb noch zu prüfen, ob bei »Erwin« Kontaktversuche stattgefunden hatten. Da war aber nichts gewesen.

»Udo« hatte sich zu einem Gespräch mit uns bereit erklärt. Er erschien als eine Person, wenn uns damals schon die dänischen Filme von der Olsenbande bekannt gewesen wären, hätte ich gesagt, es ist der Egon Olsen persönlich. Ihn wurmte, nachdem er von uns erfahren hatte, worum es bei dieser Geschichte ging, dass er den ehemaligen Kumpel weggeschickt hat. Auf ein Abenteuer mit dem US-Geheimdienst, mit unserer Rückendeckung allerdings, hätte er sich furchtbar gern eingelassen.

Um es kurz zu machen: Die Versuche, die Sache trotzdem wieder in Gang zu bringen, sind nicht gelungen. Den Kontakt haben wir aber erst einmal eine Zeit lang weiter unterhalten. Es wäre schon wissenswert gewesen, was der US-Geheimdienst mit gewesenen Bankräubern gegen uns im Schilde führt.

Immerhin konnte ich mich noch darin bilden, wie man in eine gut gesicherte Bank eindringen kann und welche Qualifikation dafür nötig ist. »Udo« war ursprünglich Bankbeamter und »Otto« gelernter Geldschrank- und Tresorschlosser. Gelernt hat er das bei der weltberühmten Firma Jäger in Berlin. Als Kriminelle fühlten sie sich nicht, eher als Kämpfer gegen das räuberische Finanzkapital, das sie eben auf ihre Art anzugehen glaubten. Ihr besonderer Stolz lag darin, dieses rundherum sichere Bollwerk mit Erfolg geknackt zu haben. Sie hatten mit ihrer Tat damals immerhin eine beachtliche Berühmtheit erlangt. Mehr noch als »Udo« war »Otto« betrübt, dass die Geschichte mit dem Geheimdienst nicht geklappt hat. Er wäre gern in seinen alten Tagen noch einmal Mittelpunkt einer solchen Agentengeschichte gewesen.

Eines Tages erschien er zu einem Treff und berichtete ganz aufgelöst und freudig über eine Aktion, die er auf eigene Faust unternommen hatte. Aus den Gesprächen mit uns war ihm bekannt geworden, dass die Zentrale der Amerikaner, die in dieser ganzen Angelegenheit aktiv geworden war, sich im US-Hauptquartier in Berlin-Zehlendorf befand. Er hatte sich auf den Weg gemacht, um die Anlage genauer zu erkunden. Das geschah mehrmals. Dabei kehrte er, um seinen Aufenthalt begründen zu können, immer in eine Imbiss-Gaststätte in der Nähe des Haupteinganges ein. In ihr lernte er einen Handwerker kennen, der täglich sein Mittagsmahl in diesem Lokal einnahm. Man kam mit der Zeit ins Gespräch und der Handwerksmann erzählte, wie er im Auftrage seiner Firma als Installateur bei den Amerikanern arbeitet und auch, dass dieser Einsatz in den nächsten Tagen zu Ende geht. Dabei erfuhr Otto, wie der Zugang des Mannes in das Objekt geregelt ist. Nach anfänglichen Ausweiskontrollen hatten sich die Wachposten allmählich an den Klempner gewöhnt und es reichte aus, beim Erscheinen am Tor einfach den Namen seiner Firma zu nennen und man war drin.

Unser »Otto« beschaffte sich eine Montur, wie sie der Handwerker getragen hatte, dazu eine passende Werkzeugtasche, marschierte auf das Wächterhaus zu, rief laut den Namen der Firma und konnte passieren. Auf so eine Idee musste man erst einmal kommen und auch den entsprechenden Mut zu ihrer Realisierung aufbringen. »Otto« betrat das erstbeste Haus, klopfte an eine Zimmertür und meldete sich als der bestellte Installateur, der den defekten Wasserhahn reparieren sollte. Man hatte dort aber keinen solchen und auch niemanden wegen einer Reparatur bestellt. So entschuldigte er sich für seinen Irrtum und ging mit dieser Masche durch mehrere Häuser. Er merkte sich alles genau und erschien bei mir mit einem ausführlichen Lageplan der ganzen Anlage. Das hatte zwar kaum operativen Nutzen, aber sein Selbstwertgefühl war damit mächtig gestiegen. Von uns aus hätte er einen Auftrag dieser Art nie bekommen. Es war aber immerhin ein Beispiel dafür, wie man mit einfachen Mitteln in einen Hochsicherheitstrakt eindringen kann.

Einmal haben wir den »Otto« doch noch für eine sinnvolle Sache gebrauchen können. Doch dazu vorher wieder die dazugehörige Geschichte: Wie Saufen und sexuelle Orgien bei einigen prominenten Dienern der US-Geheimdienste zu den hauptsächlichen Freizeitbeschäftigungen gehörten, habe ich schon anderen Beispielen erwähnt. Mein Chef brauchte mich neben meiner eigentlichen Aufgabe wieder mal für eine andere Sache als Kraftfahrer. Wie üblich bei solchen Dingen kannte ich anfangs nicht die operativen Zusammenhänge. Mit meinem Fahrzeug hatte ich mich in den späten Abendstunden an einem vorgegebenen Platz zu postieren und abzuwarten. Gegen Mitternacht wurde die Tür des Treppenhauses, vor der ich stand, geöffnet. Mehrere Mitarbeiter bemühten sich, einen offenbar Volltrunkenen nach außen zu bugsieren. Der war völlig nackt in eine Decke gewickelt und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Man legte ihn auf den Rücksitz meines Autos.

Das Entladen in der Untersuchungshaftanstalt Ruschestraße war nicht einfach. Schließlich stand der Mann an die Hauswand gelehnt, verlor die umhüllende Decke und rutschte an dem rauen Putz der Wand entlang zu Boden. Dabei schürfte er sich die Haut auf. Der verantwortliche Offizier der Anstalt wurde fuchsteufelswild, weil unsere Leute nicht aufgepasst hatten. Er verlangte sofort die Anfertigung eines Protokolls über die Ursache der Verletzungen. Das mussten alle als Zeugen unterschreiben. Diese Aufregung war zu verstehen. Im westlichen Blätterwald wurde gerade in diesen Tagen in großer Aufmachung ein »Folteropfer aus dem Stasiknast« propagiert. Ein aus der DDR-Haft entlassener und nach Westberlin gegangener Agent der CIA behauptete, um ihn zu Aussagen zu erpressen sei er mehrfach mit Säure übergossen worden. Es wurden große Fotos, vor allem in der Bild-Zeitung, mit den dabei angeblich entstandenen Verstümmelungen gezeigt. Tatsache war, der Mann war schon mit diesen Verletzungen, die er sich früher bei einem Unfall an seiner Westberliner Arbeitsstätte zugezogen hatte, in unsere Hände geraten.

Am Tage danach erfuhr ich dann, wer da in meinem Auto transportiert wurde. Das war ein CIA-Resident, der unter dem Deckmantel einer Handelsfirma ein Büro in der Nähe des Kurfürstendammes unterhielt und von da aus eine starke Agentengruppe in der DDR führte. Darunter befanden sich mehrere IM von uns. Einer davon war mit dem Mann so eng liiert, dass der ihn in sein Lotterleben voll mit einbezogen hatte. Diesen IM gelang es, einen gemeinsamen Besuch in einer Pension in Ostberlin zu organisieren, wo die »Schöne Elfi« residierte. Die war in einschlägigen Kreisen als hervorragende Betreuerin exquisiter männlicher Kundschaft bekannt. Als unsere Genossen dort eintrafen, fanden sie diese Gesellschaft im totalen Alkoholrausch vor. Die »Elfi« lag nackig und blutend auf einem Teppich. Sie hatte sich in einem zerbrochenen Sektglas gewälzt und musste erst einmal notversorgt werden. Es gelang nicht, den besoffenen CIA-Mann anzukleiden. Man wickelte ihn kurzerhand in eine Decke und schleppte ihn so nach unten.

Bei ihm fanden sich nun die Schlüssel von seinem Agentenbüro und dem darin befindlichen Tresor mit den entsprechenden Dokumentationen. Die Frage war: Wie kommt man in den Besitz von diesem Zeug? Mein Chef wollte von mir wissen, ob »Otto« vielleicht dafür geeignet sei. Das war nur zu klären, wenn ich mit ihm darüber sprach. Nachdem der schon auf abenteuerliche Weise ins US-Hauptquartier eingedrungen war, durfte für ihn ein so kleines Agentenbüro doch kein Problem sein. Also suchte ich ihn in seiner Wohnung auf, erklärte ihm den Sachverhalt und bekam die Zustimmung. Er erhielt die Schlüssel mit entsprechenden Instruktionen und etwa drei Stunden später erschien er mit einem Koffer voller Papiere und Akten und war zufrieden damit, den Amis doch noch eins verpasst zu haben.

Mancher wird beim Lesen dieser Zeilen sagen, da habt ihr es ja ganz schön schlimm getrieben. Ja, das waren die hohen Zeiten des Kalten Krieges, den nicht wir vom Zaune gebrochen haben. Und so kalt war dieser Krieg oft nicht. Man kann das nicht mit heutigen Zeiten vergleichen. Unsere Gegner hielten sich an keinerlei völkerrechtliche Regeln, weil für sie die DDR als eigenständiger Staat nicht existierte. Daraus ergaben sich für uns auch besondere Bedingungen, die den Charakter des Abwehrkampfes bestimmten. Um das zu verstehen, muss man sich in die konkrete politische Lage dieser Zeit versetzen. Die Kontakte zu »Otto«, auch zu seinem Kollegen »Udo« liefen allmählich aus. Wir redeten noch viel über deren Vergangenheit. Einmal brachte »Otto« noch einen kleinen Koffer mit und erklärte mir den Inhalt. Darin befanden sich Spezialwerkzeuge zum Öffnen von Tresorschlössern. Der Privatbesitz dieser Dinge war eigentlich nicht gestattet. Er wusste, bei uns gab es Verständnis dafür. Uns war klar, er wird das Zeug nie wieder anwenden und für ihn war es eine Genugtuung, es noch zu besitzen.

Die Dinge liefen weiter. In der Besucherstelle des MfS in Berlin-Lichtenberg meldete sich ein Mitarbeiter einer Dienststelle der CIA aus Oberursel bei Stuttgart. Er kam gleich zur Sache und bot an, gegen Zahlung von 500 D-Mark wichtige Informationen an uns zu geben. Die Amerikaner wollten ihn zur Durchführung eines Auftrages in der DDR zwingen, den er nicht auszuführen bereit war, weil es ihm zu gefährlich erschien und auch seinen allgemeinen Ansichten widersprach. Deshalb hatte er nach reiflichen Überlegungen beschlossen, sich den DDR-Organen zu stellen.

Im Auftrage des US-Geheimdienstes hatte er mehrere Jahre am Hofe von König Faruk in Ägypten gedient. Er hatte dort praktisch dessen Leibwächter ausgebildet und geformt. Faruk war inzwischen bei einem Putsch durch Gamal Abdel Nasser gestürzt worden und musste ins Exil gehen. Damit war auch die Mission für den Beschützer hinfällig. Im Glauben, für seine Verdienste belohnt zu werden und in seiner deutschen Heimat eine angemessene Tätigkeit angeboten zu bekommen, sah er sich nun getäuscht. Die Amis verlangten von ihm den weiteren Einsatz, den er in dieser Form nicht akzeptieren wollte. Eine offene Ablehnung dieses Angebots hätte für ihn aber bedeutet, erst einmal keine Existenzgrundlage mehr zu haben. Durch die Neuansiedlung hier im Lande waren seine Mittel verbraucht und er war in Finanznot geraten. Die Neueinrichtung einer Wohnung und der Kauf eines Autos, alles auf Kredit, hatten seine Ersparnisse aufgebraucht und fällige Raten konnten nicht bezahlt werden. Wenn wir ihm aus dieser Notlage helfen, sei er bereit, mit uns zusammenzuarbeiten, war sein Angebot.

In Oberursel unterhielten die Amerikaner eine Spionageschule. Sie hatten dort eine Gruppe Exilpolen ausgebildet. Die sollten jetzt einzeln illegal durch die DDR nach Polen geschleust werden. Dazu hatten sie dem Mann DDR-Personalpapiere gegeben, mit denen er sich hier ungehindert bewegen konnte. Seine erste Aufgabe war, die Grenze zu Polen eingehend zu erkunden und danach Vorschläge zu unterbreiten, wie er seine Aufgabe erfüllen will. Als ich meinem Chef etwas salopp berichtete, dass ein Leibwächter König Faruks aus Ägypten vorgesprochen hat, der für 500 D-Mark uns Informationen verkaufen will, lachte der erst einmal und meinte, ich hätte mir da einen Mächtigen aufbinden lassen. Es kam ja immer wieder vor, dass windige Typen bei uns vorsprachen, um mit oft abenteuerlichen Angeboten zu Geld zu kommen. Vorsicht war da geboten und es gehörte auch nicht von vornherein zu unseren Arbeitsmethoden, auf diese Art zu operativen Erfolgen zu kommen.

Wir gingen aber schnell zu sachlichem Nachdenken über; denn das, was der Mann über Oberursel erzählt hatte, entsprach unseren Kenntnissen aus der vergangenen Arbeit. Unreal erschien das alles nicht. Es wurde beschlossen, die Geldsumme locker zu machen und auf Gutglück zu vertrauen. Und wir hatten es. Eine Woche später erschien unser neuer Freund mit dem ersten konkreten Auftrag. Der erste Pole war über die Oder zu bringen. Die Vorbereitungen machten wir gemeinsam. Es musste eine Stelle am Fluss sein, die leicht zu durchschwimmen war und wo sich der Betreffenden gut gedeckt und ungestört aus- und wieder anziehen konnte. Im Raum Angermünde suchten wir einen geeigneten Ort aus, der dann an die Amerikaner signalisiert wurde. Für uns war dabei noch wichtig, an dieser Stelle eine konspirative Festnahme durchführen zu können.

Die Sache verlief reibungslos. Der Schleusungskandidat kam in Begleitung eines anderen US-Agenten zum Bahnhof Angermünde, dort übernahm ihn unser nun zum IM erhobener Partner und brachte ihn in unmittelbare Nähe der ausgedachten Übergangsstelle. Das letzte Stück musste er allein gehen und dabei erfolgte die Festnahme. Unsere Untersuchungsabteilung in Berlin-Hohenschönhausen machte eine gründliche Auswertung. Danach wurde er an die polnischen Organe übergeben. Diese Agenten hatten die Aufgabe, nach vollzogenem Grenzübertritt auf dem Postwege ein Signal an die Amerikaner zu geben. Das war eine Ansichtskarte mit einem bestimmten Bildmotiv an eine Deckadresse in der BRD. Wir wussten, wie das laufen sollte, und haben natürlich entsprechend gehandelt.

Eine Woche später war die nächste Aktion geplant. Als Ort des Ereignisse hatten wir den Ort Kienitz an der Oder ausgesucht. Dort, wo heute noch das Panzerdenkmal steht, das an die erste Oderüberquerung der Sowjetarmee bei ihren Vormarsch 1945 auf Berlin erinnert. Eine mit dichtem Buschwerk bewachsene Halbinsel, die weit in den Fluss hinein ragt, erschien uns dafür günstig. Als das den US-Leuten in Oberursel übermittelt wurde, kam sofort die Order: An dieser Stelle darf das auf keinen Fall stattfinden. Das gab uns zu denken. Wir informierten unsere zuständige Dienststelle in Frankfurt/Oder und die bekamen nach entsprechenden operativen Recherchen heraus, dort hatten sich die Amerikaner bereits festgesetzt. Direkt hinter dem Oderdeich stand eine alte Mühle. Die steht heute noch als Ruine. Dieser Ort war schon seit längerer Zeit für eine andere Stelle der US-Geheimdienste reserviert. Da hatte man schon einen solchen Agentenstützpunkt installiert, wie ich das schon weiter vorn beschrieben habe. Dieses Objekt bot ausgezeichnete Bedingungen für die Unterbringung von Untergrundkämpfern, Waffen und so weiter. Außerdem hatte es da schon vorher Grenzschleusungen gegeben.

Weil diese Angelegenheit mich zeitlich sehr in Anspruch nahm und von zu erledigenden anderen Aufgaben abhielt, wurde beschlossen, einen operativen Mitarbeiter nur für diese Sache freizusetzen. Im kommenden Vierteljahr reiste der unter der Legende eines Handelsvertreters zusammen mit dem IM zwischen Schwedt und Görlitz durch das Land und tat, was zu tun war. Es lief erst einmal alles wie gewünscht. Nach der zwölften Festnahme entstand jedoch das Gefühl, bei den CIA-Leuten sei ein Verdacht aufgekommen. Um kein Risiko einzugehen, haben wir die Dinge dann abgebrochen und unseren IM hier in der DDR behalten.

Bei den Auswertungen der Aussagen der festgenommenen Polen erkannten wir die strategischen Ziele der USA. Diese speziell ausgebildeten Agenten hatten die Aufgabe, unter falschem Namen natürlich, in Polen eine sichere Existenz zu schaffen, sich möglichst aktiv ins gesellschaftliche Leben einzubinden und in keiner Weise als Gegner oder Kritiker des politischen Systems in Erscheinung zu treten und ganz einfach abzuwarten. Im Geheimdienstjargon sagt man dazu »Schläfer«. Dazu passt eine Geschichte, die bei einem anderen Genossen unsere Abteilung lief. Er führte den polnischen Besitzer einer Autoreparaturwerkstatt als IM. Der hatte seinen Betrieb in der Nähe eines Wohngebiets von MfS-Mitarbeiter und diese natürlich auch als Stammkunden. Aus diesem Grunde hatten sich die CIA-Leute über seine Verwandten in Westberlin an ihn herangemacht und ihn angeworben. Obwohl es überhaupt keinen Grund gab, sein gut laufendes Unternehmen hier aufzugeben, hatten man ihn aufgefordert, die Werkstatt zu verkaufen, nach Polen an einen vorgegeben Ort zu übersiedeln und dort eine neue aufzubauen. Sie boten dafür reichliche finanzielle Zuwendung. Auch er sollte im Sinne der dort herrschenden Ordnung ein guter Staatsbürger werden und sich möglichst einflussreiche Positionen schaffen. Auf diese Weise begannen schon zu damaliger Zeit die Vorbereitungen für das, was das Land unter dem Namen Solidarnosc-Bewegung später erlebte.

Es gab ein unerwartetes Nachspiel. Ein reichliches Jahr nach dem Ende dieser Geschichte erschien in unserer Berliner Dienststelle eine Frau mit ihrer erwachsenen Tochter. Sie suchten den Vater ihres unlängst geborenen Enkels. Ein Mitarbeiter mit dem genannten Namen konnte aber nicht gefunden werden. Als die beiden Frauen deswegen verärgert gingen, sie nahmen an, das MfS wolle sich nicht zu den Sünden seiner Mitarbeiter bekennen, kam der Gesuchte ihnen an der Tür entgegen. Ein ausgesprochenes Pech für ihn war das. Er war damals natürlich nicht mit seinem echten Namen unterwegs gewesen und konnte somit auch nicht in der Namenskartei entdeckt werden. Ein zweiter Schlag kam gleich noch dazu. Es war gerade wieder ein neuer Ministerbefehl ergangen, der besagte, dass bei der operativen Tätigkeit erbeutetes Material ohne besondere zu genehmigende Umstände auf keinen Fall von Mitarbeitern in irgendeiner Form genutzt werden dürfe. Da sah an einem Morgen Minister Mielke bei der Fahrt zur Arbeit, wie auf einen Parkplatz am Dienstgebäude einer seiner Untertanen aus einem Auto westlicher Produktion ausstieg. Als Fahrer wurde unser Franzl ermittelt. Der hatte das Fahrzeug seines IM, mit dem er die Schleusergeschichte betrieben hatte, mit der Begründung, dass wir einen Teil davon bezahlt hatten, auch hin und wieder für private Zwecke genutzt. Diese beiden Sünden wurden ihm nicht verziehen. Seine Laufbahn als MfS-Mitarbeiter war damit beendet.

In Berlin-Hohenschönhausen gab es nicht nur eine Reihe von Dienstgebäuden des MfS, es gab auch ein konzentriertes Wohngebiet von Mitarbeitern und aus diesem Grunde einen diensteigenen Busverkehr in die Zentrale in der Normannenstraße. Einem wachsamen Genossen war der Friseur aus der Berliner Straße, bei dem viele unserer Angehörigen Kunde waren, verdächtig aufgefallen. Regelmäßig lief der mit einer unter den Arm geklemmten Aktentasche an der auf den Bus wartenden Menschentraube freundlich grüßend vorbei, ohne dass aus seinem Verhalten ein Sinn für die morgendliche Wanderung zu erkennen war. Wir nahmen uns der Sache an und fanden schnell die Antwort. In die Tasche war eine Filmkamera eingebaut, mit der seit geraumer Zeit im Auftrage der CIA die Wartenden fotografiert wurden.

Ehe wir die Sache beendet haben, wurden erst einmal die weiteren Umstände aufgeklärt. In diesem Falle kam operative Technik in der Wohnung des Verdächtigen zum Einsatz. Man wirft uns ja heute ständig vor, das wäre in unserer Tätigkeit gang und gäbe gewesen. Wer sich aber darin auskennt und ernsthaft darüber nachdenkt, muss jedoch zu dem Schluss kommen, so einfach ist das in der praktischen Ausführung gar nicht. Die Gefahr, dabei erkannt zu werden, ist unheimlich groß. Wir haben es in solchen Fällen nur dann gemacht, wenn nichts mehr zu verderben war und die bereits vorliegenden Beweismittel ausgereicht hätten, die Sache zu beenden. Der Verdacht lag hier jedoch nahe, dass da noch mehr daran hing und die Handlungen des Mannes sich nicht im Filmen von Bus-Passagieren erschöpfte.

Die aufgebrachte Geduld hatte sich gelohnt. Ich will jetzt nicht im Einzelnen schildern, was da alles heraus kam. Eins war aber von wesentlicher Bedeutung. Zum Umgangskreis des Friseurs zählte der Inhaber einer Installationsfirma aus der gleichen Umgebung. Zu dessen Kundschaft gehörten wiederum auch viele Angehörige des MfS, auch der zu dieser Zeit nicht mehr im Amt befindliche ehemalige Minister Ernst Wollweber mit seiner Wohnung am Orankesee. Da gab es noch nicht die Prominentensiedlung in Wandlitz, in der Erich Mielke lebte. In Wollwebers Haus hatte der Klempner eine Warmwasseranlage installiert, die er auch ständig wartete. Also der Zugang zum Objekt war ihm fast problemlos möglich. Die CIA-Leute hatten mit ihm beraten, wie man darin einen Sprengsatz einbauen und bei Bedarf durch Fernzündung zur Explosion bringen kann. Zur Realisierung kam der Einbau offenbar nicht, weil Wollweber inzwischen nicht mehr in dieser Funktion tätig war. Auch hier wird wieder ganz deutlich, dass der Begriff Spionage nicht isoliert zu betrachten ist. Die Beschaffung von Informationen ist immer wieder nur der Ausgangspunkt für weitere Handlungen, die in ihrer Tragweite oft nicht von Anfang an zu übersehen sind. Der Operative Vorgang wurde mit drei Festnahmen abgeschlossen.

Die Überwachung der DDR-Bevölkerung durch die »Stasi« war umfassend, hört man bis heute immer wieder auf allen Kanälen und liest es in den vom Zeitgeist beherrschten Blättern aller Art. Selbst die Republikflüchtlinge, die in den Westen gegangen waren, seien dort noch bespitzelt worden. Darüber, was da wirklich gelaufen ist, verliert man natürlich an keiner Stelle ein Wort. Im Rahmen der vielen operativen Handlungen ergab sich eine Verbindung zu einer Stelle im Westberliner Senat, wo man wusste, welche Geheimdienste bei den Aufnahmeverfahren im Flüchtlingslager welche Leute aus dem normalen Ablauf heraus nahmen. Das waren dann diejenigen, mit denen versucht wurde, weitere Aktivitäten gegen die DDR zu organisieren. Neben der umfassenden Informationsbeschaffung war es die Herstellung von Rückverbindungen in die Kreise und die Bereiche, aus denen der jeweilige Flüchtling kam und der Versuch, in diesen neue Agenten anzuwerben. Im Schnitt bekam ich monatlich so fünfzig bis sechzig Namen von Personen genannt, mit denen die US-Geheimdienste in dieser Richtung arbeiteten.

Das war wieder eine ziemlich zeitaufwändige Arbeit. Es ergab sich daraus die Aufgabe, möglichst schnell festzustellen, wer aus dem zurückgebliebenen Umgangskreis des Geflüchteten in dieser Hinsicht angesprochen wurde und wie der darauf reagierte. Der ursprüngliche Gedanke, selbst eine Übersicht darüber zu haben und die dazu eingeleiteten operativen Maßnahmen in einer Art Zentralvorgang zu erfassen, musste ich bald aufgeben. Das wäre unter den gegebenen Umständen nicht zu bewältigen gewesen. Wir vertrauten auf die Wahrnahme der Verantwortung durch die zuständigen Diensteinheiten an der Basis und beschränkten uns auf entsprechende Hinweise an sie.

An dieser Stelle bietet sich eine Bemerkung zu den massiven Anwürfen an, die wegen der angeblich umfassenden Überwachung und Bespitzelung der Menschen in der DDR unter Berufung auf die Aktenkilometer in unseren Archiven, gegen uns erhoben werden. Es war üblich, alle operativen Handlungen, die ein Mitarbeiter jemals ausführte, schriftlich zu fixieren. Was wir bei den heutigen Polizei-, Verfassungsschutz- und Untersuchungsorganen ständig mit einiger Verwunderung erleben, dass bei der Aufklärung von Straftaten noch während der Untersuchung Unterlagen verschwunden sind oder Vorkommnisse nach der Tat nicht ordentlich dokumentiert und Spuren nicht gesichert wurden, war bei uns im Prinzip nicht möglich. Die Aktenordung gestattete es auch nicht, nachträglich durch Unbefugte etwas zu entnehmen, ohne dass dafür eine stichhaltige Begründung gegeben wurde. Nach Abschluss von Operativen Vorgängen wurde alles archiviert. Das betraf auch Dinge, wo bei der Bearbeitung von Sachverhalten oder Personen ein vorher angenommener Verdacht oder ein Bezug zur Sache sich nicht bestätigten. Und wie groß der ursprüngliche Kreis zu erfassender Personen sein konnte, ergibt sich unter anderem aus der eben beschriebenen gegnerischen Methode, umfangreiche Rückverbindungen von weggegangenen Leuten für ihre hinterhältigen Zwecke zu nutzen.

Das ignoriert man heutzutage bewusst und bezeichnet das gesamte Archivmaterial als Opferakten und wer will, der kann sich ohne Probleme, wenn sein Name in irgendeinem Papier dieser Art auftaucht, als »Stasiopfer« ausgeben und er kann auch behaupten, in seine »Stasiakte« eingesehen zu haben bzw. eine zu haben. Man suggeriert damit eigentlich entgegen der Wahrheit, dass über jeden Bürger der DDR eine solche existiere. Die Fragestellung lautet nicht: Hast du geprüft, ob über dich eine Akte vorhanden ist? Sie lautet dagegen generell: Hast du in deine Akte Einsicht genommen? Das ist doch wohl ein wesentlicher Unterschied. Es wird also grundsätzlich vorausgesetzt, dass jeder eine Akte hat.

Für mich begann eine neue Etappe. Ein Fernstudium an der Juristischen Hochschule wurde vorgeschlagen. Mir fehlte aber die so genannte Hochschulreife. Als ich im Jahre 1938 eingeschult wurde, war eigentlich für Leute meiner sozialen Herkunft die achtjährige Volksschule das Normale. Da hatte ich schon Glück, dass man mich nach der vierten Klasse in die neu gegründete Mittelschule schickte, die ich mit Abschluss der zehnten Klasse, also mit der »Mittleren Reife«, wie das damals hieß, im Jahre 1948 beendete. Nach einer Berufsausbildung und dem Beginn einer Tätigkeit als Lehrlingsausbilder wurde ich 1952 Mitarbeiter des MfS und hatte in dieser Zeit, außer der Teilnahme am Einführungslehrgang in Eberswalde, keine weitere theoretische Ausbildung erhalten. Um das nachzuholen war ein Einjahreslehrgang an der Potsdamer Bezirksparteischule der SED in Kleinmachnow als Voraussetzung für das danach geplante Fernstudium vorgesehen. Meine »Amerikanische Zeit« war damit vorüber, was natürlich nicht bedeutete, dass ich künftig mit diesen Diensten nichts mehr zu tun hatte, aber es waren dann nicht nur ausschließlich sie.

Wir haben jetzt, als ich diese Zeilen niederschreibe, den Januar 2014. Und gerade in diesen Tagen richtet sich das öffentliche Interesse wieder konzentriert auf die Aktivitäten von US-Geheimdiensten im Zusammenhang mit der so genannten NSA-Ausspähaffäre, wie sie bezeichnet wird. Die USA hören millionenfach Telefongespräche in aller Welt ab und machen dabei auch nicht Halt vor der Intimsphäre ihrer engsten Freunde. Auch unsere Kanzlerin gehört zu den Opfern. Mein Erstaunen darüber hält sich in Grenzen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, diese Methode ist nicht unbedingt neu. Die Amis haben schon immer, besonders aktiv nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, alles ausgekundschaftet, was ihnen über den Weg kam. Nur früher waren die Möglichkeiten nicht so weitgehend, wie heute. Und dieses Ausspionieren geschah und geschieht bei Freund wie bei Feind. Ihr öffentlich erklärter Anspruch, die Welt zu beherrschen, macht das ganz einfach erforderlich. Wobei: Die Formulierung »Weltbeherrschen« benutzen sie nicht. Sie sagen, aus Gründen der Moral und der Menschenrechte fühlen sie sich als stärkstes und demokratischstes Land der Welt verpflichtet, dass allen Menschen auf Erden Frieden und Demokratie gebracht werden. Wie das im Detail aussieht, habe ich ja hier beschrieben. Und die Beispiele dafür in der großen Politik erleben wir täglich.

In meinen letzten »amerikanischen Tagen« hatte ich noch einen nicht abgeschlossenen Operativ-Vorgang über einen Agenten des US-Geheimdienstes Office of Strategic Service (OSS) in den Händen. Der Beweis für diese Verbindung war erbracht. Was er aber genau tat, war noch unklar. Es war bei uns üblich, vor einer Festnahme ausreichende Beweise zu dokumentieren, um nicht auf die Aussagen in der Vernehmung angewiesen zu sein. Aus seinem ganzen Verhalten und seinem Umfeld konnten keinerlei Anhaltspunkte für konkrete Handlungen gefunden werden. Irgendwie kam ich in der weiteren Bearbeitung nicht voran. Seine persönlichen Beziehungen mussten erkundet werden. Dafür eignete sich eine Telefonkontrolle. Weil wir eben keine »flächendeckende Überwachung« dieser Art in der DDR hatten, musste die begründet und genehmigt werden. Eine solche Maßnahme war zeitlich begrenzt. Der Antragsteller musste seine Fragen an die dafür zuständige Diensteinheit geben und die versuchten sie durch Auswertung der abgehörten Gespräche zu beantworten. Der Auftraggeber erhielt also nicht die komplett anfallenden Texte.

Auch das alles brachte mich nicht voran. Ohne Kenntnis der operativen Details des Vorganges konnte der mit der Auswertung beauftragte Mitarbeiter nicht das herausfinden, was mich interessierte. Es handelte sich um einen Geschäfts-Telefonanschluss, der fleißig in Betrieb war. In Ausnahmefällen war es möglich, die Gesprächsaufzeichnungen im Original zu erhalten, um sie selbst auswerten zu können. Diese Zustimmung wurde mir gewährt. Nach einem längeren Zeitraum und der Einordnung der angefallenen Personen in bestimmte Kategorien war ich dann in der Lage, zu unterscheiden, wer gehört zur Familie, wer ist Kunde im Geschäft und für welchen Kontakte gibt es keine normale Erklärung. Auf diese konnte dann die Bearbeitung konzentrieren werden. Dabei wurde ich fündig. Kurz gesagt, unser Mann fungierte als Kurier für zwei honorige US-Agenten, deren Wirkungsbereich in die Außenwirtschaftsbeziehungen der DDR gehörte. Beide waren eingebunden in den Bau des Assuanstaudammprojektes in Ägypten und die dazugehörigen Elektrifizierungsmaßnahmen in diesem Land. Das Material ging deswegen zur Weiterbearbeitung an die dafür zuständige Diensteinheit.

Dazu eine Bemerkung zu den uns immer wieder vorgehaltenen »üblen Methoden bei der Überwachung von Telefonen«. Erst kürzlich gab es in meiner Lokalpresse eine Artikelserie zu diesem Thema. »Die Stasi hat selbst Kinder bespitzelt, wurde da empört ausgerufen und auch mit Faksimiles aus Akten der betreffenden Behörde unterlegt. So etwas wirkt natürlich auf die Menschen. Selbst aus uns wohl gesonnenen Kreisen wurde mir gesagt: Das hättet ihr nicht tun dürfen! Dazu kann man ganz einfach fragen, wie will die eingesetzte Technik unterscheiden, wenn man in so einer Anlage drin hängt, wer da den Hörer am betreffenden Telefonanschluss abhebt? Eine Dienstanweisung zu dieser Thematik bei uns besagte, dass bei diesen Maßnahmen gewonnene Informationen, die mit der Sache nichts zu tun hatten und unbeteiligte Personen betrafen, aus den Unterlagen zu entfernen oder gar nicht aufzunehmen sind. Nun kann es trotzdem aus irgendwelchen Gründen einmal passiert sein, dass ein Mitarbeiter das nicht getan hat. Das spielt aber bei diesen Stasijägern keine Rolle. Wenn es um die Diskriminierung des MfS geht, sind alle Mittel recht. Ich betone noch einmal: Eine flächendeckende Telefonüberwachung in der DDR gab es nicht. Sie war immer zweckbezogen. Außerdem, das ist noch wichtig zu betonen, als Beweismittel vor Gericht waren die so gewonnenen Informationen nicht zugelassen.

Die gegenwärtigen Meldungen in der Presse über Minderjährige als Angehörige der Bundeswehr, über die es in der Öffentlichkeit kaum Aufregung gibt, erinnern mich an eine weitere Attacke gegen uns. Selbst Kinder hätten wir für Spitzeldienste missbraucht. Aus eigenem Erleben will ich ein Beispiel zu diesem Problem benennen. Die Dienststelle Cptn. Walter beschäftigte einen Fotolaboranten, der einen minderjährigen Bruder in der DDR hatte. Siebzehn Jahre war der alt. Wir wussten, die Amerikaner überlegten, wie sie diesen jungen Mann allmählich an sich ziehen und nach dem Abitur auf einen für sie nützlichen Entwicklungsweg lenken können. Dass sein Bruder dem Geheimdienst angehörte war dem Jungen hier nicht bekannt. Vor uns stand die Frage: Lassen wir die Geschichte laufen und warten ab, bis der Agent der Amis ist und greifen dann zu oder verhindern wir rechtzeitig, dass er diesen für ihn verhängnisvollen Weg geht? Auch die Überlegung spielte dabei natürlich eine Rolle, ob man später die gegebene Situation für das Eindringen in das gegnerische Unternehmen nutzen kann.

Also haben wir trotz Minderjährigkeit zu ihm unter einer Legende einen Kontakt hergestellt. Er hatte eine schon erwachsene Freundin, mit der es aus anderen Gründen an ihrer Arbeitsstelle durch unseren dort zuständigen Mitarbeiter eine operative Beziehung gab. Die Dame schien für das Vorhaben geeignet und war auch aus eigenem Interesse bereit, mit uns gemeinsam zu verhindern, dass ihr Liebhaber ins Unglück stürzte. Es lief recht gut an und wäre auch erfolgreich vorangegangen, wenn nicht durch unsere Maßnahmen der CIC-Dienststelle Cptn. Walter der Garaus gemacht worden wäre. Das Problem klärte sich damit von selbst.

Dafür, wie die andere Seite mit diesem Problem umging, habe ich ein Beispiel aus der eigenen Arbeit. Ich wurde in das der MfS-Zentrale nahe liegende Polizeirevier gerufen. Dorthin hatte ein Streifenpolizist einen vierzehnjährigen Jungen aus Westberlin gebracht, der beim eifrigen Fotografieren von Autokennzeichen auf unseren Parkplätzen erwischt worden war. Seine Erklärung war, sein Hobby sei es, bestimmte Gebäudetypen zu fotografieren und unser Häuserkomplex, von dem er angeblich nicht wusste, wozu er diente, sei eben ein solches Objekt. Nun kann man mit einer Person in diesem Alter nicht viel anfangen. Nach Feststellung der Personalien habe ich ihn laufen gelassen, mit der Bemerkung, er könne am nächsten Tag wiederkommen und seinen Kamera abholen. Es interessierte natürlich, was da geknipst worden war. Grundsätzlich wurden diese Geräte erst in der Dunkelkammer geöffnet, weil es schon vorgekommen war, dass durch besondere Manipulationen die Filme beim normalen Öffnen der Kamera belichtet und damit für die Auswertung unbrauchbar wurden.

Der Film war fast voll und enthielt Aufnahmen von MfS-Dienststellen aus Pankow, Prenzlauer Berg, Weißensee und Lichtenberg mit allem möglichen Drumherum. Das war natürlich ein Grund, um sich mal anzusehen, woher dieses Kind kam. Sein Vater war ein Westberliner Polizist, der mit den Amerikanern verbunden war. Weitere Erklärungen erübrigen sich hier. Der Fotoapparat wurde nicht wieder abgeholt. Der gesamte Vorfall wurde natürlich schriftlich fixiert und auch archiviert. Wenn nun heute jemand in irgendeiner Akte im Archiv diese Blätter findet, hat er einen Beweis dafür, dass die »Stasi selbst Kinder verfolgt hat«.

Meine Ausführungen zu dieser ganzen Problematik habe ich mit der Teilnahme an einem Prozess vor dem Obersten Gericht der DDR im Jahre 1957 begonnen. Die Verhandlungen erfolgten öffentlich und es gab danach eine ausführliche Berichterstattung in den Medien. Unsere Bevölkerung konnte sich in dieser Zeit ausführlich über die Tätigkeit und die Ergebnisse der Arbeit des MfS ein Bild machen. Auch die Mittel und Methoden die andere Seite gegen uns blieben nicht geheim. Das förderte natürlich auch die Bereitschaft unter den Menschen, die Sicherheitsorgane bei ihrer Arbeit zu unterstützen und war wesentlich mit Voraussetzung für die erreichten Erfolge.

Die Grundaufgabenstellung des MfS war von Anfang an, den im Untergrund gegen uns arbeitenden Feind zu bekämpfen und was nicht unbedeutend war, auch die reale politische- und Sicherheitslage im Lande einzuschätzen, um begünstigende Bedingungen für gegnerisches Wirken zu erkennen und an die Führung im Staate zu signalisieren. Bei der Erfüllung dieser zweiten Aufgabe stießen wir jedoch in zunehmendem Maße auf Probleme. Die Auswertung abgeschlossener Operativer Vorgänge und von Strafverfahren machte auch Mängel und Probleme in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen im Lande sichtbar, die günstige Bedingungen für gegnerisches Wirken boten. Diese Feststellungen waren aber in zunehmendem Maße bei der SED- und Staatsobrigkeit unerwünscht. Der Traum vom glatten erfolgreichen Aufstieg hatte sich da schon frühzeitig so in den Köpfen festgesetzt, dass der Sinn für Realitäten immer mehr verloren ging und wir mit unseren öffentlich gemachten Arbeitsergebnissen immer mehr als lästiger Störfaktor angesehen wurden. So kam es, dass unsere bis dahin recht intensive und erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit zunehmend eingeschränkt wurde.

Besonders tragisch entwickelte sich das, nachdem Erich Honecker in die oberste Position im Staate aufgestiegen war. Die nur noch auf Erfolgsmeldungen reduzierte Parteipropaganda ließ es nicht mehr zu, Probleme zu benennen. Über die reichlichen Aktivitäten der Sicherheitsorgane konnten sich die Menschen fast ausschließlich nur noch über die Westmedien informieren. Und wie die unsere Abwehrarbeit verunglimpften, muss ich hier wohl nicht näher beschreiben. Die Leute bekamen ja mit, wenn das MfS irgendwo eingegriffen hatte. Es entstanden Fragen und keiner beantwortete sie. Honecker hatte verfügt, dass alle Veröffentlichungen über seinen Tisch zu gehen haben. Die meisten blieben auf seinem Tisch hängen und die, die dann doch weiter liefen, sagten nichts über den wahren Sachverhalt aus. Jeder, der damals Zeitung gelesen hat, kann sich noch an solche Meldungen erinnern, die sich ständig wiederholten und sinngemäß lauteten: Durch die Sicherheitsorgane der DDR wurde der Bürger der BRD xxxxxxxx wegen staatsfeindlicher Agententätigkeit festgenommen. Das zur Tat benutzte Kraftfahrzeug wurde eingezogen

Mit solchen banalen Presse-Meldungen war aber der vorhandene Informationsbedarf bei den Bürgern der DDR nicht zu decken. Dass in den meisten Fällen zusammen mit diesen Bürgern der BRD auch ihre DDR-Agenturen festgesetzt wurden, kam in dieser Berichterstattung nicht mehr vor. Auch der Charakter der begangenen Straftaten spielte dabei keine Rolle. Es waren in der Praxis die Kuriere und Instrukteure aus dem Westen, die zusammen mit ihren DDR-Agenturen erwischt wurden. Auch eine öffentliche Auswertung von Strafprozessen dieser Art wurde im Prinzip eingestellt.

Nach der Schließung der Staatsgrenzen im August 1961  änderten sich die Methoden der geheimdienstlichen Angriffe gegen die DDR grundlegend. Sie nahmen an Intensität zu und kamen nicht mehr so frontal und direkt wie bis dahin üblich. Die Geheimdienste und andere gegen uns wirkende Organisationen kamen jetzt auf anderen Wegen, die auch von uns neues taktisches Vorgehen erforderten. Diese Kategorie von Spionen, von denen bis jetzt die Rede war, bekamen ihre Instruktionen von ihren Auftraggebern jetzt über Funk und waren alle an den so genannten Rundspruchdienst angeschlossen. Ihre Informationen in den Westen liefen fast ausschließlich auf dem Postwege an Deckadressen in der BRD. Dafür waren sie mit entsprechenden Geheimschriftmitteln ausgerüstet. Doch das ist ein anderes Thema, auf das hier erst einmal nicht weiter eingegangen werden soll.

Neben dieser militärischen Linie mit ihren Vorbereitungen auf bewaffnete Auseinandersetzungen verstärkten sich Angriffe in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Gegner kamen nicht mehr unter ihrem wahren Namen. Sie tarnten sich mit denen von politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Organisationen und entwickelten Kontakte in ebensolche Bereiche in der DDR. Für ihre Partner hier war es oft nicht einfach zu erkennen, mit wem sie sich da eingelassen hatten.

Das gleiche galt für unsere Abwehrarbeit. Es hätte einer wesentlichen Qualifizierung und Verbesserung der politischen Arbeit der dafür zuständigen Kräfte in unserer Gesellschaft bedurft, um die neuen Feindmethoden sichtbar zu machen, um Freund und Feind besser unterscheiden zu können. Dazu waren aber diejenigen, die den Führungsanspruch in unserem Lande für sich erhoben, immer weniger im­stande. Das MfS mit seiner realen Lageeinschätzung wurde zum Störfaktor und am Ende wurde es von diesen Leuten weggeworfen wie ein schmutziger Putzlappen, den man nicht mehr brauchte.

Für unsere Gegner war es nicht besonders schwer, das Märchen von »Kraken Stasi«, der mit angeblich 91.000 primitiven Schnüfflern und 100.000 und so und so viel schäbigen Spitzeln das Volk der DDR im Griff hatte, zu verbreiten. Soweit mir bekannt ist, lag der operative Mitarbeiterbestand des MfS, also derjenige, der Personen bearbeitet, kontrolliert und was weiß ich noch hatte, bei ungefähr 12.800.

Mit diesen Notizen habe ich versucht sichtbar zu machen, wie der Tagesablauf eines solchen »primitiven Schnüfflers« ausgesehen hat. Geschichten dieser Art sind tausendfach in den nun in besonderer Verwaltung befindlichen BStU-Archiven abgelegt. Offenbar ist man wegen der Menge der dort lagernden Akten noch nicht bis dahin vorgedrungen. In den Medien, die ohne Pause über irgendeine Story aus diesen Bereichen berichten, habe ich noch nichts gefunden.

 

 

Wie der Schutz und die Sicherheit der DDR

zu meinem Beruf wurden

 

Von Johannes Schindler

 

Jahrgang 1935; Diplomjurist; MfS/AfNS 1953-1990; Oberst a. D.; zuletzt Abteilungsleiter in der

SED-Kreisleitung im MfS Berlin

  

Beeinflusst hat meine Entscheidung damals, vor 60 Jahren, Fakten, Familie, Freunde und auch Feinde. Es begann 1952 mit der Entscheidung der politischen und staatlichen Führung in der DDR, in Abstimmung mit der Sowjetunion, in Reaktion auf die Remilitarisierung in der BRD und Westeuropas an der Systemgrenze und zum Schutze der DDR und ihrer Bürger kasernierte Einheiten der Deutschen Volkspolizei zu schaffen. Dieses sicherheitspolitische Vorhaben hielt ich für notwendig und richtig. Gründe gab es mit Blick auf die inneren Bedingungen nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg und seiner Folgen, aber besonders auch mit Blick auf die äußeren, westwärts ablaufenden Entwicklungen genug.

Zwei Vorgänge sollten mich dabei nachhaltig beeinflussen (und ich war nicht der Einzige, dem es so ging). Da war die fortgesetzte Zerstörung Helgolands durch die Royal Air Force, die die Nordseeinsel als Bombenabwurfplatz nutzte. Dagegen formierte sich Widerstand, FDJler besetzten die Insel. Sie kamen ins Gefängnis – und erhielten für ihren mutigen Einsatz in den 90er Jahren das Bundesverdienstkreuz. Bundesweit regte sich Protest gegen die beginnende Remilitarisierung. Eine »Jugendkarawane ge­gen Wiederaufrüstung und Generalvertrag« zog trotz Verbot durchs Land. Am 11. Mai 1952 ging in Essen die Polizei gewaltsam gegen die Demonstranten vor. Dabei wurden der FDJler Philipp Müller tödlich getroffen, der Sozialdemokrat Bernhard Schwarze und der Gewerkschaftler Albert Bretthauer schwer verletzt. Es gab viele Festnahmen, elf Personen wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Das Landgericht Dortmund stufte die Schüsse als Notwehr ein.

Hinzu kam, dass in allen Bereichen des westdeutschen Staates die alten Nazis wieder auftauchten. Nach einer kurzen Phase der Entnazifizierung in den Westzonen tauchten sie wieder auf und machten im antikommunistischen Geiste weiter, wo sie 1945 zwangsweise hatten aufhören müssen: Politiker, Juristen, Militärs, Geheimdienstler, Journalisten, Pädagogen – und schrien nach Revanche und der »Befreiung« der Ostzone, womit die DDR gemeint war.

Die wehrte sich. Ich wehrte mich. Ich trat der KVP bei. 

Nach der dreijährigen Berufsausbildung zum Elektromaschinenbauer im VEB Elbtalwerk Heidenau wollte ich ursprünglich eine Ingenieurschule besuchen. Als die FDJ auf dem IV. Parlament in Leipzig die Patenschaft über die KVP übernahm und Freiwillige suchte, änderte ich meine Pläne. Im März 1952 stellte man mich von der Berufsausbildung frei, um im Auftrag der FDJ-Kreisleitung Pirna bei der Werbung für den Dienst in der KVP mitzuwirken. Mir war klar, wenn ich diesen Auftrag erfüllen wollte, musste ich jedoch selbst zum Dienst in den bewaffneten Organen bereit sein. Die Freunde in der Kreisleitung setzten das als selbstverständlich voraus. So gab ich die Verpflichtung ab, mit Erreichen des 18. Lebensjahres den Dienst in der KVP anzutreten. In jedem Werbungsgespräch wurde nach meiner eigenen Entscheidung gefragt. Ich konnte eine ehrliche Antwort geben.

Der sofortige Dienst in der KVP stand aber noch nicht auf der Tagesordnung. Dafür war ich mit 16 Jahren noch zu jung. So kehrte ich nach Beendigung des Einsatzes in der FDJ-Kreisleitung in meinen Betrieb zurück, schloss die Ausbildung ab und arbeitete in der FDJ-Organisation als Sekretär für Organisation. Aufgaben zum Schutz der DDR beschäftigten mich weiter, so beim Aufbau der Gesellschaft für Sport und Technik und bei der Gewinnung Freiwilliger für den damalig ausgerufenen »Dienst für Deutschland«. (Zur Erfüllung der von der Sowjetunion an die DDR gerichteten Forderung, unverzüglich eigene militärische Verbände und Einrichtungen zu schaffen, folgte der Entscheidung zum Aufbau der » Kasernierten Volkspolizei« am 24. Juli 1952 der Beschluss des Ministerrates der DDR zur Bildung der Organisation »Dienst für Deutschland« (DD). Er unterstand dem Ministerium des Inneren der DDR, geleitet von der Hauptverwaltung DD.

Am 26. Juli 1952 entschied der Zentralrat der FDJ, die Entwicklung dieser halbmilitärischen Organisation durch die Gewinnung Freiwilliger zu unterstützen. Jugendliche beiderlei Geschlechts im Alter zwischen 17 bis 21 Jahren sollten für sechs Monate zum freiwilligen »Dienst für Deutschland« gewonnen werden.

Die kaserniert untergebrachten, nach militärischen Prinzipien aufgebaut und geführten Trupps waren für Bau- und Erdarbeiten zur Errichtung militärischer Objekte und Anlagen, im Einzelfall auch vordringlicher Objekte der Volkswirtschaft vorgesehen. Verbunden war damit eine militärische Grundausbildung für die Männer und eine Sanitätsausbildung der Frauen. Zu den Zielen gehörte auch die Vorbereitung und Gewinnung für einen Dienst in den Einheiten der Kasernierten Volkspolizei. Die Besoldung betrug pro Tag 1,00 Mark der DDR.

Die Grundkonzeption sah eine Gesamtstärke von 100.000 pro Durchgang vor. Mit den erbrachten Arbeitsleistungen sollte sich der Dienst, einschließlich der Gehälter des Führungspersonals, selbst finanzieren. Die ersten Trupps nahmen ihren Dienst am 1. August 1952, vorwiegend bei der Realisierung militärischer Vorhaben im nördlichen Teil der DDR, vereinzelt auch beim Aufbau der Eisen- und Stahlwerke auf. Desaströse Probleme in finanziellen, organisatorischen und disziplinarischen Belangen führten im November 1952 zur Auflösung der Mädchentrupps und im März 1953 des ganzen Vorhabens.

Im April 1953, als der Zeitpunkt für die Realisierung meiner KVP-Verpflichtung absehbar war, wurde ich überraschend zur Bezirksverwaltung Dresden des MfS bestellt.

Aus eigenen Erlebnissen war mir bekannt, dass unter uns Menschen lebten, die mit der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR nicht einverstanden waren, die das nicht nur in Worten zum Ausdruck brachten, sondern mit strafbaren Handlungen Schäden verursachten und Unruhe stiften wollten. Dafür drei Beispiele. In den ersten Jahren nach Gründung der DDR wurden in meiner sächsischen Heimat, besonders in der kalten Jahreszeit wiederholt die Fensterscheiben der im Berufsverkehr nach Dresden zur Verfügung stehenden Züge zerstört. Unter diesen Umständen eine etwa 90-minütige Fahrt bis zum Zielort war keinesfalls gut für die Stimmung unter den Berufstätigen.

In einem Volkseigenen Gut, für das die FDJ-Organisation unseres Betriebes die Patenschaft hatte, war durch Brandstiftung ein Teil des eingelagerten Erntegutes vernichtet worden. Wir konnten nur noch bei Aufräumarbeiten helfen. Für die Versorgung der Bevölkerung blieb der Schaden. Eines Nachts brannte in unmittelbarer Nähe meines Elternhauses eine als Notunterkunft für Umsiedler eingerichtete Baracke völlig nieder. In der Brandnacht verlies der Täter mit seiner Familie die DDR in Richtung Westberlin. War die Tat eine Vorleistung, um als politischer Flüchtling anerkannt zu werden? Mit den geschilderten Vorgängen war ich persönlich direkt konfrontiert. Trotzdem – von der Existenz des MfS, seinen Aufgaben und seinem Wirken bei der Aufklärung derartiger Vorkommnisse, hatte ich noch immer kaum Vorstellungen.

Bei meiner Einbestellung zur Dienststelle des MfS in Dresden wurde mir unter Bezug auf meine vorliegende Verpflichtung zum Dienst in der KVP der Vorschlag unterbreitet, meinen Beitrag zur Sicherung der DDR und ihrer Bürger als Mitarbeiter des MfS zu leisten.

Nach einem ausführlichen Gespräch erfolgte die schriftliche Verpflichtung. Im Gedächtnis geblieben sind mir besonders sinngemäß die Sätze: Ich werde so lange wie notwendig, an jeder Stelle, jeden Auftrag im Interesse der Arbeiterklasse und aller Werktätigen, zum Schutz und der Sicherheit der DDR leisten. Mich mögen bei Verletzung meiner Pflichten die Verachtung des Volkes und die härteste Strafe treffen. Mit diesem Versprechen verließ ich als Angehöriger des MfS, mit dem Dienstgrad Soldat, die Bezirksverwaltung.

Mein erster Auftrag lautete: Besuch des einjährigen Grundlehrganges an der Schule des MfS in Eiche bei Potsdam. Ende Mai 1953 begann der Lehrgang. Für uns Kursanten galt nun das in einer Kaserne übliche militärische Reglement, verbunden mit Lektionen, Selbststudium und Seminaren. Auch die Bewachung des Objektes gehörte dazu, einschließlich der Nebenwirkungen, die sich z. B. in starkem Schlafbedürfnis während der Lektionen und beim Selbststudium bemerkbar machten. Wir waren noch dabei, uns einzuleben und als Kollektiv zu entwickeln, als am 17. Juni der übliche Tagesbetrieb mit einem über den Kasernenfunk gegebenen Befehl unterbrochen wurde. Er lautete in etwa: Unterricht sofort beenden; in so und so viel Minuten antreten; Bekleidung: Uniform, Schirmmütze, Koppel, hohe Schuhe! Im üblichen Dienstbetrieb galt ansonsten die Anzugsordnung Käppi, Uniformjacke ohne Koppel, nebst Uniformhose stets saubere Halbschuhe. Zum befohlenen Zeitpunkt angetreten, wurde uns kurz mitgeteilt, dass wir in Brandenburg eingesetzt werden, weil es dort Vorkommnisse gegeben habe. Genaueres wurde nicht gesagt. Und von den aktuellen Ereignissen in Berlin hatten wir zu diesem Zeitpunkt erstrecht keine Kenntnis.

In Brandenburg/Havel, in der Steinstraße angekommen, wurden wir in Kenntnis gesetzt, dass feindliche Kräfte das Gerichtsgebäude und Gefängnis angegriffen, Mitarbeiter des Gerichtes und der Staatsanwaltschaft misshandelt und mit dem Tode bedroht, Kräfte der Volkspolizei und der Kasernierten Volkspolizei entwaffnet hatten. Wir erhielten den Auftrag, die Steinstraße von dort befindlichen Personen zu räumen und das Gebäude zu sichern. Wir, der 5. Zug unter Führung des Klassenlehrers, einem Oberleutnant und damit gleichzeitig militärischen Vorgesetzten, bildeten eine über beide Bürgersteige und die Straße reichende Kette und setzten uns in mäßigem Tempo in Bewegung. Wir Kursanten waren unbewaffnet, nur unser besagter Oberleutnant trug eine Pistole – umgeschnallt und unterladen. Die sich vor uns befindlichen Menschen wichen ohne Zögern und ohne Widerstand zu leisten zurück, entfernten sich schließlich friedfertig aus der Steinstraße in verschiedene Richtungen. Die Bedrohung des Objektes war ohne jeden neuen Zwischenfall beendet.

Aber was war vor unserem Eintreffen geschehen, welches waren die Hintergründe für unseren Einsatz? Aufschlussreich ist dazu ein im vergangenem Jahr, anlässlich des 60. Jahrestages der Ereignisse um den 17. Juni 1953 von der Bundeszentrale für Politische Bildung unter dem »Projekt 17. Juni 1953«, im Internet veröffentlichter Bericht eines damaligen Rädelsführers der Vorkommnisse in der Stadt Brandenburg. Man beachte den auffällig militärischen Stil seines Berichtes unter der Kennung »(SPD-PV Ostbüro) Quelle 3-622/5«.

Daraus einige Auszüge.

»Quelle beteiligte sich an Demonstrationen rege, entwaffnete bei der SED-Kreisleitung die dort postierten 8 bis 9 Vopos. Einer von ihnen wurde in die Havel geworfen. Quelle sonderte sich mit etwa 20 Mann ab, worunter drei Mann mit 08-Pistolen bewaffnet waren. […] Sie zogen zum Amtsgericht Steinstraße, wo sich bereits eine größere Menschenmenge angesammelt hatte. Die Scheiben des Amtsgerichtes wurden zerschlagen, worauf der Menge drei Vopos mit gezogener Pistole entgegentraten. Hier eröffnete die Vopo aus den Wachstuben das Feuer. Es waren allerdings nur Warnschüsse. Nachdem sie die Vopos abgedrängt hatten, brachen sie in das Amtsgerichtsgebäude ein. […] Nachdem von der VP scharf geschossen wurde, revanchierte sich Quelle mit zwei Schüssen gegen die Stellung der Vopo. Dadurch gelang der Einbruch in das Gefängnis. […] Quelle forderte nun Freigabe der politischen Gefangenen. Im gleichen Moment erschien der Richter des Polizeigefängnisses und erbot sich zur Verhandlung und erklärte sich zur Freigabe der Gefangenen bereit. […] Der Staatsanwalt wurde mit Handschellen gefesselt zum Gefangenenwagen geführt, wurde daraufhin blutig geschlagen und in das Gefängnis zurückgeführt, wo er bald darauf mit einem Pkw an die Havel gefahren wurde. Hier warf man ihn von der Lukenberger Brücke in den Fluss

Zum Einsatz der Kursanten des MfS vermerkte »Quelle«: »Weitere Verstärkung durch KVP (mit roten Schulterstücken) und einem K-Zeichen wurde mit Omnibussen herangebracht. Es befanden sich darunter Offiziere und Mannschaften, jedoch unbewaffnet, erst hier wurden sie teilweise bewaffnet. Sie versahen daraufhin den Streifendienst nach 19.00 Uhr bis 6.00 Uhr früh

Diese Aussage entspricht nicht den Tatsachen. Unsere Ausrüstung beim Einsatz am 17. Juni war einzig und allein unsere politische Haltung, verbunden mit einer Portion Courage und der Gewissheit, sich auf den Nebenmann verlassen zu können. Die meisten von uns waren bis wenige Monate davor selbst noch Arbeiter in der Produktion, waren Kinder aus Arbeiterfamilien, hatten keine Berührungsängste vor den Angesammelten, wohl aber das Gespür, dass entschlossen und besonnen gehandelt werden musste.

Die Streifen zur Kontrolle und Durchsetzung der Ausgangssperre in der Nacht vom 17. zum 18. Juni erfolgten mit Lkw und ohne Waffen, in der folgenden Nacht per Fahrrad, bewaffnet mit Karabiner K 98, aber ohne Munition. Am 19. Juni erhielten die Streifen je fünf Patronen, die nicht in die Waffe eingeführt werden durften, sondern in einer Tasche der Uniform zu tragen waren. Auf diese Details verweise ich angesichts solcher Behauptungen von der »blutigen Niederschlagung des Volks- und Arbeiteraufstandes Im Gegenteil – Blutvergießen sollte verhindert werden. Es galt der Grundsatz, gegen protestierende Werktätige wird keine Waffe angewendet.

Angesichts der seit dieser Zeit in der BRD und Westberlins, und nunmehr im »vereinten« Deutschland jährlich vollzogenen offiziellen Rituale zum 17. Juni, ist der für den damaligen SPD-Parteivorstand und das Ostbüro der SPD gefertigte Bericht noch heute in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Leute vom Schlage der sich dem Ostbüro der SPD verpflichtet fühlenden »Quelle 3-622/5« beteiligten sich rege an Demonstrationen – was immer das bedeuten soll – und begingen am 17. Juni 1953 in der DDR schwerste Straftaten, die in jedem Staat, auch der BRD, verfolgt und mit hohen Strafen geahndet wurden und werden.

Weil derartige Handlungen aber in und gegen die DDR geschahen, ist der Täter nach dem Denkschema der Bundeszentrale für politische Bildung offenkundig ein erwähnenswerter Held und Freiheitskämpfer.

Im Juni 1954 endete für uns 400 Kursanten die Ausbildung an der Schule des MfS in Potsdam-Eiche mit Prüfungen und Beförderungen, mit Gesprächen über den künftigen Einsatz. Als nunmehriger Feldwebel wurde ich zur Hauptabteilung V des MfS (später Hauptabteilung XX) versetzt. Gerade 19 Jahre alt geworden, ohne praktische Kenntnisse in der politisch-operativen Arbeit, also als echter Neuling, trat ich mit großem Respekt vor dem, was nunmehr auf mich zukommen sollte, meinen Dienst als Sachbearbeiter in der Hauptabteilung V an. Und mit mir noch weitere Kursanten des Lehrganges.

In der HA V fanden zu jener Zeit einige Veränderungen in Bezug auf die zu sichernden Bereiche und Objekte statt, verbunden mit wachsenden Ansprüchen an die neu gebildete Abteilung 7, in der ich nun tätig wurde. Sicher war ich als absoluter Neuling nicht die Kaderzuführung, die meine Vorgesetzten brauchten und gewünscht haben. Doch keiner lies mich das spüren. Im Gegenteil, mein damaliger Abteilungsleiter, ein von den Faschisten verfolgter Genosse, war in den dienstlichen Belangen ein konsequenter, aber auch einfühlsamer Vorgesetzter. Er gab mir auch in persönlichen Belangen in geradezu väterlicher Art und Weise manchen Rat und Hinweis.

Nach kurzer Zeit wurde mir die Objektsicherung für die DEFA-Kopierwerke in Berlin-Köpenick und Berlin-Johannisthal sowie des Progress-Filmverleih übertragen. Eigentlich Werke bzw. Einrichtungen, für die normalerweise die territorialen Dienststellen zuständig waren. In dieser Zeit hatten die stationären Kinos und die Landfilmspielbetriebe die Aufgabe, die Bevölkerung der DDR mit Filmen kulturell zu betreuen und politisch aktuell zu informieren. Das bedeutete, die DDR-Bürger wöchentlich mit der »Wochenschau« und anderen Dokumentarfilmen zu aktuellen Themen sowie mit Spielfilmen zu versorgen. Eine Aufgabe, die von den Beschäftigten in den Kopierwerken und im Filmvertrieb logistisch einiges abverlangte, allen voran aber zuverlässige Arbeit.

Kurz nach Übertragung der Objektsicherung wurde ich mit folgendem Sachverhalt konfrontiert. Ein Mitarbeiter aus der für die Produktion der Kopien der »DEFA-Wo­chenschauen« zuständigen Abteilung des Kopierwerkes Köpenick hatte sich Rat suchend beim Kaderchef des Betriebes gemeldet. Er war in der Wohnung von einem ihm unbekannten Mann mit Wohnsitz in Westberlin besucht worden. Dieser gab an, ein Verwandter des Besuchten zu sein. Die Schilderungen zur Verwandtschaft waren für den Besuchten jedoch undurchsichtig und nicht nachvollziehbar. Auffällig war das Interesse des Westberliners für die Tätigkeit des Besuchten in seinem Betrieb, die Arbeitsabläufe in der Abteilung und die angekündigte Absicht, den Kontakt durch weitere Besuche fortzusetzen zu wollen. Das bewog den Beschäftigten im Kopierwerk, diese Angelegenheit dem Kaderleiter mitzuteilen.

Mit dem DEFA-Kopier-Beschäftigten, Mitglied der Gewerkschaft aber sonst politisch nicht organisiert, wurde Verbindung aufgenommen. Die mit ihm geführten Gespräche, die zu seiner Person und Familie eingeholten Erkundigungen ergaben, dass es sich bei ihm um einen loyalen Bürger der DDR handelt, der mit seiner Frau und vier Kindern in geordneten und harmonischen familiären Verhältnissen lebt, dass er sich mit seinem Betrieb verbunden fühlt und seine Aufgaben zuverlässig erfüllt. Ausgehend von diesen Feststellungen und seiner in den Gesprächen gezeigten Aufgeschlossenheit, wurde mit ihm vereinbart, bis zur Klärung der Sache, zusammenzuarbeiten.

Das Resultat der operativen Bearbeitung des Sachverhaltes und dank auch seiner aktiven Mitarbeit: Der Westberliner Bürger war im Zweiten Weltkrieg Heckschütze in einem Flugzeug der faschistischen Luftwaffe. Bei einem Beschuss der Maschine wurde er an beiden Beinen schwer verwundet und blieb in der Folge schwer behindert. Selbst mit Gehhilfen konnte er sich nur mühsam fortbewegen. Ein hilfloser und bemitleidenswerter Mensch. Für tatsächliche verwandtschaftliche Beziehungen zum DEFA-Mitarbeiter und dessen Frau gab es keinerlei Anhaltspunkte. Diese Geschichte bildete ganz offensichtlich nur den Vorwand zur Kontaktaufnahme. Der angebliche Verwandte handelte im Auftrage der in Westberlin ansässigen Organisation Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen (UfJ).

Diese Organisation war dafür bekannt, dass sie DDR-Bürger zur Spionage auf politischem, ökonomischem und militärischem Gebiet anwarb und gezielt einsetzte. Im Auftrage des US-amerikanischen Geheimdienstes befasste sie sich auch mit der Bildung paramilitärischer Gruppen in der DDR. Diese sollten im Falle eines Krieges im Hinterland unserer Republik wirksam werden. Auch die Herstellung und die Verbreitung von Druckerzeugnissen, mit denen unter der DDR-Bevölkerung ideologische Zersetzung betrieben werden sollte, gehörten zum Repertoire des UfJ. Deshalb offenkundig auch das besondere Interesse für die Herstellung der DEFA-Wochenschauen und anderer Filmerzeugnisse. Der vorgebliche Verwandte organisierte schließlich einen Besuch im Sitz des UfJ. In unserem Sprachgebrauch hieß das: »Er führte den DEFA-Mitarbeiter dem UfJ zu

Der das Gespräch führende Mitarbeiter des UfJ interessierte sich für die technische Ausrüstung, für Arbeitsabläufe, verwendete Substanzen und neuralgische Stellen im Produktionsprozess. Erkennbar war bei ihm auch, herauszufinden, welche Möglichkeiten zur Herbeiführung von Störungen existieren.

Mit der Zuführung und dem Gespräch war geklärt, in wessen Interesse die schleierhafte Kontaktaufnahme erfolgte. Die Überlegung unsererseits, mit Hilfe des DEFA-Mitarbeiters den Kontakt zum UfJ weiter aufrechtzuerhalten, wurde verworfen. War doch davon auszugehen, dass der Agent bei weiteren Treffen konkrete Angaben zu den angeführten Details aus dem Produktionsablauf oder zu Personen, die für den UfJ von Interesse sein könnten, abverlangt hätte. Auch mit Aufträgen zur Störung war zu rechnen. Gegen den vorgeblichen Westberliner Verwandten wurde ein strafprozessuales Ermittlungsverfahren eingeleitet. Bei einem weiteren Aufenthalt in der Hauptstadt der DDR wurde er in Untersuchungshaft genommen. Es ist sehr bezeichnend: Dieser wegen seiner schweren Behinderung eigentlich bedauernswerte Mensch, sein Mitleid erregender Zustand, wurde seitens des UfJ, der von DDR-Gerichten als Agentenorganisation entlarvten DDR-feindlichen Zentrale bewusst zu Handlungen gegen die DDR missbraucht, ohne jede Rücksicht auf die Folgen. Auch das Schicksal des von ihm Kontaktierten, dessen Frau und deren vier Kinder, spielten offenkundig keine Rolle. Nur angenommen, er hätte sich auf die Absichten des UfJ eingelassen, damit strafbar gemacht und er wäre nach seiner Enttarnung bestraft worden.

Im gleichen Zeitraum hatte unsere, für die Sicherung des Rundfunks der DDR zuständige Abteilung, die Ursachen für einen Brand aufzuklären. Am Vorabend der Einweihung des Großen Sendesaals, waren an diesem mit großem Aufwand errichteten, modern ausgestatten Bau, durch Brandstiftung schwere Schäden in Höhe von ca. 2 Millionen Mark entstanden. Nach kurzer Zeit konnte der Brandstifter ermittelt werden. Durch meine direkte Konfrontation mit Menschen, die aus feindlicher Gesinnung (wie am Beispiel »Quelle« um den 17. Juni 1953 in Brandenburg an der Havel ersichtlich), von antikommunistischem Hass getriebene Gewalttätigkeiten gegen Menschen und Einrichtungen verübten, meine in dieser Zeit ersten Schritte erfolgreicher Abwehrarbeit in den Reihen des MfS, bestärkten mich in meiner Haltung. Die Entscheidung für den Dienst im Ministerium für Staatssicherheit war richtig und notwendig.

Daran hat sich über meine 37 Dienstjahre hinweg, in denen ich mit sehr verschiedenen Aufgaben betraut war, nie etwas geändert. Für meine Motivation sorgten die Geheimdienste und andere staatliche Organe sowie verschiedene Einrichtungen und Organisationen, die vom Boden der BRD aus operierenden Feinde der DDR. So ein Spion, der im Fernmeldeamt der Regierung der DDR Gespräche von bedeutsamen Anschlüssen aufzeichnete und die Bänder an einen westlichen Geheimdienst lieferte.

Mein Arbeitselan für das Wohl der DDR und ihrer Bürger wurde herausgefordert, um der vom Westen betriebenen massenhaften Abwerbung von Ärzten und medizinischen Personal aus der DDR, wodurch die medizinische Versorgung der Bevölkerung in unserem Lande ernsthaft gefährdet wurde, einen Riegel vorzuschieben. Und mich motivierten auch die vielfältigen gegnerischen Aktivitäten, Menschen, die mit Entwicklungen in der DDR unzufrieden waren, so zu beeinflussen und zu manipulieren, dass sie in Zusammenarbeit mit ausländischen Einrichtungen dazu übergingen, Gleichgesinnte in ihren Einfluss- und Wirkungsbereichen zu sammeln und möglichst zu DDR-feindlichen Handlungen zu inspirieren. In der umfangreichen Literatur, einer inzwischen umfangreichen Bibliothek von seriösen Sach- und Erinnerungsbüchern zur Wahrheit über die Tätigkeit des MfS und seiner Angehörigen wie auch der inoffiziellen Mitarbeiter, ist das von mir in meinen persönlichen Erinnerungen hier nur episodenhaft Beschriebene erhellend und vertiefend nachzulesen – inzwischen auch aus dem Internet abrufbar, authentisch und wahrhaftig wider dem antikommunistischen Zeitgeist. Waren meine ursprünglichen Motive für den Dienst im Ministerium für Staatssicherheit noch stark von Gefühlen und jugendlichen Drang bestimmt, kamen mit dem Älterwerden, dem zunehmenden Wissen um die Friedenskraft einer erfolgreichen gesellschaftlichen Alternative zur Herrschaft des Kapitals, um den Fortschrittswert des Schutzes der sozialistischen Entwicklung in der DDR, einschließlich ihrer internationalen Beziehungen, weitere fundamentale Motive hinzu. Mein Dienst im MfS war für mich nicht nur Klassenauftrag zur Sicherung einer neuen, der sozialistischen Gesellschaft, es war zudem Friedensdienst im wahrsten Sinne des Wortes. Die unheilvolle, neue Weltkriegsgefahren hervorbringende imperiale Politik der vermeintlichen Sieger der Geschichte legt heute davon bitteres Zeugnis ab.

Erfolge und Fortschritte in der DDR haben mich motiviert, Probleme und deren Zunahme haben mich bewegt, aber mir nie den Optimismus genommen, dass es Lösungen geben wird. Da verwischten sich sicher Grenzen vom Idealismus zur Illusion. Für mich bleibt die Feststellung, ich habe mit meinem Tun und Lassen dazu beigetragen, dass sich die DDR so entwickelte, wie sie war, mit ihren guten, Alternativen für die Zukunft zeigenden Seiten und ihren Schwächen, die mit zu ihrem Ende führten. Dieser Verantwortung muss ich mich stellen und nicht nur bei anderen Menschen oder Umständen, nach Gründen suchen. Für mich bleibt die Genugtuung in einer Bewegung mitgewirkt zu haben, die noch nicht weiter geführt werden konnte, aber einst weitergeführt wird.

Während meiner beruflichen Tätigkeit ab 1990, die täglich mit Kontakten zu vielen Menschen verbunden war, in meinem gesellschaftlichen Wirken und auch in ganz persönlichen Dingen, bin ich oft nach meiner beruflichen Entwicklung gefragt worden. Im Sinne meiner vorstehend geschilderten Positionen, habe ich mich stets zu meinem Dienst im MfS und zu meinem politischen Wirken bekannt. Von wenigen Fällen abgesehen, wie notorischen Antikommunisten, gab es sachliche Reaktionen. Auch von Menschen, von denen ich es nicht erwartet hatte. In der beruflichen Zusammenarbeit, im gesellschaftlichen Wirken, auch bei der Erledigung persönlicher Dinge, war nach solch offenen Gesprächen vieles einfacher. Es gab auch Möglichkeiten entspannt auf Fragen und Vorbehalte zu antworten. In manchen Fällen war es der Anfang eines von gegenseitiger Achtung getragenen Kontaktes. Für mich ein Beleg dafür, die Verteufelung des MfS und seiner Mitarbeiter verläuft nicht allein und schon gar nicht ganz nach den Willen ihrer Urheber und meist gut honorierten Vollstrecker. Wir haben mitzureden und müssen es tun.

 

 

Episoden aus meinem Leben und meiner Tätigkeit

 

Von Reiner Neubert

 

Jahrgang 1948; Fachschuljurist; MfS/AfNS 1968-1990; Oberstleutnant a. D; zuletzt Stellvertreter des Leiters der Kreisdienststelle Berlin-Treptow des MfS

 

Ich wurde 1968 in das MfS eingestellt. Dieser Weg war mir weder aufoktroyiert noch befohlen worden. Meine Entscheidung entsprach meiner Erziehung nicht nur im Elternhaus. Nicht nur meine Eltern, auch die Brüder meines Vaters, waren im antifaschistischen Widerstandskampf tätig. Einige von ihnen bezahlten das mit dem Leben bzw. mit Zuchthaus. Das prägte meine Haltung seit meiner Kindheit. Ich wurde nie zum Schwarzweiß-Sehen erzogen. Dadurch erkannte ich mit zunehmendem Alter auch Schwachstellen in der DDR-Gesellschaft, ohne das Ziel, die Errichtung des Sozialismus, einer besseren Gesellschaft, in Frage zu stellen.

In den Nachkriegsjahren erlebte ich eine unbeschwerte Kindheit. Trotz des – nach dem mörderischen Krieg – mehr als bescheidenen Wohlstandes, kannten wir keine krankmachenden Existenzängste, keine Bildungsnot und keine beruflichen Entwicklungssorgen, wie heute üblich. Meine Eltern waren beruflich, wie auch gesellschaftlich stark in Anspruch genommen. Wir lebten einfach und waren mit uns zufrieden. Was kann eigentlich in einer Menschengemeinschaft soziale Sicherheit ersetzen? Der Neid, die Gier, das Ausbeuten anderer, der Gewinn auf Kosten der Gemeinschaft? Diese momentan herrschende Gesellschaft wird niemals in der Lage sein, die gesellschaftlichen Verhältnisse im Interesse aller zu entwickeln. Und »Alle«, das sind Milliarden Menschen und nicht einige Milliardäre und zigtausend Millionäre, die übrigens keine Gesellschaft braucht und auch nicht nötig hat. Aber darüber will ich mich hier nicht weiter auslassen – die einleitenden Gedanken sollen aber deutlich machen, welche Weltanschauung mein Denken und Handeln prägte und noch immer bestimmt, auch in Bezug auf meine Tätigkeit im MfS. Zu einigen Erinnerungen aus meinem Dienst, auch Merkwürdigkeiten, will ich im Folgenden berichten.

Im Zusammenhang mit der Ausreise von DDR-Bürgern bekam ich eine Information zu einem geplanten ungesetzlichen Verlassen auf den Tisch. Das Schreiben kam von der Kriminalpolizei. Darin wurde einem Handwerker die Absicht nachgesagt, das Land verlassen zu wollen.

Erste Überprüfungen ergaben nichts Nachteiliges. Besagter Handwerker war verheiratet, besaß eine Reparaturwerkstatt, ein Haus, einen ansprechenden Pkw, einen Wohnwagen und eine Segeljacht. Warum sollte also so einer wegwollen? Er hatte doch alles, was man zum Leben brauchte. Was tun? Wir luden ihn kurzerhand zu einer Volkspolizei-Inspektion vor und machten ihn mit dem Inhalt der Information vertraut. Geheimniskrämerei war hier nicht angesagt. Er lachte und meinte sofort, dass das von seiner Schwägerin käme. Er sprach über sich, über seine Lage und lud uns nach Hause ein, um uns von der Haltlosigkeit der Information zu überzeugen. Seine Schwiegermutter lebe im Bayerischen Wald, läge im Krankenhaus, und es sei eine Erbschaft zu erwarten. Seine Schwägerin glaube, dass sie um ihren Anteil betrogen werde. Ich war vorerst zufrieden mit der Erklärung und wir verabschiedeten uns. Er vergaß aber dabei nicht zu fragen, ob er zu uns kommen könne, wenn er mal ein Problem habe. Ich sagte zu und übergab ihm eine interne Telefonnummer der Volkspolizei, die aber in unserer Dienststelle aufgeschaltet war. Für uns war damit vorerst das Problem geklärt.

Nach mehreren Wochen meldete sich der »Handwerker« mit einem »Problem«. Seine Ehefrau wolle zur ihrer Mutter fahren, die im Krankenhaus läge. Eine Reise zum 80. Geburtstag sei bereits abgelehnt worden. Ich sagte ihm eine Prüfung zu. Diese ergab, die Ablehnung erfolgte durch die Volkspolizei. Durch Ermittlungen des Abschnittsbevollmächtigten war bekannt geworden, dass im Hause des Handwerkers auffällige Personen- und Materialbewegungen, meist in den Abendstunden zu beobachten waren. Ohne Konkretes zu wissen, wurde aus diesen Gründen die Reise abgelehnt. Letztlich war die Reisestelle im Polizeipräsidium Berlin für die Genehmigung oder Ablehnung zuständig. Einfluss nahmen wir als MfS nur, wenn wir selbst konkrete und schwerwiegende Ablehnungsgründe hatten. Die gab es in diesem Falle aber nicht. Druck auf die VP in dieser Beziehung auszuüben, weil wir über andere Informationen verfügten, verbot sich von selbst und wurde auch nicht geduldet. Unter den gegebenen Umständen war für uns klar, dass die Reise hätte genehmigt werden müssen, aber eine neue Beantragung würde erfahrungsgemäß wieder zu einer Ablehnung führen.

Nachdem ich mich als Mitarbeiter des MfS zu erkennen gegeben hatten, erklärte ich ihm unsere Bereitschaft zu helfen. Nach einigen Tagen übergab ich ihm einen konspirativ beschafften Reisepass mit gültigem Visum für seine Frau. Er lud mich sofort nach Hause ein, damit seine Frau sich bedanken könne. Sie war das mitarbeitende Familienmitglied in seiner Firma. In der Freizeit betätigte sie sich in der Kirche. Sie trat ihre Reise an, kam zurück, und ihr Mann meldete bei uns »Vollzug«, obwohl dazu nicht beauftragt.

Es vergingen Monate. Eines Tage saß der »Handwerker« erneut in unserer Dienststelle im Besucherzimmer und trug sein Problem vor. Er habe einen 80-jährigen Onkel in Westberlin, den er gerne noch einmal besuchen möchte und ob wir ihm behilflich sein könnten. Nun wollte ich bei ihm nicht anders entscheiden als bei seiner Frau und besorgte ihm einen Reisepass mit Visum für Westberlin. Ich gestattete ihm, was eigentlich unüblich war, sogar die Reise mit Fahrzeug. Nach einigen Tagen kam er zurück, meldete sich unaufgefordert und bat um einen Termin. Er erzählte mir eine eigenartige Geschichte.

Sein Onkel wohne in Dahlem. Als er nach einem Besuch wieder in seine Unterkunft bei einem ehemaligen Schulfreund wollte, fuhr er in der Clay-Allee hinter einem größeren Fahrzeug her. Dieses bog rechts ab und er in Gedankenlosigkeit hinterher. Plötzlich sei er von amerikanischer Militärpolizei angehalten worden und eindringlich befragt worden. Das Ganze habe sich am nächsten Tag wiederholt. Man hätte ihn in seiner Unterkunft aufgesucht, diesmal Herren in Zivil. Es wären die üblichen Fragen gestellt worden: wer, woher, wohin, warum und weswegen? Ich nahm seine Schilderungen regungslos zur Kenntnis, machte keine Aufzeichnungen, stellte keine Fragen und schrieb aber anschließend einen Gedächtnisbericht. Bei der Niederschrift kamen mir Zweifel hinsichtlich der Glaubwürdigkeit seiner Ausführungen. Er hatte es im Gespräch vermieden, Konkretes zu benennen. Weder wo und bei wem er übernachtete, noch Details aus der »Befragung«.

Hier kam mir eine seiner Äußerungen am Anfang unseres Kontaktes in den Sinn, in dem er seine Bereitschaft zu einer Unterstützung des MfS bekundete. Dazu hatte ich ihn weder gebeten noch aufgefordert. Er kam dann noch mit zwei weiteren Bitten: Reisen zu seinen Schulkameraden nach Baden-Württemberg und nach Hamburg. Zuerst wollte er nach Süden. Gleiches Spiel wie vorher. Nach der Rückkehr meldete er sich unaufgefordert und erstattete Bericht. Er sei mit seinem Pkw über Herleshausen in Richtung Stuttgart, aber Landstraße gefahren. Irgendwo habe er einen Flugplatz gesehen. Weil ihn das Geschehen interessierte, habe er einen Halt eingelegt und sei mit einem Piloten ins Gespräch gekommen. Dieser habe ihn zu einem Rundflug eingeladen, den er bereitwillig angenommen habe. Der Flug sei über die Rhön gegangen, während der Pilot ihn auf die Raketenstellungen der US-Armee aufmerksam gemacht habe. Für die Rückreise habe er sich wieder mit dem Piloten vereinbart.

Auf dem weiteren Weg nach Stuttgart habe er Manövergebiet der Amerikaner durchquert, sei angehalten und befragt worden. Man hätte bereits über ihn Bescheid gewusst. In Stuttgart bei seinem Schulfreund angekommen, habe es dieser mit der Angst zu tun bekommen, weil er mit seinem Pkw mit DDR-Kennzeichen vorgefahren sei. Besagter Schulfreund wäre in der militärischen Produktion in einer höheren Position tätig. Mehr als Bestätigung dafür äußerte er, dass das Haus seines Schulfreundes mit einem Atombunker ausgestattet sei. Auf der Rückreise habe er wieder an dem Flugplatz gehalten und sich mit dem Piloten getroffen, der ihn zu einem Flug nach London mitgenommen hätte. Ich nahm wie gewohnt alles zur Kenntnis und fertigte anschließend ein Gedächtnisprotokoll.

Sein Schulfreund in Hamburg war für die BV Rostock als Ornithologe erfasst. Zwar hatte ich das bisher von ihm Gesagte mit Skepsis aufgenommen, aber nun leuchtete die Signallampe bei mir. Förster und Ornithologen waren bei westlichen Geheimdiensten gefragte Zielobjekte, weil sie für ihr Herumstrolchen an militärischen Objekten in den Wäldern stets eine glaubhafte Begründung hatten. Ich sah mir das Material noch einmal durch und wurde in meinen Gedanken bestätigt, dass man uns hier beschäftigen bzw. zu einer Anwerbung animieren wollte. Alle Informationen von ihm waren nebulös, schemenhaft und ließen erkennen, dass er seine gelieferten Darstellungen nicht erlebt hatte. Er wollte sich lediglich interessant machen. Irgendwelche Dienste standen offensichtlich hinter ihm.

Nach seiner angeblichen Rückkehr aus Hamburg gab es dann auch nur noch ein oder zwei Telefonate. Weitere Reaktionen kamen von ihm nicht, wahrscheinlich deswegen, weil er von uns nicht angeworben wurde, so dass auch die westlichen Dienste offenkundig kein Interesse mehr hatten. Um mich weiter mit ihm zu beschäftigten, fehlten auch auf meiner Dienststelle die Möglichkeiten. Man hätte aufwendige Maßnahmen zu seiner Person einleiten müssen. Aber ohne konkrete Begründung, nur auf vage Hinweise hin, hätte das niemand genehmigt. Ich packte das gesamte Material zusammen und übergab es einer Fachabteilung.

Im Mai 1985 oder 1986 rief mich nach Dienstschluss der Diensthabende zu Hause an und informierte mich über einen auf den ersten Blick belanglosen Sachverhalt. Zwei Volkspolizisten hatten während ihres Streifenganges beobachtet, wie aus einem Fenster die weiter weg liegende Staatsgrenze fotografiert worden sei. Dieses Haus befand sich nicht im Grenzgebiet. Um aber auf der sicheren Seite zu sein, teilte ich dem Offizier vom Dienst mit, er möge die Personalien feststellen lassen. Das wurde als Auftrag umgehend an die Polizei weitergegeben. Am nächsten Tag fuhr ich zum VP-Revier und sprach mit beiden Streifenpolizisten. Sie hatten einen Mann in einem Fenster beobachtet, der an einer Filmkamera mit zwei übereinander liegenden Objektiven hantiert hatte.

Ich ließ die Polizisten eine Skizze fertigen, aber konnte damit nicht sehr viel anfangen. Ich beendete das Gespräch und fuhr die betreffende Straße mehr aus Neugier lang. Beim Vorbeifahren sah ich auf dem Balkon der betreffenden Wohnung an der Wand einen rot angestrichenen Ausguss angebracht, der zur Pflanzschale für Blumen umfunktioniert worden war. Er war mir schon früher als Blickfang aufgefallen. So weit so gut. An mehr hatte ich dabei nicht gedacht.

Einige Tage später war ich zur Beratung im Operativ Technischer Sektor (OTS) des MfS in Hohenschönhausen. Ich legte den Mitarbeitern den Sachverhalt dar und die Skizzen vor. Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: Infrarotdatenübermittlungstechnik, schwer zu orten, relativ sicher. Was steht gegenüber?, war die nächste Frage. Häuser mit freier Sicht gen Osten. Wie kann auf unserer Seite die Wohnung angepeilt werden? Gibt es etwas Besonderes? Ja, sagte ich, einen rot gestrichenen Ausguss an der westwärts gelegenen Balkonwand. Alles klar. Nun hatte ich in vielen Dingen Entscheidungsfreiheit, aber solch eine Sache musste schon mit dem Abteilungsleiter abgesprochen werden. Wir einigten uns auf einige erste Maßnahmen zur Person. Es handelte sich um einen Handwerker in einer Firma. Diese galt als seriös und zuverlässig und wurde wohl deswegen auch in Regierungsobjekten und selbst in Objekten des MfS eingesetzt. Der Besagte war Jahre vorher mit Wohnwagen und seiner Frau in Ungarn am Plattensee im Urlaub gewesen und ein Jahr später allein. Keine Kontakte nach Westberlin oder in die BRD. Also was sollte so einer so Wichtiges wissen oder haben, was andere interessieren könnte. Andererseits machte seine Tätigkeit in den genannten Objekten stutzig.

Sein Vater wohnte im Süden der DDR. Ich erhielt den Auftrag, dorthin zu fahren und mit dem Vater zu sprechen. Mein direkter Vorgesetzter hatte bereits mit dem dortigen Dienststellenleiter gesprochen und erfahren, dass der Vater Kontakt zum MfS hatte und zuverlässig sei. Ich solle also versuchen, über den Vater an den Wohnungsschlüssel seines Sohnes heranzukommen. Das schien mir wenig bis gar nicht plausibel, aber ausreden ließ sich das mein Vorgesetzter nicht. Dabei hätten wir viel bessere, dafür aber aufwendigere Möglichkeiten gehabt. Er wollte das Problem so schnell wie möglich geklärt haben. Das jedoch erfolgte auch schneller als wir vermuteten. Nachdem ich mit dem Vater gesprochen und ihn unter legendenhaftem Gerede das eigentliche Anliegen nahe gebracht hatte, erklärte er sich dazu bereit, auch zum Stillschweigen.

Die Information, dass wir den Wohnungsschlüssel brauchten, war schneller als ich in Berlin. In fieberhafter Eile wechselte unser »Spion« die Haus- und Wohnungstürschlösser, womit für uns eindeutig war, mit wem wir es zu tun hatten. Aber er war auch durch unsere Stümperei gewarnt. Jedenfalls musste ich mit der Akte einige Zeit später zu einem General. Er sah hinein, blätterte ein wenig und meinte, das wäre ein hundertprozentiger Spion, der 14 Tage allein in Ungarn gewesen und dort offensichtlich vom BND geschult worden sei. Mir gegenüber verhielt sich der General sachlich und ruhig, obwohl er für Zornesausbrüche bekannt war.

Ich glaube aber, dass sich dafür mein Vorgesetzter später eine Strafpredigt anhören musste. Was aus der Geschichte wurde, weiß ich nicht. Das war nun Sache der zuständigen Spezialisten.

Das waren Sachverhalte, die zum eigentlichen Gegenstand unserer Arbeit gehörten. Statt aber mit Akribie solchen Vorkommnissen auf den Grund zu gehen, beschäftigten wir uns aber immer häufiger mit Dingen, die andere hätten erledigen können und auch müssen. Das MfS war Feuerwehr in vielen Situationen – ohne das zu wollen.

In den 80er Jahren nahmen die Ersuchen zur ständigen Ausreise aus der DDR sprunghaft zu. Staatliche Organe und vor allem die politischen Führungsebenen der SED und anderer gesellschaftlicher Organisationen wurden dieser Entwicklung nicht mehr Herr und so nahm die Praxis zu: Wenn es etwas politisch Heikles zu lösen gab, wurde immer stärker das MfS herangezogen. So rief mein Vorgesetzter zu unserem Erstaunen eine Initiative ins Leben, wonach jeder Mitarbeiter mindestens zehn sogenannte Antragsteller auf Ausreise zu bearbeiten hatte. Selbst hatte ich keine auf meinem Tisch, jedoch alle mir unterstellten Mitarbeiter. Es waren so an die 80 Fälle. Diese Aktion führte zu völlig verkehrten Verantwortlichkeiten. Wir stellten uns die Frage, was eigentlich das MfS in dieser Breite mit diesem Problem zu tun haben sollte. Wir waren ein gut organisierter Geheimdienst, lösten aber Aufgaben der Kommunen, der Gewerkschaft, anderer gesellschaftlicher Organisationen und vor allem der SED- und Staatsführung auf den unterschiedlichsten Ebenen. Unsere Aufgabe wäre es gewesen zu klären, ob von diesen Personen strafrechtlich relevante Handlungen begangen wurden, die in unsere Verantwortung fielen, diese dann vorbeugend zu verhindern oder deren strafrechtliche Ahndung zu untersuchen. So aber führten wir mit den »Delinquenten« Gespräche, versuchten sie von ihren Vorhaben abzubringen und lösten ihre Probleme, in dem wir Wohnungen oder Arbeitsstellen beschafften. Wir sorgten auch dafür, dass ihnen kurzfristig und unkompliziert die Ausreise gestattet wurde, wenn sich keine andere Möglichkeiten anboten. Andererseits lernten wir dabei auch die Sorgen und Nöte dieser Menschen kennen, die oftmals glaubten, auch aufgrund von Hartherzigkeit, keine andere Möglichkeit zu haben, als eine Übersiedlung in die BRD anzustreben. Das waren nicht alles überzeugte Gegner des Sozialismus. Es waren viele darunter, die für die eigene Entwicklung keine Chancen mehr sahen. Das nahmen wir wohl sehr bewusst war.

Ich erinnere mich an eine Frau, die demonstrativ und recht aggressiv ihre Ausreise verfolgte. Der vorgegebene Grund war Familienzusammenführung, obwohl ihre Verwandtschaft 1. Grades in der DDR wohnte. In einem Gespräch mit ihrem geschiedenen Ehemann stießen wird darauf, dass die in Westberlin wohnende Tante (oder eine Großmutter) mit Sicherheit nicht der Grund ihrer Ausreisebestrebungen sein konnten. Einige Recherchen erbrachten dann auch den Hinweis auf eine Liebesbeziehung zu einem Herrn, der in der Stadt X wohnte. Alle Einflussnahme unsererseits und auch anderer Organe, wie der Rat des Stadtbezirks, Abteilung Inneres, hatten ohnehin nicht gefruchtet. Wir schätzten ein, dass weitere Bemühungen, sie zum Verbleiben in der DDR zu bewegen, unfruchtbar bleiben würden. Folglich verfuhren wir nun wie folgt: Nachdem wir alle Formalitäten vorher geklärt hatten, luden wir sie zur Abteilung Inneres im Rat des Stadtbezirkes vor und offenbarten ihr die Genehmigung zur sofortigen Ausreise. Nicht in den nächsten Tagen, sondern in den nächsten Stunden. Sie war sprachlos und völlig verwirrt. Sie fragte nach dem Warum und Wieso so schnell.

Was ihr gesagt wurde, verwirrte sie noch mehr. Sie könne sofort im Interesse des MfS ausreisen, alles Weitere werde sie anschließend erfahren. Ein Verwandter würde den Kontakt zur ihr aufrechterhalten. Sollte sie wider Erwarten Probleme haben, möge sie sich in der besagten westdeutschen Stadt in der Straße Y bei einem Herrn Z melden, der ihr helfen und in weitere Details einweihen würde. Hintergrund war, dass ich einige Jahre vorher eine Schleusung bearbeitet hatte, in der Herr Z. als Schleuser gehandelt hatte.

Sie verließ Hals über Kopf die Abteilung Inneres, muss wohl ihre sieben Sachen zusammengesucht haben und verschwand aus der DDR. Nach Wochen kam eine Anfrage des Generals. Es hätte eine nicht einzuordnende Information von einem westlichen Geheimdienst gegeben, nach der eine DDR-Bürgerin kurz vor der Ausreise angeworben und an eine Verbindung in X verwiesen worden wäre. Ich beschrieb den genauen Sachverhalt und der General hatte ein Schmunzeln dafür übrig. Sie hatte uns belogen und wir hatten einfach gekontert. Mit anzunehmender Sicherheit wurde anschließend auch Herr Z. einer tiefgehenden Überprüfung unterzogen. Beschäftigungstherapie für die andere Seite. Auch ein Teil der damaligen Auseinandersetzungen an der unsichtbaren Front.

Es kam der 13. Dezember 1989, ein Montag. Wir hatten über das Wochenende unsere Dienststelle bis auf das Inventar leer geräumt. Nicht ein Blättchen Papier lag unkontrolliert herum. Dafür hatte ich Tage vorher alle Zimmer mit allem Inventar peinlichst genau kontrolliert. Die Waffen waren vormittags durch die VP unter Aufsicht eines Militärstaatsanwaltes und des Stadtbezirksstaatsanwaltes abgeholt worden. Ich unterschrieb ein Protokoll und alle Waffen, ungefähr 75 Kalaschnikow, ebenso viele Pistolen Marke »Makarow«, diverse Munition, zwei Scharfschützengewehre aus der Suhler Produktion, Handgranaten, Tränengas, Panzerbüchsen RPG, Ferngläser, Nachtsichtgeräte und anderes Gerät wurden aufgeladen und abtransportiert.

Gegen 18 Uhr des gleichen Tages erschien an unserem Objekt eine »Abordnung« von zehn bis zwölf Personen, die sich als Bürgerrechtler bezeichneten und Einlass forderten. Unter ihnen als Wortführerin auch eine Frau B. mit ihrem Ehemann. Zur »Abordnung« gehörten auch Personen, die nicht die DDR abschaffen, aber die Gesellschaft verändern wollten. Die Mittel, dies zu erreichen, waren jedoch völlig ungeeignet. Sie waren in Politik und Wirtschaft unerfahren und hatten nur blasse Vorstellungen von der Verwirklichung ihrer Ideen in der Praxis. Sie handelten eigentlich wie Gorbatschow, Kritik üben, ohne Konzeptionen für die Lösung der Probleme zu haben. Ihre Vorstellungen und Motive zur Schaffung einer besseren DDR verkehrten sich unter den Bedingungen 1989 sofort ins Gegenteil. Sie wurden von unseren Gegnern jenseits der Elbe, die sich überrascht gaben, weidlich ausgenutzt. Hinzu kam das Wirken der Leute, die als Bürgerrechtler auftraten, in Wirklichkeit andere Ziele verfolgten.

Ich erklärte der Wortführerin, Frau B., dass sie unter sich ausmachen müssten, wer in das Objekt gehe, auf alle Fälle nicht mehr als vier Personen. Ich ließ sie stehen und knallte die schwere Eisentür zu. Nach einigen Minuten hatten sie sich geeinigt, und ich gestattete vier Personen Einlass. Das Ehepaar B. teilte sich. Herr B. betrat mit drei weiteren Personen unser Objekt, während Frau B. mit der restlichen Meute in andere Objekte stürmte.

Die Objekte, die man aufsuchte, entnahmen diese Leute einer Aufstellung, die offiziell den Staatsanwälten, den Räten der Stadtbezirke und den Dienststellen der Volkspolizei zur Verfügung gestellt worden waren. Sie wurden am »Runden Tisch« verbreitet und dann gestreut. Schon allein diese Tatsache erzeugte bei uns absolutes Unverständnis, weil auf dieser Liste auch konspirative Objekte vermerkt waren. Ich fragte sie nach ihren Absichten und Wünschen. Sie wollte sich das Objekt ansehen und mit uns Gespräche führen.

Gut, sagte ich, und führte sie zuerst dorthin, wohin sie unbedingt wollten, in den Keller. Als erstes rannten sie in die Waffenkammer und waren schockiert, einen leeren Raum vorzufinden. Ich wies sie daraufhin, dass wir auf den Abtransport der Waffen keinen Einfluss hatten. Sie hätten sich in dieser Sache an die zuständigen Stellen wenden müssen, damit der Abtransport durch die VP verzögert wird. Sie durchstöberten das gesamte Objekt, den Bunker, die Kellerräume, suchten nach Waffen, nach möglichen Anzapfstellen der Telefonleitungen und sonstigen vermuteten Geheimnissen. Im Kellerraum, in dem die Telefonkabel der Post ankamen und auf Verteiler aufgelötet waren, stellte man mir aggressiv die Frage, warum nur zwei der vorhandenen fünf Verteilersäulen in Betrieb wären und man die anderen abgelötet hätte.

Es war nichts abgelötet, es wurden schlicht und einfach nur zwei Verteilersäulen benötigt. Die restlichen Verteilersäulen waren so, wie sie der ausstattenden DDR-Betrieb, der VEB Funk und Fernmeldeanlagenbau Berlin, produziert hatte. Der Betrieb kannte die spätere Verwendung nicht. An meinen Reaktionen merkten sie wohl eine sinnlose Frage gestellt zu haben. Mit besonderer Vehemenz durchstöberten sie den Papierkeller des Hausmeisters. Dort standen Regale, in denen leere Aktenordner gestapelt waren. Sie sollten irgendwann einer anderen Verwendung zugeführt werden. Die Mitarbeiter, die diese Ordner dem Hausmeister überantwortet hatten, vergaßen hier und da die Beschriftung der Aktenrücken unkenntlich zu machen. Deshalb standen manchmal noch operative Bezeichnungen darauf.

Auf die stürzte sich die »Delegation« mit Besessenheit. Sie rissen die Ordner heraus und stellten zu ihrem Entsetzen fest, dass sie leer waren und schlussfolgerten, dass wir alles, was sie eigentlich suchten, vernichtet hätten. Dabei waren die Aktenbestände längst »in Sicherheit« gebracht worden. Sie können heute von Kundigen und Unkundigen eingesehen werden. Ich hatte lediglich ein Schmunzeln übrig, für das ich tiefste Verachtung erntete. Sie waren hasserfüllt und fühlten sich bereits an der Macht. Andererseits war an ihrem Auftreten eine unverkennbare innerliche Spannung, Angst und Ungewissheit bezüglich unseres Handels zu erkennen. Dabei waren wir kooperations- und auskunftsbereiter, als diese Leute es vermuteten.

Im Referat Auswertung, in der noch Papiersäcke mit zerrissenen Unterlagen herumstanden, stürzten sie sich sofort auf diese. Erst als der mit anwesende Staatsanwalt energisch dazwischen ging, ließen sie davon ab. Mir wurde aggressiv die Frage gestellt, warum diese Unterlagen zerrissen seien. Ich antwortete, dass dies das erste wäre, was ein Mitarbeiter beim MfS beigebracht bekäme, nämlich Papier zerreißen. In der 3. Etage stürmten sie in das Chefzimmer und bemächtigten sich sofort der Telefonanlage, um zu prüfen, wen und was man damit alles abhören konnte. Es handelte sich dabei um eine ganz normale, handelsübliche Sekretariatsanlage. Ein normales Wort war mit diesen Leuten nicht zu wechseln. Wir handelten entsprechend der Anweisung, solchen »Bürgerrechtsdelegationen« den Zutritt nicht zu verweigern. Es waren vom Jagdfieber beseelte und verführte Menschen, die glaubten, in unseren Kellern Gefangene und Gefolterte in Ketten finden zu können. So auch ihre Kommentare.

Besonders erinnere ich mich an einen 22-jährigen Jüngling mit Schnürstiefel, Rucksack und Mittelscheitel, der auffällig aggressiv auftrat. Er gab vor, Chemiestudent an der Humboldt Universität zu sein, und maßte sich an, die Entaktivierungseinrichtung im Bunker beurteilen zu können. Man stellte mir provokatorisch die Frage, wieso im Bunker alle Wände neu getüncht seien und spielte damit darauf an, dass wir schnell noch die Blutspuren der Folterungen von Inhaftierten hätten beseitigen wollen.

Unter den »Bürgerrechtlern« befand sich aber auch einer, der wusste, wovon er redete. Er hatte, wie er mir selbst berichtete, vor Jahren wegen § 213 StGB (ungesetzliches Verlassen der DDR) eingesessen. Er verhielt sich deswegen auch zurückhaltend und objektiv, weil er offensichtlich nicht an all die verbreiteten Lügen unsere Arbeit betreffend glaubte.

Nach dieser »Objektbegehung« fand im Besucherzimmer der Dienststelle noch ein »Gespräch« mit unseren »Besuchern« statt. Für sie war nur interessant, ob wir verfassungs- und gesetzeskonform handeln würden. Dass dies so war, konnten sie sich einfach nicht vorstellen und es wurde auch nicht geglaubt.

Angesichts der gegenwärtigen Entwicklung hinsichtlich des Vorgehens von NSA und CIA frage ich mich, wo denn all die »Bürgerrechtler« von 1989 geblieben sind und gegen die Ausspähung in ungeahntem Ausmaß, bei der man schwerlich von demokratischer Legimitation sprechen kann, protestieren. Fehlanzeige. Entweder gut versorgt und ruhig gestellt oder völlig ahnungslos. Dazu passt die etwas dümmliche Aussage des Bundespräsidenten, dass die NSA keine Akten anlegen würde wie das die »Stasi« getan hätte.

 

 

Operativer Mitarbeiter in der Hauptstadt der DDR

 

Von Kurt Zeiseweis

 

Jahrgang 1937; Diplomkriminalist; MfS/AfNS 1955-1990; Oberst a. D.; zuletzt Stellvertretender Leiter der Zentralen Arbeitsgruppe Geheimnisschutz

 

 

Offizielle Kontakte

 

Ich war in den Jahren 1959 bis etwa 1965 der für die Sicherung der Charitè Berlin (Klinischer Bereich der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin) verantwortlicher Mitarbeiter der damaligen Abteilung V der Verwaltung für Staatssicherheit Groß-Berlin.

In dieser Eigenschaft knüpfte ich nach und nach offizielle Kontakte zu den Direktoren der vierzehn Kliniken und einiger weniger Institute der Charité an, stellte mich als der zuständige Abwehroffizier des MfS mit meinem Klarnamen vor und hinterließ meine Telefonnummer der Dienststelle. Zum Ärztlichen Direktor, zu den Leitern der Kaderabteilung und der Allgemeinen Verwaltung und gelegentlich zum Dekan der Fakultät bestanden ohnehin laufende offizielle Arbeitsbeziehungen, in der Hauptsache um meinen eigenen Informationsbedarf zu decken und um Nachfragen anderer Diensteinheiten des Ministeriums oder von Bezirksverwaltungen zu bedienen.

Gemäß unserer inneren Ordnung hatte kein anderer MfS-Angehöriger innerhalb meines Verantwortungsbereichs dienstliche Handlungen vorzunehmen. In einigen wenigen Fällen erfuhren diese Kontakte eine über das übliche Maß herausragende Intensität. Im Sommer des Jahres 1960 teilte mir eine Diensteinheit des Ministeriums mit, dass zu einem Oberarzt der Chirurgischen Klinik der Charitè ein Hinweis vorliege, wonach er die demnächst anstehende Teilnahme an einem Kongress der zu dieser Zeit noch (Gesamt-)Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in München nutzen wolle, um nicht in die DDR zurückzukehren. Zu diesem Oberarzt lagen meines Wissens keine Hinweise vor; er war in der Registratur des MfS (Abteilung XII) nicht erfasst.

Da ich für die Sicherung der Charitè zuständig war, wurde das jetzt zu meinem Problem. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich vertrauensvoll an den Direktor der Klinik, Prof. Felix, der zu dieser Zeit Präsident der Deutschen Chirurgischen Gesellschaft war, zu wenden und ihn auf einen diesbezüglichen Verdacht unsererseits hinzuweisen, denn wenn überhaupt, hätte nur er diesem Oberarzt ggf. eine Teilnahme versagen können. Prof. Felix verbürgte sich mir gegenüber bezüglich dieses Arztes, mehr konnte ich nicht erreichen.

Wenige Tage nach Rückkehr der DDR-Teilnehmer aus München erhielt ich auf dem Dienstweg einen per Post an das »Ministerium für Staatssicherheit Berlin-Lichtenberg z. Hd. Herrn Zeiseweis« gerichteten Brief mit der Einladung von Prof. Felix, bei ihm vorstellig zu werden, »weil er mir über den Kongress in München berichten« wolle. Ich spürte keinen Triumph mir gegenüber, als er betonte, dass unsere Bedenken völlig zu Unrecht bestanden, der Mann ist in die DDR zurückgekehrt.

Mich selbst hatte die schriftliche Form der Mitteilung überrascht und noch mehr die Redewendung, dass ein Ordinarius dem 23-jährigen Abwehroffizier »berichten« wollte. Mir war jedoch ab und zu aufgefallen, dass die ältere Generation an Wissenschaftlern vor der staatlichen Autorität, die unsereins ja auch verkörperte, einen gewissen Respekt zeigte, unabhängig davon, ob man der Tätigkeit des MfS wohlwollend, akzeptierend oder gar ablehnend begegnet war.

Ob und was sich klinikintern damals ereignet hatte, war mir nicht zur Kenntnis gelangt. Ich hätte es nicht für ausgeschlossen gehalten, wenn Professor Felix ggf. deutlich gemacht hätte, jemanden, der sein persönliches Vertrauen missbraucht, ein späteres Fortkommen in der BRD erschweren zu können.

Wenige Tage vor dem 13. August 1961 erhielt ich vom Direktor der Hautklinik der Charitè, Prof. Linser, einen erzürnten und übermäßig laut vorgetragenen Anruf, den ich beinahe als persönliche Beschimpfung aufgenommen hatte, indem er mir mitteilte, dass er bald eine weitere Station wegen des illegalen Weggehens von Ärzten schließen müsse, wenn sich nicht kurzfristig etwas Entscheidendes ändere. Nun, Prof. Linser hatte meines Wissens nachrichtendienstliche Erfahrungen bereits während des Ersten Weltkrieges bei Ludendorff gesammelt, insofern wusste ich seine Botschaft einzuordnen. Sie galt offenbar weniger mir persönlich, er vermutete nicht zu Unrecht in diesem Fall in mir einen Botschafter nach oben.

Mir gegenüber wurde er nun laut – ein Ausnahmefall in meinen Kontakten zu den Ordinarien. Er verbat sich sehr energisch, dass ein enger Mitarbeiter von ihm als Quelle verpflichtet werden wollte. Ein mit uns befreundeter ausländischer Dienst hatte offensichtlich einen Werbungsversuch unternommen. Es war nicht üblich, dass ich ein derartiges Vorhaben erfuhr, aber ich durfte anschließend die Kastanien aus dem Feuer holen.

Als nachrichtendienstlich erfahrener Mann war sich Prof. Linser bewusst, von mir nichts weiter zu erfahren, aber das Signal des Misslingens war mitgeteilt, und damit war die Sache für uns beide und die anderen mir persönlich unbekannten Beteiligten erledigt.

Einen aus dem sonstigen Rahmen fallenden offiziellen Kontakt hatte ich 1960 zu einem Klinikdirektor aufgebaut, weil ich mit einem belastenden Hinweis auf ihn durch die Hauptabteilung II (Spionageabwehr) konfrontiert worden war. Eine Quelle (IM) hatte von einem Geheimdienst den Auftrag erhalten, diesem Klinikdirektor einen Brief zuzustellen.

Ein Öffnen des Briefes verbot sich, weil ein Überprüfen des IM durch den gegnerischen Dienst nicht ausgeschlossen werden konnte. Besonders Erfolg versprechend sah das Ganze nicht aus, sonst hätte die HA II den Hinweis nicht abgegeben. Ich stand vor der für mich verheißungsvollen Aufgabe (heute gebraucht man den Begriff »Herausforderung«), etwas in Angriff zu nehmen, worin ich keinerlei Erfahrung hatte.

Das Abklären der Lebensumstände dieses Menschen ergab neben seinem wissenschaftlichen Profil als parteiloser Hochschullehrer und Kliniker ein herausragendes gesellschaftliches Engagement für die DDR. Zugänge zu Staatsgeheimnissen waren wahrscheinlich, wenn überhaupt, nur minimal gegeben und mir zum damaligen Zeitpunkt nicht bewusst. Um von ihm einen näheren Eindruck zu gewinnen, holte ich mir vom Vorgesetzten die Genehmigung ein, mich gesundheitlich zu einem tatsächlichen Problem meinerseits von ihm ggf. behandeln zu lassen. Durch mehrere persönliche Kontakte gelang es mir, ein bestimmtes Maß an Vertrauen zu erringen, aber mehr war es nicht. Er hat mir nicht gesagt, dass er Spion ist, und ich habe natürlich auch nicht gefragt.

Nach dem Schließen der DDR-Staatsgrenze nach Westberlin am 13. August 1961 blieben ein Klinik- und ein Institutsdirektor der Charitè, die sich in den Semesterferien in der Bundesrepublik aufgehalten hatten, dort und kehrten nicht mehr zurück. Da einer der beiden Weggebliebenen auch Konsiliarius für das Behandeln von Mitgliedern der Regierung war, hatte ich den Gedanken, mich der Hilfe des spionageverdächtigen Klinikdirektors zu bedienen, um den anderen Klinikdirektor, den ich auch persönlich kannte, zur Rückkehr zu bewegen. Zu diesem Zweck sollte er mit einem von mir erwirkten Dokument die DDR-Staatsgrenze nach dem 13. August 1961 nach Westberlin passieren können und von dort telefonisch zur Zielperson Kontakt aufnehmen. Das dazu bereitgestellte Dokument war auf vier Wochen befristet und gestattete die Fahrt mit seinem Pkw. Er war breit, diesen Versuch zu unternehmen. Mein Kalkül bestand darin anzunehmen, dass der im Verdacht stehende Klinikdirektor, gleich ob mit oder ohne Erfolg, zurückkehren würde. Sollte er tatsächlich im gegnerischen Dienst stehen, würden ihn seine Auftraggeber sicherlich lieber weiterhin in der DDR wissen. Sollte der Spionagekontakt nicht bestehen, hätte ich seinen von ihm mir gegenüber in mehreren Gesprächen geäußerten Positionen zum DDR-Staat vertraut und auch eine Rückkehr erwartet. Aber Irren ist menschlich. Einen Tag vor Ablauf der Frist des Dokuments rief mich seine Sekretärin an und teilte mir mit, dass ein Brief von ihrem Chef an mich vorliege. Er enthielt das Grenzübertrittsdokument mit dem handschriftlichen Vermerk »Danke«. Seine Familie war mit ihm ausgereist.

Nun waren aus zwei weggebliebenen Klinikdirektoren mit meiner Hilfe ungewollt drei geworden. Meine Vorgesetzten nahmen es zur Kenntnis. Lediglich ein in das Vorgehen eingeweihter Mitarbeiter im Ministerium erwähnte mir im Nachhinein einmal, dass so etwas ja schief gehen müsste.

 

 

Inoffizieller Kontakt

 

Mit der Übernahme der Verantwortung für die Sicherung der Charité war 1959 gleichfalls das Übernehmen dort vorhandener Inoffizieller Mitarbeiter von meinem Vorgänger verbunden. Unter ihnen befand sich ein erfahrener Oberarzt alter Prägung, vom Lebensalter her hätte er mein Vater sei können – ein Schmiss kündete von früherer Zugehörigkeit zu einer Burschenschaft. Die inoffizielle Zusammenarbeit mit ihm konzentrierte sich auf ein aus dem sonst Üblichen herausragendes Problem: Für seine wissenschaftliche und klinische Arbeit war es erforderlich, ein bestimmtes Produkt einzusetzen, das bisher aus der BRD für Devisen importiert werden musste, weil es in der DDR und in den anderen sozialistischen Ländern ein solches Produkt nicht gab.

Durch persönliches Engagement in einem DDR-Betrieb war es ihm gelungen, ein zumindest gleichwertiges Produkt dort entwickeln zu lassen. Ein solches Anliegen entsprach dem dringenden wirtschaftspolitischen Anliegen der DDR, sich gegenüber Westimporten unabhängig (störfrei) zu machen. Das Produzieren desselben scheiterte jedoch an der wegen seiner Spezifikation zu geringen Nachfrage, so dass die Abhängigkeit von Westimporten nicht abgewendet werden konnte. Auch der Versuch meinerseits, über den Dienstweg zu prüfen, ob es subjektive Befindlichkeiten im Betrieb gegen ein solches Vorhaben geben könnte, führte zu keinem Ergebnis.

Schließlich musste der IM erkennen, dass auch sein vertrauensvoller Kontakt zum MfS in diesem Fall kein Vorankommen im Sinne des Herbeiführens eines volkswirtschaftlichen Nutzens erbracht hatte. Er beendet deshalb die Zusammenarbeit mit mir mit der Feststellung, wenn sogar das MfS nicht bewerkstelligen könne, was weder Ministerium für Gesundheitswesen noch Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen (beide Institutionen waren arbeitsteilig fachspezifisch zuständig für die Charitè) erreichen konnten, dann erübrige sich für ihn jeder weitere Kontakt mit mir. Mir blieb nichts weiter übrig, als den IM-Vorgang mit einigem Bedauern zu archivieren.

 

 

 

Das gab’s auch!

 

Ein Beispiel aus meinem Erleben außerhalb des unmittelbaren Arbeitsbereichs:

Es war noch vor dem 13. August 1961, ich hatte Nachtdienst als Gehilfe des Offiziers vom Dienst (OvD) in der Berliner Verwaltung für Staatssicherheit. In der Volkspolizei-Inspektion Berlin-Prenzlauer Berg war ein Westberliner Mann im Gewahrsam, weil er bei der routinemäßigen Kontrolle während seiner Rückreise vom Besuch seiner Schwester in Berlin-Pankow eine mir nicht mehr in Erinnerung gebliebene Auffälligkeit gezeigt hatte, der dann seine Zuführung (vorläufige Festnahme) folgte. Es war zu dieser Zeit Usus, dass wir als BVfS (damals wohl noch Verwaltung für Staatssicherheit Groß-Berlin) prüften, ob der Sachverhalt eine Relevanz zu unseren Aufgaben hatte (Spionage, IM-Eignung o. ä.). Der mir nicht mehr in Erinnerung gebliebene Sachverhalt gab nichts her, ich wollte aber auch ein erfolgreicher Mitarbeiter sein und fuhr den Mann deshalb mit groben Worten an, er solle doch endlich gestehen, etwas Unrechtsmäßiges gemacht zu haben.

Für mich völlig überraschend, riss der Mann plötzlich sein Hemd auf und rief, ich solle ihn doch gleich erschießen, die Nazis hatten ihn früher schon schikaniert, und hier ergehe es ihm augenscheinlich auch nicht besser. Ich war furchtbar entsetzt über diesen unerwarteten Ausbruch des Mannes. Schlagartig war der Mann für mich gefühlsmäßig als Gegner der Nazis ein Verbündeter. Ich weiß nicht, ob ich mich bei ihm entschuldigt hatte, aber zumindest beendete ich die Befragung abrupt, führte die Entscheidung zu seiner sofortigen Entlassung herbei (der OvD musste das absegnen) und erreichte bei dem Betreffenden zumindest Akzeptanz für seine Entlassung.

Die Sache hatte aber ein Nachspiel für mich: Zurückgekehrt zur Dienststelle, fertigte ich einen kurzen schriftlichen Bericht und wollte den Ausgangsbericht, das volkspolizeiliche Dokument über die Zuführung, zurückgeben. Aber wo war dieser Bericht? Er war weg! Einzige Erklärung, denn auf der VPI war er auch nicht: ich hatte ihn möglicherweise versehentlich und in meiner Aufgeregtheit (auch ich war ein Mensch und konnte mitunter Nerven verlieren) dem Zugeführten mit dessen Papieren mitgegeben. Dem OvD schlug ich vor, mich darum zu kümmern, dass das Dokument wieder herankommt.

Der Verlust eines solchen Dokuments galt als schwerer Verstoß gegen die revolutionäre Wachsamkeit und hätte mit Sicherheit eine Bestrafung ausgelöst. Das ganze hatte sich während der Nachtstunden abgespielt. Ich erinnerte mich, dass der Mann vom Besuch seiner Schwester in Berlin-Pankow zur Rückreise gekommen war, und ich fuhr deshalb umgehend zu ihr hin, um sie nach kurzem Erklären des Geschehenen zu bitten, ihren Bruder aufzusuchen und zu fragen, ob er das gesuchte Dokument hat und ob ich es zurückerhalten könnte. Es verbot sich für mich natürlich zwingend, selbst nach Westberlin zu fahren und ihn aufzusuchen oder ihn anzurufen. Das hätte mir niemand gestattet, und heimlich habe und hätte ich meinen Staat nie hintergangen. Die Schwester hatte ich aus dem Bett geklingelt, ihr vom nächtlichen Aufenthalt ihres Bruders erzählt und sie um Hilfe gebeten. Sie willigte ohne Zögern und weitergehende Fragen ein, am Tage zu ihrem Bruder zu fahren und mir nachmittags Auskunft zu geben. Der Tag war unendlich lang – wird es klappen?

Nachmittags Klingeln an der Wohnungstür der Schwester – und es öffnet der mir vom Vortag bekannte Bruder. Ganz freudig teilt er mir mit, dass er das gesuchte Dokument bei seinen Unterlagen gefunden hatte, aber er wusste nicht, wie er es mir zukommen lassen könne, denn ich würde bestimmt Ärger bekommen, und den wollte er mir ersparen. Er hatte die Überlegung, es von DDR-Seite per Post an das MfS zu senden, das wäre dann ein Volltreffer für mich geworden. Wir gingen trotz des Geschehens (oder wegen?) wie Freunde auseinander, ohne jemals wieder etwas voneinander gehört zu haben. Auf der Dienststelle gab es keinen Ärger und keine Bestrafung, denn das Papier war wieder da, und öffentliches Aufsehen war auch nicht abzusehen.

 

 

Ein etwas ungewöhnliches Vorgehen

 

Ich erinnere mich an ein etwas außergewöhnliches Gespräch im Frühsommer 1986, weil es nicht üblich war, derart vorzugehen, wie ich es schildere. Aber ich hielt es für opportun, es trotzdem so zu vollziehen.

Der Leiter des Referats »Auswertung und Information« meiner Kreisdienststelle in Berlin-Treptow trug mir einen Sachverhalt zur Entscheidung vor: Ein Bürger aus Johannisthal, einem Ortsteil von Berlin-Treptow, hatte bei der Volkspolizei den Antrag gestellt, eine Reise in dringenden Familienangelegenheiten in die Bundesrepublik Deutschland genehmigt zu bekommen. Er war selbständiger Gewerbetreibender und seit Jahren ortsansässig.

Die im MfS gültige Ordnung besagte, dass ich dem Anliegen des Bürgers im Prinzip zuzustimmen hätte, sofern keine zwingenden Gründe dem entgegenstünden. Und das war das Problem: Laut Verdichtungs-, Such- und Hinweiskartei (VSH) der KD gab es zwei Notierungen über ihn: Nicht-Wähler in betreffenden Jahr (solches festzustellen und zu notieren, entsprach seinerzeit unserer Auffassung vom Wahlgeheimnis; nicht ahnend, dass dieser Kreis von Personen in meiner neuen «Zwangsheimat« einmal die stärkste Fraktion stellen könnte). Und es lag eine Notiz vor, dass folgender, sinngemäß zitierter Nachruf in der Berliner Zeitung gestanden habe und aus seinem Betrieb stammte: »Kurz vor Erreichen seines ersehnten Zieles verstarb unser Kollege …«. Dieser verstorbene Kollege hatte einen Antrag auf eine Reise oder Übersiedlung in die BRD gestellt und war kurz vor der genehmigten Ausreise verstorben. Nun waren sowohl die fehlende Teilnahme an den Wahlen in der DDR im Jahre 1986 als auch dieser Nachruf kein Hinweis auf eine Gefährdungslage für die DDR, aber Fragen zur Loyalität des Mannes warfen sich mir schon auf. Diesen etwas vom Üblichen abweichenden Nachruf in der Zeitung hatte ich Wochen zuvor auch wahrgenommen, mir aber keinen Kopf weiter gemacht und schon gar nicht geahnt, dass er mich einmal beschäftigen könnte. Also entschied ich mich, mit dem Manne, über dessen Begehr ich nun mit zu entscheiden hatte (im Übrigen trafen das Rathaus und die Volkspolizei jeweils eigene Entscheidungen), persönlich zu sprechen, und ich suchte ihn an einem sonnigen Sonnabend-Vormittag in seinem Haus, etwa zwanzig Gehminuten von meiner Dienststelle entfernt, auf.

Ein Einfamilienhaus mit Garten (von mir umgehend als Bindungsfaktor an die DDR interpretiert, den man nicht ohne Weiteres durch Wegbleiben aufgibt) und ein Hinweisschild auf die Bewachung durch einen (sicherlich sehr bissigen) Hund ließen mich am Gartentor nach dem Klingeln warten, bis der Hausherr mich nach nochmaligem Hinweis auf mein etwaiges Risiko einer Begegnung mit seinem Hund in das Haus hinein gebeten hatte. Dem ging voraus, dass ich mich als Mitarbeiter der BV Berlin namentlich, eventuell auch als Leiter der KD vorgestellt hatte. Beide Eheleute waren gerade mit dem Frühstücken fertig und bereit, mein Anliegen anzuhören.

Sinngemäß erklärte ich, in den staatlichen Entscheidungsprozess bezüglich seines Westreiseersuchens mit eingebunden zu sein, und ich wollte mir vor dieser Entscheidung ein Bild von ihm selbst machen. Mit dieser Einleitung fand ich Anklang und Gehör. Die Ehefrau warf dann noch die Bemerkung ins Gespräch, wonach seine Nichtteilnahme an den Wahlen ihm wohl im konkreten Fall nicht sehr nützlich wäre – nach der Devise: »Ich hab’s dir doch gleich gesagt …« Ich hätte von meinem vorherigen Wissen dazu natürlich auf keinen Fall Gebrauch machen können, aber die Gesprächsbasis war für mich schlagartig ein klein wenig übersichtlicher. Es war ein für mich (und sicherlich auch für ihn) sehr interessantes Gespräch, indem er mir seinen beruflichen Werdegang bis zur Selbständigkeit als Kleinunternehmer mit einem wissenschaftlich-technisch sehr anspruchsvollen Profil erklärte und gleichzeitig auch darlegte, worin seine Vorbehalte gegen Elemente der Wirtschaftspolitik der DDR bestanden. Er schilderte sein früheres Engagement in der FDJ und seine zunehmenden Zweifel an der Richtigkeit unserer Wirtschaftspolitik. Darum schied er vor Jahren aus der Akademie der Wissenschaften aus, machte sich selbständig und arbeitete für seinen vormaligen Arbeitsbereich weiter.

Im Gespräch gewann ich die Sicherheit, dem Reisebegehren aus Sicht der Verantwortung der Kreisdienststelle zustimmen zu können. Ihn selbst ließ ich lediglich wissen, dass auch Volkspolizei und Rat des Stadtbezirks zu entscheiden hätten, und er deshalb von mir keine definitive Entscheidung erwarten könnte. Diese Auskunft entsprach auch den tatsächlichen Gegebenheiten, denn sowohl Volkspolizei als auch Rathaus hätten eventuell mit Bedenken aufwarten können.

Da mein diesbezügliches Vorgehen etwas ungewöhnlich war, informierte ich im Nachhinein den Leiter unserer Bezirksverwaltung, der mich in meiner Entscheidung – nicht abzulehnen – bestärkt hatte. Für mich geriet das Weitere aus dem Blickfeld. Falls er gereist war, gehe ich davon aus, dass er auch zurückgekehrt war (das war oftmals unser Problem), denn sonst hätte ich mit Bestimmtheit eine diesbezügliche Information meiner Mitarbeiter bekommen.

Vor Monaten sah ich in der betreffenden Straße und im Telefonbuch nach, aber offensichtlich wohnt der Bürger nicht mehr dort. Selbst deutschlandweit fand ich den Namen und Vornamen nicht. Schade, aus politischen Gründen hätte ich gerne mit ihm noch einmal gesprochen. Die beiden damals in dieses Problem einbezogen gewesenen Referatsleiter konnten sich nach mehr als fünfundzwanzig Jahren nicht mehr erinnern. Ich erwähne diese eigentlich relativ belanglose Begebenheit, weil sie sicherlich das heutzutage vorherrschende Bild von unserer Allmacht, Rigorosität und Willkür etwas korrigieren könnte.

 

 

Warum wurde ich Mitarbeiter des Staatssekretariats für Staatssicherheit (SfS)? Wie kam man dazu, Angehöriger dieser Einrichtung zu werden?

 

Ich war siebzehn Jahre alt und in der Abiturvorbereitung, als im Frühjahr 1955 ein Kaderermittler der Verwaltung Groß-Berlin des damaligen Staatssekretariats für Staatssicherheit (SfS) in meiner Schule vorstellig wurde und Hinweise auf Abiturienten erbat, die evtl. geeignet wären (politisch positive Grundhaltung zum DDR-Staat vorausgesetzt), Mitarbeiter dort zu werden. Mein Berufswunsch war zu dieser Zeit noch wenig ausgeprägt, ich war unentschlossen, eine ingenieurtechnische (Physik- oder Ingenieur-Studium?) oder gesellschaftswissenschaftliche (Jura?) Ausbildung zu beginnen. Zur Auswahl stand ich bereits zwei Jahre zuvor für ein Auslandsstudium nach Besuch der Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF) in Halle. Aus gesundheitlichen Gründen kam ich jedoch zu dieser Zeit nicht in Betracht. Meine schulischen Leistungen waren gut, ich habe gerne gelernt und auch vieles von dem, was vermittelt wurde, begriffen, mir aber leider nicht alles gemerkt – Letzteres verbunden mit der saloppen Erklä­rung, man sei ja schließlich nicht nachtragend.

Nach erfolgten Überprüfungen und Bürgschaften durch zwei Mitglieder der SED erfolgte im August 1955 meine Einstellung in die damalige Verwaltung für Staatssicherheit Groß-Berlin in der Prenzlauer Allee 63. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass man sich prinzipiell beim MfS nicht selbst beworben hat, man wurde geworben; die Initiative zum Erkennen von Kaderkandidaten ging stets vom »Arbeitgeber« nie vom »Arbeitnehmer« aus, wie man heutzutage sagen würde. Der Grund dafür bestand darin, dass sich das MfS davor schützen wollte, durch die Selbstbewerbung eines Kandidaten, ggf. eine gegnerische Agentur untergeschoben zu bekommen.

Dass die Auswahl ausgerechnet auf mich verfiel, war  dem Umstand geschuldet, dass es eine prinzipielle Orientierung gab, den Anteil qualifizierungsfähiger Mitarbeiter zu erhöhen, weil die bisherige Praxis, auf bewährte Alt-Funktionäre von SED und FDJ zurückzugreifen, Grenzen erreicht hatte und weil sich abzuzeichnen begann, dass das Einstellen von bewährten Arbeitern nicht ausreichte, die zukünftigen Aufgaben bewältigen zu können. Dadurch kam es in der zweiten Hälfte der 50er Jahre zu einer erheblichen Dichte des Einstellens von »Pennälern«.

Dass das Einstellen sehr junger Menschen natürlich auch einige Probleme brachte, ist selbstverständlich. Mit meinen 18 Jahren und fehlender Berufserfahrung und überhaupt fehlendem Beruf war ich nicht nur selbst sehr unsicher bei meinen ersten Schritten. Wenn ich bei meinen ersten Ermittlungen an eine Wohnungstür kam, um eine Auskunft über eine Zielperson einzuholen, hoffte ich stets, es sei keiner da, weil ich Angst hatte, meine Aufgabe nicht richtig zu erfüllen. Nicht selten drückten die befragten Personen ihre Verwunderung aus, dass so ein »Milchbart« vor ihnen erscheine. Als ich in diesem ersten Jahr in der Abteilung VIII der VfS Groß-Berlin als Ermittler einmal auf einem Volkspolizei-Revier in Berlin-Weißensee beim Revierleiter vorsprach, um mir die Genehmigung zur Einsichtnahme in die Einwohner-Meldekartei zu holen, saßen dort mehrere Angehörige der VP zur Beratung zusammen, und der Leiter genehmigte mir die Einsichtnahme. Im Hinausgehen hörte ich Getuschel hinter mir und die dann deutlich vorgetragene Bitte, noch einmal zurückzukommen und meinen Dienstausweis zu zeigen. Nach einem Blick in meinen Dienstausweis sagte der Revierleiter laut und deutlich: »18 Jahre alt ist der – und ich konnte bei Wahrnehmung des spöttischen Gemurmels im Hintergrund den Raum verlassen. Zu dieser Zeit waren aus dem Klappausweis Name, Vorname und Geburtsdatum des Inhabers zu ersehen, später ging die Identität des Inhabers nur aus der normalerweise zugeklappten Innenseite des Ausweises hervor.

In einem Fall monierte noch reichlich drei Jahre später eine mir vom Vorgänger übergebene Inoffizielle Mitarbeiterin, die wenigstens fünfzehn Jahre vor mir geboren war, sinngemäß: »Das MfS schickt wohl jetzt schon Kinder ins Rennen?« Ich war zu dieser Zeit, als ich die Verantwortung zur Sicherung der Charitè übernommen hatte, zwar erst 22 Jahre alt, hatte mir aber inzwischen auf eine diesbezügliche Empfehlung meines Dienstvorgesetzten das Selbstbewusstsein vermittelt, auf meinem spezifischen Gebiet dem jeweiligen Kontaktpartner – sei es ein IM oder ein Klinikdirektor – überlegen zu sein.

Bis zu jenem Zeitpunkt im Frühjahr des Jahres 1955, da ich von einem Genossen, der altersmäßig mein Vater gewesen sein könnte und dessen Thüringer Dialekt mir sofort Vertrauen vermittelte, hatte ich die Staatssicherheit noch nicht bewusst wahrgenommen. Ich war weder mit irgendwelchen Vorbehalten behaftet, noch hatte ich besondere Gründe zu besonderer Sympathie. Bis dahin kannte ich keinen Mitarbeiter persönlich. Und da ich als Kandidat der SED, der ich inzwischen seit einem Jahr angehörte, ohnehin mich dem Schutz der jungen DDR verpflichtet fühlte, war meine Entscheidung für eine solche Tätigkeit, von deren Inhalt ich überhaupt keine Vorstellung hatte, kein Problem.

Meine Dienstbezeichnung war »Anwärter«, da ich nach wenigen Wochen zur Offiziersschule gehen sollte. Aus gesundheitlichen Gründen wurde die Delegierung jedoch um ein Jahr verschoben, so dass ich von 1956 bis 1958 die dortige Schulbank drückte. Nach einem Jahr als Ermittler in der Abteilung VIII und zwei Jahren Besuch der Schule des MfS in Potsdam-Eiche und anschließender Ernennung zum ersten Offiziersdienstgrad Unterleutnant währte dann meine 25-jährige Tätigkeit in der Abteilung V bzw. später XX der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Berlin.

Was waren die Aufgaben dieser Abteilung, die hinlänglich als diejenige gilt, die für Repressionen schlechthin in der DDR steht? Im Unterschied zu anderen auf bestimmte abgegrenzte Aufgabenbereiche fixierte Diensteinheiten (Spionageabwehr in den Diensteinheiten der Linie II, Sicherung der Volkswirtschaft in der Linie XVIII bzw. Transport- und Nachrichtenwesen in der Linie XIX) war die vormalige Abteilung V, die später als Abteilung XX fortexistierte, sowohl mit dem Sichern von Bereichen des gesellschaftlichen Lebens im Staatsapparat und in den Parteien (außer SED), gesellschaftlichen Einrichtungen und Organisationen befasst als auch mit speziellen feindlichen Angriffen z. B. durch den Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen oder die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit. Im Staatsapparat oblag der Linie XX die Verantwortung für die Sicherung aller Bereiche, ausgenommen die Bereiche Wirtschaft, Finanzen, Verkehr/Nachrichten und Inneres, für deren Sicherung der Abteilungen XVIII, XIX bzw. VII verantwortlich waren. Justiz und Staatsanwaltschaft waren gleichfalls in unsere Abwehrarbeit eingebunden, ebenso Einrichtungen des kulturellen Lebens wie Theater und Verlage.

Darüber hinaus galt die Zuständigkeit für Parteien und Massenorganisationen, Sicherung des Sports und der Leistungssportzentren, Abwehrarbeit in Kirchen und Religionsgemeinschaften, Schutz der Jugend und Bearbeiten (Erkennen und Identifizieren von Tätern) zu Straftaten der staatsfeindlichen Hetze und Erscheinung der MfS-intern definierten Politisch-Ideologischen Diversion (PID) und später der als solche bezeichneten Politischen Untergrundtätigkeit (PUT).

Meiner eigenen Verantwortung oblagen in der Abteilung V bzw. XX die Bereiche des Berliner Hochschulwesens (Humboldt-Universität; Hochschule für Ökonomie; Deutsche Hochschule für Musik), Bezirksorganisationen des DDR-Jugendverbandes Freie Deutsche Jugend und Gesellschaft für Sport und Technik, der Berliner Sport mit seinen drei zivilen Sportklubs (TSC, Erster FC Union und Sportclub Berlin Grünau-Wasserfahrsport), die Sicherung der Jugend, eingeschlossen unsere langjährigen und nicht unbedingt immer erfolgreichen Versuche zum Disziplinieren des rowdyhaften Anhangs der beiden Berliner Fußballklubs BFC Dynamo und Union durch Werben und Einsatz von Inoffiziellen Mitarbeitern unter diesen Jugendlichen und Jungerwachsenen.

Und ich trug jahrelang Verantwortung für das Erkennen und Aufklären von Delikten der Staatsfeindlichen Hetze, insbesondere nachdem ich mir durch das Studium der Kriminalistik an der gleichnamigen Sektion der Humboldt-Universität 1966 die Qualifikation eines Diplom-Kriminalisten nach vierjährigem Fernstudium erworben hatte. Ich hatte mit Leidenschaft den Wissenserwerb betrieben und später das Wissen mit gleicher Vehemenz angewandt.

Das führte dazu, dass ich mich zu den wenigen operativen Mitarbeitern zählen kann, die ohne große Bedenken Operative Vorgänge gegen »unbekannt« angelegt und geführt haben, um am Schluss einen Täter zu erkennen und per Beweis zu überführen, oder eben auch nicht.

Das betraf in meiner weiteren Tätigkeit nicht nur Delikte der Staatsfeindlichen Hetze, sondern auch andere Delikte, für deren Aufklärung ich Verantwortung trug oder übernahm z. B. bei Erpressungsversuchen, Brandlegungen, Störungen in Betrieben u. ä. mit erkennbaren oder zu vermutenden staatsfeindlichen Hintergrund. Vier solcher Vorgänge sind kurz genannt in meinem Beitrag »Welche Grundlage hat die Einteilung der Personendossiers des MfS in Täter- und Opferakten, veröffentlicht im »ZwieGespräch« Nr. 20.

In der Abteilung V bzw. XX war ich 25 Jahre, ich kam als lediger Bursche hin und verließ die Abteilung im Jahre 1983, als unser erster Enkel geboren war. Diese Zeit war ein wesentlicher und prägender Teil meines Lebens. Trotz meiner und unserer Niederlage möchte ich diese Zeit nicht missen. Sicherlich wäre mein Leben erheblich anders verlaufen, wenn meine Mutter 1951 nicht aus Westberlin in den Osten übersiedelt und ich nicht ab 1949 im Internat der Schulfarm Scharfenberg (Ost) aufgewachsen wäre. Ich sehe auch kein Problem darin, über mein Leben, meine dreieinhalb Jahrzehnte im MfS zu sprechen oder zu schreiben. Manchmal wird von Gesprächspartnern erstaunt festgestellt, »dass Sie das so sagen, wenn ich ohne äußeren Zwang über meine Zugehörigkeit zum MfS spreche.

Nun ist es zweifellos ein Unterschied, ob ein Eisenbahner über sein Berufsleben spricht oder jemand, dessen Tätigkeit mit sehr viel Geheimhaltung »gewürzt« war und dem lt. offizieller bundesdeutscher Diktion ausschließlich Verachtung entgegenzubringen ist. Aber ehrlich gesagt, es müsste mir auch sehr peinlich sein, wenn mich das offizielle Deutschland loben würde, diese Schmach hätte ich nun wirklich nicht verdient. Das Publizieren zum MfS und seiner Tätigkeit sollte nicht nur einer angeblich zuständigen Behörde und solchen Journalisten, deren Wahrheitsdrang ausschließlich von Vermarktungsambitionen bestimmt wird, überlassen werden.

 

 

Vom Sinn meiner Gespräche

mit ehemals operativ bearbeiteten Personen

 

Vor mehr als zwei Jahrzehnten begann ich Gespräche mit einigen Personen, die von Mitarbeitern meines früheren Verantwortungsbereichs im MfS in operativen Arbeitsprozessen »operativ bearbeitet« – so unser damaliger Sprachgebrauch – wurden. Derartige Gespräche erfolgten zum Teil regelmäßig im monatlichen Rhythmus, sowohl zu zweit oder im Kreis weniger Personen, als auch in einem öffentlichen Diskussionskreis mit etwa 30 Beteiligten. Diese Gespräche kamen sowohl auf meine Initiative, als auch auf Wunsch einiger Gesprächspartner zustande.

Warum wollte ich solche Begegnungen?

Angesichts des den Medien zu entnehmenden und zum großen Teil von ihnen initiierten Stimmungsbildes zum MfS, seinen Praktiken, den Handlungen und Motiven seiner Mitarbeiter, wollte ich mich selbst als einer der damals Agierenden äußern, und zwar äußern denjenigen gegenüber, die nach meiner Auffassung einen maßgeblichen Anteil am von den Medien beherrschten Stimmungsbild uns gegenüber hatten bzw. haben.

Zum anderen ging es mir darum, mich denjenigen anfassbar (angreifbar war ich ohnehin) zu machen, ihnen einen persönlichen Eindruck von mir zu vermitteln und gleiches auch von ihnen zu erlangen. Besonders letzteres erschien mir für mich bedeutsam, da meine früheren Informationen zu diesen Personen fast nur aus Widerspiegelungen, in den seltensten Fällen aus persönlich gewonnenen Eindrücken, stammten.

Für mich war es jetzt besonders bedeutsam zu erfahren, ob die ehemals angenommenen, zum Teil unterstellten, aber auch zum anderen Teil zu recht vermuteten DDR-feindlichen Motive tatsächlich gegeben bzw. aus heutiger Sicht noch wahrzunehmen waren. Und schließlich ging es mir auch darum, etwaige Vorwürfe gegen ehemals mir unterstellt gewesene Mitarbeiter abzufangen und es nicht ihnen alleine zu überlassen, sich ggf. rechtfertigen zu müssen für Entscheidungen, die eher ich zu verantworten hatte. Ich bemühte mich zu lernen, den anderen zu verstehen, mir seine Gedanken- und Gefühlswelt zu erschließen.

Worin sehe ich nun ein Ergebnis dieser Gespräche? Ich bin mir sicher, anfassbar bin ich für die meisten meiner Gesprächspartner geworden. Bezüglich des früheren »was, wie und warum gab es sehr angeregte Dispute, im Regelfall unerbittliche Vorwürfe und zumeist Verständnislosigkeit für mein bzw. unser Herangehen an unsere Versuche zum Lösen gesellschaftlicher Probleme mit den »spezifischen Mitteln des MfS«. Es blieben zumeist sehr verschiedene Bewertungen bestimmter gesellschaftlicher Vorgänge und Erscheinungen trotz gelegentlicher (oder exakter: seltener) Übereinstimmungen.

Prinzipielle Unterschiede gab es stets beim Bewerten der DDR als sozialistischer Staat. Diese für mich entscheidende Grundposition durchdrang alle Gespräche mit jenen Partnern, die einen verbesserten oder »richtigen« Sozialismus wollten. Mitunter hatte ich den Eindruck, dass der eine oder andere sogar geneigt war, mir zu glauben, dass ich – und damit auch viele andere Mitarbeiter – einen besseren Sozialismus wollten.

In öffentlichen Gesprächen hatte ich jedoch stets den Eindruck, dass mir bezüglich meiner Motive vorrangig Eigennutz unterstellt wurde. Für bemerkenswert halte ich, dass fast alle Gesprächspartner erklärten, eine bessere DDR und in keinem Fall etwa deren Beseitigung gewollt zu haben. Während mir das in einigen Fällen aus heutiger Sicht glaubhaft erscheint, bin ich mir in anderen Fällen sicher, dass diese Aussage nur eine Schutzbehauptung ist. Wer heute in der Regierungspartei ist und staatliche Verantwortung der BRD wahrnimmt, kann es wohl mit DDR-Verbesserung nicht so ehrlich gemeint haben.

In jenen Fällen, da die Gespräche nicht im öffentlichen Rahmen, sondern im kleinen Kreis stattfanden, empfand ich sie trotz manch harter Konfrontation und oft unüberbrückbarer Gegensätze als sachlich. Ich hatte auch den Eindruck, dass man von mir erwartete, prinzipiell zu dem zu stehen, was ich gemacht habe. Ein Versuch des Anbiederns oder »Verbrüderns« wäre unglaubhaft und hätte jede Aufrichtigkeit in Frage gestellt.

Für wenig dienlich im Sinne eines gegenseitigen Verständlichmachens von Positionen halte ich öffentliche Podien, zumal wechselnde Teilnehmer von Veranstaltung zu Veranstaltung permanent Wiederholungen bringen, letztlich dreht man sich im Kreise.

Solche vom Frühjahr 1992 bis Januar 1993 in einem Fall unter meiner Teilnahme praktiziert, führten u. a. einen ehemals in einem Operativen Vorgang erfasst gewesenen Pfarrer, einen ehemaligen Stadtbezirksbürgermeister (beide als Initiatoren der Gespräche), einen Teil der Gemeindemitglieder, ferner ehemalige Übersiedlungsersuchende und zeitweilig drei MfS-Angehörige in einem Gesprächskreis zusammen. Während es mit dem Pfarrer, einem Teil der Gemeindemitglieder und einigen ehemals Übersiedlungsersuchenden Gespräche gab, die nach meinem Empfinden von der Bereitschaft zeugten, einander zuzuhören und sich zumindest ansatzweise verstehen zu wollen, vermisste ich eine solche Bereitschaft bei anderen Beteiligten. Mit ihnen gab es nur Übereinstimmung dahingehend, nicht überein zu stimmen. Ich glaube, manch einer hatte direkt Furcht davor, von mir womöglich Zustimmung zu einer Position zu erhalten oder mit mir einer Meinung sein zu können. Bei einigen dieser Teilnehmer erhärtete sich meine frühere Position, diesen Menschen wenig Achtung entgegenbringen zu können: sie waren in der DDR mit Problemen ihrer Arbeit, des gesellschaftlichen Umfeldes und oft auch der Familie nicht zurechtgekommen, suchten die Schuld dafür ausschließlich bei dritten und wählten dann die Flucht in »eine andere Welt«, in den anderen deutschen Staat als Ausweg. Meine diesbezügliche Wertung dazu wurde verständlicherweise mit Empörung aufgenommen.

Ich äußerte mich trotz absehbarer Wirkung derart unverblümt, weil ich meine Denkweise und damit Motive meines damaligen Handelns deutlich machen wollte. Die Aufforderung an mich und die anderen beiden Mitarbeiter, uns doch »endlich zu den an ihnen begangenen Verbrechen zu bekennen«, deutet auf die Schwierigkeiten des Umgangs miteinander.

Diese Gesprächsrunde fand ein abruptes Ende. Nicht allein dieses Ende bestätigte meine Auffassung, wonach derartige öffentliche Dispute zwischen Beteiligten beiderseits der damaligen Barrikaden (ich wehre mich gegen die gängige Täter-Opfer-Relation) wenig ergiebig sind. Sie haben etwas von Stierkampfmentalität an sich. Alle Beteiligten sind einer Rolle verpflichtet, die das Klärende höchstens als sekundäres Element enthält. Man muss eben gewinnen.

Am ehesten lassen sich Positionen in Begegnungen zu zweit bzw. im kleineren Kreis, wo jeder auch zu Wort kommen kann, erklären. Man kann versuchen, tiefer in Probleme einzudringen und ggf. thematisch und mit Ausdauer miteinander debattieren. In einer solchen Atmosphäre können auch Dinge offenbart werden, die unter anderen Bedingungen ungefragt und damit auch unbeantwortet blieben. Diese individuelle Atmosphäre ist u. a. eine we­sentliche Bedingung dafür, dass es in der nachrichtendienstlichen Arbeit gelingen kann, solche Personen auf einen Nenner zu bringen, die dem äußerlichen Eindruck nach keinerlei Gemeinsames haben können. Aus dieser öffnenden Wirkung eines »Zwiegesprächs« vermag man – so man will – auch erklären, warum dieser oder jener früher mit Angehörigen des MfS gesprochen, ggf. Jahrzehnte zusammengearbeitet hat, obwohl die Umwelt von einem derartigen Kontakt nichts geahnt und mit hoher Wahrscheinlichkeit diesbezügliche Vermutungen in Abrede gestellt hätte.

Zu dem Gesprächskreis 1992 bis 1993 in der Bekenntniskirche in Berlin-Treptow gab es einen Dokumentarfilm »Fremd im eigenen Land« durch den niederländischen Filmemacher Rob Hof, der in der betreffenden Gemeinde eine sehr zwiespältige Reaktion ausgelöst hatte.

Warum habe ich mich bis jetzt nur bei einem der Gesprächspartner entschuldigt für das, was ich gemacht habe? Als erstes gehe ich davon aus, gegenüber keinem der Gesprächspartner Maßnahmen verantworten zu müssen, die nach DDR-Recht gesetzeswidrig waren. Ich will nicht behaupten, dass alles moralisch zu rechtfertigen war, was ich gemacht habe. Mit moralisch meine ich die Moral, die wir selbst verbal gefordert hatten. Nicht nur ich rechtfertigte mich wiederholt mir selbst gegenüber oder versuchte Skrupel bei Mitarbeitern zu zerstreuen mit dem Hinweis, »es sei schließlich für eine gute Sache«. Aber ich eben auch!

Zweitens kann ich mein damaliges Handeln nicht losgelöst von der gesellschaftlichen Situation bewerten – das gleiche betrifft auch den jeweiligen Widerpart. Ich weiß auch heute nicht, was ich hätte wesentlich anders machen können bzw. müssen. Damit meine ich: welches evtl. andere Handeln von mir hätte etwas bewirken können? Anders handeln zu wollen, hätte auch des Wissens bzw. der Einsicht bedurft, in richtiger Weise handeln zu können. Ich bin mir bewusst, mit dieser Position nicht verstanden zu werden. In dieser Frage gibt es die entscheidenden Differenzen mit fast allen Gesprächspartnern.

Dazu zwei Aspekte: Dem heutzutage nicht nur einmal vernommenen Ratschlag bezüglich meiner damaligen Position, einfach nicht mehr mitzumachen, kann und will ich nicht folgen. Nicht nur meine eigene Person, sondern mein gesamtes gesellschaftliches Umfeld war ausschließlich der DDR behaftet, obwohl es gleichwohl genügend kritische Distanz zu Elementen unserer Politik gegeben hat. Ein etwaiges »Überlaufen zur Opposition« war für mich zu keiner Zeit auch nur angedacht worden und ist selbst aus heutiger Sicht für mich nicht denkbar. Die Differenzen waren und sind zu stark. Entweder wir hätten vielleicht gemeinsam etwas ausgerichtet; gemeinsam heißt die SED und die sich als linksorientiert verstehenden damaligen »Oppositionellen« oder es gewinnt der Dritte: in diesem Fall die westdeutsche Konkurrenz. So war’s ja schließlich.

Zum anderen war ich mir oftmals des Defizits unserer Gesellschaft an Demokratie, an Mitbestimmung des Einzelnen, ja sogar an Mitsprache der unteren Gliederungen der Partei – es wurde leider allzu oft über die Köpfe der Beteiligten hinweg entschieden – bewusst. Aber ich befürchtete bei einem Mehr an Mitsprache der Bürger, dass es zu einem Abwählen der DDR-Gesellschaft kommen könnte. Und bei allem Respekt vor den ehrlichen Wünschen verantwortungsbewusster Bürger hatte ich stets das »Mitmischen der Gegenseite« vor Augen, wozu es in unserer Arbeit genügend Erkenntnisse gegeben hat.

Wer heute noch meint, die Bürgerbewegung und die Ereignisse des Herbstes 1989 alleine hätten die eingetretenen Veränderungen bewirkt, der verkennt u. a., dass es eine derartige Wirksamkeit der meisten »Bürgerbewegten« nur geben konnte, weil es (bei Akzeptanz vieler Eigeninitiativen aus dem eigenen Lande) umfangreiche ideelle, logistische, zum Teil materielle Unterstützung von der Westseite und entsprechende Medienbegleitung gegeben hatte. Es war tatsächlich die Ausnahme, wenn es nicht so war.

Heutzutage sind viele der von ihnen eingebrachten Demokratie-Ansätze dieser Zeit nicht mehr gefragt, weder ein Runder Tisch noch Verfassungsdiskussionen und schon gar nicht etwa das Abschaffen geheimdienstlicher Aktivitäten und womöglich Auflösen diesbezüglicher Dienste und ähnliches.

Trotz bereits länger andauernder Gespräche fehlt mir das Akzeptieren der fortlaufenden Aktivitäten jener, von denen ich den Eindruck habe, ihre zweifellos antikapitalistische Grundposition reduziert sich auf eine kritische Distanz zur DDR und insbesondere zum MfS.

Ich glaube, bei aller Berechtigung von Kritik an unserem Anteil am Niedergang der DDR kann es nicht das alleine sein, was manche derartige Auseinandersetzung ausmacht.

Dabei berührt mich stets aufs Neue das öffentliche Bezeichnen von ehemaligen Inoffiziellen Mitarbeitern. Ich verstehe das Interesse derer, die einst von uns operativ kontrolliert worden waren, am Erkennen jener Personen in ihrem Umfeld, die in unserem Auftrag ihnen gegenüber aktiv geworden waren. Es stellen sich die Fragen, was hast Du gemacht und warum hast Du so gehandelt? Die Antworten des IM sind nicht leicht.

Unsere Position als ehemalige Führungsoffiziere ist in dieser Hinsicht entschieden leichter, denn wir standen nicht in der Vertrauensbeziehung zur ehemals kontrollierten Person. In einem Fall erlebte ich unmittelbar die Gesprächskonstellation zwischen diesen drei Beteiligten: damaliger Tatverdächtiger, IM und Führungsoffizier. Es kostet Überwindung; es werden Denkweisen und damit Motive des Handelns sichtbar, die ich früher nur zum Teil geahnt hatte. Es ist schwer, ein abschließendes Urteil zu fällen, aber so viel sei gesagt: es ging erst einmal. Im Prinzip ist Charakter bei allen Beteiligten gefragt, d. h. prinzipiell zu dem zu stehen, was man gemacht hat, sonst wird es mit Sicherheit der Versuch des »Schlachtens«. Man wird kaum »mogeln« können, das Wissen über den jeweils anderen ist zu umfangreich.

In keinem Fall war jemand bereit, meine Position zu teilen, einen ehemaligen IM am ehesten daran zu messen, ob er uns die Wahrheit gesagt hatte und nicht daran, wem diese Wahrheit mitgeteilt worden war. Am Wahrheitsgehalt gemessen, käme das Prinzip der IM-Arbeit entschieden besser weg als am »Spitzel«. Aber die Wahrheit ist offensichtlich auch in dieser Beziehung am wenigsten gefragt, der politische Zweck zählt weitaus mehr.

Mit Bedauern habe ich wiederholt zur Kenntnis nehmen müssen, dass sich hauptamtliche und Inoffizielle Mitarbeiter in Auseinandersetzungen zu defensiv verhalten. Das Wissen um das Handeln von Menschen, die vor 1989 in unserem Blickfeld standen, ist oftmals erheblich breiter als manch eine heutige »Opfergeschichte«. Ich habe es deshalb abgelehnt, nur auf der Grundlage ausgewählter Pa­piere zu debattieren; der gesamte Operative Vorgang und unser gesamtes Wissen müssten in eine solche Diskussion einfließen. Gründe meiner Entscheidungen und Motive meines Handelns konnten nur unter solchen Bedingungen benannt werden, aber das war nicht in jedem Fall dem  dienlich, der sich ausschließlich als Opfer oder Held darstellen und anklagen wollte.

Ein Entschuldigen setzt nach meiner Meinung ein Unrechtsbewusstsein voraus. Die Erkenntnis, durch meine die DDR sichernde und schützende Tätigkeit zugleich auch deren schwerwiegende Mängel und Gebrechen konserviert zu haben, beinhaltet sicherlich einen bedeutenden Ansatz für ein Schuldgefühl oder ein Unrechtsbewusstsein, aber es ist es noch nicht. Ich will es mir auch nicht leichter machen und einfach »Asche aufs Haupt streuen«, um Ruhe zu haben. Um das Erfordernis, zu einer Lösung zu kommen, weiß ich.

Ich habe durch meinen Anteil am »Niederhalten der Opposition« genügend Anlass, eigene Schuld zu suchen. Da ich zugleich betonen muss, sehr vieles gegen das tatsächliche Schädigen und Schwächen der DDR geleistet zu haben – es gab mehr in meinem Leben, als nur Oppositionelle zu bearbeiten – halte ich die häufige Feststellung meiner Gesprächspartner, die Hauptschuld am Versagen der DDR-Gesellschaft trügen solche Leute wie ich, nicht für ganz erschöpfend. Ich kann diesen Vorwurf nur partiell akzeptieren.

Schließlich möchte ich darauf verweisen, dass die permanenten Behauptungen zum »Unrechtsregime DDR« und zur verwerflichen oder gar verbrecherischen Rolle des MfS eine Bereitschaft zum offenbarenden Herangehen durch ehemalige MfS-Angehörige nicht nur schlechthin erschwert, sondern blockiert. Und winkt dann noch der Staatsanwalt mit einem Ermittlungsverfahren, in dem unser früheres Handeln an ausländischem Recht gemessen wird, muss jeder ein Esel sein, der sich ans Messer liefert.

Eine letzte Feststellung zu mir selbst:

Geboren 1937 in Berlin, Eltern Arbeiter, Vater 1944 ver­misst in Lettland, 1945 bis 1955 Schulbesuch, Abitur, Einstellung ins Staatssekretariat für Staatssicherheit im August 1955, ein Jahr Ermittler in der Abteilung VIII, zwei Jahre Besuch der Schule in Potsdam-Eiche, 25 Jahre in der Abteilung V – später XX – der BV Berlin, drei Jahre Leiter der KD Berlin-Treptow, zweieinhalb Jahre einer der Stellvertreter des Leiters der BV, das letzte Jahr Stellvertreter des Leiters der Zentralen Arbeitsgruppe Geheimnisschutz (ZAGG) im Ministerium. Mit dem letzten Tag der Existenz des MfS/AfNS am 31. März 1990 endete mein erstes Arbeitsverhältnis in der DDR.

Danach war ich weiterhin mit der Auflösung der Bezirksverwaltungen/Bezirksämter des MfS/AfNS im dazu von der Regierung Modrow installierten Komitee unter Einbeziehen der damals agierenden Kräftegruppierungen: Vertreter des Noch-Staates DDR, selbsternannte »Bürgerkomitees« und Evangelische Kirche der DDR befasst. Am 31. August 1990 endete dieses, mein zweites Arbeitsverhältnis in der DDR, auf ausdrücklichen Wunsch von »Bürgervertretern«, die mich in die bald darauf abzuschaffende Produktion schicken wollten.

Danach der Kampf um das soziale Überleben durch ein Jahr Umschulung zum Personalreferenten, zwei Jahre Tätigkeit in einem Baubetrieb, anschließend neun Monate als wenig erfolgreicher Verkäufer in einem Autohaus und schließlich in mehreren Einrichtungen des Fahrradeinzelhandels, fast immer unterbrochen durch mehrwöchige Arbeitslosigkeit. Mit 63 Jahren Rentner aus der »Langzeitarbeitslosigkeit«. Meine Frau und ich sind seit 1959 verheiratet, meine Frau war Lehrerin, wir haben vier Kinder und unterhalten achtungsvolle familiäre Beziehungen zueinander. Meine Familie hat meine Tätigkeit zu DDR-Zeiten akzeptiert und sie kommt auch mit meinem öffentlichen Engagement nach 1990 zurecht, auch wenn es manchmal für Kinder und Schwiegerkinder nicht einfach war.

Von 1962 bis 1966 habe ich an der Humboldt-Universität Kriminalistik studiert und mit einem Diplom abgeschlossen. Das Studium und die Praxis des Verfolgens von vermuteten oder begangenen Straftaten hatten mir zu zahlreichen Arbeitserfolgen verholfen, wenn auch manche zu ahndende Straftat unaufgeklärt blieb. Ich erwähne diese Seite meiner Tätigkeit deshalb, weil es für operative Mitarbeiter eher die Ausnahme war, begangene Straftaten aufzuklären, also von einem Sachverhalt her zu einem zunächst unbekannten Täter zu gelangen, wie es kriminalpolizeiliche Praxis ist. Üblicherweise wurde in den operativen Diensteinheiten von Verdachtshinweisen zu einer Person auf ein mögliches Delikt geschlossen, um darauf aufbauend eine notwendige Beweisführung zu erarbeiten.

Als Fallschirmspringer (67 Sprünge), Militärkraftfahrer über 25 Jahre und sportlich aktiver Mensch habe ich mir meine Gesundheit bis heute im Wesentlichen erhalten. Ich laufe gern und ausdauernd und fahre mit dem Fahrrad, jeweils etwa fünftausend Kilometer pro Jahr.

 

 

 

Vom Soldaten zum Oberstleutnant. Eine Frau im MfS

 

Von Helga Plache

 

Jahrgang 1936; Fachschuljurist; MfS/AfNS 1954-1990 ; Oberstleutnant a. D.; zuletzt Offizier für Anleitung und Kontrolle in der HA Untersuchung des MfS Berlin

 

Wohl in jedem menschlichen Leben gibt es prägende Ereignisse, auch in meinem. Bei dem frühesten, an das ich mich erinnere, war ich gerade einmal sechs Jahre alt. Es war im Februar 1943. Meine Mutter ging mit mir zum Bahnhof in meinem damaligen Heimatort Bad Dürrenberg, um meinem Vater noch einmal zuzuwinken, der in einem Wehrmachtszug auf dem Weg zur Front den Ort passieren sollte. Weshalb musste er weg von uns? Für mich war es nicht zu begreifen. Wieso sollte ich nun auf Papa verzichten? Wer sollte mir die Welt, die Tiere und Pflanzen er­klären, was er wie kein anderer bisher mit viel Geduld getan hatte. Die Erwachsenen begründeten dieses Dilemma für mich mit dem Krieg und das lehrte mich, den Krieg zu hassen. Und dieser Hass wurde durch weitere Erlebnisse gefestigt. Zum Beispiel durch die immer intensiver werdenden Bombenangriffe, von denen unser Gebiet durch die dort befindlichen Chemieriesen Leuna und Buna besonders betroffen war. Fast täglich, meist abends und nachts, Fliegeralarm. Mitten im Schlaf: raus aus dem Bett und in den Bunker gehastet. Dann jedes Mal die bange Frage: Finden wir unser Heim danach unversehrt?

Ein weiteres Erlebnis mit traumatischen Folgen: Wir schreiben das Jahr 1944. Ich war inzwischen acht Jahre alt. Ein schöner Frühlingstag erwartete uns. Bereits am frühen Morgen wehte ein leichter Hauch den Duft der Wiese am kleinen Park auf die Straße, die zu unserer Schule führte. Ich ging meinen Schulweg meistens mit drei gleichaltrigen Nachbarskindern. Nach dem Unterricht warteten wir aufeinander, um wieder gemeinsam nach Hause zu gehen. An diesem Tage wurde der Schulunterricht durch »Voralarm«, dem Sirenensignal, mit dem die Bevölkerung aufmerksam gemacht wurde, dass sich ein feindlicher Flugzeugverband dem Territorium näherte, abrupt beendet. Auf unserem Weg nach Hause kam dann »Vollalarm«, jenes Sirenensignal, das bedeutete: Alle haben die Schutzräume aufzusuchen! Wir rannten los, um schnell zu Hause Schutz zu finden. Zu spät! In Höhe der kleinen Parkanlage, etwa in der Mitte des Weges von der Schule nach Hause, kam uns ein amerikanischer Tiefflieger entgegen. Er flog so tief, dass wir sogar den Kopf des Piloten in der Kanzel erkennen konnten. Plötzlich schoss er mit seiner Bordwaffe auf uns, obwohl er an unserer Größe und der Tatsache, dass wir alle Schultaschen auf dem Rücken trugen, erkennen konnte, dass wir Kinder waren. Vom Straßenpflaster spritzten Splitter ab. Zu unserem Glück traf er uns nicht, denn wir rannten instinktiv auseinander. Wir flüchteten unter die Büsche am Wegesrand und hofften, dass er nicht wiederkäme. Aber noch zweimal flog er nach einem großen Bogen in unsere Richtung und immer wieder schoss er aus der Bordwaffe. Inzwischen waren wir für ihn nicht mehr zu sehen, denn wir hatten in einem ausgebrannten Straßenbahnwagen Zuflucht gefunden.

Dieses Erlebnis prägte sich mir stark ein und ich hatte noch Jahre danach diese Bilder im Kopf. Was bewegt einen amerikanischen Soldaten auf Schulkinder zu schießen? Hatte er zu Hause nicht vielleicht selbst Kinder? Nachdem die USA in Vietnam Krieg führten und heute an vielen Stellen in der Welt wieder mit fadenscheinigen oder erlogenen Begründungen Kriege vom Zaune brechen und Menschen, darunter viele Kinder, ermordet werden, weiß ich, dass meine Erlebnisse keine Ausnahme waren. Menschenverachtend ist die Politik der USA bis heute geblieben. Sie dient ausschließlich der Erhaltung der Macht der Konzerne und geht dabei sprichwörtlich »über Leichen«. Und die Bundesregierung macht inzwischen fleißig mit.

Den Krieg und seine Grausamkeiten mussten wir noch bis zu dessen Ende ertragen.

Nachdem im April 1945 die Kampfhandlungen zu Ende waren, kamen zunächst US-Truppen in unseren Ort. Amerikanische und britische Flieger hatten die grausamen Bombardements auf deutsche Städte wie Hamburg, Lübeck, Berlin, Dresden, Leipzig und viele andere durchgeführt. Hatten sie denn keine Zweifel? Merkten sie nicht, dass sie fast ausschließlich die Bevölkerung trafen und mordeten? Mein durch den geschilderten Tiefflieger-Beschuss hervorgerufenes Trauma fand neue Nahrung. Die amerikanischen Besatzer durchsuchten den Hühnerstall unserer Hausbesitzer, stahlen die Hühner und Eier, was mich als Kind sehr empörte. Sie machten sich auch lustig über uns verängstigte Kinder. Ich habe ihr Gebaren noch so in Erinnerung, als gehöre die Welt nur ihnen. Gelegentlich warfen sie Schokolade oder Kaugummis auf die Straße, wenn wir vorbeigingen. Ich sah immer diesen schießwütigen Piloten vor mir und habe von Amerikanern nie etwas genommen.

Entsprechend dem Potsdamer Abkommen zogen die Amerikaner schließlich ab und sowjetische Truppen besetzten unsere Stadt. Manche Leute hatten Angst »vor den Russen«, aber in meiner Familie gab es keine Vorbehalte. Mein Vater, seine Eltern und Geschwister waren Kommunisten und fühlten sich deswegen der Sowjetunion verbunden, was auch schon meine Haltung als Neunjährige bestimmte. So erwartete ich mit anderen Kindern neugierig am Straßenrand die einrückenden Truppen. Die Sowjetsoldaten sahen abgekämpft aus, hatten staubige Stiefel und einige legten sich, nachdem sie ihre Panzer abgestellt hatten, noch im Vorgarten nieder und schliefen ein, was uns irgendwie beeindruckte. Zeigte es doch, dass es sich hier um kämpfende Truppen gehandelt hat; ganz im Gegensatz zu den »fröhlichen« Amerikanern.

Am 28. August 1945 kam mein Vater nach Hause. Er war aus amerikanischer Gefangenschaft in Hof geflohen, um zu meinem Geburtstag zu Hause zu sein. Unsere Familie war froh, ihn wieder zu haben. Nachdem er sich bei der neuen Stadtverwaltung angemeldet hatte, bat ihn der Bürgermeister, als Polizist zu arbeiten. Er sagte zu, obwohl er gelernter Kürschner und danach als Chemiearbeiter bei der IG Farben tätig war. Ich war stolz auf meinen Vater, der jetzt mit ganzer Kraft an der Gestaltung und am Schutz einer Gesellschaft ohne Krieg mitwirkte.

Im Oktober 1949 erfuhren wir im Schulunterricht, dass die Deutsche Demokratische Republik gegründet worden war. Sowohl in der Schule als auch zu Hause gab es ausführliche Gespräche über die Veränderungen in unserer Gesellschaft, die auch mir gefielen und für deren Verwirklichung ich mich im Rahmen meiner kindlichen Möglichkeiten einsetzte.

In den folgenden Jahren gab es eine Menge Ereignisse, über die zu berichten wäre, so unter anderem die vielfältigen Projekte, die Mitglieder der Freien Deutschen Jugend realisierten. Unter Teilnahme der Jungen Pioniere wurde ein umfassendes Jugendleben aufgebaut, es entstanden in unserer FDJ-Gruppe ein Fotozirkel, eine kleine Bibliothek und ein Musikraum mit Klavier.

In unserem FDJ-Heim hatte nach Gründung auch die Ortsgruppe der Gesellschaft für Sport und Technik ihr Domizil. Die Freunde der GST hatten mit Unterstützung unserer FDJ-Gruppe einen an der Saale liegenden alten Kutter übernommen, einen »Seesportzirkel« gegründet und einen ehemalige Matrosen als dessen Leiter gewonnen. Unter seiner Ägide wurde der Kutter wieder flott gemacht und wir erhielten von ihm eine Ausbildung in der Bedienung des Bootes, im Morsen und Signalwinken. Sonntags brachten wir manchmal Ausflügler von dem einen Ufer der Saale zum anderen. Alles machte uns höllischen Spaß und förderte ungemein das Zusammengehörigkeitsgefühl.

In unserer Freizeit, vor allem an den Wochenenden, organisierten wie in Abstimmung mit der Stadtverwaltung Arbeitseinsätze. Vor allem pflegten wir die Grünanlagen des Kurparks und auch jene Grünanlage, die uns während des Beschusses durch den Tiefflieger Schutz geboten hatte.

Mir wurde das Glück zuteil, am 1. und 2. Deutschlandtreffen und an den III. Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Berlin teilzunehmen. Es waren überwältigende Erlebnisse, die meine Überzeugung festigte, den begonnenen Weg des Aufbaus einer friedlichen DDR fortzusetzen. Unser Land bot uns vielfältige Möglichkeiten zur Persönlichkeitsentwicklung und zur sinnvollen Freizeitgestaltung, was wir auch intensiv genutzt haben. Das Leben in der Pionierorganisation und der Freien Deutschen Jugend prägte neben meinem Elternhaus ganz stark meine Entwicklung. Bis zu meinem Weggang aus Bad-Dürrenberg im Jahre 1954 war ich FDJ-Sekretär unserer Grundorganisation.

1950 konnte ich meinen damaligen Traumberuf – Verkäuferin – erlernen. Dank meiner Anstrengungen und der allseitigen Unterstützung seitens der Konsumgenossenschaft konnte ich die Lehre bereits nach zweiundzwanzig Monaten beenden. Nach Lehrabschluss erhielt ich die Möglichkeit, die Landesschule der Konsumgenossenschaft zu besuchen und mein theoretisches Wissen zu festigen und zu erweitern.

Mit großer Sorge verfolgten vor allem wir Jugendlichen, die den Krieg erleben mussten, die Meldungen über die Remilitarisierung und die Verfolgung der Kommunisten, Gewerkschafter und anderer fortschrittlicher Kräfte in der Bundesrepublik Deutschland. Nicht nur ich befürchtete, dass Deutschland wieder eine solche Entwicklung nehmen könnte, die schon einmal zu dem furchtbaren Krieg geführt hatte. Ich war bereit, die Errungenschaften unserer jungen Republik zu bewahren und an ihrer Weiterentwicklung aktiv teilzunehmen. So bewarb ich mich bei der Deutschen Volkspolizei, bei der mein Vater noch immer seinen Dienst tat. Von seiner Tätigkeit inspiriert, hatte ich die Absicht Kriminalistin zu werden. Es sollte etwas anders kommen, denn im Juli 1954 wurde ich eines Tages gebeten, zu einer Aussprache nach Halle »in den Robert-Franz-Ring« zu fahren. Ich nahm an, dass es eine Dienststelle der Volkspolizei sei.

Am angegebenen Ort fand ich jedoch die BV des  Staatssekretariats für Staatssicherheit im Ministerium des Innern vor. Nach einer eingehenden Aussprache fragte man mich, ob ich bereit sei, meinen Dienst anstelle bei der Kriminalpolizei in diesem Staatssekretariat aufzunehmen. Ich sagte zu und sollte bereits vier Tage später meinen Dienst aufnehmen. Nun hatte ich als stellvertretende Verkaufsstellenleiterin der Konsumgenossenschaft auch noch Verpflichtungen sowie eine 14-tägige Kündigungsfrist einzuhalten. Mir wurde zugesichert, dass alles mit meiner Kaderabteilung abgestimmt werde, was auch erfolgt ist.

Also trat ich – blutjung und keine Ahnung von der Arbeit in einem Sicherheitsorgan – meinen Dienst im Referat Nachrichten, konkret in der Fernschreibstelle an. Die schon versierten Mitarbeiter halfen mir in jeder Beziehung, so dass ich bereits nach sechs Tagen den Nachtdienst allein übernehmen durfte. Ich konnte zwar noch nicht sehr schnell schreiben, aber es ging mit jedem Tag besser. Wenn ich kein Fernschreiben abzusetzen hatte, übte ich fleißig. Die Arbeit machte mir Freude und obwohl für mich ungewohnt, kam ich mit dem im Nachrichtenwesen üblichen Schichtrhythmus, einschließlich der Wochenend- und Feiertagdienste gut zurecht.

Im Frühjahr 1955 bekam ich das Angebot, in eine andere Diensteinheit zu wechseln. Die Arbeit sei abwechslungsreicher als in der Fernschreibstelle, jedoch müsse ich täglich mindestens 30 Seiten mit der Schreibmaschine tippen. Ich traute es mir inzwischen zu und erklärte mein Interesse. An dem Tag, als ich meine neue Dienststelle aufsuchen sollte, war ich zunächst etwas irritiert, denn es war eine Haftanstalt. Man hatte mir vorher nicht konkret gesagt, in welche Diensteinheit ich versetzt werde. Jedenfalls ging ich entschlossen durch das Tor und befand mich auf dem Weg zu meiner neuen Wirkungsstätte.

Ich betrat das Gebäude, in dem die Untersuchungsabteilung (Abteilung IX) der Bezirksverwaltung Halle untergebracht war. Nach einer kurzen Einweisung nahm ich meinen Arbeitsplatz im Schreibzimmer ein, den ich mit zwei weiteren Mitarbeiterinnen teilte. Es waren nicht nur mindestens 30 Seiten zu tippen, sondern es waren auch oft Überstunden zu leisten. Schließlich hing der Arbeitsanfall oft von den erfolgten Festnahmen ab. Aber ich war angetreten, mein Bestes für die Sicherheit unseres jungen Staates zu leisten, also musste ich da durch. Ich habe an dieser Herangehensweise bezüglich meiner Arbeit immer festgehalten und nur so konnte ich alle Möglichkeiten nutzen, die mir später geboten wurden.

An meiner neuen Arbeitsstelle holte mich in tragischer Weise die Vergangenheit ein. Auf dem Fenstersims neben meinem Schreibtisch war – zwar übertüncht, aber noch gut lesbar – in kyrillischen Buchstaben der Name MISCHA  zu lesen. Mischa war offenkundig ein während der Zeit des Faschismus hier einsitzender Sowjetbürger, denn der »Rote Ochse« wurde schon damals als Haftanstalt betrieben. In der DDR gab es nach 1949 viel Wichtigeres zu tun als neue Gefängnisse zu bauen, deshalb mussten die vorhandenen genutzt werden. Ich stellte mir oft die Frage, wie es wohl diesem Mischa hier ergangen sein mochte. Ich habe niemals eine Antwort darauf gefunden.

In der Untersuchungsabteilung war ich dem Referat 1 zugeteilt, das vorwiegend Ermittlungsverfahren wegen Spionage bearbeitete. Die Geheimdienste der USA, Großbritanniens und Frankreichs sowie der zunächst unter dem Nazigeneral Gehlen arbeitende westdeutsche Geheimdienst, aber auch die »Ostbüros« westdeutscher Parteien, die »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« und weitere Organisationen unternahmen alles, um die Lage in der DDR zu destabilisieren. Sie warben dazu unter Ausnutzung und Missbrauch der offenen Grenzen unzählige Bürger der DDR an. Die geheimdienstlichen Aktivitäten betrafen die gesamte Breite der politischen, wirtschaftlichen, militärischen und gesellschaftlichen Bereiche. Besonderer Schwerpunkt im Halleschen Raum war – meinen Erkenntnissen zufolge – vor allem Spionage und Sabotage in den Chemiewerken des Bezirkes.

Meine Aufgabe bestand darin, die handschriftlich gefertigten Vernehmungsprotokolle abzuschreiben oder während einer Vernehmung das diktierte Protokoll in die Maschine zu schreiben. Das war dann besonders effektiv, wenn der Beschuldigte seine Antworten auf die gestellten Fragen selbst diktierte. Ich erinnere mich aber auch eines ausgesprochenen Glücksfalles für mich. Ein Untersuchungsführer hatte den rechten Arm gebrochen und konnte die folgenden Wochen nicht selbst schreiben. Daher war ich in dieser Zeit fast ausschließlich für ihn tätig. Es gab ja außer Vernehmungsprotokollen noch eine Menge anderer Schreibarbeiten, die bei der Bearbeitung eines Ermittlungsverfahrens anfielen.

Auf diese Weise habe ich unmittelbar die konkreten Umstände der Anwerbungen durch westliche Geheimdienste, die Motivation der Beschuldigten und ihre gegen die DDR gerichteten Taten kennen gelernt. Einige handelten aus blankem Hass gegen alles Fortschrittliche, andere lockte das Geld, für das sie sich verkauften und wiederum andere wurden durch die Geheimdienste so unter Druck gesetzt, dass sie keinen anderen Ausweg sahen, als mitzumachen. Gleichzeitig lernte ich, wie man Vernehmungen plant und durchführt und wie mit den vorhandenen Beweismitteln gearbeitet wird. Außerdem erwarb ich erste Kenntnisse über das taktische Vorgehen zur Erlangung wahrheitsgemäßer Aussagen.

Meine diesbezüglichen Fragen – und ich hatte anfangs viele Fragen – wurden ausnahmslos von allen Untersuchungsführern beantwortet. In Einzelfällen wurde mit mir in Vorbereitung auf eine Vernehmung die taktische Vorgehensweise besprochen. Hierbei entstand mein Wunsch, selbst einmal als Untersuchungsführer zu arbeiten. Zu diesem Zeitpunkt war mir aber auch klar, dass ich noch auf der untersten Stufe stand und viel Mühe, Fleiß und Wissen erforderlich ist, um dieses Ziel zu erreichen. Wir hatten in Halle zur damaligen Zeit bereits eine Frau, die als Untersuchungsführerin arbeitete; sie war von Anfang an mein Vorbild. Und mir war klar, dass Frauen, um eine solche Entwicklung nehmen zu können, auch im MfS wesentlich mehr leisten müssen als Männer. Das war eine zusätzliche Motivation für mich.

Im Frühjahr 1956 wurde ich wegen hohen Arbeitsanfalls in die Hauptabteilung Untersuchung nach Berlin »abkommandiert« und im September 1956 versetzt. Ich war weiterhin als Schreibkraft tätig; jetzt in einer Abteilung, die Ermittlungsverfahren wegen Wirtschaftsspionage, Sabotage und andere Straftaten gegen die Volkswirtschaft der DDR bearbeitete. Immer öfter wurde ich damit betraut, direkt in der Vernehmung das diktierte Protokoll maschinenschriftlich zu fertigen. Meine Arbeit war sehr interessant und abwechslungsreich. Bei hohem Arbeitsanfall wurden wir Schreibkräfte auch abteilungsübergreifend eingesetzt. In Verfahren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit waren Zeugenprotokolle polnischer Bürger, die im Konzentrationslager Auschwitz gequält worden waren, maschinenschriftlich zu übertragen. Die erschütternden Aussagen waren emotional brisant und raubten mir einige Nächte den Schlaf. Da erinnerte ich mich wieder: Während des Krieges lebte in der uns benachbarten Wohnung eine Familie Beyer. Erich Beyer war bei der SS in Auschwitz tätig. Er rühmte sich gegenüber den anderen Hausbewohnern der im Lager begangenen Gräueltaten, vor allem an polnischen Bürgern. Ich selbst sah während gemeinsamer Spielstunden mit seiner Tochter in deren Wohnung, dass in einer Schublade Uhren, Schmuck und Goldzähne lagen. Nach 1945 hatte sich Beyer sofort in die Westzonen abgesetzt und sich so einer Strafverfolgung entziehen können.

Manchmal trägt das Leben skurrile Züge. Während meiner Tätigkeit als Schreibkraft in Berlin kam ein Hilferuf aus Leipzig: hoher Arbeitsanfall, so dass die dortigen Schreibkräfte die Arbeit nicht allein schafften. Klar, dass geholfen werden musste. Ich wurde zur Unterstützung in die Abteilung IX der Bezirksverwaltung Leipzig abkommandiert. Keine Ahnung, warum die Wahl auf mich fiel; wahrscheinlich weil ich inzwischen recht flott schreiben konnte und in Leipzig keine Unterkunft brauchte, denn meine Schwiegermutter lebte damals noch dort und so konnte ich bei ihr übernachten.

Das Schreibzimmer der Leipziger Untersuchungsabteilung befand sich aus raumtechnischen Gründen im Zellenbau, was mich ein wenig konsternierte, denn solche Bedingungen erschwerten die Arbeit zusätzlich. Das hatte mich ziemlich beeindruckt, so dass ich am Abend meiner Schwiegermutter über diese Zustände berichtete. Bei dieser Gelegenheit sagte sie mir, dass sie in eben diesem Zellenbau 1933 als Kommunistin von den Faschisten inhaftiert worden war. Sie beschrieb mir die Lage ihrer damaligen Zelle. Unser Erstaunen war groß, als wir feststellten, dass ich genau in dem Raum, in dem sie 1933 eingesessen hatte, jetzt Vernehmungsprotokolle abtippte. Nach etwa einem Monat kehrte ich nach Berlin zurück.

In den Ermittlungsverfahren, bei denen ich in meiner langjährigen Arbeit als Schreibkraft eingesetzt war, erlebte ich die gesamte Breite der gegnerischen Angriffe auf alle Bereiche der DDR.

Zum Beispiel erinnere ich mich an ein Verfahren wegen Sabotage. Die DDR hatte den Auftrag erhalten, in Ägypten Strom-Freileitungen zu bauen. Das passte der westdeutschen Konkurrenz nicht. Der DDR-Bauleiter wurde angeworben und erhielt den Auftrag, das Projekt zu sabotieren, um die DDR zu diskreditieren und den lukrativen Auftrag selbst noch übernehmen zu können. Dank der guten Arbeit der Abwehr flog die Sache auf und der Bauleiter wurde inhaftiert. Nach anfänglichem Leugnen legte er infolge der vorliegenden erdrückenden Beweise schließlich die Karten auf den Tisch.

In einem weiteren Ermittlungsverfahren wegen Wirtschaftsspionage wurde ein Unternehmer beschuldigt, der im Auftrage westlicher Dienste in die DDR übergesiedelt war. Das Interessante dabei war, dass vor seiner Übersiedlung gegen ihn in Westberlin ein Haftbefehl erwirkt und er zur Fahndung ausgeschrieben worden war. Dennoch konnte er sich monatelang in der BRD und in Westberlin frei bewegen, ohne Schaden zu nehmen. Hielten seine geheimdienstlichen Auftraggeber die Hand über ihn?

Ein anderes Ermittlungsverfahren lief gegen einen ehemaligen faschistischen »Zwölfender« aus dem Mecklenburger Raum. (»Zwölfender« nannte man diejenigen Angehörigen der faschistischen Armee, die sich für zwölf Jahre Dienst verpflichtet hatten.) Er war Agent des amerikanischen Geheimdienstes, als so genannter Ernstfallfunker ausgebildet und mit mordernster Funktechnik ausgestattet worden. Er sollte während einer von seinen Auftraggebern erhofften kriegerischen Auseinandersetzung zwischen West und Ost Informationen über die militärische Lage und die Stimmung der Bevölkerung liefern. Was blieb ihm – angesichts der bei der Hausdurchsuchung gefundenen Funktechnik – übrig, als sich zu seiner Straftat zu bekennen. Er berichtete dann sehr ausführlich über die Hintermänner und Einzelheiten seiner gegen die DDR gerichteten Tätigkeit.

Ich erinnere mich aber auch an eine Inhaftierte mit Vornamen Annemarie. Bei ihrer Anwerbung wurde ganz offensichtlich ihre einfache Denkweise ausgenutzt. Nachdem ihr am Schluss der ersten Vernehmung das Protokoll zum Lesen und Unterschreiben vorgelegt worden war, gab sie an, des Lesens und Schreibens unkundig zu sein. Daraufhin wurde ihr – und das ist ausdrücklich vermerkt – das Protokoll vorgelesen und sie signierte es mit einem selbst gewählten Signum. Sowohl der Untersuchungsführer als auch ich bemühten uns, sie zunächst das Alphabet zu lehren und sie in die Lage zu versetzen, ihren Namen zu schreiben. Sie bekam Papier und Stift mit in den Verwahrraum, wo sie fleißig übte, so dass sie am Ende ihrer Untersuchungshaft immerhin in der Lage war, ihren Namen zu schreiben.

Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Vielleicht widmen sich die jeweiligen Untersuchungsführer von damals dieser Aufgabe.

Im September 1960 wurde ich Sekretärin in einer speziellen Abteilung. Deren Aufgabe war die Untersuchungsarbeit der Abteilungen IX der Bezirksverwaltungen anzuleiten und zu kontrollieren, damit in unserem Zuständigkeitsbereich das sozialistische Recht einheitlich durchgesetzt wurde. Das lief so, dass jeweils ein Mitarbeiter dieser Abteilung (Instrukteur) für zwei bis drei Abteilungen IX der Bezirksverwaltungen zuständig war. Jeweils am Anfang der Woche fuhr er in »seine« Abteilung, arbeitete dort und kehrte erst am Wochenende nach Berlin zurück. Kein leichtes Leben, denn ausnahmslos alle hatten Familie. Ich qualifizierte mich in dieser Zeit weiter, besuchte neben meiner Arbeit als Sekretärin einen Lehrgang und legte in der Folge meine zweite Facharbeiterprüfung – diesmal als Steno-Phonotypistin – mit sehr gutem Ergebnis ab. Ich hatte viel, aber noch nicht mein eigentliches Ziel erreicht.

Doch wir arbeiteten nicht nur hart, sondern unternahmen auch in der Freizeit viel gemeinsam. Das stärkte den Zusammenhalt und es entstanden Freundschaften für ein Leben lang. Im Sommer halfen wir an unseren dienstfreien Wochenenden bei der Einbringung der Ernte in unserer Paten-LPG oder wir leisteten Arbeitseinsätze beim Aufbau des Tierparks Berlin-Friedrichsfelde. Die vorhandenen kulturellen Angebote wie Oper, Theater, Konzerte, Kabarett usw. haben wir in unser tägliches Leben einbezogen und auch auf diesen Gebieten unseren Horizont erweitert. Da wir zunächst als Ledige keine familiären Verpflichtungen hatten, waren unserer Freizeitgestaltung keinerlei Grenzen gesetzt.

Im Jahre 1959 heiratete ich. Zu den ersten Gratulanten gehörte Dora Hoffmann und ihre Kinder. Dies bewegte uns sehr. Dora war die Ehefrau des von den Nazis wegen seines Widerstandes gegen Krieg und Faschismus im Februar 1945 hingerichteten Artur Hoffmann. Mein Ehemann stammte aus einer Leipziger kommunistischen Familie, die während der Nazizeit in der Schumann-Engert-Kresse-Gruppe antifaschistischen Widerstand geleistet hatte. Nach Kriegsende organisierte sein Vater als Sportdirektor der Stadt Leipzig den Neuanfang auf dem Gebiete des Sports. In Anerkennung seiner Verdienste erhielt nach seinem viel zu frühen Tod das Probstheidaer Stadion den Namen »Bruno-Plache«.

Mein Ehemann arbeitete ebenfalls in der Hauptabteilung IX. Wir teilten uns sowohl die Erziehung und Betreuung unserer Kinder als auch die Hausarbeit. Ohne ihn, der in dieser Zeit sein juristisches Fernstudium absolvierte, und ohne das volle Verständnis unserer Kinder hätte ich meine Ziele nicht erreichen können. Ich bin ihnen dafür sehr dankbar. Die Situation war manchmal besonders für die Kinder schwierig, aber trotzdem oder gerade deshalb sind aus ihnen tüchtige Menschen geworden. Das soziale Umfeld, wie Kinderkrippe, Kindergarten und Schulbetreuung, kostenlos angebotene Arbeits- und Interessengemeinschaften sowie Sport trugen zu einer allseitigen Persönlichkeitsentwicklung ebenso bei wie ihre spätere Berufsausbildung und eine gesicherte Zukunft in der DDR. Darüber hinaus haben wir die dienstfreien Wochenenden immer gemeinsam verbracht. Jeder durfte abwechselnd vorschlagen, was unternommen wurde.

Im Sommer wünschten sich die Kinder oft einen Badeausflug nach Joachimsthal oder ausgedehnte Spaziergänge im Tierpark. Zu dieser Zeit kosteten Jahreskarten für zwei Erwachsene und zwei Kinder insgesamt 21,00 Mark der DDR. In den Wintermonaten standen oft Museen oder Theater- und Konzertbesuche auf dem Plan. Während ihrer Schulferien nahmen unsere Kinder gern die Gelegenheit wahr, in ein Ferienlager zu fahren. Unsere Urlaube verbrachten wir entweder in der DDR, aber mangels Ferienplätzen auch oft in den sozialistischen Ländern. Von diesen Auslandsaufenthalten schwärmen unsere Kinder noch heute. Jetzt, im Rentenalter, frage ich mich oft, wie haben wir das alles gepackt, zumal unsere ältere Tochter in Ermangelung eines Kinderkrippenplatzes in ihren ersten beiden Lebensjahren bei meinen Eltern aufgewachsen ist und wir sie fast jedes Wochenende besucht haben. Auch die Unterstützung durch meine Eltern und meine Schwiegermutter half uns, unseren zusätzlichen Aufgaben, z. B. bei Sondereinsätzen über mehrere Tage und bei der eigenen Weiterentwicklung, gerecht zu werden.

Von 1971 bis 1974 absolvierte ich an der Juristischen Fachschule Potsdam ein Fernstudium und schloss dieses erfolgreich als Fachschuljuristin ab. Meine Vorgesetzten unterstützten meinen Wunsch mich weiterzubilden und stimmten der Teilnahme an verschiedenen Lehrgängen, wie z. B. Völkerrecht und Psychologie zu. Davon ausgehend veränderte sich bald mein Tätigkeitsfeld.

Ich wurde 1973 Sachbearbeiter und 1975 Hauptsachbearbeiter für die Anleitung und Kontrolle der in den Bezirken bearbeiteten Ermittlungsverfahren gegen Jugendliche. Ziel dieser Tätigkeit war, neben der einheitlichen Handhabung des sozialistischen Rechts unter besonderer Berücksichtigung des Entwicklungsstandes der straffällig gewordenen Jugendlichen, die umfassende Aufklärung ihrer Motive sowie die Einbeziehung der Jugendhilfeorgane und der Schule bzw. des Lehrbetriebes zu gewährleisten. Großer Wert wurde auf eine vorrangige und rasche Bearbeitung der Ermittlungsverfahren gelegt.

Da Verfahren gegen Jugendliche relativ selten waren und sich auch noch auf sechzehn Abteilungen verteilten, gehörte es auch zu meinen Aufgaben, die in den einzelnen Untersuchungsabteilungen gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen zusammen zu tragen und zu analysieren sowie die Ergebnisse dieser Arbeit den einzelnen Abteilungen zu vermitteln. Weiterhin führten wir zu den spezifischen Problemen bei der Bearbeitung von Ermittlungsverfahren gegen Jugendliche im Bereich Anleitung und Kontrolle regelmäßig Erfahrungsaustausche durch, um alle Instrukteure in die Lage zu versetzen, in ihren Verantwortungsbereichen im angestrebten Sinne weiterzuarbeiten. Außerdem nutzte ich die Gelegenheit bei Qualifizierungslehrgängen für Untersuchungsführer entsprechende Vorlesungen zu halten und in den Seminaren Fragen zu beantworten.

Mein noch immer verfolgtes Ziel war, selbst als Untersuchungsführer zu arbeiten. Diese Gelegenheit bot sich unverhofft im Frühsommer 1976. In der Untersuchungsabteilung einer Bezirksverwaltung liefen in einer Strafsache Ermittlungsverfahren gegen vier Beschuldigte. Die zwei Hauptbeschuldigten, die in die Einzelheiten der Straftat eingeweiht waren, hatten in den bisherigen Vernehmungen keine tatrelevanten Aussagen gemacht und dies, obwohl ein erfahrener Untersuchungsführer das Verfahren bis dahin leitete. Nun sollte ich ran. Ich hatte Bedenken, ob ich dieser Herausforderung gewachsen war. Aber ich wollte ja diese Arbeit tun, also musste ich da durch. Ich befasste mich mit den Ausgangsmaterialien, den vorhandenen Beweismitteln sowie den bisherigen Aussagen der Mitbeschuldigten und bereitete mich auf »den Sprung ins kalte Wasser« vor. Entweder schwimmen oder untergehen!

Bei den Beschuldigten handelte es sich um zwei Frauen und einen Mann aus Westberlin und eine DDR-Bürgerin, die nach Westberlin ausgeschleust werden sollte. Ich begann mit der Vernehmung einer bereits teilgeständigen Beschuldigten, die den geringsten Tatanteil zu verantworten hatte. Bereits am Nachmittag war das für diesen Tag geplante Pensum abgearbeitet und entsprechende Aussagen erzielt, die sich mit den vorhandenen Beweismitteln deckten. Der »schwierigste« Beschuldigte war der Westberliner, der in alle Einzelheiten der geplanten Schleusung eingeweiht war und im Auftrage eines bekannten Hintermannes handelte. Der vorherige Untersuchungsführer schätzte ein, dass es sich bei diesem Beschuldigten um einen besonders hartnäckig Schweigenden handele. Wie verblüfft war ich, als ich ihm die erste Frage zum Sachverhalt stellte und er sofort und umfassend auszusagen begann. Ich hatte den Vorteil, meine Vernehmungsprotokolle sofort in die Maschine zu schreiben und konnte somit sehr schnell und detailliert protokollieren. Bei besonders wichtigen Aussagen stenografierte ich und übertrug sie anschließend in das Protokoll, wobei ich die wörtliche Übernahme besonders erwähnte.

Nach seiner Verurteilung und vor Verlegung in den Strafvollzug, habe ich ihn nach seinen Gründen gefragt, weshalb er nach tagelangem Schweigen bei mir plötzlich ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte. Mich interessierte tatsächlich, wieso er bei einem sehr erfahrenen Untersuchungsführer geschwiegen und bei mir »Neuling« sofort auf die Fragen geantwortet hatte. Er äußerte, dass er völlig perplex gewesen sei, als ihm plötzlich eine Frau gegenüber saß und die Vernehmung führte. Dabei habe er seine bis dahin befolgte Strategie völlig vergessen.

Das Verhältnis zu den einzelnen Beschuldigten gestaltete ich von Beginn an so, dass ich ihre Persönlichkeit achtete, ihrer unterschiedlichen Bildung Rechnung trug und ein gewisses Vertrauensverhältnis aufbauen konnte. Sämtliche Beschuldigten haben mit mir von sich aus auch über ihre privaten Probleme gesprochen. Eines Tages erschien die Beschuldigte, deren Verfahren ich bearbeitete, ziemlich niedergedrückt zur Vernehmung. Ich fragte sie, ob sie Probleme habe. Dabei erfuhr ich, dass der 80. Geburtstag ihrer Oma, an der sie sehr hing, bevorstand. Es sei das erste Mal, dass sie ihr nicht gratulieren könne. Ich habe sie so gut es ging beruhigt und vorgeschlagen, dass ich in der Mittagspause eine Geburtstagskarte kaufe, die sie dann schreiben könne. Am Abend auf meinem Nachhauseweg habe ich – selbstverständlich nach Absprache mit der aufsichtsführenden Staatsanwältin – die Karte in den Briefkasten geworfen. Das mag sehr banal klingen, aber für die Beschuldigte war es ein besonderer Moment und sie war dankbar dafür.

Die Zeit als Untersuchungsführerin war anstrengend, aber trotzdem – oder gerade deshalb – wäre ich es am liebsten geblieben. Von Nutzen war diese Erfahrung auf jeden Fall, denn bei meiner späteren Tätigkeit konnte ich aus eigenem Erleben untersuchungsspezifische und taktische Hinweise zu geben.

Später sollte ich noch einmal als Untersuchungsführerin tätig werden, als eine des Mordversuchs beschuldigte Jugendliche aus einem Bezirk nach Berlin in das Haftkrankenhaus verlegt werden musste. Ich weiß heute den Grund der Einlieferung ins Haftkrankenhaus nicht mehr. Nachdem sie gesundheitlich wieder fit war, jedoch im Auftrage des Gerichtes ein psychiatrisches Gutachten gefertigt werden sollte und sie deshalb in Berlin blieb, habe ich im Auftrag der zuständigen Untersuchungsabteilung die weiteren Vernehmungen mit ihr geführt und das Verfahren zum Abschluss gebracht. Auch in diesem Fall bestand ein sehr gutes Verhältnis zu der Beschuldigten. Wir sprachen oft über ihre Sorgen und Ängste und über die Zeit nach Verbüßung ihrer Strafe. Während einer Teilnahme am Besuch ihrer Eltern in der Haftanstalt entwickelte sich zu diesen ebenfalls ein guter Kontakt. Wir unterhielten uns später über Besonderheiten im familiären Bereich, was für mich wiederum hilfreich war, denn die Beschuldigte war noch sehr jung und ich war für geraume Zeit ihre engste Bezugsperson.

Aus eigenem Erleben weiß ich, dass im Haftkrankenhaus des MfS durchweg anerkannte Fachärzte, sehr gut ausgebildetes medizinisches Personal wie Krankenschwestern und Pfleger tätig waren. Unter den Beschuldigten hatte es sich in den Abteilungen XIV (Untersuchungshaftvollzug) der Bezirksverwaltungen herumgesprochen, dass das Haftkrankenhaus Berlin einen hohen medizinischen  Standard hatte. So waren die Inhaftierten oft bestrebt, bei einer Erkrankung nach Berlin verlegt zu werden. Vor allem aus der BRD stammende Beschuldigte nutzten das zur Sanierung ihrer Zähne und nahmen sehr kostenintensive Behandlungen in Anspruch. Die finanziellen Aufwendungen trug selbstverständlich die DDR.

Nachdem meine abteilungsinterne Ausbildung zum Offizier für Anleitung und Kontrolle beendet war, übernahm ich die Funktion eines Instrukteurs für die Untersuchungsabteilungen in den Bezirksverwaltungen des MfS Berlin, Frankfurt (Oder) und Schwerin. Mir war es wichtig, für diese Tätigkeit mindestens Teilhochschulabschlüsse in Strafrecht/sozialistische Kriminologie und Strafprozessrecht/Untersuchungsarbeit an der Juristischen Hochschule Potsdam zu erreichen. Ich wurde voll in den laufenden Hochschullehrgang integriert, nahm an den Vorlesungen, Seminaren und schriftlichen Arbeiten sowie den Abschlussprüfungen teil. Ein komplettes Hochschulstudium war leider nicht mehr möglich. Da in meiner Verantwortung jetzt auch die Anleitung von Leitungskadern in den Untersuchungsabteilungen der Bezirksverwaltungen lag, absolvierte ich von 1980 bis 1981 ein Hochschulteilstudium »Wissenschaftliche Organisation der staatlichen Leitung« (heute als Management bezeichnet) an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften der DDR in Potsdam-Babelsberg.

Die anleitende und kontrollierende Tätigkeit bedeutete für mich – wie bereits erwähnt – mindestens zweimal im Monat montags bis freitags eine Dienstreise in meinen Verantwortungsbereich durchzuführen und dort auf der Grundlage des Aktenstudiums und dessen Auswertung konkrete Hinweise an die Untersuchungsführer zu geben und mit den Leitungskadern zu beraten, wie sie ihre verantwortungsvollen Aufgaben noch besser wahrnehmen und die Aus- und Weiterbildung ihrer Untersuchungsführer gewährleisten können. In dieser Zeit lernte ich sehr viele Untersuchungsführer, deren Vorgesetzte und auch operative Mitarbeiter kennen. Ausnahmslos gestaltete sich die Zusammenarbeit auf Augenhöhe, war von gegenseitigem Respekt, von Achtung und Anerkennung der individuellen Leistungen geprägt. Ich fühlte mich unter den »Untersuchern« wie in einer Familie und habe unter ihnen viele Freunde gewonnen.

Alle Leitungskader und viele Mitarbeiter hatten Hoch- oder Fachschulabschlüsse und nahmen an spezifischen Lehrgängen für Untersuchungsführer teil, um ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln und zur einheitlichen Durchsetzung des sozialistischen Rechts qualifiziert beizutragen. Darüber hinaus fanden regelmäßig Dienstkonferenzen für die Leitungskader der Abteilungen IX in Berlin statt, bei denen u. a. neue Angriffsrichtungen gegen die DDR Ge­genstand waren und umfangreiche Erfahrungsaustausche stattfanden.

Im Zeitabstand von etwa fünf Jahren erfolgten vierzehntägige Komplexüberprüfungen in den Abteilungen IX der Bezirksverwaltungen. Dabei wurde unter Leitung des zuständigen Instrukteurs eine Brigade gebildet, die alle Referate der Abteilungen IX überprüften, wobei Wert darauf gelegt wurde, dass solche Mitarbeiter der Hauptabteilung IX in den Brigaden eingesetzt wurden, die spezifische Fachkenntnisse besaßen, so z. B. bei der Bearbeitung von Spionage, Sabotage/Wirtschaftsverbrechen, Schleusungen und schwere Kriminalität wie Brandstiftungen und Tötungsdelikten. Während dieser Einsätze ermöglichten die Abteilungen IX in Zusammenarbeit mit den operativen Diensteinheiten jeweils einen mehrstündigen Besuch örtlicher volkseigener Betriebe; eine Gelegenheit, die konkreten Bedingungen der Produktion und ihrer Leitung sowie die Arbeitsbedingungen und auch die Probleme der Betriebsangehörigen besser kennen zu lernen. Das half uns sehr in unserer Arbeit, besonders bei der Beurteilung von Sachverhalten und Verhaltensweisen.

Die Ergebnisse der Brigadeeinsätze wurden in Berichten zusammengefasst, mit den Kollektiven ausgewertet und dem Leiter der BV sowie dem Minister für Staatssicherheit zur Kenntnis gegeben. Dies war insoweit wichtig, da Untersuchungsarbeit immer mit der Einhaltung der sozialistischen Gesetzlichkeit verbunden war. 

Die praktizierte zentrale Anleitung und Kontrolle der Untersuchungsabteilungen der BV hat sich in jedem Fall bewährt. Die Instrukteure hatten zu allen Abteilungsleitern IX ein sehr gutes Verhältnis und nutzten umfassend deren Erkenntnisse und Erfahrungen zur Weiterentwicklung des sozialistischen Rechts. In meinen Anleitungsbereichen ergaben sich sehr gute Kontakte zu den Leitern der Bezirksverwaltungen, obwohl dies eigentlich nicht zu meinen Aufgaben gehörte. Aber uns ging es um die gemeinsame Sache – die umfassende Einhaltung der sozialistischen Gesetzlichkeit. Sie konnten sich darauf verlassen, dass sie bei eventuell festgestellten Gesetzesverstößen sofort unterrichtet worden wären. Einen solchen Fall gab es jedoch nicht.

Noch ein Wort zu dem Bild, dass seit 1990 unisono von den Medien, so genannten Gedenkstätten und Leuten, die sich als »Betroffene« ausgeben, von der Untersuchungsarbeit und dem Untersuchungshaftvollzug in der DDR gezeichnet wird. Sie alle arbeiten emsig an der Erfüllung des vom ehemaligen Justizminister der BRD, Klaus Kinkel, erteilten Auftrages, die DDR zu delegitimieren. Und um dieses Ziel zu erreichen, darf man es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Zweifelsohne ist eine Inhaftierung für die/den Betroffene/n ein gravierender Einschnitt. Sie/er ist plötzlich vom bisherigen Umfeld isoliert, auf sich selbst gestellt, fremden Regeln unterworfen und im Ungewissen, was das Untersuchungsorgan über ihre/seine Straftat weiß. Keine einfache Situation. Aber das ist weltweit so und keine DDR-Spezifik. In der DDR gab es kein Guantanamo, keine von der CIA unterhaltenen Gefängnisse außerhalb der USA.

In den Vernehmungen, bei denen ich als Schreibkraft zugegen war und auch später als Untersuchungsführerin sowie aus den Erkenntnissen der Anleitung und Kontrolle wurde ausnahmslos korrekt gearbeitet. Die Beschuldigten wurden immer als individuelle Persönlichkeiten behandelt und im Rahmen der Möglichkeiten ist auch auf persönliche Belange eingegangen worden. Nicht wenige der Beschuldigten bedankten sich sogar dafür, dass sie sich als Mensch behandelt fühlten und sich ihre vorher von Mitarbeitern der westlichen Geheimdienste geschürten Ängste vor Folter nicht bewahrheiteten. Folter widerspricht unserem humanistischen Menschenbild und unserer Weltanschauung. Wäre trotzdem ein solcher Fall eingetreten, hätte sich der dafür Verantwortliche einem Strafverfahren nach den Gesetzen der DDR ausgesetzt gesehen und wäre verurteilt worden. In den Ermittlungsverfahren, in die ich in meiner langjährigen Tätigkeit als Schreibkraft, Sachbearbeiter und Instrukteur involviert war, wurde in fast allen Fällen ein Gerichtsurteil gefällt; ganz einfach, weil Straftaten begangen und im Ermittlungsverfahren nachgewiesen worden waren.

Seit Bestehen der DDR bestand ein weiterer Schwerpunkt seitens der BRD darin, gut ausgebildete Facharbeiter, Ingenieure und Ärzte aus der DDR abzuwerben. Die gute Schulbildung sowie qualifizierte Facharbeiter-/Ingenieur- und Hochschulausbildung war der BRD gleich mehrfach von Nutzen. Sie selbst hatten keinerlei Ausbildungskosten aufwenden müssen und schädigten zugleich die Wirtschaft der DDR, die hohe finanzielle Aufwendungen am Ende für nichts erbracht hat. Besonders schwerwiegend wirkte sich die Abwerbung medizinischen Personals aus, vor allen Dingen von Ärzten. Das führte teilweise dazu, dass mangels vorhandener Fachärzte Operationen nicht durchgeführt werden konnten oder verschoben werden mussten. Hier sei ein Hinweis auf das 2006 erschienene Buch von Peter Pfütze »Besuchszeit« erlaubt, der detailliert zu dieser Problematik Stellung nimmt.

Das heutige Dilemma, dass die BRD nicht ausreichend über eigene allseitig qualifizierte Kräfte verfügt, ist letztlich ein Zeichen dafür, dass es die DDR nicht mehr gibt, an der man sich schamlos und schadlos halten konnte. Erschwert wurde diese Situation für die BRD bereits nach den Maßnahmen des 13. August 1961. Nicht nur das Ausbluten der DDR durch Abwerbungen und wirtschaftliche Ausplünderung wurde erschwert, sondern »durch die Mauer« wurde ein Krieg verhindert. Hierzu empfehle ich das Buch von Armeegeneral a. D. Heinz Keßler und Generaloberst a. D. Fritz Streletz »Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben«.

Ich möchte auch noch eine andere Seite der Untersuchungsarbeit erwähnen. Sie bestand darin, einsichtig Irregeleitete und Personen, die schuldlos in eine Straftat verwickelt waren, möglichst rasch wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Oftmals betraf das auch Kinder und Jugendliche. So zum Beispiel, wenn Kinder nach der Festnahme ihrer Eltern aus dem Kofferraum eines Schleusungsfahrzeuges geborgen waren und vorübergehend in einem Heim der Jugendhilfe untergebracht werden mussten. So erinnere ich mich eines Falles, in dem ein Ehepaar festgenommen wurde, das ein Kind bei sich hatte. Ich erhielt den Auftrag, mich um den Jungen zu kümmern. Um ihm den Aufenthalt in einem Kinderheim zu ersparen, wandte ich mich an seine Großmutter, damit sie ihrem sensiblen Enkel vorübergehend ein Zuhause bietet. Die hatte sich aber mit Sohn und Schwiegertochter überworfen und deshalb auch keinen Kontakt zum Enkel, so dass sie zunächst ablehnte. Es gelang mir schließlich, sie zu überzeugen, den Enkel bei sich aufzunehmen. Das Strafverfahren gegen die Mutter des Jungen wurde beschleunigt bearbeitet und der Haftbefehl aufgehoben, da ihre persönliche Schuld gering war. Somit konnte sie sich wieder um ihr Kind kümmern.

In einem weiteren Fall versuchte ein Ehepaar mit seinen zwei Kindern mit Hilfe westdeutscher Schleuserbanden die DDR kurz vor Weihnachten zu verlassen. Sie wurden daran gehindert und festgenommen. Ich fuhr nach Gera und kümmerte mich weisungsgemäß um die Unterbringung der Kinder in einem Heim. Dort sollte zwei Stunden nach Übergabe der Kinder eine Weihnachtsfeier stattfinden, bei der die Heiminsassen auch Geschenke erhalten würden. Für meine beiden Neulinge war logischerweise nichts da. Um sie nicht auszugrenzen, ging ich einkaufen und besorgte für sie Geschenke. Die Kinder konnten doch nicht dafür, dass ihre Eltern sie der Gefahr ausgesetzt hatten, eventuell die Fahrt im Kofferraum nicht zu überleben. Sie hatten es schon schwer genug, Weihnachten ohne Eltern in fremder Umgebung zu begehen. Vom Kinderheim aus begab ich mich in die Untersuchungsabteilung und habe mit Zustimmung des Untersuchungsführers und dessen Vorgesetzten der Mutter der Kinder während einer Vernehmungspause erklärt, dass ihre Kinder derzeit an der Weihnachtsfeier im Kinderheim teilnehmen und auch dafür gesorgt ist, dass sie ebenfalls Geschenke erhalten. Die Beschuldigte legte noch am gleichen Tage ein umfassendes Geständnis ab, benannte die Hintermänner und distanzierte sich von ihrer »unüberlegten« Tat. Das Verfahren wurde beschleunigt bearbeitet und die Beschuldigte nach kurzer Zeit aus der Untersuchungshaft entlassen. Nun konnte sie ihre Kinder wieder selbst betreuen.

Eines Nachts, etwa gegen 2 Uhr, klingelte ein Bereitschaftskraftfahrer an unserer Haustür. Er sollte mich unverzüglich zur Dienststelle bringen. Ich beeilte mich, denn es handelte sich ganz offensichtlich um eine außergewöhnliche Angelegenheit, wenn sie nicht bis zum Morgen Zeit hatte. Wir fuhren zum Präsidium der Volkspolizei in der Keibelstraße. Dort erfuhr ich, dass zwei kleine Kinder gegen Mitternacht durch eine Polizeistreife auf dem Alexanderplatz aufgegriffen worden sind. Sie weinten und riefen nach ihrer Mutter. Man hatte sie dann in das Berliner Präsidium der Volkspolizei gebracht, wo sie erst einmal in einem gesonderten Raum untergebracht wurden, wo sie schlafen konnten. Es handelte sich um einen etwa vierjährigen Jungen und ein siebenjähriges Mädchen. Augenscheinlich waren es Roma. Ein ebenfalls zur Dienststelle beorderter Arzt bestätigte meine Annahme. Er untersuchte die Kinder, die sichtlich unterernährt und verwahrlost wirkten sowie äußerst ärmlich gekleidet waren. Da es keine Hinweise auf ansteckende Krankheiten gab, war eine stationäre Aufnahme in einer Kinderklinik nicht erforderlich. Es wurde veranlasst, für die Kinder Milch und etwas zu Essen aufzutreiben. Es war gar nicht so leicht um diese Uhrzeit. Jedenfalls machte sich ein »pfiffiges Kerlchen« auf den Weg und kam tatsächlich mit Milch und etwas Essbarem zurück. Während sich die Kinder stärkten, begann ich mit der Unterhaltung, wer sie seien, woher sie kommen und weshalb sie allein auf dem Alexanderplatz unterwegs waren. Das Mädchen hieß Beata, ihr Bruder Robert. Beata sprach recht gut Deutsch, Robert hingegen gar nicht. So »übersetzte« Beata die Worte des Kleinen. Sie waren mit ihren Eltern und Verwandten in einem Wohnmobil von Hamburg nach Berlin gefahren und hatten sich hier etwas angesehen. Dann sollten sie am Brunnen am Alexanderplatz auf die Rückkehr der Eltern warten, die vorgaben, noch etwas erledigen zu müssen. Sie kamen aber nicht.

Wir veranlassten über die zuständige Diensteinheit eine Benachrichtigung der Grenzübergangsstellen zur BRD, um die inzwischen namentlich bekannte Familie an einer Ausreise aus der DDR zu hindern und uns unverzüglich zu informieren, damit die Angelegenheit geklärt werden könne. Binnen kurzer Zeit erhielten wir die Mitteilung, dass die Familie mit dem Wohnmobil bereits in die BRD ausgereist war, und zwar zu einer Zeit, als die Kinder sich noch am Alexanderplatz aufhielten! Ich brachte die Kinder in das Kinderheim »Makarenko« nach Johannisthal und übergab sie dort der zuständigen Ärztin, die vor Aufnahme in das Heim immer eine Untersuchung vornehmen musste. Die Kinder wollten, dass ich bei ihnen bleibe, da sie sich vor »Dracula« fürchteten. Ich sagte ihnen, dass es bei uns keinen Dracula gibt, sondern einen ganz lieben Sandmann, der ihnen im Fernsehen abends eine Geschichte erzählt und dann Schlafsand verstreut.

Als ich das Zimmer der Ärztin verlassen hatte, standen einige Kinder im Alter von etwa sechs bis zehn Jahren auf der Treppe. Ein Mädchen fragte mich, ob ich denn ein Kind holen wolle. Sie selbst könne schon im Haushalt helfen und in der Schule sei sie auch gut. Sie würde gern mit mir kommen. Ein anderes, ungefähr zehnjähriges Mädchen sagte mir, dass sie noch einen Bruder habe, der auch im Heim ist. Sie sei zehn und ihr Bruder neun Jahre alt. Leute, die sich hier Kinder abholen, wollen immer nur ganz kleine. Wir sind da schon »zu alt«. Es war für mich ein sehr trauriger Augenblick. Hoffnungsvolle Kinderaugen blickten sehr traurig, als ich ihnen sagte, dass ich selbst Kinder zu Hause habe und sie leider nicht mitnehmen könne. An diesem Tag verließ ich das Kinderheim mit Tränen in den Augen. Ich wusste, dass es ihnen in diesem Heim gut ging, aber sie wünschten sich verständlicherweise eine Familie.

Der Minister für Staatssicherheit hatte in der Angelegenheit der Roma-Kinder entschieden, dass Beata und Robert baldmöglichst zu ihren Eltern zurückzuführen sind. Gleichzeitig wurde angewiesen, sie anständig einzukleiden und auch für Spielsachen zu sorgen. Ich wurde damit beauftragt. Einen limitierten Etat hatte ich für diese Aufgabe nicht. So begab ich mich zum Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz und kaufte komplette Bekleidung und Schuhe sowie Spielsachen für die beiden. Dann holte ich Beata und Robert aus dem Kinderheim ab, damit sie zu ihren Eltern gebracht werden konnten. Dies erfolgte unter Einbeziehung der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR. Bevor die Kinder im Auto des Mitarbeiters der StÄV Platz nehmen durften, breitete er erst eine Decke auf den Sitzen aus, »damit nichts schmutzig wird«. Kann eine gegensätzliche Haltung zu Roma deutlicher zum Ausdruck kommen?

Zu den Aufgaben des Bereiches Anleitung und Kontrolle gehörte die sorgfältige Analyse der in den Bezirken eingeleiteten Ermittlungsverfahren. Wurde aufgrund der Persönlichkeitsentwicklung, des konkreten Tatherganges, der Ursachen und begünstigenden Bedingungen der Straftat eine relativ geringe Schuld festgestellt und bestand die Aussicht auf problemlose Wiedereingliederung in die Gesellschaft, wurde in Abstimmung mit den territorial zuständigen Untersuchungsabteilungen die Einstellung des Ermittlungsverfahrens angeraten, nach Zustimmung des aufsichtsführenden Staatsanwaltes beschlossen und die Aufhebung des Haftbefehls erwirkt. Gleichzeitig liefen die Maßnahmen zur Wiedereingliederung an. So konnten während der intensiven zentralen Anleitung nicht wenige Beschuldigte, besonders Jugendliche, vor einer Haftstrafe bewahrt und ihnen die Möglichkeit gegeben werden, sich in ihrem gewohnten Umfeld zu bewähren.

Eine kurze Einfügung sei mir gestattet: Die wenigsten Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet, nachdem die Täter auf frischer Tat ertappt worden sind. Der Regelfall war, dass bei einem begründeten Verdacht zunächst durch operative Diensteinheiten gezielte Überprüfungen erfolgten und die Persönlichkeit der Verdächtigen aufgeklärt wurde. Entweder brachten die Ergebnisse die unmittelbare Einstellung der Vorermittlungen und Archivierung der Unterlagen oder das Material wurde der zuständigen Untersuchungsabteilung zur Prüfung vorgelegt. Bestätigte sich der dringende Tatverdacht einer strafbaren Handlung und wurde dieser Verdacht durch entsprechende Beweismittel erhärtet, erfolgte die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens mit oder ohne Haft.

In einem schwierigen Fall bat der Leiter einer bezirklichen Untersuchungsabteilung meinen Vorgesetzten um meine Unterstützung. Ich begab mich vor Ort, sah mir das vorhandene Material an und sprach mit dem inhaftierten jugendlichen Beschuldigten. Er war der schweren Brandstiftung verdächtig; der bearbeitende Untersuchungsführer hatte jedoch aufgrund der bekannten Spurenlage Zweifel an dem vom Beschuldigten geschilderten Tathergang. Diese Zweifel konnte ich erhärten. Ich hatte den Vorteil, dass ich »von außen« kam und nicht unter dem Zeitdruck zur Aufklärung der Straftat stand, wie er seitens der Leitung der Bezirksverwaltung gemacht worden war. Der Jugendliche war in den Kreis der Verdächtigen geraten, weil er als Kind schon mehrfach gezündelt und kleinere Sachschäden verursacht hatte. Nach intensiver Beratung unter Einbeziehung des Staatsanwaltes wurde noch am gleichen Tage durch den Richter der Haftbefehl aufgehoben und der Jugendliche aus der Haft entlassen. Eine Woche danach konnte durch weitere Maßnahmen im operativen Bereich der wahre Täter gefasst werden.

Ein ähnliches Schicksal hatte zwei Jugendliche in einer anderen Untersuchungsabteilung ereilt. Aufgeklärt werden musste eine am Tag zuvor begangene schwere Straftat, bei dem unter anderem ein wichtiges Dokument entwendet worden war. Zeugen beschrieben zwei Jugendliche, die sich an der dem Tatort nahen Straßenbahnhaltestelle verdächtig benommen hätten. Daraufhin eingeleitete Überprüfungen führten zu den Jugendlichen. Sie wurden festgenommen. Nach den erfolgten Erstvernehmungen erließ der zuständige Richter auf Antrag des Staatsanwaltes Haftbefehle.

Nachdem die Meldung über die erfolgten Festnahmen dem Bereich Anleitung und Kontrolle vorlagen – dies erfolgte zeitnah spätestens am nächsten Tag nach einer Inhaftierung – erhielt ich Order, mir das Verfahren vor Ort anzusehen. Nachdem ich mir einen Überblick über die Sache verschafft und mit den Untersuchungsführern und ihren Vorgesetzten gesprochen hatte, erbat ich die laut Protokoll angefertigten Tonbandaufzeichnungen von den Vernehmungen. Diese waren zunächst »unauffindbar«. Ich wartete das Ergebnis der Suche ab. Da es inzwischen spät geworden war und meine Dienstreise zu Ende ging, musste ich die Tonbänder mit nach Berlin nehmen. Am nächsten Morgen hörte ich sie an. Ein wichtiger Grundsatz unserer Vernehmungsarbeit, keine Suggestivfragen zu stellen, war von dem beauftragten Untersuchungsführer verletzt worden. Er stand stark unter Leistungsdruck, die Tat schnellstens aufzuklären. Damit waren die Aussagen rechtlich gesehen nichts wert. Ich informierte meinen Abteilungsleiter, der sich ebenfalls in die Tonbandaufzeichnungen »einhörte« und meine Einschätzung teilte. Nach einigem Hin und Her schlossen sich die Genossen unserer Auffassung an, stellten nach Rücksprache mit dem Staatsanwalt das Verfahren ein, entließen die Beschuldigten aus der Haft und suchten nach den Tätern, die dann einige Tage später festgenommen werden konnten und unter der Last der vorliegenden Beweismittel die Tat gestanden.

Ich muss an dieser Stelle ausdrücklich erwähnen, dass diese beiden geschilderten Fälle die absolute Ausnahme in meiner langjährigen Tätigkeit im Bereich Anleitung und Kontrolle darstellten.

Es hat sich in beiden Fällen aufgrund des großen Erfolgsdruckes, der bei schweren Straftaten oft vorhanden war, um Fehler gehandelt. Und ganz wichtig ist: der Druck kam nicht von innen, sondern leider öfter von Mitarbeitern der SED-Bezirksleitungen, die ihrerseits bestrebt waren, binnen kürzester Zeit einen »Aufklärungserfolg« an ihre Vorgesetzten zu melden.

Generelle Weisung in der Untersuchungsarbeit war, eine Vernehmung von mindestens sechs Stunden durchzuführen, um zügig und konsequent die Strafsache zu bearbeiten und die vorgegebenen gesetzlichen Fristen einzuhalten. Für Außenstehende sei erwähnt, dass sich Untersuchungsführer und Beschuldigter während der Vernehmungen mit gewissem Abstand gegenübersaßen. Dabei war die Blickrichtung des Beschuldigten zum Fenster; in den Wintermonaten wurde der Raum durch die Deckenleuchte erhellt. Für den Untersuchungsführer war es wichtig, den Beschuldigten zu beobachten und seine Reaktionen etwa auf die Fragestellung zu erkennen. Tischlampen, mit denen die Beschuldigten direkt angeleuchtet werden, gab es bei uns nicht. Die gibt es nur in schlechten Kriminalfilmen.

So etwas Hirnrissiges wie in der »Gedenkstätte Hohenschönhausen« behauptet, dass durch »Löcher in der Wand« vernommen wurde, wäre selbst einem Baron von Münchhausen nicht eingefallen.

Am 28. Februar 1990 endete meine Tätigkeit. Ich wurde mit dem Dienstgrad Oberstleutnant entlassen. Ich hatte es nie für möglich gehalten, jemals in meinem Leben arbeitslos zu werden.

Nach einer weiteren Berufsausbildung (Umschulung mit 55 Jahren) legte ich vor der Rechtsanwaltskammer Berlin die Prüfung als Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte ab. Danach konnte ich noch bis zu meinem Renteneintritt in einem Westberliner Anwaltsbüro arbeiten, deren Chefs sich von dem Kesseltreiben und den Verteufelungen der MfS-Mitarbeiter nicht beeindrucken ließen, sondern ausschließlich sehr gute Arbeitsleistungen erwarteten.

Ohne Zweifel wurden in der DDR Fehler gemacht, auch im Ministerium für Staatssicherheit. Wo sonst entstehen Fehler, wenn nicht bei der Arbeit und noch dazu bei einer so verantwortungsvollen und vielschichtigen.

Im Nachhinein ist zu erkennen, dass viele Menschen, die 1989 auf die Straße gingen, ganz offensichtlich den falschen Weg gewählt hatten. Es wäre unter anderen Bedingungen tatsächlich ein Erhalt der  Errungenschaften der DDR möglich gewesen. Aber die Hintermänner in der BRD haben mit der Kraft der D-Mark und unter Ausnutzung ökonomischer Probleme in der DDR ihren Feldzug begonnen und viele Bürger manipuliert.

Täglich erlebe ich, wie Menschen, denen es in der DDR einmal gut ging, die Arbeit und ihr Auskommen hatten, jetzt in ärmlichen Verhältnissen leben müssen, keine Arbeit mehr finden und deren Kinder und Enkel ohne Zukunft sind.

Dass es im November/Dezember 1989 nicht zu militärischen Auseinandersetzungen bei der Bekämpfung der Konterrevolution kam, war nicht zuletzt den bewaffneten Kräften der DDR zu danken. Es widerspricht unserer humanistischen und kommunistischen Erziehung und Haltung, einen Krieg gegen die eigenen Bürger zu führen, der sich zu einem Weltbrand hätte entwickeln können.

Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR und seine ehemaligen Mitarbeiter werden seit 1990 verteufelt, sie werden ausgegrenzt und sollen ihrer Würde beraubt werden. Das war u. a. das Ziel eines Kinkel, der zu Zeiten, als er dem BND vorstand, wegen der Erfolge dieses Ministeriums für Staatssicherheit der DDR sicher mehrmals zum Rapport antanzen musste, weil seine Behörde nichts geahnt und nichts gewusst hat. Genauso, wie es heute der »Verfassungsschutz« und der Bundesnachrichtendienst beweisen. Sie vertreten ausschließlich die Interessen des Kapitals und nicht der Menschen, egal wie sich gebärden. Dass sie ihr Land und die Bürger nicht schützen, zeigt u. a. die Tatsache, dass nichts Ernsthaftes gegen die Datenausspähung seitens des amerikanischen Geheimdienstes NSA unternommen wird.

Diese Bundesrepublik Deutschland dient ausschließlich den Interessen des Kapitals, zunehmend auch der Rüstungsindustrie. Der Präsident dieses Landes fordert unverhohlen militärische Einsätze in anderen Ländern der Welt. Herr Pfarrer! Wie steht es um die Losung »Schwerter zu Pflugscharen«? Die Haltungen vor 1990 waren wohl ausschließlich Demagogie und nicht nur bei ihm.

Es tut weh, zu erleben, wie die ehemaligen Mitarbeiter des MfS trotz ihrer Bildung, ihrer Erfahrungen, ihrer Zuverlässigkeit und ihrer bewiesenen hohen Einsatzbereitschaft heute ausgegrenzt werden. Sie haben mit den anderen bewaffneten Kräften der DDR an vorderster Stelle dafür gesorgt, dass 1990 friedlich geblieben ist. Man sollte uns eigentlich dafür danken. Weshalb tut man es nicht? Aber: Toleranz ist eine Tugend der Weisen.

Im Grundgesetz der BRD steht in Artikel 1:

(1) »Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und  der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht

Weshalb hält man sich nicht daran?

Abschließend noch einige Bemerkungen zur »Gedenkstätte Hohenschönhausen«. Schließlich habe ich fast 34 Jahre lang in der Hauptabteilung Untersuchung gearbeitet.

Ich kann die Äußerungen des Leiters der »Gedenkstätte« und auch die der dortigen »Museumsführer« überhaupt nicht nachvollziehen. Es reihen sich Lügen an Lügen und wenn ehemalige Mitarbeiter der Abteilungen IX und XIV während solcher »Führungen« wahrheitsgemäß etwas dazu sagen, wird ihnen das Wort entzogen und sie erhalten Hausverbot! Wenn die Angaben der »Museumsführer« tatsächlich der Wahrheit entsprechen würden, wäre es ein leichtes, diese durch Auslegen ihrer von den Untersuchungsführern angefertigten Hand- und Gerichtsakten zu untermauern. Aber das geht nicht, denn zu offensichtlich wäre die Wahrheit, so dass die »Gedenkstätte« unverzüglich geschlossen werden müsste. Aber was sollen die »freiwilligen Knackies« dann tun? Die Qualifikation des »Historikers« für die von ihm derzeit ausgeübte Tätigkeit liegt schlicht und ergreifend nicht vor! Die Bundesregierung sollte sich fragen, ob die enormen finanziellen Mittel für diese »Gedenkstätte« nicht besser für soziale Projekte eingesetzt werden als sie für Schürung von Hass und zur Volksverdummung zu nutzen.

Bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich eines Vorfalls, bei dem nach 1990 ein Bürger in die Anwaltskanzlei kam und darum bat, für ihn eine »Opferrente« zu beantragen, da er in der DDR »politischer Häftling« gewesen sei. Der Rechtsanwalt sagte zu, ihm behilflich zu sein. Jedoch brauche er etwas Geduld, denn wir müssen erst Akteneinsicht beantragen, um genaue Forderungen stellen zu können. Er fragte, welche Akten denn? Aufgeklärt, dass es um seine Akten beim MfS geht, bat er, die Sache auf sich beruhen zu lassen und nichts zu unternehmen. Das war ihm wohl doch zu heiß. Warum wohl?

Es bleibt die Hoffnung, dass die Menschen wieder ihren Verstand benutzen, denn: es kommt immer anders, wenn man denkt.

 

 

Die Untersuchungsabteilung des MfS war kein Geheimnis

 

Von Manfred Liebscher

 

Jahrgang 1930; Diplomjurist; MfS/AfNS 1959-1990; Oberstleutnant a. D.; zuletzt Referatsleiter in der HA Untersuchung des MfS Berlin

 

Zum besseren Verständnis meiner nachfolgenden Erinnerungen möchte ich einige Vorbemerkungen machen. Das MfS mit Sitz in der Berliner Normannenstraße war in Hauptabteilungen, Abteilungen, Referate und Arbeitsgruppen gegliedert. In den 15 Bezirken der DDR, einschließlich Berlin, arbeiteten Be­zirks­verwaltungen mit fast analoger Struktur. Und: Nach der Strafprozessordnung der DDR (StPO) gab es drei gleichberechtigte strafprozessuale Untersuchungsorgane: neben den Untersuchungsorganen der Volkspolizei und der Zollverwaltung der DDR das des MfS. Das Untersuchungsorgan des MfS war die Hauptabteilung IX. Ihre diesbezügliche Tätigkeit regelte sich demzufolge auch – wie der beiden anderen U-Organe – nach den §§ 88 und 89 StPO. Die Aufsicht über alle strafprozessualen Ermittlungshandlungen oblag nach § 89 dem Staatsanwalt. Die Aufsicht des Staatsanwaltes sicherte die Gesetzlichkeit der Untersuchungen. In fachlich-operativer Hinsicht lag die Verantwortung beim Minister für Staatssicherheit.

Damit befanden sich sowohl die HA IX im Ministerium als auch die entsprechenden Abteilungen IX in den Bezirken in einem doppelten Unterstellungsverhältnis.

Was heutige Sichten auf die Arbeitsweise dieser Abteilungen betrifft, so möchte ich hier aus dem Buch »Bis zum bitteren Ende« zitieren, das Josef Schwarz, einst Leiter der BV Erfurt, 1994 veröffentlicht hat. Zur Rolle des Untersuchungsorgans schrieb er dort in einer Polemik: »Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass das Strafrecht eindeutige Straftatbestände aufweist. Deshalb wundere ich mich über den Vorschlag eines Herrn Dr. Thieler, […] einen Tatbestand ›Verlust der Lebensqualität‹ zu schaffen. Herr Dr. Thieler wünschte natürlich diesen Tatbestand auf die Verhältnisse der ehemaligen DDR anzuwenden. Aber wer will darüber urteilen? Bei wem sollen sich die vielen Arbeitslosen und die de facto mit ›Berufsverbot‹ belegten Lehrer, Wissenschaftler und Staatsangestellten über den Verlust ihrer Lebensqualität beklagen?

Ist das Strafrecht nicht schon dehnbar genug? Wie leicht kann es z. B. einem angetrunkenen Bürger passieren, dass er, bevor er auf dem Polizeirevier landet, bereits ein halbes Dutzend Paragraphen verletzt hat, wie Widerstand gegen die Polizei, Beamtenbeleidigung, Verleumdung des Staates.

Das war nicht nur in der DDR so. Deshalb sind übersichtliche und für den Bürger begreifbare Straftatbestände so wichtig. Wie aber will ich ›Verlust der Lebensqualität‹ erfassen, zumal sie für jeden Bürger anders aussieht und wen will ich dafür zur Verantwortung ziehen? Anders sieht die Sache schon aus, wenn jemand tatsächlich einen Untersuchungshäftling oder einen Gefangenen misshandelt hat. Ich kann mich zwar nicht für jeden einzelnen Fall verbürgen, dennoch muss ich mich damit auseinandersetzen, weil es die gegenwärtige Praxis in den Medien ist, dass alle Übergriffe, die z. B. in Haftanstalten, wie Rummelsburg vorgekommen sein sollen und die nichts mit dem MfS zu tun haben, diesem zur Last gelegt werden.

Dabei ist das zwar eine bedauerliche, aber bekannte Tatsache, dass es z. B. in amerikanischen, aber auch in deutschen Gefängnissen, manchmal von den Gefangenen selbst provozierte Übergriffe der Gefängniswärter gibt. Ich weiß nicht, in welchen Vorstellungen das Bürgerkomitee in Erfurt im Herbst 1989 befangen war, das sehr enttäuscht war, als es nach der Besetzung der Bezirksverwaltung des MfS weder ›Tigerkäfige‹ noch Folterzellen fand. Interessant ist es in diesem Zusammenhang, dass es vor 1989 in der Westpresse kaum solche schrecklichen ›Stasi-Geschichten‹ gab. Dabei konnten Tausende von Häftlingen nach ihrer Entlassung in die Bundesrepublik ausreisen und damit auch erzählen, was sie in der Untersuchungshaft und im Strafvollzug erlebt hatten

Und weiter mit Josef Schwarz: »Ich versuchte meinen Mitarbeitern stets zu erklären, dass gerade die Untersuchungsabteilung eine Art offene Abteilung war, in die viele Menschen Einblick hatten: die Staatsanwaltschaft, das Gericht, der Verteidiger und schließlich der Beschuldigte selbst (und ich füge hinzu: dessen Angehörigen, Zeugen, Gutachter, und wenn es sich um einen Bundesbürger handelte, auch noch die Vertretung der BRD – M. L.). Was dort vorging, konnte letzten Endes der Öffentlichkeit nicht verborgen bleiben. Also musste nach der StPO sauber und exakt gearbeitet werden. […] Jede Aussage wurde protokolliert. Bei wichtigen Vernehmungen, insbesondere der Erstvernehmung, wurden Schallaufzeichnungen angefertigt und der Beschuldigte darüber informiert. Jeder Jurist der Strafrechtspraxis der ehemaligen DDR wird bestätigen können, dass alle Verfahren unserer Untersuchungsabteilung rechtsstaatlich bearbeitet und aussagefähig mit Einlassungen und Beweisen an die Justizorgane gingen. […] Viele Veröffentlichungen, die heute dazu erscheinen, sind tendenziös und auf politische Effekte ausgerichtet und sollen die These vom ›Unrechtsstaat DDR‹ unterstützen.

Es gab für diesen Bereich der Arbeit des Ministeriums nicht nur Gesetze, Dienstanweisungen und Vorschriften, sondern auch Kontrollorgane, die über deren Einhaltung wachten. Die Repressivfunktion spielte eine weit geringere Rolle und beeinflusste das Leben in der DDR weit weniger, als heute dargestellt wird. Im Gegenteil, das Leben war für die Bürger in der DDR – auch dank des MfS – sicherer. Es gab keine Hakenkreuze an den Mauern, keine verwüsteten Friedhöfe, keine Brandanschläge gegen Gedenkstätten des antifaschistischen Widerstandes, auch nicht solche brutale Kriminalität, die sich in bewaffneten Banküberfällen u.dgl. äußert. Ja, das MfS diente der Erhaltung der Macht, aber auch die bürgerlichen Staaten, wie die BRD, können (wollen) nicht ohne Geheimdienste auskommen. Dabei darf man nicht übersehen, dass der Antikommunismus, neben dem Antisemitismus, die zweite tragende Säule des Dritten Reiches, in die Kapitalismusideologie ohne Abzug eingegangen ist. Ich kann da Erich Kuby, dem kritischen Beobachter der Verhältnisse in der Bundesrepublik, nur zustimmen

Soweit die Ausführungen von Joseph Schwarz.

Damit ist die Problematik des Untersuchungsorgans des MfS gut umrissen. Wenn diejenigen, die dem Untersuchungsorgan des MfS wider besseres Wissen oder in tatsächlicher Unkenntnis Menschenrechtsverletzungen unterstellen, sich wirklich Klarheit verschaffen möchten, sollten sie von der Gelegenheit Gebrauch machen, in die Berichte und Referate der Dienstversammlungen der Hauptabteilung IX Einblick zu nehmen. Sie könnten feststellen, dass gerade die Probleme der strengen, ja nahezu peniblen Beachtung gesetzlicher Bestimmungen und Regelungen unausgesetzt im Mittelpunkt von Versammlungen und Konferenzen standen. Auch in meiner Diplomarbeit, die sich mit Besonderheiten der Kommunikation und der Fragestellung in der Vernehmung beschäftigte, habe ich mich 1966 ausschließlich mit rechtlichen Aspekten der Vernehmungstätigkeit beschäftigt, um Gesetzeswidrigkeiten auszuschließen und dem Beschuldigten bezüglich des Zustandekommens und der Wertung von Aussagen Rechtssicherheit zu gewähren. Um diese Problematik vorerst abzuschließen: Nicht in einem einzigen Fall konnten bei dem Versuch der juristischen Aufarbeitung von »DDR-Unrecht« nach der Wende strafrechtsrelevante Verhaltensweisen von Mitarbeitern des Untersuchungsorgans des MfS glaubhaft nachgewiesen werden. Und das trotz zweifelhaftem Einsatz und bedenklicher Auslegung von Rechtsnormen durch die bundesdeutsche Justiz. So wurde beispielsweise versucht, die üblichen Hinweise eines Untersuchungsführers an den Beschuldigten, dass wahrheitsgemäße Aussagen oder ein Geständnis zu Strafminderung führt, als strafrechtlich relevante Nötigung zu qualifizieren.

Als ich an jenem 2. Januar 1959 mit meinen 28 Lebensjahren den anderen Mitarbeitern als hoffnungsvoller Nachwuchs vorgestellt wurde, überblickte ich kaum, was es im Detail mit dem Untersuchungsorgan auf sich hatte. Man wies mir ein Arbeitszimmer und einen Mitarbeiter als Paten zu, dem ich in den ersten Wochen bei seinen Untersuchungsarbeiten assistieren sollte, um mein Arbeitsgebiet kennen zu lernen. Konkret hieß das zum Beispiel bei den Vernehmungen parallel zu ihm zu protokollieren. Die Protokolle waren in Fragen und Antworten untergliedert anzufertigen, wobei die Fragen entsprechend vernehmungstaktischer Varianten möglichst in logischen Schritten zur Sachverhaltsaufklärung, zur Klärung der Schuldfrage und der Beurteilung von Beweismitteln führen sollten. Suggestiv- oder Ja-Nein-Fragen waren zu vermeiden und tatrelevante Details, die allein nur der Täter wissen kann, durften nicht vorgehalten werden. Dass Kenntnisse zum Strafrecht und -prozessrecht anzueignen waren, versteht sich.

Zu den Aufgaben eines Untersuchungsführers gehörte auch das Anfertigen eines Schlussberichtes mit der rechtlichen Würdigung des erarbeiteten Sachverhaltes. Neben den neuen Anforderungen kamen auch recht simple Dinge auf mich zu. So hatte ich als Berufsoffizier kein Problem damit, in der Öffentlichkeit unbefangen Uniform zu tragen und ging nun also auch in der neuen Position wie gewohnt in Uniform zum Dienst. Nicht so die anderen Untersuchungsführer. Sie bevorzugten für den Weg in die Dienststelle Zivil und zogen sich die Uniform erst dort an. Zivilisten eben, denen das Uniformtragen unbequem oder zu auffällig war. Dass ich dieser Gewohnheit nicht folgte, wurde mit etwas Ironie honoriert und mir als Eitelkeit eines Militärs ausgelegt. Postwendend wurde ich als Neuling für die Schießausbildung verantwortlich gemacht, schließlich würde ich ja über eine professionelle militärische Ausbildung verfügen.

Im Mittelpunkt meiner Aufgaben stand von nun an die Bearbeitung von Ermittlungsverfahren. Soweit die Tatverdächtigen nicht auf frischer Tat festgenommen wurden, woraufhin bei begründetem Tatverdacht ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und Haftbefehl beantragt werden konnten, basierte die Mehrzahl der Ermittlungsverfahren auf den Ergebnissen einer meist längeren operativen Bearbeitungsphase. Bei einem Verdacht auf Spionage zum Beispiel wurde durch die zuständige Abteilung ein Operativer Vorgang eröffnet und die verdächtige Person konspirativ beobachtet. Begründete sich der Tatverdacht, kam der Vorgang zur Untersuchungsabteilung zur Prüfung strafrechtlicher Relevanz, der Beweislage und so weiter. War der Tatverdacht dringend begründet, die offiziellen Beweismittel ausreichend und standen operative Interessen dem nicht entgegen, konnte ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und Haftbefehl erlassen werden.

Meist wurde nach einer vorläufigen Festnahme (ein strafprozessualer Terminus nach § 125 StPO und bedeutete, dass spätestens am folgenden Tag über eine Verhaftung oder Freilassung zu entscheiden ist) in einer Erstvernehmung in groben Zügen der Tatverdacht geklärt. Bei nachfolgender Schilderung von Ermittlungsverfahren, die mir noch erinnerlich sind, bleibt Gelegenheit, über Details der Untersuchungsarbeit zu berichten, wobei ich mich hüten will, meine Erinnerungen im Stile eines Fachbuchs zu schreiben.

Ich will auch vorausschicken, dass meine zum Teil nüchterne Sachbeschreibung nicht bedeutet, es hätte an Einfühlungsvermögen für die Situation der beschuldigten Person fehlen können. Immer war mir bewusst, und da befand ich mich ausnahmslos in Übereinstimmung mit anderen Untersuchungsführern, dass viele Straftäter im Grunde genommen bedauernswerte Opfer der politischen Verhältnisse, der negativen Einwirkung von westlicher Seite und des erbarmungslos geführten Kalten Krieges geworden waren. Manchem Täter wäre es überhaupt nicht eingefallen, gegen die DDR gerichtete Straftaten zu begehen, wenn er nicht von westlicher Seite dazu ermuntert, aufgehetzt oder angestiftet worden wäre. Diese menschlich-tragische Seite habe ich nie übersehen und dies dem Beschuldigten oder dessen Angehörigen dort, wo es angebracht war, auch wissen lassen. Und ich weiß, dass meine Vorgesetzten in aller Regel ebenso dachten und uns dazu anhielten, die Zusammenhänge von Persönlichkeitsentwicklung, gesellschaftlichem Umfeld und Ursachen der Tat erkennbar zu machen. Andererseits wurde ich aber auch mit kriminellen Handlungen und Täterpersönlichkeiten konfrontiert, für die ich kaum Verständnis aufbringen konnte.

Hier ist kein Platz, jeden von mir bearbeiteten Vorgang zu schildern. Zum einen würde es vielleicht ermüden, zum anderen hat mein Gedächtnis nach so vielen Jahren nicht mehr alle Details parat. Versuchen möchte ich aber, einige besonders interessante Verfahren und Erlebnisse zu beschreiben. Und sei es nur darum, die gegenwärtig so oft propagierte Mär zu widerlegen, es wären lediglich unschuldige politische Widerstandskämpfer oder so genannte »Abweichler« verfolgt worden. Um diese Frage grundsätzlich zu beantworten, kann ich aus meinem Wissen heraus in voller Überzeugung sagen, dass in den mir bekannten Ermittlungsverfahren in jedem Fall die nachweisbare Verletzung konkret formulierter Straftatbestände vorlagen, die in jedem Land strafrechtliche Verfolgung nach sich gezogen hätten. Von keinem Beschuldigten wurde seinerzeit ihre strafrechtliche Schuld in Frage gestellt.

Das erste Ermittlungsverfahren, das ich zwar nicht von Anfang an bearbeitete aber in das ich dann eigenverantwortlich mit einbezogen wurde und das ich auch abschließen konnte, gehörte mit zu jenen Straftaten, die absolutes Unverständnis hervorrufen und zugleich bezeichnend waren für die Schärfe der damaligen politischen Auseinandersetzung. Das Tatmotiv bestätigte auch die Hinweise auf die Verführbarkeit zu gesellschaftswidrigen Straftaten.

Wie ich erst viel später erfuhr, hatte mein Jugendfreund Erich, der unterdessen ein erfolgreicher Kriminalist geworden war, zu diesem Sachverhalt erste Ermittlungshandlungen geführt. Straftäter waren zwei Brüder, die gemeinsam ihren Großbauernhof bewirtschafteten. Es war die Zeit, in der es um die Gründung Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften ging. Der Nachbar der Brüder war in die LPG eingetreten. Um andere Bauern des Ortes vor diesem Schritt abzuschrecken, streuten die Brüder dem Nachbarbauern Gift ins Viehfutter – Kalk-Arsen, das man zur Bekämpfung von Kartoffelkäfern benutzte. Einige Kühe gingen davon ein. Bei der Durchsuchung des Großbauernhofes wurden nicht nur aus dem Krieg stammende Waffen und Munition sichergestellt, sondern auch Flugblätter der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU), in denen die Bauern zum Widerstand gegen die »bolschewistische Kollektivierung« aufgehetzt wurden.

Dieser erste Untersuchungsvorgang war für mich ziemlich lehrreich. Es ist sicher leicht zu begreifen, dass es für die politische Grundüberzeugung sehr prägend sein kann, wenn man nahezu tagtäglich die Umstände und Akteure gefährlicher krimineller und geheimdienstlicher Angriffe vor Augen bekam.

Zu meinen ersten Fällen gehörte auch die Bearbeitung einer Brandstiftung. Die Kriminalpolizei hatte einen Täter ermittelt, der geständig war, vorsätzlich einen Brauerei-Betriebsteil in Brand gesetzt zu haben. Da es sich um einen Schwerpunktvorgang handelte, wurde das Verfahren der Untersuchungsabteilung des MfS zur weiteren Bearbeitung übergeben. Der Täter hatte gestanden, es waren aber noch die Motive und die Schuldfragen sowie eventuelle Mittäter festzustellen.

Ich erhielt den Vorgang zur abschließenden Bearbeitung. Auf die Frage nach dem Tatmotiv erklärte der Verdächtige, aus Protest über die Zusammenlegung von mehreren Betrieben zu einem Kombinat und dem damit verbundenen Verlust des traditionellen Firmennamens den Brand gelegt zu haben. Ich fand diese Erklärung sei ziemlich weit hergeholt. Ich wusste noch nicht, dass gerade von Brandstiftern die ausgefallensten Motive und Gründe genannt werden und bohrte immer hartnäckiger nach einem einleuchtenden Tatmotiv. Entweder spürte der Mann meine Unerfahrenheit und wusste um die dünne Beweislage oder er war tatsächlich nicht der Täter – auf jedem Fall widerrief er plötzlich sein Geständnis.

Ich war zu unerfahren, um auf diesen Widerruf vernehmungstaktisch richtig zu reagieren, zum Beispiel das Täterwissen zu prüfen. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich damals als erfolgreicher Untersuchungsführer empfahl. Der Vorgang wurde der Kriminalpolizei zurückgegeben – deren Mitarbeiter mit ihrem Spott nicht hinter dem Berg hielten. Sie warfen mir sträfliche Leichtgläubigkeit vor.

Mein unmittelbarer Vorgesetzter nahm es gelassen: »Da kannste nichts machen. Vor einem Widerruf ist niemand gefeit. Vielleicht war er wirklich nicht der Täter«, versuchte er zu trösten. Immerhin nahm ich die Erkenntnis aus der Sache mit, dass es besser ist, einen Schuldigen, dem man die Tat nicht nachweisen kann, ungestraft ziehen zu lassen, als einen Unschuldigen zu verurteilen.

Auch ein weiterer Fall sollte mich mit meinen gerade 28 Lebensjahren auf ganz andere Weise auf die Probe stellen. Nicht ohne mitfühlendes Bedauern ging ich an die Vernehmungen einer Person, die sich anonymer Morddrohungen schuldig gemacht hatte. Es handelte sich um einen etwa sechzigjährigen Mann aus Plauen, der in jungen Jahren in die Kommunistische Partei eingetreten war und nach 1945 der SED angehörte. Er hatte in einem Textilbetrieb gearbeitet, ein ruhiger und einfacher Mensch. Nun erhielten damals in Plauen Staats- und Wirtschaftsfunktionäre aller Parteien anonyme Postkarten und Briefe, die ziemlich massive und zugleich primitiv formulierte Morddrohungen enthielten, etwa in der Art: »Du Schwein, du wirst aufgehängt, wenn es wieder andersherum kommt« und so ähnlich.

Beunruhigend waren diese Schreiben für die Adressaten, weil der Inhalt eigentlich auf Nazi­Täter schließen ließ. Wie überrascht war man, dass jenes alte KPD- bzw. SED-Mitglied als Täter ermittelt wurde. Auch ich konnte es beim ersten Kontakt mit dem Mann kaum fassen, dass ausgerechnet er diese Morddrohungen geschickt haben sollte. Er war der Täter, die Schriftenvergleiche und sein umfassendes Geständnis räumten jeden Zweifel aus. Warum in aller Welt kam ein lebenserfahrener Mann, Parteimitglied, ein angesehener Arbeiter dazu, derartige Morddrohungen zu schreiben? Das wollte ich von ihm wissen.

Er erging sich in einer geradezu erbarmungslosen Selbstzerfleischung, dem Ausdruck und Wortschatz nach ähnlich seinen schriftlichen Morddrohungen. »Ach, was bin ich für ein dämlicher Hund, so was zu schreiben, das sind doch alles anständige Leute, den ich solche Karten geschickt habe, ich habe das doch gar nicht so gemeint, ich wollte denen bloß ein bissel Angst einjagen. Ich habe mich über die Politik geärgert, ich bin nicht einverstanden mit der Vereinigung mit den Sozialdemokraten, die jetzigen Funktionäre sind überhaupt keine richtigen Kommunisten mehr. Wie soll ich das alles wieder gut machen, was ich angestellt habe

Wenn man von seiner Unzufriedenheit mit bestimmten politischen Entwicklungen beziehungsweise mit den Plauener Funktionären absah, gab es genau genommen keinen einsichtigen Grund für seine Handlungen. Eine merkwürdige Geschichte. Nicht ohne Kalkül versuchte er mir zu schmeicheln. Wenn er am Ende der Vernehmung das Protokoll las, hielt er von Zeit zu Zeit inne und meinte: »Wie geschickt Sie das aufgeschrieben haben – und genau so, wie ich es gesagt habe. Ich würde das nicht bringen

Trotz solcher Anbiederungsversuche und seines heuchlerischen Gehabens tat er mir im Grunde genommen leid. Was hatte er als Mitglied der KPD nicht alles erlebt, wie ergebnislos waren für ihn die Jahre in der Weimarer Zeit gewesen, von den Verfolgungen in der Hitlerzeit gar nicht zu sprechen und nun hatte er mit seinen verworrenen Ansichten sich selbst Schaden zugefügt.

Mit der Schilderung des Verlaufs einer weiteren recht kuriosen, aber nicht erfolglosen Vernehmung will ich meine Ausführungen zur Untersuchungstätigkeit in Karl-Marx-Stadt beenden: Mir war das Ermittlungsverfahren zu einer Person übergeben worden, die beim Versuch, die Staatsgrenze nach der CSSR illegal zu übertreten, festgenommen wurde. Zuvor war es dem Mann noch gelungen, beim Toilettengang seine Ausweispapiere zu beseitigen. Die ersten Vernehmungen hatte ein erfahrener Untersuchungsführer vorgenommen. Der Verhaftete hatte zunächst Aussagen zur Person verweigert, später jedoch ziemlich diffuse Angaben gemacht. Letztlich erklärte er, als BRD-Bürger im niederländischen Raum gearbeitet zu haben, von irgendeinem Geheimdienst zur Zusammenarbeit angesprochen worden zu sein, der er sich nach formeller Zusage durch eine Flucht in die Tschechoslowakei entziehen wollte. Man musste nicht besonders voreingenommen sein, um den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte anzuzweifeln. Warum vernichtete er seine Personaldokumente und weshalb stellte er sich nicht den Behörden der DDR, wenn er mit Geheimdiensten nichts zu tun haben wollte. Seine Aussagen zur Person widerrief er wiederholt und verlieh sich immer wieder andere Namen.

Nach der zweiten oder dritten Version legte er sich schließlich auf einen Namen fest. Handfeste Straftaten konnten ihm nicht nachgewiesen werden. Es gab zwar einen schwerwiegenden Verdacht, aber beweisen konnten wir zu diesem Zeitpunkt im Grunde genommen nur Bagatellen. Auch die Haftgründe waren dünn. Also mussten wir irgendwie zum Ende kommen. Ich sollte in einer abschließenden Vernehmung nochmals den gesamten Komplex protokollieren. Als ich in der Vernehmung zum Punkt des mehrfachen Namenswechsels kam und er seine letzte Version »alias« nannte, erwiderte ich in Anspielung darauf nebenher: »Ja, vorläufig heißen Sie noch so. Wie Sie in der nächsten Viertelstunde heißen werden, ist noch nicht gewiss

Der Zufall wollte es, dass ich in diesem Moment für mein Protokoll unauffällig wegen irgendeiner Rechtschreib-Frage im Duden nachschlagen wollte. Für solche Fälle lag das Wörterbuch, ein wenig verdeckt, stets im Schreibtischfach parat. Der Beschuldigte interpretierte meinen unauffälligen Blick ins Schreibtischfach vollkommen anders. Er nahm offenbar an, ich hätte irgendwelche ihn betreffenden Ermittlungsergebnisse in der Schublade. Vermutlich befürchtete er, ein weiteres Mal der Lüge überführt zu werden und wollte dem zuvorkommen.

»Also gut, Sie wissen Bescheid, dann will ich die Wahrheit sagen, wie es war, aber im Protokoll muss es so stehen, dass ich unaufgefordert ein Geständnis abgelegt habe Darauf konnte ich mich einlassen. Er nannte mir seinen richtigen (?) Namen, schilderte seine Anwerbung durch den Bundesnachrichtendienst und seinen Auftrag als Kurier. Nun war damals mein Wissen über die Praktiken der Geheimdienste, deren Dienststellen und Arbeitsweisen noch gleich null. Unter diesen Umständen war es schwierig, den allwissenden Vernehmer vorzutäuschen. Mir wurde ziemlich heiß. Da war ich also drauf und dran, einen Spion zu entlarven, bei dem sich altgediente Untersuchungsführer den Mund fusselig geredet hatten. Der Mann durfte auf keinen Fall argwöhnen, wie unerfahren ich war.

Der Mann war kein heuriger Hase. Würde er merken, dass er sich mir ohne Not offenbarte? Womöglich würde er dann sein Geständnis noch während der Vernehmung widerrufen. Ich verfiel auf folgenden Trick: »Sie möchten also den Staatsanwalt davon überzeugen, von sich aus ein Geständnis abgelegt zu haben. Einverstanden, dann erzählen Sie, ich werde Sie nicht unterbrechen, egal, ob Sie die Wahrheit sagen oder nicht

Damit war ich fein heraus. Ich brauchte nur noch bei bestimmten Passagen die Augenbrauen hochzuziehen, die Stirn gewichtig zu runzeln und alles korrekt aufzuschreiben. Dennoch war ich erleichtert, als die Vernehmung beendet wurde und ich meinen Referatsleiter informieren konnte.

Dieser Vorfall zeigte, dass es an der Zeit war, mir fundierte theoretische Kenntnisse der Untersuchungsarbeit anzueignen. Von September 1959 an nahm ich an einen dreimonatigen Lehrgang für Untersuchungsführer teil, der von der Hauptabteilung Untersuchung organisiert und von erfahrenen Praktikern, Juristen, Kriminalisten und Kriminaltechnikern geleitet wurde.

Zum Umfang und Inhalt des gebotenen Lehrstoffs gibt es nichts Sensationelles zu berichten. Wieder eröffneten sich mir gänzlich neue Wissensbereiche: Grundlagen des Strafprozessrechts und der Strafrechtslehre, kriminalistische Grundkenntnisse, Beweissicherungsmaßnahmen, erkennungsdienstliche Arbeit, Tatortarbeit, Umfang und Grenzen kriminaltechnischer Untersuchungen sowie vernehmungstaktischer und politisch-operativer Aspekte. Der Lehrgang sollte aber Folgen haben, die mir so nicht unbedingt gefielen.

Die Kursanten kamen aus verschiedenen Bezirken, auch aus Berlin war einer dabei. Der Berliner gehörte zu einer Abteilung, die für die Bearbeitung von Militärstraftaten und strafbaren Handlungen gegen militärische Objekte und Personen zuständig war. Irgendwann erzählte ich ihm von meiner früheren Zeit als Armeeoffizier. Von diesem Moment an versuchte er mich davon zu überzeugen, dass mein Platz in Berlin, bei seiner Abteilung sei: »Wir bearbeiten Militärverbrechen. Du kennst dich mit militärischen Einheiten und Strukturen bestens aus. Ich werde mit meinem Chef reden, der kann dich nach Berlin holen

Meine Antwort: »Mach keinen Quatsch. Was will ich in Berlin, ich bin unerfahren in der Untersuchungsarbeit? Lasst mich erst vertrauter werden mit dieser Problematik. Ich gehe nicht nach Berlin, kommt nicht in Frage

Mein Berliner guckte mich etwas spöttisch an.

Berlin war für mich nicht nur ganz weit weg und eine fremde große Stadt. Dort war die Zentrale des Ministeriums, etwas für erfahrene Könner auf ihrem Gebiet. Ich sah mich schon in der Fremde herumirren und wegen erwiesener Unfähigkeit einem ungewissen Schicksal entgegengehen. Nie strotzte ich vor Selbstbewusstsein, war dünnhäutig und bei jeder neuen Aufgabe vom Zweifel zerrissen, ob ich ihr gewachsen wäre. Außerdem brauche ich zum Wohlfühlen meine Familie. Nur sie bietet mir jenen Ruhepunkt, aus dem ich meine Leistungsfähigkeit gewinne. So sehr es mir gefallen hatte beim Lehrgang viel Neues zu lernen, so skeptisch stand ich dem Angebot gegenüber, nach Berlin zu wechseln.

Mitte Dezember 1959 ging der Lehrgang zu Ende. Zurück im Dienst wurde ich tatsächlich zu einem Gespräch in die Kaderabteilung bestellt: »Wie denken Sie über eine Versetzung nach Berlin, Hauptabteilung Untersuchung, Abteilung 6

Der Sachbearbeiter strahlte, als hätte ich einen Hauptgewinn gezogen. Nein, ich wollte trotzdem nicht nach Berlin und führte eine umfangreiche Liste stichhaltiger Gegenargumente an. Ich zog alle Register, erklärte, dass ich mich der Aufgabe nicht gewachsen fühle, mich mit der Familie in Karl-Marx-Stadt gut eingelebt hätte, unser ältester Sohn bereits für den Schulbesuch angemeldet sei und Achim, der jüngere, sich eines Hüftschaden wegen in besonderer ärztlicher Betreuung befinde und überhaupt wolle ich mich nicht von meiner Familie trennen. Alles umsonst. Auf jedes Argument reagierte der Mann mit der emotionslosen Gelassenheit eines Gebrauchtwarenhändlers: »Berlin ist für deine Entwicklung eine große Sache. Übrigens hast auch du unterschrieben, dass du bereit bist, an jedem Ort der Republik deinen Dienst zu verrichten! Und jetzt wirst du in Berlin gebraucht! Wir kommandieren dich erst einmal, wirst sehen, es gefällt dir. Und wenn du dann versetzt bist, holst du deine Familie nach

So war das nun. Wir hatten uns mit der neuen Situation anzufreunden. Weihnachten feierten wir mit den Kindern und der Mutter meiner Ehefrau so wie jedes Jahr besinnlich und in Harmonie. Es waren wie immer Tage einer besonderen familiären Nähe und Wärme und ruhiger Festlichkeit, die durch die ungekünstelte Freude der Kinder ihren Wert erfährt. Aber trotzdem war dieses Mal die Stimmung durch die bevorstehende Versetzung gedrückt.

Wenn ich bedenke, mit welchen finanziellen, materiellen und anderweitigen Vorteilen Bundesbeamte nach der »Wiedervereinigung« in den Osten gelockt wurden – man sprach ganz offiziell von einer »Buschzulage« – und dass so genannten »Staatsnahen« der DDR in geheuchelter Entrüstung und fetter Überzeichnung besondere Privilegien angedichtet wurden, kann ich nur mit großer Beherrschung gemäßigte Ausdrücke dafür finden.

Am Montag, dem 11. Januar 1960, fuhr ich mit dem Frühzug nach Berlin und meldete mich mit meinem Dienstauftrag in der Kaderabteilung »im Haus«. So nannte man allgemein unter uns den Sitz des Ministeriums in Berlin-Lichtenberg, Normannenstraße. Seinerzeit bestand das Objekt einschließlich des Ministerbereiches noch aus einem überschaubaren Gebäudekomplex. Später, im Ergebnis der ausufernden Sicherheitspolitik und um sich greifenden Sicherheitsneurosen der MfS-Führung war alles überdimensioniert.

Die Kaderabteilung war nur mein Anlaufpunkt, von dem aus ich zu meinem künftigen Arbeitsbereich, zur Untersuchungsabteilung der Hauptabteilung IX/6 gelangte. Das Dienstobjekt befand sich direkt gegenüber dem Ministerium zwischen der Magdalenenstraße und der Alfredstraße. Dazu gehörten die Untersuchungshaftanstalt (UHA), ein kleiner Küchentrakt und der Vernehmerkomplex, also die Diensträume der Vernehmer und der Leitung der Abteilung, im Dienst-Deutsch von uns verkürzt IX/6 genannt. Insgesamt, mit dem Sekretariat und den Schreibkräften zusammen waren es vielleicht 25 Mitarbeiter, aufgeteilt in drei Referate.

Während der Zeit des Hitlerfaschismus diente diese Haftanstalt als Jugendgefängnis, in das Erich Honecker im Frühjahr 1945 aus dem Zuchthaus Brandenburg verlegt worden war. Am 6. März 1945 gelang ihm, gemeinsam mit Erich Hanke, die Flucht. Honecker, bis 1989 Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzender der DDR, war am 8. Juni 1937 vom 2. Senat des »Volksgerichtshofes« zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

Der Zugang zur UHA beziehungsweise den Arbeitsräumen meiner neuen Diensteinheit befand sich in der Magdalenenstraße und führte über einen großen Hof zum Gebäudekomplex längs der Alfredstraße. Wie es sich für derartige Einrichtungen gehört, waren die Fenster vergittert und die vergitterten Türen zweimal verschlossen. Der Vernehmerbau war mit der UHA mit einem Durchgang verbunden. Zum sogenannten Zellenbau hatten wir Untersuchungsführer keinen Zugang.

Einige Verwahrräume, so die korrekte Bezeichnung für eine Zelle, waren von weiblichen und männlichen Strafvollzugsgefangenen belegt, die in der Kaffeeküche arbeiteten beziehungsweise die anfallenden Instandhaltungsarbeiten ausführten. Der Vollzug ihrer Strafe regelte sich hier meinen Wahrnehmungen zufolge nach einem sicherlich weniger strengen Reglement als in den eigentlichen Strafvollzugseinrichtungen. Sie konnten sich ihre Verwahrräume, in bestimmten Grenzen, nach persönlichen Wünschen mit Pflanzen, Rundfunk- und Fernsehgeräten einrichten. Häufig wurden die Arbeitspausen zum Tischtennisspiel im Hof genutzt.

Als ich nun im Januar 1960 in Begleitung eines Postens zum ersten Mal über den Hof zum Vernehmergebäude geleitet wurde und dann vor dem Schreibtisch meines künftigen Chefs stand, ahnte ich nicht, dass ich von nun an mehr als zwanzig Jahre meines Lebens hier und damit quasi hinter Gittern zubringen würde. An dieser Stelle sei eine kleine Bemerkung dazu gestattet: Der Untersuchungsführer wurde tagtäglich und hautnah mit negativen Erscheinungsformen menschlichen Verhaltens konfrontiert, mit Rechtsverletzungen, Ignoranz allgemeingültiger Normen und Regeln des Zusammenlebens, rücksichtslosem Verhalten, Egoismus, Unredlichkeit, Charakterlosigkeit bis hin zu Brutalität und Verrat. Das setzt für den Untersuchungsführer Selbstbeherrschung, Nachsicht, charakterliche Festigkeit, aber auch Urteilsfähigkeit voraus.

Die Begrüßung des Abteilungsleiters war kurz und hinterließ keinen nachhaltigen Eindruck. Beunruhigend war die Ankündigung, dass ich zunächst nur drei bis vier Ermittlungsvorgänge übernehmen soll, bis ich Erfahrungen gesammelt und mich eingearbeitet habe. Mein scheuer Einwand, bisher überhaupt noch keinen Untersuchungsvorgang von der Einleitung des Verfahrens bis zur Übergabe an den Staatsanwalt in eigener Verantwortung bearbeitet zu haben, wurde mit der stereotypen Erwiderung, »das schaffen wir schon, Sie werden sich schon einarbeiten« vom Tisch gewischt.

Ich war deprimiert. Mir würde, so mein von unerschütterlichem Optimismus strotzender Chef, ein erfahrener Untersuchungsführer zur Seite gestellt, von dem ich jede Hilfe erhalte sollte. Damit war meine erste Audienz beim Leiter der Untersuchungsabteilung für Militärstraftaten beendet. Es steht mir nicht an, meine Vorgesetzten zu beurteilen, dennoch einige Bemerkungen aus meiner Sicht, andere mögen abweichende Auffassungen haben. Mein Chef war ein Arbeitsmensch von gradliniger Korrektheit. Für ihn gab es keinen regulären Dienstschluss und er erwartete von seinen Mitarbeitern mit der größten Selbstverständlichkeit den gleichen Einsatz. Ansonsten will ich für mich feststellen, dass er zwar den Eindruck eines herben, strengen Vorgesetzten machte, tatsächlich eher eine mitfühlende, gerechte Autorität war, die ihre Meinung auch korrigieren konnte. Jahre später, als ich auch privat mit ihm verkehrte, fiel mir sein herzlicher Umgang im Kreis der Familie auf.

Noch vor meiner Zeit in der Abteilung, wurde von einem Untersuchungsgefangenen auf ihn ein Mordversuch unternommen. Der Häftling hatte sich aus der Blechabdeckung des Heizkörpers seiner Zelle eine Waffe gefertigt. Als er an einem Wochenende vorgeführt wurde, um ein Protokoll zu unterschreiben, versteckte er die unter der Kleidung. In einem Moment der Unaufmerksamkeit schlug der Gefangene, der eine Sicherheitslücke seit langem beobachtete, meinen Leiter nieder und versuchte sich der bei ihm vermuteten Pistole zu bemächtigen. Entsprechend der Vorschrift hatte er jedoch keine Waffe dabei.

Mit Hilfe eines im Hause befindlichen Mitarbeiters, der auf den Tumult aufmerksam geworden war, konnte der Häftling schließlich überwältigt werden.

Zurück aber zu meiner eigenen Situation im Januar 1960. In Berlin wies man mir in einem Biesdorfer Ledigenheim eine Unterkunft mit Gemeinschaftsküche zu. Für mich stand fest: Jedes Wochenende wird nach Hause gefahren und ein Antrag für baldmögliche Wohnungszuweisung gestellt. Bekomme ich nicht bald eine Wohnung, dringe ich auf meine Rückversetzung. Dies tat ich auch meinen neuen Arbeitskollegen ohne Umschweife kund und konnte darauf vertrauen, dass die Leitung davon erfuhr! Mit einigem Unmut nahm man zur Kenntnis, dass ich freitags nach dem Dienst nicht mehr ansprechbar war, sondern zur Familie fuhr. Tatsächlich wurde mir bald eine Wohnung in einem Zweifamilienhaus in Hohenschönhausen angeboten. Mit dieser Botschaft, samt den Aufmaßen der Zimmer und Fenster löste ich bei meiner nächsten Heimfahrt große Freude aus.

Leider hieß es dann schon wenige Tage später in Berlin, dass daraus nichts würde. Mir war klar, dass die Hauptabteilung viele Wohnungssuchende hatte und dass ich Neuling in der Warteschlange nicht an erster Stelle stehen konnte. »Aber ich habe für dich schon eine andere, wirst staunen, im Sperrgebiet in Karlshorst, Willi Stoph und andere große Chefs wohnen dort

Der Wohnungsverantwortliche tat so, als hätte er eigens meinetwegen die »großen Chefs« dort angesiedelt. In Berlin-Karlshorst war ein Wohnviertel südlich des Tierparks zwischen der Treskowallee, der Stolzenfelsstraße und der Köpenicker Allee zum Sperrgebiet der sowjetischen Kommandantur und Verwaltung in Deutschland erklärt und eingezäunt worden. Man konnte es nur mit Sonderausweis oder Sondergenehmigung betreten. Dort befand sich auch das Kapitulations-Museum, einst die Pionierschule der deutschen Wehrmacht, in der Marschall Shukow am 9. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation Deutschlands vom Oberkommando der Wehrmacht, vertreten durch Generalfeldmarschall Keitel, entgegennahm.

In dieses Sperrgebiet zogen wir im Februar 1960 in eine Wohnung mit drei großen, über drei Meter hohen Räumen ein. Es handelte sich um eine Altbauwohnung mit Ofenheizung, fensterlosem Bad und sonstigen Mängeln, die einen hohen Pflegeaufwand erforderte. Nicht schlecht, aber keineswegs komfortabel und schon gar nicht privilegiert. Aber ruhig lebte es sich in diesem Gebiet mit einem Park und Geschäften, die von sowjetischem Personal geführt wurden. In den Häusern wohnten vorwiegend sowjetische Offiziere mit ihren Familien. Man grüßte die Nachbarn, aber es entstanden keine näheren Kontakte.

Karlshorst war damals eine vorzügliche Wohnlage mit besten Anschlüssen an die öffentlichen Verkehrsmittel. Die Trabrennbahn, der Tierpark und ein Kreiskulturhaus, zahlreiche Gaststätten und Cafes boten gute Bedingungen für die meist sehr knapp bemessene Freizeit und die wunderbaren Ausflugsgebiete in Erkner oder zum Müggelsee zum Beispiel waren schnell erreichbar. Unsere Kinder verlebten in der Karlshorster Drachenfelsstraße eine gute und behütete Kindheit. Wir blieben dort fast siebzehn Jahre lang, bis wir im Dezember 1976 in Hohenschönhausen unsere erste Berliner Neubauwohnung bezogen.

Von Karl-Marx-Stadt her war ich es gewohnt, mich an so manchem Wochenende an freiwilligen Arbeitseinsätzen im Nationalen Aufbauwerk (NAW) zu beteiligen. So wie vielen anderen Bürgern lag mir daran, die Trümmer zu beseitigen, die der Krieg hinterlassen hatte. Anders als durch eine massenhafte Initiative der Menschen wäre wohl der Wiederaufbau der zerstörten Städte nicht denkbar gewesen. Ich hatte gesunde Hände und erkundigte mich in Karlshorst, wo man Aufbaustunden leisten könne. Man schickte mich zum Tierpark. Komme ich heute am »Bärenschaufenster« vorbei, so erinnere ich mich der vielen Wochenenden, die ich dort beim Schippen verbrachte, um Platz für das Eisbärenfreigehege zu schaffen.

In meinem neuen Tätigkeitsbereich, der Hauptabteilung IX/6 arbeite ich mich trotz mancher Zweifel und Bedenken bald ein. Nach einer gewissen Gewöhnungszeit war ich ein verlässliches und daher akzeptiertes Mitglied des Arbeitskollektivs. Es bestand unter uns ein ausnehmend gutes, kameradschaftliches Verhältnis mit teilweise freundschaftlichen Beziehungen. Nicht ganz problemlos gestalteten sich die Verhältnisse zu einigen Vorgesetzten und Leitungsmitgliedern. Gewisse Reibungsflächen mag mein Charakter geboten haben.

Andererseits scheint es ein Attribut ehrgeiziger oder unsicherer Vorgesetzter zu sein, den Mitarbeitern besonders durch ihr Misstrauen und ihre Pedanterie Wissen und Anspruchsniveau vermitteln zu wollen. Welche reiche Ernte an gutem Willen und Einsatzfreude hätte mein damaliger Referatsleiter in die Scheuer eines erfolgreichen Vorgesetzten einfahren können, wenn er begriffen hätte, dass ich zwar in der Untersuchungsarbeit unerfahren war, aber mit meinen fast 30 Lebensjahren (davon neun NVA-Dienstjahren) kein Objekt seiner Profilierungssucht sein wollte. Stattdessen bauten sich gegenseitig Aversionen auf. So kam es, wie es in solchen Fällen kommen musste, unser Verhältnis kulminierte in einer heftigen, dann allerdings die Atmosphäre reinigenden Auseinandersetzung. Mein Referatsleiter hatte offenbar »Verbündete« gefunden.

Eines Tages hörte ich zufällig, wie er mich einem anderen Leitungsmitglied gegenüber schnoddrig, überheblich als seinen »speziellen Freund« bezeichnete. Zuvor hatte ich von ihm eine Rüge erhalten, weil ich meinen Papierkorb nicht im Panzerschrank, sondern im verschlossenen Schreibtisch untergebracht hatte. Das war vorschriftswidrig, was mir aber niemand erklärt hatte. Ich glaubte, im versiegelten Schrankfach sei der Papierkorb mit seinem Inhalt sicher genug aufbewahrt.

Nun musste ich eine schriftliche Stellungnahme mit einer selbstkritischen Einschätzung zur »vernachlässigten Wachsamkeit« abgeben. Sie erschien dem Referatsleiter nicht selbstkritisch genug und er wollte sie in dieser Fassung nicht entgegennehmen. Ich hingegen weigerte mich kategorisch, den Text nach seinen Vorstellungen umzuformulieren. Sollte die Leitung mit meiner Stellungnahme nicht einverstanden sein, so ließ ich wissen, dann wollte ich zum Rapport beim Hauptabteilungsleiter angemeldet werden. Ich würde dort mündlich über den Vorfall berichten. So einfach wollte man es dem aufsässigen neuen Mitarbeiter nicht machen. Also wurde ich zu einer Aussprache vor der Abteilungsleitung geladen, dazu kamen alle Referatsleiter und der Parteisekretär. Rein arithmetisch stand es also vor Beginn des Tribunals 1:8 gegen mich.

Mein Referatsleiter informierte die Versammelten von meinen Missetaten. Aus der Runde kamen daraufhin nur einige spärliche, leidenschaftslose Beiträge. Alle hielten sich zurück, das sprach eigentlich für mich. Ich meldete mich nicht zu Wort. Das wurde vom stellvertretenden Leiter mit wachsendem Unmut registriert. Was das denn für ein Verhalten sei, an meiner Person würde Kritik geübt, ich würde mich nicht dazu äußern, wolle hingegen mit dem Hauptabteilungsleiter sprechen und so weiter. Sein Ton wurde schärfer und zugleich unsachlich. Ich sei überheblich, vielleicht wäre ich zu Höherem geboren und würde mich an der jetzigen Stelle nicht ausgefüllt sehen, dann müsste ich Minister werden oder in eine andere höhere Position aufrücken. Die Runde empfand diesen Sarkasmus wohl als der Situation völlig unangemessen, ich spürte förmlich, wie die Stimmung zu meinen Gunsten umschlug. Nun machte ich das, wozu ich aufgefordert worden war, ich bezog Stellung und zwar sehr ausführlich. Zudem hatte ich ja noch einen Trumpf im Ärmel: »Warum sollte ich mich eigentlich zu den Vorhaltungen äußern, wenn ich weiß, dass ich auf eine Wand von Voreingenommenheit mir gegenüber stoße

Verdutztes Staunen.

»Was habe ich von einem Vorgesetzten zu halten, der mich an die Aufgaben verantwortungsvoll heranführen soll, der von mir alle Tugenden verlangt und vortäuscht, um meine Entwicklung besorgt zu sein, mich aber im Arbeitskollektiv abfällig als seinen ›speziellen Freund‹ bezeichnet! Als ich nach Berlin versetzt wurde, habe ich mir nicht vorstellen können, dass ich hier hinter meinem Rücken von Vorgesetzten derartig lächerlich gemacht und herabsetzend beurteilt werden würde. Anstatt mir die Einarbeitungsphase und das Einleben in das Kollektiv zu erleichtern, gibt der verantwortliche Vorgesetzte negative Signale

So ungefähr die Einleitung zu meiner Erwiderung. Was ich im Weiteren vorbringen konnte, war nicht zu widerlegen. Ich kritisierte, dass sich kaum ein Vorgesetzter ernstlich dafür interessierte, welchen fachlichen Problemen ich in Berlin gegenüberstand. Auch dass man vorwiegend überheblich im Ton und unsachlich im Inhalt mit mir verfuhr. »Und« – so schloss ich meine Ausführungen – »die heutige Dienstversammlung ist offensichtlich die logische Fortsetzung dieses kränkenden Umganges mit mir

Ich konnte mir nicht verkneifen zu sagen, dass ich nicht auf eigenen Wunsch nach Berlin kam und dass mir der Abteilungsleiter bei der Begrüßung Verständnis und Hilfe zugesichert hatte.

In der anschließenden Diskussion waren die Wortmeldungen für mich positiv, bestätigten ausdrücklich, dass bei mir keine Spur von Überheblichkeit zu erkennen sei und dass die Mitarbeiter der Abteilung die Position meines Referatsleiters nicht teilten. Letzten Endes ging ich aus diesem Zusammenstoß vollkommen rehabilitiert hervor. Guten Gewissens kann ich sagen, dass ich von diesem Tag an nicht nur vollkommen gleichberechtigt zum Kollektiv gehörte, sondern mir einen festen, geachteten Platz erwarb.

Ich habe diese Geschichte etwas detailli