Wolfgang Schwanitz

und Reinhard Grimmer (Hrsg.)

 

Wir geben keine Ruhe

Unbequeme Zeitzeugen II

 

 

Das Buch

 

Nach einem Jahr liegt nunmehr ein zweiter Band mit Erinnerungen vor. 31 Personen, die in irgendeiner Form mit dem MfS zu tun hatten, reflektieren diese Zusammenarbeit und werfen damit einen Blick auf die DDR, die vor 25 Jahren ihr Leben durch den Beitritt zur Bundesrepublik beendete. Manche nennen den Vorgang im Buch Okkupation oder Konterrevolution, aber alle stimmen darin überein, was herauszustellen gilt: Es floss kein Blut! Das ist in erster Linie denen zu danken, die 1989 die Waffen besaßen und sie nicht gegen das Volk richteten.

Unter den Autoren sind einige, die damals bewaffnet waren. Warum sie nicht schossen und damit objektiv eine höhere Moral bewiesen als jene, die nach ihnen kamen, wird in diesen Texten deutlich. Obgleich sie an den Rand gedrängt, ausgegrenzt und geschmäht werden, verstummen sie nicht und legen weiter Zeugnis ab.

Die Herausgeber

 

Wolfgang Schwanitz, Jahrgang 1930, von 1951 bis 1989 beim MfS, im Dezember 1989 Leiter des Amtes für Nationale Sicherheit (AfNS) und Mitglied des Ministerrates der DDR.

In den 60er Jahren Jura-Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin, Promotion 1973. Von 1974 bis 1986 Leiter der Bezirksverwaltung Berlin des MfS, danach, bis November 1989, Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit. Generalleutnant a. D. Wolfgang Schwanitz lebt in Berlin.

 

Reinhard Grimmer, Jahrgang 1942, seit1960 Mitarbeiter des MfS, zunächst zehn Jahre bei der Spionageabwehr (Funk). Jura-Studium und Promotion an der Juristischen Hochschule in Potsdam. Von 1978 bis 1990 Offizier für Grundsatzdokumente in der Zentralen Auswertungs- und Kontrollgruppe (ZAIG) des MfS/AfNS.

Oberst a. D. Reinhard Grimmer lebt in Berlin.

 

Mit Beiträgen von Werner Beck, Hans Bornkessel,

Konstantin Brandt, Wolfgang Clausner , Karl Döring, Ingeborg Dummer, Klaus Emmerich, Hartmut Gruner,

Fritz Hausmann, Rudolf Herz, Herbert Kierstein,

Reinhard Kluge, Achim Kopf, Volker Liebscher, Gerda Lück, Detlef Mauch, Hanfried Müller , Kurt Plache, Karl

Rehbaum, Erhard Richter, Bernhard Riebe , Hans Sauer, Marita Schmidt, Renate Schönfeld, Wilfried Schubert, Dieter Skiba, Reiner Stenzel, Hansjoachim Tesch, Bernd Trögel

 

 

ISBN 978-3-945187-39-5

 

© 2015 verlag am park in der edition ost GmbH, Berlin

 

Satz: edition ost

Umschlaggestaltung: unter Verwendung eines Fotos von Robert Allertz

Druck und Bindung: Sowa Druk, Polen

 

edition ost Verlag und Agentur GmbH

Friedrichstraße 106b, D-10117 Berlin

 

19,99 Euro

 

Die Bücher des verlags am park und der edition ost

werden von der Eulenspiegel Verlagsgruppe vertrieben

www.edition-ost.de

 

 

 

Inhalt

Anmerkung: Seitenangaben beziehen sich auf die Buchausgabe

 

Vorwort................................................................  5

 

Vom Beginn und vom Ende

 

   Ingeborg Dummer

    Wie ich das MfS in Greifswald aufbauen half 11

 

    Karl Döring

    Zwei Generale in der Bezirksleitung der SED 31

 

    Hartmut Gruner

    Ein Leipziger im Herbst ’89.........................  43

 

    Detlef Mauch

    Aus dem Leben eines Werftarbeiters, meines Vaters      55

 

 

Ehrennamen hüben und »Unsere-Leute« drüben

 

    Konstantin Brandt

    Antifaschistisches Vorbild ..........................   61

 

    Hansjoachim Tesch

    Einer wie Franz Gold....................................  68

 

    Dieter Skiba

    Naziverbrechern auf der Spur.......................  75

 

  

»Geheime« Paten und andere öffentliche Geheimnisse

 

    Hans Sauer

    Einsatz in Eisenach.....................................  110

 

    Gerda Lück

    Und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört  117

 

    Werner Beck

    Die »geheimen« Paten vom Kinderheim Schluft  136

 

    Erhard Richter

    Miteinander für den Sport .........................   143

 

 

Im Dienst

 

    Achim Kopf

    Mein erster Vorgang...................................  151

 

    Hans Bornkessel

    Sorgfältige Untersuchungen,

    differenzierte Entscheidungen....................  160

 

    Kurt Plache

    Bedenkenlos verheizt..................................  168

 

    Werner Brinkmann

    Funkfahndung des MfS kontra BND...........  173

 

    Volker Liebscher

    Auf der Suche nach elektronischen Spionen  186

 

    Marita Schmidt

    »Ich war Passkontrolleurin aus Leidenschaft«  204

 

    Bernhard Riebe

    Chefanalytiker der Militärabwehr..............  212

 

    Hansjoachim Tesch, Werner Beck und Hans Sauer

    Personenschützer, nicht Leibwächter

    oder Bodyguards..........................................  231

 

 

    Reiner Stenzel

    »Ich war der Vernehmer des

    Gestapo-Massenmörders Josef Blösche«...  241

 

 

Inoffizielle Mitarbeiter, Quellen und Bekehrte

 

    Wolfgang Clausner

    Deckname »Tasso« oder Ich war IM seit 1961  267

 

    Hanfried Müller

    Zusammenarbeit für den Frieden................  286

 

    Karl Rehbaum

    Von Vietnam zur NATO-Zentrale in Brüssel  298

 

    Bernd Trögel

    Der Verfassungsschutz als Dienstleister der HV A         309

 

 

Auf außenpolitischem Parkett

 

    Reinhard Kluge

    Über Hürden zum Kapitän auf Großer Fahrt  321

 

    Rudolf Herz

    Chile 1973 und die HV A............................  341

 

    Wilfried Schubert

    Je 14 Personenschützer

    aus Ost und West in Güstrow ....................   370  

 

 

Inquisition und Akten

 

    Renate Schönfeld

    Kirchliche Überprüfungen..........................  375

 

    Fritz Hausmann

    Zwischenruf.................................................  383

 

    Klaus Emmerich

    Dawei, dawei, rabotajet!.............................  392

 

    Herbert Kierstein

    Die Akten des MfS – gefährlich für wen?..  397

    

 

Nachwort.........................................................  410

 

 

 

 

 

 

Vorwort

Nachdem wir im Sommer 2014 das Buch »Unbequeme Zeitzeugen. Erinnerungen von MfS-Angehörigen« herausgebracht haben, gab es zahlreiche mündliche und schriftliche Wortmeldungen aus Leserkreisen ehemaliger Mitarbeiter des MfS. Darin kam Zustimmung zum Ausdruck, häufig mit Erklärungen verbunden, auch schon eigene Erinnerungen aufgeschrieben zu haben oder aufschreiben zu wollen, und wenn Interesse daran bestünde, würde man sie für einen weiteren Band dieser Art zur Verfügung stellen. Einige hoben nach der Lektüre hervor, aus dem Buch Sachverhalte erfahren zu haben, die ihnen bis dato unbekannt waren, weil diese außerhalb des eigenen Tätigkeitsfeldes gelegen hatten.

Und: Nicht nur Mitarbeiter betonten, dass sie das Buch als ein lehrreiches Geschenk für ihre Enkel, Urenkel und Freunde verwendet hätten.

Ähnliche Reaktionen erhielten wir von mit der DDR verbundenen sowie an historischer Wahrheit interessierten Bürgern in Ost und West. So schrieb uns beispielsweise eine kirchlich gebundene und dort sozial engagierte ältere Frau, sie habe vom Buch gehört, es erworben, gelesen und danach in ihrer Großfamilie weitergereicht.

Reaktionen gab es aber auch – wie erwartet – aus Kreisen der Kritiker des MfS, allen voran den bekannten von Hass und Rache erfüllten »Aufarbeitern« und »Diktatur-Opfern«. Das zeigte sich besonders an der im Einklang mit der vom Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, Roland Jahn, im Mutterland der DDR-Opposition Thüringen erneut losgetretenen »Stasi-Aufarbeitungswelle«. Ehemalige Mitarbeiter des MfS sollten sich als Zeitzeugen zu Wort melden und an der »Aufarbeitung« mitwirken, nicht um der Wahrheit zu dienen, sondern um die Forderungen nach Opferrenten und Entschädigungen zu stützen. Bestärkt wurde er darin durch den Thüringer Ministerpräsidenten, der unmittelbar nach seiner Amtseinführung Jahn in der BStU-Landesbehörde die Aufwartung machte. In diesem Kontext erfolgte die ungeheuerliche Gleichsetzung des MfS mit der faschistischen Gestapo.

Das alles und mehr machte uns bewusst, dass wir auch mit unserer Publikation »Unbequeme Zeitzeugen« ins Schwarze getroffen hatten. Sachbücher, persönliche Erinnerungen und fachspezifische Untersuchungen ehemaliger Mitarbeiter finden stets Aufmerksamkeit. Das erlebten wir auch bei den mehr als dreißig Veranstaltungen, auf denen wir die »Unbequemen Zeitzeugen« vorstellten. Selbst im Ruhrgebiet waren wir damit unterwegs und bekamen viel Zuspruch.

Durch diese Erfahrungen wurden wir in unserer Absicht bestärkt, ein weiteres Buch mit Erinnerungen folgen zu lassen. Dabei stützten wir uns auf viele engagierte und sachkundige Mitglieder der Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung (GRH e. V.), der wir auch angehören. Ihnen gilt unser Dank.

Unser besonderer Dank gilt den einunddreißig Autorinnen und Autoren, herausgehoben jenen, die nicht hauptamtlich beim MfS beschäftigt waren. Solche Zeitzeugen noch stärker zu Wort kommen zu lassen, darin hatte uns der ehemalige Vize-Premier der DDR, Dr. Hans Reichelt, der 28 Jahre lang für die Bauernpartei (DBD) dem Ministerrat der DDR angehörte, bestärkt. Auf der Vertreterversammlung der GRH im Spätherbst 2014 rief er uns mit bekannt kräftiger Stimme auf: »Arbeitet an einem weiteren Erinnerungsbuch! Lasst darin vor allem Menschen zu Wort kommen, die in ihren staatlichen, wirtschaftsleitenden und gesellschaftlichen Funktionen oder einfach nur als Bürger mit der Staatssicherheit in Be­rührung kamen, die sich an das MfS wandten, wenn staatliche und SED-Leitungen sich ihrer Probleme und Sorgen nicht annahmen, die von der Staatssicherheit Hilfe erhofften und in der Regel auch bekamen!«

So gingen wir ans Werk. Wir erhielten Beiträge mit persönlichen Erinnerungen und Berichte über Vorgänge, die bislang in keinem Geschichtsbuch standen. Nicht unbedingt alles Heldengesänge, auch über Irrtümer, Fehler, Niederlagen und Enttäuschungen wurde geschrieben. So wurden dem zunehmend differenzierter werdenden Bild vom MfS und seinen Mitarbeitern weitere Mosaiksteinchen hinzugefügt. Und bei jenen Texten, deren Autoren vor Drucklegung von uns gingen oder deren Beiträge wir aus ihrem Nachlass nahmen, haben wir im Interesse der Vereinheitlichung die aktuell gültige Rechtschreibung angewandt.  

Nachfolgend bringen wir einunddreißig Texte mit unterschiedlichen Handschriften und Sichten. Es äußern sich eine Pastorin, eine Lehrerin an einer Patenschule des MfS, eine Genossin der ersten Monate des Organs und eine Passkontrolleurin, ein Kombinatsdirektor und ein Kapitän auf Großer Fahrt, ein Journalist, ein Theologieprofessor und Staatsrechtler. Geschrieben haben SED- und Sportfunktionäre, Nazi-Jäger, Männer der Aufklärung, der Spionage- und der Militärabwehr, der Untersuchungsorgane und des Personenschutzes, Mitarbeiter in Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen. Sie alle leisten, meinen wir als Herausgeber, einen bemerkenswerten Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist, mit der fortdauernden politisch gewollten Verleumdungen des MfS und Ausgrenzung seiner einstigen Angehörigen.

Jede Autorin, jeder Autor belegen mit eigenen Worten ihren Einsatz für die Entwicklung und Erhaltung des ersten deutschen Friedensstaates, für ein Leben in Frieden, Völkerverständigung und Solidarität. Diese Haltungen sind heute von höchster Aktualität.

Das Ministerium für Staatssicherheit war eine legitime wie legale Institution eines souveränen Staates, der ein gleichberechtigtes Mitglied der Vereinten Nationen war. Die Adressen der Zentrale des MfS in Berlin, der  Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen waren bekannt. Am Eingang der Objekte waren, wie auch bei allen anderen staatlichen Organen, für die Bürger deutlich erkennbare Schilder mit dem Namen der betreffenden Dienststelle, einschließlich des Verweises auf die in der DDR für alle staatlichen Einrichtungen geltende öffentliche Sprechstundenzeit (jeweils dienstags). Aus den Telefonbüchern konnten ebenso die entsprechenden Telefonnummern entnommen werden. Mitarbeiter des MfS waren Väter und Mütter, die in Elternbeiräten an den Schulen tätig waren, die sich im Wohngebiet aktiv am gesellschaftlichen Leben beteiligten und Nachbarschaftshilfe leisteten. Angehörige des MfS waren Staatsbürger mit Rechten und Pflichten wie jeder andere auch. Sie mussten so lange auf eine Wohnung, auf ihr Auto, auf einen Ferienplatz warten wie andere Bürger auch (nur einige wenige bekamen es fixer, so schnell eben wie manch privilegierter Künstler, Arzt, Wissenschaftler auch). Die Aussage »Wir sind das Volk« galt für uns auch.

Dieses DDR-Volk wurde 1990, ob nun freiwillig oder gezwungenermaßen ist unerheblich, Teil des Staatsvolkes der Bundesrepublik Deutschland. Für jeden Staatsbürger gilt gleichermaßen das Grundgesetz als Ganzes. Auch für ehemalige Angehörige des MfS.

Und darum sei hier der Artikel 3 vollständig zitiert:

»(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden

Nach 25 Jahren deutscher Einheit wird noch immer gegen diesen Gleichheitsgrundsatz verstoßen. Das Grundgesetz wird unverändert gebrochen, wenn es gegen ehemalige hauptamtliche und Inoffizielle Mitarbeiter des MfS geht. Sie werden noch immer mit Strafrente und Berufsverboten belegt und zudem öffentlich an den Pranger gestellt.

Darauf soll aus gegebenem Anlass auch mit diesem Buch hingewiesen werden. Dabei steht jeder einzelne Autor mit seinem Namen für seinen Text.

 

 

Die Herausgeber

 

 

 

 

Vom Beginn und vom Ende

Wie ich das MfS

in Greifswald aufbauen half

 

Von Ingeborg Dummer

 

Jahrgang 1923. Nach der Grundschule kaufmännische Lehre; 1945 Eintritt in die KPD, seit 1946 Mitglied der SED; von 1950 bis 1952 Mitarbeiterin der Kreisdienststelle des MfS in Greifswald; danach Mitarbeiterin der SED-Bezirksleitung Rostock. In ihren 2014 erschienenen Erinnerungen »Ich wollte Frieden und Gerechtigkeit. Mein Leben im Wechsel der Systeme« berichtet die promovierte Ökonomin auch über diesen Teil ihrer bewegten Biografie

 

Obwohl die Sowjetunion fast auf jeden Schritt des Westens zur weiteren Spaltung mit Vorschlägen zur Einheit reagierte, formierte sich 1949 der Separatstaat BRD. Das vollzog sich in mehreren Schritten, ein Gründungsdatum gibt es nicht. Zwangsläufig musste nun auch die »Ostzone« als Staat konstituiert werden. Am 7. Oktober des gleichen Jahres erfolgte die Gründung der DDR. Sie wurde vom ersten Tag an bekämpft, weshalb Schutz- und Sicherheitsorgane nötig wurden. Innenminister Carl Steinhoff, vormals SPD, begründete am 8. Februar 1950 vor der Volkskammer das Gesetz über die Bildung eines Ministeriums für Staatssicherheit. Man brauchte und suchte dafür folglich zuverlässige Genossinnen und Ge­nossen. So sprach Oskar Stephan von der SED-Landesleitung Mecklenburg-Vorpommern mit mir. Ich solle beim Aufbau der Kreisdienststelle Greifswald mitarbeiten und bot mir ein Gehalt von 500 Mark an. Das war mehr als das Doppelte dessen, was ich von der Partei bekam. Ich überlegte eine Weile. Mir war die Arbeit in der SED-Kreisleitung wegen deren autoritären Chef, der aus der SPD kam, ohnehin verleidet. Auch reizten mich die Teilnahme an einer so neuen Sache und natürlich auch das Gehalt. Ich würde mich endlich wieder satt essen können. Von der Wichtigkeit und Notwendigkeit des Aufbaus eines Sicherheitsdienstes war ich überzeugt. Schließlich braucht jeder Staat der Welt einen solchen Dienst. Nach kurzer Bedenkzeit sagte ich also zu und wechselte meinen Arbeitsplatz.

Die erste Dienststelle des im Aufbau befindlichen MfS in Greifswald befand sich in einem ziemlich unscheinbaren Wohngebäude am Ende der Bahnhofstraße. Ich gehörte zu den operativen Mitarbeitern. Wir waren alle drei gleich als »Oberkommissar« eingestuft worden. Meine zwei männlichen Kollegen sollten »operativ« tätig werden. Ich dagegen hatte den speziellen Auftrag, »Kader« zu suchen – eine Aufgabe, die sehr mit meinen Erfahrungen und Neigungen übereinstimmte.

Der Chef, Erich Kistowski, war ein etwa vierzigjähriger Genosse aus Danzig, der bereits vor 1933 der KPD angehörte, von den Faschisten eingesperrt worden war und daher Erfahrungen in der konspirativen Arbeit mitbrachte. Er war ein großer, dunkelhaariger, attraktiver Mann. Als Vorgesetzter immer ruhig und sachlich, be­mühte er sich, uns die Anfangsgründe der Geheimdiensttätigkeit beizubringen. Einer der obersten Grundsätze war die Konspiration. Keiner durfte vom anderen wissen, woran dieser jeweils arbeitete. Meine Kaderarbeit bildete da eine Ausnahme. Ich hatte innerhalb unseres kleinen Kollektivs die Freiheit, über meine Arbeit reden zu können. Trotz der bei meinen Kollegen eingeschränkten Kom­mu­ni­kationsmöglichkeiten ging es sehr kameradschaftlich zu. Die beiden Genossen waren verheiratet und vorbildliche Familienväter. Der Chef war damals noch unverheiratet, aber fest gebunden. Er leitete uns alle ganz individuell an und legte besonderen Wert auf planmäßige Arbeit.

Ich stürzte mich also auf die Kadersuche, wobei ich sys­tematisch die im Kreis Greifswald gelegenen Betriebe »durchkämmte«. Es ging darum, intelligente, junge Menschen zu finden, die dem Aufbau eines vom Antifaschismus geprägten Arbeiter- und Bauernstaates positiv gegenüber standen. Es wurde natürlich besonders positiv gewertet, wenn sie aus Familien kamen, die traditionell mit der Arbeiterbewegung verbunden waren, oder wenn der junge Mensch – es ging nicht nur um Männer, sondern auch um Frauen und Mädchen – sogar selbst Mitglied der SED oder der FDJ war. Eine solche Zugehörigkeit war allerdings nicht Voraussetzung für eine Werbung für unsere Dienststelle. Uns interessierten nahezu im gleichen Grade ebenfalls parteilose junge Menschen, auch aus parteilosen Familien, vorwiegend Arbeiterfamilien. Das Handicap dieser Kadersuche war der Grundsatz, dass ein Kandidat keine Verwandten im Westen Deutschlands bzw. im westlichen Ausland haben durfte. Da jedoch die Teilung Deutschlands gerade erst wirklich spürbar wurde und viele Familien über beide Teile Deutschlands verstreut waren, war meiner intensiven Sucharbeit nur ein geringer Erfolg beschieden. Auch Leute, die aus westlicher Gefangenschaft kamen, hatten keine Chance, für mich interessant zu werden. Und selbstredend keine belasteten ehemaligen Nazis.

Mit den von mir ausgewählten Kolleginnen bzw. Kollegen führte ich einzeln ein persönliches Gespräch. Ich bekam immer sehr schnell persönlichen Kontakt zu dem jeweiligen Partner. Das kam wohl daher, dass mich diese einzelnen Menschen wirklich interessierten. Ich war immer neugierig auf die Menschen, auf ihre Geschichten und auf ihre Schicksale. Während des Gesprächs machte ich mir nur kurze stenografische Notizen zu den Fakten. Dadurch hatte mein Gegenüber nicht den Eindruck, dass alles Gesagte aufgeschrieben wird. Ich hörte geduldig und aufmerksam zu, wenn sie erzählten. Meist wurde daraus auch ein Meinungsaustausch, niemals ein Examen. Einmal erzählte mir eine Frau nach und nach die Konflikte ihrer Familie. Plötzlich hielt sie inne und sagte: »Ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle, aber Sie haben so eine Art zu fragen, dass man Vertrauen bekommt Ich versicherte sie meiner Diskretion. Daran hielt ich mich auch immer. Schließlich interessierte meine Dienststelle nur bestimmte Fakten. Am Abend oder am nächsten Tag schrieb ich über jedes Gespräch ein Protokoll auf der Schreibmaschine. In Wolgast wohnte ich mehrere Tage im Hotel und schrieb jeden Abend auf der mitgebrachten Reiseschreibmaschine die Protokolle über die am Tag geführten Gespräche. Dabei wurden die Personen wieder lebendig.

Bei solchen, die ich für uns besonders wertvoll oder interessant hielt, die aber durch einen oder zwei West­onkel eigentlich nicht infrage kamen, befürwortete ich eine Werbung trotzdem, weil die Verbindung zu den Verwandten nur »lose« sei und derjenige besonders zuverlässig beurteilt wird oder ähnlich. So versuchte ich, einige meiner »Besten« an den Mann zu bringen. Ob sie dann in der weiteren Auswahl, welche die Landesdienststelle in Schwerin vornahm, Zustimmung fanden, habe ich nicht erfahren. Aber hin und wieder habe ich in Schwerin, wenn ich anlässlich einer Dienstbesprechung dort war, in der Dienststelle einen jungen Mitarbeiter getroffen, der mir aus meinen Gesprächen bekannt war. Darüber habe ich mich jedes Mal sehr gefreut.

Und einmal traf ich in der Dienststelle Stralsund ein junges Mädchen, das ich aus dem Kleiderwerk Greifswald kannte. Es lebte mit seinem kranken Vater zusammen und hatte es damals materiell sehr schwer. Das Mädchen kam nun freudig auf mich zu und bedankte sich herzlich, dass ich ihr diese Arbeit vermittelt habe. Jetzt hatte sie ein gutes Einkommen und konnte den Vater besser versorgen. Solche Begegnungen waren für mich natürlich Freude und Genugtuung.

Am 1. Mai 1950 bekamen wir drei Mitarbeiter durch Erich Kistowski je eine Prämie von 200 Mark überreicht. Es war die erste Prämie in meinem Leben. Unter dessen kameradschaftlicher Leitung lernte ich, meine Arbeit gut zu planen, mir täglich reale Ziele zu stellen und diese Aufgaben konzentriert und systematisch abzuarbeiten. Oft benutzte ich auch noch das Wochenende, um zu arbeiten, weil es mir einfach Spaß machte, meine selbst aufgestellten Pläne korrekt einzuhalten.

Als ich die Staatssicherheit mit aufbauen half, war Stalin noch der »große, weise Führer« und »Vater der Völker«. Es ist erstaunlich, dass die vielen alten Kommunisten, die ich kennengelernt hatte und verehrte, sowie auch mein Vater und andere Freunde nichts von den inneren Vorgängen in der Sowjetunion wussten oder aber verschwiegen. Ich denke, sie hatten alle »ein bisschen« davon gehört, kannten die Ausmaße nicht und maßten sich deshalb kein Urteil darüber an. Vielleicht waren sie auch davon überzeugt, dass bestimmte rigorose Maßnahmen notwendig waren. Während meiner Arbeit als Sekretärin in den Kriegsjahren 1943/44 auf dem Rittergut Großwaplitz hörte ich einmal von »meiner« Baronin die Bemerkung: »Die Russen sollen ja ihre ganze Intelligenz umgebracht haben«. Das betrachtete ich damals als reine Propagandalüge, die ich später wieder vergaß.

Während meiner Arbeit bei der Staatssicherheit war ich von keinen Zweifeln an Größe und Richtigkeit der Politik Stalins geplagt. Im Dezember 1950 war ich dafür ausersehen, anlässlich des Geburtstages Stalins, der jedes Jahr mit einer »Festveranstaltung« begangen wurde, die Rede zu halten. Ich lobte seine Politik beim Aufbau der Sowjetunion und bei der Zerschlagung des Hitlerfaschismus mit innerer Überzeugung, so dass meine Genossen bewegt applaudierten. Die Verehrung für Stalin war nicht nur innerhalb der Sozialistischen Einheitspartei groß. Sie ergab sich daraus, dass er von Seiten der Sowjetarmee und unserer Partei von Anfang an als »der Befreier« des deutschen Volkes angesehen wurde. Die sowjetischen Soldaten waren in den Kampf gezogen und »für Stalin« gestorben. So konnten wir es in den ersten Nachkriegsjahren in sowjetischen Kriegsromanen lesen, die wir mit großer Wissbegierde und mit Ehrfurcht vor den Soldaten, die uns ja wirklich befreit hatten, in uns aufnahmen. Niemand, der Ostrowskis »Wie der Stahl gehärtet wurde« oder Fadejews »Junge Garde« gelesen hatte, blieb von den Heldentaten sowjetischer Menschen und von der Rolle Stalins, die er für diese Menschen spielte, unberührt. Den Kult um seine Person, den wir selbst auch betrieben, nahmen wir als solchen nicht wahr.

In der jungen Dienststelle des MfS wurde das grenzenlose Vertrauen in die Sowjetunion und seinen weisen Führer noch dadurch gefestigt, dass sich der Aufbau der Sicherheitsorgane unter direkter Anleitung der »sowjetischen Freunde« vollzog. Etwa einmal in der Woche kam ein Oberst der Greifswalder Dienststelle des sowjetischen Innenministeriums (NKWD) mit einem Dolmetscher in unser Haus, um den Chef zu beraten. Auf mich warteten jedoch schon wieder neue Aufgaben. Kurz vor Ende des Jahres 1950 wurde ich zur Landesdienststelle Schwerin in die dortige Personalabteilung versetzt.

Wenn ich mich seit Herbst 1949 an Wochenenden mit Egon Dummer traf, gingen wir zusammen spazieren, besuchten auch einige Male das schöne Greifswalder Theater oder bummelten einfach durch die Stadt. Abends blieb er bei mir, oder ich brachte ihn zum Zug nach Buddenhagen bei Wolgast, wo sich die Kreisparteischule befand. Unsere Verbindung war aber noch etwas leger und unentschieden. Im Januar 1950 ging Egon zur Partei­hochschule nach Berlin zu einem Einjahreslehrgang. Nun waren es zunächst nur einige Kartengrüße, die hin und her wanderten. Ich ging völlig in meiner Arbeit auf. Als im Sommer 1950 das erste »Deutschlandtreffen der Jugend und Studenten« in unserem Teil Berlins, der Hauptstadt der DDR, stattfand, nahm ich als FDJlerin zusammen mit den Greifswalder Studentinnen und Studenten daran teil, natürlich im Auftrag meiner Dienststelle. Ich hatte die Aufgabe, mir unter den Jugendlichen einige »Vertrauensleute« zu suchen, die mich über eventuelle Vorkommnisse informieren sollten. Die Sache war allerdings für meine Vorgesetzten sehr wenig effektiv. Es fiel mir nicht schwer, zwei oder drei Studenten dafür zu werben, sich mit mir in bestimmten Abständen zu treffen, um mir einiges zu berichten. Herausgekommen sind tatsächlich dann nur drei oder vier »Treffs«.

In einer kleinen Gaststätte in der Schönhauser Allee/Ecke Bornholmer Straße traf ich mich zweimal mit einem blutjungen Studenten, der mir einen kleinen »Bericht« übergab, in dem ein Agitationseinsatz der FDJ in Westberlin geschildert wurde. Alles darüber war öffentlich bekannt. Doch der Junge erzählte mit solcher Begeisterung von seinen Erlebnissen in Berlin, dass es eine Freude war, ihm zuzuhören. An der gleichen Stelle traf ich mich auch mit einer Studentin, etwa in meinem Alter, mit der ich mich auf der Stelle befreundete. Wir haben uns dann in Greifswald gegenseitig besucht und viele interessante Gespräche miteinander geführt. Ansonsten ließ ich mich in Berlin von der allgemeinen jugendlichen Begeisterung anstecken. Unsere Greifswalder Delegation war in einer Schule in Buch untergebracht. Hier schliefen wir auf Stroh, und das machte uns nichts aus. Meine einzige Sorge war, dass ich mit der S-Bahn oder Straßenbahn einmal aus Ortsunkenntnis über die Sektorengrenze hinaus fahren könnte.

Egon traf ich während des Deutschlandtreffens leider nicht, obwohl er natürlich als Parteihochschüler mit von der Partie war. Eine telefonische Verständigung, wie es heute mit Leichtigkeit per Handy üblich ist, war damals natürlich noch nicht möglich. Zu meiner Freude bestellte mir jedoch eine ehemalige Kollegin, die Egon in Berlin zufällig getroffen hatte, Grüße von ihm. Kurz nach unserer Rückkehr in die Heimatorte kam Egon auch selbst für ein Wochenende nach Greifswald. Am Sonntag – es war ein heißer Sommertag – fuhren wir per Schiff über den Greifswalder Boden nach Baabe auf die Insel Rügen zum Baden. Es war ein ungetrübtes Wochenende, ich war sehr verliebt und genoss die wenigen Stunden mit ihm. Mitunter war ich etwas befangen ihm gegenüber, weil ich ihn mit großem Respekt betrachtete. Und über die Zukunft wagte ich nicht nachzudenken.

Dann waren die Tage wieder ausgefüllt mit Arbeit. Nach Abschluss seines Lehrganges im Dezember kam Egon wieder für einige Tage nach Greifswald. Wir verbrachten Weihnachten zusammen und feierten bei dem Hausmeisterehepaar der Kreisparteischule in deren Greifswalder Wohnung fröhlich Silvester. Ansonsten verlebten wir die Jahreswende zusammen in meinem Zimmer. Meine Wirtinnen bereiteten uns ab und zu etwas Besonderes zum Abendbrot, nämlich Brathering, was damals eine Delikatesse für uns war. Ich glaube, die beiden alten Damen waren auch ein bisschen in Egon verliebt.

Ab Januar 1951 sollte Egon bei der Landesleitung der SED in Schwerin arbeiten. Da ich auch bereits nach Schwerin versetzt worden war, begrüßten wir diese Veränderung. Egon bezog danach eine Wohnung in Schwerin, d. h. zunächst ein Zimmer als Untermieter, ebenfalls bei zwei älteren Damen. Ich blieb zunächst noch in Greifswald wohnen, da ich von hier aus meine neue Aufgabe, die Kadersuche im Kreis Stralsund, bequemer erfüllen konnte als von Schwerin aus. Zwischendurch wohnte ich deshalb im Hotel in Stralsund oder auch in Schwerin, wenn ich dort Beratungen hatte. Gegen Ende Januar 1951 stellte ich fest, dass ich schwanger war. Viele Probleme stürzten damit auf mich herein. Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen: Eigentlich hatte ich mir schon sehr früh gewünscht, wenigstens ein Kind zu bekommen. Als Mädchen von etwa zwölf oder dreizehn Jahren besuchten meine Mutter und ich einmal eine Hausnachbarin, die gerade ein Baby geboren hatte. Dieses kleine Wesen gefiel mir sehr. Ich durfte es sogar einige Minuten in meinen Armen halten. Da spürte ich die ganze Süße und die Wärme des Babys, aber auch sein Angewiesensein auf die Mutter.

Der Eindruck auf mich war so tief, dass mich damals schon der Wunsch erfasste, einmal einem so kleinen, hilflosen Wesen zu helfen, groß zu werden. Später, als ich einmal gehört hatte, dass man sein erstes Kind nicht zu spät bekommen sollte, nahm ich mir vor, spätestens mit 28 Jahren ein Kind zur Welt zu bringen. Es musste von einem Mann sein, der intelligent und gut, ähnlich wie mein Vater, sein sollte. Ich wollte ein Kind unabhängig davon, ob mich der Vater heiraten würde oder nicht, war also auch bereit, ganz allein dafür zu sorgen, obwohl mir schon eine richtige Familie lieber sein würde. Und nun ging ich gerade auf mein 28. Lebensjahr zu. Vater des zu erwartenden Kindes konnte nur Egon sein, dem ich schon längst die Treue hielt. Er entsprach meinem Wunschbild, und wir liebten uns. Sogar eine Familie konnten wir werden! Aber nein, da gab es ein großes Problem.

Das Problem bestand darin, dass Egons Mutter und Schwester im Westen Deutschlands wohnten. Ich hatte Egon einmal zusammen mit seiner Mutter in Greifswald im Theater gesehen, bevor ich mit ihm zusammen war. Sie schien mir eine liebe und verehrungswürdige Dame zu sein. Etwas vornehm, an meinem »proletarischen Bewusstsein« gemessen. Aus dem Westen eben! Trotzdem und auch trotz weiterer »Westverwandtschaft« – viele seiner Tanten lebten in Westdeutschland – hatte die Partei volles Vertrauen zu Egon. Er wurde als Mitarbeiter der Abteilung Propaganda in der Landesleitung eingesetzt. Aber für mich als Angehörige des MfS sollte der »kadermäßig nicht tragbar« sein?! Heute mutet das wie ein Witz an. Was mich betraf, war es seltsam: Unser Verhältnis bezog ich überhaupt nicht auf diese politische Konstellation. Ich war verliebt und fühlte diese Liebe erwidert. Egon und ich kannten uns nun schon sehr gut. Wir hatten so viele gleiche Ansichten, ja sehr oft sogar die gleichen Gedankengänge. Etwas ganz anderes war, dass ich tagtäglich Leute mit Westverwandtschaft aus den Menschen, die ich als Mitarbeiter für meine Dienststelle warb, »aussonderte«. Diese Auswahlkriterien hatten mit meinen eigenen Verhältnissen überhaupt nichts zu tun – bisher. Doch nun plötzlich betrafen sie mich ganz persönlich. Vielleicht bezeichnet das mancher Psychologe als Schizophrenie, in der ich befangen gewesen sei. Ich habe es so nicht empfunden. Erst durch die Gewissheit meiner Schwangerschaft wurde mir dieser reale Konflikt bewusst und ich hatte nun das Knäuel zu entwirren.

Meine Schwangerschaft verlangte mir also Konsequenzen ab, die ich gerade erst begann, zu durchdenken. Was würde Egon nun dazu sagen? Bevor ich die neue Lage mit ihm besprach, wollte ich mir gern selbst erst klarer werden. Zuerst wandte ich mich an meinen Abteilungsleiter in Schwerin, meinen alten Genossen und Freund, Oskar Stephan. Er war immer erfreut, wenn sich junge Leute aus unserer Dienststelle untereinander zusammentaten und eine Familie gründeten; am liebsten hätte er wohl dabei noch ein wenig gekuppelt, um das leidige Problem der »Kaderauswahl« damit ohne Komplikationen zu lösen. Und nun gestand ich ihm, dass die Mutter meines Liebsten im Westen wohnte.

Nur Egons Funktion in der Landesleitung verhinderte wohl einen Zornesausbruch meines Vorgesetzten. Auch hatte ich bei ihm »einen Stein im Brett«. Schließlich war er es, der mich von der Kreisleitung der Partei in Greifswald weggeholt hatte. Er wusste auch, dass mir meine Arbeit viel Freude machte und ich sie nicht leichtfertig aufgeben würde. Mit Verständnis für die Lage bot er mir dann an, die endgültige Entscheidung erst einmal aufzuschieben.

Ich musste abwägen: Heiratete ich Egon, dann müsste ich das Ministerium verlassen. Ich müsste meine Arbeit aufgeben, an der ich hing, weil sie interessant war und weil ich mich dabei sehr selbständig und fast ohne Einmischung bewegen konnte. Doch das war es nicht allein. Ich glaubte tatsächlich, an dieser Stelle viel zur Verwirklichung meiner sozialistischen Ideale beitragen zu können. Und schließlich verspürte ich nicht nur meinen persönlichen Einfluss auf viele Menschen als angenehm, ehrlich gesagt, genoss ich es auch etwas, zu den »Auserwählten«, die so hohe Kriterien erfüllten, zu gehören und mit meinem relativ hohen Dienstgrad ein klein wenig an der vermeintlichen »Macht« beteiligt zu sein. Mich einfach von dieser Stellung zu verabschieden und mich vielleicht als Hausfrau zu versuchen, fiel mir – ich gestehe es – sehr schwer.

Ich bin mir sicher, dass der Generation meiner Enkel jedes Verständnis für diese Erwägungen fehlt. Dieses Denken ist eben nur aus der damaligen Situation – auch aus der politischen Situation des beginnenden Kalten Krieges – und aus meiner persönlichen Entwicklung zu erklären.

Ich hatte in der Kreisleitung der SED in Greifswald die Aktionen der Bewegung »Für Einheit und gerechten Frieden« miterlebt. Mehrmals in den Jahren 1947 und 1948 erschien uns die Einheit Deutschlands zum Greifen nah. Obwohl nun mit dieser Zweistaatlichkeit die Einheit Deutschlands für lange Zeit abgeschrieben schien, war das Problem jedoch nach wie vor offen. Auch 1950 und 1951 gab es noch mehrere Initiativen für die Einheit Deutschlands. Ich konnte mir damals, Anfang 1951, nicht vorstellen, dass dieses Ziel der deutschen Wiedervereinigung einfach aufgegeben werden könnte.

Oskar Stephan war mit meinem Entschluss zufrieden. Nach dem Schwangerschaftsurlaub würde ich zunächst weiter in seiner Abteilung arbeiten. Vielleicht dachte er auch bei sich: kommt Zeit, kommt Rat! Wie mein Verhältnis zu Egon weiterhin war, interessierte ihn nicht. Auch er lebte offenbar in diesem Widerspruch: aktenmäßig war ich mit dem Kind von »diesem« Vater eigentlich für seine Abteilung gar nicht tragbar, aber er kannte mich so gut, dass er mich wohl überhaupt nicht auf seine Aktenvorschriften bezog. Und er setzte natürlich auch noch Hoffnung auf die deutsche Einheit. Unmittelbar nach diesem Gespräch rief ich Egon an. Wir verabredeten uns abends in meinem Hotel, wo wir uns öfter trafen.

Nachdem wir zusammen zu Abend gegessen hatten, gingen wir in mein Zimmer. Es war ein kleines Appartement nur für eine Person. Egon setzte sich auf den einzigen Stuhl. Dann nahm ich auf seinem Schoß Platz und erzählte ihm alles. Es war wunderbar, wie er die Neuigkeiten aufnahm und auch die Probleme verstand. Wir waren uns sofort einig: unser Kind soll es gut haben. Wir freuten uns darauf. Ob das nun gleich als richtige Familie vor sich gehen sollte, war nicht das Wichtigste. »Wir werden erst einmal zusammenziehen und mit der Heirat noch warten« meinte Egon. Ich stimmte zu, nahm mir aber insgeheim vor, mit meinem Chef noch über das »Zusammenziehen« zu sprechen. Denn das war nun wieder ganz gegen die Vorschriften. Dass ich nach der Geburt des Kindes weiterarbeiten würde, war für uns selbstverständlich. Und wer betreut das Kind? Wir überlegten, ob wir vielleicht meine Mutter um ihre Hilfe bitten könnten. Weitere Pläne machten wir noch nicht.

Am nächsten Tag schrieb ich meinen Eltern, dass ich schwanger sei, aber nicht heiraten und nach der Geburt weiter arbeiten wolle. Ich fragte an, ob sie das Kind zu sich nehmen würden, bis es in den Kindergarten gehen könnte. Man muss wissen: Meine Mutter hatte schon mehrere kleine Kinder, die irgendwie besondere Betreuung brauchten, aufgenommen und sie eine Zeitlang sehr gut betreut. Die Antwort auf meine Frage kam postwendend. Sie freute sich auf ihr erstes Enkelkind. Selbstverständlich würden sie das Kind nehmen und es bestens hegen und pflegen. Damit hatte ich vorerst wieder meine Ruhe zur Arbeit.

Eines Tages – ich glaube es war im vierten Monat der Schwangerschaft – spürte ich, dass das Kind lebt und sich bewegt. Dabei strömte es mir warm zum Herzen. Ich war überglücklich. Und gleich darauf kam mir der Gedanke: und dieses kleine Wesen soll ich nach Sachsen geben, so weit weg von mir, und vielleicht für lange Zeit? Nein, das mache ich nicht!

Auf der Stelle schrieb ich einen Brief an Egon. Ich konnte meine Empfindungen nicht zurückhalten. Und ich schrieb, dass es doch nicht angehe, ein Kind wie ein Möbelstück zu verschicken. Ich würde meine Arbeit aufgeben und könne doch für den Sozialismus auch an anderer Stelle arbeiten. Darüber wollte ich mit ihm sprechen. Diesen Brief verschickte ich per Boten in die Landesleitung, wo Egon damals noch arbeitete. Wir trafen uns wieder in meinem Hotel. Nachdem wir die neue Lage besprochen hatten, sagte Egon nur: »Dann können wir ja heiraten, bevor das Kind geboren wird«. Und so beschlossen wir es. »Dann ist heute eigentlich unsere Verlobung« stellte ich fest. In dieser Nacht schliefen wir zum ersten Mal in einem richtigen Doppelbett.

Am nächsten Vormittag sprach ich wieder mit meinem Chef. Für ihn brachte meine Entscheidung eine Enttäuschung, aber eine offenbar auch nicht ganz unerwartete. Er hatte auch diesmal wieder Verständnis, wollte mich aber so lange wie möglich behalten. Deshalb schlug er mir vor, die Heirat so spät wie möglich vor der Geburt des Kindes vorzunehmen, damit die Sache vorher »nicht in der Akte vermerkt« werden braucht. Durch den Schwangerschaftsurlaub fiel ich ja dann sowieso längere Zeit aus. Aber bis dahin könnte ich noch meine in Stralsund angefangene Arbeit beenden. Das wäre für ihn eine gute Hilfe. Darauf einigten wir uns.

Oskar Stephan erfüllte mir sogar meinen Wunsch, nun endlich nach Schwerin umziehen zu können. Ich bekam als Untermieterin ein großes, helles, zweckmäßig möbliertes Zimmer bei einem netten Ehepaar. Nun konnten Egon und ich uns öfter treffen. Sonntags durfte ich sogar in der Küche für uns beide Mittagessen kochen. Objektiv gesehen, war mein ungetrübtes Zusammenleben mit Egon außerordentlich erstaunlich, zumal die Staatssicherheit in anderen Fällen wegen viel geringfügigeren Kontakten mit »Westverwandtschaft« Disziplinarverfahren einleitete. Ganz sicher spielte dabei Egons Funktion in der Landesleitung eine beträchtliche Rolle. Andererseits zeigt sich an diesem Beispiel, dass neben der sich entwickelnden Bürokratie in der jungen DDR doch auch der menschliche Umgang miteinander eine große Rolle spielte. Allgemein war ich in der Dienststelle gut angesehen. Schließlich hatte ich schon zum 8. März 1950 als erste Frau der Landesdienststelle das »Ehrenzeichen der Volkspolizei« – eine damals begehrte Auszeichnung – erhalten.

Im Sommer 1951 verzogen die beiden Wohnungsinhaberinnen, bei denen Egon in Schwerin zur Untermiete wohnte, nach Berlin. Sie ließen einige Möbelstücke zu­rück und übergaben die Wohnungsschlüssel einfach an Egon. Es war eine kleine Dreizimmer-Wohnung mit Bad und Küche, also bestens geeignet für unsere junge Familie. Es war allerdings damals so, dass die Wohnungen allgemein bewirtschaftet wurden und dass bestimmte Betriebe und Einrichtungen, insbesondere staatliche Institutionen, über ein bestimmtes Kontingent von Wohnungen für ihre Mitarbeiter verfügen konnten. Natürlich waren die verfügbaren Wohnungen nie ausreichend, weshalb der Kampf um eine Wohnung fast immer an den Lebensnerv ging. Aus diesem Grund meldete ich mich sofort bei meinem Abteilungsleiter und bat ihn um Hilfe. Er setzte sich mit dem Wohnungsamt in Verbindung und beanspruchte diese Wohnung für unsere Dienststelle. Natürlich stellten die Angestellten des Wohnungsamtes die Zuweisung der Wohnung auf meinen Namen sofort aus. Wir freuten uns riesig. Im Handumdrehen packte ich meine Koffer und wir schleppten sie in »unsere Wohnung«. Einige Tage darauf erschien jedoch ein Vertreter des Wohnungsamtes bei uns und erklärte die Wohnungszuweisung für ungültig. Da die eine der Vormieterinnen eine Jüdin und anerkanntes Opfer des Faschismus war, hatte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) einen Anspruch auf die Wiedervergabe der Wohnung an ein anderes Mitglied dieser Organisation. Das Wohnungsamt hatte die Zuweisung an mich also unberechtigterweise ausgestellt. Schließlich erschienen kurz darauf auch die an der Wohnung brennend interessierten Partner von der VVN bei uns und forderten die Wohnungsschlüssel von uns. Es waren aber nicht etwa alte Antifaschisten, sondern ein junges Paar, nicht viel älter als wir selbst, also offensichtlich Kinder von einem antifaschistischen Kämpfer. Ihnen verweigerten wir allerdings die Herausgabe der Schlüssel. In unserem Fall musste nun die Angelegenheit zwischen den Vertretern des MfS und der Landesdienststelle für die Versorgung der Opfer des Faschismus (OdF), einer Abteilung der Landesregierung, ausgestritten werden.

Inzwischen war mein Geburtstag herangekommen. Egon und ich saßen also am Abend des 7. Juli 1951 zusammen auf der von den Vormietern zurückgelassenen kleinen Couch an einem ebenfalls »ererbten« kleinen Kacheltisch unter einer alten Stehlampe und leerten eine Flasche Rotwein. Wir hatten kaum noch Hoffnung und ließen die Köpfe hängen. Erst nach bangen Wochen wurde endlich entschieden. Wir durften die Wohnung behalten. Wir gingen nun daran, uns in der Wohnung endlich häuslich einzurichten. Außer den übernommenen Sachen, die uns schon gute Dienste leisteten, besaßen wir jeder ein schönes, großes Radio, noch mit Holzgehäuse und wunderbarem Klang. Es war damals also nicht viel anders als heute: wenn junge Leute zusammenziehen, haben sie als erstes Mobiliar heute zwei Fernsehapparate oder zwei Computer. Doch damit kommt man leider nicht aus. Vor allem brauchten wir damals einen großen Schrank für Kleidung und Wäsche und Regale für unsere Bücher, die schon in stattlicher Anzahl vorhanden waren. Nach und nach richteten wir uns ein und freuten uns über jedes neue Stück, sei es nun ein Möbel oder ein Kaffeeservice oder Anderes. Wir waren in unserer ersten Wohnung sehr glücklich.

Mir ging es gesundheitlich gut. Meine Schwangerschaft behinderte mich kaum. Noch im siebenten Monat sah man mir kaum etwas an, obwohl ich meinen Zustand nicht absichtlich verbarg. Nur einmal hatte ich Angst gehabt um mein Baby. Ich hatte die Woche über in Stralsund gearbeitet. Nach Schwerin zurück fuhr ich manchmal mit dem Zug, manchmal aber auch mit dem Pkw, wenn gerade einer der Stralsunder Offiziere unserer Dienststelle oder auch der benachbarten Polizeidienststelle in Schwerin zu tun hatte. An besagtem Freitag erhielt ich die Auskunft, dass von der Polizeidienststelle am Nachmittag ein Lkw nach Schwerin fahren und mich mitnehmen würde. Ich war froh über das Angebot, war ich doch dadurch bald zu Hause. In diesem Lkw, dessen Fahrerkabine besetzt war, befanden sich im Laderaum unter einem Verdeck zwei lange Holzbänke, auf denen einige Polizisten sitzen mussten. Dort war auch für mich Platz. Schließlich nahm man mich nur aus Gefälligkeit mit und kein Mensch hatte eine Ahnung von meiner Schwangerschaft. Zunächst hatte ich selbst aber auch keine Bedenken.

Nach einigen Kilometern wurde mir jedoch das Sitzen auf der harten Holzbank sehr unangenehm. Ging es durch Ortschaften und über das berühmte mecklenburgische Kopfsteinpflaster, verursachte mir die Erschütterung schon Schmerzen. Ich nahm meinen Schal ab und schob ihn mir wie ein Kissen unter das Gesäß, doch es war zu wenig. Schließlich schützte ich meinen Unterleib dadurch, dass ich mich auch noch auf meine Hände setzte. Vor allem aber bekam ich allmählich eine wahnsinnige Angst davor, dass diese Erschütterung zu einer Fehl- oder Frühgeburt führen könnte. Jeder Kilometer wurde mir nun zur Qual. Endlich in Schwerin angekommen, musste ich auch noch vom Wagen herunter springen. Die helfende Hand eines Polizisten fing da sehr wenig ab.

Zu Hause angelangt, legte ich mich sofort auf das Bett und erholte mich langsam von dieser Strapaze. Es war noch einmal gut gegangen. Danach bin ich nur noch mit der Eisenbahn nach Stralsund bzw. nach Hause gefahren. Bis zwei Wochen vor meiner Entbindung habe ich gearbeitet, die letzte Woche allerdings nur noch im Büro in Schwerin. Nun wollten wir ja auch noch schnell heiraten. An einem Montag begaben wir uns daher gleich zum Standesamt. Der Standesbeamtin erklärten wir nun, dass die Heirat in dieser Woche noch stattfinden sollte. »Diese Woche ist aber kein Termin mehr frei«, sagte sie. Meinen schwangeren Zustand konnte sie aber schon nicht mehr übersehen.

Wahrscheinlich war das der Grund, dass sie auf unser Drängen hin doch noch eine Möglichkeit fand. Sie schlug uns vor, am Sonnabend früh als erstes Paar vor dem Beginn der eigentlichen Amtszeit zu erscheinen, also um 7.45 Uhr. Natürlich waren wir einverstanden. Unsere Namen kamen also noch auf den Aushang des Standesamtes. Egon warb zwei seiner Kollegen als Trauzeugen. Und ich sprach mit Oskar Stephan, der uns seinen Dienstwagen zur Verfügung stellte. Ich war natürlich keine schöne Braut. In meinem von einer Schneiderin angefertigten Schwangerenkleid, das ich ja in dieser Zeit jeden Tag trug, wirkte ich sicher eher mütterlich als bräutlich. Eheringe hatten wir natürlich auch nicht. Diese bekamen wir erst bedeutend später geschenkt. Doch einen Blumenstrauß hatte auch ich.

Die Standesbeamtin sprach – unserem speziellen Fall angemessen – mehr sachlich als feierlich und legte schon bald die Schallplatte mit der üblichen Hochzeitsmelodie auf. Ich war so aufgeregt, dass ich keinerlei Erinnerung daran habe, was sie sagte und welche Musik gespielt wurde. Schließlich küssten wir uns und die Trauzeugen gratulierten, während im Vorraum schon das nächste Brautpaar wartete. Das war am 8. September 1951. Wohl kaum jemand der Beteiligten hat damals erwartet, dass diese mit so wenig Aufwand geschlossene Ehe länger als ein halbes Jahrhundert halten würde.

Nach der Zeremonie gingen unsere beiden Freunde an ihre Arbeit und wir fuhren mit dem Auto nach Hause. Der Fahrer überreichte uns mit der Gratulation meines Chefs einen riesigen Strauß Gladiolen, für den wir in unserem Haushalt noch gar kein Gefäß hatten. Da wir an diesem Tag dienstfrei und damit endlich einmal Zeit hatten, gingen wir gleich einkaufen. Wir kauften eine Bodenvase für die Gladiolen, danach einen schönen roten Teppich, der unser Wohnzimmer 35 Jahre lang geschmückt hat und eine dreiarmige Wohnzimmerlampe. So waren wir schon recht gut eingerichtet. Für den Abend hatten wir unsere beiden Trauzeugen mit Freundin bzw. Ehefrau sowie unsere alten Freunde Walter und Erna Ratt eingeladen. Zur Vorbereitung dieser kleinen Feier brauchte ich noch einige Lebensmittel. Es sollte Kartoffelsalat und Bockwurst geben. So ging ich am Nachmittag noch einmal einkaufen, während Egon die Lampe im Wohnzimmer befestigte. Als ich auf meinem Weg an der Kirche vorbei kam, ging gerade die Tür auf und unter Orgelklängen schritt ein klassisches Brautpaar die Treppe herunter. Vor der Kirche wartete eine wunderschöne weiße Kutsche. Ich stand unter den neugierig stehen gebliebenen und staunenden Passanten und dachte: Wenn die Leute wüssten, dass ich heute das gleiche Ereignis begangen habe wie dieses Brautpaar! Es war ein komisches Gefühl in mir, aber Neid war bestimmt nicht dabei. Eher fühlte ich den tiefen Graben, der mich von der gutbürgerlichen Gesellschaft trennte. Und darauf war ich eher stolz, wie ich überhaupt auf meine proletarische Herkunft und meine klassenbewusste Haltung unverzeihlich stolz war. Und schließlich wollten wir ja erst einen Arbeiter- und Bauernstaat aufbauen!

Nachdem unser Sohn Alex geboren war, änderte sich mein Leben natürlich gründlich. Die Tage und Wochen waren ausgefüllt mit der Sorge um und der Freude an seinem guten Gedeihen. Als mein Schwangerschaftsurlaub zu Ende war und Egon Leiter der SED-Landesparteischule in Schwerin wurde, blieb ich weiter zu Hause, da ich ja von meiner Dienststelle wegen »Westverwandtschaft« entlassen werden sollte, was noch nicht geschehen war. […]

In einer kurzen Beratung mit einigen anderen Genossen wurde mir vorgeschlagen, in dem neu aufgestellten Wachbataillon zu arbeiten und dort die Personalarbeit zu übernehmen. Diese Einheit war meines Wissens zum besonderen Schutz der Regierung gebildet und der Staatssicherheit unterstellt worden. Die Auswahlkriterien für die Angehörigen dieser Einheit waren nicht so streng wie für den Apparat der Staatssicherheit selbst. Deshalb wäre es möglich gewesen, mich auch mit meiner neuen »Westverwandtschaft« mit dieser Aufgabe zu betrauen. Wir vereinbarten damals, dass ich mir das Angebot überlegen sollte. Andererseits stand die Genehmigung eines hohen Vorgesetzten für diesen Plan noch aus. Ich sollte also nach drei Tagen wiederkommen, um darüber endgültig zu entscheiden. […]

Am Wochenende beriet ich mich mit Egon. Wir beschlossen, die angebotene Arbeit anzunehmen und eine Frau zu suchen, die tagsüber in unserer Wohnung das Kind betreut. Das war im Januar 1952. Als nun der Tag gekommen war, an welchem ich wieder zu meinen Genossen kommen sollte, wurde es mir früh nach dem Aufstehen sehr übel. Ich erbrach mich und konnte mich kaum auf den Beinen halten. Sofort war mir klar. Es ist meine zweite Schwangerschaft. Im Laufe des Tages ging ich dann doch noch zu meiner Dienststelle und sprach ehrlich meine Vermutung aus, die sich nach einigen Tagen bestätigte. Damit wurde ich endgültig aus dem Dienst des MfS entlassen und als »Kader« der Bezirksleitung der SED »zur Verfügung gestellt« zwecks weiterer Verwendung. Und so kam es dann auch.

Somit endete meine anspruchsvolle Arbeit, die ich mit Freude und Engagement damals ausübte – in der Aufbauphase des MfS.

 

Zwei Generale in der

Bezirksleitung der SED

 

Von Karl Döring

 

Jahrgang 1937, nach dem Studium in Moskau und Aspirantur Promotion zum Dr.-Ing., 1973 Dr. oec. an der Hochschule für Ökonomie in Berlin, 1985 Generaldirektor des EKO, von 1990 bis 1995 Vorstandsvorsitzender der EKO Stahl AG. Seit 2006 gehört er dem russischen Board of Directors der Novolipetsk Steel (NLMK) an

 

1953. Ich bin Schüler der Diesterweg-Oberschule in Plauen. Nachdem ich mich schon in der Grundschule aktiv im Pionierverband betätigt hatte, gehöre ich auch an der Oberschule der FDJ-Schulleitung an. Im März wurde ich Kandidat der SED. Unmittelbar nach Stalins Tod am 5. März 1953 hatte das Zentralkomitee der SED das Stalinaufgebot beschlossen, um intensiv weitere Mitglieder zu werben. Man konnte schon mit 16 Jahren als Kandidat aufgenommen werden. Vier weitere Schulkameraden tun mit mir gemeinsam den gleichen Schritt.

Dann kommt der 17. Juni und mein erster Kontakt mit dem MfS. Nachdem wir an diesem Tag von den Ausschreitungen und Randalen in der Stadt erfahren haben, beschließen wir in der FDJ-Schulleitung, die FDJ-Kreisleitung aufzusuchen und uns für eventuell notwendige Handlungen zur Verfügung zu stellen. Wir treffen auf einen Genossen des MfS, der uns erklärt, dass er für die Koordinierung aller Maßnahmen in der Kreisleitung die Verantwortung mit übernommen hat. Die folgenden Stunden sind hektisch und kaum überschaubar.

Dennoch bleibt um die Kreisleitung herum alles ruhig und ein wie auch immer gearteter Einsatz unter der Leitung eines Genossen des MfS findet nicht statt. Der Spuk, der der DDR so viel Schaden bringen sollte, ist bald vorbei.

Wir gehen an der Schule bei viel zugespitzten Diskussionen zu diesen Ereignissen zur Tagesordnung über. Das MfS verschwindet wieder aus meinem Gesichtskreis. Die wirtschaftlichen Konsequenzen des »Neuen Kurses« werden mich allerdings ein Leben lang begleiten – der Aufbau des Hüttenwerkes an der Oder bei Fürstenberg wird gestoppt. Das komplette Hüttenwerk wird nicht, wie ursprünglich geplant, Anfang der 60er Jahre vollendet, sondern erst 1997, als es die DDR schon nicht mehr gibt.

Das Wesen des »Neuen Kurses« bestand darin, eine ernsthafte Verbesserung der wirtschaftlichen Lage und der politischen Verhältnisse in der DDR zu erreichen und auf dieser Grundlage die Lebenshaltung der Menschen in der DDR bedeutend zu heben. Das ging auf Kosten der Schwerindustrie.

Meine Eltern stammten aus der Gegend MittweidaHainichen in Sachsen. Das war keine Gegend, die von revolutionären Kämpfen geprägt gewesen wäre. Aber die Vorfahren waren Fabrikarbeiter, Weber. Meine Urgroß­mutter hatte fast vierzig Jahre am Webstuhl gestanden, meine Großmutter an die zwanzig Jahre. Mein Vater wurde Lehrling in der Weberei und auch meine Mutter ging nach Abschluss ihrer achtklassigen Dorfschule den gleichen Weg. Wer viele Jahre seines Lebens, in einer Zeit, als der achtstündige Arbeitstag noch in weiter Ferne lag, Fabrikarbeiter war, der hatte keine Illusionen über OBEN und UNTEN in der Gesellschaft. Und meine Mutter brachte noch die Erfahrung mit, auf dem Dorf in einer Familie mit sechs Geschwistern aufgewachsen zu sein. Proletarisches Milieu also ringsum. Vater tritt schon als Lehrling in die Gewerkschaft ein und ist auch bald Mitglied in der Sozialistischen Arbeiterjugend. Nach abgeschlossener Lehre wird er Mitglied der SPD.

Am Ende der 11. Klasse, unmittelbar nach der Zeugnisausgabe, ruft mich der Schuldirektor in sein Büro. Er eröffnet mir, dass ich auf Grund meiner schulischen und gesellschaftlichen Leistungen vorgeschlagen bin, an die Arbeiter- und Bauernfakultät II der Martin-Luther-Universität zu wechseln, um dort das Abiturjahr mit dem Ziel eines künftigen Auslandsstudiums zu absolvieren. Dass dieser Sonderstudienanstalt zukünftiger Führungskader vom örtlichen MfS besondere Aufmerksamkeit zuteil wird, stand für mich außer Zweifel. Aber Kontakt zu den Genossen hatten wir nicht. Und weder ich noch einer meiner engsten Studienkumpel wurden angesprochen, etwa als Informanten tätig zu sein.

Unser Internatsleben ist streng reglementiert und aus welchen Gründen auch immer stark von vormilitärischer Ausbildung geprägt. Wir sind 400 Studierende. Und schon zu Schuljahresbeginn wird uns erklärt, dass nur die Hälfte eine Delegierung zum Auslandsstudium, vorrangig in die UdSSR, aber auch nach China und in andere volksdemokratische Länder, erhalten werden. Mehr war nicht nötig, um alle zu stimulieren, sich enorm anzustrengen. Es gibt eine kleine Parteigruppe der Studenten, in der ich mich aktiv einbringe.

Ich bestehe mein Abitur mit Auszeichnung und gehöre zu denjenigen, die nach Moskau zum Studium delegiert werden. Ich hatte mich für das angebotene Studium der Eisenhüttenkunde entschieden, das ich an der Mon­tanwissenschaftlichen Hochschule, dem Institut für Stähle und Legierungen, absolvierte.

In Moskau komme ich naturgemäß mit den Sicherheitsorganen der DDR nicht in Berührung. Aber in einer der Semesterferien – mein Vater war zu jenem Zeitpunkt nach einem schweren Verkehrsunfall schon nicht mehr am Leben – erzählt mir meine Mutter von einem Kontakt zum MfS. Der Parteisekretär ihrer Wohnparteiorganisation hatte sie angesprochen, ob sie bereit wäre, ihre Wohnung für konspirative Treffs des MfS zur Verfügung zu stellen. Sie wollte sich nicht ohne meine Meinung entscheiden. Meine Meinung: zustimmen – wenn sich die Genossen vertrauensvoll an dich gewandt haben, kannst du sie nicht enttäuschen.

Mutter kochte eine Kanne Kaffee, stellte etwas Gebäck auf den Tisch und verließ die Wohnung, wenn die Treffen angekündigt wurden. Und sie war jedes Mal überrascht, dass das Kaffeegeschirr ordentlich aufgeräumt in der Küche abgestellt war, wenn sie wieder nach Hause kam.

Während meines Studiums wird die Sowjetunion zu meiner zweiten Heimat. Nur zehn Jahre nach Kriegsende fährt man mit gemischten Gefühlen in dieses Land, das so fürchterlich in dem von Deutschland vom Zaune gebrochenen Krieg gelitten hat. Aber all die Jahre habe ich keinerlei Anfeindungen, ja nicht einmal böse Worte erlebt. Auch in Stalingrad nicht, wo ich im Stahlwerk »Roter Oktober« zusammen mit meinen Kommilitonen ein vierwöchiges Praktikum absolvierte und meine Facharbeiterprüfung als Stahlschmelzer ablegte. Mit einigen von ihnen bildeten sich Freundschaften fürs Leben bis in die heutigen Tage.

Die Gruppe der DDR-Studenten hat auch ihre eigenen gesellschaftlichen Organisationsformen, die FDJ- und die SED-Grundorganisationen. In beiden bin ich aktiv tätig, zeitweise als deren Sekretär. Es ist die Zeit, in der  wir alle daran glauben, den Sieg des Sozialismus noch zu erleben. Gagarins Flug in den Kosmos stärkt die Überzeugung von der zukünftigen Überlegenheit der neuen Gesellschaftsordnung. Auch Chruschtschows Rede auf dem XX. Parteitag der KPdSU mit der Abrechnung des Stalinschen Personenkultes mit all seinen schlimmen und verbrecherischen Auswüchsen kann diese Überzeugung nicht wirklich erschüttern.

Ich schließe mein Studium mit Auszeichnung ab, fahre vor dem endgültigen Verlassen meiner zweiten Heimat noch einmal für zwei Wochen zur Erholung in ein Studentenlager auf der Krim und begegne dort der Liebe meines Lebens, Swetlana. Wie es damit weitergehen könnte, ist uns beiden völlig ungewiss.

Im realen Leben der DDR angekommen, treffe ich als erstes auf die schon erwähnte Konsequenz des 17. Juni 1953. Mein Einsatzort sollte das Stahlwerk im Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) in Eisenhüttenstadt sein. Ein entsprechender Vorvertrag war abgeschlossen. Nur, das Stahlwerk gab es nicht und war auch nicht in Sicht. In der Investitionspolitik der DDR waren andere Schwerpunkte gesetzt worden. Also werde ich in das Stahlwerk des Stahl- und Walzwerkes Brandenburg delegiert. Für ein dreiviertel Jahr arbeite ich dort als Schichttechnologe – ein enormer Gewinn für mich bezüglich praktischer Erfahrungen am Siemens-Martin-Ofen und beim Vergießen des Stahls. Natürlich war die Schichtarbeit nach den langen Studienjahren gewöhnungsbedürftig, zumal ich wohnungsmäßig nur in sehr bescheidenen Verhältnissen zur Untermiete eine Bleibe gefunden hatte. Aber der Erfahrungsgewinn auch im Zusammenleben mit meiner Brigade hob das alles auf. Nach neun Monaten werde ich befördert und bin nun als zweiter Technologe für die technologische Arbeit im gesamten Stahlwerk verantwortlich. Parallel muss für die Abteilungsorganisation der FDJ ein neuer Sekretär gewählt werden – der Parteiauftrag landet bei mir. Ich habe in dieser Zeit keinerlei Kontakt zum MfS, werde von niemandem angesprochen und habe auch nur vage Vorstellungen von seinen Strukturen.

Nach anderthalb Jahren bin ich wieder in Moskau. Mir war angeboten worden, an meiner Alma Mater in einer Direktaspirantur zu promovieren. Das Thema betraf eine neu vorgesehene entscheidende Entwicklungsrichtung in der DDR-Metallurgie, das sogenannte Stranggießen (ein spezielles Verfahren zur Herstellung von Walzbarren und Pressbolzen aus Eisen- und Nichteisenlegierungen). Ich greife mit beiden Händen zu, denn das ist die Gelegenheit, Swetlana wieder zu sehen, nachdem wir uns die ganze Zeit nur über einen intensiven Briefwechsel näher kennenlernen konnten. Die Aspirantur dauert dreieinhalb Jahre; wir heiraten und unser Töchterchen wird geboren. Zu dritt reisen wir in die DDR, die neue Heimat meiner Frau.

All die Jahre weiß ich eigentlich nur, dass das MfS existiert. Das ändert sich mit meinem neuen Arbeitsort im VEB Stahl- und Walzwerk Riesa. Hier wird in einem Investitions-Großvorhaben die erste Stranggießanlage der DDR errichtet. Die Ausrüstungen kommen dazu aus der UdSSR; ich werde als Projektleiter eingesetzt. Die Anlage wird termingerecht errichtet, hat aber erhebliche Probleme, ihre Projektparameter bezüglich Produktivität und Produktqualität zu erreichen. Die Hauptursache liegt darin, dass sie für bestimmte Stahlprodukte projektiert ist, jetzt aber andere hergestellt werden müssen.

Ich arbeite gemeinsam mit den in Riesa anwesenden sowjetischen Spezialisten mit Leidenschaft an der Lösung der Probleme. Genossen des MfS sehen aber dunkle Kräfte am Werk und tauchen immer wieder zu Nachfragerunden auf. Mir ist das besonders vor den sowjetischen Genossen peinlich. Schließlich empfinden sie es auch als nicht angebrachtes Misstrauen.

Ich kenne heute die Namen der MfS-Genossen nicht mehr und auch nicht ihre Dienststelle und ihren Dienstgrad. Ich forschte auch nicht nach, ob sie ein breiteres Informationsnetz aufgebaut hatten. Ich war überzeugt, dass es sich bei den Anlaufschwierigkeiten um echte fachliche Probleme und nicht etwa um Feindeinwirkungen handelte. Wir lebten also mit dem anhaltenden Interesse der MfS-Genossen, das mit zunehmendem Erfolg unserer Bemühungen dann auch bald wieder verschwandt. Ich erlaube mir auch jetzt kein Urteil darüber, ob dies eine angemessene »Einmischung« war oder nicht. Schließlich erfüllte jeder seinen Auftrag. Aber frustrierend war es schon, dass ich in meinem ureigensten Fachgebiet und bei meiner politischen Entwicklung kein uneingeschränktes Vertrauen der Mitarbeiter des MfS genoss. So schien es mir jedenfalls.

1967. Das MfS bekommt für mich endgültig ein persönliches Gesicht. Es ist das von Heinz Fiedler, Generalmajor Heinz Fiedler, Leiter der Hauptabteilung VI des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Wir sind beide Kommilitonen im Einjahreslehrgang der Parteihochschule des Zentralkomitees der SED, in den ich aus meiner Funktion als Produktions- und stellvertretender Generaldirektor im VEB Qualitäts- und Edelstahlkombinat Hennigsdorf delegiert wurde. Auf Vorschlag der zentralen Parteileitung der Hochschule werde ich als Parteisekretär dieses Einjahreslehrganges gewählt. Die eigentliche Autoritätsperson unter uns ist jedoch Heinz. Und das nicht in erster Linie auf Grund seines Dienstgrades und seiner Dienststellung, sondern wegen seiner Persönlichkeit. Im Umgang mit uns allen tritt er bescheiden auf, absolut konzentriert im Unterricht und mit wohl überlegten und analytisch fundierten Beiträgen in Seminaren und Diskussionsrunden.

Für mich ist dieses Jahr an der Parteihochschule eine Fundgrube neuer Ideen, Argumente und persönlicher Beziehungen. Bisher ein hoch gebildeter Fachmann und aktives Mitglied der SED, war ich doch immer nur Metal­lurg unter Metallurgen. Hier sind Vertreter und Wirtschaftslenker wie ich, Kulturschaffende, Wissenschaftler mit Professorentitel, Funktionäre des Partei- und Staatsapparates, Außenhändler, Diplomaten, Sportfunktionäre und eben der Sicherheitsorgane. Wir sind uns schnell einig, dass wir diese Vielfalt nutzen sollten für interessante »außerschulische« Veranstaltungen. Und Heinz geht mit gutem Beispiel voran: bald besuchen wir in seiner Dienststelle eine MfS-interne Ausstellung über an der Grenze konfiszierte Gegenstände, besonders der für die Flucht präparierten PKW. Er wird auch aktiv zur Organisierung einer abendlichen Diskussionsveranstaltung mit Max Christiansen Clausen, dem Funker von Dr. Richard Sorge, einem Kundschafter der Sowjetunion während des Großen Vaterländischen Krieges, in den Räumen des Wachregimentes »Feliks Dzierzynski«. Und ich bin natürlich dran mit der Organisation einer Exkursion ins Stahlwerk Hennigsdorf, einem Betrieb mit über 8500 Arbeitern und Angestellten. Heinz und ich kommen uns auch persönlich näher; schließlich sind wir fast Landsleute, er aus dem Chemnitzer Raum, ich aus dem nahen Vogtland.

In Zukunft vergleiche ich alle Genossen des MfS, mit denen ich in Kontakt komme, mit der Persönlichkeit von Heinz Fiedler. Und von der Mehrzahl werde ich nicht enttäuscht!

1986. Ich bin in die Funktion des Generaldirektors des VEB Bandstahlkombinates berufen. Als mir mein Vorgänger das Büro übergibt, macht er mich darauf aufmerksam, dass angeblich das Telefon überwacht wird. Und er zeigt mir, dass er selbst ein Tonbandgerät installiert hat, um die Gespräche mitzuschneiden. Das Erste will ich nicht so richtig glauben, das Zweite lehne ich ab und lasse das Tonbandgerät entfernen. Die bisherigen Regelungen der Zusammenarbeit mit den örtlichen Organen der Staatssicherheit im Kombinat lasse ich bis auf zwei Ausnahmen bestehen: den Kontakt zum Chef der Bezirksverwaltung behalte ich mir ausschließlich selbst vor, und über den Kontakt zum Leiter der Kreisdienststelle ist mir regelmäßig zu berichten. Die operativen Beziehungen der Zusammenarbeit werden somit weiter von den Genossen meines Büros erledigt.

Ich werde in die Bezirksleitung der SED kooptiert, und bald sitzt in den Beratungen ein junger Generalmajor des MfS neben mir. Wie der Zufall so will, ist sein Vorname auch Heinz! Wir kommen nebeneinander zu sitzen, weil wir im Alphabet nebeneinander stehen – Döring und Engelhardt. Von Anfang an beeindruckt er mich. Klare politische Linie ist gepaart mit großer Aufmerksamkeit zu den mittlerweile im Land existierenden Problemen. Mir scheint, dass genau das das richtige Herangehen ist, um die reale Lage zu erfassen und sich eigene Gedanken zu notwendigen Problemlösungen zu machen – eine neue Generation von Führungskräften im MfS? Wir treffen uns nicht regelmäßig, aber bei Notwendigkeit. Einzelheiten dazu habe ich nicht mehr im Kopf, aber die Erinnerung, dass wir immer mit übereinstimmender Meinung auseinander gingen. Wir sind beide »Generale«, und so spielt sich alles auf Augenhöhe ab.

In einer der Sitzungen der Bezirksleitung, das ist mir heute sehr bewusst, versagen wir beide.

Das Sekretariat trägt einen Entschlussentwurf zur Verurteilung des Buches »Der vormundschaftliche Staat« von Rolf Henrich vor. Rolf Henrich, der frühere Parteisekretär des Rechtsanwalts-Kollegiums des Bezirkes Frankfurt (Oder), hat es verfasst; es ist eine grundsätzliche Kritik am Sozialismus in den Farben der DDR und Henrich hat es in der Bundesrepublik veröffentlicht. Der Beschluss wird einstimmig gefasst, auch Heinz und ich stimmen zu. Das Problem ist nur: Keiner von uns hat dieses Buch je in den Händen gehalten, keiner von uns hat es gelesen. Warum machen wir es uns in der Auseinandersetzung über unsere Probleme so einfach? Waren wir schon nicht mehr in der Lage, uns inhaltlich auseinander zu setzen?

Mit dem Leiter der Kreisdienststelle ist mein Kontakt regelmäßiger. Auch er war ein jüngerer Genosse. Er begegnet mir respektvoll und ist in seinen Darlegungen sehr konkret. Man spürt dahinter seine analytische Arbeit und die seiner Dienststelle. Im Jahre 1989 machen uns besonders die ständig zunehmenden Ausreiseanträge Sorge. Jedoch, es gibt kein Mittel dagegen. Auch meine persönlichen Gespräche, die ich mit Ausreisewilligen führe, bleiben ohne Wirkung. Dass wir uns über unser Dilemma intensiv austauschen, macht es uns beiden nicht leichter. Uns empört die Aussage des Generalsekretärs des ZK der SED, Erich Honecker, zur Hauptsendezeit am 1. Oktober 1989 im DDR-Fernsehen, dass wir den Ausreisenden keine Träne nachweinen sollten (auch nachzulesen in DDR-Zeitungen am 2. Oktober 1989), denn wir haben im Kombinat Riesenprobleme, da immer mehr Arbeitsplätze unbesetzt bleiben.

Am 30. Oktober 1989 gibt es in Eisenhüttenstadt im völlig überfüllten Haus der Gewerkschaften das Bürgerforum. Es geht hoch her; es geht aber um einen reformierten Sozialismus mit vielen, sich teils grundsätzlich widersprechenden Meinungsäußerungen. Die Abschaffung der Kampfgruppen wird mehrfach gefordert. Vom MfS befürchtete Auseinandersetzungen bleiben aus. Ich bin beunruhigt, dass mich keinerlei Informationen über wie auch immer geartete koordinierte Handlungen der Sicherheitsorgane erreichen. Als die Kreisdienststelle Eisenhüttenstadt des MfS von »Demonstranten« belagert wird, habe ich Kontakt zum Chef. Er macht mir einen besonnenen, überlegten Eindruck. Dass sich die Stimmung gegen das MfS dreht, ist unübersehbar. Täglich telefoniere ich mehrfach mit dem ersten Kreissekretär.

Ich bin als Generaldirektor Waffenträger (wer hatte sich eigentlich warum eine solche Regelung ausgedacht?). Vom Volkspolizeikreisamt (VPKA) werde ich aufgefordert, die Waffe im Amt persönlich abzuliefern. Ich verlange im Gegenzug, dass der Chef persönlich die Waffe bei mir abholt und den Empfang derselben unter Zeugen bestätigt. So geschieht es dann auch.

1990 werden viele Mitarbeiter des MfS entlassen. In der Kombinatsleitung diskutieren wir sofort, möglichst alle bei EKO einzustellen. Die Entscheidung fällt positiv aus. Ich empfinde, dass die Genossen nicht als Erste arbeitslos auf der Straße stehen dürfen, sondern die Chance für eine neue berufliche Perspektive dringend benötigen.

Mich holt das Thema MfS 1992 wieder ein. Plötzlich gibt es eine Pressekampagne »Döring ein Stasispitzel. Gestartet wird sie im durchaus renommierten Hamburger Manager Magazin. Dort steht zu lesen, dass die Gauck-Behörde auf Anfrage der Treuhandanstalt zu meinen Verbindungen zum MfS recherchiert habe und fündig geworden sei – es gibt eine Registrierung als GMS.

Ich lese diesen Begriff zum ersten Mal. Von irgendeiner Registrierung weiß ich nichts. Doch wer soll das jemandem mit meiner Vergangenheit glauben. Die Boulevard-Presse fällt über mich her und setzt wilde Spekulationen in die Welt. Jedoch mein Aufsichtsratsvorsitzender, ein Wirtschaftsprüfer aus Hamburg, stellt sich hinter mich, und die Vorstandskollegen sowie der Betriebsrat sind an meiner Seite.

In dieser aufgeregten Situation erreicht mich völlig überraschend ein Brief von Heinz Engelhardt, dem ehemaligen MfS-Bezirkschef. Er bietet mir seine Hilfe bei der Aufklärung des Sachverhaltes an. Von dieser solidarischen Geste bin ich tief beeindruckt; ich besitze diesen Brief bis heute. Ich entschließe mich aber, einen anderen Weg zur Klärung des Sachverhaltes zu gehen und beantrage bei der Stasi-Unterlagenbehörde in Frankfurt (Oder) Akteneinsicht. Mir werden mehrere Ordner mit vielen Hundert Seiten vorgelegt. Was ich zu lesen bekomme, will erst einmal verdaut werden. Mein Vorgänger hatte recht: mein Telefon ist ständig abgehört worden. Der größte Teil sind Abschriften meiner Telefongespräche mit meinem Minis­ter. Wie ist es um einen Staat bestellt, der dem doch eher engen Kreis seiner Führungspersonen nicht über den Weg traut. Ich habe diesem Staat nach bestem Wissen und Gewissen mit Leidenschaft und großer Einsatzbereitschaft gedient. Und nun das.

Man muss bis in unsere heutigen Tage gelebt haben, um auch das zu relativieren – heute weiß man, dass Obama Frau Merkel abhören ließ. Dass persönliche Berichte über mich in den Unterlagen fast ausschließlich von engen Mitarbeitern stammen (die Klarnamen wurden mir bekanntgegeben), erfüllte mich damals eher mit Traurigkeit als mit Zorn.

Ich habe keinen von ihnen zur Rede gestellt.

Dass die sozialistische Deutsche Demokratische Republik sich im nationalen und internationalen Klassenkampf wappnen und behaupten musste, steht für mich außer Frage. Die Berechtigung eines Ministeriums für Staatssicherheit ebenfalls. Dennoch, ich hoffe, die Enkel fechten es besser aus.

 

 

Ein Leipziger im Herbst ’89

 

Von Hartmut Gruner

 

Jahrgang 1946, Kraftfahrzeugschlosser, Fachschuljurist, Angehöriger des MfS/AfNS von 1967 bis 1990; letzter Dienstgrad Hauptmann; letzte Dienststellung operativer Mitarbeiter in der Bezirksverwaltung Leipzig, Abt. XVIII

 

Ich war nie ein Mensch, der viel Aufhebens um seine Person machte. Insofern drängte es mich auch nie, meine Erinnerungen zu Papier zu bringen und diese der Welt mitzuteilen. Wenn ich es nun trotzdem tue, dann ausschließlich wegen der Lügen, die über die DDR und das MfS verbreitet werden. Hier muss ich einiges klarstellen.

In einem kleinen Privatbetrieb in Leipzig schloss ich nach der 10. Klasse die Lehre als Kraftfahrzeugschlosser ab. Danach wollte ich meinen Wehrdienst ableisten – eine Selbstverständlichkeit für mich, ich betrachtete es als einen Beitrag für den Schutz meiner Heimat. Vom Elternhaus und als Jugendlicher bin ich vom gesellschaftlichen Umfeld dazu erzogen worden. Die Ereignisse um den 13. August 1961, die Zuspitzung der politischen Lage nicht nur in Berlin, sondern zwischen den beiden deutschen Staaten, schließlich den europäischen Staaten in Ost und West, waren für mich Anlass, mein Vorhaben nun nach erfolgreichem Abschluss der Lehre durchzuziehen.

Die Bewerbung zu den Grenztruppen ging aus gesundheitlichen Gründen schief. Ich beruhigte mich aber wieder und nahm eine Tätigkeit als Kraftfahrzeugschlosser im VEB Stahl- und Hartgusswerk Bösdorf auf. Nun war aber das Wehrkreiskommando auf mich aufmerksam geworden. Ich folgte nach einem Jahr dem Vorschlag, zur Aufnahmeprüfung an die Offiziersschule für Artillerie nach Zittau zu fahren. Nach einer Exkursion auf den Artillerieschießplatz stand für mich fest: diese Waffengattung kommt für mich nicht in Frage.

Im Laufe des Jahres 1966 wurde ich von Mitarbeitern des MfS gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, bei der Staatssicherheit eine Tätigkeit aufzunehmen. Ich könnte mich nach entsprechender Qualifizierung auch zum Offizier hocharbeiten. Man gab mir eine Bedenkzeit von einer Woche. Ich erklärte mich nach Ablauf der Frist bereit, meiner Heimat auf diese Weise zu dienen.

Am 2. Januar 1967 trat ich meinen Dienst in der Bezirksverwaltung Leipzig an. Dort sollte ich, was damals nicht absehbar war, bis zum 28. Fe­bruar 1990 arbeiten.

Meine mehr als 20-jährige Tätigkeit als Berufssoldat im MfS begann mit einem Jahr Wachdienst. Damit hatte ich eigentlich nicht gerechnet, aber mir war eine entsprechende Bemerkung bei den Verpflichtungsformalitäten in der Aufregung entgangen.

Die wenig befriedigende Tätigkeit ließ mich nach Qualifizierungsmöglichkeiten Ausschau halten. Dabei bekam ich reichlich Unterstützung.

Als Mitglied der FDJ und der SED wurde ich in politische Funktionen gewählt. Über mehrere Jahre konnte ich schließlich im »Rückwärtigen Dienst der BV« in verschiedenen Dienststellungen arbeiten. Mein Ziel war jedoch, eines Tages Mitarbeiter im operativen Dienst zu werden. Das schaffte ich zu Beginn der 80er Jahre. Ich kam in eine operative Diensteinheit, die mit Abwehraufgaben in verschiedenen Zweigen der Volkswirtschaft im Bezirk Leipzig betraut war. Ich wurde operativer Mitarbeiter in der Abteilung XVIII der BV Leipzig und erneut Anfänger auf vielen Gebieten. Ich hatte mich mit einer völlig neuen Materie vertraut zu machen und bekam dabei wiederum alle Unterstützung von langjährig tätigen Mitkämpfern. Ein Sprung ins kalte Wasser war es trotzdem. Hinzu kam für die Abende nach Dienstschluss und die Wochenenden die Aufgabe, mich im Rahmen der Fachschule des MfS zu qualifizieren. Ich hab’s geschafft.

Operative Arbeit bedeutete Menschen zu finden, die in der Lage und bereit waren, sicherheitspolitische Aufgabenstellungen des MfS zu unterstützen und bei ihrer Lösung mitzuhelfen. Zu ihnen war ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und eine Zusammenarbeit abseits der Öffentlichkeit zu organisieren. Ich musste die bereits vorliegenden Erkenntnisse über die Angriffe der Kräfte des Gegners, besonders die Mittel und Methoden der Geheimdienste, für meine operative Arbeit nutzen und einen eigenen Beitrag zur Abwehr erbringen.

Die DDR – als weltweit anerkannter souveräner Staat – unterhielt umfangreiche Wirtschaftsbeziehungen in sozialistische und kapitalistische Länder sowie junge Nationalstaaten, besonders in Afrika. Eine meiner ersten Aufgaben hatte damit zu tun.

Die Errichtung von Produktionsanlagen im Ausland – von der Planung bis zu ihrer Inbetriebnahme – erfolgte mit Fachkräften aus volkseigenen Betrieben, Kombinaten und Einrichtungen des Bezirkes Leipzig. Diese Wirtschaftsunternehmen wählten dafür Reisekader aus. Die Diensteinheiten des MfS überprüften unter sicherheitspolitischen Gesichtspunkten die vorgeschlagenen Fachkräfte und bestätigten diese. Dazu gab es Direktiven des Ministerrates der DDR und auf dieser Grundlage Befehle und Weisungen des Ministers für Staatssicherheit. (Details der Sicherheitsüberprüfungen in »Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS«, Bd 2, S. 105ff.; ebenfalls im Internet unter www.mfs-insider.de)

Da ich bereits über mehrjährige Erfahrungen in der Ermittlungsarbeit verfügte, auch das Prozedere der Abfrage von Daten-Speichern des MfS und der Volkspolizei beherrschte, wurde ich in eine Diensteinheit mit entsprechender Aufgabenstellung abkommandiert. Ich erwähne diesen Abschnitt meiner operativen Arbeit, weil ich dadurch weitreichende Kenntnisse über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erhielt und Verbindungen zu volkswirtschaftlichen Einrichtungen im Bezirk Leipzig aufbauen konnte, die sich später als nützlich erwiesen. Das betraf z. B. einen volkseigenen Betrieb, der im Bereich der Braunkohleveredlung, Lagerung und Speicherung von Erdgas sowie der Errichtung entsprechender Anlagen im Ausland zuständig war und zum Kombinat »Schwarze Pumpe« gehörte. Für die DDR als rohstoffarmes Land besaß dieser Industriezweig besondere Bedeutung.

Damit ergaben sich für meine Arbeit Aufgaben in mehreren Richtungen. Dieser Industriezweig hatte sich auf dem Weltmarkt gleichzeitig als ernstzunehmender Konkurrent etwa zum Lurgi-Konzern, der Babcock AG und weiteren Unternehmen entwickelt. Die Fachkräfte auf dem Gebiet der Braunkohleveredlung standen darum seither im Visier gegnerischer Angriffe mit dem Ziel ihrer Abwerbung, des Verleitens zum Verrat von Betriebs- und Dienstgeheimnissen sowie der Herbeiführung von Stö­rungen und Havarien verschiedener Art. Bis hin zu schwerwiegenden Sabotage- und Diversionsverbrechen.

Ferner hatte ich Kader zu überprüfen, die bei der Errichtung der Erdgastrasse in der Sowjetunion zum Einsatz kamen. Zeitweise gehörten zu meinem Aufgabenbereich zwei Institute aus dem Bereich der Energie- und Erzgewinnung, die im Fokus westlicher Interessen standen. Im letztgenannten Institut waren hochrangige Ge­heimnis­träger speziell für die Landesverteidigung tätig.

Ich habe mit Beschäftigten aus diesen Wirtschaftszweigen zusammengearbeitet, welche für ihre Aufgaben »brannten« und bereit waren, mir als Vertreter der Staatsmacht Unterstützung zu geben, um Schaden von unserem Land abzuwenden. Diesen Menschen bin ich für ihre vertrauensvolle Arbeit in all den Jahren dankbar. Darum schmerzt es mich bis heute, dass wir nicht verhindert haben, sie vor Diffamierung und Kriminalisierung, was oft mit dem Verlust von Arbeitsplätzen einherging, zu schützen. Als IM stellte man sie nach dem Untergang der DDR völlig zu Unrecht an den Pranger.

In den sieben Jahren als operativer Mitarbeiter war ich an mehreren Maßnahmen beteiligt. So zum Beispiel ging es um die Klärung von Kontakten eines Geheimnisträgers in die BRD, Klärung von Kontakten eines Entwicklungsingenieurs zu einer nachweislich nachrichtendienstlich tätigen Person, aber auch von Kontakten einer Person, die an der Gründung einer Sozialdemokratischen Partei in der DDR mitgewirkt hatte. Auf das erste Beispiel möchte ich etwas näher eingehen.

Vom tschechoslowakischen Staatssicherheitsorgan bekamen wir den Hinweis über eine Zusammenkunft von Bürgern aus Leipzig mit Bürgern aus der BRD. Sie verhielten sich auffällig und gerieten dadurch in den Fokus der Sicherheitsorgane der ČSSR. Überprüfungsmaßnahmen der Leipziger ergaben, dass darunter auch eine Person aus dem mir übertragenen Sicherungsbereich war. Diese Person war als Geheimnisträger verpflichtet und hatte Zugang zu Unterlagen und zu Objekten der höchs­ten Geheimhaltungsstufe. Der Mann hatte sich bei der Aufnahme seiner verantwortungsvollen Tätigkeit dazu verpflichtet, keinen Kontakt zu Verwandten in der BRD zu unterhalten und Kontaktversuche zu melden.

Nach Einleitung entsprechender operativer Maßnahmen wurde festgestellt, dass der Geheimnisträger mit einer westdeutschen Adresse konspirativ korrespondierte (die Post wurde über eine Leipziger Verwandte abgewickelt) und sich auf seinem Wochenendgrundstück im Bezirk Halle mit dem Bundesbürger traf.

Auf Grund seiner Kenntnisse im Rahmen der Landesverteidigung (also des Warschauer Vertrages) wurde das erarbeitete Material an die für Spionageabwehr zuständige Diensteinheit zur weiteren Bearbeitung übergeben. Entsprechend den dienstlichen Bestimmungen im MfS erhielt ich keine Kenntnis über den weiteren Verlauf der Sache. Ich gehe davon aus, dass ihm die Einstufung als Geheimnisträger entzogen wurde.

Ich führe dieses Beispiel deshalb an, um aufzuzeigen, welchen Sinn und Charakter unsere operative Arbeit hatte, die vorbeugend dem Schutz unseres Staates diente. Ich bin der Meinung, dass kein Staat Interna ungeschützt lässt und untätig zuschaut, wenn sich Personen organisieren, die die bestehenden gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Verhältnisse umstürzen wollen. Ebenso lässt sich kein Unternehmen bei der Entwicklung von marktbeherrschenden Produkten in die Karten schauen (Industriespionage). Entscheidend für unsere Arbeit waren die gesetzlichen Regelungen, die durch die Volkskammer und den Ministerrat der DDR beschlossen wurden. Und wie wir unlängst erlebten (auch wenn der öffentliche Druck zur Aufhebung der Entscheidung führte): In der Bundesrepublik reichte es im Jahr 2015 bereits zur Anzeige des Verfassungsschutzes und zur Einleitung eines Ermittlungsverfahrens durch den Bundesanwalt wegen »Landesverrats«, wenn zwei Redakteure eines Internetportals öffentlich zugängliche Dokumente elektronisch publizieren.

In der täglichen operativen Arbeit habe ich in Gesprächen mit IM vielfach die Sorgen über die innere Entwicklung der DDR zu hören bekommen. Das betraf den desolaten Zustand von Produktionsanlagen (VEB Espenhain), Umweltverschmutzung und -schäden (VEB Hydrierwerk Zeitz), Luftverschmutzungen und Zunahme von Erkrankungen der Atmungsorgane (Braunkohleveredlungs- und Chemiebetriebe im Raum Halle-Leipzig), technische Sicherheitsmängel sowie Unordnung, Veruntreuung und Diebstahl von Volkseigentum und Verschiedenes mehr. Aber auch über Hinweise auf bürokratische Hemmnisse, Fragen des täglichen Lebens und auf Versorgungsmängel war ich aufgefordert, an die dienstliche Leitung zu berichten. Ich habe eben über die Jahre, wie man so sagt, an der Basis gearbeitet.

Über alle diese Probleme wurden intensive Untersuchungen durch uns geführt, Berichte geschrieben und weitergegeben in der Annahme, dass »oben« reagiert würde. Die Reflexe, insbesondere durch die zentralen wirtschaftsleitenden Organe und von Gremien der Partei- und Staatsführung, nahmen stetig ab. Ich selbst fühlte mich zunehmend hilflos einer Entwicklung ausgesetzt, die keiner von uns wollte. In Gesprächen mit IM, mit Betriebsangehörigen, im Wohngebiet und innerhalb der Familie kam immer offener der Unmut darüber zum Ausdruck, dass die gesellschaftspolitisch Verantwortlichen sich unzugänglich zeigten. Das führte objektiv zu einem Konflikt, der sich nur politisch lösen ließ. »Die Politik« setzte jedoch ausschließlich auf Repression, was 1989 zu einer Verschärfung des Konfliktes führte. Es wurde auch für mich und meinesgleichen immer deutlicher, dass – einfach gesagt – nichts Gutes auf uns zukam. Kein Grund, in der dienstlichen Arbeit zu hadern, denn jeder hatte schon zuvor komplizierte Situationen bewältigen müssen, und es würde wohl auch diesmal geschafft werden, wie wir annahmen. Das sollte sich als Illusion erweisen.

Zu meinen Aufgaben als operativer Mitarbeiter gehörte es, ständig über die Stimmungslage unter den Beschäftigten im Sicherungsbereich auf dem Laufenden zu sein. So häuften sich auf meinem Schreibtisch die Notizen zu verschiedenen Geschehnissen im Leipziger Raum. Immer deutlicher wurde z. B. die aktive Einflussnahme von Vertretern der Kirchen, die auf ihre eigene Art zur Bildung von Diskussionsgruppen übergingen und mit Ratschlägen nicht sparten, wo gesellschaftliche und staatliche Organe sowie Parteien nur unbefriedigende Antworten hatten. Sehr schnell wurde dieser gebotene Freiraum genutzt, um Einfluss auf Unzufriedene zu nehmen und vor allem ohnehin gegen unsere Ordnung eingestellte Personen zusammenzuschließen. Schließlich fanden sich immer mehr Bürger zu den montäglichen Friedensgebeten in der Leip­ziger Nikolaikirche ein. Aufrufe zu Demonstrationen ohne kirchlichen Hintergrund häuften sich und wurden in kurzer Zeit zur Regel.

Aber auch sogenannte Umweltgruppen und Initiativgruppen zu verschiedenen Themen wie Erteilung rechtlicher Auskünfte für eine Antragstellung auf Ausreise aus der DDR sowie Abstimmung und Beratung zu möglichen Vorgehensweisen gegenüber staatlichen Organen der DDR, vordergründig der Abteilung Innere Angelegenheiten, bildeten sich und gewannen an Einfluss.

Die zur Ausreise entschlossenen Bürger waren zumeist hoch motivierte Arbeitskräfte, die in der BRD noch gute Chancen auf einen Arbeitsplatz hatten. Mit den dortigen Einkommensverhältnissen konnten sie sich vieles leisten, wofür sie in der DDR anstehen oder lange auf einer Warteliste standen. Im heutigen Sinne könnte man sie als »Wirtschaftsflüchtlinge« bezeichnen, die dorthin gehen wollten, wo für sie das Leben bequemer und angenehmer schien.

Die politisch motivierten Kräfte unter den aufbegehrenden Bürgern verließen seltener das Land, sie blieben und verstärkten objektiv feindlich eingestellte Gruppen. Für mich warfen solche Informationen aus dem Kreis meiner Verbindungen mehr Fragen auf als ich sie beantworten konnte. Ich denke hier auch an die Glasnost- und Perestroika-Diskussion seit Mitte der 80er Jahre, an die Einstellung des Vertriebes der Zeitschrift Sputnik, an die Unregelmäßigkeiten der Kommunalwahl im Mai 1989, die Botschaftsbesetzungen in Budapest, Prag, Warschau usw. Gerade diese Aktionen entfalteten einen Sog zum Verlassen der Republik. Diese Menschen sahen für sich in der DDR keine Perspektive mehr.

Es gelang den zuständigen gesellschaftlichen, betrieblichen und politischen Organen, einschließlich den Parteien, nicht mehr, dem Einfluss aus dem Westen wirksam zu begegnen und die Menschen zu Lösungen im für die DDR positiven Sinne zu gewinnen. Obwohl große Teile der sogenannten Bürgerbewegung für einen »besseren« Sozialismus auf die Straße gingen, glaubten sie den hinhaltenden Versprechungen nicht mehr. Sie forderten gesellschaftliche Reformen ein, die aber verweigert wurden.

Nach dem Rücktritt Honeckers am 18. Oktober 1989 leitete sein Nachfolger Krenz, wie er sagte, eine »Wende« ein. Doch dazu war es bereits zu spät. Der Klassenfeind hatte bereits in den aktiven Teilen der Gesellschaft Fuß gefasst und konnte sein Szenario durchsetzen. Aus dem in Leip­zig auf den Montagsdemonstrationen skandierten Ruf »Wir sind das Volk!«, womit »das Volk«, der Souverän, Mitsprache über seine Geschicke in der DDR einforderte, sollte alsbald der Ruf zur Abschaffung der DDR werden: »Wir sind ein Volk!«.

In den Monaten bis zum Sommer 1989 erledigte ich meine Tagesgeschäfte: Aufgaben zur Treffdurchführung und Wahrnehmung offizieller Kontakte in meinem Sicherungsbereich. Das wurde jedoch immer schwieriger, denn die Lage »auf der Straße« wurde zunehmend konfliktgeladener. Wir wurden immer häufiger zu kurzfristig befohlenen Sonderaktionen gerufen: Absicherung von Objekten des Sicherungsbereiches und schließlich unserer Dienststelle selbst.

Die montäglichen Friedensgebete brachten für den Einzelnen von uns nicht mehr zu überschauende Probleme mit sich. Von Montag zu Montag erhöhten sich die Teilnehmerzahlen, die Leipziger Innenstadt war zu einem zentralen Ort der DDR-Proteste geworden. Es wurden immer mehr Schilder und Transparente mit politischen und ökologischen Forderungen gezeigt. Das zu unterbinden war aussichtslos.

Die Entscheidung Honeckers, die Besetzer der Botschaft der BRD in Prag nur über das Territorium der DDR ausreisen zu lassen, führte am 5. Oktober 1989 zu ernsthaften Zusammenstößen mit Polizeikräften und ließ die ohnehin im ganzen Land angespannte Situation weiter eskalieren. Es war zu befürchten, dass die nächste Montagsdemo in Leipzig am 9. Oktober zu einer Explosion führen könnte.

Es wurde erhöhte Einsatzbereitschaft angewiesen, weil es Hinweise gab, dass es im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR um den 7. Oktober herum zu Ausschreitungen kommen könnte. Doch der Republikgeburtstag wurde in Leipzig verhältnismäßig ruhig begangen.

Am Montag sollte sich der Demonstrationszug über den Innenstadtring bewegen. An dieser Strecke befanden sich die neuralgischen Punkte Hauptbahnhof, Bezirksverwaltung des MfS, Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei und das Neue Rathaus. Diese Objekte wurden durch Einsatzkräfte der DVP gesichert. Reservekräfte – Mitglieder von Kampfgruppen aus Leipziger Betrieben – waren zur Absicherung des Leipziger Hauptbahnhofs vorgesehen. Die Sicherungskräfte des MfS trugen bis dahin Schlagstöcke, nur in Ausnahmefällen war die Mitnahme der Dienstpistole vorgesehen.

Am 9. Oktober erteilte der Leiter der BV Leipzig die Weisung, auch auf Schlagstöcke und Dienstwaffe zu verzichten. Auch die Kräfte der Kampfgruppen gingen ohne Waffen in Stellung. Die Bereitschaftspolizisten wurden mit Schlagstock, Helm und Schutzschild ausgerüstet. Und es standen motorisierte Einsatzwagen bereit: LKW mit Schiebegitter, Wasserwerfer und Schützenpanzerwagen mit Schiebeschild. Sie sollten Objekte, wenn erforderlich, auch mit militärischer Gewalt schützen. Alle Einsatzkräfte hatten den Befehl zu deeskalieren, d. h. beruhigen, entspannen, zurückhalten.

Mir war flau in der Magengegend, da aus Informationen inoffizieller Quellen bekannt war, dass mit einer erheblich größeren Personenanzahl an diesem Montag zu rechnen war. Uns wurde die Weisung erteilt, dass wir uns bei Gefährdung der eigenen Sicherheit hinter die Sicherungskräfte der VP zurückziehen sollten. Das beruhigte zwar etwas, aber als ich die Menschenmenge auf dem Karl-Marx-Platz sah, verstärkte sich das Gefühl der Unsicherheit. Ich stellte mir die Frage, was passieren könnte, wenn es Kräften, die auf Konfrontation aus waren, gelingen würde, Auseinandersetzungen mit der Polizei zu provozieren?

Zum Glück trat dieser Umstand nicht ein. Die Polizeikräfte waren so positioniert, dass der Demonstrationszug ungehindert und im sicheren Abstand an den neuralgischen Punkten vorbeizog. Und man muss auch einräumen, dass das Gros der Demonstranten – unter ihnen viele Mitglieder der SED, die ebenfalls mit ihrer Führung haderten – sich vernünftig und friedlich verhielt. Die Mehrheit suchte nicht die gewaltsame Konfrontation.

Dazu hatte auch der Aufruf der Sechs beigetragen, den Gewandhauskapellmeister Kurt Masur am späten Nachmittag über den Stadtfunk vorgetragen hatte.

Alle Umstände sicherten den friedlichen Verlauf der Demonstration am 9. Oktober 1989. Alles nachträgliche Gefasel von einem denkbaren Blutbad ist nicht nur Unsinn und der Versuch einer dramatischen Aufwertung, sondern dient in erster Linie der Diffamierung der bewaffneten Organe der DDR, die vernünftig und besonnen ihre Befehle ausgeführt haben, nämlich den Konflikt zu entschärfen und nicht zu verschärfen. Niemand wäre zudem bereit gewesen, auf das eigene Volk zu schießen!

Ich befand mich am Gebäude der Bezirksverwaltung, der sogenannten Runden Ecke. Meine Mitgenossen, die wie ich zur Sicherung der Dienststelle befohlen waren, verfolgten mit Anspannung die vorbeiziehenden Menschen. Einige Demonstranten stellten auf die Treppe und auf Fensterbänke Kerzen und zündeten diese an, andere skandierten »Stasi in die Produktion

Nach dem 9. Oktober fand ich nicht mehr zu einer geregelten operativen Arbeit. Bis zum Ende des Monats sicherten wir die Bezirksverwaltung bei den Montagsdemonstrationen, aber es zeichnete sich ab, dass es mit der Institution MfS bald zu Ende sein würde. Der »Volkszorn« richtete sich gegen das Ministerium, wobei dies gewiss nicht zufällig und spontan geschah. Es machte bald das Gerücht vom »Sündenbock« die Runde, den man glaubte im MfS gefunden zu haben. Die neue Regierung unter Ministerpräsident Hans Modrow hoffte Druck aus dem Kessel zu nehmen, indem man ein Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) an die Stelle des aufgelösten Ministeriums treten ließ. Doch das war den reaktionären Kräften im und außerhalb des Landes nicht ausreichend. Um das Land zu erobern, musste dessen Schutz- und Sicherheitsorgan weg. So einfach war die Logik.

Knapp einen Monat nach der Gründung des AfNS beschloss der Ministerrat am 14. Dezember 1989 dessen Auflösung. Stattdessen plante man, in Anlehnung an die Nachrichtendienststrukturen in der BRD, einen Verfassungsschutz mit rund 10.000 Mitarbeitern und einen Auslandsnachrichtendienst zu bilden. Am 13. Januar 1990 beschloss der Ministerrat auf Druck des Zentralen Runden Tisches, keinen Verfassungsschutz zu gründen, und die Auslandsaufkärung löste sich am 23. Februar selber auf – mit der Zusicherung, alle Akten der HV A vernichten zu dürfen.

Für mich und meine Frau hieß das, eine neue berufliche Tätigkeit zu finden, um unsere Existenz zu sichern.

»Heldenstadt Leipzig«? Orte in Russland, die sich den faschistischen Okkupanten und Mörderbanden tapfer entgegenstellten, verdienen diesen Titel. Aber unser geliebtes Leipzig, in der – gottlob – kein Schuss fiel und alle Menschen friedlich ihrer Wege gingen?

 

Aus dem Leben eines

Werftarbeiters, meines Vaters

 

Von Detlef Mauch

 

Jahrgang 1957, beim MfS von1975 bis 1989; letzter Dienstgrad Hauptmann, zuletzt Mitarbeiter der Abteilung IX der BV Rostock

 

Es war eine milde Sommernacht und Vaters 76. Geburtstag, den er bei mir beging. Wir hatten uns in den Garten zurückgezogen und saßen vor einem kleinen Lagerfeuer. Eine angenehm kühle Brise aus nördlicher Richtung trug einen kaum wahrnehmbaren leicht modrigen, mit einem Hauch Seetang aromatisierten Geruch ins Landesinnere. Diese Atmosphäre forderte Vater geradezu heraus, aus seinem bewegten Leben zu erzählen. Viele Episoden seines Lebens kannte ich bereits, schließlich ist er mein Vater und nicht zum ersten Male führten wir darüber eine Unterhaltung. Vater begann:

»Als ich vom Ministerium für Staatssicherheit angeworben wurde, war ich 25 Jahre alt. Von der Arbeit eines Geheimdienstes hatte ich keine blasse Ahnung und hatte mich bis dahin auch nicht sonderlich dafür interessiert. Wichtiger waren für mich mein Ingenieurfernstudium sowie meine Aufgabe als Leiter eines Jugendmeisterbereiches in der Produktion der Mathias-Thesen-Werft in Wismar. Damit hatte ich genug zu tun. Natürlich wusste ich von verschiedenen Vorfällen auf der Werft, die als Sabotageaktionen bezeichnet wurden. Das war allgemein bekannt und unter den Arbeitern in aller Munde. Da gab es plötzlich Wassereinbrüche in Schiffen, Brände wurden gelegt und Kabel durchgeschnitten. Alles in allem empfand ich diese Dinge als Sauerei und nahm so etwas sehr persönlich. Immerhin war es auch meine Arbeit, die zerstört wurde, oder nicht? So etwas konnte nicht geduldet werden. Deshalb hatten die Mitarbeiter für Nachwuchsgewinnung mit mir auch ein leichtes Spiel, als sie mich fragten, ob ich bereit wäre, hauptamtlich als operativer Mitarbeiter für das MfS zu arbeiten. Man erklärte mir, dass ich weiterhin auf der Werft tätig sein würde, dann aber vorwiegend für die Sicherheit des Betriebes verantwortlich sei, um genau solche Sabotageaktionen zu verhindern.

Klang doch sehr gut, oder nicht? War auch genau in meinem Sinne! Auch moralisch war an dieser Aufgabe nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil, ich empfand dieses Angebot als höchst ehrenwert und konnte mich voll damit identifizieren. Zwar wusste ich nicht genau, was operative Arbeit bedeutet und was dabei genau zu tun ist. Aber dazu sollte ich eingearbeitet und geschult werden.

Ich gab mein Einverständnis und wurde am 1. Juni 1962 als Mitarbeiter des MfS eingestellt. Stell dir mal vor, so etwas wurde damals in Zusammenarbeit mit der Werftleitung beschlossen. Man wurde faktisch von der Betriebsleitung, die mit dem MfS eine Vorabsprache tätigte, in die Reihen des Geheimdienstes delegiert. Eine höchst sonderbare Einstellungsmethode und wohl auf der Ebene der Geheimdienstarbeit weltweit einmalig. Irgendwie hatte das nichts mit Konspiration zu tun. Und tatsächlich, jeder auf der Werft, der mich kannte – und ich war ziemlich bekannt – wusste jetzt, dass ich von der Sicherheit angeworben worden war und nun beim MfS arbeitete. Das wusste dann natürlich bald auch unsere Nachbarschaft, da sich unser Haus in einer Werftarbeitersiedlung befand, meine Freunde und Bekannten erfuhren es auch, na und so weiter. Es war kein Geheimnis.

Was verdeckt ablief, waren die Arbeitsmethoden, mit denen ich es zu tun bekam. Operative Arbeit bedeutete, dass man als Mitarbeiter in seinem Zuständigkeitsbereich über den vorhandenen Bestand an Informanten – im MfS Inoffizielle Mitarbeiter genannt – Kenntnisse von allen Erscheinungen innerhalb der Werft erlangte, die in irgendeiner Art und Weise betriebsschädlich sein könnten. Heute würde man geschäftsschädigend dazu sagen. Die Werft gehörte aber dem Staat. Jeder absichtliche Schaden richtete sich also automatisch gegen den Staat und die Werktätigen des Betriebes. Mit diesen Informanten, die natürlich nicht enttarnt werden durften, wurden Treffen organisiert, meist obligatorisch oder auch auf Anforderung. Zu diesen Treffen wurden nachfolgend Berichte geschrieben, die dann auf ihre wirtschaftliche und politische Bedeutung geprüft wurden. Hatten sie eine Bedeutung für den Produktionsablauf der Werft, wurde die Werftleitung zwecks Bereinigung des Problems informiert und der Kreis schloss sich dort.

Bei Vorliegen einer Straftat oder eines entsprechenden Verdachtes wurden die Vollzugsorgane wie zum Beispiel die Polizei- und Zollorgane oder die Untersuchungsabteilung des MfS – ein Untersuchungsorgan nach § 88 der Strafprozessordnung (StPO) der DDR – informiert. So erfolgte eine Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Die verschiedenen Sektionen innerhalb des MfS wurden im Regelfall Abteilungen genannt und bekamen eine römische Ziffernbezeichnung. Ich gehörte somit der Abteilung XVIII an, die sich mit dem störungsfreien Ablauf der Volkswirtschaft beschäftigte.

Mein Büro befand sich in der Kreisdienststelle des MfS Wismar, die alle Mitarbeiter der verschiedenen Linien zusammenschloss und eine Diensteinheit darstellte. Obwohl alle Mitarbeiter Dienstgrade hatten, womit es zwangsläufig zu einer Hierarchie kam, war die Zusammenarbeit in einer Kreisdienststelle von kameradschaftlichem Geist getragen. Wir waren wie eine große Familie, jeder kannte jeden, Freundschaften reichten bis ins Private hinein, man stand gegenseitig für sich ein und war füreinander da. Eine Gemeinschaft quasi, die einem das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit gab. Es war eine Tätigkeit, die mich voll ausfüllte und die alles von mir abverlangte. Eine festgelegte Arbeitszeit gab es oft nicht. Man war praktisch immer im Dienst und so war es natürlich auch nicht immer einfach, Arbeit und Privatleben günstig miteinander zu verbinden – aber das weißt du ja selbst, mein Sohn.

Der Geist und der Inhalt meiner Tätigkeit im MfS hatten sich mit den Jahren stark verändert. Es war, als würde man selbstbewusst und erhobenen Hauptes unablässig vorwärts schreiten – mit der dumpfen Ahnung, dass hinter einem sich eine gewaltige Flutwelle aufbaute, die einen überrollen würde, wenn man nicht aufpasste.

Im Vergleich zu vielen anderen Wirtschaftszweigen der DDR entwickelte sich die wirtschaftliche Rentabilität der Werft – so wie im gesamten Schiffbaukombinat auch – recht positiv. Diese Tendenz wurde vom MfS und somit auch durch mich abgesichert. Zwar gab es verschiedene Bemühungen, durch Beschädigungen der Hauptantriebsmaschinen im Schiffsneubau, beispielsweise durch absichtliche Fremdkörperzufuhr, das Wachsen der Wirtschaftskraft der Werft zu behindern, aber solche Dinge erhöhten nur die Wachsamkeit und führten letztlich nicht zum gewünschten Erfolg, sondern wurden meist vorbeugend verhindert; nicht zuletzt durch Hinweise von Arbeitern der Werft.

Das Jahr 1989 geriet zum Jahr der Abrechnung. Die Menschen waren unzufrieden mit der wirtschaftlichen, mehr noch mit der politischen Situation. Die Welle war heran und überrollte uns. Ich war auf die oberste politische Führung wütend, die dies hatte geschehen lassen. Wie sollte es nun weitergehen? Was kam danach?

Das Leben ging weiter, wie es immer so ist und wie ich es schon öfter erleben musste! Mir stand nicht der Sinn nach Rache oder Aufbegehren gegen die neuen Machthaber, ich war kein Partisan. Zumal ich wusste, dass die Mehrheit der Ostdeutschen sich für den Systemwechsel entschieden hatten. Sicher in Unkenntnis dessen, was sie tatsächlich erwartete, und später hätten sie möglicherweise anders gewählt, doch die Entscheidung war unumkehrbar. Also hatte ich, hatten wir alle mit ihr zu leben.

Das hieß jedoch nicht, meine Ideale und Überzeugungen über Bord zu werfen. Das wollte ich nicht, denn dann hätte ich mich selbst verachtet. So wollte ich einfach der bleiben, der ich schon immer war: einer von den Arbeitern der Werft in Wismar.

Die Kreisdienststelle des MfS in Wismar wurde aufgelöst, alle Mitarbeiter mussten sich einen neuen Arbeitsplatz suchen. Und sich der üblen Angriffe der Medien und der inzwischen entstandenen Institutionen staatlicher Verfolgung erwehren.

Man denunzierte und bestahl uns um die Rentenansprüche – auch wenn seit 1962 formal meine Betriebszugehörigkeit nur geruht hatte. Schließlich war ich als Werft­arbeiter zum MfS lediglich »abkommandiert« worden.

Ich zog mit 55 Jahren wieder eine Schlosserkleidung an und begann auf der Werft in Wismar als Materialbereitsteller. Für manche – die lauthals zuvor gefordert hatten »Stasi in die Produktion – war das eine Zumutung, eine Unverschämtheit. Sie vermochten es durchzusetzen, dass mich die Geschäftsleitung der Mathias-Thesen-Werft GmbH am 7. Mai 1991 mit der Begründung entließ, ich sei als ehemaliger Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit den Kollegen und der Firma nicht zumutbar …«

Abende wie dieser, an denen Vater berichtete, haben sich tief in meine Erinnerung eingegraben. Er fand nach seiner Entlassung eine Tätigkeit als Arbeiter beim Tiefbau in Rostock. Es war eine körperlich schwere Arbeit, die in seinem Alter, er war Jahrgang 1937, nicht mehr zumutbar war. Er klagte jedoch nie, er musste seine Exis­tenz sichern.

 

 

Ehrennamen hüben und

das »Unsere Leute-Prinzip«

drüben

Antifaschistisches Vorbild

 

Von Konstantin Brandt

 

Jahrgang 1947, nach dem Abitur hauptamtliche Tätigkeit bei der FDJ in Berlin, beim MfS von 1966 bis 1974, danach Leiter einer Großbuchhandlung

 

Mitte der 60er Jahre begann ich meine Dienstzeit in der Wacheinheit der Verwaltung für Staatssicherheit Groß-Berlin (später Bezirksverwaltung Berlin). Da mein direkter Weg nach Abschluss des Abiturs an der Käthe-Kollwitz-Schule Berlin-Prenzlauer Berg über die Abteilung Kultur der Bezirksleitung der FDJ zum MfS geführt hatte, war ich nicht nur für die sportliche Betätigung in den Mannschaften der Bezirksverwaltung, (die übrigens auch als solche an öffentlichen Sportwettkämpfen oder auch an Betriebssportfesten in und rund um die Hauptstadt der DDR teilnahmen), sondern auch für die Kulturarbeit in der Leitung der FDJ-Grundorganisation ausgewählt worden.

Zu jener Zeit war unsere FDJ-Grundorganisation zwar aktiv, aber namenlos. So bestand eine der ersten Aufgaben, die uns unser Sekretär übertrug, darin, einen geeigneten Ehrennamen zu finden. Er sollte ein Vorbild für uns sein. Einen ersten Hinweis auf eine solche Persönlichkeit kam vom Förderer der FDJ-Arbeit in unserer Diensteinheit, dem damaligen Stellvertreter Operativ, Wolfgang Schwanitz. Nach einer ganz normalen Dienstberatung gab er uns nicht nur den Rat, mit dem Leiter unserer Bezirksverwaltung, Generalmajor Erich Wichert, zu reden, sondern vermittelte auch sofort einen Termin mit ihm.

Erich Wichert (Jahrgang 1909) war ein seit 1919 im Klassenkampf erprobter Kommunist (Jungspartakusbund, Kommunistischer Jugendverband und Kommunistische Partei Deutschlands). Von 1929 bis 1933 war er auch im Einsatz zum Schutz von Funktionären und Einrichtungen der KPD, so auch beim Schutz des Karl-Liebknecht-Haus, dem damaligen Sitz des Zentralkomitees sowie der inneren Organisationen der Partei. Hierbei machte er auch die persönliche Bekanntschaft des 13 Jahre älteren, erfahrenen Genossen Albert Kuntz.

Der Parteiselbstschutz, am 26. Juli 1930 als Wachschutz für Parteikader benannt, war auch am 9. August 1931 für die Sicherheit der KPD-Zentrale verantwortlich. Albert Kuntz war in Abwesenheit von Hans Kippenberg Leiter der Hauswache. Mit anwesend waren auch die Genossen Erich Wichert und Erich Mielke. Bei der Abwehr einer Provokation an diesem Tage fielen auch Schüsse. 1934, im sogenannten »Bülowplatz-Prozess«, wurde der 25jährige Erich Wichert zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Bei den von der Polizei provozierten Vorkommnissen auf dem Bülowplatz (heute Rosa-Luxemburg-Platz) am 9. August 1931 wurden zwei Polizeioffiziere getötet. Mehr als 60 Jahre später wurde Erich Mielke 1993 dafür in einem dubiosen Prozess des Berliner Landgerichts wegen angeblichen Mordes zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Ein Nachweis, dass Erich Mielke geschossen hat, wurde im Verfahren nicht geführt, beweiskräftige Dokumente lagen nicht vor. Grundlage für den Schuldspruch waren insbesondere Akten der NS-Justiz.

Erich Wichert verbüßte die Haftstrafe in den Vollzugsanstalten der Faschisten Berlin-Plötzensee, Luckau, Sonnenburg, Brandenburg-Görden, im Moorlager Emsfeld I (Börgermoor) und im Zuchthaus Untermaßfeld bei Meiningen. Das Zuchthaus wurde im April 1945 durch US-amerikanische Truppen befreit.

Nach elf schweren Jahren kehrte er endlich wieder in Freiheit nach Berlin zurück. Sofort war er aktiv beim Aufbau der neuen deutschen Polizeiorgane in der damaligen sowjetischen Besatzungszone beteiligt. Nach Gründung der DDR war er in leitenden Funktionen am Aufbau und der Führung des MfS beteiligt, von 1957 bis 1974 als Leiter der damals noch »Verwaltung Groß-Berlin« betitelten Diensteinheit. Im Range eines Generalmajors schied er 1974 aus dem aktiven Dienst aus. Am 5. August 1985, im Alter von 76 Jahren, verstarb er in Berlin. Sein Grab findet man im Ehrenhain für die Opfer des Faschismus auf dem Zentralfriedhof der Sozialisten in Friedrichsfelde. Wie ich erfuhr, trug die Wacheinheit der BV Berlin seit Januar 1989 den Ehrennamen »Erich Wichert«. Diesen Namen trug auch die 43. Polytechnische Oberschule in Berlin- Lichtenberg, die eine Patenschule der Bezirksverwaltung war. Eine ebenfalls nach Erich Wichert benannte Straße in Berlin-Hellersdorf fiel im Oktober 1991 dem politisch motivierten Umbenennungswahn zum Opfer und heißt heute Adele-Sandrock-Straße. Wie mir bekannt ist, wurde 1988 von Mitarbeitern der BV eine umfangreiche Dokumentation über Leben und Kampf des Genossen Wichert gefertigt. Sie wird heute von der »Stasi-Unterlagenbehörde« sicher verwahrt.

Zurück in meinen Erinnerungen in die Zeit Mitte der 60er Jahre. Im ersten Gespräch mit diesem aufrechten Antifaschisten begeisterte er uns damalige junge Mitarbeiter sofort, um den Ehrennamen seines Freundes und Genossen, des Kommunisten und Antifaschisten Albert Kuntz zu kämpfen. Wichert überzeugte uns u. a. mit solchen Worten »Für die jungen Menschen, die in unsere Zeit hineingeboren werden, ist selbstverständlich, was für uns damals Kampfziel war. Es kommt darauf an, was jeder jetzt daraus macht Natürlich freuten wir uns, obwohl wir damals nur wussten, dass Albert Kuntz wenige Tage vor dem Sieg über das faschistische Deutschland im KZ Dora ermordet wurde, ein Kampfgefährte von Ernst Thälmann war und als Org.-Sekretär von Berlin-Brandenburg auch an der unter konspirativen Bedingungen stattfindenden Tagung der KPD in Ziegenhals am 7. Februar 1933 teilgenommen hatte. Sie fand bereits eine Woche nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch Hindenburg unter erschwerten Bedingungen statt. An dieser Tagung nahmen über 40 führende kommunistische Funktionäre teil, so Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, Hans Beimler, John Scheer und auch Albert Kuntz. In seiner letzten Rede vor seiner Verhaftung durch die Faschisten forderte Ernst Thälmann die Partei auf, alle Möglichkeiten zu nutzen und die Aktionseinheit der Arbeiterklasse zu schmieden. Er warnte vor jeder Unterschätzung des faschistischen Terrors und wies bereits darauf hin, dass Sturz des Faschismus und sozialistische Revolution nicht unbedingt miteinander verbunden werden müssten. Er betonte in seiner Rede besonders den Klassencharakter des faschistischen Regimes.

Ernst Thälmann und zahlreiche weitere Teilnehmer, so auch Albert Kuntz, saßen in Gefängnissen und in Konzentrationslagern und wurden während der faschistischen Herrschaft ermordet. Am 7. Februar 1953 wurde das Gebäude in Ziegenhals durch Wilhelm Pieck als Gedenkstätte eingeweiht. Nach der Konterrevolution wurde die Gedenkstätte geschlossen und im Mai 2010 abgerissen. Nur ein Gedenkstein erinnert noch an diese bedeutende Tagung. Mindestens zweimal im Jahr kommen jetzt Hunderte von Antifaschisten und ehren den ermordeten Führer der deutschen Kommunisten und zugleich damit auch Albert Kuntz und alle anderen tapferen Antifaschisten, nicht nur aus den Reihen der KPD. Das betrachte ich als gelebte Erinnerung für eine bessere Zukunft in Frieden!

Durch den persönlichen Kontakt des Genossen Wichert eröffnete sich uns die Möglichkeit zu Gesprächen mit der Genossin Ellen Kuntz, der Ehefrau und Kampfgefährtin von Albert. Sie kennenzulernen war für uns FDJler ein großes Erlebnis und sie freute sich, dass das Vermächtnis ihres Alberts bei uns jungen MfS-Mitarbeitern in guten Händen sein würde. Von ihr erfuhren wir sehr viel über die gemeinsame Jugend mit Albert, ihre gemeinsamen Kämpfe, aber auch Freuden.

Dann besuchten wir Karl Kuntz in Wurzen. Im Vorort Bennewitz war sein Bruder Albert geboren worden. Karl stellte uns seine Stadt persönlich vor. Vieles erinnerte zu DDR-Zeiten an ihren größten Sohn. Auch das Kombinat Dauerbackwaren trug seinen Namen. Und heute?

Über die schwere Zeit im KZ Lichtenburg und im KZ Buchenwald berichtete uns in mehreren Gesprächen Professor Walter Bartel, Historiker und damaliger Vorsitzender des Buchenwaldkomitees der DDR. Er erzählte uns vom besonders aufopferungsvollen Widerstand in den Konzentrationslagern, angeführt durch das Illegale Lagerkomitee, dem Albert angehörte. Im KZ Dora übernahm er die Leitung des Widerstandes gegen die unterirdische Raketenproduktion (V2) der Faschisten. Ihm und seinen Kameraden aus vielen Ländern, die die Faschisten in diesem Außenlager von Buchenwald nahe Nordhausen eingesperrt hielten, ist es durch Sabotage an der Montage gelungen, Menschenleben zu retten. Wir lasen viele Dokumente aus dieser Zeit, einige davon hatte uns eine Genossin unserer Dienststelle aus dem Russischen übersetzt.

Über diese »Forschungsarbeit« lernten wir auch die Volkspolizei-Bereitschaft in Torgau kennen, die bereits den Ehrennamen »Albert Kuntz« trug. Aus dem gesammelten Material fertigten wir eine Dokumentation. Ich verfasste dazu ein Dokumentar-Hörspiel mit ganz einfachen Mitteln. Die FDJler unserer »Forschungsgruppe« übernahmen verschiedene Rollen und sprachen diese in ein Mikrofon auf ein Tonband. Nach diesen Mühen waren wir stolz auf das Ergebnis, waren wir doch mit dem Herzen dabei. Mit der Dokumentations-Mappe und dem Hörspiel wollten wir anderen, auch außerhalb unseres Ministeriums, z. B. den in Patenschaft verbundenen Jugendklubs, die Möglichkeit geben, sich mit dem Leben und Kampf von Albert Kuntz vertraut zu machen.

Natürlich gaben wir FDJler anlässlich der Erringung des Ehrennamens gegenüber unserer dienstlichen und politischen Leitung Verpflichtungen ab – freiwillig: Alle FDJ­ler unserer Grundorganisation werden in ihren Diensteinheiten vorbildliche Arbeit leisten, ob im Wach- und Sicherheitsdienst, in der Verwaltung oder in der politisch-operativen Tätigkeit. Die Traditionspflege sollte weitergeführt werden. Bestimmendes Moment war natürlich der antifaschistische Kampf unserer Vorbilder wie Albert Kuntz, Walter Ulbricht, Ernst Thälmann und auch Erich Wichert. In der Kulturarbeit steckten wir uns besonders hohe Ziele. Mit Unterstützung unserer dienstlichen Leitung organisierten wir für alle Mitarbeiter die erste Disco-Veranstaltung im MfS in unserem Kultursaal der BV. Auf unseren Erfahrungen aufbauend gelang dies auch gemeinsam mit der Kulturabteilung des Wachregiments » Feliks Dzierzynski« im Kulturhaus des Regiments in Adlershof. Wir gründeten die erste Singegruppe im MfS. Bald konnten wir uns vor Auftrittsnachfragen nicht mehr retten. Durch das Verständnis unserer Vorgesetzten wurden wir dafür freigestellt. Wir sangen in der Fernsehsendung »rund« des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Vorbereitung der Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 in der Hauptstadt der DDR Berlin, waren gern gesehene Gäste auch bei Erich Mielke und Markus »Mi­scha« Wolf. Unvergesslich sind für mich die unzähligen gemeinsamen Auftritte mit dem großartigen Chor des Wachregiments des MfS.

So erreichten wir unser Ziel und erhielten als FDJ-Grundorganisation aus den Händen von Ellen Kuntz und Erich Wichert den Ehrennamen »Albert Kuntz«. Zu diesem Anlass hatten wir Ehrenplaketten aus Porzellan herstellen lassen, die das Porträt von Albert trugen. Ellen und unser General waren die ersten, die damit ausgezeichnet wurden. Erst vor wenigen Jahren habe ich erfahren, dass auch Leo Kuntz, der Sohn von Albert und seine Frau Leopoldine, sowie Aktivisten der Traditions- und Öffentlichkeitsarbeit der BV, wie Hans-Peter Wokittel, einige Jahre später, als ich längst dem FDJ-Alter entwachsen war, diese Auszeichnung erhalten haben. Die Traditionsarbeit fand erst ihren erzwungenen Abschluss im Jahre 1990. Auch diese Unterlagen befinden sich bestimmt »wohl verwahrt« oder vielleicht gar als »Opferakten« im Archiv der BStU-Behörde.

Warum erinnere ich in der heutigen Zeit, nach so vielen Jahren überhaupt daran? Das hat natürlich auch etwas mit der vom damaligen Justizminister Kinkel 1991 rechtsstaatsbefohlenen Delegitimierung der DDR zu tun. In den vom Zeitgeist beherrschten Medien findet man unter dem Namen Albert Kuntz viele Unwahrheiten, wie u. a., die Lagerkomitees in Buchenwald und DORA und die »Roten Kapos« dienten nur dem eigenen Überleben. Die systematische Sabotage (im Falle Albert Kuntz an der V 2) wird bezweifelt, die massenhaften Ausfälle hätten eher damit zu tun, dass die Raketen nicht ausgereift waren. Die Selbstbefreiung des KZ Buchenwald habe nicht stattgefunden und die Rolle der US-Armee als »Befreier« wäre verschwiegen worden. Letztendlich wird auch der Zusammenhang des Mordes an Albert Kuntz mit der Aufdeckung einer Sabotageaktion als nicht gesichert angesehen.

Der Antifaschismus der DDR wird nunmehr nicht nur als verordnet, sondern auch als falsch und einseitig diskreditiert. Der Faschismus ist in Europa wieder auf dem Vormarsch. So ist es heute eine besonders dringliche Aufgabe, jeglicher Geschichtsfälschung entgegen zu treten.

Als Lektüre empfehle ich als ehemaliger Buchhändler: Albert Kuntz, »Liebste Ellen … Briefe aus der Nazi-Haft 1933 bis 1944«; herausgegeben von Leo und Leopoldine Kuntz, Goetz und Hannelore Dieckmann, erschienen 2005 im Berliner Karl-Dietz-Verlag.

 

 

Einer wie Franz Gold

 

Von Hansjoachim Tesch

 

Jahrgang 1942, Diplomjurist, beim MfS/AfNS von 1960 bis 1990, letzter Dienstgrad Oberstleutnant, zuletzt stellvertretender Abteilungsleiter der Abt. II der Hauptabteilung Personenschutz des MfS (HA PS)

 

Im Oktober 1960 wurde ich ins Wachregiment des MfS nach Berlin einberufen. Ich hatte mich freiwillig für den Wachdienst entschieden. Was dann allerdings auf mich zukam, ging in meinen Vorstellungen weit auseinander.

Ich erledigte die mir übertragenen Aufgaben aber offenkundig gut und wurde nach einem Jahr mit der »Bestenschleife« für Soldaten ausgezeichnet. Meine Vorliebe galt der Kulturarbeit in der Kompanie. Bei den ersten SOLDATEN-FESTSPIELEN erhielt ich eine Bronzemedaille als Rezitator.

Der Stellvertreter-Polit, Oberst Karl Naumann, sagte mir nach dem Vortrag: »Genosse Gefreiter, bei deinem Vortrag bekam ich Gänsehaut

Gänsehaut sollte später auch ich oft bekommen. So im Jahre 1962, ich war gerade 20 Jahre alt, als ich bei einer meiner ersten Sicherungsaufgaben Franz Gold (1913-1977) begegnete. Walter Ulbricht hatte anlässlich eines Staatsbesuches zu einem Theaterbesuch ins Berliner Metropol­theater eingeladen. Ich erhielt den Befehl, hinter der Bühne des Theaters darauf zu achten, dass nur Bühnenarbeiter mit gültigem Sonderausweis sich dort aufhalten durften. Eine Aufgabe, die nicht sonderlich kompliziert war, denn das Bühnenpersonal war sehr diszipliniert und selbst auch auf Sicherheit bedacht. Ich spürte oft, dass die Bühnentechniker mich im Auge hatten, um zu sehen, dass ich etwas anfasste, was nicht zu meinen Aufgaben gehörte. Plötzlich erschien ein großgewachsener Mann mit einer stattlichen Figur. Ich erkannte General Franz Gold. Mit weichen Knien erstattete ich ihm Meldung, die »ohne besondere Vorkommnisse« lautete. Ich hätte es mir damals nie träumen lassen, dass ein General eine Kontrolle hinter einer Theaterbühne durchführte. So lernte ich Franz Gold kennen, bei einer Aufgabe, die den Schutz führender Repräsentanten zum Inhalt hatte.

Der Schutz der führenden Repräsentanten unseres Staates war keine Erfindung des MfS. Diese Thematik spielte schon im alten Rom und auch im Deutschland des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle. Der Schutz zielte auf die vorbeugende Abwehr individuellen Terrors ab und hatte auch zu DDR-Zeiten keine andere Funktion. Mit der Bildung des MfS am 8. Februar 1950 wurde in dessen Struktur auch eine Abteilung Personenschutz gebildet. Dessen erster Leiter wurde der damals 36-jährige Franz Gold. Im Jahre 1964 übernahm der Generalmajor das Objekt an der Liebermannstraße. Zu jener Zeit versah ich meinen Dienst in Pankow-Niederschönhausen.

Die Leitung meiner Abteilung war im Objekt Liebermannstraße stationiert. Ende der 60er Jahre wurde ich in den Stab unserer Abteilung berufen und bezog dort ein Dienstzimmer. Jetzt traf ich Franz Gold sehr oft.

Auch an einem Silvestervormittag. Es klopfte an der Tür meines Dienstzimmers. Ich rief »Herein – und stand stramm hinter meinem Schreibtisch. General Gold stattete mir und meinen dienst­tuenden Mitarbeitern einen Besuch zum Jahreswechsel ab und wünschte uns ein gesundes Neues Jahr.

Ein weiteres Erlebnis mit Gänsehautgefühl:

Am Vorabend einer Festveranstaltung anlässlich des Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolu­tion, zu der auch eine große Delegation sowjetischer Tschekisten geladen war, erhielt ich von der FDJ-Kreisleitung den Auftrag, Wladimir Majakowskis »Gut und schön. Ein Oktoberpoem« vorzutragen. Am Ende der Festveranstaltung sprach mir unser General seine Anerkennung für meinen Vortrag aus. So viel soldatische Kameradschaft werde ich nie vergessen.

General Franz Gold war in all den Jahren als Leiter der HA PS mit Aufgaben zur Sicherung der führenden Repräsentanten der DDR und ihrer ausländischen Gäste beauftragt. An vielen Aktionen und Einsätzen nahm auch ich teil. Mir blieb in Erinnerung, dass General Gold seine Befehle und Weisungen sehr präzise und konkret erteilte und darauf achtete, dass diese diszipliniert und genauestens befolgt wurden. Dabei ließ er stets Sachlichkeit walten. Ich hatte oft den Eindruck, General Gold konnte sich sehr gut in die Situation seiner Unterstellten hineinfinden. Im Kollektiv der Leitung der Parteiorganisation Personenschutz (PO-PS) saß ich mit ihm im gleichen Sitzungszimmer. Genosse Gold war in seinem Auftreten und in seinen Ansichten für mich ein aufrichtiger Kommunist und ein glühender Tschekist. Ich habe mir große Achtung vor Franz Gold bewahrt.

In unserer Hauptstadt erhielten in den 70er und 80er Jahren öffentliche Gebäude, Schulen und Straßen Ehrennamen von antifaschistischen Widerstandskämpfern. Die­se waren, soweit sie die Nacht des Faschismus überlebt hatten, auch Aktivisten der ersten Stunde unserer Republik. Sie hatten wesentlichen Anteil daran, dass die DDR gegründet wurde.

Namen wie Franz Gold und Wilhelm Enke standen stellvertretend für viele Antifaschisten, die nach 1945 in den Reihen der bewaffneten Organe der DDR ihre Erfahrungen und ihren Aufbauwillen in den Dienst der sozialistischen Sache stellten. Sicher waren diese Namen damals nur einem kleinen Kreis antifaschistischer Widerstandskämpfer, ihren Mitstreitern, Verwandten und Bekannten geläufig. Auch deshalb traten wir dafür ein, dass besonders die nachfolgenden Generationen mit dem Leben dieser aufrechten deutschen Patrioten und Internationalisten vertraut gemacht wurden. Meine ehrenamtliche Tätigkeit sollte dann der 20. Polytechnischen Oberschule in Berlin-Hohenschönhausen gelten, die 1976 den Namen »Franz Gold« verliehen bekam.

Die Dienststelle der HA PS lag im Einschulungsbezirk Berlin-Weißensee, in der damaligen Klement-Gottwald-Allee, heute Berliner Allee, Ecke Liebermannstraße. Viele unserer Mitarbeiter und auch ich hatten Kinder, die Schulen in Berlin-Weißensee und Berlin-Hohenschönhausen besuchten. Es war deshalb folgerichtig, dass sie als Eltern auch bereit waren, ehrenamtlich in den Elternaktiven und Elternbeiräten der Schulen ihrer Kinder mitzuarbeiten. Sie beteiligten sich an Arbeitseinsätzen zur Pflege und Verschönerung der Sport- und Außenanlagen der Schulen. Bei der Renovierung von Klassenräumen oder der Ausrichtung von Schulsportfesten waren sie dabei. Einige Eltern, Angehörige unserer Diensteinheit, waren z. B. als Übungsleiter im Sport oder als ehrenamtliche Jugendstundenleiter für die Jugendweihe tätig. So entstand eine enge und kameradschaftliche Zusammenarbeit, in der der Gedanke reifte, um den Ehrennamen »Franz Gold« für die Schule zu kämpfen.

Gemeinsam gingen wir dieses Projekt an. Eine der wichtigsten Aufgaben sahen wir darin, den Schülern, aber auch den Lehrern, Stationen aus dem Leben von Franz Gold nahezubringen. Vieles war uns aus seiner Biografie bekannt. Wir trugen zudem manch Interessantes zusammen und erstellten Dokumentationen, die wir an der Schule nutzten. In seiner 1996 erschienenen Autobiografie »Zur Sache und Person« schilderte Heinz Keßler beeindruckend Franz Gold als mutigen Kämpfer gegen die faschistischen Aggressoren in der Sowjetunion.

Seit der Bildung des Personenschutzes im Jahre 1950 war Franz Gold der Leiter dieser Diensteinheit. 1959 wurde er zum Generalmajor ernannt und 1972 zum Generalleutnant befördert. Er verstarb am 8. Mai 1977 in Berlin. An der Beisetzung der Urne am Pergolenweg in der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde habe auch ich teilgenommen.

Am 16. September 1986 hatte ich gemeinsam mit den Jugendstundenleitern, mit Vertretern des Lehrkörpers der Schule, der FDJ-Grundorganisation und des Pionierfreundschaftsrates im Ehrenmal für die gefallenen sowjetischen Soldaten in Berlin-Schönholz, am Mahnmal »Mutter Heimat«, das Jugendweihejahr 1986/87 eröffnet. Es war der 7. Jahrestag der Verleihung des Ehrennamens »Franz Gold« an die 20. Polytechnische Oberschule.

Als dann die Jugendweihefeiern in Berlin näher rückten, erhielt ich folgende Einladung: »Werter Gen. Oberstleutnant Tesch! Im Namen aller 8. Klassen möchten wir Sie recht herzlich zu unserer Jugendweihefeier ins Kino »Kosmos« einladen. Wir freuen uns sehr, Sie als Festredner dort begrüßen zu können. Freundschaft Klasse 8a«. Ich nahm die Einladung an. In Zusammenarbeit mit den Jugendlichen, den Eltern-Vertretern und dem Jugendweiheausschuss der Schule musste die Festansprache und die Einladungen an die Eltern, Verwandten und Bekannten vorbereitet werden. Ich wurde einbezogen in die Zusammenstellung des Festprogramms.

Warum beschreibe ich das so ausführlich? – weil bis in die gedruckten Einladungen allen bekannt gegeben wurde: Die FESTANSPRACHE hält Oberstleutnant Hansjoachim Tesch, Ministerium für Staatssicherheit. (Wie heißt es jetzt im BILD-Jargon?: »SED-Geheimpolizei«)

Die Jugendweihefeier fand am 18. April 1987, einem Ostersamstag, statt. Zwischen der damaligen Marchlewski-Straße und dem Frankfurter Tor in der Karl-Marx-Allee befindet sich das 1962 eröffnete »Kosmos« mit nahezu 1.000 Sitzplätzen. In dem größten Filmtheater unserer Hauptstadt fanden sehr viele DEFA-Filmpremieren statt und auch großartige Jugendweihe-Festveranstaltungen. Wie immer, auch zur Veranstaltung der Franz-Gold-Oberschule, war das Filmtheater bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich trat in Ausgangsuniform der Landstreitkräfte der NVA an das Rednerpult.

Wie beginnt man eine Ansprache in so feierlicher Atmosphäre an einem Ostersamstag? Ich entschied mich für Goethes »Osterspaziergang«: »Vom Eise befreit sind Strom und Bäche«. Seine Verse enden mit der bekannten Zeile: »Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein

In meiner Festansprache würdigte ich die fleißige Arbeit der Schüler beim Lernen und bei der Bewältigung der anderen vielfältigen Aufgaben. Meine Anerkennung galt den Lehrern und den ehrenamtlichen Helfern, die sich für die Erfüllung der Schuljahresziele eingesetzt hatten. Auch den Eltern, Großeltern, Freunden, Verwandten und Bekannten, die sich der Fragen, der Probleme und der Interessen der Schüler annahmen. Und ich sprach auch zu den Themen der Jugendweihestunden des zu Ende gehenden Schuljahres. Meine Festrede schloss ich mit Worten Bertolt Brechts auf dem »Völkerkongress für den Frieden« in Wien im Jahre 1952: »Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden ist fasst noch geringer. Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, und wenn es schon wie Asche in unserem Munde ist, denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen, ohne Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.«

Die Feier verlief in einer festlichen Atmosphäre. Die Jugendlichen und alle Anwesenden haben – so meine ich – Erinnerungen für ihr Leben mitgenommen. Und persönlich denke ich noch heute (und nunmehr erst recht mit besonderem Stolz) daran: Weder in Vorbereitung der Veranstaltung noch im Nachhinein habe ich eine Stimme gehört, die sich gegen mich als Offizier des MfS oder gegen das Ministerium richtete. Was zu DDR-Zeiten zum normalen gesellschaftlichen Leben gehörte, wird heute vom herrschenden Zeitgeist so dargestellt, als hätten wir die Jugendlichen und Kinder von morgens bis abends militärisch gedrillt, ideologisch kommunistisch verseucht und Lehrer und Schüler ausspioniert. Mir sind von dieser Veranstaltung hunderte Hände in Erinnerung, die meinen Worten Beifall spendeten.

Heute trägt die vormals 20. POS »Franz Gold« den Namen »Philipp Reis«.

 

 

Nazi-Verbrechern

auf der Spur

Von Dieter Skiba

 

Jahrgang 1938, Diplomjurist, beim MfS/AfNS von 1958 bis1990, letzter Dienstgrad Oberstleutnant, zuletzt Leiter der Abteilung IX/11 in der Hauptabteilung Untersuchung

 

Im Herbst 1938, als ich geboren wurde, hatten sich die 1933 an die Macht gekommenen deutschen Faschisten bereits Österreich als »Ostmark« in das »Deutsche Reich« einverleibt und schickten sich gerade an, das Sudetenland »heim ins Reich« zu holen. Das aber war nur das »Vorspiel« für die danach folgenden Massenverbrechen während des Zweiten Weltkrieges in den zeitweilig besetzten Gebieten ebenso wie an der eigenen Bevölkerung.

20 Jahre später – ab 1958 – hatte ich als gerade in das MfS eingestellter Mitarbeiter in der Kreisdienststelle Oranienburg das erste Mal im MfS archivierte Originaldokumente aus der Zeit des Faschismus mit Personalangaben über an diesen »Einmärschen« und folgenden Verbrechen beteiligt gewesene SS-Angehörige in der Hand. Wir suchten damals im Rahmen unserer Aufklärungs-, Abwehr- und Sicherungsarbeit gegen innere und äußere Feinde der DDR, speziell auch im Zusammenhang mit dem Aufbau der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen, nach im KZ Sachsenhausen tätig gewesenen SS-Schergen und ehemaligen Naziaktivisten. Dabei ging es auch um deren mögliche Kontakte in die DDR und insbesondere in das zu sichernde Kreisgebiet. Damals stellten wir zwar eine Reihe solcher Rückverbindungen fest, aber mit Sicherheit bei weitem nicht an­nähernd alles, was es da an solchen Beziehungen gab.

Beispielsweise war mir während meiner Dienstzeit in Oranienburg noch nicht bekannt, dass der im Oktober 2013 in Rom verstorbene Nazi-Kriegsverbrecher Erich Priebke in dem zum Kreisgebiet gehörenden Hennigsdorf geboren worden war und dort Verwandte von ihm wohnten. Dieser SS-Scherge war 1944 an der Erschießung von 335 Geiseln in den Adriatischen Höhlen bei Rom beteiligt und 1998 in Italien zu lebenslanger Haft im Hausarrest verurteilt worden.

Wie aus Pressemitteilungen bekannt ist, wurde der von Familienangehörigen gewünschten Beisetzung Priebkes in Hennigsdorf seitens der Stadtverwaltung nicht entsprochen und damit verhindert, dass Priebkes Grab zur Pilgerstätte für Alt- und Neonazis werden konnte. Noch im Juni 2012, zum 99. Geburtstag des SS-Offiziers Priebke, waren mehr als 50 Neonazis mit Fackeln durch Hennigsdorf marschiert. Unvorstellbar, dass so etwas in der DDR zugelassen worden wäre.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich daran, dass wir in der DDR nach dem Tode des als »Erfinder der Gaswagen« bekannten SS-Verbrecher Rauff auch vor einem solchen Problem standen. In der DDR lebende Familienangehörige hatten beantragt, den Verstorbenen in Köthen »in heimatlicher Erde« bestatten zu dürfen. Dieses Ansinnen ist aus prinzipiellen Gründen abgelehnt worden. Schließlich war Rauff nicht nur an Naziverbrechen beteiligt, sondern danach in Südamerika als Agentur des westdeutschen Geheimdienstes BND unter anderem auch bei Mordkomplotten gegen den vormaligen Präsidenten Kubas, Fidel Castro, involviert.

Nie und nimmer hätte ich mir als DDR-Bürger vorstellen können, dass nach 1990 in der Gedenkstätte Sachsenhausen den dort nach 1945 entsprechend dem Willen der Alliierten internierten Nazi-Aktivisten und an faschistischen Massenverbrechen beteiligt gewesenen Tätern mindestens ebenso »ehrendes Gedenken« zu teil wird, wie den zuvor eingepferchten, drangsalierten und gemeuchelten KZ-Häftlingen. Unvorstellbar, dass diese Leute heute als »Opfer des Stalinismus« gelten, rehabilitiert wurden und »Opferrenten« für »erlittenes Unrecht« erhalten.

Als ich 1968 meinen Dienst in der Hauptabteilung IX/11 begann, hatten sich international und national Entwicklungen vollzogen, die für die DDR und das MfS bei der Aufklärung und strafrechtlichen Verfolgung von Nazi- und Kriegsverbrechen bedeutsam waren. Der Eichmann-Prozess und die BRD-Bestrebungen, selbst schwerste Nazi-Verbrechen unter Ignorierung des geltenden Völkerrechts und Berufung auf selbst gemachtes nationales Recht verjähren zu lassen, hatte international die Sicht auf die Verbrechen der Nazis und die Notwendigkeit intensiverer strafrechtlicher Verfolgung auch in der DDR geschärft. Im Osten Deutschlands waren nach dem 8. Mai 1945 entsprechend den Beschlüssen der Siegermächte zunächst unter Aufsicht und Mitwirkung sowjetischer Organe und ab 1949 durch die Sicherheits- und Justiz-Organe der DDR die hier fassbaren Tatverdächtigen bei entsprechender Beweislage zur Verantwortung gezogen worden. Nach den veröffentlichten statistischen Angaben betraf das seit 1945 bis 1989 insgesamt 12.890 verurteilte Nazi-Täter.

Zu den untergetauchten und/oder in der BRD in beachtlicher Größenordnung wieder aktiven Nazis erfolgten immer wieder Veröffentlichungen über deren faschistische Vergangenheit, wie beispielsweise mit dem »Braunbuch über Kriegs- und Naziverbrecher«, das im Jahre 2002 bei edition ost als Reprint erschienen ist.

Das alles geschah auf der Grundlage aufgefundener oder erbeuteter Unterlagen des faschistischen Regimes. Seit Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre erfolgte im Interesse einer systematischeren Aufklärung von vor allem in den ehemals okkupierten Gebieten begangenen Verbrechen ein sich ständig vertiefendes Zusammenwirken mit den entsprechenden Organen anderer sozialistischer Länder, vor allem in der Volksrepublik Polen, der ČSSR und der UdSSR. Die Sichtung dortiger Archivalien vor Ort und Dokumentierung auf Mikrofilm führte zu einem bedeutsamen Zuwachs an Dokumenten und Beweismitteln, auf die wir uns bei anhängig gewordenen Vorgängen gegen Altnazis und Tatverdächtige zu Nazi-Verbrechen stützen konnten.

Ebenso wichtig war eine aktive Mitwirkung von Opfern und Zeugen der faschistischen Verbrechen. So waren beispielsweise in den 1960er Jahren aus vertrauensvollen Kontakten zwischen Persönlichkeiten der Jüdischen Gemeinde und dem DDR-Staatsekretariat für Kirchenfragen die Namen von zwei »mit großer Wahrscheinlichkeit« in der DDR lebenden Personen bekannt geworden, die an Verbrechen auf polnischem Staatsgebiet beteiligt waren. Es handelte sich um den SS-Offizier Dr. Horst Fischer, der als Arzt in KZ Auschwitz an der dortigen Rampe über Leben und Tod ankommender Häftlinge entschied sowie den besonders im Warschauer Ghetto wütenden SS- und Gestapomann Josef Blösche.

Beide führten in ihren Wohnorten ein unauffälliges Leben und es gab hier bis dahin keine Hinweise auf deren faschistische Vergangenheit. Allerdings hatten, wie in anderen Fällen auch, die in der BRD zuständigen Organe schon Jahre zuvor Kenntnis vom Sachverhalt und vom Wohnsitz dieser später zum Tode verurteilten Massenmörder in der DDR. Eine offizielle Information an die DDR aber gab es nicht, weil nicht zu Unrecht befürchtet wurde, dass die Strafen der DDR-Gerichte »zu hart« ausfallen würden. In dieser Situation war entsprechend der antifaschistischen Tradition der DDR und dem Verfassungsauftrag rasche und gründliche Aufklärung der persönlichen Schuld der Tatverdächtigen geboten.

Im Interesse eine systematischeren und zentralisierten Aufklärung von Nazi-Verbrechen war 1965 im MfS bei der HA XX/2 für die Bearbeitung und Koordinierung operativer Vorermittlungen auf diesem Gebiet ein spezielles Referat geschaffen worden. Mit Befehl 39/67 des Ministers für Staatssicherheit wurde danach für Aktenführung, Analyse, Auskunftserteilung und Recherche zur Unterstützung einer qualifizierten Untersuchung von faschistischen Verbrechen bei der HA IX eine Abteilung 11 gebildet.

Vor meiner Versetzung im Jahre 1968 zu dieser neuen Abteilung in der HA IX ahnte ich nicht, dass die Archivmaterialien aus der Zeit des Faschismus einmal zum hauptsächlichsten Arbeitsgegenstand meiner weiteren Tätigkeit im MfS gehören würden und ich mich mit vielen Alt-Nazis und faschistischen Verbrechern beschäftigen muss. Fortan hatte ich mich also »professionell« mit der völkerrechtlich gebotenen Aufklärung und strafrechtlichen Verfolgung von Nazi- und Kriegsverbrechen/ Ver­brechen gegen die Menschlichkeit zu befassen.

Ich gehörte quasi zum »Stammkader« und meine Aufgabe bestand hauptsächlich darin, am Auf- und Ausbau einer qualifizierten Auskunftstätigkeit zu Personen und Sachverhalten aus der Zeit des Faschismus mitzuwirken. Zunächst als Hauptsachbearbeiter und Leiter des Referates 3 (Auskunftserteilung) tätig, fungierte ich später als Stellvertreter des Abteilungsleiters für die Bereiche Archiv und Bestandsergänzung, Kartei und Nachweisführung, Recherche und Informationsbeschaffung sowie Bearbeitung von Auskunftsersuchen zu mit faschistischer Vergangenheit belasteten Personen und zum antifaschistischen Widerstand.

Ab 1988 bis zur Auflösung der Diensteinheit im Februar 1990, war ich der letzte Leiter dieser Abteilung.

In Folge der fortgesetzten Beschaffung von Dokumenten aus Archiven der DDR und anderer Staaten konnten vor allem die Personaldaten ergänzt und die Identifizierung bisher unerkannt gebliebener Tatverdächtiger verbessert werden. In Zusammenarbeit mit der HA XX hatten wir bis Anfang 1972 bereits etwa 22.000 potenziell tatverdächtige Nazis mit prüfbaren Personaldaten erfasst.

Nachdem dem Müchner Nachrichtenmagazin Focus aus der BStU ein diesbezüglicher Bericht des Leiters der HA XX/2 vom 15. Februar 1972 zugespielt worden war, verwandelte der Focus diesen Bericht zum »Beleg« für seine Behauptung über 22.000 in der DDR unbehelligt lebende Naziverbrecher. »Vergessen« wurde dabei allerdings eine wesentliche Aussage in dem genannten Bericht. Da hieß es nämlich, dass zu diesem mit Personaldaten festgestellten Personenkreis noch DDR-weit Aufenthaltsermittlungen durchgeführt werden müssen, um festzustellen, ob und welche dieser Nazis möglicherweise in der DDR wohnhaft sind.

Wie sich in der Folgezeit herausstellte, hatten es durchaus nicht nur einzelne ehemalige aktive Nazis verstanden, durch Manipulation und Fälschungen ihrer Biografien, durch unauffälliges, loyales Verhalten und auch durch Aktivitäten im gesellschaftlichen und politischen Leben, ihr Umfeld und vor allen die Staats-, Sicherheits- und Justizorgane der DDR Jahrzehnte lang über ihre Vergangenheit zu täuschen.

Im Verlaufe meiner 22-jährigen Tätigkeit in der HA IX/11 sind mehrere Hunderttausend seit 1950 in den Besitz des MfS gelangte, auch im Zusammenwirken mit Organen sozialistischer Staaten aus dem Ausland beschaffte Archivalien zu ehemaligen aktiven Faschisten, und mehr als 100.000 dazu gefertigte Auskunftsberichte von mir gelesen worden und über meinen Schreibtisch gegangen. Das betraf Materialien über Mitglieder und Funktionäre der NSDAP und deren Gliederungen, zu Angehörigen der SA, der SS und Waffen-SS, zu Mitarbeitern der Gestapo und zu SD-Leuten, zu Angehörigen von Einsatzgruppen und -Kommandos der Sicherheitspolizei und des SD in den okkupierten Gebieten, zu Polizeiangehörigen, Mitarbeitern der faschistischen Abwehr, zu V-Leuten der Gestapo und der Abwehr, zu Denunzianten von Nazigegnern sowie zu anderen mit faschistischer Vergangenheit belasteten Personen bis hin zu an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt gewesenen Massenmördern etc., aber auch über Opfer des Faschismus und antifaschistische Widerstandskämpfer. Die Basis dafür waren neben Originaldokumenten aus der Zeit vor 1945 auch später gefertigte Dokumentationen, Nachschlagewerke, Literatur und anderes mehr.

Oftmals betrafen die zu bearbeitenden Vorgänge national und international im Zusammenhang mit Naziverbrechen gesuchte Tatverdächtige und die Fahndung nach ihnen. Vor allem aber waren das Auskunftsvorgänge über Personen, die wegen ihrer in Archivmaterialien dokumentierten faschistischen Vergangenheit seit 1950 in der Zentralkartei bei der Abteilung XII des MfS sowie seit 1967 in der HA IX/11 mit Karteikarten registriert worden waren. Zum Teil wurden auch erst durch Anfragen und Recherchen dazu Personen bekannt, über deren faschistische Vergangenheit und/oder Beteiligung an Naziverbrechen vorher nichts bekannt war.

Wie der Mitarbeiter der BStU-Behörde, Henry Leide, im von dieser Einrichtung im Jahre 2005 herausgegebenen Buch »NS-Verbrecher und Staatssicherheit« mitzuteilen wusste, seien von uns als »Dienstleister für andere Akteure« in den Jahren seit 1967 bis 1987 insgesamt 121.675 »Anfragen anderer Diensteinheiten des MfS sowie indirekt der Generalstaatsanwalt der DDR und ähnlicher Institutionen« beantwortet worden.

Das dürfte durchaus zutreffen, auch wenn in den noch folgenden zwei Jahren weitere Tausende hinzukamen. Nicht inbegriffen in diesen Zahlen sind allerdings die Überprüfungen zu Personen, die im Zusammenhang mit operativen und Untersuchungsvorgängen/Ermittlungsverfahren zu Nazi- und Kriegsverbrechen sowie zu diesbezüglichen Rechtshilfesachen anfielen.

Wie allgemein üblich konnte und kann es auch Herr Leide nicht unterlassen, ganz im Sinne des Kinkelschen Auftrages zur Delegitimierung der DDR, seinen Beitrag zur Diskreditierung des Antifaschismus und zur Kriminalisierung des MfS zu leisten. »Die meisten Anfragen hatten allerdings mit der Verfolgung von NS-Tätern, Rechtshilfeersuchen usw. nichts zu tun, sondern resultierten aus der allgemeinen Überwachungstätigkeit des MfS, von IM-Werbungen über Sicherheitsüberprüfungen und der geheimpolizeilichen Ausforschung vermeintlicher Staatsfeinde jedweder Couleur bis hin zur Durchleuchtung von westlichen Gästen der Leipziger Messen auf mögliche Erpressungsansätze – sofern sich nur ein Anhaltspunkt ergab, der auf die Zeit vor 1945 verwies«, lautete einer seiner Kommentare im besagten Buch.

Bei unvoreingenommener und an Objektivität orientierter Betrachtungsweise dürfte sich allerdings selbst für einen »wissenschaftlichen Mitarbeiter« einer über die Akten verfügenden Einrichtung eine ganz andere Sicht auf diese Seite der Aufklärungs- und Abwehrtätigkeit des MfS ergeben – wenn das ohne antikommunistische Scheuklappen überhaupt jemals gewollt war. Schließlich haben »Aufarbeiter« eine politische und ideologische Funktion zur Deutung von Geschichte nach einem vorgegebenen geistigen Grundverständnis in einem ideologischen Kampffeld, die mit seriöser Geschichtsschreibung nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Unterlagen für wahrheitsgemäße Darstellungen liegen in der BStU jedoch zur Genüge vor.

So verweist Leide z. B. in der Fußnote 462 auf einen bereits aus dem ersten Jahr des Bestehens der HA IX/11 stammenden Abschlussbericht zur »Aktion Wettbewerb« (Sicherung der Leipziger Messe) vom April 1968 darauf, dass im Ergebnis der Überprüfungen »Informationen zu 720 Messebesuchern, darunter zwölf ehemaligen Mitarbeitern der Gestapo und des SD sowie 155 ehemaligen SS-Angehörigen, 51 Politischen Leitern der NSDAP, immerhin auch zu zehn V-Leuten bzw. Denunzianten sowie 27 ehemaligen Polizeiangehörigen« aus Archivalien bei der HA IX/11 resultieren.

Allein diese veröffentlichten Zahlen aus der Frühzeit der Auskunftstätigkeit  lassen deren sicherheitspolitischen Stellenwert erahnen und machen deutlich, wer da so alles anreiste – sicher nicht nur mit DDR-freundlichen Absichten. Und das setzte sich in den folgenden Jahren nicht minder umfangreich fort.

Die systematische Erfassung personenbezogener Daten aus im MfS vorhandenen sowie aus anderen Archiven des In- und Auslandes beschafften Archivalien bildete einen bedeutsamen Fundus für Erkenntnisgewinne zu Personen, die im Zusammenhang mit Überprüfungen von Anzeigen und Hinweisen aus der Bevölkerung, mit Maßnahmen zur Sicherung von Territorien und Objekten durch operative Diensteinheiten des MfS, bei Sicherheitsüberprüfungen zu Kadern in bewaffneten Organen und anderen sicherheitspolitisch relevanten Einrichtungen etc. in den Fokus des MfS gerieten oder auch für die Unterstützung der operativen Arbeit von Diensteinheiten der HV A relevant waren.

Dazu gehörten auch Tausende von Dossiers über im Westen zumeist unbehelligt lebende Nazi-Eliten und Tatverdächtige zu Nazi-Verbrechen. Hinzu kamen bereits abgeschlossene Strafverfahren, die in der HA IX/11 als ZUV (Zentral abgelegte Untersuchungsvorgänge) archiviert sowie zur Informationsgewinnung und Sicherung von Beweismitteln ausgewertet wurden. Des Weiteren gehörten dazu auch Vorgänge zur Bearbeitung von Aufträgen der Generalstaatsanwaltschaft der DDR im Zusammenhang mit Rechtshilfe- und Auskunftsersuchen aus anderen Ländern in Ost und West und ebenso auch solche, die die Zusammenarbeit mit sozialistischen Bruderorganen in Sachen Nazi-Verbrechen betrafen.

Allein die »Personenkartei« unserer Abteilung umfasste etwa 1,5 Millionen Karteikarten. Der Bestand an Archiv­gut betrug zuletzt mehr als 10.000 laufende Meter in stehender Ablage. Er enthielt Originaldokumente aus der Zeit vor 1945 und ebenso aus der eigenen Tätigkeit resultierendes Schriftgut, darunter auch archivierte Untersuchungsvorgänge, Ermittlungsverfahren und Prozessakten zu in der DDR verurteilten Naziverbrechern.

Die Auskunftstätigkeit über bei uns vorhandenes und/oder anderweitig erschlossenes Archivmaterial zu Personen und Sachverhalten gewann im Laufe der Zeit sicherheitspolitisch und auch strafrechtlich zunehmend an Bedeutung. Der in meiner Abteilung existierende Fundus an Informationen und Archivgut war oft eine der wichtigsten Quellen für Erst- bzw. Ausgangsinformationen, die zur Einleitung von operativen und strafprozessualen Maßnahmen zur Prüfung des sich daraus ergebenden Anfangsverdacht auf Tatbeteiligung an völkerrechtswidrigen faschistischen Verbrechen sowie zu Ermittlungs­verfahren und Prozessen gegen Nazi-Verbrecher vor Gerichten der DDR führten und auch Verfahren im Ausland berührten.

Zumindest partiell war ich mit Archivrecherchen und Verdachtsprüfungshandlungen an allen seit 1968 anhängig gewordenen operativen und Untersuchungs-Vorgängen beteiligt, die sich gegen Tatverdächtige und ca. 60 Angeklagte richteten, die nach Aufspürung und Überführung durch das MfS von Gerichten der DDR wegen individueller Tatbeiträge zu Nazi- und Kriegsverbrechen/ Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Verantwortung gezogen worden sind.   

Vor allem im Zusammenhang mit den von »Aufarbeitern« immer wieder verbreiteten halben Wahrheiten und ganzen Lügen über die seitens des MfS gerade in Bezug auf Alt-Nazis und Nazi-Verbrecher geleistete Aufklärungs- und Abwehrarbeit habe ich seit 1990 immer wieder gegen derartige geschichtsfälschende Darstellungen öffentlich Stellung bezogen und dargelegt, wie es in der Wirklichkeit war. Es sind eben nicht nur »Abfallprodukte« oder »Zufallstreffer« gewesen, wenn wir anhand von Archivdokumenten auch in der DDR lebenden Personen, die ihre faschistische Vergangenheit verschwiegen oder sich anderweitig geschönte Biografien zugelegt hatten, nachweisen konnten, dass sie sich den Nazis angedient hatten und an faschistischen Verbrechen beteiligt waren.

Mit den eingangs genannten Entscheidungen wurden die notwendigen Voraussetzungen für die weitere systematische Aufklärung von Nazi- und Kriegsverbrechen sowie der daran beteiligten Täter geschaffen. Durch umfangreiche Identifizierungsmaßnahmen, arbeitsaufwendige Aufenthaltsermittlungen und Zielfahndungen konnten Täter, denen es gelungen war, ihre Vergangenheit zu verschleiern, aufgespürt werden. Soweit es sich um Bürger der DDR handelte, wurden sie in Gerichtsverfahren verurteilt. Das betrifft vor allem an Massenmorden in den zeitweilig besetzten Gebieten tatbeteiligte ehemalige Angehörige von SS- und Polizei-Einheiten sowie von Einsatzgruppen und Einsatzkommandos der Sipo und des SD, Mitarbeiter der Gestapo, der Geheimen Feldpolizei und der Feldgendarmerie, Nazi-Juristen, in KZ und anderen Haftstätten eingesetzt gewesenes Personal und nicht zuletzt Angehörige von »Selbstschutz«-Formationen und Kollaborateure aus den okkupierten Gebieten.

Von den seit 1968 Angeklagten sind aufgrund der Schwere der ihnen nachgewiesenen Naziverbrechen neun zur Höchststrafe verurteilt worden und gegen dreißig wurden lebenslängliche Freiheitsstrafen verhängt. Auf all diese Verfahren kann ich hier im Detail nicht näher eingehen. Eine Übersicht über die aus Recherchen, Ermittlungen und Untersuchungen des MfS zustande gekommenen Strafverfahren gegen in der DDR verurteilte Nazi-Verbrecher vermittelt u. a. die unter Federführung von Prof. Dr. C. F. Rüter von der Universität Amsterdam editierte Dokumentation »DDR-Justiz und NS-Verbrechen«. Darin sind unter den über 900 dokumentierten Urteilen zu »NS-Tötungsverbrechen« fast alle der mehr als 180 DDR-Strafverfahren zu über 200 Angeklagten ausgewiesen, die seit 1950 durch das MfS aufgespürt, enttarnt und überführt werden konnten. Diesbezügliche Informationen sind auch im Internet unter www.junsv.nl zu finden. Neben den ostdeutschen bzw. DDR-Gerichtsentscheidungen sind dort auch die westdeutschen bzw. BRD-Urteile aufgeführt.

Nicht selten ergab sich ein erster Anfangsverdacht für eine mögliche Tatbeteiligung an Nazi- und Kriegsverbrechen/Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus Anfragen zu Personen, die aus verschiedenen Anlässen in das Blickfeld des MfS geraten waren. Da das ebenfalls eine lange Liste umfassen würde, will ich im Rahmen meines Beitrages nur auf einige ausgewählte Beispiele verweisen.

Der als so genannter »Eichmann von Dresden« bekannt gewordene ehemalige SS-Hauptsturmführer Henry Schmidt, der u. a. als Judenreferent bei der Gestapo in Dresden tätig gewesen ist, war im Zusammenhang mit Sicherheitsüberprüfungen an einem spionagegefährdeten Objekt, dem sowjetischen Flugplatz in Altenburg, ins Blickfeld des MfS geraten. In unserem Archiv der HA IX/11 fand sich eine Karteikarte mit Hinweisen auf seine vormalige SS- und Gestapozugehörigkeit, die er nach 1945 in all seinen Personalangaben verschwiegen hatte. Im Ergebnis der daraufhin eingeleiteten operativen Bearbeitung konnte er zweifelsfrei identifiziert und der Nachweis strafrechtlicher Verantwortlichkeit für die Deportation der Juden aus Dresden ins KZ Theresienstadt erbracht werden. Schmidt wurde am 28. September 1987 vom Bezirksgericht Dresden zu lebenslänglicher Haft verurteilt. 1988 ist im Staatsverlag der DDR das Buch »Lebenslänglich für den Gestapokommissar« von Horst Busse und Udo Krause erschienen, zu dem wir  und auch ich persönlich zugearbeitet haben.

Der ehemalige SS-Hauptsturmführer Franz Timm alias Franz Neumann, der beim SD in Posen an Nazi-Verbrechen beteiligt war, wurde am 29. Dezember 1974 vom Bezirksgericht Rostock zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er war im Zuge von Sicherheitsüberprüfungen durch die HA I des MfS (Militärabwehr) zu einem NVA-Jagdflieger vor dessen Einsatz als Staffelkommandeur ins Blickfeld des MfS geraten. Es handelte sich um den angeblich gegen Kriegsende verstorbenen leiblichen Vater des Majors der Luftstreitkräfte. In Wahrheit hatte sich Timm nach 1945 in Westberlin für tot erklären lassen, neue Papiere auf den Namen Neumann erhalten und seine »Witwe« unter dem anderen Namen wieder geheiratet. Für seinen Sohn galt er als dessen Stiefvater. Im Ergebnis der Personenüberprüfung in der Abteilung XII war festgestellt worden, dass Timm aufgrund von  vorliegendem Archivmaterial registriert war. Im Zuge eines Bildvergleichs mit dem in den Archivalien enthaltenen Foto in SS-Uniform konnte durch die Abteilung 32 des MfS die Identität des in Stralsund lebenden angeblichen Stiefvaters Neumann mit dem leiblichen Vater Timm zweifelsfrei nachgewiesen werden.

Als ehemaliger SS-Sturmscharführer und Kriminal­obersekretär der Gestapo konnte Wilhelm Lachmann anhand einer bei uns archivierten Karteikarte aus der Zeit vor 1945 über SD-Angehörige entlarvt werden. Im Ergebnis der operativen Vorgangsbearbeitung durch die HA I ist nachgewiesen worden, dass der in Borna wohnhaft gewesene Lachmann als Mitarbeiter der Gestapo in Breslau an Judendeportationen sowie an der »Selektierung« sowjetischer Kriegsgefangener gemäß »Kommissarbefehl« tatbeteiligt war und persönlich einen Transport nach dem KZ Auschwitz begleitete. Lachmann ist am 26. August 1983 vom Bezirksgericht Leipzig zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte sich nach 1945 in die KPD/SED eingeschlichen und galt als Parteiveteran.

Ein erster Anfangsverdacht ergab sich aus vorhandenem Archivgut auch zu dem als »Mörder von Oradour« bekannt gewordenen Heinz Barth. Darauf wird später noch ausführlicher eingegangen. Die Aufzählung solcher Vorgänge und Verfahren ließe sich beliebig fortsetzen. Ich will es auch hier dabei bewenden lassen.

Nach der Beseitigung der DDR wird immer wieder massiv und nachhaltig versucht, den antifaschistischen Charakter dieses Staates und die darauf gegründete Tätigkeit seiner Organe ins Zwielicht zu rücken, zu delegitimieren, zu diskreditieren und zu kriminalisieren. Ganze Heerscharen von »Geschichtsdeutern« sind auf den Plan gerufen, um geschichtliche Wahrheiten soweit zu verbiegen, bis sie im Interesse des Geschichtsbildes der Herrschenden passend gemacht sind und so in die Analen eingehen sollen. In der heute als »zweite Diktatur« in der deutschen Geschichte diffamierten und mit dem Nazi-Regime gleichgesetzten DDR aber gab es für ehemalige Nazi-Eliten und faschistische Verbrecher weder in öffentlichen noch geheimen Diensten und auch sonst nirgendwo anders solcher Art »Wiederverwendung«, wie das im Gegensatz dazu in der westdeutschen BRD politisch gewollt und ungeniert praktiziert worden ist. Im Osten wurde entnazifiziert, Antifaschisten waren die »Aktivisten der ersten Stunde« und Antifaschismus war in der DDR Staatsdoktrin. Hier erfolgte gemäß dem völkerrechtlichen Gebot und aus nationaler Verantwortung sowie im Gedenken an die Millionen Opfer des Faschismus und als deren Vermächtnis von Anfang an eine konsequente Strafverfolgung von Nazi- und Kriegsverbrechern. Dennoch wird immer wieder besonders penetrant behauptet, die DDR und speziell das MfS habe aktiven Täterschutz für Nazi- und Kriegsverbrecher bis hin zu faschistischen Massenmördern betrieben. Solche Täter wären vorsätzlich einer gerechten Bestrafung entzogen worden. Derartige unqualifizierte und wahrheitswidrige Behauptungen stammen nicht selten aus der BStU-Behörde und werden von den Medien unter Berufung darauf genüsslich kolportiert.

Ein signifikantes Beispiel dafür ist das bereits vorstehend genannte Buch »NS-Verbrecher und Staatssicherheit – Die geheime Vergangenheitspolitik der DDR«. Schon die mit erheblichem Presserummel erfolgte Ankündigung dieser am 17. Oktober 2005 unter Teilnahme von Gauck-Nachfolgerin Marianne Birthler der Öffentlichkeit vorgestellten BStU-Edition war der Auf­takt zur Absonderung von »Wahrheiten« und Geschichtsdeutungen nach Art des herrschenden Zeitgeistes und für zweckbestimmte tatsachenwidrige Behauptungen, die einem weitgehend »unbedarftem« Publikum zugemutet werden sollen. Als Credo wurde offeriert: »Das vorliegende Buch von Henry Leide schließt eine geschichtswissenschaftliche Lücke, indem es die Verfolgung von NS-Tätern in der DDR im Zeitraum vom Ende der 1960er Jahre bis 1989 untersucht

Der damalige Pressesprecher der BStU meinte, dass die Unterlagen des MfS, insbesondere der vormaligen Hauptabteilung IX/11, auf die sich Leide hauptsächlich stütze, erkennen ließen, »dass es SED und Staatssicherheit nur nach außen hin darum ging, NS-Taten zu verfolgen und Verbrechen zu sühnen«. Merke: »nur nach außen«!

Behauptet wurde auch, dass die »Abrechnung« mit Nazi-Verbrechern für die DDR nur ein politisches Mäntelchen zur Abdeckung des »vorgegebenen Charakters der Gesellschaftsordnung als antifaschistischer Staat« gewesen sei und hauptsächlich der politischen Auseinandersetzung mit der BRD gedient habe. Die Kriegsverbrecherprozesse seien »gezielte Propagandaverfahren« gewesen, das MfS habe sich des Antifaschismus als Tarnung für Repression und Verfolgung bedient und »zu viele unentdeckte Kriegsverbrecher« hätte es in der DDR nicht geben dürfen, um den antifaschistischen Charakter des Staates in der Öffentlichkeit nicht in Zweifel zu ziehen. Die vorliegende Studie würde auch belegen, dass Hunderte von Personen vor Ermittlungen und Strafen verschont geblieben wären, obwohl dem MfS in vielen Fällen »konkrete Anhaltspunkte« für eine Beteiligung an Kriegsverbrechen bzw. Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgelegen hätten. Sachliche, stichhaltige und unvoreingenommen überprüfbare Beweise für derartige Unterstellungen bleiben diese »Historiker« und deren Claqueure allerdings schuldig. »Konkrete Anhaltspunkte« sind nirgendwo hinreichende Beweise für einen strafprozessual begründeten Verdacht und schon gar nicht für eine Verurteilung ausreichende Beweise. Auch in der DDR galt der Rechtsgrundsatz in dubio pro reo und gerade bei Nazi-Verbrechen war die Messlatte für den zweifelsfreien Nachweis der Täterschaft besonders hoch gelegt.

Ja, es sind tatsächlich auch in der DDR einige Tatverdächtige straffrei davon gekommen, wenn die Beweislage für Anklageerhebung und Verurteilung nicht ausreichend war. Nie und nimmer ist hier bestritten worden, dass es auch in der DDR durchaus noch unentdeckt gebliebene Nazi-Verbrecher geben könne. Zugleich wurde aber stets auch darauf hingewiesen, dass sie infolge der kontinuierlichen Auswertung von Archivalien und der damit einhergehenden Verbesserung der Beweislage vor Entdeckung nicht sicher sein können und dass an der völkerrechtlich verbindlichen Nichtverjährung der Nazi-Verbrechen keine Abstriche gemacht werden. Auch da unterschied sich die DDR grundlegend von der BRD.

Eine der nicht nur im Buch von Leide immer wieder aufgewärmten, gegen die DDR und das MfS gerichteten Kernaussagen betrifft auch das Strafverfahren gegen Heinz Barth, der am 7. Juni 1983 vom Stadtgericht Berlin wegen Kriegsverbrechen in Tschechien und Frankreich zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt wurde. Nachfolgend will ich – soweit es im Rahmen meines Beitrages hier möglich ist – etwas ausführlicher darauf eingehen.

Es wird behauptet, der Barth-Prozess wäre nur zum Zwecke der Bloßstellung der BRD wegen der dortigen Haltung zum Massaker von Oradour-sur-Glane als »Schauprozess« durchgeführt worden. Diese Unterstellung forderte uns als speziell in diesem Verfahren involviert gewesene Akteure zu energischem Widerspruch heraus; denn wer sollte in dieser Zeit der angemaßten Deutungshoheit der derzeitigen »Sieger über die DDR« deren verkündete »Wahrheiten« auch entlarven, wenn nicht wir als kompetente Zeitzeugen?!

Deshalb entschlossen sich Dr. Hans-Herbert Nehmer als am Prozess und Urteil beteiligter Richter, Horst Busse als im Ermittlungsverfahren die Aufsicht führender und die Anklage vertretender Staatsanwalt und ich als mit dem »Fall Barth« von Anfang an befasst gewesener MfS-Mitarbeiter, eine gegen die mit dem Leide-Buch verbreiteten Geschichtslügen gerichtete Streitschrift zu verfassen. Mit dem Titel »Herrn Henry Leides Umwälzung der Geschichte der DDR – ›Anti-Leide‹« wurde sie 2007 von der Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung e. V. im Eigenverlag veröffentlicht. Dabei konnten wir uns auch auf die sonst für uns unzugänglichen, in der BStU vereinnahmten Archivunterlagen stützen. Die »Stasi-Unterlagen-Behörde« konnte sich nämlich der Forderung von Dr. Nehmer, dem Richter im Barth-Verfahren, nach Einsicht in die Unterlagen nicht entziehen und die Herausgabe von mit BStU-Registrier-Nummer versehenen Kopien nicht verweigern. So konnten wir auf diese Dokumente konkret Bezug nehmen und mussten nicht nur auf unsere Erinnerungen vertrauen.

Zuvor hatte ich mich bereits zusammen mit dem ehemaligen Mitarbeiter und Auswerter in der HA XX, Oberstleutnant a. D. Wolfgang Schmidt, in der Presse zu den so genannten »Fallstudien« des Herrn Leide und insgesamt zur »Geschichtsschreibung nach Art des Hauses Birthler« – nachlesbar unter www.mfs-insider.de – geäußert.

Obwohl inzwischen mehr als 25 Jahre vergangen sind, nachdem ich wider Willen »außer Dienst gesetzt« und wie andere DDR Bürger »abgewickelt« wurde, lassen mich Erinnerungen an unsere in der DDR und vom MfS geleistete Arbeit zur Aufklärung von Nazi- und Kriegsverbrechen/Verbrechen gegen die Menschlichkeit und zur Aufspürung daran beteiligter Täter bis heute nicht los. Oftmals werden sie auch durch Meldungen in den Medien wieder wach gerufen.

So empfinde ich beispielsweise Genugtuung darüber, dass im Jahre 2015 mit Beate und Serge Klarsfeld endlich einmal »Nazi-Jägern« statt Nazi-Tätern das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde. Dieser Akt nährt die Hoffnung, dass dereinst auch den Journalisten, Historikern und Juristen der DDR, die ebenso wie die beiden Klarsfelds den unbewältigten faschistischen Sumpf in Wirtschaft, Politik, Justiz, Polizei, Nachrichtendiensten und Bundeswehr der BRD geißelten bzw. an der Aufspürung, Verfolgung und Verurteilung von Nazi- und Kriegsverbrechern beteiligt waren, die ihnen gebührende Aufmerksamkeit und Anerkennung zuteil wird. Schließlich haben auch Mitarbeiter und Untersuchungsführer des MfS, DDR-Staatsanwälte und -Richter dafür gesorgt, dass solche Massenmörder wie Fischer, Blösche, Barth, Heißmeier, Wachholz, Feustel, Langer, Schmidt, Geißler und viele weitere aufgespürt, verhaftet und gemäß dem Völkerrecht verurteilt wurden.

Was die jüngste Klarsfeld-Ehrung betrifft, ist es allerdings befremdlich, dass der derzeitige Bundes­präsident es unterließ, ihnen das BVK persönlich zu überreichen. Sollten da Vorbehalte im Spiel gewesen sein, weil Beate Klarsfeld ausgerechnet von der Linkspartei bei der letzten Wahl des BRD-Staatsoberhauptes als Gegenkandidatin zu Gauck nominiert worden war? Oder hing das mit der Ohrfeige zusammen, die sie dem einstigen Bundeskanzler Georg Kiesinger wegen dessen faschistischer Vergangenheit verpasst hatte?

Ich erinnere mich noch gut daran, dass Beate Klarsfeld in den 1980er Jahren bei der Generalstaatsanwaltschaft der DDR vorstellig geworden war und um Mithilfe zur Ergreifung des in Syrien unter falschem Namen lebenden und mutmaßlich für den bundesdeutschen Geheimdienst BND tätigen Eichmann-Stellvertreters Alois Brunner ersuchten. Wir erhielten damals die Order, alles an verfügbaren Beweisen gegen Brunner zusammenzutragen und uns auf ein mögliches Verfahren gegen ihn vorzubereiten. Falls diplomatische Aktivitäten zur Abschiebung aus Syrien führen oder es den Klarsfelds irgendwie gelingen sollte, Brunner bis nach Berlin-Schönefeld zu bringen, war an dessen Inhaftierung gedacht. Mit dem Ende der DDR erledigte sich dieser Plan.

Immer, wenn von Nazi-Kriegsverbrechen in Frankreich und speziell von Oradour-sur-Glane und dem dort durch Angehörige der SS-Panzer-Division »Das Reich« begangenen Massaker die Rede ist, löst das bei mir Erinnerungen an den in der DDR durchgeführten Prozess gegen den an diesem Nazi-Verbrechen unmittelbar tatbeteiligt gewesenen ehemaligen SS-Offizier Heinz Barth aus. Das war zum Beispiel der Fall, als der französische Film »Blutspur durch Frankreich« über die Verbrechen der SS-Division »Das Reich« auf Arte und im ARD gesendet und darin auch über Heinz Barth berichtet wurde. Dazu, dass dieser ehemalige DDR-Bürger als faschis­tischer Verbrecher erkannt, entlarvt, überführt und vor Gericht gebracht werden konnte, haben neben Mitarbeitern der HA IX auch eine Vielzahl von Angehörigen operativer Diensteinheiten der Abwehr und Aufklärung des MfS einen bedeutsamen Beitrag geleistet.

Ausgangspunkt war auch in diesem Falle eine an die örtlich zuständige Kreisdienststelle Gransee ergangene Information über vorliegendes Archivmaterial aus der Zeit vor 1945. Im Zuge der damals üblichen Sicherheitsüberprüfungen bei vorgesehenen Einberufungen zu den Grenztruppen der DDR (Aktion »Grün«) war der KD Gransee mitgeteilt worden, dass zum Vater des zu Überprüfenden in der HA IX/11 Archivmaterial vorliegt und angefordert werden kann. Daraufhin richtete die KD mit Schreiben vom 16. Dezember 1976 ein entsprechendes Auskunftsersuchen an uns. Bei der im Archiv vorliegenden Akte handelte es sich um Original-Registratur-Unterlagen des Chefs der Ordnungspolizei aus den Jahren 1942 bis Februar 1945 mit Zuheftungen von zwei nach 1945 ausgefertigten Karteikarten. Dieses Material war im Jahre 1954 zusammen mit weiteren über 1.000 derartiger Akten im Zentralarchiv des MfS archiviert und Heinz Barth mit darin genannten Personalien registriert worden. Nach 1990 gelangte diese Akte in den Besitz des Bundesarchivs der BRD. Sie enthielt zwar Angaben über die Dienstzeit von Barth bei der faschistischen Schutzpolizei ab 18. Januar 1940, seine Zugehörigkeit zu Polizeieinheiten in »Böhmen und Mähren«, seine Ernennung zum Leutnant der Schupo im Jahre 1942, seine Abordnung als SS-Untersturmführer zur Waffen-SS mit Wirkung vom 10. Februar 1943 zur SS-Kraftfahr-Ersatzabteilung in Berlin Lichterfelde und seine Beförderung am 9. November 1944 zum SS-Obersturmführer in der 2. SS- Panzer-Division »Das Reich«, aber keinerlei Hinweise auf eine Tatbeteiligung an Nazi-Verbrechen, weder in Tschechien noch in Frankreich.

Daher ist es völliger Unsinn, wenn bestimmte Leute behaupten, das MfS habe Erkenntnisse über eine Teilnahme von Barth an Nazi-Verbrechen seit 1954 »auf Eis gelegt« und diese erst wie ein Kaninchen aus dem Hut gezogen, als sein Einsatz beim Massaker von Oradour sich propagandistisch gegen die BRD habe »vermarkten« lassen.

Die vorhandene Archivakte enthielt Hinweise darauf, dass es sich bei Heinz Barth um einen ehemaligen Offizier der faschistischen Schutzpolizei sowie der Waffen-SS handelte. Archivalien mit derartigen Angaben waren entsprechend interner Festlegungen für die Arbeitsweise in der Abteilung von den Mitarbeitern zunächst dem Referatsleiter und gegebenenfalls dem Abteilungsleiter zur Kenntnis und Entscheidung zu melden. Daher wurde mir das Auskunftsersuchen mit dazu vorhandenem Material vorgelegt. Ich entschied darauf hin, dass zunächst weitere Recherchen unter Einbeziehung der Prüfungsmöglichkeiten beim Dokumentationszentrum der Staatlichen Archivverwaltung der DDR einzuleiten sind und nach Vorliegen der Ergebnisse eine Leitungsvorlage zu erarbeiten sei. Diese lag dann am 3. Februar 1977 zur Beratung über das weitere Vorgehen beim Abteilungsleiter vor.

Zwischen­zeitlich war aus dem als ZUV archivierten Untersuchungs- und Gerichtsverfahren gegen den ehemaligen Kommandeur des Reserve-Polizei-Bataillons Kolin, Major Fritz Gottspfennig, der Verdacht abgeleitet worden, dass Barth als ehemaliger Angehöriger dieser Einheit möglicher Weise an Geiselerschießungen in Tschechien beteiligt gewesen sein könnte. Gottspfennig war am 31. März 1971 vom Bezirksgericht Schwerin zu 12 Jahren Haft verurteilt worden, weil er die Bildung von Exekutionskommandos zur Erschießung von Geiseln im Zusammenhang mit dem Attentat auf Heydrich angeordnet hatte.

Daher wurde entschieden, eine gemeinsame operative Bearbeitung mit der KD Gransee und der HA XX/2/3 zur Prüfung einer eventuellen Tatbeteiligung von Barth an Nazi-Verbrechen im okkupierten Tschechien aufzunehmen, obwohl absehbar war, dass ohne jeglichen Beweis für einen solchen vagen Verdacht ein nicht unerheblicher Arbeitsaufwand zu betreiben sein würde. Bei der operativen Bearbeitung wurde zunächst erst einmal von möglicher Tatbeteiligung an Nazi-Verbrechen in Tschechien ausgegangen und die Recherchen darauf konzentriert. Aus den Vorgängen gegen Gottspfennig und den am 11. Dezember 1972 vom Stadtgericht Berlin zum Tode verurteilten ehemaligen Leiter der Gestapo-Außendienststelle Kolin, SS-Hauptsturmführer Paul Hermann Feustel, war bekannt, dass als Rache für Heydrichs Tod 1942 mehr als 3.000 Verhaftungen tschechischer Bürger und mehr als 1.300 Hinrichtungen erfolgt waren. Lidice und Lezaki wurden dem Erdboden gleich gemacht. Auf so genanntes »Gutheißen« des Attentats stand die Todesstrafe. Wie später im Prozess gegen Barth zusammenfassend festgestellt wurde, hat sich der Anfangsverdacht gegen Barth voll und ganz bestätigt. Nachweislich war er in der Zeit vom 9. Juni 1942 bis zum 9. Juli 1942 in vier Fällen, davon bei drei Handlungen als Angehöriger eines Erschießungskommandos und einmal als Sicherungsposten an der Ermordung von 92 tschechischen Frauen und Männern beteiligt. Auch in Lidice und Lezaki war er im Einsatz dabei.

Hinweise auf eine Mittäterschaft in Oradour lagen anfangs gar nicht vor. Sie ergaben sich erst im Laufe weiterer Ermittlungen u. a. aus beim Dokumentationszentrum der Staatlichen Archivverwaltung festgestellten Hinweisen. In dort ausgewerteten Mikrodokumentenfilmen, die aus US-amerikanischen Archivbeständen stammten, waren Informationen über Angehörige der SS-Division »Das Reich« und zum Einsatz in Oradour erschlossen worden. Auch inoffizielle Hinweise aus Frankreich waren zwischenzeitlich eingegangen. Sie waren anfangs aber genauso vage wie die in Richtung Tschechien und erforderten einen enormen Aufwand, um letztlich zu dem Ergebnis zu kommen, das zum Urteil gegen Barth führte. Neben umfangreichen Archivrecherchen, offiziellen und konspirativen Ermittlungen im In- und Ausland, Rechtshilfeersuchen an die ČSSR, die USA, an die BRD und insbesondere an Frankreich waren das vor allem auch die qualifizierten Untersuchungshandlungen in der HA IX nach der Festnahme von Barth und dessen am 14. Juli 1981 erfolgten Einlieferung in die zentrale Untersuchungshaftanstalt des MfS in Berlin-Hohenschönhausen.

In der heutigen »Stasi«-Gedenkstätte Hohenschönhausen unter der Leitung von Hubertus Knabe ist das aber nicht Gegenstand der dort betriebenen »Erinnerungskultur«. Im »Anti-Leide« haben wir – wie allein schon meine vorherigen Zeilen sichtbar machen – den nicht einfachen Weg zur Erkenntnis und zum beweiskräftigen Nachweis der Täterschaft des »Mörders von Oradour« ausführlicher beschrieben. Ich will hier nochmals darauf verweisen und auf weitere Schilderungen zum Verlauf der Ermittlungen und Untersuchungen verzichten. Hinweisen will ich jedoch noch auf die nach dem Prozess gegen Barth vom Militärverlag der DDR 1984 herausgegebene, von den Staatsanwälten beim Generalstaatsanwalt der DDR, Peter Przbylsky und Horst Busse, mit Unterstützung des MfS gefertigte Dokumentation »Mörder von Oradour«. In ihr wurde über den Prozess gegen Barth und die damit zusammenhängende unterschiedliche Haltung beider deutscher Staaten zu diesem und anderen Nazi- und Kriegsverbrechen berichtet. Im Vorwort dazu schrieb der Antifaschist Dr. Dr. hc. Josef Streit als Generalstaatsanwalt der DDR:  

»Aus dem Gedächtnis der Menschheit werden sie nie mehr zu tilgen sein: Die Massaker faschistischer Mörder in der tschechischen Ortschaft Lidice und dem französischen Dorf Oradour-sur-Glane […]. Lidice und Oradour gelten längst als Synonym für viele Märtyrerstädte und -dörfer, die von Hitlerschergen ausgerottet wurden

In der Tat: Solche Massaker an der Zivilbevölkerung geschahen überall dort, wo Waffen-SS, Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD oder auch Einheiten der faschistischen Wehrmacht und sonstige Formationen und Dienststellen ihre grausame Terrorherrschaft ausübten. Synonym stehen dafür neben Oradour für die in Frankreich und Lidice für die in Tschechien begangenen Verbrechen auch Distomo, Viannos, Lingiades und andere Orte für die in Griechenland oder Sant’Anna, Marzabotto, die Adriatischen Höhlen bei Rom für Massaker in Italien. Besonders in Gebieten der Sowjetunion, wo SS und Wehrmacht am gnadenlosesten wüteten, wurden tausende Orte ausgelöscht und Millionen Menschen ermordet. Dort gab es unzählige Oradours.

Wer sich mit der Geschichte der Kriege im 20. und neuerdings auch mit denen des 21. Jahrhunderts befasst oder sich – so wie wir in der DDR und im MfS – professionell vor allem mit den Folgen des von den deutschen Faschisten vom Zaune gebrochenen Zweiten Weltkrieges, den Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, auseinander zu setzen hatte, kommt nicht umhin, zwei gegensätzliche Haltungen zu diesem und den ihm folgenden Kriegen sowie die daran zu knüpfenden Urteile und Wertungen scharf auseinander zu halten. Je nach dem, welchem Lager man sich zugehörig rechnet, ist die Haltung zu Tätern und Opfern unterschiedlich, ja entgegengesetzt.

Hier greift das so genannte »Unsere Leute-Prinzip«.

Für uns im Osten waren die Opfer des Faschismus, die von den Faschisten überfallenen Länder und deren verfolgte und ermordete Bürger ebenso »unsere Leute« wie die deutschen Antifaschisten und Widerstandskämpfer.

Im Westen hingegen wurden als »unsere Leute« diejenigen betrachtet und behandelt, die für »Führer, Volk und Vaterland« in den Krieg gezogen waren und auch diejenigen, die angeblich »ohne eigene Schuld« in »NS-Verbrechen verstrickt« worden sind und als »Kameraden wie andere auch« galten und gelten. Und dabei sind auch die faschistischen Massenmörder etc. nicht ausgenommen.

Dieses »Unsere Leute-Prinzip« durchzieht alle Bereiche, aber insbesondere spielt es in der Juristerei eine bedeutsame Rolle, weil sich daraus nicht nur die Sicht auf Täter und Opfer ergibt, sondern auch Rechtsetzung und Spruchpraxis darauf reflektieren.

Die Haltung zum Massaker von Oradour und zu den daran beteiligt gewesenen Nazi-Verbrechern ist wie kaum ein anderes Nazi-Verbrechen ein signifikantes Beispiel für die aus dem »Unsere Leute-Prinzip« resultierende unterschiedliche Haltung der beiden deutschen Staaten zu den Nazi- und Kriegsverbrechern. Während sich mit dem Verfahren gegen Heinz Barth zumindest einer der »Mörder von Oradour« trotz der anfangs äußerst schwierigen Beweisführungsprobleme vor einem deutschen Gericht – und noch dazu in der DDR – wegen seiner unmittelbaren Tatbeteiligung an diesem Massaker zu verantworten hatte, ist in der BRD alles daran gesetzt worden, Tatbeteiligte und für dieses Verbrechen Verantwortliche der Strafverfolgung zu entziehen bzw. ihnen aktiven Täterschutz zu gewähren.

Die Haltung zur Vergangenheit und zum Erbe der Naziherrschaft sowie zum Umgang damit und mit den Nazitätern und ihren Opfern in beiden deutschen Staaten war über Jahrzehnte ein politischer Kampfplatz und ist es auch noch heute.

Nachdem nunmehr auch das Oberlandesgericht Köln am 12. Juni 2015 entschieden hat, dass es keinen Oradour-Prozess geben soll, wird Heinz Barth wohl der Einzige bleiben, der sich je vor einem deutschen Gericht – und noch dazu im angeblichen »Unrechtsstaat« DDR – als »Mörder von Oradour« zu verantworten hatte. Wie im Dezember 2011 der Presse zu entnehmen war, sollen die Ermittlungen zu zwei angeblich vom MfS verschonten ehemaligen DDR-Bürgern und weiteren Tatverdächtigen aus dem Großraum Hannover, aus Köln, dem Raum Bielefeld und dem Raum Darmstadt durch einen Hinweis aus der »Stasi«-Unterlagenbehörde ins Rollen gekommen sein. Dort wären in den Akten Spuren auf die damals 18 und 19 Jahre alten Männer entdeckt worden. Wesentliche Beweismittel aber seien bei den Ermittlungen gegen sie und bei den Durchsuchungen nicht entdeckt worden, obwohl gehofft worden war, Tagebücher, Dokumente und Fotos sicherstellen zu können. Bereits damals wurde verlautbart, dass es fraglich sei, ob die »mutmaßlichen Kriegsverbrecher« endlich zur Rechenschaft gezogen würden. Sie hätten ihre Täterschaft bestritten oder seien nicht mehr vernehmungs- bzw. verhandlungsfähig.

Interessant in Hinblick auf die massiven Angriffe eines Henry Leide gegen DDR-Justiz und MfS wegen der zwei in der DDR wohnhaft gewesenen SS-Angehörigen aus der Kompanie von Heinz Barth, denen eine strafrechtlich relevante individuelle Tatbeteiligung seinerzeit nicht nachzuweisen war und die deshalb auch nicht angeklagt worden sind, ist die nunmehrige Ablehnung der Eröffnung eines Hauptverfahrens wegen »Mangels an Beweisen«. Eine »konkrete Beteiligung an einzelnen Tötungsdelikten bzw. Beihilfehandlungen« könne nicht nach­gewiesen werden. Ebenso interessant ist die nach Presseinformationen getroffene Feststellung, das Massaker sei ein individueller Racheakt eines Bataillonschefs des SS-Regiments »Der Führer« gewesen, um die Bevölkerung abzuschrecken.

Das ist genau die Lesart, die von den SS-Schergen unmittelbar nach dem Massaker dem kurz danach gefallenen SS-Sturmbannführer Diekmann angehängt und auch noch Jahrzehnte danach im Westen von den »alten Kameraden« ungeniert verbreitet wurde. Von einem faschistischen Systemverbrechen ist da keine Rede.           

Die BRD-Justiz kommt aus ihrem Dilemma der politisch gewollten und staatlich sanktionierten »Unlust« zur Ahndung von Nazi-Verbrechen nicht heraus, auch wenn in den letzten Jahren mit enormen Presserummel darauf hingearbeitet wird, zu demonstrieren, dass quasi als »letzte Chance« mit fragwürdigen Prozessen gegen über 90 Jahre alte Angeklagte den Opfern endlich Gerechtigkeit zuteil werden soll. Falls es überhaupt zu einem rechtskräftigen Urteil kommen sollte, bleibt fraglich, ob die Verurteilten ihre Strafe noch antreten können. Jahrzehnte lang Versäumtes ist eben auch mit zur Schau gestellten Prozessen nicht mehr aufzuholen.             

Fast auf den Tag genau 30 Jahre nach dem DDR-Urteil gegen Barth nahm Herr Gauck die Gelegenheit wahr, als erster deutscher Bundespräsident Anfang September 2013 den Ort des Schreckens Oradour zu besuchen. Dort verkündete er, dass er »demütig« sei und er spreche »im Bewusstsein: Ich repräsentiere ein anderes Deutschland Er werde das auch zeigen, indem er sein Haupt beuge. Und er fand starke Worte, vor allem dazu, dass »Täter womöglich noch immer ungestraft in Deutschland leben«. Er teile »die Bitterkeit darüber, dass Mörder nicht zur Verantwortung gezogen wurden und dass schwerste Verbrechen ungesühnt geblieben sind«. Sein Versprechen war: »Wir werden Oradour und die anderen europäischen Orte des Grauens und der Barbarei nicht vergessen« und er benannte dabei auch das tschechische Lidice.

Darauf zu verweisen, dass es ausgerechnet die von ihm verteufelte  DDR war, in der sich einer der Mörder von Oradour und Lidice vor Gericht zu verantworten hatte, ist ihm dabei aber nicht in den Sinn gekommen. Gelegenheit dazu wäre sicherlich zur Genüge gewesen; spätestens dann, als er mit dem überlebenden Opfer des Massakers, Robert Hebras, medienwirksam durch Oradour pilgerte. Dieser hatte nämlich im Prozess gegen Barth in Berlin als Zeuge ausgesagt und so zur Wahrheitsfindung beigetragen.

In Oradour-sur-Glane wurden am 10. Juni 1944 insgesamt 642 Menschen, darunter 240 Frauen und 213 Kinder, niedergemetzelt und verbrannt. 20 der ermordeten Kinder waren nicht einmal ein Jahr alt, fünf Männer und sechs Frauen waren älter als 80 Jahre. Das älteste Opfer war 91 Jahre, das jüngste gerade einmal acht Tage alt geworden. Die SS-Schergen hatten auf ihrer Seite lediglich einen Verwundeten – den SS-Untersturmführer Gnug, der beim Einsturz des Kirchturms von einem Stein am Kopf getroffen wurde und etwas später seiner Verletzung erlag. Im »Tagesbericht für den 10./11. 6. 1944« für das Panzergrenadier-Regiment 4 »Der Führer« ist neben den als »Feindtote« bezeichneten Opfern ein Verwundeter als »eigener« Verlust ausgewiesen. Bevor das ganze Dorf in Brand gesteckt worden ist, wurde noch geplündert, was zu plündern war. Von Oradour blieben nur Ruinen übrig – ebenso wie auf den Tag genau zwei Jahre zuvor von der tschechischen Ortschaft Lidice, wo ebenfalls falsche Partisanenbeschuldigungen bzw. Rache für das Attentat auf Heydrich als Rechtfertigungsgrund für das Massaker gesorgt hatten. Heinz Barth war bei beiden zugegen.

Das Massaker von Oradour hatte bereits unmittelbar nach der Tat in Frankreich so großen Protest ausgelöst, dass selbst das mit den Nazis kollaborierende Vichy-Regime  beim deutschen Oberbefehlshaber West  protestierte. Die daraufhin vom SS-Divisionsrichter Detlef Okrent aus Sicht der Täter aufgenommenen Ermittlungen wurden aber bald eingestellt. Der ranghöchste, beim Massaker in Oradour anwesende SS-Offizier, Bataillons-Kommandeur Diekmann, war nämlich wenige Tage später bei den Kämpfen in der Normandie gefallen und auf ihn wurde befehlsgemäß alle Schuld abgewälzt; denn gegen Tote wird bekanntlich nicht mehr ermittelt.

Die ersten Ermittlungen zum Verbrechen von Oradour-sur-Glane aus der Sicht der Opfer wurden noch während des Krieges von französischer Seite durchgeführt. Als Beweisdokument für »Kriegsverbrechen gegen Kriegsgefangene und Zivilisten« war das Massaker Gegenstand des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses, auch wenn sich unter den dort Angeklagten keiner der Beteiligten an diesem Verbrechen befand. Der noch für die Vichy-Regierung erstellte Bericht über das Massaker, der das damalige Geschehen ohne Beschönigungen darstellt, wurde als Bestandteil des Beweisvortrages der französischen Anklage verlesen.

Am 12. Januar 1953 begann in Bordeaux der erste Prozess um Oradour. Angeklagt waren 21 anwesende und 44 flüchtige ehemalige Angehörige der 2. SS-Panzerdivision »Das Reich«. Unter den »Flüchtigen« waren unter anderem Divisionskommandeur Lammerding und Kompaniechef Kahn sowie auch der Zugführer Heinz Barth, der als Unterleutnant – ohne Angaben weiterer Personaldaten – ausgewiesen wurde. Die übrigen Beteiligten waren entweder bei späteren Kämpfen gefallen oder konnten damals nicht ermittelt werden. Am Ende des Prozesses in Bordeaux wurde gegen zwei der Anwesenden (Boos und Lenz) die Todesstrafe ausgesprochen. Gegen die übrigen anwesenden Angeklagten wurde auf Zwangsarbeit bzw. Gefängnisstrafen zwischen fünf und zwölf Jahren erkannt. Lammerding, Kahn, Barth und alle anderen abwesenden 44 Angeklagten wurden zum Tode verurteilt. Insgesamt waren das 46 Todesurteile.

Die westdeutsche Seite versuchte von Anfang an das Verfahren zu hintertreiben bzw. eine Verurteilung der deutschen SS-Schergen zu verhindern. Bundeskanzler Adenauer schickte höchstpersönlich seinen Schwiegersohn als Verteidiger nach Bordeaux. Mit Verweis auf Artikel 16, Abs. 2 des Grundgesetzes, nach dem kein Deutscher an andere Länder ausgeliefert werden darf, wurde die Überstellung der in der BRD lebenden Angeklagten aus »rechtsstaatlichen Gründen« verweigert. Die Rechtsschutzstelle des Auswärtigen Amtes warnte sogar die in der BRD unbehelligt lebenden Täter vor Reisen nach Frankreich. Als Lammerding davon Wind bekam, dass die britische Besatzungsmacht einen Haftbefehl gegen ihn erlassen hatte, um ihn nach Frankreich auszuliefern, halfen ihm auch die US-Amerikaner beim Untertauchen. Ab Oktober 1954 lebte er dann in Dortmund und hatte sein eigenes Bauunternehmen, für das die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen lukrativster Geschäftspartner war. Eine Vollstreckung der in Frankreich verhängten Urteile gegen Lammerding und Konsorten kam für die BRD-Seite nicht in Frage. Schließlich war die Todesstrafe mit Verkündung des Grundgesetzes abgeschafft, was bekanntlich vielen Nazi-Verbrechern zumindest das Überleben sicherte.

Gegen im Ausland ergangene Abwesenheitsurteile wur­de und wird argumentiert, dass diese »rechtsstaatswidrig« seien, weil die Angeklagten sich da nicht verteidigen könnten. Die eigene Justiz aber sei zugleich an der Einleitung eigener Verfahren wegen des Verbots doppelter Bestrafung in gleicher Sache gehindert.

Dennoch gab es in den sechziger Jahren auch in Westdeutschland in Sachen Oradour ein Ermittlungsverfahren der Dortmunder Zentralstelle für die Bearbeitung »nationalsozialistischer« Massenverbrechen, das sich gegen SS-General Lammerding richtete, aber alsbald eingestellt wurde. Lammerding, Stadler, Kahn, Okrent und Weidinger schoben auch hier wieder alle Schuld dem 1944 gefallenen Diekmann in die Schuhe.

Heinz Bath war sowohl an den Massakern in Tschechien nach dem Attentat auf Heydrich 1942 als Polizei-Offiziers-Bewerber bei der Vernichtung von Lidice und Lezaky sowie an Geiselerschießungen als auch in Oradour als Offizier der Waffen-SS unmittelbar tatbeteiligt. Als an diesen Verbrechen beteiligter Täter hat er als selbst dabei gewesener »Zeitzeuge« in der MfS-Untersuchungshaft und vor dem DDR-Gericht umfassend ausgesagt. Damit konnten die von den ehemals vorgesetzten SS-Führern ausgegebenen und in der BRD von ehemaligen SS-Schergen über Jahrzehnte hinweg verbreiteten Legenden über Anlass und Tatgeschehen in Oradour zweifelsfrei widerlegt werden.

Das wurde nicht nur in Frankreich wohltuend zur Kenntnis genommen.

Wie nicht anders zu erwarten, waren die in Westdeutschland unbehelligt lebenden und als Zeugen geladenen SS-Leute zum Prozess in Berlin nicht erschienen. In der BRD gemachte Aussagen wurden jedoch als Beweismittel verlesen. Die von der westdeutschen Seite im Zuge der erbetenen Rechtshilfe als so genannte Amtshilfe übermittelten Unterlagen waren für die Beweisführung im Verfahren gegen Barth allerdings nur in geringem Maße hilfreich. SS-General Lammerding als Kommandeur der SS-Division »Das Reich« hat beispielsweise nichts gewusst und SS-Hauptsturmführer Kahn hat als verantwortlicher Kompanieführer nur zugeschaut und zuvor vergeblich versucht, diese »Aktion« und »weiteres Unheil« zu vereiteln.

Nach dem Anschluss der DDR an die BRD witterte auch der noch im Strafvollzug befindliche Heinz Barth ebenso »Morgenluft« wie andere in der DDR verurteilte Naziverbrecher, die eine Kassation ihrer DDR-Urteile und/oder ihre Rehabilitierung durch die bundesdeutsche Justiz beantragten. Die Naziverbrecher beriefen sich dabei zumeist auf den Gleichheitsgrundsatz, da ja bekanntlich Nazitäter im »Rechtsstaat« BRD mit weitaus geringeren Strafen oder gar gänzlich unbehelligt davon gekommen waren. Zumeist machten sie auch geltend, dass ihre Strafverfolgung in der DDR »politischen Zielen« gedient habe und schon deshalb »rechtstaatswidrig« sein müsse, weil die Ermittlungen vom MfS geführt wurden.

Und tatsächlich wurden verschiedene in der DDR verurteilte Naziverbrecher nach »freiheitlich-demokratischer« Rechtsprechung rehabilitiert mit der Begründung, die Urteile seien »rechtsstaatswidrig« gewesen und hätten »politischer Verfolgung« gedient. Andere wurden aus »humanitären Gründen« aus der Haft entlassen.

So auch Heinz Barth, der im Jahre 1997 auf freien Fuß gesetzt wurde. Zuvor war sein Antrag auf Rehabilitierung durch Beschluss des Landgerichts Berlin vom 16. Juni 1991 als offensichtlich unbegründet verworfen worden.

Nach 1990 ist nicht nur die Altersrente von Heinz Barth unter Anrechnung seiner Dienstzeit bei der faschistischen Polizei und in der Waffen-SS großzügig aufgebessert worden. Wegen seiner Kriegsverletzung nach dem Einsatz in Oradour wurde ihm dazu auch noch eine »Kriegsopferrente« zuerkannt, die ihm allerdings aufgrund internationaler Proteste, vor allem aus Frankreich, ab 1. Januar 1997 nicht mehr gezahlt worden ist.

Dagegen setzte sich Barth mit Hilfe seines Rechtsbeistandes hartnäckig zur Wehr und versuchte, seinen Versorgungsanspruch mit Klage vor dem Landessozialgericht durchzusetzen, hatte damit aber keinen Erfolg. Als Argumente gegen die als »Lex Barth« bezeichnete Entscheidung waren ins Feld geführt worden:

• Die Entziehung der Kriegsopferrente sei eine Verletzung des Vertrauensschutzes, da Barth mit der Opferrente seinen Lebensabend geplant habe;

• Strafrecht dürfe nicht mit Sozialrecht vermischt werden, weil das eine doppelte Bestrafung wäre;

• bis zur Änderung des seit 1950 in der BRD geltenden Bundesversorgungsgesetzes hätten alle im Krieg geschädigten Soldaten – auch die Angehörigen der Waffen-SS, zusätzliche Versorgungsleistungen erhalten;

• niemals sei geprüft worden, ob Empfänger solcher Versorgungsleistungen an Nazi-Verbrechen beteiligt waren.

Und nicht zuletzt wurde geltend gemacht, dass seine Mittäter, darunter Kompanieführer Kahn, Regimentskommandeur Stadler und Divisionskommandeur Lammerding in der BRD nicht zur Verantwortung gezogen worden sind und Kahn wegen seiner Kriegsverletzung bis zum Tode neben einer nicht niedrigen Beamtenpension zusätzliche Versorgungsleistungen als Kriegsopfer erhalten hat.

Erst nach der 1998 erfolgten »Schließung einer Lücke« im Bundesversorgungsgesetz können bei schweren Verbrechen gegen die Menschlichkeit derartige Leistungen entzogen werden. Ob und in wie vielen Fällen das seither geschehen ist oder unterlassen wurde, ist bisher öffentlich nicht bekannt gemacht worden.

Im Jahre 2007 ist Heinz Barth in seinem Heimatort Gransee als »freier Bürger« verstorben. Ob und welche »alten Kameraden« zu seiner Beisetzung erschienen sind, ist öffentlich nicht bekannt. Sicherlich waren, anders als vormals 1971 am Grab von SS-General Lammerding, keine 200 ehemalige SS-Männer mit Kränzen der Division »Das Reich« und des SS-Veteranenverbandes HIAG erschienen. Nicht nur in der örtlichen Presse war der Tod von Heinz Barth erneut Anlass für die üblichen Verleumdungen der DDR und des MfS unter Berufung auf die von Leide in die Welt gesetzten tatsachenwidrigen Behauptungen über »Schauprozesse«, um die BRD anzuprangern, und angebliche »Strafverschonung«, um nicht mit »zu vielen verurteilten Nazi-Verbrechern« dem Ansehen der DDR zu schaden.

Fazit:

»Unrechtsstaat DDR«, »zweite deutsche Diktatur« und »SED-Unrechts-Regime« sind gängige Schlagworte zur fortgesetzten Delegitimierung der DDR. Auch mit der Verdrehung historischer Tatsachen zu den faschistischen Verbrechen und Verbrechern wird darauf abgezielt, jegliche positive Erinnerungen an die DDR zu zerstören und gesellschaftliche Alternativen zu dämonisieren.

Seit nunmehr 25 Jahren muss besonders das MfS mit herhalten für eine schier endlose Abrechnungswut mit der DDR durch einen in der Geschichte einzigartig aufgeblähten Apparat und Mechanismus. Die so genannten »Aufarbeiter« paaren sich dabei nicht selten mit Weißwäschern der »freiheitlich-demokratische Rechtsordnung« der alten und derzeitigen BRD zum Thema Verfolgung von Nazi- und Kriegsverbrechern. Künstlich aufrechterhalten wird eine niederträchtige Atmosphäre, in der die DDR und für sie engagierte Bürger an den Pranger gestellt werden, während diejenigen, die im Zweiten Weltkrieg einen Massenmord nach dem anderen begingen, weitgehend unangefochten blieben und nicht wenige von ihnen nach 1945 im Westen Karriere machten, honorig versorgt oder gar mit »Ehrungen« bedacht und hohen Orden dekoriert worden sind.

DDR- und MfS-Insider, die sich diesen Machenschaften in Wort und Schrift entgegenstellen, wird nicht selten das Recht auf freie Meinungsäußerung abgesprochen und verwehrt, ihre Standpunkte öffentlich kund zu tun. Mitunter wurde sogar nach dem Staatsanwalt gerufen. Gegen diese staatlich organisierte Verfolgungspraxis aus Motiven von Rache für 40 Jahre DDR ist Widerstand angesagt, keineswegs aber duldsame Hinnahme oder gar Duckmäusertum.

Als Insider, die sich in der DDR und für diesen deutschen Friedensstaat mit Herz und Verstand engagiert haben, sind wir es uns selbst und unseren Nachgeborenen schuldig, unsere Erinnerungen weiterzugeben und für die Wahrheit im Umgang mit unserer Geschichte zu streiten.

Und nicht zuletzt deshalb habe ich diesen Beitrag als »unbequemer Zeitzeuge« geschrieben.

 

 

»Geheime Paten« und andere öffentliche Geheimnisse

Einsatz in Eisenach

 

Von Hans Sauer

 

Jahrgang 1946, Diplomgesellschaftswissenschaftler, beim MfS/AfNS von 1966 bis 1990, letzter Dienstgrad Oberstleutnant, zuletzt stellvertretender Abteilungsleiter im Apparat der SED-Kreisleitung im MfS Berlin

 

Als ehemaliger Sekretär der FDJ-Organisation in der Hauptabteilung Personenschutz hatte ich zahlreiche Be­gegnungen mit Franz Gold und Wilhelm Enke. Der eine leitete den Personenschutz von dessen Anfang 1950 bis 1974, der andere war von 1954 bis 1970 Golds Stellvertreter. Besonders gern erinnere ich mich an die Jugendforen, in denen Wilhelm Enke sehr aktiv war und uns jungen Mitarbeitern als Gesprächspartner zur Verfügung stand. Wenn Wilhelm kam, war unser Jugendclub stets gut gefüllt. Mit seinen Anekdoten, seinem Humor, Witz und der Schlagfertigkeit erreichte er mehr als es so manche Stunde Politunterricht vermochte. Er vermittelte mir viele Anregungen zur Arbeit mit den jungen Mitarbeitern. In diesen Jahren bis zu seinem Tod 1980 war er für mich ein väterlicher Freund. Gleiches kann ich auch von Franz Gold und unserem Parteisekretär, Joachim Hauck, sagen. Sie beeinflussten die Entwicklung meiner Generation maßgeblich.

Franz Gold und sein langjähriger Stellvertreter Enke waren mit ihrer antifaschistischen Vergangenheit und ihrem Wirken für eine friedliche, menschliche und gerechte Gesellschaft Vorbild vieler junger Menschen und ihre Erzieher. Das drückte sich auch darin aus, dass sie um die Verleihung dieser verpflichtenden Namen für ihre Schulen baten und mit ihren Kollektiven dafür bereit waren, besonders anspruchsvolle Leistungen im schulischen Bereich und im gesellschaftlichen Leben zu vollbringen.

In der Wartburgstadt Eisenach war der Name Wilhelm Enke nur einem kleinen Kreis antifaschistischer Widerstandskämpfer bekannt. In den »Eisenacher Schriften zur Heimatkunde«, Heft 11/1980, erschien sein Name mehrmals. Dadurch angeregt, beschlossen Lehrer, Lehrlinge und Lehrmeister der HO-Betriebsschule in Eisenach, Leben und Wirken des Antifaschisten Wilhelm Enke zu erforschen und sich um die Verleihung des Ehrennamens zu bemühen. Nachdem die erforderlichen Formalitäten zur Aufnahme des Kampfes um den Ehrennamen erfüllt waren, wurde ein Plan erarbeitet, der klare Ziele und Aufgaben für die Lehrer, Lehrlinge und Lehrmeister stellte.

In einer kleinen Broschüre, die 1984 erschien, ist über die Aktivitäten der HO-Betriebsschule und die Kontakte zu lesen: »Im November 1983 unternahm die For­schungs­gruppe unserer Betriebsschule eine Exkursion nach Berlin. In unserer Hauptstadt, der Wirkungsstätte des Genossen Enke, erhielten wir von seinen ehemaligen Arbeitskollegen wertvolle Hinweise zur Einschätzung und Charakterisierung seiner Person. Übereinstimmend kam deutlich zum Ausdruck, dass Wilhelm Enke in seiner Dienststelle ein beliebter und geachteter Mitarbeiter war. An dieser Stelle möchten wir den leitenden Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit unseren Dank für die großzügige Hilfe und Unterstützung aussprechen.

Unser besonderer Dank gilt den Genossen Oberst Joachim Hauck, Oberstleutnant Günter Tschirschwitz und Hauptmann Siegfried Anders. Sie hielten im Februar 1984 an unserer Betriebsschule vor den Lehrlingen und vor den leitenden Mitarbeitern unseres HO-Kreisbetriebes zwei bedeutungsvolle Lichtbildervorträge über das Leben und Wirken des Genossen Wilhelm Enke

In Vorbereitung der Namensverleihung wurden wir nach Eisenach eingeladen, um an Veranstaltungen und Foren teilzunehmen. Eisenach und die Wartburg waren für uns kein Neuland. Bei den zahlreichen Besuchen der führenden Repräsentanten der DDR und ihrer ausländischen Gäste führten wir entsprechende Sicherungsmaßnahmen durch. Wir kannten die Herzlichkeit der Bürger von Eisenach, die wir besonders bei den Luther-Ehrungen 1983 und bei kirchlichen Großveranstaltungen wahrnahmen.

Nun kam eine neue Herausforderung auf uns zu. Die Begegnungen mit den Lehrlingen und Lehrausbildern in der Wartburgstadt mussten vorbereitet werden. Unsere Arbeitsgemeinschaft Traditionspflege und die FDJ-Organisation unserer Diensteinheit hatten zu Wilhelm Enke umfassende Materialien erarbeitet, auf die wir zurückgreifen konnten. Kontakte wurden zu den staatlichen Organen und den gesellschaftlichen Organisationen des Territoriums hergestellt. Wir waren dabei immer als Mitarbeiter des MfS aus Berlin unterwegs und wurden in unserem Anliegen unterstützt. Höhepunkte für uns waren die Gesprächsrunden in der Schule mit den Lehrlingen und den Ausbildern. Sie waren von einer großen Offenheit und gegenseitigem Vertrauen geprägt. Wir spürten die Achtung gegenüber unserer Arbeit. Zugleich wuchs unsere Achtung gegenüber der Handelsorganisation in Eisenach und den täglichen Problemen, die bei der Planerfüllung zu meistern waren. Wir konnten Haltungen und Standpunkte kennenlernen, die zum damaligen Zeitpunkt eine feste Verbundenheit zu unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat ausdrückten.

Meine Mitstreiter und ich, wir wurden oft von Lehrern und Schülern gefragt, was denn das Besondere an solchen Persönlichkeiten wie Wilhelm Enke wäre, was sie auszeichnete, warum gerade sie Vorbild für nachfolgende Generationen sind. Wir konnten aus seiner Biografie wichtige Stationen nachzeichnen. So den Kampf des Jungkommunisten, des antifaschistischen Widerstandskämpfers gegen die faschistische Diktatur, seine mehrjährige Haftstrafe wegen »Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Sprengstoffverbrechen«, wie er die Konzentrationslager Buchenwald, Maidanek und Auschwitz überlebte. Nach der Befreiung handelte er im Sinne des Buchenwaldschwurs: »Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel Er und seinesgleichen, sie wollten, dass nie wieder Krieg von deutschem Boden ausgehen darf. Es war sein gelebter Antifaschismus, wie der vieler anderer, sein Aufbruchswille in eine bessere, friedliebende und den arbeitenden Menschen dienende Zukunft, die an der Wiege der DDR und ihres Sicherheitsorgans, des MfS, standen. Sie gehörten zur Gründergeneration des MfS und schufen die Grundlagen für eine antifaschistisch-demokratische Ordnung in der DDR.

Im Kontrast dazu steht die braune Vergangenheit der bundesdeutschen Geheimdienste. Einen solchen Nachlass hat es im MfS nie gegeben. Ich fand darum die Behauptung des derzeitigen thüringischen Ministerpräsidenten auf einer Tagung des DGB im November 2014 in Marburg ungeheuerlich: »Die Grundstruktur des Minis­teriums für Staatssicherheit war wie die der Gestapo angelegt

Mit einer solchen Gleichsetzung wurde auch das Andenken des Antifaschisten Wilhelm Enke verunglimpft, der von 1933 bis 1944 inhaftiert war und Buchenwald, Majdanek und Auschwitz überlebt hatte. Gegen Ende des Krieges hatten die Nazis den aus Creuzburg bei Eisenach stammenden Enke in die SS-Strafeinheit Dirlewanger gepresst, aus der er zur Roten Armee überlief.

Bei unseren Begegnungen mit Lehrern und Lehrlingen der HO-Betriebsberufsschule wurden wir damals mit vielfältigen Fragen konfrontiert. Unsere Gesprächspartner wollten von uns wissen, wie wir die aktuelle Tagespolitik beurteilten, welche Erkenntnisse wir zur Feindtätigkeit gegen die DDR hätten. Eine Reihe von Fragen gab es zu Problemen der Versorgungswirtschaft, zum Bürokratismus staatlicher Organe, zur Reisefreiheit, zur Medienpolitik und vielen anderen. Die Mehrheit der Fragen konnten wir beantworten Bei einigen Fragen waren auch wir überfordert. Mit manch interessanten Erkenntnissen kehrten wir in unsere Dienststelle zurück. Einige der angesprochenen brennenden Themen versuchten wir über die monatlichen Parteiinformationen weiterzuleiten sowie über den Dienstweg unseren Vorgesetzten mitzuteilen.

In Erinnerung ist mir geblieben, dass nach der Vorführung unseres Dia-Vortrages über Leben und Wirken von Wilhelm Enke die Eisenacher Handelsschüler uns fragten, wie Wilhelm Enke als Familienvater oder als Leiter im Umgang mit seinen unterstellten Mitarbeitern gewesen sei. Sie wollten das Vorbild, das sie auserwählt hatten, zum Anfassen. Sie wollten erfahren, wie er mit eigenen Fehlern und Schwächen umging. Wir, die wir Wilhelm Enke kannten und schätzten, konnten darüber so manches berichten. Unsere Schilderungen wurden mit großer Aufmerksamkeit verfolgt.

So erzählte ich u. a. meinen Gesprächspartnern jene Episode, die mir ältere Mitarbeiter über Wilhelm mehrfach erzählt hatten. Wenn er mit seinen Vorgesetzten (Ministern oder Franz Gold ) nicht einer Meinung bzw. verärgert war oder gar ungerecht kritisiert wurde, dann knallte er die Tür zu seinem Arbeitszimmer kräftig zu und ging in die Waffenkammer, ausgerüstet mit einem Topf grüner Farbe und strich Munitionskisten an, um sich abzureagieren.

Auch seine beiden Töchter, die uns nach Eisenach begleiteten, berichteten, wie sie ihren Vater erlebt hatten. Im Mittelpunkt standen die schönen gemeinsam verbrachten Urlaube, die sonntäglichen Spaziergänge und seine selbsterdachten Märchen über seine Jagderlebnisse. Mit Hochachtung sprachen sie darüber, dass ihr Vater im Alter von 48 Jahren noch ein Fernstudium über fünf Jahre aufnahm, das er als Diplomjurist abschloss.

Die Namensverleihung an die Betriebsschule des Volkseigenen Einzelhandelsbetriebes (HO) in Eisenach am 8. Mai 1984, dem 39. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus, gestaltete sich zu einem gesellschaftlichen Höhepunkt in der Stadt und im Kreisgebiet Eisenach. Die Eisenacher Freunde hatten bewusst dieses historische Datum als den Tag der Namensverleihung ausgewählt. Sie wussten um seine Bedeutung, auch und besonders im Zusammenhang mit dem Leben Wilhelm Enkes.

In Anwesenheit von Vertretern des Rates des Bezirkes Erfurt, des Rates des Kreises und der Stadt Eisenach, von Vertretern gesellschaftlicher Organisationen und der Kreisdienststelle des MfS in Eisenach sprach Oberst Joachim Hauck zum Leben und Wirken von Wilhelm Enke. Im Anschluss wurde in einer feierlichen Zeremonie durch den Rat des Bezirkes Erfurt der Betriebsschule der Name Wilhelm Enke verliehen. Eine Gedenktafel mit dem Namen des antifaschistischen Widerstandskämpfers wurde neben dem Eingang zur Schule enthüllt.

Am Tag der Namensverleihung wurde uns von allen gesellschaftlichen Kräften des Territoriums Dank und Anerkennung für die vorbildliche unterstützende Arbeit ausgesprochen. Abschluss dieses Tages war für uns Vertreter des MfS und für die Töchter Wilhelm Enkes ein Empfang auf der Wartburg, organisiert von der Handelsorganisation des Kreises Eisenach. Ein unvergessliches emotionales Erlebnis. Wir als Berliner MfSler waren stolz darauf, mitgeholfen zu haben, Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung für die damalige junge Generation zu erschließen und nutzbar zu machen. Es war ein Vertrauensbeweis gegenüber dem MfS, wenn die Eisenacher Schule den Namen eines Antifaschisten und verdienten Mitarbeiters der Sicherheitsorgane der DDR erhielt.

Wie eng wir miteinander verbunden waren, zeigte, dass die Eisenacher Lehrer der Betriebsschule und leitende Mitarbeiter der HO an uns mit der Bitte herantraten, mit uns gemeinsam in Berlin ein Wochenende zum Erfahrungsaustausch zu verbringen. Das war im Juni 1984 nach der Namensverleihung. Wir organisierten ein umfangreiches Programm. Eine Gesprächsrunde mit leitenden Mitarbeitern der Diensteinheit gehörte dazu. Selbstverständlich besuchten wir auch den neuen Friedrichstadtpalast und machten eine Rundfahrt auf dem Müggelsee mit einem gecharterten Schiff der Weißen Flotte. An Bord spielte unsere Musikband zum Tanz auf.

Nach dem gelungenen Wochenende mit den Gästen aus Eisenach wurde uns zum Abschied symbolisch das »Blaue Band der Freundschaft« überreicht.

Nachzutragen bleibt, dass die Gedenktafel mit dem Namen des antifaschistischen Widerstandskämpfers und Aktivisten der ersten Stunde unserer Republik, Wilhelm Enke, durch die bundesdeutschen »Geschichtsaufarbeiter« beseitigt wurde. Die NPD ist im Juni 2015 mit drei Abgeordneten im Rat der Stadt Eisenach vertreten.

 

 

Und wir schützen sie,

weil sie dem Volke gehört

 

Von Gerda Lück

 

Jahrgang 1939, Staatsexamen als Oberstufenlehrerin, Fachrichtung Deutsch und Russisch, ab 1960 tätig als Oberstufenlehrerin in Thüringen und an der 1974 nach dem Kommunisten und Generalmajor des MfS, Robert Mühlpforte, benannten 32. Polytechnischen Oberschule in Berlin-Lichtenberg. Seit 1999 Rentnerin.

 

Wenn Lehrerinnen ins Erzählen kommen, braucht es meist keinen großen Anlauf, denn es geht oft vom Hundertsten ins nächste Hundert. Jedoch es kostet ein wenig Geduld, will man mitreden dürfen. Ich will die Erinnerungen an mein Lehrer-Dasein auf wenige Gedanken begrenzen. Aber diese sind mir gerade in der gegenwärtigen Zeit wichtig geworden, weil neben dem vielen Beachtenswerten inzwischen nur noch Ungehobeltes über den Umgang mit jungen Menschen in der DDR verbreitet wird – und die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR insgesamt mit einer unerträglich gewordenen Verteufelung überzogen werden.

In Thüringen bin ich aufgewachsen, erwachsen geworden und habe den Großteil meines Berufslebens dann in Berlin durchgestanden – richtig gelesen – denn wenn ich den Beruf als Lehrerin ernst nehme, gibt es nicht oft die Muße des Setzens und Verweilens. Aber es war bereits als Kind mein innigster Wunsch, einmal eine Lehrerin zu werden. Seit ich selbst lesen konnte, wurde das Lesen zu meiner Leidenschaft und das hat sich bis heute so erhalten, vielleicht nun als Rentnerin noch mehr – und das nicht nur, weil mehr Zeit vorhanden ist, sondern weil das Erinnern nur einen Sinn macht, wenn ich in der Lage bin, damit die Gegenwart zu verknüpfen. Dann wird es eigentlich erst richtig interessant, weil nicht ausschließlich rückwärts gedacht wird.

Als 14-Jährige habe ich das Angebot meines Russischlehrers Reimar S. genutzt, eine Internatsoberschule bis zum Abitur zu besuchen und meinem Berufswunsch auf alle Fälle treu zu bleiben. Das blaue dreieckige Pionier-Halstuch wurde noch ein letztes Mal gewaschen, gebügelt und zusammen mit meiner Pionierkleidung im Schrank verstaut.

Ich war nun zwar nicht gerade ein »Nesthäkchen«, aber mit Vierzehn dem Elternhaus Ade sagen? Es brauchte schon Bedenkzeit und für eine nähere Begutachtung, wie das gehen soll, gab es keine Gelegenheit. Ich musste mich auf die werbenden Worte verlassen – habe es nicht bereut – will damit sagen, dass ich nicht getäuscht worden bin. Reimar S. kam nach kurzer Zeit selbst als Lehrer für Russisch und Latein an »mein« Internat, die Internatsoberschule Wickersdorf, unweit von Saalfeld in ein Walddörfchen eingebettet. Er war etwa zehn Jahre älter als wir alle in unserer damaligen Klasse. Wir haben bis in die heutige Zeit noch herzliche Verbindung zu ihm. Ihm verdanke ich viel Emotionales für meinen späteren Beruf, Fachliches sowieso ohne jeden Zweifel. Ich erlebte also mein Erwachsenwerden in einem Internat.

Diese Bildungseinrichtung hatte eine Tradition seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts, bekannt durch Konzepte einer Schülerselbstverwaltung, einer besonderen kameradschaftlichen Hilfe untereinander und durch die Lehrer, geprägt vom Aufbauwillen und der Übernahme von Verantwortung fürs Ganze. Hinzu kam die enge Verbindung zu Natur und Umwelt, das Erleben der Jahreszeiten in einer wohlgehüteten Gemeinschaft. Es war eine neue und gute Art des Zusammenlebens.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren die meisten Wickersdorfer Schüler vom antifaschistischen Gedankengut und dem Willen zur Teilnahme am Aufbau einer neuen demokratischen Ordnung im Lande beseelt. An der Schule wurde das Erlernen der russischen Sprache verstärkt durchgeführt. 1964 wurde sie als »Spezialschule zur Vorbereitung auf das Russischlehrerstudium« eingerichtet. Den Anschluss der DDR an die BRD im Jahre 1989 überlebte die Spezialschule nur kurze Zeit. Der Bedarf an Russischlehrern schwand und durch das Kultusministerium des Freistaates Thüringen wurde die traditionsreiche Schule 1991 endgültig geschlossen.

Wenn ich heute auf meine Schul- und Studienzeit zurückblicke, so kann ich sagen, dass ich vielen, sehr vielen ehrlichen und guten Lehrern begegnet bin. Nach bestandenem Abitur gab es für die Ausbildung zum Lehrerberuf in der DDR zwei Möglichkeiten: Wer sich für die Klassen 1 – 4 entschied erhielt seine Ausbildung an einem Institut für Lehrerbildung (IfL), wer die Lehrbefähigung für die Klassenstufen 5 – 10 erreichen wollte, studierte an einem Pädagogischen Institut (PI) oder an einer Universität. Ich entschied mich für das Studium am damaligen Pädagogischen Institut Erfurt (heute eine Universität). Die Ausbildung erfolgte in zwei Fächern; ich entschied mich für Deutsch und Russisch. Russisch deshalb, weil ich die Sprache mag, das Land und die Menschen achte, das vor allem wegen ihres Heldentums bei der Niederwerfung der faschistischen Aggressoren im Zweiten Weltkrieg.

Meine ersten Berufsjahre hielten mich noch in Thüringen fest. Aber das Leben mit eigener Familie stellte dieses Mal seine Weichen, und ich zog 1965 nach Berlin-Lichtenberg. Meine erste Arbeitsstelle wurde die Schule im Kinderheim in der Königsheide/Berlin-Johannisthal. Vor diesem nun schon größeren Einschnitt im persönlichen Leben konnte ich mich nur an Hand von Unterlagen und Prospekten orientieren und nahm den Rat älterer und erfahrener Kollegen an. Sie machten mir Mut, mich dieser Aufgabe zu stellen, sie als Herausforderung zu betrachten, die ich zu meistern hatte.

Das Meistern kam in mehrfacher Hinsicht auf mich zu. Berlin war für »Eine aus der Republik« schon ein be­sonderes Pflaster gewesen. Bei den wenigen Malen, die ich mich früher in Berlin aufhielt, waren nur oberflächliche Eindrücke, zumal noch als Gast für kurze Aufenthalte, zu gewinnen. Zunächst musste ich mich in meine neue Umgebung einleben – Einkaufs- und Verkehrsmöglichkeiten, die Umgebung und die Stadt kennenlernen. Und nun kam der nächste Schritt, die neue Arbeitsstelle: Eine 10klassige Polytechnische Oberschule wie jede andere in der DDR für Schüler von der 1. bis zur 10. Klasse, aber doch mit Besonderheiten. Zuweilen hörte man: »Königsheide? Na ja, man weiß doch was das für welche sind…, dort hält es niemand lange aus«. Solche Meinungen bezogen sich zunächst nur auf das Heim in der Königsheide, aber meine zukünftige Arbeit sollte ja dort in der angeschlossenen Schule stattfinden. Aufgeheizt wie ich war, hörte ich jetzt auf mein Inneres, denn ich war ja selbst eine Internatsschülerin gewesen, und hatte nicht schlechthin angeeignetes Wissen, sondern selbst erlebte Erfahrungen mit dieser Art und Weise des Lebens.

An dieser Stelle halte ich es für sinnvoll, doch einige Bemerkungen zur »Königsheide« loszuwerden. Das Kinderheim wurde 1953 gegründet. Nach Kriegsende aus Trümmersteinen aufgebaut war es ursprünglich als Heim für Waisenkinder (Kriegswaisen) gedacht, aber im Laufe der Jahre waren es immer mehr Kinder, die familiengelöst lebten. Dafür gab es unterschiedliche Gründe: es gab Kinder, deren Eltern mit dem Gesetz in Konflikt gekommen waren; manche lebten im Heim, weil die Eltern – meist nur ein Elternteil – physisch oder psychisch nicht in der Lage waren, die Kinder zu erziehen; es gab Kinder, zu denen das Jugendamt eine Entscheidung treffen musste, weil die Verwahrlosung drohte, und sicher gab es auch Kinder, deren Eltern republikflüchtig wurden, die ihre Kinder zurückließen, und auch aus der Verwandtschaft niemand bereit war, die Betreuung und Erziehung zu übernehmen. Gerade über diese Gruppe von Kindern wird in widerwärtiger Weise entsprechend dem von Regierung und Bundestag der BRD beschlossenen Vorgehen zur »Aufarbeitung des SED-Unrechtssystems« mit Verleumdung und Diffamierung – verbunden mit An­schuldigungen gegen die Organe der Justiz, der Deutschen Volkspolizei und des MfS – nicht gespart.

Das Heim war das größte dieser Art in der DDR. In fünf Häusern waren jeweils etwa 120 Kinder untergebracht, in denen sie altersgemäß in Gruppen lebten und von Erziehern betreut wurden. Es ging hier um die stattliche Anzahl von ungefähr 500 Kindern im Kleinkind-Alter bis zu 16-Jährigen. Die Wohnräume waren zweckmäßig und doch sehr schön eingerichtet, es gab viele »persönliche« Ecken. Jede Gruppe hatte einen ebenso gut gestalteten Aufenthaltsraum mit Fernseher, Spielen, Büchern. Die Anlage des Heimes war großzügig. Vom Eingang, am Pförtnerhaus vorbei, führte eine Allee zur Schule. Eigentlich konnte die gesamte Anlage als eine Kinder-Schulstadt bezeichnet werden. Es gab Einschulungen, Jugendweihen, Abschlussprüfungen, es gab die Pionier- und Jugendorganisation.

Mitglied der Pionierorganisation wurde der größere Teil der Heimkinder vom Schulanfänger bis zum 14. Le­bensjahr, danach konnte die Aufnahme in den Jugendverband, der Freien Deutschen Jugend (FDJ), beantragt werden. Symbolisch standen die drei Ecken des Pionierhalstuches für Schule, Elternhaus und Verband der Jungen Pioniere. Diese sollten in enger Zusammenarbeit die Er­ziehungsaufgaben zu ehrlichen, hilfsbereiten und gesunden Kindern bewältigen. Das Elternhaus wurde für die Kinder durch die Erzieherinnen ersetzt. Ich denke, dass im Kinderheim alle Voraussetzungen geschaffen wurden, den Kindern auch das Zuhause zu ersetzen. Das kann eigentlich auch das beste Heim nicht, aber für die Kinder schuf es die Grundlage für ihren Weg ins Leben. Trotzdem war es natürlich ein großer Unterschied zum Beispiel zu meinem Erwachsenwerden im Internat Wickersdorf, denn ich hatte ja meine Eltern, zwar örtlich entfernt, aber doch immer an meiner Seite, wenn ich Rat und Hilfe brauchte. Besonders die Altersgruppen der mir übergebenen Klassen 5 bis 10 befanden sich in den bekannten komplizierten Phasen ihrer Entwicklung. Aber sie waren andererseits auch stark emotional ansprechbar und lebten mit positiven Angeboten richtig auf. Mit unserem pädagogischen Wissen und der Fähigkeit, Zuneigung und Liebe zu geben, sollte jedes Kind fühlen, dass es geachtet wird. Allein schon mit der Art, wie wir zuhören konnten, entstanden die so lebenswichtigen Bindungen zueinander und die Möglichkeit, auch komplizierte Probleme zu besprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Zur Schule gehörte eine Turnhalle, hinter der Schule gab es für die Kleinen Spielgeräte und ein Planschbecken. Der Alltag für die Heimbewohner musste immer gut organisiert und durchdacht werden, damit Unterricht, Anfertigung der Hausaufgaben und Freizeit sinnvoll durchgeführt werden konnten.

Es gab etliche Arbeitsgemeinschaften (Sport, Gesang, Erlernen des Musizierens, Basteln und Bauen, junge Matrosen, Fotografen und Reporter – von allem etwas) oder einfach nur mal einen Bummel machen oder lesen, ganz wie jeder wollte. Eine große Blaskapelle war bei ihrer Probenarbeit nicht zu überhören. In guter Erinnerung ist mir auch die ausdauernde Probenarbeit des Chores, der eine Vielzahl von Veranstaltungen ausgestaltet hat. Ein sehr ans Herz gehendes Lied, das mir selbst noch aus meiner Pionierzeit in Erinnerung geblieben ist, hat die Liebe zu unserer Heimat besungen. Es soll für viele andere Pionier- und Jugendlieder stehen und hier benannt werden:

 

Unsere Heimat

Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer,

Unsere Heimat sind auch all die Bäume im Wald.

Unsere Heimat ist das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld

Und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde

Und die Fische im Fluss sind die Heimat.

Und wir lieben die Heimat, die Schöne

Und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört

Weil sie unserem Volke gehört.

 

Die Kinder lebten nicht in einer abgeschlossenen Welt, sondern wuchsen gut behütet in den Verhältnissen einer Großstadt auf. Zu den vordringlichen Sorgepflichten des Heimes zählte, die Kinder vor gesundheitlichen Schäden und anderen missliebigen Einflüssen zu bewahren. Bei der Größenordnung des Heimes ging das nicht ohne ein sinnvolles Regime, das den Heimbewohnern nicht einfach übergestülpt worden war, sondern von ihnen selbst mit getragen wurde. Erfahrungen zum Umgang damit im Einzelnen brachte ich aus meiner eigenen Internatszeit mit. Ich erlebte in den Jahren meiner Tätigkeit an der Schule fröhliche, kameradschaftliche und überwiegend auch lernbereite Schüler. Sicherlich gab es auch einmal Probleme, aber die waren lösbar.

Und nun begann also für mich das neue Schuljahr in dieser Umgebung. Es war an allen unseren Schulen üblich, den ersten Schultag mit einem Appell zu beginnen, der auch dazu diente, die neuen Lehrer und Mitarbeiter vorzustellen. Uns »Neuen« fiel es nicht schwer, im Lehrerkollegium Fuß zu fassen. Die Arbeit mit den Kollegen war sehr gut – es herrschte eine offene, freundschaftliche Atmosphäre, wir tauschten unsere Erfahrungen aus, berieten und halfen einander, wenn es notwendig war. Es gab keine Anfeindungen, kurzum: das Klima stimmte und jeder war um einen bestmöglichen Unterricht bemüht.

Und die Schüler? Ob berechtigt oder unberechtigt, den Berliner Schulen ging der Ruf voraus, dass es da schwieriger wäre zu unterrichten. Ich lernte die Klasse kennen, merkte mir auch schnell alle Namen und ging mit Elan ans Werk. Aber es dauerte glücklicherweise nur wenige Tage, bevor ich »loslegen« konnte. Was war passiert? Ich versuche eine Erklärung mit einer kleinen Episode. Es muss am dritten Schultag gewesen sein, als ich vor meiner 8. Klasse stand. Alles war still, alle sahen mich erwartungsvoll an und gleichzeitig gingen ihre Blicke an mir vorbei an die Wandtafel. Ich verstand das Signal, drehte mich um und sah es: auf der Tafel war eine Palme gemalt, auf der ein Mensch saß (beinahe künstlerisch wertvoll ausgeführt – so schön hätte ich das nicht gekonnt) und darunter stand: »Dahin werden wir Sie bringen

Na toll, dachte ich, an mir geht also der »Härtetest«, den so oder in ähnlicher Form fast jeder Neue bestehen musste, nicht vorbei. Zuerst habe ich nicht reagiert und der Unterricht begann. Obwohl ich erst wenige Jahre Be­rufserfahrung hatte, wusste ich, dass es so nicht gehen kann – die Schüler machten zwar alles was sie sollten, aber da gab es kein Leben, keine Fragen, keine Zwischenrufe (die ja nicht immer erwünscht sind), kein Lachen, einfach nichts. Am übernächsten Tag kam meine Antwort: ich setzte mich an den Lehrertisch und tat so, als ob ich Zeitung lese. Damit hatten sie nicht gerechnet und es vergingen nur wenige Minuten, die sie diese Untätigkeit aushielten. Das Eis begann zu tauen. Als ich ihnen dann erklärte, dass ich ja auf keiner Palme sitzen kann, weil wir keine hatten und mich stattdessen auf den Stuhl gesetzt habe, mussten wir alle lachen. Ob das nun besonders gelungen war, glaube ich nicht. Aber es war ein erlösendes Lachen, hilfreich, und gerade mit dieser Klasse begann eine wunderbare Zeit.

Auch solche Dinge geschahen: 1964 wurde meine zweite Tochter geboren. Eines Tages komme ich in den Klassenraum, wieder einmal erwartungsvolle Gesichter und was sehe ich? Da hatten mir doch tatsächlich die großen Jungen einen Klubsessel aus ihrem Aufenthaltsraum in die Klasse geschleppt, damit ich mich im Unterricht als schwangere Frau mal ausruhen kann.

Gemeinsam mit der Erzieherin Uli fuhren wir für drei Tage in eine Jugendherberge nach Eisenach. Die Fahrt begann mit einer Panne. Unser Zug fuhr wenige Minuten nach Mitternacht ab, wir hätten also Platzkarten für den nächsten Tag bestellen müssen, was wir nicht bedacht hatten. Gemeinsam mit einer Zugaufsicht fand jeder seinen Platz. Wir mussten nicht erklären, wie sich die Schüler verhalten sollten, es hat bestens geklappt. Irgendwann am frühen Morgen kamen wir an. Nun muss ich erwähnen, dass wir uns selbst versorgen mussten, also schleppten die Jungen Kisten mit Wurst, Obst und dergleichen Dinge. Auf diese Reise habe ich meine damals sieben- und vierjährigen Kinder mitgenommen. Vom Bahnhof bis zur Jugendherberge war es ein relativ langer und beschwerlicher Weg, es ging im Wesentlichen bergauf. Ohne ein Wort, ohne jeden Kommentar verteilten die Jungen wechselseitig das Gepäck und nahmen meine jüngere Tochter auf die Schulter, damit sie nicht laufen musste.

Vor allem für ein vierjähriges Kind ist es ein Erlebnis, mit den Großen zu reisen, mit ihnen das Zimmer zu teilen und einfach mit einbezogen zu werden. Am letzten Tag wollte sie unbedingt helfen, den Tisch zu decken. Die Glasschale, die unseren spärlichen Rest Zucker enthielt, fiel ihr aus der Hand und zerbrach. Und wieder – kein Meckern, kein Schimpfen nach dem Motto: man kann den Tee auch ungesüßt trinken. Was will ich mit diesen Beispielen sagen?

Diese guten menschlichen Eigenschaften – Hilfsbereitschaft, Verantwortungsgefühl, Freude am Lesen, Lachen oder auch Streiten – zeigen Kinder, die im Heim und immer in der Gruppe leben ebenso wie Kinder, die in eine Familie eingebettet sind. Aus dieser Zeit habe ich später, leider nur wenige Male, einige »Ehemalige« getroffen und es war schön, in alten Erinnerungen zu kramen. Auch mit allen anderen Klassen gab es eine gute Zusammenarbeit – getragen von gegenseitiger Achtung, Höflichkeit und freundschaftlicher Zuneigung.

Ein besonderer Tag für alle kleinen und großen Menschen im Kinderheim war der 30. November 1968. Unserem Heim wurde der Ehrenname »A. S. Makarenko« verliehen. Diese Anerkennung der pädagogischen Leistungen der Erzieher und Lehrer, aller Beschäftigten in den verschiedenen Bereichen zur Organisation des Lebens im Heim bis hin zu unserem Pförtner wurde zu einem Höhepunkt der langjährigen Geschichte dieser Einrichtung. Es ist auch heute nach langer Zeit nicht einfach, die Wirkung unseres »Makarenko« als sozialistische Bildungsstätte, als Ort sozialer Absicherung und Erziehung junger Menschen so zu beschreiben, dass damit seine Erfolgsgeschichte einigermaßen vollständig dargestellt würde. Die Verleihung des Ehrennamens war die eine Sache, sehr schnell wurde uns klar, welche Verpflichtung uns damit aufgegeben worden war.

Anton Semjonowitsch Makarenko (1888-1939) war ein sowjetischer Pädagoge und Schriftsteller. Bekannt wurde er in seinem Land durch die Beteiligung an der Neuorganisation des Schulwesens in Teilen Russlands, insbesondere des Aufbaus von Heimen für straffällig gewordene Jugendliche, wie der »Gorki-Kolonie«. Die ersten Zöglinge waren im Gefolge des Bürgerkrieges Kriegswaisen und verwahrloste Jugendliche. Ein Grundprinzip des Umganges mit seinen Zöglingen war ihre Achtung als Menschen und ihnen begreiflich zu machen, dass sie selbst Verantwortung für die Gestaltung ihres Lebens zu übernehmen hatten. Das war von Anfang an auch mein Bild vom Lehrerberuf in unserer Gesellschaftsordnung.

1974, nach sieben Jahren Tätigkeit als Lehrer im »Makarenko«, habe ich auf eigenen Wunsch die Schule gewechselt. Dafür gab es zwei Gründe: der Hauptgrund war, dass meine zweite Tochter selbst zur Schule kam und ich durch einen kürzeren Anfahrtsweg mehr Zeit für die Familie haben wollte.

Der zweite Grund ist – noch heute in der Erinnerung – nicht sehr schön: Als ich meine Arbeit an unserer Schule begann war Herr Dr. S. Graupner der Direktor des Kinderheimes. An ihn habe ich gute Erinnerungen. Sein Vorgänger war Herr G. Riese. Leider habe ich ihn nicht mehr persönlich kennengelernt, aber ich weiß noch sehr genau, dass alle Schüler und Erwachsenen mit großer Achtung und Verehrung von ihm gesprochen haben. Nun gab es eine neue Heimleitung. Wenn wir an unserer Schule auch eine eigene Schulleitung hatten, war das A und O für uns doch immer eine enge Abstimmung mit der Heimleitung und den Erziehern. Diese Zusammenarbeit wollte nun nicht mehr so gut wie die Jahre vorher gelingen. An der fachlichen und pädagogischen Kompetenz war nicht zu zweifeln, das stand mir auch nicht zu. Aber diesen neuen Leitungsstil konnte ich einfach nicht akzeptieren. Dabei war die neue Heimleiterin für ihre ausgezeichneten Leistungen in der Organisation und der Erziehungsarbeit bekannt. Zwei Beispiele sollen mein Problem belegen: Es war nach meinem Eindruck für die neue Heim-Leiterin eine Freude, unangemeldet in die Schule zu kommen und bei irgendeinem Kollegen zu hospitieren. Das war ihr gutes Recht, aber sie kam nicht, sie ließ sich diesen äußerst kurzen Weg zur Schule fahren, ließ sich die Wagentür öffnen und schritt (nicht «ging«) in das Schulgebäude. Obwohl sie wusste, dass wir eine gute Unterrichtsarbeit leisteten, waren wir ihr irgendwie ein Dorn im Auge. Das ließ sie uns immer mal wieder spüren. Heute sagt man dazu, dass die »Chemie« nicht stimmt, aber es wäre schon besser, tiefer zu schürfen und die Ursachen zu erkennen. Von den Kindern wurde sie »unser Makarenko« genannt; ich und einige Lehrerinnen hatten so unsere Probleme mit ihr.

Einmal, es muss um den Jahrestag der Oktoberrevolution gewesen sein, fand im großen Festsaal eine Veranstaltung statt. Schüler und Erwachsene hatten ein tolles Programm einstudiert. Ich sollte, sicherlich als Russischlehrerin, einen, nur einen einzigen Satz zur Begrüßung sagen. Das war ja nun zu keiner Zeit ein Problem, aber: diesen einen Satz sollte ich aufschreiben und der Heimleitung vorlegen. Das habe ich nicht getan, ich habe das als unter meiner Würde empfunden.

Die Veranstaltung begann, ich saß inmitten meiner Schüler und Frau D. sagte: »Und nun begrüßt euch Frau Lück

Ich blieb sitzen und habe nur gesagt. »Nein!«

Damit hatte ich mir die volle Punktzahl eingehandelt. Der Nachmittag verlief für alle sehr schön, das bunte Programm, von den Schülern gestaltet, fand viel Beifall.

Die heutige Zeit kann dem Schul- und Bildungswesen in der DDR kaum gute Noten abgewinnen. Es wird auch auf diesem Gebiet vieles auf die angebliche Diktatur bezogen und sehr schnell ist dann daraus eine dunkelgraue, traurige und überhaupt sehr schlimme Kindheit und Jugendzeit konstruiert. Wie viele museale Einrichtungen sind aus dem Boden geschossen, in denen sich die interessierten Besucher mit blauen Halstüchern in die aufgestellten Schulbänke drücken müssen und eine vermeintliche Schulstunde in der ehemaligen DDR spielerisch über sich ergehen lassen müssen? Derartiges ist an Primitivität nur schwer zu übertreffen, beschämend für die aus Steuergeldern besoldeten Veranstalter. Ich distanziere mich von solcher Aufarbeitung auch meiner Geschichte, weil sie nur ein Ziel offenbart: die Delegitimierung unserer Arbeit als Lehrer und Erzieher.

Nun begann meine Arbeit an der 32. Polytechnischen Oberschule (POS) in Berlin-Lichtenberg im Rosenfelder Ring. Das Schuljahr 1974 begann auch hier, wie an allen Schulen üblich, mit der Vorbereitungswoche für die Lehrer. Wir »Neuen« mussten uns kurz vorstellen, erhielten unseren Stundenplan, erfuhren, in welchen Klassen wir unterrichten werden, besprachen pädagogische und organisatorische Fragen und dergleichen. Für neue Kollegen war das eine gute Möglichkeit, die anderen kennen zu lernen und die neue Umgebung zu erkunden. Dieser Einstieg fiel mir sehr leicht, denn ich kam in ein Kollegium, wo das Klima ganz einfach stimmte. Alle, jeder an seinem Platz, zogen an einem Strang – der Hausmeister, die Frauen in der Küche (die das Essen ausgaben und bergeweise Geschirr – mit der Hand! – spülten), die Erzieherinnen im Hort und natürlich die Lehrer – es war eine geschlossene Einheit.

In diesen ersten Tagen erfuhr ich, dass unsere Schule zum Eröffnungsappell den Ehrennamen »Robert Mühlpforte« erhalten wird. Zu diesem Namen hatte ich keinerlei Vorstellungen, woher auch. Ich hatte mich bis zu diesem Zeitpunkt nie mit der Geschichte und Gegenwart des MfS vertraut gemacht. Hätte mich Jemand gefragt, ob ich die Notwendigkeit der Existenz dieses Sicherheits-Ministeriums befürworte, hätte ich das ohne Einschränkung bejaht, denn es war und ist für mich selbstverständlich, dass ein Staat für seinen Schutz und seine Sicherheit sorgen muss. Für die Dienststellen der Volkspolizei war mir das seit früher Jugend klar, aber jetzt war das schon ein bisschen anders.

Wer war Robert Mühlpforte? Er war Jahrgang 1911, wurde als Sohn eines Klempners in Halle geboren und erlernte den Beruf eines Malers, arbeitete in diesem Beruf. Schon in früher Jugend war er Mitglied der Kommunistischen Kinderorganisation und ab 1927 aktives Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes (KJVD). 1933 wurde er vom faschistischen Sicherheitsdienst verhaftet und in das berüchtigte Konzentrationslager (KZ) Esterwegen – ein Moorlager – eingesperrt. Nach seiner Entlassung schloss er sich dem aktiven Widerstand gegen die Naziherrschaft an, wurde erneut verhaftet und für 2 ½ Jahre ins Zuchthaus und 1940 ins KZ Dachau eingeliefert. Auf Beschluss der illegalen Lagerleitung meldete er sich zur Wehrmacht und wurde zum Strafbataillon eingezogen. Mit zahlreichen Gleichgesinnten lief er während eines Einsatzes an der Ostfront zur Roten Armee über.

Im September 1945 kehrte er aus sowjetischer Gefangenschaft nach Halle zurück und war seit dieser Zeit aktiv politisch tätig. 1950 wurde er Mitarbeiter im MfS, zunächst in der Länderverwaltung Sachsen, später in der BV Rostock und ab 1956 war er in der MfS-Zentrale in Berlin. 1969 zum Generalmajor ernannt, verstarb Robert Mühlpforte 1972 in Berlin. Wer nun erwartet, dass sich das Leben an unserer Schule grundlegend verändert hätte, den muss ich enttäuschen. Weder das MfS oder andere Institutionen mischten sich in den Schulalltag ein. Sicher ist, dass der/die Direktor/in oder der/die Stellvertreter/in erste Ansprechpartner waren, wenn es um »größere« Probleme oder Terminabsprachen ging, bekannt wurde in dieser Beziehung jedoch nichts.

Wir begegneten unseren Schülern offen und vertrauensvoll. Auch im Kollegium musste keiner hinter vorgehaltener Hand reden, wir diskutierten und stritten offen. Vertreter des MfS waren weder im Lehrerzimmer noch auf dem Schulhof präsent.

Wie sahen unsere Kontakte aus? Beeindruckend für alle war die Namensgebung für unsere Schule selbst. Der Festredner war ein Genosse Oberst Naumann, der in ordensgeschmückter Uniform zu den Schülern und Lehrern sprach. Auf den Treppen, die ins Schulhaus führten, standen zu beiden Seiten Soldaten des Wachregimentes »F. E. Dzierzynski« und präsentierten stolz das Gewehr. Zum Abschluss wurden Salutschüsse abgefeuert. Das alles war für uns sehr beeindruckend und wir waren in festlicher Stimmung. Einmal im Jahr wurden wir in die Kaserne des Wachregiments eingeladen. Das waren Veranstaltungen, zu denen wir gern gingen, weil es vorwiegend Diskussionsrunden zu aktuellen oder geschichtlichen Themen waren. Ich habe noch eine deutliche Erinnerung an eine Veranstaltung in unserer Schule, zu der es mit Unterstützung der MfS-Paten gelungen war, Ruth Werner einzuladen. Sie erzählte aus ihrem ereignisreichen Leben. Ich glaube, dass fast jeder von uns ihre Lebensgeschichte als engste Mitarbeiterin des Kundschafters Dr. Richard Sorge, beschrieben in »Sonjas Rapport«, kannte. Aber das Lesen ist eine Sache, der persönliche Kontakt zu dieser bescheidenen, klugen Frau eine andere. Ihr Auftreten hat uns nachhaltig beeindruckt.

In Vorbereitung auf die Jugendweihe wurden sogenannte Jugendstunden an der Schule durchgeführt. Das waren verschiedene Veranstaltungen mit Theater- oder Museumsbesuchen, Besuche von Gedenkstätten und anderes. Unsere Schüler, die auf dem Weg des Erwachsenwerdens waren, sollten Einblicke in die Vielschichtigkeit von Gegenwart und Vergangenheit erhalten. Eine solche Jugendstunde führte uns einmal zu den Seelower Höhen im Oderbruch, wo Mitarbeiter des MfS über die Ge­schichte zur Befreiung Deutschlands vom Faschismus und besonders über das Heldentum der Kämpfer der Roten Armee sprachen.

Die Jugendweihefeiern waren für die Schüler der achten Klassen immer ein besonderer Höhepunkt. Ihnen wurden niveauvolle Kulturprogramme geboten, hörten bei der Festansprache, dass für sie nun ein neuer Lebensabschnitt beginne. Zu einer Urkunde erhielt jeder das populärwissenschaftliche Buch »Weltall-Erde-Mensch«. Es war 1975, als eine solche Veranstaltung im ehemaligen Kino »Kosmos« in der Berliner Karl-Marx-Allee stattfand. Im Zuschauerraum war kein Platz mehr frei – Eltern, Großeltern, Verwandte, Freunde. In festlicher Bekleidung liefen die Schüler in den Saal ein, an der Spitze jeweils der Klassenlehrer und der Redner, wieder der Genosse Oberst Naumann, der in ordensgeschmückter Galauniform den Einzug begleitete. Ich war, was mir selten so erging, mächtig aufgeregt und weiß noch, dass ich meinen Zustand nicht verheimlichen konnte – ich glaubte, nicht als Erste laufen zu können. Und seine Reaktion? Er nahm mich in die Arme und versicherte mir, dass es ihm nicht anders gehe und dass wir das gemeinsam schaffen werden. Zur damaligen Zeit war das beruhigend für mich, aus der heutigen Sicht imponierend, wie dieser Mann sicherlich ganz andere Hürden in seinem Leben überwinden musste.

Es war Anliegen unserer Lehrpläne, vor allem in den Fächern Deutsch, Geschichte und Staatsbürgerkunde, den Schülern solche Inhalte zu vermitteln, dass sie die Vergangenheit verstanden – die grauenvoll menschenverachtende Herrschaft des Faschismus, den Kampf vor allem der Kommunisten dagegen, den heimtückischen Überfall auf die Sowjetunion, den heldenhaften Befreiungskampf der Roten Armee, den Neuanfang mit der antifaschistisch- demokratischen Ordnung im Osten Deutschland und die Gründung der DDR im Jahre 1949. Dass die Erhaltung des Friedens oberstes Gebot ist, verstand jeder Schüler, nicht nur an unserer Schule, sondern überall in der DDR.

Es gab einheitliche Lehrpläne. Wenn also eine Familie von Rostock nach Suhl, von Leipzig nach Schwerin und woher und wohin auch immer umzog, gab es für ihre schulpflichtigen Kinder keine nennenswerten Probleme, den Anschluss im Unterricht zu finden. Jährlich in der Zeit um Robert Mühlpfortes Geburtstag wurde eine Festwoche mit vielfältigen Aktivitäten organisiert. Die Gedanken an Solidarität, Friedensliebe, Freundschaft zur Sowjetunion waren uns allen deutlich. Es fanden an diesen Tagen sportliche Wettkämpfe statt, es gab künstlerische und musikalische Darbietungen. Den Höhepunkt bildete immer eine Festveranstaltung, zu der die Eltern und weitere Gäste eingeladen wurden. Wir waren stolz, dass auch Frau Mühlpforte mehrere Male unsere Einladung angenommen hatte, ihrem Ehemann dagegen habe ich nicht begegnen können. Solche Veranstaltungen boten die Gelegenheit, Schüler mit sehr guten schulischen Leistungen oder außerschulischen Taten als »Robert-Mühlpforte-Ehrenschüler« auszuzeichnen.

Wie schon erwähnt, begann ich als Lehrerin in der 32. POS mit den beiden achten Klassen, für welche die Schulzeit im Jahre 1977 zu Ende ging. Alle hatten die mündlichen und schriftlichen Prüfungen bestanden, noch einmal die großen Ferien erlebt – und dann ab ins Berufsleben. Aber da gab es ja noch den allerletzten Schultag, den jede Klasse anders, eben nach ihren Einfällen, vorbereitete. Und wie war es 1977? Ich wusste als Lehrerin nicht alles, aber doch sehr viel über meine Schüler. Das »Programm« zum letzten Schultag hielten sie voll geheim.

Ich kam also in die Schule – meine Klasse völlig schwarz gekleidet, die Parallelklasse ganz in Weiß vom Kopf bis zu den Füßen. Einige Väter hatten ein übermannsgroßes Holzkreuz gezimmert, das die Schüler in einem Zug durch den Rosenfelder Ring trugen. Ich lief mit, hatte mir von der Mutter einer Schülerin einen schwarzen Rock und eine schwarze Jacke ausgeliehen. So etwas hatte der Rosenfelder Ring noch nicht gesehen, aber andere auch nicht.

Ich weiß von Kollegen aus Thüringen und Rostock, dass dieser Vorfall republikweit die Runde machte unter dem Tenor: Da gibt es doch in Berlin eine Schule, deren Abgänger die Volksbildung zu Grabe getragen haben.

Nein! Dem war ganz und gar nicht so: fast alle Schüler der beiden Klassen kannten sich seit der 1. Klasse. Einerseits waren sie froh, die Schulzeit zu beenden, andererseits waren sie traurig, dass sie nun nicht mehr gemeinsam lernen konnten – es war ein Abschied von ihrer Schulzeit. Weder für die Schule noch für mich entstanden aus dieser Aktion Probleme. Und wenn es welche gegeben hätte, wären die Eltern einheitlich mit im Boot gewesen, hätten dazu gestanden. An diese ersten drei Jahre im Rosenfelder Ring denke ich sehr gern zurück, aber auch an die nachfolgenden. Ich habe in vielen Klassen unterrichtet und in jeder Klasse gab es Schüler, an die ich auch heute noch gute Erinnerungen habe. Dabei sind es nicht nur solche Schüler mit Bestleistungen in meinen Unterrichtsfächern. Ich denke: jedes Kind ist eine kleine Persönlichkeit, die der Lehrer fordern und fördern kann und so seinen möglichen Beitrag zur Entwicklung des Kindes leistet.

In all den Jahren hatten wir Lehrer immer eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern. Zur ersten Elternversammlung im Schuljahr wurde das »Elternaktiv« gewählt; vier bis fünf Elternvertreter, die uns vor allem in organisatorischen Fragen unterstützten – sie begleiteten uns bei Klassenfahrten, an Wandertagen, beim jährlich einmal im Winter durchgeführten Manöver »Schneeflocke« und anderen Unternehmungen. Und für die Schule insgesamt gab es den »Elternbeirat«, der sich aus Vertretern fast aller Klassen zusammensetzte und echte Hilfe für die Schulleitung darstellte.

Es gab für mich sieben Jahre, in denen ich unterrichtete, aber kein Klassenlehrer mehr war. In dieser Zeit fungierte ich als stellvertretende Direktorin. Als Stellvertreter hatte ich vor allem die gesamte organisatorische Arbeit an der Schule zu bewältigen. Das waren die Aufstellung der Stundenpläne, die Einteilung der Klassenräume, der Aufsichtsplan für die Kollegen und auch die fast täglich notwendigen Vertretungsstunden mussten einvernehmlich abgesichert werden. Schließlich mussten auch statistische und andere schriftliche Meldungen für das Schulamt, das war die Abteilung Volksbildung beim Stadtbezirk, erarbeitet werden. Anfangs hatte ich Bedenken, das alles nicht zu packen, denn Unterricht hatte ich ja auch noch zu geben. Aber ich habe immer – wirklich immer – Hilfe und Unterstützung von meinen Kollegen erfahren. Es gibt viele Namen, die ich nennen müsste, aber es täte mir leid, wenn ich jemanden vergessen würde – deswegen belasse ich es bei diesem allgemein gehaltenen Dank.

Es kam die sogenannte »Wende«, die unser gesamtes Leben umgebrochen hat. Aus der 32. POS »Robert Mühlpforte« wurde die 8. Grundschule Berlin-Lichtenberg. Heute ist von dieser Schule nichts mehr übrig geblieben – sie wurde abgerissen. An dieser Stelle möchte ich ergänzen, dass es in unmittelbarer Umgebung in Berlin-Lichtenberg weitere Schulen gab, die Ehrennamen trugen. So u. a. die »Fritz-Schmenkel-Oberschule« im Rosenfelder Ring.

Fritz Schmenkel, ein deutscher Kommunist, kämpfte in den Reihen sowjetischer Partisanen gegen die Okkupanten und wurde von den Faschisten in Minsk hingerichtet. Auch die nach ihm benannte 14. Polytechnische Oberschule gibt es nicht mehr und sein Name wurde nach 1989 aus der Öffentlichkeit getilgt.

Wenn ich nun das Fazit aus meinem Berufsleben ziehe, dann muss ich sagen: ich wollte Lehrerin werden und war es bis zu meinem letzten Arbeitstag gerne. Es gab – wie in jedem anderen Beruf auch – Höhen und Tiefen, aber die Freude an der Arbeit war immer vorhanden. Unabhängig von der Zeit und Gesellschaftsordnung sollte auch heute jeder junge Mensch, der sich für den Lehrerberuf entscheidet, das als seine Berufung ansehen.

Und Makarenkos Ausspruch »Weil ich dich achte, fordere ich dich« hat seine Bedeutung nicht verloren.

 

Die »geheimen« Paten

vom Kinderheim Schluft

 

Von Werner Beck

 

Jahrgang 1929, Diplomjurist, beim MfS/AfNS von 1955 bis 1990, letzter Dienstgrad Oberstleutnant, zuletzt stellvertretender Leiter der Abteilung V in der HA PS

 

1929 wurde ich in die kapitalistische Weimarer Republik hineingeboren. Ich habe die Kindheit und Jugendzeit im Nazireich verbracht, mein Berufsleben im Sozialismus absolviert und landete als Rentner wieder im Kapitalismus. Von 1973 bis 1989 war ich im Personenschutz in der Waldsiedlung (Abt. V, HA PS) tätig.

1958 wurde im Stadtforst Bernau mit der Errichtung eines Wohngebietes für die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros der SED und ihre Familien begonnen.

Die Maßnahmen zur Sicherung des Objektes entsprachen der politischen Situation des Kalten Krieges und den territorialen Gegebenheiten. Die dafür aufgewendeten Mittel und Sicherungskräfte würden unter heutigen Verhältnissen in der BRD vergleichsweise gerade mal ausreichen, um die Regierungsfahrzeuge zu sichern.

Die Waldsiedlung war ein militärisch gesichertes Objekt mit entsprechendem Geheimhaltungsbedürfnis, wie alle vergleichbaren Einrichtungen in der Welt. Die Geheimniskrämerei um den Wohnsitz des Politbüros der SED war deshalb m. E. nicht nur im Rückblick weder notwendig noch sinnvoll. Allein aus eigener Erfahrung kann ich bekräftigen – eine wichtige Säule unseres Sicherheitssystems war die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Bürgern im Lande. Es haben mehr Personen die Waldsiedlung betreten, als allgemein bekannt ist. Werktätige aus Bau- und Handwerksbetrieben, Mitarbeiter der Elektrizitäts- und Wasserbetriebe und aus anderen Bereichen arbeiteten teilweise wochenlang im Objekt. Lehrer aus den umliegenden Schulen kamen zum Elternbesuch und die Bewohner der Waldsiedlung empfingen regelmäßig Besuch. Keine Seltenheit waren kulturelle Veranstaltungen mit prominenten Künstlern wie Dean Reed, Frank Schöbel, Aurora Lacasa, Helga Hahnemann, O. F. Weitling, Heinz Rennhack, Herbert Köfer, Monika Hauff und Klaus-Dieter Henkler und vielen anderen, darunter auch das Erich-Weinert-Ensemble der Nationalen Volksarmee. Die reißerischen Reportagen über die Waldsiedlung Wandlitz und die tendenziösen Auslegungen und Verleumdungen durch die Medien 1989/90 lockten danach etwa 70.000 Neugierige zur Waldsiedlung. Mit vier weiteren Mitarbeitern habe ich nach der Öffnung der Waldsiedlung die Besucher durch das Objekt geführt. Ich kann bezeugen, dass die meisten Besucher ein vollkommen anderes Bild, als in den Medien verbreitet, vorfanden und zu realistischer Beurteilung bereit waren.

Mit meinem Einsatz in der Abteilung V der HA PS wurde mir auch die Verantwortung für die Patenschaftsarbeit im Kinderheim Schluft in der Schorfheide übertragen. Aus eigenem Erleben kann ich als Zeitzeuge die pauschalen Lügen und Verleumdungen gegen die Kinder- und Jugendeinrichtungen der DDR nicht hinnehmen. Die Wahrheit ist eine ganz andere.

In der BRD sind Kindesmisshandlungen und sexuelle Übergriffe in Kinder- und Jugendeinrichtungen bis in die Gegenwart bekannt. (Nach einem Bericht des Fernsehsenders RTL am 19. Mai 2015 etwa 1.400 Fälle jährlich). Zu Recht ist die Öffentlichkeit empört und fordert die Bestrafung der Täter und die Entschädigung der Opfer. Der eine oder andere Täter wird zur Verantwortung gezogen. Ist es ein Pfarrer, wird er eventuell versetzt oder muss in den Ruhestand gehen. Nach einiger Zeit versinkt das Problem im Nebel des Vergessens. Ob möglicherweise solche Zustände in den Heimen der Bundesrepublik damals und heute etwas mit dem herrschenden politischen System zu tun haben könnten, wird als abwegiger Gedankengang zurückgewiesen. Die Übergriffe werden ausschließlich im menschlichen Charakter angesiedelt und in seiner möglichen Deformation gesehen.

Gans anders ist die Bewertung der Kinder- und Jugendeinrichtungen der DDR. Einzelbeispiele von Gesetzesverletzungen oder persönlichem Versagen werden als für das sozialistische System typisch dargestellt. Subjektive Meinungen zu Maßnahmen der Einhaltung von Disziplin und Ordnung, wie sie in jeder derartigen Einrichtung sinnvoll und üblich waren, werden als Ausdruck der SED-Diktatur und grausame Zwangsmaßnahmen dargestellt. Und überall hatte »die Stasi« ihre Hände im Spiel.

In Kinderheimen wie in Schluft, einer kleinen Gemeinde inmitten der Wälder der Schorfheide, lebten etwa neunzig Kinder. Sie stammten aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen, Reibungen und Probleme waren unvermeidlich. Einzelne Vorkommnisse, wie es sie in jedem Kinderheim gab, wurden im Nachgang als Übergriffe dargestellt, um diese Einrichtung als Zwangsanstalt zu diffamieren und überdies mit den Misshandlungen in Heimen der BRD gleichzusetzen. Das ist eine Geschichtsfälschung. Die Pädagogen, das technische Personal und die vielen ehrenamtlichen Helfer, die mit großer Hingabe ihre Aufgaben erfüllten, werden dadurch beleidigt.

1974 erschien in der Neuen Berliner Illustrierten ein Artikel über diese Einrichtung.

Hildegard Behrend (»Im Heim zuhause«) schilderte darin sehr anschaulich, sachlich und realistisch das Leben in den Kinderheimen der DDR und die Förderung dieser Einrichtungen durch staatliche Maßnahmen und gesellschaftliche Aktivitäten.

Sehr kritisch äußerte sie sich in dem Artikel jedoch über das Kinderheim Schluft im Kreis Bernau, in welchem – im krassen Gegensatz zu anderen Heimen – die staatlichen und gesetzlichen Normen der Betreuung, Erziehung und Versorgung der Kinder nicht erreicht wurden. Hohe Personalfluktuation, ungenügende Kontrolle übergeordneter Instanzen und ein überforderter Heimleiter nannte sie als wesentliche Ursachen. Wir fühlten uns angesprochen, da seit einigen Jahren unsere Diensteinheit die Patenschaft über das Heim in Schluft hatte.

In dieser Situation übernahm ich die Verantwortung für die Patenschaftsarbeit im Kreiskinderheim Schluft. Unter verantwortlicher Leitung des Kreisschulrates erarbeiteten Vertreter der SED-Kreisleitung, des Rates des Kreises Bernau, des Referates Jugendhilfe, der Heimleitung und unserer Diensteinheit Maßnahmen zur grundsätzlichen Änderung der Situation im Kinderheim. Die Zusammenführung aller verantwortlichen staatlichen und gesellschaftlichen Kräfte, des Heimpersonals und der Kinder war der entscheidende Schritt, um ein kindgerechtes Leben und eine humanistische sozialistische Bildungs- und Erziehungsarbeit im Heim zu gewährleisten. Es war sozialistische Demokratie im Alltag.

Bereits nach kurzer Zeit waren durch das verantwortliche Wirken aller Beteiligten sichtbare Ergebnisse im unmittelbaren Lebensbereich der Kinder erreicht.

Nach drei Jahren konnte die Heimleitung konstatieren, dass das Kinderheim Schluft inzwischen einen guten Ruf hatte und im Bezirk als qualifizierte Bildungs- und Erziehungseinrichtung und Heimstatt für Kinder anerkannt wurde. Den größten Anteil daran hatte das Heimpersonal. Das gesamte Personal zeigte sich im täglichen Umgang mit den Kindern liebevoll und einfühlsam und war Elternersatz auf dem Weg ins Leben. Aber ein Heim, da waren sich alle Beteiligten einig, konnte und kann niemals eine Familie vollständig ersetzen. Heim bleibt Heim, so sehr sich die Mitarbeiter auch mühten.

Mit dem Abschluss des Patenschaftsvertrages zwischen dem Kinderheim Schluft und unserer Diensteinheit trat also »die Stasi« auf den Plan, was, wie sich denken lässt, nach 1990 nicht unbedingt zum Vorteil gereichte. Aber reden wir zunächst über unseren tatsächlichen Beitrag.

Über die SED-Grundorganisation, die FDJ-Leitung und die dienstlichen Leiter wurden unsere Mitarbeiter mobilisiert, Maßnahmen beschlossen und Aktivitäten eingeleitet. Trotz hoher dienstlicher Belastungen fanden wir Möglichkeiten, Mitarbeiter für die praktische und gesellschaftliche Hilfe freizustellen. Die Bereitschaft zu helfen und Mängel im Heim zu beseitigen war beispielhaft. Regelmäßige Zusammenkünfte mit der Heimleitung und den Erziehern wurden vereinbart, um die Patenschaftsarbeit mit den Erfordernissen des Heimes zu aktualisieren.

Sehr wichtig für das Leben der Kinder im Heim war die Bildung von Interessengruppen. Mit Hilfe unserer Arbeitsgemeinschaft Fotografie wurde im Kinderheim eine gleichartige AG gebildet. Sie wurde angeleitet und materiell unterstützt bis hin zur Errichtung eines Fotolabors. Unsere Feuerwehr organisierte mit ihrer Technik regelmäßig Treffen im Kinderheim, woraus eine Interessengruppe Feuerwehr entstand.

In Absprache mit der dienstlichen Leitung gewährleistete unsere Diensteinheit in der Ferienzeit den Transport der Kinder in die Ferienlager und unsere »Handwerker« waren aktiv, wenn Hilfe notwendig war.

Es wurden weiterhin noch andere Interessengruppen gebildet und von uns unterstützt. So bei der Vermittlung von Geschichtskenntnissen durch unsere Veteranen, der Malerei unter Anleitung eines Kunstmalers, Sportgruppen mit Wettkämpfen in der Waldsiedlung und anderes.

Für die Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen ist die Beschäftigung mit Vorbildern nicht zu unterschätzen. Deshalb wurde den verantwortlichen Mitarbeitern für die Öffentlichkeitsarbeit im MfS vorgeschlagen, dem Kinderheim Schluft, den Ehrennamen »Dr. Richard Sorge« zu verleihen.

Mit einer feierlichen Veranstaltung, an der auch der Funker von Richard Sorge, Max Christiansen Claußen, teilnahm, begann der Kampf um den Ehrennamen.

Wer, politisch motiviert, Negatives sucht, wird daraus kommunistische Propaganda, ideologischen Druck und Indoktrination machen. Welche Bedeutung die Namensgebung für das Heim wirklich hatte, geht aus einer Einschätzung der Heimleitung und Erzieher vom 26. Mai 1976 an den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Frankfurt/Oder, die verantwortlichen Organe des Kreises Bernau und an unsere Diensteinheit hervor.

 In der von Manfred Dessau unterzeichneten 21-seitigen Einschätzung heißt es bezogen auf unsere Arbeit: »Der Kampf um die Verleihung des Ehrennamens Dr. Richard Sorge war ein entscheidender Prozess, der alle mitriss und zusammenbrachte. Werte schaffend, in der Arbeit lernend, Freude haben und die Kinder mittendrin. Diese Zeit war ein Qualitätssprung auf allen Gebieten. In der Schule keine Sitzenbleiber, überall Steigerung der Lernergebnisse, wenig besondere Vorkommnisse, gute Disziplin und Selbstdisziplin. Wir wurden auf unser Heim stolz. Hier hat unser Patenbetrieb einen hervorragenden Anteil bei der Erziehung unserer Mädchen und Jungen gewährleistet. Der für die Patenschaftsarbeit mit unserem Heim verantwortliche Vertreter hat eine Gabe, die so selten ist. Er kann zuhören, mitdenken, umsetzen und anerkennen. Alle durften ihre Sorgen abladen, und es wurde geklärt, was möglich war. Bei den meisten Paten haben wir das Gefühl, Streiter unter Streitern zu sein, für das Glück aller. Und wir analysieren, ernst und eindringlich für alle die sehen und hören wollen, Ursache des Aufschwungs, der sehr positiven Entwicklung der Hirne und Herzen waren der Kampf und die Arbeit um den Ehrennamen Dr. Richard Sorge

Im Sommer des Jahres 1992 erschien ein junger Mann mit seinem Sohn an der Kasse des Freibades in Bernau, dem neuen Arbeitsplatz meiner Frau. Es war Frank Peter. Er war verwahrlost ins Kinderheim Schluft eingewiesen worden. Die Erzieherin schlug uns damals vor, Frank Peter an Feiertagen, etwa zu Weihnachten, in unsere Familie aufzunehmen, was mehrere Jahre erfolgte.

Voller Stolz berichtete Frank Peter nun über seinen Lebensweg nach dem Heim. Er hatte seinen Wunschberuf als Tierpfleger ergriffen, war glücklich verheiratet und Vater eines prächtigen Sohnes.

 

 

Miteinander für den Sport

 

Von Erhard Richter

 

Jahrgang 1929, Funktionär des DTSB, darunter General­sekretär des 1958 gegründeten »Deutschen Ringerverbandes der DDR« (DRV), der sich am 8. Dezember 1990 dem Deutschen Ringer-Bund anschloss

 

»Die Erinnerung ist unsere zweite Gegenwart« las ich jüngst bei Novalis. Ich stimme Friedrich von Hardenberg (1772-1801), dem deutschen Frühromantiker, zu und interpretiere das mit Blick auf heute so: Ein Stück Lebensweisheit und Erlebtes sind gute Grundlagen für die ehrliche Sicht auf die Gegenwart im 25. Jahr des Anschlusses der DDR an die Alt-BRD und zugleich Motivation für die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben unserer Tage – trotz alledem!

In meiner Tätigkeit als 1. Bezirkssekretär der Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse, der URANIA, als Stellvertretender Vorsitzender des Bezirksvorstandes Frankfurt (Oder) des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) und schließlich als Generalsekretär des Deutschen Ringer-Verbandes hatte ich viele Kontakte mit Genossinnen und Genossen aus den Reihen des MfS – sowohl mit den Mitarbeitern der Kreisdienststellen als auch mit denen der Bezirksverwaltung. Oft saßen wir zusammen und berieten Maßnahmen, wie sie entsprechend ihrer Verantwortung und ihren Möglichkeiten zur Gewährleistung der Sicherheit und des geordneten Ablaufs unserer sportlichen Großveranstaltungen im Bezirk beitragen können. Für die Kinder- und Jugendspartakiaden, die Volkssporttage und andere sportliche Ereignisse war immer ein hoher Sicherheitsstandard zu gewährleisten. Störfrei wollten wir unsere Sportveranstaltungen im Interesse der Kinder, Jugendlichen, Freizeit- und Leistungssportler und vor allem auch der Zuschauer durchführen. Das hieß: konstruktive Zusammenarbeit mit der Deutschen Volkspolizei, dem MfS, den weiteren staatlichen Organen sowie gesellschaftlichen Einrichtungen und Organisationen.

An ein sportliches Ereignis mit besonderen Herausforderungen erinnere ich mich gerne.

Unsere Bezirksstadt Frankfurt war zweimal Etappenort der Internationalen Friedensfahrt, der Radfernfahrt für den Frieden – über Ländergrenzen hinweg durch Polen, die ČSSR und die DDR. Ein Sportereignis mit hohem Stellenwert im internationalen Terminkalender, mit starker internationaler Beteiligung. Das war somit nicht nur ein bedeutsames Sportereignis, sondern zugleich eine politische Demonstration der Völkerverständigung und guter Nachbarschaft. Das wiederum bedeutete: Gemeinsam mit den Schutz- und Sicherheitsorganen war die Absicherung der Rennstrecke, die Grenzpassage, die Unterbringung, Versorgung und der Transport der internationalen Teilnehmer und Funktionäre, auch die Arbeit des Pressezentrums zu gewährleisten. Und wenn die Friedensfahrer mit dem gesamten Tross dann zum nächsten Etappenziel starteten und gemeldet werden konnte »Ohne besondere Vorkommnisse, hatten eben auch die beteiligten Mitarbeiter des MfS ihren Anteil. Und das wurde nicht geheim gehalten – das wurde auch öffentlich so honoriert.

In meiner Tätigkeit in der Bezirksorganisation Frankfurt des DTSB, aber auch in meiner Berliner Funktion, habe ich stets die kameradschaftliche Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des MfS auf den verschiedensten Ebenen erfahren können. So wirkten Mitarbeiter vieler Kreisdienststellen sowie der Bezirksverwaltung im Bezirk als Übungsleiter, Betreuer und Helfer, vordergründig im Kinder- und Jugendsport, bei der Organisierung von Wettkämpfen in den Klassen und Staffeln sowie im Leistungssport aktiv mit. Um hier am Rande nur ein ganz praktisches Beispiel zu erwähnen: Nicht selten brauchten wir operative Hilfe, wenn sich kurzfristig ein akutes Transportproblem ergab. Ich griff zum Telefon […] und »Ja, wir helfen« kam die Antwort. Und immer war Verlass!

Vielerorts waren Mitarbeiter der MfS-Dienststellen in Leitungsfunktionen des Sportes tätig. Im Kreis Schwedt beispielsweise waren die Mitarbeiter, beginnend beim Leiter der Kreisdienststelle, im Kreisvorstand des DTSB und in den Fachausschüssen mit von der Partie.

Bei den zentralen Veranstaltungen, den Turn- und Sportfesten sowie bei den zentralen Kinder- und Jugendspartakiaden in Leipzig war ein schöpferisches Miteinander selbstverständlich. Für die Sache unseres Sports war es immer ein gegenseitiges Geben und Nehmen, eben ein vertrauensvolles Miteinander. Diese Zusammenarbeit wollte ich nie missen, war sie doch ein Stück gemeinsamen Weges im Interesse der Sportler und aller Teilnehmer während unserer sportlichen Höhepunkte.

Bezeichnend für dieses Wirken und als Grundlage zugleich war die Satzung der »Sportvereinigung Dynamo« mit den Trägerorganen des Ministerium des Innern, des MfS und der Zollverwaltung der DDR. Der Name »Dynamo« war im Volks-, Breiten- und Leistungssport unserer Republik und in den internationalen Arenen geachtet und anerkannt. Dazu trugen mit Leben erfüllte Grund­sätze und Ziele der SV Dynamo bei. Sie organisierte den Kinder- und Jugendsport in allen Organisationsbereichen, sorgte mit einem wissenschaftlich fundierten Training für eine hohe Qualität in der sportlichen Ausbildung des talentierten Nachwuchses und unterstützte den außerunterrichtlichen Sport an den Schulen. Die SV Dynamo bemühte sich, die talentiertesten Kinder und Jugendlichen als Mitglied zu gewinnen und sicherte ihnen ein systematisches, wissenschaftlich begründetes Training zu, damit sie sportliche Höchstleistungen vollbringen können. Die Besten delegierte sie an die Kinder- und Jugendsportschulen sowie in die Leistungszentren und Sportclubs der Sportvereinigung.

Die SV »Dynamo« war eine starke Stütze des DDR-Sports und damit auch ein würdiger Repräsentant der Schutz- und Sicherheitsorgane, eben auch des MfS, auf dem Gebiet von Körperkultur und Sport. Trainer, Ärzte, Funktionäre und Techniker können mit Stolz zurückblicken, haben sie doch einen großen Anteil daran, dass sich die DDR zu einer der führenden Sportnationen entwickeln konnte.

Die Ergebnisse in den Dynamo-Leistungszentren, so in Klingenthal, Luckenwalde, Potsdam und Berlin sind Beweise dafür. Wie haben wir doch gejubelt, als Harry Glass 1956 die erste Olympiamedaille für die DDR bei den Olympischen Winterspielen gewann. Gemeinsam mit Werner Lesser legte Harry Glass den Grundstock für die Erfolgsbilanz des DDR-Ski-Springens in den nachfolgenden Jahrzehnten. Und einer Dynamo-Sportlerin, Helga Haase, gelang es als erster Frau, eine Goldmedaille für die DDR zu erringen.

Als Generalsekretär des Ringerverbandes der DDR setzte ich mich dafür ein, mit den Verantwortlichen der SG Dynamo Luckenwalde Konzeptionen für die Olympia-Zyklen im Ringkampfsport zu entwickeln. Die Leistungen der Luckenwalder Mattenfüchse Harald Büttner, 1978 Weltmeister, Hans-Dieter Brüchert, olympischer Silbermedaillengewinner 1976 in Montreal oder Roland Gehrcke, der 1981 Weltmeister wurde, waren Ergebnisse des gemeinsamen Wirkens.

Unzählige Stunden saßen wir in Luckenwalde beieinander und berieten mit der Clubleitung, den Trainern und den Sportlern die sinnvolle Gestaltung der Individuellen Trainingspläne (ITP), vor allem wenn es um den Olympia-Zyklus oder um die Vorbereitung auf Welt- und Europameisterschaften ging.

Einen wesentlichen Beitrag für die leistungssportliche Entwicklung und deren Ergebnisse hatte der SC Dynamo Berlin. In den Sportarten Handball, Leichtathletik, Schwimmen, Turnen, Radsport, Eisschnelllauf, Eiskunstlauf, Eishockey, Fechten, Rudern, Boxen und Volleyball wurde oft das Weltniveau bestimmt. Der SC Dynamo in der DDR-Hauptstadt hat zahlreiche bekannte Sportler hervorgebracht, unter ihnen Christoph Höhne (Leichtathletik – Olympiasieger im Gehen), Ilona Slupianek-Briesenick (Olympiasiegerin im Kugelstoßen), Karin Janz (Olympiasiegerin im Turnen), Axel Peschel (Sieger der Friedensfahrt), die Eishockeyspieler Joachim Ziesche und Dietmar Peters, die Olympiasiegerin im Eisschnelllauf Helga Haase, die Olympiasiegerin im Schwimmen, Barbara Krause, den Volleyball-Weltauswahlspieler Günther Thomae und die Volleyball-Nationalspielerinnen Christine Mummhardt, Maike Arlt, Monika Beu, Susanne Lahme, Ute Langenau, Grit Jensen-Naumann, Ines Pianka und Adriane Radfan. Ihre Leistungen bleiben unvergessen – auch und gerade, weil die heutigen zeitgeistverpflichteten »Aufarbeiter« der DDR von Frust getrieben Gift und Galle spucken!

Nach 1990 wurden die Strukturen des DDR-Sports, auch die der SV Dynamo, zerschlagen. Erfolgreiche Trainer standen über Nacht auf der Straße. Ihre Erfahrungen, ihr Wissen und Können waren nicht mehr erwünscht. Es gibt keine offizielle Statistik darüber, aber kürzlich las ich: mindestens 80 von ihnen nahmen ihre Arbeit in anderen Ländern auf. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Christa Thiel, unlängst feststellte: »Noch nie zuvor habe ich bei Olympischen Spielen so viele deutsche Trainer in Trainingsanzügen anderer Nationen gesehen Leider eine allzu späte Erkenntnis.

Und noch ein bemerkenswertes Zitat. Diesmal aus dem Munde des DOSB-Präsidenten, Alfons Hörmann: »Die Trennlinien zwischen Ost- und Westdeutschland werden schärfer, die Stützpunkte triften immer mehr auseinander, die Einheit im deutschen Sport gerät in Gefahr, auseinanderzubrechen Erkenntnisse, die bedauerlicherweise bisher zu keinen Veränderungen geführt haben. Der Niedergang des olympischen Leistungssports in Deutschland ist sichtbarer Ausdruck dafür.

Charakteristisch ist dafür auch die 25 Jahre andauernde Menschenjagd auf die Inoffiziellen Mitarbeiter des MfS, die es selbstredend auch im Sport der DDR gab, allein mit Blick auf seine außerordentlich hohe gesellschaftliche und internationale Bedeutung. (Übrigens erlaube ich mir in diesem Zusammenhang die Frage: Wie hießen und heißen vergleichbar solche Personen damals und heute im bundesdeutschen Sport? Oder gab es und gibt es keine wie auch immer bezeichneten Vertrauensleute und Kontaktpersonen zum Verfassungsschutz und den weiteren mehr als 30 geheimdienstlich tätigen Einrichtungen in der Bundesrepublik?)

Hochqualifizierte Funktionäre, Trainer und Ärzte fielen der nach dem Anschluss der DDR inszenierten Hetzjagd zum Opfer. Die deutsche Rechtssprechung hat die Möglichkeit der Verjährung, die auch bei Verurteilten praktiziert wird. So bei Kriminellen aller Schattierungen. Wenn es aber um ehemalige Mitarbeiter des MfS geht, auch IM, wo nicht einmal eine Straftat vorliegt, gibt es keine Verjährung, auch nach 25 Jahren nicht. Vor geraumer Zeit hatte ich ein Gespräch mit einem ehemaligen Verbandstrainer der DDR, der 1990 eine Anstellung bekam. Als bekannt wurde, dass er als IM tätig war, entließ man ihn fristlos in die Arbeitslosigkeit. Ingo Steuer, der mit 18 Jahren kurzzeitig IM war, gehörte zu den Erfolgstrainern, die der totalen Ausgrenzung preisgegeben waren. Jegliche Unterstützung in inhaltlicher und finanzieller Hinsicht wurde ihm durch die deutsche Eislaufunion, auf Druck des Innenministeriums, verweigert. Mit dem Eiskunstlaufpaar Aljona Savchenko und Robin Szolkowy war er dazu verdammt, die gesamte Wettkampftätigkeit aus eigener Tasche – von Preisgeldern – zu bezahlen. Selbst die Reise und die Unterbringung zu den letzten Olympischen Winterspielen in Sotschi mussten privat finanziert werden. Gelinde gesagt: Eine Schande für den deutschen Sport! Fünf Welt- und vier Europameistertitel sowie zwei olympische Bronzemedaillen errang das Paar unter seiner Leitung. Kein anderer deutscher Trainer kann derzeit auf eine derartige Erfolgsbilanz verweisen.

Ingo Steuer, der inzwischen folgerichtig Deutschland den Rücken gekehrt hat, ist wie andere Sportfreunde, Opfer dieser schamlosen Politik. Vieles wurde zerschlagen, viele Menschen gejagt und ausgegrenzt, Existenzen zerstört und aufs Spiel gesetzt. Aber eines konnte man ihnen, uns und mir nicht nehmen: Den Stolz auf die erfolgreiche Arbeit im Sport für unsere Republik. Unsere Bilanz war ein Gemeinschaftswerk, an das wir uns gerne erinnern, welches wir miteinander erlebt und mit gestaltet haben.

 

 

Im Dienst

Mein erster Vorgang

 

Von Achim Kopf

 

Jahrgang 1937, Dr. jur.; MfS/AfNS von 1955 bis 1990, letzter Dienstgrad Oberst, zuletzt 1. Stellvertreter des Leiters der HA IX (Hauptabteilung Untersuchung des MfS)

 

Anfang Oktober 1958 wurde ich nach Abschluss eines zweijährigen Studiums an der späteren Juristischen Hochschule des MfS in Potsdam-Eiche als Unterleutnant zur HA IX/2 versetzt. Diese war zuständig für die Bearbeitung von Straftaten, die im Auftrag der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU), des Untersuchungsausschusses Freiheitlicher Juristen (UFJ), des Ostbüros der SPD und ähnlicher BRD- bzw. Westberliner Einrichtungen begangen wurden.

In den ersten Wochen meiner Tätigkeit musste ich fleißig Akten studieren. Es handelte sich neben Untersuchungsvorgängen vor allem um sogenannte Sachakten. In diesen waren die operativen Erkenntnisse der verschiedensten Diensteinheiten des MfS über die oben genannten Einrichtungen zusammengefasst, wie Sitz, Beschaffenheit der von diesen genutzten Objekte/Gebäude bzw. einzelner Räume, Personalbestand mit Personenbeschreibung, bekanntgewordene Decknamen, Gewohnheiten usw., aber auch über deren Arbeitsweise, Trefforte und die Strukturen an Agenturen erteilter Aufträge der jeweiligen Einrichtung. Ebenso gehörte dazu zum Beispiel die Beschäftigung mit dem Westberliner Stadtplan, da Dienststellen und Trefforte vor allem in Westberlin lagen, und man möglichst aus dem Gedächtnis Aussagen von Beschuldigten nach Sachakte oder Stadtplan sofort einordnen konnte. Ich bekenne, dass ich als damaliger Vernehmer Punkte in Westberlin wie S- und U-Bahnhöfe oder Straßenzüge schneller und zuverlässiger lokalisierte als mir das heute möglich ist. Schwerpunkt der Einarbeitung war natürlich der Erwerb praktischer Erfahrungen in der Vernehmungstätigkeit. Dazu nahm ich als Zuhörer an Vernehmungen erfahrener Untersuchungsführer teil. Mitunter hatte ich auch parallel zum Vernehmer ein Vernehmungsprotokoll zu schreiben, das dann mit mir ausgewertet wurde.

Eines Tages rief mich mein Abteilungsleiter zu sich und teilte mir mit, dass ich noch am gleichen Tag die Erstvernehmung einer im dringenden Verdacht der Spionage für das Ostbüro der SPD stehenden Frau übernehmen sollte. Ich war natürlich erfreut und stolz, dass mir schon nach kurzer Zugehörigkeit zur HA IX eine solche Aufgabe übertragen wurde. Allerdings war mir auch ein bisschen mulmig, so eine Art Lampenfieber. Zu meiner Beruhigung eröffnete mir aber mein Abteilungsleiter, dass sein Stellvertreter an der Vernehmung teilnehmen werde. Rolf gehörte zu den ersten Mitarbeitern der Untersuchungsabteilung und galt als kluger und erfahrener Vernehmer.

Ich erhielt zur Vorbereitung auf die Untersuchung den gegen die spätere Beschuldigte – nennen wir sie C. – laufenden Operativen Vorgang (OV). Er war nicht sehr umfangreich. Die wichtigste Information bestand eigentlich aus einem einzigen Satz ohne Quellenangabe: »Die C. ist Agentin des Ostbüros der SPD Derartige Mitteilungen kannte meine Abteilung bereits aus früheren Untersuchungsvorgängen gegen Agenten des Ostbüros der SPD. Sie hatten sich in jedem Fall als zutreffend erwiesen. Die Quelle war offensichtlich sehr zuverlässig.

Die Erstvernehmungen der Hauptabteilung wurden damals grundsätzlich in der Untersuchungs-Haftanstalt II (UHA) in der Berliner Magdalenenstraße durchgeführt. Dort war die festgenommene C. eingeliefert worden. Sie wurde uns durch Mitarbeiter der für die Untersuchungshaftanstalten des MfS zuständigen Abteilung XIV in den Vernehmungsraum vorgeführt. Ich eröffnete ihr nach Feststellung der Personalien, dass gegen sie Ermittlungen wegen Spionageverdachts geführt werden. Zu unserer Überraschung sagte die C., bevor wir überhaupt eine Frage stellen konnten: »Ich gebe zu, dass ich für das Ostbüro der SPD arbeite. Mehr sage ich nicht. Das ist das letzte Wort, das Sie von mir hören

Wir hielten das zunächst für eine möglicherweise aus Unsicherheit oder zum Zeitgewinn geborene demonstrative Reaktion, die verhältnismäßig rasch überwunden werden könnte. Es erwies sich aber schnell, dass die Beschuldigte sich unbeirrt entsprechend ihrer Ankündigung verhielt. Mehrere Stunden versuchten wir, ihr die Sinnlosigkeit ihres Verhaltens klarzumachen. Allerdings ohne Erfolg. Die Vernehmung wurde deshalb ohne weiteres Ergebnis beendet.

Die Beschuldigte unterschrieb kommentarlos das Protokoll mit dem oben zitierten Satz und wurde in den Verwahrraum gebracht. Von dort erfolgte ihre Verlegung in die Haftanstalt Hohenschönhausen.

Am nächsten Morgen wurde mir die Beschuldigte zur Vernehmung vorgeführt. Ich begrüßte sie mit »Guten Morgen, Frau C.

Keine Antwort.

»Wie geht es Ihnen denn, Frau C.

Keine Antwort.

In einer mindestens sechsstündigen, nur durch die Mittagspause unterbrochenen Vernehmung versuchte ich die Beschuldigte zu einer Äußerung zu bewegen und sie mit den unterschiedlichen Argumenten von der Sinnlosigkeit ihres Verhaltens zu überzeugen. Das blieb erfolglos. Das Protokoll enthielt eine Frage und den Vermerk, dass die Beschuldigte nicht antwortet.

So ging das auch die nächsten Tage.

Es wurde bald klar, dass das Hauptziel der Vernehmung zunächst darin bestehen musste, die Beschuldigte zum Durchbrechen ihrer Verhaltenslinie zu veranlassen. Es kam ausschließlich darauf an, dass sie überhaupt etwas sagte, ganz gleich was. Das versuchte ich auf mehreren miteinander verknüpften Wegen zu erreichen, und zwar im Laufe täglich sechs bis acht Stunden andauernder Monologe in der Vernehmung. Ich ging zunächst davon aus, dass es der Beschuldigten als eigentlich im Leben höflichen, reaktionsschnellen und auf Ansehen bedachten Menschen schwer fallen musste, zum Beispiel die Begrüßung oder Fragen zu alltäglichen Geschehnissen wie Wetter, aktuellen Zeitungsmeldungen, Sportergebnissen oder ähnlichem nicht zu beantworten und dazu keine Stellungnahmen abzugeben.

Deshalb machte ich nach längeren »Vorträgen« über tägliche Ereignisse, ihr bekannte Örtlichkeiten oder selbst erlebte Vorgänge zwischendurch immer wieder Bemerkungen wie: »Was halten Sie davon, »Hat es Ihnen dort gefallen?« usw. Ich merkte auch wiederholt an, dass es doch weder dem SPD-Ostbüro noch sonst jemand nütze, wenn sie selbst zu belanglosen Fragen überhaupt nichts sage. Es habe doch auch keinen Zweck, hier irgendwie die Heldin zu spielen, weil außer uns davon ja niemand etwas erfahre. Von ihr als intelligenter Frau sollte man doch erwarten, dass sie die »offene Feldschlacht« suche, statt sich einfach hinter einer Mauer des Schweigens zu verstecken.

Ich merkte, dass sie bei solchen Fragen und Bemerkungen schluckte und es ihr tatsächlich schwer fiel, nicht zu reagieren. In gleicher Weise versuchte ich, die Beschuldigte zum Widerspruch zu reizen. Das geschah beispielsweise durch den Vorwurf, dass sie sich eigentlich schämen müsste, die DDR, die ihr Oberschule und Auslandsstudium ermöglicht habe, an das Ostbüro der SPD zu verraten.

Dem gleichen Zweck dienten Darlegungen zur historischen Rolle der SPD, wie Zustimmung zu den Kriegskrediten, oder zu aktuellen Äußerungen einzelner Vertreter der Partei. Ebenso erzählte ich ihr von Erfolgen der DDR oder anderer sozialistischer Länder. Ich war gewiss, dass sie das nur schwer schweigend hinnehmen konnte. Man sah manchmal richtig, wie es in ihr »kochte«. Weiterhin streute ich in Gesprächen Bemerkungen ein, welche, soweit sie einen zum Untersuchungsgegenstand gehörenden Sachverhalt betrafen, von ihr als Kenntnis des Untersuchungsorgans über einzelne Umstände ihrer Straftat gewertet werden konnten, was die Argumentation der Sinnlosigkeit ihres Verhaltens unterstützte. Das erforderte sorgfältige Abwägung des zu Äußernden, weil weder wirkliches Tatwissen vermittelt noch durch »Danebentappen« auf nicht zutreffende Umstände Zweifel der Beschuldigten an den Kenntnissen des Untersuchungsorgans über ihre Straftat genährt werden durften.

Zum Beispiel zielte die in einem allgemeinen Gespräch über die Zeit nach dem ersten Weltkrieg eingestreute Bemerkung »Welche Adligen gehören denn zu Ihrem Bekanntenkreis?« darauf ab – wenn sie denn mit diesem zu tun gehabt hätte – einen Schluss der Beschuldigten auf einen uns bekannten »Herrn von und zu« im Mitarbeiterbestand des Ostbüros zu bewirken, und – wenn nicht zutreffend – als bedeutungslosen Gesprächsfetzen einzuordnen.

Ich erinnerte die Beschuldigte auch ab und zu an die antifaschistischen Traditionen ihrer Familie und verwies darauf, dass gerade dadurch ihr Verhalten unverständlich sei. Dabei war ich mir bewusst, dass das sehr zweischneidig war, weil es in der Gedankenwelt der Beschuldigten durchaus auch als Bestärkung ihrer Linie wirken konnte. Das umso mehr, als wir einschätzten, dass hinter dem fortgesetzten Schweigen der Beschuldigten so etwas stand wie der Wille, sich selbst und anderen ihre Widerstandskraft zu beweisen, gewissermaßen Heldin für die Sache der SPD zu sein und sich von uns als Vertreterin eines ihr verhassten Systems nicht kleinkriegen zu lassen. Die Übermittlung der Wünsche ihrer Mutter, sich der Familientradition bewusst zu sein und sich nicht gegen die Organe der DDR zu stellen, konnte dem ein wenig entgegenwirken.

An den Vernehmungen nahmen nicht selten vorübergehend der Hauptabteilungsleiter und sein zuständiger Stellvertreter, der Abteilungsleiter oder mein Referatsleiter teil. Sie verfolgten alle das gleiche Ziel wie ich, die Beschuldigte zum Sprechen zu bringen. Der Vorteil für meine weitere Entwicklung bestand darin, dass ich auf diese Weise viele Gelegenheiten hatte, in der Untersuchung erfahrene Menschen in der Praxis zu erleben. Alle diese Bemühungen führten offenbar zu einer gewissen Aufweichung der Entschlossenheit der Beschuldigten zum Durchhalten ihrer Linie. Dazu trug auch bei, dass ihre anfänglich politisch motivierte persönliche Abneigung gegen mich und andere an Vernehmungen Beteiligte immer mehr zurückging, wir ihr wegen unserer Hartnäckigkeit, unserer Ruhe und Sachlichkeit und unseres Argumentationsreichtums sogar ein wenig sympathisch wurden. Trotzdem entstanden wochenlang Tag für Tag Protokolle mit ein oder zwei Fragen, um die natürlich auch meine Monologe kreisten, und dem Vermerk, dass die Beschuldigte schweigt.

Es kam dann eine Vernehmung, an welcher zeitweilig mein Referatsleiter teilnahm. Sie verlief in bekannter Weise. Die Beschuldigte machte dabei einen unsicheren Eindruck und lächelte ab und zu etwas gezwungen. In dieser Situation entschloss ich mich, den Umstand zu nutzen, dass uns jemand erzählt hatte, die Beschuldigte sei eine leidenschaftliche Skatspielerin.

Ich fragte sie deshalb unvermittelt: » Frau C., wir sind zu Dritt, da könnten wir ja eine Runde Skat zusammen spielen Sofort äußerte die Beschuldigte: »O ja, das würde ich sehr gern

Damit war der Damm gebrochen. Der sozusagen durch Dauerbeschuss bewirkte fortgesetzte Zwang, sich immer wieder zwischen einer eigentlich ihrem Naturell entsprechenden Reaktion und dem selbst auferlegten Schweigen zu entscheiden, hatte letztlich zur Untergrabung ihres Widerstandswillens geführt. Ich hoffe, dass mir das von den bekannten Verfechtern dieser Theorie nicht als Eingeständnis der Anwendung psychischer Gewalt ausgelegt wird.

Die Beschuldigte sprach nun zwar mit uns, machte aber zunächst noch immer keine Aussagen zur Sache. Nach einigen Tagen wollte ich gerade die Vernehmung beenden, als die Beschuldigte plötzlich erklärte, sie habe es sich überlegt und sei nunmehr zu Aussagen über ihre Zusammenarbeit mit dem Ostbüro der SPD bereit. Ich erinnere mich, dass es am frühen Nachmittag eines Sonnabends war und ich eigentlich Karten für einen Theaterbesuch am gleichen Abend hatte. Aber natürlich galt der Grundsatz, dass ein Geständiger zu möglichst umfassenden Aussagen zu veranlassen ist und diese auch im Wesentlichen zu protokollieren sind, um späteren Widerrufen vorzubeugen.

Also habe ich der Beschuldigten etwas zu essen bringen lassen, sie noch mehrere Stunden vernommen und ein sehr langes Protokoll gefertigt. Die Analyse dieser Aussagen ergab, dass die zu den eigenen strafbaren Handlungen der Beschuldigten glaubwürdig erschienen, aber andererseits Mitarbeiter des Ostbüros mit falschen Namen belegt und Örtlichkeiten falsch beschrieben worden waren. Wir haben uns daran zunächst nicht weiter gestört, sondern die Aussagen der Beschuldigten in weiteren Vernehmungen präzisiert, aber ihr gegenüber immer unter den Vorbehalt gestellt, dass sie sich zur völligen Wahrheit noch durchringen müsse. Schließlich hat die Beschuldigte ihre Aussagen auch von den beschriebenen, an sich nicht besonders schwerwiegenden Fehlern befreit. Die weitere Untersuchung verlief dann zügig. Sie ergab, dass die Beschuldigte, die dank der Erziehung im Elternhaus eine sehr positive Einstellung zur DDR und zur SED hatte, 1956/57 während ihres Studiums in der Sowjetunion eine nähere Beziehung zu einem polnischen Mitstudenten aufgenommen hatte und unter dessen politischen Einfluss geriet.

Unter Ausnutzung der Bedingungen der offenen Grenze zu Westberlin trat sie von sich aus mit dem Ostbüro der SPD in Verbindung und hatte zahlreiche Treffs mit Mitarbeitern desselben. Sie nahm eine eigentlich unter ihrer Qualifikation liegende Arbeit als Englisch-Übersetzerin in einem Außenhandelsunternehmen der DDR in der Erwartung auf, dadurch Zugriff auf für die Gegenseite interessante Informationen zu erlangen, besonders zu den Beziehungen dieses Unternehmens in das nichtsozialistische Ausland. Ihre diesbezüglichen Informationen wurden vom Ostbüro als wertvoll eingeschätzt. Sie hat deshalb eine Vielzahl vertraulicher Dokumente aus ihrer Dienststelle mit nach Hause genommen, dort fotokopiert, anschließend wieder mit zur Arbeit genommen und die Kopien zum Ostbüro der SPD gebracht. Mit welcher Fürsorge das Ostbüro der SPD seine Mitarbeiterin behandelte, zeigt sich daran, dass sie die Kopien im Zeitalter, da es schon »Minox« und ähnliches gab, mit später von uns sichergestellter mittelalterlicher Apparatur anfertigen musste.

Ein zur Bewertung der gelieferten Informationen vernommener sachverständiger Zeuge schätzte ein, dass die von der Beschuldigten ausgelieferten Dokumente für die Gegenseite großen Wert hatten. Sie ermöglichten es, angebahnte oder bestehende Beziehungen des betroffenen Außenhandelsunternehmens in das nichtsozialistische Ausland zu stören, Anbahnungen neuer Geschäftsbeziehungen zu behindern, Lieferungen zu sperren und der DDR dadurch erhebliche Schäden zuzufügen. Welche Bedeutung sie für die offizielle Aufgabe des Ostbüros der SPD hatten, Mitglieder und Sympathisanten in der DDR zu unterstützen, bleibt allerdings ein Rätsel.

Die Beschuldigte wurde wegen Spionage mit zwölf Jahren Freiheitsentzug bestraft. Im Strafvollzug arbeitete sie als Übersetzerin. Wann sie aus der Haft entlassen wurde, weiß ich nicht mehr, möglicherweise im Zuge der Amnestie von 1964. Eines Tages erhielten wir von der Anmeldung Magdalenenstraße, einem Eingang zum MfS-Gebäude, welcher allgemein für den Empfang von Besuchern diente, die Mitteilung, die Bürgerin C. sei erschienen und wünsche ihren Vernehmer zu sprechen. In einem relativ kurzen Gespräch erklärte die C., sie bereue inzwischen ihre Taten und würde gerne Wiedergutmachung leisten. Da unsererseits an einer Zusammenarbeit mit ihr kein Interesse bestand, wurde das Gespräch mit offenem Ergebnis beendet. Welche Ziele die C. mit ihrem Angebot tatsächlich verfolgte, muss dahingestellt bleiben. Ich habe seitdem von ihr nichts mehr gehört.

 

 

Sorgfältige Untersuchungen, differenzierte Entscheidungen

 

Von Hans Bornkessel

 

Jahrgang 1932, Diplomjurist, beim MfS von 1953 bis 1989, letzter Dienstgrad Oberstleutnant, zuletzt Referatsleiter in der Abteilung IX der Bezirksverwaltung Cottbus

 

Ich habe fünfundzwanzig Jahre Untersuchungsarbeit im MfS geleistet, anfangs als Untersuchungsführer, später als Leiter eines Referates, und kann somit als Insider etwas zu dieser Tätigkeit sagen. Zum Verständnis: Das, was heute in Krimis gezeigt wird, kann nicht im Geringsten auf die Arbeit des MfS übertragen werden.

Dass ein Mitarbeiter eine Sache vom ersten Hinweis auf das Vorliegen einer Straftat, über die Vorermittlungen, die Einleitung und Bearbeitung des Ermittlungsverfahrens bis zur Abgabe an den Staatsanwalt bearbeitete, gab es im MfS nicht. Im § 88 StPO der DDR war gesetzlich geregelt, welche Untersuchungsorgane unter Leitung zuständiger Staatsanwälte (der Staatsanwaltschaft der DDR) strafprozessuale Ermittlungen in Strafsachen durchführen durften. Das waren die Untersuchungsorgane des Ministeriums des Innern, also der Polizei, die U-Organe des Zolls und eben auch die des MfS.

Wenn von »Ermittlungen« die Rede war und ist, muss also strikt getrennt werden zwischen solchen aufklärenden Handlungen im sogenannten operativen Stadium und jenen im Rahmen eines strafprozessualem Ermittlungsverfahrens. Für letztere waren eben nur die dazu befugten Diensteinheiten verantwortlich. Im MfS waren das jene der Linie IX, also die der HA IX und der Abt. IX in den jeweiligen Bezirksverwaltungen (BV). Das hatte zum einen den Vorteil, dass sich die dortigen Mitarbeiter auf ein relativ begrenztes Arbeitsgebiet spezialisieren konnten. Zum anderen wurden damit einer möglichen Befangenheit des operativen Mitarbeiters Grenzen gesetzt. Das Ergebnis der operativen Bearbeitung musste der Untersuchungsabteilung vorgelegt werden, wurde dort auf Herz und Nieren unter strafrechtlichen und strafprozessualen Aspekten geprüft, um dann ein Ermittlungsverfahren einzuleiten oder – bei fehlenden Voraussetzungen – das Material zurückzuweisen, unter Umständen mit Hinweisen, was noch zu klären sei.

Natürlich kam es vor, dass sich operative Ermittlungsergebnisse im strafprozessualen Ermittlungsverfahren nicht bestätigten, das E-Verfahren somit eingestellt und der vermeintliche Straftäter (wenn in Untersuchungshaft) entlassen wurde. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich folgenden Falles: Ein leitender Ingenieur eines Kombinates, das Großgeräte vorwiegend für den Export herstellte, wurde – nach heutiger Terminologie – gestalkt. Er erhielt mehrfach anonym Schriftstücke, die ihn verleumdeten, ihm mangelnde Verbundenheit mit der DDR unterstellten und Hetzparolen enthielten. Der Ingenieur erstattete Anzeige und der Täter konnte relativ schnell ermittelt werden. Es war ein über 60-jähriger Buchhalter des Kombinats. Da seine Handlungen den Tatbestand der staatsfeindlichen Hetze gemäß § 106 StGB/DDR erfüllten, wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und der Täter in Untersuchungshaft genommen.

Die Ermittlungen ergaben: Der Beschuldigte hatte im Vorläufer des Kombinats vor 1945 seine Berufsausbildung absolviert. Ihm wurde eine sehr akribische berufliche Arbeit bescheinigt. Andererseits hatte er familiäre Probleme. Seine Ehefrau, mit der er über vierzig Jahre verheiratet und sehr innig verbunden war, musste sich ständig um ihre an Demenz erkrankte Mutter kümmern, so dass er sich vereinsamt vorkam. Eine klärende Aussprache brachten die Eheleute nicht zustande. Freunde, denen er sich anvertrauen konnte, hatte er nicht. Von seinen Arbeitskollegen hatte er sich, weil sie viel jünger als er waren, abgekapselt. In dieser persönlichen Konfliktsituation begegnete er auf dem Hof des Betriebes einem leitenden Ingenieur. Entsprechend der ihm bereits in seiner Lehre eingeimpften Achtung vor »hochgestellten Persönlichkeiten«, grüßte er ehrerbietig mit einer Verbeugung »Guten Tag, Herr Ingenieur«. Der Angesprochene reagierte – aus welchen Gründen auch immer – nicht und erwiderte auch den Gruß nicht. Für den Buchhalter brach eine Welt zusammen. Eine unbändige Wut überkam ihn und er glaubte, sich Luft verschaffen zu können, indem er oben genannte verleumderische Schriftstücke produzierte und an den Ingenieur verschickte.

Ein Psychiater, der von uns zu Rate gezogen wurde, bestätigte nach einer längeren Konsultation mit dem Beschuldigten, dass dessen Verhalten Krankheitswert hat und er nicht in eine Haftanstalt, sondern in ärztliche Behandlung gehört. Somit waren die subjektiven Voraussetzungen, sein Handeln als Straftat zu qualifizieren, entfallen. Der zuständige Staatsanwalt kam unserem Antrag nach und stellte das Verfahren unverzüglich ein.

Natürlich war die Einstellung eingeleiteter Ermittlungsverfahren nicht das Typische in der Untersuchungsarbeit des MfS. Bis auf wenige Fälle wurden die auf der Grundlage von Arbeitsergebnissen des MfS eingeleiteten und bearbeiteten Ermittlungsverfahren mit der Übergabe an den Staatsanwalt, der folgenden Anklageerhebung und dem Gerichtsurteil abgeschlossen.

In der Bundesrepublik übersteigen die begangenen und bekannt gewordenen Straftaten jährlich regelmäßig die Millionengrenze. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl eine Größenordnung, die es in der DDR nie gab. Zudem: Die wenigsten aller in der DDR jährlich eingeleiteten Strafverfahren fielen in die Verantwortung des MfS. Daran erkennt der geBILDete Leser, dass die Bürger in der Diktatur nicht einmal die Freiheit hatten, Straftaten zu begehen. Und so wird jeder DDR-Straftäter zum Widerstandkämpfer, wie jener, der die Eisenbahnbrücke bei Erkner beim Passieren eines Personenzuges in die Luft sprengen wollte, was glücklicherweise verhindert werden konnte. Die Straftat blieb somit im strafrechtlich relevanten Versuchsstadium stecken. In der DDR verurteilt, hat die bundesdeutsche Justiz dieses Urteil aufgehoben und Burianek rehabilitiert. »Rechtsstaat« eben.

Ein besonderes Kapitel bei den vom MfS bearbeiteten Strafverfahren waren solche Personen, die mit Hilfe einer der zahlreichen in der BRD und in Westberlin existierenden »Fluchthilfeorganisationen« die DDR ungesetzlich verlassen wollten. Der Schaden für die DDR bei vollendeter Tat war groß. Zum Beispiel wenn Ärzte sich gen Westen davonmachten. Nicht nur, dass sie damit ihre Patienten faktisch über Nacht im Stich ließen, sie gefährdeten damit insgesamt die Gesundheitsversorgung der DDR-Bürger. Hinzu kam: Im Gegensatz zur Bundesrepublik kostete ein Studium in der DDR den Studierenden bekanntlich nichts, die Mehrzahl der Studenten bekam ein Stipendium, das sie nicht zurückzahlen mussten. Die Kosten trug also der Staat DDR. Somit war die Abwerbung eines Akademikers – aber auch jeder anderen Fachkraft – ein gefundenes Fressen für die bundesdeutschen Sparfüchse: Keine Ausgaben für die Ausbildung, aber großen Nutzen, weil Verfügung über tadellos ausgebildete Fachkräfte. Einst erhielt das MfS verdachtsbegründende Hinweise, dass ein Arzt Vorbereitungen traf, die DDR ungesetzlich zu verlassen, also eine Straftat nach § 213 StGB/DDR zu begehen. Da wir davon ausgingen, dass ein Arzt in seiner Praxis für die Gesellschaft nützlicher ist als in Haft, entschlossen wir uns, mit ihm ein sogenanntes vorbeugendes Gespräch zu führen, um eventuelle Konflikte, die zu seinen strafbewehrten Handlungen geführt hatten, zu erfahren und ihm von der Vollendung der Straftat abzubringen. Eine Praxis, um auf diese Weise weiteres, zumeist schwerwiegenderes ungesetzliches Handeln zu verhindern. Im durchgeführten Vorbeuge-Gespräch gab sich der Arzt sehr aufgeschlossen. Er erklärte, wie wohl der Eindruck entstanden sein könnte, er bereite seine »Republikflucht« vor, und versicherte, in der DDR seiner Verpflichtung als Arzt weiter nachzukommen. Jedoch einige Monate später wurde er bei einer Grenzkontrolle aus dem Kofferraum eines Fluchtfahrzeuges einer in Westberlin ansässigen »Fluchthilfe«, treffender: Menschenhändlerbande – geholt. Gegen ihn wurde somit ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

In den durchgeführten Vernehmungen war er anfangs wenig gesprächig, was nach unserer Einschätzung darauf zurück zu führen war, dass er über ein ausgesprochen hohes Selbstwertgefühl verfügte und er nunmehr – nach den Erklärungen und Versicherungen im vorbeugenden Gespräch und seinem tatsächlichen Handeln – vor dem Untersuchungsorgan als Lügner dastand. Sein Geständnis war für den Abschluss des Ermittlungsverfahrens und dessen Übergabe an den Staatsanwalt im Grunde bedeutungslos, war doch sein Aufenthalt im Kofferraum des Fluchtfahrzeuges akribisch dokumentiert und durch die Aussagen des Fahrzeugführers über seine Zugehörigkeit zu einer Menschenhändlerbande und die weiteren Tatbestandshandlungen des ungesetzlichen Grenzübertritts im schweren Fall ausreichend bewiesen.

Dennoch interessierte uns natürlich das Wieso.

Wie so oft im Leben kam uns etwas völlig Unvorhersehbares zu Hilfe. Untersuchungshäftlinge konnten Briefe an ihre Angehörigen oder an ihre Rechtsanwälte schreiben – aber nur im Beisein des Untersuchungsführers. Damit sollte verhindert werden, dass Schreibgeräte für irgendwelche anderen Zwecke, z. B. Kassiber, entfremdet genutzt wurden. Beim Abfassen eines solchen Briefes erklärte er plötzlich, ohne Duden nicht weiter schreiben zu können. Dem Untersuchungsführer leuchtete ein, dass sich ein Akademiker, noch dazu einer mit solchem Selbstwertgefühl, nicht mit einer falschen Schreibweise blamieren wollte. Ihm wurde ein Duden zur Verfügung gestellt. Dass ein Mitarbeiter des MfS einen Duden als Handwerkszeug im Schreibtisch hatte, ihn bereitwillig zur Verfügung stellte und sich nicht autoritär über alle Lebensbedingungen hinweg setzte, damit brach für ihn offenkundig seine Vorstellungswelt vom MfS zusammen, das brachte faktisch sein gesamtes Weltbild ins Wanken. Seit diesem Tag trug er zur Aufklärung seiner Straftat und deren Hintergründe bei. So erfuhren wir, dass er über einen Bekannten von einem bundesdeutschen Krankenhaus eine Stelle als Klinikarzt mit einer lukrativen Bezahlung angeboten bekommen hatte. Er hatte nur noch die Geldsumme im Blick gehabt, sie mit seinem DDR-Gehalt verglichen. Und dabei u. a. auch völlig außer acht gelassen, dass er in der DDR monatlich nur knapp 100 Mark Miete zahlte, eine vergleichbare Wohnung in der BRD aber um die 500 DM kostete und damit ein Teil der versprochenen »Wahnsinnssumme« schon perdu war.

Soweit zur ganz normalen Untersuchungsarbeit des MfS, wie sie heutzutage in den Zeitgeist bedienenden Medien nicht vorkommt. Dort überbietet man sich gegenseitig mit angeblichen Beispielen von physischer und psychischer Folter und anderen schlimmen Dingen. Und leider muss man sagen: das wirkt. Ich selbst wurde Opfer. Eines Tages in den 90er Jahren erhielt ich vom Landeskriminalamt (LKA) eine Vorladung zur Vernehmung. Sie wurde von zwei Beamten geführt. Schon ihr Äußeres machte mir klar, was wahre Demokratie ist. Während wir in der DDR diktatorisch angehalten waren, in den Vernehmungen korrekt gekleidet zu sein und uns korrekt zu verhalten, traten mir die beiden im Freizeitlook, der eine mit großen Schweißflecken unter den Armen seines Pullovers, gegenüber.

Meiner Beschuldigung lag eine Anzeige eines ehemaligen Untersuchungshäftlings, dessen Ermittlungsverfahren ich bearbeitet hatte, zugrunde. Er behauptete, in der Untersuchungshaftanstalt in einen Gitterkäfig eingesperrt gewesen zu sein, und ich als Untersuchungsführer hätte ihn ständig durch die Gitterstäbe hindurch mit einem Lineal geschlagen und außerdem mit Wasser bespritzt. Gelogen!

Natürlich nahm ich das nicht hin. Und die Beamten mussten auf meine hartnäckigen Fragen schließlich eingestehen, dass ein Gitterkäfig in der Untersuchungshaftanstalt (UHA) nicht existiert hat. Und sie kannten auch die Dienstvorschrift des MfS, die Mitarbeitern der Untersuchungsabteilung das Betreten der Verwahrräume untersagte. Schließlich gestanden sie ein, dass die Anzeige mit dem Inhalt einer vor 1990 ausgestrahlten Sendung des Mitarbeiters der »Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte«, Löwenthal, im BRD-Fernsehen übereinstimmt. Es ist kein Einzelfall, dass ehemalige Untersuchungsgefangene aus Rachegelüsten, meistens aber um Entschädigungen zu kassieren, auf der Grundlage von Medienberichten behaupten, ihnen sei das Gleiche passiert. Sei es wie es sei. Meine Vernehmung ging aus wie das Hornberger Schießen. Und »rechtsstaatlich« wurde ich nie über die Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen mich unterrichtet.

Obwohl in ca. 30.000 Ermittlungsverfahren gegen Mitarbeiter des MfS und der fast 25-jährigen Recherchearbeit der BStU-Behörde keinerlei Belege für Folterungen in der Untersuchungshaft des MfS erbracht werden konnten, wird derartiges immer wieder kolportiert.

Am 28. Mai 2015 veröffentlichte die Freie Presse (Region Erzgebirge) die »erschütternde« Schilderung eines ehemaligen Häftlings des MfS, wonach dieser u. a. in eine Zelle gesperrt worden sei, in die Wasser eingelassen wurde. Erst als er strampelnd und schwimmend mit dem Kopf an die Zellendecke stieß, sei das Wasser abgelassen worden.

Für Hass-Phantasien ist offenbar in den angeblich objektiv berichtenden und der Wahrheit verpflichtenden Medien ausreichend Raum vorhanden.

 

 

Bedenkenlos verheizt

 

Von Kurt Plache

 

Jahrgang 1935, Diplomjurist, Dr. jur., beim MfS/AfNS von 1953 bis 1990, letzter Dienstgrad Oberst, zuletzt Leiter des Bereiches Grundsatzfragen der Auswertungs- und Kontrollgruppe (AKG) in der HA IX

 

Viele Jahre mit der Abwehr von Angriffen westlicher Geheimdienste auf die DDR befasst, kann ich aus Erfahrung sagen, menschenfreundlich sind diese Herrschaften auch gegenüber ihren eigenen Agenten nicht. Zwar geben sie bei der Werbung und auch in der späteren Zusammenarbeit in der Regel vollmundige Erklärungen ab, wie sie die Sicherheit gewährleisten würden. Alles Schall und Rauch. Sie handeln nach dem alten deutschen Sprichwort: »Wo gehobelt wird, da fallen Späne«, was zur Folge hat, dass unverzeihliche Fehler passieren, die auf Kosten der Agenten gehen. Das soll ein Fall verdeutlichen, der allerdings schon einige Jahrzehnte zurückliegt.

In der Tätigkeit der westlichen Geheimdienste spielt die Militärspionage seit je her eine große Rolle. Ihr Manko ist, dass Militärspezialisten – noch dazu solche, die in der Nähe von Militärobjekten leben – rar sind, so dass sie auf den Durchschnittsbürger zurückgreifen müssen. Das Dilemma ist, dass diese Normalbürger zwar einen Panzer von einer Rakete unterscheiden können, aber natürlich keine Ahnung haben, um welchen Typ der Waffen es sich handelt. Doch gerade darauf kommt es ja für die Geheimdienste und die NATO-Militärs bei ihren Kriegsplanungen an. Man hat sich zu helfen gewusst. Die Militärspione wurden mit Fotos von den gängigen Waffen der Truppen des Warschauer Vertrages ausgerüstet. Darauf war jeweils ein Waffensystem abgebildet und mit der exakten Bezeichnung gekennzeichnet, so dass der Militärspion das Gesehene nur mit seinen Fotos vergleichen musste, um dann exakt an seine Auftraggeber zu berichten. Diese Fotos waren im Streichholzschachtelformat und wurden auch in Streichholzschachteln aufbewahrt. Zur Tarnung kamen noch ein, zwei Schichten Streichhölzer darüber. Bei einer Kontrolle, die ja nicht auszuschließen war, wenn sich jemand in der Nähe eines Militärobjektes herumtrieb, völlig unverfänglich.

Bei einem festgenommenen Militärspion wurde bei der durchgeführten Wohnungsdurchsuchung ein solches Waffenerkennungssystem gefunden und sichergestellt. Damit waren wir in dem eingeleiteten Ermittlungsverfahren beweismäßig auf der sicheren Seite. Zugleich erfolgte durch unsere Spezialisten eine Auswertung der Fotos. Dabei wurde eine entscheidende Entdeckung gemacht: Ein Foto war dabei von einem damals gerade in die Bewaffnung eingeführten neuen sowjetischen Schwimmpanzer. Doch nicht genug damit. Im Hintergrund des Panzers war eine Hauswand zu erkennen. Normalerweise wurde die mit fotografierte Umgebung des Waffensystems vom Geheimdienst wegretuschiert. Hier war das nicht geschehen. Vielleicht in der Euphorie über das Foto des neuen Panzers.

Und es kam noch besser. An dieser Hauswand befand sich ein Reklameschild aus den zwanziger Jahren von einer Feuerversicherung mit deutschem Text. Vor uns stand die Frage: Wo ist dieses Foto entstanden? Da die Sowjetarmee mit ihren Panzern keine Ausflüge in die BRD machte, blieb als logische Erklärung nur – auf dem Territorium der DDR. Selbstverständlich wäre es möglich gewesen, dass das Foto in den Gebieten jenseits der Oder und Neiße entstanden ist, aber wir konzentrierten uns erst einmal aufs eigene Land. Das Reklameschild zu finden, war wie die sprichwörtliche Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Der Aufwand wäre unvertretbar hoch gewesen. Also wandten wir uns an die Verbindungsoffiziere des KGB. Wir erklärten ihnen unser Anliegen, stießen auf offene Ohren und bekamen schon wenige Tage später die Antwort, die sie bei der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland eingeholt hatten. Der bewusste Schwimmpanzer war einzig im Raum Potsdam stationiert. Wir bekamen auch Auskunft, in welchem Einzugsgebiet mit ihm operiert wurde. Daraufhin wurden sowohl die hauptamtlichen als auch die Inoffiziellen Mitarbeiter des MfS in diesem Gebiet in die Spur gesetzt, das Reklameschild zu finden. Erfolgreich. Das Schild befand sich in einem Dorf, das von einer Fernverkehrsstraße durchquert wurde.

 Gegenüber dem Schild befand sich eine Gaststätte. Das machte die Sache nicht einfacher. Hatte ein Bewohner des Hauses, ein Beschäftigter der Gaststätte, ein Gast oder ein zufälliger Passant die Aufnahme gemacht? Wieder mussten die Spezialisten ran, die eine Ortsbegehung machten und zu dem Ergebnis kamen: Das Foto des Schwimmpanzers musste aus dem Hochparterre mit der Gaststätte geschossen worden sein.

Ein unverfänglicher Gaststättenbesuch führte zu folgender Erkenntnis: Etwa in der Mitte der Frontseite des Hauses führten mehrere Stufen zum zirka einen Meter über dem Straßenniveau befindlichen Eingang. Trat man durch diesen ins Gebäude, gelangte man auf einen Flur, der zu einer Treppe in die oberen Etagen und zu den Toiletten führte. Etwa zwei Meter vom Hauseingang entfernt befanden sich rechts und links je eine Tür. Die rechte führte in die Gaststube, die linke in den Saal, der allerdings nur zu besonderen Anlässen in Betrieb genommen wurde, weswegen auch bei unserer Operation die Rollladen stets herab gelassen waren. Und aus dem zweiten Fenster dieses Saales musste nach Einschätzung unserer Spezialisten das bewusste Foto geschossen worden sein. Eine Sackgasse? Bei einem Dorffest oder bei der Bewirtung einer Reisegruppe konnten sich bis zu achtzig Personen – so viele fasste der Saal – als Fotografen betätigt haben.

Wir entschlossen uns, erneut die Hilfe unserer sowjetischen Kollegen in Anspruch zu nehmen und baten sie, in einem bestimmten Zeitraum auf der an der Gaststätte vorbei führenden Fernverkehrsstraße Truppenbewegungen zu organisieren. In der Zwischenzeit verhandelten wir mit einem Bewohner des Hauses mit dem Reklameschild und baten ihn, für die Zeit der geplanten Truppenbewegung einem Mitarbeiter unseres Ministeriums ein Plätzchen an einem Fenster in seiner Wohnung einzuräumen, damit von dort das Gebäude der Gaststätte beobachtet werden konnte. Die Familie stimmte sofort und ohne jeden Druck zu. Zum Glück waren ihre Kinder schon erwachsen und lebten nicht mehr zu Hause, so dass wir keinerlei Legenden entwickeln mussten, die die plötzliche Anwesenheit unseres Beobachters erklärt hätte.

Unsere sowjetischen Kollegen erreichten beim Kommando der in Deutschland stationierten Gruppe der sowjetischen Streitkräfte, dass sich an einem bestimmten Tag auf besagter Fernverkehrsstraße in Abständen immer wieder sowjetische Truppen mit modernster Kampftechnik bewegten. Gleichzeitig erhielten wir für den Fall, nicht fündig zu werden, die Option, das Ganze ein oder zwei Wochen später zu wiederholen. Am bewussten Tag tarnten sich drei unserer Mitarbeiter als Handwerkerbrigade, die in der weiteren Umgebung des Dorfes einen Auftrag zu erfüllen hatte, aber das nicht so ernst nahm und erst einmal ausgiebig in der Gaststätte Pause machte, so dass wir das Geschehen in der Gaststätte auch im Auge hatten.

Die Aktion startete. Als das Getöse der heranrückenden Panzer zu vernehmen war, übergab der Gastwirt die Theke seiner Gattin und verließ die Gaststube. Ein »Handwerker« folgte ihm und suchte die Toilette der Gastwirtschaft auf. Dabei beobachtete er, dass der Wirt im gegenüberliegenden Saal verschwand. Unser Beobachtungsposten im Haus auf der anderen Straßenseite bemerkte, dass die Rollladen des bereits erwähnten zweiten Saalfensters zirka dreißig Zentimeter geliftet wurden. Somit lag der Verdacht nahe, dass der Wirt der gesuchte Militärspion war. Aber wir wollten sicher gehen. Wir warteten bis die sowjetische Armee-Einheit nach etwa einer Dreiviertelstunde erneut mit Kampftechnik auftauchte. Das ganze Spiel wiederholte sich.

Die »Handwerker« folgten dem Wirt in den Saal und fanden ihn dort, wie er einen Fotoapparat der Marke »Robot star«, der auf einem Stativ auf dem Fensterbrett stand und auf die Truppenbewegung auf der Straße gerichtet war, bediente. Logischerweise erfolgten seine Festnahme und die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens wegen Spionage.

Bei der durchgeführten Wohnungsdurchsuchung wurden weitere nachrichtendienstliche Hilfsmittel und auch zwei Filme mit Aufnahmen von sowjetischer Militärtechnik gefunden, so dass die Beweislage eindeutig war.

In der Untersuchung konnte dann erarbeitet werden, dass sein Motiv allein der schnöde Mammon war. Es steckte keine politische Überzeugung, keine Vergeltung für irgendein angenommenes Unrecht; auch keine Erpressung seitens des Geheimdienstes dahinter. Also alle Voraussetzungen, sich heute – wenn er noch leben sollte – als »Widerstandskämpfer« zu gebärden.

Besser wäre es allerdings, darüber nach zu denken, wie leichtfertig die westlichen Geheimdienste ihre Agenten opfern. Ist es als »Wiedergutmachung« gedacht, dass nach der Einvernahme der DDR Spione, Saboteure und auch Terroristen vom »Rechtsstaat« rehabilitiert wurden und die Mitarbeiter der Sicherheitsorgane der DDR, die einst für deren Enttarnung und Verurteilung nach Recht und Gesetz sorgten, mit Ermittlungsverfahren überzogen wurden?

 

 

Funkfahndung des MfS kontra BND

 

Von Werner Brinkmann

 

Werner Brinkmann, ein langjähriger Mitarbeiter des MfS, arbeitet heute als Selbständiger in der Wirtschaft. Er fürchtet um seine Existenz, wenn er unter seinem Namen schriebe. Deshalb wählte er ein Pseudonym

 

Nach meiner Erinnerung war es im Verlaufe des Jahres 1965, als von der Funkbeobachtungsstelle der Funkabwehr des MfS im Hauptobjekt Gosen, südöstlich von Berlin, die Sendung eines Funkstützpunktes des BND auf Kurzwelle durch den Abwehrfunker gehört und in Sekundenschnelle zur Peilung gegeben wurde. Dadurch konnte der über das internationale System des Apparates der Koordination1 kommandierte Peilauftrag von zahlreichen ortsfesten Fernpeilstellen in der DDR und von den angeschlossenen Fernpeilern anderer im Warschauer Vertrag verbündeter sozialistischen Staaten realisiert und so der Sender grob lokalisiert werden. Danach wurde der Stand­ort des Senders mit der zweifelsfreien Charakteristik eines BND-Funkspions im Raum nördlich von Berlin be­stimmt. Die zahlreichen dokumentierten Peilstrahlen wur­den durch die Auswerter der Funkabwehr (damals selbständige Abteilung F des MfS) analysiert und auf mögliche technisch-physikalisch bedingte Abweichungen geprüft.

Im Ergebnis ergab sich ein Schnittwinkelgebiet der Peilungen, innerhalb dessen sich der Sender voraussichtlich im Raum Oranienburg/Wandlitz/Mühlenbeck befinden musste. Folglich wurde im dortigen Nahfeld (Radius etwa 10 bis 20 km) ein Einsatz der Funkfahndung der Abteilung F vorbereitet. Dazu gehörten mehrere halbstationäre Peilstellen und Gruppen der Nächstfeldfahndung, wo ich als Peilfunker arbeitete. Alle dort eingesetzten Angehörigen des MfS hatten einen einjährigen Funkerlehrgang absolviert und waren mit den Merkmalen von damals benutzten Spionagesendern imperialistischer Geheimdienste durch laufende Schulungen gut vertraut. Ich selbst war seit Ende 1961 in der Funkfahndung als frischgebackener Absolvent des Funkerlehrganges, exzellent ausgebildet und hoch motiviert im Einsatz.

Bei der festgestellten Sendung handelte es sich um einen Funkagenten mit der Standardausrüstung des BND, einem Kurzwellensendegerät SP-15 mit einer Sendeleistung von 15 Watt2. Mit diesem Gerät konnten Funksprüche übertragen werden, deren Dauer unterhalb einer Minute blieb. Neben dem Sende- und dem Netzteil ge­hörten dazu ein mechanischer Schnellgeber, 20 Sendequarze und eine Langdrahtantenne sowie ein Konverter für den Empfang der einseitigen verschlüsselten Funksendungen der BND-Zentrale, die von Oberursel bei  Frankfurt am Main auf der Frequenz 3.370 kHz abgestrahlt wurden (der sogenannte Rundspruchdienst/RSD).

In den Schnellgeber setzte der Agent eine Metallscheibe ein, auf deren Rand er die Ziffernblättchen seines Funkspruches einschob. Mit einer Kurbel sollte er bei einer Sendung die Scheibe zwecks einwandfreien Empfangs in der GHD-Zentrale etwa neun Mal drehen, was einer Sendedauer von insgesamt etwa 45 Sekunden entsprach. Der Funkagent brauchte dafür keine spezifisch-technischen Kenntnisse, musste also auch das Morsealphabet nicht kennen. Das hochmoderne und kleine Sendegerät war leicht zu bedienen und die Antenne konnte als Wäscheleine getarnt werden. Der zur Spionageausrüstung ge­hörende Konverter diente dazu, über ein handelsübliches Rundfunkgerät die Sendungen der Zentrale von der Kurzwelle zu transformieren und empfangen zu können. Diese Sendungen des RSD jeweils in Fünfer-Zifferngruppen in Phone wurden für jeden Agenten – gesprochen von einer markanten Frauenstimme – mehrfach wiederholt. Jeder Agent konnte an Hand seiner Rufnummer erkennen, welche Sendung für ihn bestimmt war und dann die Fünfer-Zifferngruppen aufzeichnen und entschlüsseln. Der RSD sendete zur Tarnung auch sogenannte »Blindsprüche«, die jedoch als solche durch deren analytische Bearbeitung von der Funkabwehr  als solche erkannt werden konnten. Zur weiteren Ausrüstung jedes Agenten gehörten Schlüsselrolle, Signaltabellen und Zeit-Frequenz-Plan.

Diese gesamte Ausrüstung war der Funkabwehr durch die Entlarvung und Festnahme früherer Funkagenten hinreichend mit allen Parametern bekannt. Sie wurde mindestens seit Beginn der 60er Jahre, insbesondere nach der Sicherung der Staatsgrenze der DDR am 13. August 1961, generell auf dem Gebiet der DDR eingesetzt.

In den Berichten der Auswertung wurde noch Anfang der 60er Jahre bei der Entlarvung eines Funkstützpunktes meist der Begriff »Liquidierung« verwendet. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass der damalige 1. Stellvertreter des Ministers, Generalleutnant Bruno Beater, gegenüber dem Leiter der Abt. F den Einwand geltend machte, dieser Begriff sei irreführend und sollte nicht verwendet werden. Dies wurde dann auch so durchgesetzt.

Aber auch in anderen Diensteinheiten war diese Bezeichnung nicht unüblich. Ich halte diesen Verweis auf die damalige Forderung von Bruno Beater für wichtig, denn nach der Auflösung des AfNS und der Schaffung der BStU gelangten in die Medien mehrmals »Enthüllungen« über »die Liquidierung von Menschen« durch das MfS. Der verwendete Begriff Liquidation im Sinne von Abschluss Operativer Vorgänge oder endgültige Entlarvung von personellen Stützpunkten (z. B. durch Verhaftung) wurde bewusst in verleumderischer Absicht uminterpretiert.      

Die beschlagnahmten Ausrüstungen von Funkspionen wurden in der Funkabwehr den Mitarbeitern in Schulungen im Original von Technikern und  Mitarbeitern der Auswertung erläutert. Vereinzelt wurden die Sendegeräte auch für so genannte interne Kontrollsendungen genutzt.

Es gehörte damals aber auch zur gängigen Praxis, diese Geräte und andere Spionageausrüstungen nicht nur des BND, sondern auch der anderen westlichen  Geheimdienste sowie dazugehörige Unterlagen in Ausstellungen einer breiten Öffentlichkeit der DDR bekannt zu machen.3 Jahre später, mit dem Einsetzen der Phase der Entspannungspolitik im Zuge der KSZE und der Schlussakte von Helsinki, war diese Form der Öffentlichkeitsarbeit von der politischen Führung der DDR nicht mehr erwünscht, obwohl die westlichen Geheimdienste nach wie vor und nun mit wesentlich verfeinerten technischen Mitteln und Methoden gegen die DDR aktiv vorgingen.

Zurück zum eingangs geschilderten konkreten Spionagefunk.

Zur kurzfristigen Vorbereitung des Fahndungseinsatzes nach der ersten erkannten Sendung wurden in Schulungen durch Mitarbeiter der Auswertung nochmals die spezifische Charakteristik der Sendung an Hand der Originalaufzeichnung, und weitere Merkmale erläutert. Besonders auffallend war der kristallklare frequenzstabile Ton der Aussendung, typisch für die Verwendung von Quarzen. Bei der zuerst festgestellten Sendung stimmte der Agent das Sendegerät mit dem Quarz und der Antenne außergewöhnlich lange auf maximale Sendeleistung ab.

Dies widersprach den Anweisungen der BND-Zentrale. Der Agent sollte seine Sendequarze nur einmalig kurz abstimmen, um der Funkabwehr der DDR durch eine möglichst kurze Sendezeit das Auffinden unmöglich zu machen. Diese überlange Abstimmung führte u. a. dazu, dass zu der erfassten Sendung recht gute Peilungen vorlagen.

Es ging nun darum, durch den Fahndungseinsatz über die gefundene Frequenz sowie weitere zu suchende Frequenzen wesentlich genauere Peilungen im Fahndungsraum zu erzielen. Und es ging auch darum, es den Mitarbeitern in der  Auswertung zu ermöglichen, auf Grund der vorliegenden umfangreichen Analysen, Prognosezeiten zu errechnen. Die effektivsten Standorte wurden ausgewählt und die geografischen, technischen und sonstigen Voraussetzungen vor Ort geprüft bzw. geschaffen.

Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde die vorgangsführende Abteilung der Hauptabteilung II (Spionageabwehr) des MfS in alle operativ-technischen Maßnahmen im Fahndungsraum einbezogen. Sie konnte nun ihrerseits mit eigenen operativen Recherchen und inoffiziellen Maßnahmen mitwirken. Diese enge Zusammenarbeit war stets eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg einer Fahndung. Darüber hinaus kamen drei halbstationäre Peilstützpunkte zum Einsatz. Zu den Vorbereitungen der konkreten Fahndungsmaßnahmen gehörten sehr arbeitsaufwendige Überprüfungen unserer eigenen funkelektronischen Geräte und der Kfz-technischen Ausrüstung. Wir erhielten Verschlüsselungsunterlagen für unsere internen Funkverbindungen sowie Dienstaufträge der NVA zur Legendierung. Dazu gehörte auch das Tragen der Uniform der Nachrichtentruppen der NVA entsprechend den festgelegten legendierten Dienstgraden inklusive Dienstwaffen. In der Regel traten die Funkfahnder als Unteroffiziere in Erscheinung, der Leiter der Gruppe entweder mit einem höheren Unteroffiziersrang oder einem unteren Offiziersdienstgrad.

Ich kam mit einer der Gruppen zunächst am Rande eines Waldstückes bei Wandlitz zum Einsatz. Kurzfristig wurden wir dann umgruppiert zu einem Standort am Südrand der Ortschaft Zehlendorf östlich von Oranienburg auf einem Feld. Es kam vor allem auf präzise Peilungen in Nord-Süd-Richtung an. Deshalb wurde auf dieser Linie in südlicher Richtung in Zühlsdorf ein weiterer halbstationärer Peilstützpunkt errichtet Die Horizontale war wohl weitestgehend sicher errechnet worden.

Aber unser Standort Zehlendorf barg ein kritisches physikalisch-technisches Problem für unseren Auftrag. Nördlich vom Ort befand sich das Funkamt Zehlendorf der Deutschen Post mit dem Langwellengroßsender für den damaligen Deutschlandsender der DDR und später Stimme der DDR. Der 351 Meter hohe Stahlmast gehörte damals zu den höchsten Bauwerken Europas, er wurde später nach Errichtung des Berliner Fernsehturms von diesem knapp übertroffen. Der Sender war einer der leistungsstärksten Großsender Europas mit einer Sendeleistung von 500 KW (angestrebt waren 750 KW). Er strahlte das Hörfunkprogramm auf der Frequenz 185 kHz ab. Der Zehlendorfer Großsender war mit seiner Bodenwelle in ganz Europa zu hören, was ich bei meinen Urlaubsaufenthalten in Ungarn und Bulgarien auf dem Kofferradio bestätigt fand.

Bevor wir unsere Anlage aufbauten, wurde mittels Kontrollsendungen überprüft, inwieweit der Großsender für unsere Peilungen als sogenannter Rückstrahler wirken konnte, was dann zu erheblichen Peilabweichungen hätte führen können.

Dies wurde jedoch ausgeschlossen. Die Nutzung des Ackers als Standort für unsere Peiltechnik war mit der LPG des Ortes abgesprochen, der zwingend erforderliche Starkstromanschluss gesichert  und die Versorgung mit Mittagessen war bereits mit der Kantine des Funkamtes vereinbart.  

Zu unserer technischen Ausstattung gehörte ein geländegängiges, schweres NVA-Standard-Gerätefahrzeug vom Typ G 5 mit drei Achsen, Geländegang, Differenzialsperre und Spillanlage, produziert im VEB Fahrzeugwerke Werdau. Der LKW zog einen ebenfalls NVA-standardisierten zweiachsigen 5-Tonnen Anhänger, als Wohnwagen ausgestattet, und einen einachsigen Anhänger in Sonderanfertigung mit Holzaufbau für die Peiltechnik (damit dieser nicht als Faradayischer Käfig wirken konnte).   

Zum Aufbau gehörte das Rangieren der Fahrzeuge in die vorgesehenen Positionen und ihre Aufbockung sowie Verankerung mit Bodenstützen, der Aufbau eines Kurbelmastes einschließlich Abspannungen, das Anbringung einer Kurzwellenantenne und eines UKW-Dipols, die manuelle standfeste Aufstellung des Einachsers in einer Entfernung von etwa hundert Meter, die notwendige Starkstrom- und Schwachstromverkabelung und die Ausrüstung der Peilanlage mit dem während der Fahrt im Gerätefahrzeug untergebrachten bewährten Kurzwellenpeiler RP 5 sowjetischer Bauart (ein sogenannter Minimum-Peiler). Weiter gehörten zu unserem Tross mehrere Kurzwellenempfänger vom Typ Siemens, die interne UKW-Sende- und Empfangsanlage sowie ein drahtgebundenes Telefon mit Verbindung zum Wohnwagen.   

Nachdem nun alle Voraussetzungen gegeben waren, bauten wir unseren Stützpunkt, besetzt mit drei Peilfunkern, innerhalb weniger Stunden auf und begannen mit dem Betrieb unserer Peilanlage.

Für den durchgängigen Betrieb wurden ein Kurzwellenempfänger auf die zentrale Kommandofrequenz der Funkbeobachtungseinrichtungen und ein weiterer auf die Frequenz der Erstsendung des Funkagenten fest eingestellt. Eigene Funkdisziplin und Beherrschung der Legenden waren für uns alle wichtige Größen. Die UKW-Sprechfunkanlage wurde nur in wenigen Ausnahmefällen kurz genutzt, um uns nicht zu enttarnen.

Die UKW-Anlage war für die verschlüsselte Phonie-Kommandoverbindung im Berliner Raum über den in Gosen 1963 errichteten 90 Meter-Mast freizuhalten.

Für wichtige Mitteilungen konnten wir täglich über Kurzwelle Verbindung mit unseren Vorgesetzten per Tastfunk in verschlüsselter Form aufnehmen.

Dazu stand uns im Gerätefahrzeug ein 100 Watt-Sender aus der Produktion des VEB Funkwerk Köpenick und ein sowjetischer Empfänger vom Typ Dosor zur Verfügung. Für den Fall eines Stromausfalls hatten wir im Gerätefahrzeug ein Notstromaggregat aus volkseigener Produktion an Bord. Bei plötzlichen Geräteausfällen konnten wir aus dem Objekt in Gosen einen Techniker anfordern.  

Sämtliche Ausrüstungen waren für einen durchgehenden Dienstbetrieb über das ganze Jahr vorbereitet. Der Wohnwagen verfügte über einen Schlafteil mit zwei Doppelstockbetten und Schränken sowie einen Wohnteil mit Tisch und zwei Sitzbänken für vier Personen, eine fest eingebaute Propan-Heizanlage Marke Eigenbau aus der mechanischen Werkstatt des Objektes in Gosen, einen zweiflammigen Propangaskocher nebst Spüle und Kästen für Geschirr und Zubehör. Wasser wurde in Milchkannen aus der Nachbarschaft besorgt. Gewaschen haben wir uns Sommer wie Winter im Freien unter Nutzung einer Metallschüssel. Der Betrieb wurde im durchgehenden Wechseldienst durchgeführt: sechs Stunden Dienst und zwölf Stunden frei für Schlaf, Einkäufe, Besorgung von Zeitungen, Zubereitung von Essen usw. Eingekauft wurden die Lebensmittel im Dorfkonsum. Zum Mittagessen konnten zwei Mitarbeiter die Kantine im Funkamt  aufsuchen, die das Essen für den dritten Mitarbeiter mitbrachten. Dafür standen zwei Fahrräder zur Verfügung.

Der Wechseldienst war für einen ausreichenden Schlaf sicher nicht fördernd. Jedenfalls hatte ich damit meine Probleme. Besonders anstrengend war der höchste Aufmerksamkeit erfordernde Dienst in den Nachtstunden etwa zwischen 2.00 und 4.00 Uhr. In dieser Zeit haben wir uns mit starkem Kaffee wach gehalten. Immerhin muss­ten permanent zwei Kommandolinien mit unterschiedlichen Verschlüsselungssystemen sowie die uns aus der abgehörten und gepeilten Sendung bekannt gewordene Sendefrequenz des Agenten beobachtet und der Peilempfänger in Bereitschaft gehalten werden. Obwohl wir auch wussten, dass die mit derartigen Geräten ausgerüsteten Spione mehre Sendequarze und damit Frequenzen hatten, die sie einer Tabelle entnahmen. Es war eigentlich die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die Entschlüsselung der an uns von den Abwehrfunkern übermittelten Peilkommandos musste schnellstens im Kopf erfolgen, um sofort mit dem Peilgerät auf die geforderte Frequenz zu gehen und eine Peilung abzunehmen. Das Ergebnis war umgehend in die Funkkladde einzutragen. Die Uhrzeit stellten wir auf die Sekunde genau nach dem vom Sender Nauen über Kurzwelle abgestrahlten Zeitzeichen ein.

Donnerstags wurden wir durch drei andere Mitarbeiter unseres Referates abgelöst und Unterlagen, Geräte und Propangasflaschen ausgetauscht. Danach hatten wir bis Montag frei und erschienen Dienstag und Mittwoch wieder auf der Dienststelle in Gosen zur Schulung, zur militärischen Ausbildung, einschließlich Schießtraining und zum Dienstsport sowie zur Durchführung von Dienstbesprechungen und Versammlungen. Es kam auch vor, dass bei der Ablösung der dritte Mitarbeiter wegen Krankheit fehlte. Dann hat sich einer der drei Abzulösenden bereit erklärt, noch eine weitere Woche Dienst zu tun. Dazu bedurfte es keiner Befehle. Dies gehörte zu unserer solidarischen Grundhaltung.      

Die Vorabsprachen für die Kontakte im Ort wurden alle unter der Legende der NVA geführt. Auch der Abschnittsbevollmächtigte der VP war niemals in unseren tatsächlichen Auftrag eingeweiht. Natürlich kam es mit Einwohnern und Mitarbeitern des Funkamtes gelegentlich zu Gesprächen, die sich jedoch stets relativ leicht über unsere NVA-Legende abwickeln ließen. Es gab ein gutes Verhältnis zu allen Bürgern mit denen wir Kontakt hatten und man grüßte sich freundlich wie selbstverständlich.

Während unseres fast ein Jahr dauernden Einsatzes hatten wir nach meiner Erinnerung eine Sendung des gefahndeten Agenten erfasst, gepeilt und auf Magnetband gespeichert. Danach hatte sich der Agent aber nicht mehr gemeldet. Durch die Peilungen wurde der Standort des BND-Stützpunktes im Ort Wensickendorf lokalisiert. Parallel hatten sich die Mitarbeiter der Hauptabteilung II mit ihren operativen Maßnahmen weiter vorangearbeitet. Mehr konnten wir mit unseren Peilungen nicht tun. Wir bauten unsere Anlage ab. Aber es fehlten immer noch weitere Frequenzen. Immerhin verfügte der Spion mit 20 Quarzen über 20 Frequenzen, auf denen er senden konnte.

Deshalb wurden die Mitarbeiter der Peilstützpunkte in einer bei Schönwalde errichteten halbstationären Funküberwachungsstelle zur Bereichssuche umgesetzt. Hierfür standen pro Schicht sechs Plätze mit je einem hochempfindlichen sowjetischen Suchempfänger vom Typ KROT M zur Verfügung. Allerdings ließ der Spion nichts mehr von sich hören. Erst viel später erfuhren wir nach Abschluss des Operativen Vorganges der HA II und des anschließenden Untersuchungsvorganges der HA IX die Gründe für die Funkstille.

Die Mitarbeiter der HA II hatten zwischenzeitlich einen Kreis von Verdächtigen in operativer Kleinarbeit ermittelt und hier schälte sich nach und nach der Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Wensickendorf als der vermutete Spion heraus. Durch eine operative Kombination gelang der entscheidende Schritt.4 Es wurde ein Feuerwehrwettstreit organisiert, den dann der Leiter der FF Wensickendorf gewann. Für diesen Sieg erhielt er einen Pokal, in welchem operative Technik eingebaut war und den er in seinem Wohnzimmer aufstellte. Nun konnte zweifelfrei akustisch verfolgt werden, wie der Spion Wendemacher wiederholt den Rundspruchdienst des BND abhörte. Erste Beweise wurden dokumentiert und der Spion konnte festgenommen werden. Alle seine Geräte und Unterlagen wurden beschlagnahmt. Sofort in der ersten Vernehmung war W. geständig.5 Sogar die von ihm gesendeten und empfangenen Funksprüche wurden auf der Grundlage der gefundenen Unterlagen durch die Abteilung XI des MfS im Nachhinein entschlüsselt.

Sein umfassendes Geständnis legte jetzt auch den Grund für die eingetretene Funkstille offen: W. hatte im Ort einen Vermessungstrupp bemerkt und fälschlicher Weise angenommen, dieser sei der Funkabwehr zuzuordnen. Die Vermessungsleute hatten jedoch mit unseren Fahndungsmaßnahmen nichts zu tun. Die Vernehmungen in der Hauptabteilung IX/1 (der zuständigen Untersuchungsabteilung des MfS) legten auch die Art und Weise seiner Anwerbung offen.

W. traf 1952 ehemalige Kriegskameraden und bekam über diese Kontakt zur »Organisation Gehlen«. Dieser ehemalige Hitlergeneral und Leiter der Generalstabsabteilung »Fremde Heere Ost« war im August 1945 mit vier seiner engsten Mitarbeiter nach Washington gereist und wurde dort für die Spionage gegen die Sowjetunion und den »Ostblock« vorbereitet.6

Die Details der im Juni 1946 vom US-amerikanischen Geheimdienst mit Gehlen getroffenen schriftlichen Vereinbarungen sollen wohl bis heute geheim geblieben sein. Bereits am 7. Juli 1946 tauchte Gehlen wieder in Westdeutschland auf, um die »Organisation Gehlen« mit anfangs 50 Mitarbeitern, getarnt als Angehörige einer US-Dienststelle, in Oberursel zu gründen. Alle aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft heimkehrenden ehemaligen Soldaten und Offiziere wurden dort erfasst und befragt (über drei Millionen). Dies war wohl »das erfolgreichste Erkundungsunternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg«.7 Aus diesem Kreis gewann die »Organisation Gehlen«, 1956 zum BND gekürt, die ersten Spione im Kampf gegen den Kommunismus.

W. hatte 20 Jahre lang umfangreiche Militärspionage vorwiegend gegen die sowjetischen Truppen in der DDR und die NVA betrieben. Schwerpunkte waren militärische Einrichtungen in Oranienburg, Ladeburg und Berlin, vorwiegend Flugplätze, aber auch andere Truppenbewegungen und Manöver der militärischen Kräfte. Er offenbarte sich gegenüber dem Untersuchungsorgan vollständig, so dass man in Abstimmung zwischen den HA IX und II erwog, ihn zu überwerben und weiter für den BND »arbeiten« zu lassen. Damit war W. sehr einverstanden. Dieser Vorschlag wurde aber von der Führung des MfS abgelehnt. Vom Militärkollegium des Obersten Gerichts der DDR wurde Wendemacher zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt.8  

Die Fahndung nach W. war nur eine Episode in der langjährigen Abwehrarbeit der Funkfahndung des MfS. Schon diese Episode allein hätte ausgereicht, um alle unsere Mitarbeiter für den aktiven Kampf gegen die westlichen Geheimdienste hoch zu motivieren. Wir haben uns jedoch von Anfang an als festen Bestandteil der Abwehr des MfS verstanden und waren mit Herz und Verstand dieser Arbeit fest verbunden.

In den 60er Jahren blieben die Sendezeiten der Spione unter einer Minute, im Jahre 1989 mit dem Ende der DDR lagen die Sendezeiten der nunmehr von den gegnerischen Geheimdiensten eingesetzten Spionagetechnik bereits unter einer Sekunde! Selbst diese in der Nähe militärischer Objekte in der Erde vergrabene und geschickt getarnte hochsensible US-amerikanische Spionagetechnik wurde zum Ende des MfS noch von der nun innerhalb der Hauptabteilung III integrierten Funkfahndung  aufgespürt. Aber das ist ein anderes Thema – wie ich weiß berichtet darüber mein ehem. Mitstreiter Volker Liebscher in seinem nachfolgenden Beitrag.

Nach 1990 durften sich im Osten Deutschlands auch der BND, der Verfassungsschutz sowie der MAD und natürlich die US-Geheimdienste wie NSA offiziell und verdeckt voll entfalten. Nicht nur ich stellte mir aber  schon damals die Frage: Wie war der BND als bundesdeutscher Auslandsnachrichtendienst während der gesamten Zeit der Existenz der DDR dort überhaupt tätig, wo doch die DDR nach Bonner Selbstverständnis als Nicht-Ausland galt?  

Wenn ich die einschlägigen parlamentarischen Untersuchungsausschüsse verfolge, gilt: Außer Spesen nichts gewesen! Trotz aller heutigen und künftigen Skandale wird es nicht gelingen, in das Eigenleben der Geheimdienste tatsächlich vorzudringen, weil letztlich es nicht gewollt ist. Parlamentarische Demokratie versus Geheimdienste? – dies war und ist stets eine schöne Illusion für den deutschen Michel. Transparenz der Geheimdienste wäre gleichbedeutend mit dem Ende ihrer Existenz. Das würde zugleich die wirtschaftliche Macht des Bank- und Industriekapitals und damit die politische Macht der Regierenden in der BRD in Frage stellen. So dürfte man wohl der nackten Wahrheit am Nächsten kommen.   

 

Anmerkungen

 

1   ­‑Vgl. »Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS«, edition ost, Berlin 2002, Bd. 1, S. 567ff.

2   ‑Vgl. Roland Stock: »Geschichte des Militärfunks«, Militärverlag Berlin, Berlin 2011, S. 224ff., S. 232ff.

3   Vgl. »Die Sicherheit …«, a. a. O., S. 565

4   ‑Vgl. Herbert Kierstein (Hrsg.), »Heiße Schlachten im Kalten Krieg«, Beitrag von Günter Roth: »20 Jahre aktiver Funkspion. Der Fall Wendemacher«, edition ost, Berlin 2007, S.48ff.

5   ebenda S. 50

6   ‑Vgl. J. Piekalkiewicz: »Weltgeschichte der Spionage - Agenten, Systeme, Aktionen«, Südwestverlag, München 1988, S. 410ff.

7   ebenda S. 412

8   Vgl. H. Kierstein/G. Roth, a. a. O., S. 51ff.

 

 

Auf der Suche nach

elektronischen Spionen

 

Von Volker Liebscher

 

Jahrgang 1954, Fachschuljurist; beim MfS/AfNS von 1973 bis 1990, letzter Dienstgrad Hauptmann, zuletzt operativ-technischer Mitarbeiter in der HA III

 

Mein Beitrag befasst sich mit einer neuen Etappe der komplexen Militärspionage von US-Geheimdiensten ge­gen die DDR und deren Verbündeten. Er zeigt aus Sicht eines auf Arbeitsebene Beteiligten auf, wie die Aufklärung und Abwehr dieser Angriffe erfolgte.

Auf den wenigen Seiten eines solchen Beitrages kann ich selbstverständlich nicht alle Fakten und erst recht nicht alle zeitgeschichtlichen Zusammenhänge darstellen. Ich gehe aber davon aus, dass dieses Buch von Interessierten gelesen wird, welche auch wissen, wo die Informationen zur Zeitgeschichte zu finden sind.

In der Lageeinschätzung zur Jahresplanung für 1990 stellte am 14. Oktober 1989 der Leiter der Hauptabteilung III des MfS, Generalmajor Horst Männchen, fest: »Mit der Zielstellung, gegnerische automatische funkelektronische Aufklärungssysteme zu lokalisieren, wurde eine funkelektronische Aufklärung des Territoriums der DDR vorgenommen. Zur flächendeckenden Absicherung des Gebietes der DDR wurden insgesamt 176 Einsätze durchgeführt. 22 dieser Einsätze waren luftgestützt

Hinter dieser nüchternen Darstellung verbergen sich umfangreiche Aktivitäten des MfS – vor allem seiner Funkabwehr, welche zur Aufklärung und Bekämpfung dieser hochentwickelten elektronischen Spionagesysteme führten. Flächendeckend war die Absicherung aber sicherlich nicht. Denn dieses hätte vorausgesetzt, auf dem Territorium der DDR permanent alle erforderlichen Frequenzbereiche rund um die Uhr auf solche Sendungen überprüfen zu können. Dafür fehlten sowohl die technischen Voraussetzungen als auch die personellen Möglichkeiten. Dennoch war die Suche nach dieser Spionagetechnik ziemlich erfolgreich.

Bevor ich mich diesen Geräten zuwende, im damaligen Sprachgebrauch als Sonden bezeichnet, vorab einige Bemerkungen zu meiner Tätigkeit beim MfS überhaupt. Seit dem 1. Juni 1973 diente ich meinem Land, der DDR, zuerst bei einer Wach- und Sicherungseinheit des MfS und dann bei den Spezialfunkdiensten in der Abteilung (später Hauptabteilung) III, um auf dem Gebiet des Funks gegnerische Angriffe aufzuklären und zu verhindern. Dabei war ich über die Jahre in sehr verschiedenen Aufgabenbereichen tätig. So bei der Kurzwellenaufklärung, der funkelektronischen Absicherung von politischen Großereignissen und der Suche bedeutsamer In­formationsquellen in militärischen, geheimdienstlichen und politischen Bereichen über das Richtfunknetz der Bundespost. Seit 1978 nahm ich an den luftgestützten Funkaufklärungseinsätzen »Relais« der HA III teil.

Wegen meiner Eheschließung mit einer Sowjetbürgerin wurde ich 1988 aus der Funkaufklärung in die Funkabwehr zu einer intensiv an der Suche nach Sonden beteiligten Einheit versetzt. So konnte ich auch an den am Boden durchgeführten Maßnahmen teilnehmen und erhielt von weiteren Aktionen unmittelbar Kenntnis. Zudem setzte ich meine luftgestützten Aktivitäten bei »Relais« fort und half, diese in die Maßnahmen zum Aufspüren von Sonden einzubeziehen.

Bei der Mehrzahl der insgesamt fast 30 Flüge saß ich in der Kabine der genutzten Flugzeuge und Hubschrauber vom Typ AN-26, IL-20, Mi-8.

Durch diese relative Aufgabenbreite habe ich sicher vieles erfahren, maße mir aber keinesfalls an, alles über die Sonden und ihre Aufklärung zu wissen. Auch im Nachhinein, nach Einsicht in Zeitdokumente und nach Gesprächen mit an anderer Stelle der Aufklärung von Sonden Beteiligten, verfüge ich keineswegs über lückenloses Wissen zu diesem Thema. Es ist dafür einfach schon zu komplex.

Was waren diese Sonden, wer setzte sie ein und welchen Zweck sollten sie erfüllen? Auf welchem Wege erhielten wir Kenntnis von der Existenz und dem Einsatz derartiger Technik? Welches waren die Mittel und Methoden, diese aufzuspüren? Erste Hinweise auf solche elektronischen Spionagesysteme waren über Medien und Fachliteratur im Zusammenhang mit der USA-Aggression in Vietnam bekannt geworden. Damals wurden durch die USA Geräte eingesetzt, welche mit Sensoren für Erschütterungen, Akustik, Kfz-Zündfunken, Wärme oder gar Schweiß und Urin arbeiteten. Zehntausende Geräte dieser Art sollen die USA-Militärs dabei von Flugzeugen abgeworfen haben. In der Hauptsache nicht mit skurrilen Urin-Sensoren ausgestattet, sondern auf seismische Reize und Sprache reagierend. Die Geräte übermittelten die Meldungen mittels Funk, die Resultate wurden über Rechner ausgewertet. Die USA versuchten in Vietnam nicht nur geopolitische Interessen durchzusetzen, sondern nutzten diesen Krieg auch als Übungsplatz für neue Waffen und Aufklärungssysteme. Neben Drohnen eben auch Sonden und Sensoren. Es lag nahe, dass solche Aufklärungskonzepte auch zur Spionage gegen die Staaten des Warschauer Vertrages in Europa umgesetzt wurden. Deshalb befassten sich die Spezialfunkdienste des Ministeriums für Staatssicherheit schon frühzeitig, nämlich in den 1970er Jahren mit dieser Problematik. Ein Einsatz in unserem Land, unmittelbar an der Stelle mit höchstem Konfliktpotential, war mehr als nur wahrscheinlich. Lagen sich doch hier die Armeen der mächtigsten Militärblöcke der Welt unmittelbar gegenüber. Es sei daran erinnert: Mehr als 1,5 Millionen Soldaten mit modernster Kriegstechnik standen hier »Gewehr bei Fuß« – 900.000 in der BRD, 600.000 in der DDR.

Die Vermutung eines solchen Sonden-Einsatzes in der DDR sollte sich bald bestätigten. Der Zufall half mit: Ende der 1970er Jahre fand ein spielendes Kind auf einer Müllhalde in der Nähe eines Truppenübungsplatzes der in der DDR stationierten sowjetischen Truppen in der Dahlener Heide einen sonderbaren künstlichen Ast. Dieser entpuppte sich als ein getarntes, mit einem optischen Sensor ausgestattetes elektronisches Spionagegerät. Offenbar war dieser »Ast« dazu geeignet, elektronische Zielsucheinrichtungen von Waffensystemen aufzuklären. Er besaß zudem die Fähigkeit, die Aufklärungsergebnisse über Funk abzusetzen.

Die Entdeckung führte dazu, dass wir als Spezialfunkdienste, gemeinsam mit unseren sowjetischen Partnern und Freunden, in der Nähe von weiteren militärischen Übungsplätzen ganz gezielt nach solchen Geräten suchten. Unter dem Namen WETKA-AST wurde das Thema operativ-technisch ernsthaft bearbeitet. Neben praktischen Maßnahmen, wie zum Beispiel mittels Hubschraubern durchgeführte Aufklärungsmaßnahmen zur optischen und funkelektronischen Suche nach Geräten des Typs WETKA-AST, erfolgten auch Forschungsarbeiten auf technisch- technologischem Gebiet.

So beriet man u. a bei einem im Februar 1983 durchgeführtem Treffen auf Leiterebene zwischen dem KGB der UdSSR und dem MfS der DDR über Taktiken und Techniken der Erkundung und Ortung von Sonden. Anwesend waren neben Fachspezialisten auch der stellvertretende Leiter der 2. Hauptverwaltung des KGB (u. a. verantwortlich für die Funkabwehr), der Leiter der Funkabwehr des KGB und der Leiter HA III des MfS.

Neben dem geschilderten letztlich doch eher »zufälligen« praktischen Erkenntnisgewinn lagen der Spionageabwehr der DDR jedoch ebenso ganz konkrete Informationen vor, dass derartige Technik zur Militärspionage gegen die DDR zum Einsatz kommen sollte. Im April 1985 ließ ein US-Geheimdienst durch einen seiner Agenten unmittelbar an einem Schienenstrang und an einer parallel dazu verlaufenden Straße eine Sonde installieren. Gleise und Straße verbanden einen Flugplatz der in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräfte bei Finowfurt mit einem Munitionsdepot. Ein sehr gut geeigneter Standort für die Stationierung solcher Aufklärungstechnik. Weniger gut für die US-Auftraggeber war der Umstand, dass ihr Agent eigentlich für die DDR-Spionageabwehr tätig war, welche dadurch Kenntnis von der Sache erhielt. Die hinzugezogenen Spezialisten unserer für die Funkaufklärung und Funkabwehr zuständigen Hauptabteilung III erhielten dadurch die Möglichkeit, getarnt als Gleisarbeiter, das Gerät zu besichtigen, zu vermessen und zu untersuchen.

Das Resultat: Am 10. Juli 1985 konnte dem zuständigen Minister-Stellvertreter, Generalleutnant Gerhard Neiber, eine erste Analyse dieser Sonde übergeben werden. Das System der Sonde hatte von uns inzwischen auch einen Namen erhalten: KEGEL. Unter diesem erfolgte nunmehr die operativ-technische Bearbeitung. Die sehr vorsichtig (das Gerät durfte nicht in seiner normalen Arbeit gestört werden) vorzunehmende Untersuchung hatte folgende erste Ergebnisse erbracht: KEGEL bestand in der Grundform aus einem runden Körper aus Metall. An diesem waren durch Verbindungskabel zwei seismische Sensoren angebracht. Oberhalb des etwa 30 cm tief vergrabenen Gerätes befand sich eine Sendeantenne, welche nur als etwa 16 Zentimeter langer und ein Millimeter Durchmesser aufweisender Draht aus dem Boden ragte. Die Antenne wirkte also eher wie ein Grashalm, denn als Teil eines hochentwickelten elektronischen Gerätes. Die beiden abgesetzten seismischen Sensoren konnten die von Eisenbahnzügen und schweren LKW erzeugten Erschütterungen erkennen und in einem Speicher unter Festhalten der Ereigniszeit hinterlegen.

An den durch KEGEL über Funk übertragenen Aufklärungsberichten war die hohe Dichte übertragener Zeichen auffallend, wodurch die Sendungen sehr kurz sein konnten. Was wiederum die Standortermittlung des in der Sonde vorhandenen Senders erschwerte. Daten, welche etwa einer halben DIN A 4- Seite Text entsprachen, wurden in den nur 0,5 bis 0,7 Sekunden währenden Sendungen übermittelt. Die Sendungen erfolgten überdies unregelmäßig. Sie sendeten die gesammelten Informationen nämlich in Abhängigkeit von der Füllung ihres Speichers an einen, so wurde vermutet, umlaufenden Satelliten.

Dieser gab sie dann an eine Bodenstation weiter. Bei den später festgestellten, offensichtlich weiter entwickelten Sonden wurde ein geostationärer Satellit als Empfänger ermittelt. Aus der bestimmten Sendefrequenz von 392,440 MHz folgerten die Untersucher, dass diese be­wusst in einen Frequenzbereich gelegt wurde, in welchem die technischen Möglichkeiten der Funkabwehr der sozialistischen Staaten nicht effektiv ausgestattet waren. Eine möglicherweise übertrieben dargestellte Vorsorge. Tatsache jedoch ist, dass unsere Fähigkeiten, auf diesen Frequenzen in größerem Umfang Aufklärung zur Abwehr zu betreiben, wirklich nicht gut waren. Es mangelte vor allem an einer ausreichenden Anzahl geeigneter Empfangstechnik.

Benötigte Aufklärungsempfänger wurden nach meiner Kenntnis auch Mitte der 1980er Jahre nur in zweistelligen Zahlen produziert. Vorhandene Geräte mit Panoramadarstellungen des überwachten Frequenzbereiches, wie sie zum Beispiel in der UdSSR produziert wurden, verfügten nicht über die erforderlichen Schnittstellen, um entsprechende Feststellungen zu dokumentieren und auszuwerten. Das Problem der ausreichenden technischen Ausstattung stand ebenso bei hochwertiger Aufzeichnungs- und Analysetechnik und den Mitteln zur Ortung von Funksendungen innerhalb solcher Frequenzen an.

Insgesamt war klar – mit der installierten Spionagetechnik ist deren »Benutzer« relativ gut und ungefährdet in der Lage, Informationen über Fahrtrichtung, Ge­schwindigkeit und Gewicht von Fahrzeugen sowie die Verkehrsdichte auf den überwachten Straßen bzw. adäquate Informationen von Eisenbahnstrecken zu ermitteln. Der »traditionelle« Einsatz einer Vielzahl geworbener Agenten zur Ausspionierung von militärischen Objekten wurde somit zwar nicht überflüssig, jedoch wirksam ergänzt. Zumal es in Spannungszeiten nicht so einfach sein sollte, einen Agenten vor Ort zu bringen.

Aus dieser scheinbaren Verbesserung der Spionagemöglichkeiten ergab sich jedoch gleichzeitig die hohe Gefährlichkeit dieser Geräte. Eine Fixierung der Aufklärung auf ausschließlich technische Indikatoren, kann sehr schnell zu groben Fehleinschätzungen der Lage und zu einer Eskalation in einen heißen Krieg führen, unter der damaligen, mit Kernwaffen hochgerüsteten Situation, zu einer Vernichtung der Menschheit. Ergänzungen über einen weiteren Strang der Militäraufklärung – der über Militärverbindungsmissionen (MVM) – hätte diese gefährliche Bewertungsmöglichkeit kaum abgemildert. Durch Provokation von Spannungen lässt sich zudem das Verhalten des hier Auszuspionierenden leicht ermitteln. Was wiederum zu den angesprochenen Reaktionen und zu kriegerischer Eskalation führen kann. Dieser Gedanke ist nicht so weit her geholt. Es war in der Militärspionage von jeher Prinzip, zu provozieren und die Reaktionen des »Angeregten« zu beobachten. Seit den 1940er Jahren wurde dieses z. B. durch die USA mittels gezielter Ein- und Überflüge von Flugzeugen über das Territorium der Sowjetunion und deren Verbündeter mit Inkaufnahme nicht nur militärischer Opfer ausgiebig vorgenommen. Vielen wird dazu sofort KAL 007 einfallen.

Zur Erinnerung: im September 1983 weicht ein südkoreanisches Passagierflugzeug vom Kurs ab und verletzt länger als eine Stunde den sowjetischen Luftraum über Sachalin und Kamtschatka, militärisch hochsensible Ge­biete der Sowjetunion. Interessanter Weise kann diese starke Kursabweichung passieren, ohne dass eine ernsthafte Warnung der Besatzung durch die Flugleitung erfolgt. Obwohl doch die USA gerade diesen Luftraum militärisch und geheimdienstlich penibel überwachen. Gleichzeitig zu KAL007 operiert im gleichen Luftraum ein RC-135 Spionageflugzeug der US-Air Force. Die Kurse der beiden Flugzeuge kreuzen sich gar. Auf die An­sprache durch Militärflieger der sowjetischen Luftabwehr reagiert die Besatzung des Passagierflugzeuges nicht. Bei dem daraufhin erfolgten Abschuss sterben 269 Menschen.

1983 war ein Jahr erhöhter Spionageaktivitäten der USA gegen die UdSSR. Es war das Jahr der Ankündigung der NATO, in Westeuropa neue auf die UdSSR gerichtete und mit Atomsprengköpfen bestückte Raketen zu stationieren. Und es war das Jahr großer provokativer Militärmanöver des Westens in Westeuropa und dem Pazifik. Soweit kurz die Charakterisierung der damaligen Atmosphäre größten Misstrauens.

Die traditionelle Spionage wurde durch die Sonden selbstverständlich nicht abgeschafft, die Spionageabwehr nicht arbeitslos. Kein Geheimdienst verzichtet auf die Möglichkeiten und Fähigkeiten menschlicher Quellen. Etliche der von der Spionageabwehr des MfS in 40 Jahren DDR enttarnten 5.000 Spione westlicher Geheimdienste wurden in der Ära der Sonden unschädlich gemacht. Mit klassischer Abwehrarbeit wurden Kontakt- und Anwerbungsaktionen der Geheimdienste erkannt, Militärspione an Militärobjekten festgestellt und identifiziert, gezielt nach Verbindungssystemen zwischen Spion und Geheimdienst gefahndet und in den Personalbestand der Dienste eingedrungen. Auch noch in der 1980er Jahren. Die Möglichkeiten der elektronischen Spionagesysteme ergänzen jedoch aus Sicht der Geheimdienste die menschliche Quelle »sinnvoll« im Sinne des Spionageauftrages.

Wenn sich Staaten oder deren Bündnisse feindlich gegenüber stehen, kann man die Spionage gut und gerne als legitimes Mittel der Vorbereitung auf eine militärische Auseinandersetzung bezeichnen. Wobei es sicherlich völkerrechtlich bedenklich ist, zu Friedenszeiten auf fremdem Territorium zu agieren. Wenn ich hier von »legitimem Mittel« spreche, dann ohne hier gleich eine Unterscheidung in Aggressions- oder Abwehrvorbereitung zu treffen. Solche Zuweisung sei dem Betrachter überlassen, welcher solche Kenntnisse durch den Filter seiner Erfahrungen und seines Wissens über Geschichte und Politik sichtet und wertet. Mindestens ebenso legitim sind jedoch auch die Bemühungen zu bezeichnen, sich auf eigenem Staatsgebiet davor zu schützen. Das wird jedoch seit der Vergrößerung des bundesrepublikanischen Staatsgebietes vor 25 Jahren der DDR-Seite und ihren Sicherheitsorganen nicht zugestanden. Da ist man doch sehr nachtragend. In der DDR dafür zuständige Staatsorgane und deren Mitarbeiter werden in der Öffentlichkeit verfemt, Teile ihrer erworbenen Rentenansprüche nicht anerkannt.

Ihre Tätigkeit wird zu »Spitzelei« reduziert. Wohl wissend, dass auch die geheime Sammlung von Informationen durch nicht als Mitarbeiter eines Nachrichtendienstes bekannte Personen zum einen nur einen Teil von Abwehrarbeit darstellt, zum anderen weltweit übliche und offenbar als notwendig betrachtete Praxis ist. Basis dieser medial unterstützten Schwarzweiß-Malerei, ist nicht das Gesetz, sondern verkündete subjektive Vorstellungen von Recht und Unrecht. Verjährung ist nicht vorgesehen. Ich betrachte das als Anerkennung meiner damaligen Tätigkeit. Das aber nur nebenbei angemerkt. Jedoch nicht nebenbei gesagt: Mit ihrer damaligen Tätigkeit haben MfS-Mitarbeiter auch den Frieden für ihre heutigen Kritiker und »Aufarbeiter«, auch für die »Opfer« mit gesichert.

Zurück zu den Sonden: Rein technisch betrachtet sind diese elektronischen Spionagesysteme eine geniale Sache. Der Einsatz dieser Sonden ist aber nicht nur aus technischer, sondern auch aus operativer Sicht eine ausgezeichnete Angelegenheit. Sie gefährdet die Agenten des Betreibers nur in der kurzen Phase des Transportes und der Installierung dieser Spionagetechnik. Wem fällt schon ein Pilzsammler auf, welcher sich 30 Minuten am selben Fleck aufhält? Und viel länger dürfte das Vergraben eines Gerätes in Größe eines Ziegelsteines kaum dauern. Diese Agenten müssen für die Erfüllung ihrer Aufgabe auch nicht besonders langwierig und kostenintensiv ausgebildet werden. Einfach gesagt: einen Feldspaten kann jeder bedienen. Und wird im schlimmsten Falle der das Gerät Ausbringende gefasst, kann der auch nicht allzu viel ausplaudern. Ist dieses elektronische Informationssammelgerät erst einmal an Ort und Stelle, liefert es längere Zeit, gar über mehrere Jahre wichtige Angaben.

Dieser »Sammler« ist immer zur Stelle und wird auch nicht müde. Analytiker in den Geheimdienstzentralen können zudem durch die kontinuierliche Arbeit der Geräte weitere Daten über das Zielobjekt herausarbeiten. Denn die bereits damals verfügbaren Stromquellen hätten das Gerät für drei bis fünf Jahre mit der erforderlichen Elektroenergie versorgen können. So die Einschätzung der damaligen HA III-Analysten. Diese Einschätzung stimmte für dieses Gerät jedoch nicht ganz. Bereits nach einem Jahr stellte es seine Arbeit ein. Kontinuierlich ging auch die HA III vor. Zur ständigen Beobachtung des Gerätes, wurde in etwa acht Kilometer Entfernung ein ständiger Beobachtungsstützpunkt eingerichtet. Hier erfolgte auch die Erprobung einer Technologie, mit vorhandener Gerätschaft solche Sonden zu entdecken und deren Standort grob zu bestimmen. Mit sogenannter Sektorenpeilung ließ sich die Richtung eingehender Sendesignale von Kurzzeitsendungen in etwa bestimmen. Parallel zur Analyse und Beobachtung der bekannten Sonde wurde über Technologien nachgedacht, weiteren dieser Sonden auf die Spur zu kommen.

Welche Vorschläge unterbreitete die HA III dem Stellvertreter des Ministers? Zuerst einmal eine grundsätzliche Entwicklung der technischen Potenzen, um nach solchen Sonden überhaupt fahnden zu können. Spätestens seit 1984, also bevor wir eine Sonde aus allernächster Nähe analysieren konnten, arbeiteten unsere Spezialisten bereits an einem automatischen Arbeitsplatz zum Empfang und der technischen Analyse von Sonden. Damals noch unter dem Begriff WETKA-AST zusammengefasst. Vorgeschlagen wurde zudem, die funkelektronische Beobachtung und Aufklärung entsprechender Satelliten zu organisieren. Als erforderlich betrachteten die Verfasser des Schreibens etwa zehn Beobachtungsstationen. Außerdem wäre die zielgerichtete Suche nach Sendungen solcher Sonden durch halbstationäre Stützpunkte – mobile, mit entsprechender Technik ausgestattete Komplexe – vorzunehmen. Diese sollten in entsprechend als gefährdet eingestuften Gegenden der DDR, so z. B. in der Nähe militärisch bedeutsamer Objekte, zeitweise Position beziehen.

Im Vorschlag wurde auf Synergieeffekte hingewiesen. Ein durch die HA III unter dem Namen PYRAMIDE beobachtetes satellitengestütztes Agentenverbindungssystem verlangte etwa die gleichen Voraussetzungen. Zur kurzen Erläuterung: Mit diesem System konnten Agenten gegnerischer Geheimdienste schnell und recht sicher über eine Satellitenverbindung Informationen an ihre Auftraggeber weiterleiten. Neben diesen theoretischen Erwägungen erfolgten selbstverständlich auch praktische Maßnahmen auf Basis der vorhandenen Stützpunktbasis der Spezialfunkdienste. Die Stützpunkte in den Bezirken der DDR nahmen die Überwachung der entsprechenden Frequenzen auf. Zusätzlich dazu sollte in der DDR ein Netz von automatisch arbeitenden Erfassungsstützpunkten geschaffen werden.

Wichtig war, die vorhandenen Mittel auf Schwerpunkte zu konzentrieren. Der KGB der UdSSR wollte dazu mit Unterlagen über strategisch besonders bedeutsame und daher auch besonders gefährdete Militärobjekte beitragen. Mir persönlich waren zum damaligen Zeitpunkt diese Informationen nur sehr allgemein bekannt. Denn unmittelbar mit deren Aufklärung hatte ich nichts zu tun. Diese Dinge erfuhr ich erst später aus eingesehenen Dokumenten. In welchem Umfang diese Vorschläge damals umgesetzt wurden, weiß ich jedoch nicht. Tatsache ist jedoch, dass am 6. November 1988 durch Mitarbeiter der HA III die Erstsendung einer neu in Position gebrachten Sonde festgestellt wurde. Mittels zielgerichteten Suche, z. B. Peilmaßnahmen, konnte der Kreis um dieses Gerät immer enger gezogen werden. Nach insgesamt zwölf Sendungen stand bereits im Dezember des Jahres fest, dass sich diese Sonde in der Nähe der Bezirksstadt Frankfurt/Oder befinden musste.

Meine vorn beschriebene Position zur Aufklärung von Sonden hatte sich zu dieser Zeit, wie bereits geschildert, geändert. Ich befasste mich statt mit Aufklärung nunmehr mit nicht minder interessanten Aufgaben in der Funkabwehr. Unter der passenden Einsatzbezeichnung HAMSTER erfolgte dort auch die Suche nach den Sonden. Dieser elektronische Hamster sammelte unter der Erde Vorräte an Informationen. Inzwischen hatte sich durch die zielgerichtete Suche auch die Zahl der festgestellten Sonden erhöht. Was zur Folge hatte, dass sich die MfS-Abwehrorgane noch intensiver mit der Angelegenheit befassen mussten.

Anfang des Jahres 1989 wurde ich unerwartet zu meinem Bereichsleiter gerufen. Er kannte mich und meine Erfahrungen aus luftgestützten Maßnahmen. Bei ihm im Zimmer befand sich der Verbindungsoffizier der XVI. Verwaltung des KGB. Thema der Beratung war die Erweiterung von Mitteln und Technologien zur Suche nach den Sonden. Die Vorgehensweise bei deren Aufklärung sollten durch luftgestützte Maßnahmen ergänzt werden. Die uns zur Verfügung stehenden Flugstunden mit Flugzeugen der NVA waren limitiert.

Zur Erhöhung der luftgestützten Aufklärungskapazität wurde nun auch der Einsatz von Flugzeugen der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) forciert. Diese verfügten in Form von AN-26RTR und IL-20 gar über Luftaufklärungsmittel, welche prinzipiell für diese Maßnahme geeignet waren. Um das genauer abzusprechen, fuhr »mein« Hauptabteilungsleiter nach Wünsdorf und war so freundlich, mich dahin mitzunehmen.

Die als Resultat jener Bemühungen festgelegten konkreten Maßnahmen begannen dann als »Relais V« am 5. Februar 1989 mit einem Flug in einer speziell für den elektronischen Kampf (ELOKA) ausgestatteten AN-26 der Sowjetarmee – einer AN-26RTR. Auch der letzte Flug – und hier greife ich vor – nicht nur von Relais V, sondern nach meiner Kenntnis auch der letzte Flug unter Teilnahme der Spezialfunkdienste überhaupt, fand in und mit einem den sowjetischen Streitkräften gehörendem Flugzeug statt, einer Aufklärungsmaschine vom Typ IL-20.

Beide Maschinentypen nutzten wir und unsere sowjetischen Aufklärungskollegen vom KGB nicht mit der installierten Gerätschaft, sondern statteten diese mit eigener Empfangstechnik aus. Zum Einsatz gelangten in der DDR entwickelte und produzierte Aufklärungsempfänger. Sowohl wir als auch die parallel mit uns arbeitenden Spezialisten des KGB nutzten diese Geräte.

Zu den Flügen mit der IL-20 ist etwas hinzuzufügen. Da davon auszugehen war, dass die Sonden nicht nur auf dem Territorium der DDR, sondern auch in den anderen Staaten des Warschauer Vertrages Spionagearbeit leisteten, gab es Planungen, die Volksrepublik Polen, die Ungarische Volksrepublik und die ČSSR in die Maßnahmen einzubeziehen. Daher hatte im April 1989 ein Gespräch zwischen dem 1. Stellvertreter der 3. Hauptverwaltung des KGB, dem Leiter der Militärabwehr des MdI der ČSSR und dem Leiter der HA I des MfS stattgefunden. Der sowjetische Vertreter informierte über den Stand der Maßnahmen »KEGEL« und regte Flüge mit dem aus­gerüs­teten Flugzeug über der ČSSR an. Letztlich fanden im Oktober 1989 also auch Flüge über der ČSSR statt. Der sowjetische Vertreter mit dem Dienstgrad Konteradmiral hatte auch weitere interessante Dinge kundzutun. So berichtete er darüber, dass die USA mit eigens entwickelter Technik ein im Nordmeer befindliches sowjetisches Telefonkabel angezapft hätten. Noch spannender war die Mitteilung, dass in durch die Sowjetunion in den USA offiziell gekauften EDV-Anlagen sehr spezielle Technik verbaut war. Diese ermöglichte es, die in den Rechnern gespeicherten Daten von außen abzurufen. Amerikanische Vertreter aus Handel und Diplomatie würden sich häufig in der Nähe der Gebäude aufhalten, in welchen sich die Rechner nun befanden.

Jedoch zurück zu den »RELAIS V«-Flügen. Ausgangs- und Endpunkt der Flüge bildete jeweils der Flugplatz der GSSD in Sperenberg. Neben der Standorteingrenzung bekannter Sonden, sollten die zur Aufspürung solcher Geräte erforderlichen Technologien entwickelt, in der Praxis erprobt und an die beteiligten Kräfte des KGB vermittelt werden. Von der letzten der genannten Aufgaben erfuhr ich allerdings erst in einem Gespräch, welches ich in den 90er Jahren mit dem ehemaligen Hauptabteilungsleiter der HA III führte. Offenbar waren wir als HA III diejenigen im Verbund der speziellen Aufklärungsorgane in den Staaten des Warschauer Vertrages, welche damals bei der Lösung dieser Aufgabe die größten Fortschritte vorzuweisen hatten.

Bei der zielgerichteten Suche nach Sonden unterstützend wirksam zu werden, war für unsere kleine, nur vier Mitarbeiter starke Einsatzgruppe der HA III die Aufgabe im Rahmen der Maßnahmen RELAIS V. Vor allem galt es, den groben Einsatzraum der zuletzt sechs bekannten Geräte einzugrenzen. Wir mussten zuerst die Frage klären, ob diese Sonden überhaupt auf dem Territorium der DDR ihre Arbeit verrichteten. Mit einer groben Standortbestimmung aus der Luft sollte ein Schritt des Herantastens an die Sonden getan werden. Als Referenzobjekt stand uns dafür die bei Frankfurt/Oder erkannte Sonde zur Verfügung. Vom Boden aus wären sie, bei den bekannten Ausbreitungsbedingungen solch hoher Frequenzen, bestenfalls einige hundert Meter bis einige Kilometer zu empfangen gewesen. Selbst unter Zuhilfenahme eines günstigen Geländeprofils sind das vielleicht 20 bis 30 km. Auf das Glück solch günstiger Bedingungen kann man sich aber bei ernsthafter Aufklärung nicht verlassen. Die Chance, eine solche Sendung im Rahmen der routinemäßigen Suche von einem unserer Stützpunkte zu empfangen, war sicher nicht viel höher als ein Sechser im Lotto. Nachdem wir gezielt solchen Sendungen nachspürten, gelang das jedoch. So zum Beispiel auf einem Stützpunkt der Abteilung III in Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz). Grundvoraussetzung dafür war jedoch, dass sich der Arbeitsort einer Sonde zufällig im Empfangsbereich des Stützpunktes befand.

Zur Erfüllung der Aufgabenstellungen erfolgten »Zonenflüge«. Das heißt, es wurde zwischen zwei oder mehreren Wendepunkten in einem räumlich begrenzten Gebiet »gependelt«. Durch Berechnungen wussten wir, wann Sendungen erfolgten. Damit konnte das Einsatzgebiet der Sonden nach und nach eingegrenzt werden, um dann mit bodengestützten Ortungsmaßnahmen die Standorte der Geräte zu ermitteln. So flogen wir zwischen Sperenberg und Großenhain, zwischen Cottbus und Dresden, zwischen Stendal und Falkensee und zwischen Gotha und Zwönitz hin und her. Bei diesen Flügen konnten wir Sendungen von Sonden feststellen und den territorialen Raum ihres Standortes so tatsächlich eingrenzen.

Wie bereits geschildert, hatten schon im Dezember des Jahres 1988 Peilmaßnahmen, welche uns immer dichter an das Frankfurter Gerät heran geführt hatten, den Standort recht genau beschrieben. Nah- und Nächstfeldpeilungen präzisierten diesen Standort immer mehr. Als Resultat der komplexen und zielgerichteten Suche durch viele beteiligte Kräfte (HA I, HA II, HA III, NVA, GSSD, KGB) wurde im Februar 1989 die Sonde in der Nähe von Schneeberg (Frankfurt/Oder) an einem Objekt der NVA-LSK/LV angebracht, endgültig enttarnt. Am 27. Februar 1989 konnte gemeldet werden: »Am 26. Februar 1989 wurde die südlich von Frankfurt/Oder installierte Spionagetechnik eindeutig und zuverlässig geortet. Es ist damit der Funkabwehr des MfS der DDR … gelungen, derartige feindliche Spionagetechnik mit operativ-technischen Mitteln aufzuspüren

Es hatte sich somit erwiesen, dass es auch ohne operative Hinweise mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln und erarbeiteten Technologien möglich war, solche Geräte im Äther zu finden, sie präzise zu orten und letztlich unwirksam zu machen. Was nicht in jedem Fall »beseitigen« bedeuten muss. So wurde das Gerät weiter unter Kontrolle gehalten. Erst am 22. Oktober entnahmen Mitarbeiter der Hauptabteilung III die 24x16x13 cm große Sonde dem Boden und untersuchten diese in den folgenden Wochen eingehend. Unter anderem erfolgten Röntgenfotografien beim medizinischen Dienst des Ministeriums. Im November 1989 führte dann das MfS-Nachfolgeorgan AfNS zu diesem Thema eine Pressekonferenz durch, auf welcher ein Mitarbeiter der Spezial- Funkdienste (SFD) vor Pressevertretern die Sonden vorstellte und erläuterte. Sie entsprach inzwischen nicht mehr jenem technologischen Stand, wie sie jene von 1985 repräsentierte. Die Technik hatte sich weiterentwickelt. Das zeigte sich nicht nur an einer anderen Frequenz des Senders. Die neue Generation konnte z. B. nun auch Anzahl und Fahrtrichtung kleinerer Fahrzeuge registrieren. Bei der Bergung dieses Gerätes konnte auch festgestellt werden, dass die Sonden bei einer Lageveränderung ein Warnsignal senden. Das informiert den Empfänger darüber, dass seine Technik entdeckt wurde und nun keine Ergebnisse mehr liefert.

Schon vorher, am 6. Oktober 1989, praktisch am Vorabend des 40. Jahrestags der Gründung der DDR, hatte sich ein weiteres Gerät erstmalig gemeldet. Diese Sendung konnte von den Funkaufklärern eines Stützpunktes der Abteilung III Karl-Marx-Stadt empfangen, erkannt und auf den »Geburtstagstisch« gelegt werden. Später würde sich herausstellen, dass sich dieses etwa 25 km nordwestlich des Stützpunktes befand. Der Empfangsstandort war also weiter von der sendenden Sonde entfernt als ursprünglich für möglich gehalten. Was sicherlich auch mit den topographischen Gegebenheiten zu tun hatte. Bereits am 5. November 1989 konnte gemeldet werden, dass man den Standort eindeutig an einem Komplexlager der NVA bestimmt hatte.

Die »Aushebung« des kleinen Spions erfolgte dann am 10. Januar 1990. Dieses Mal waren sogar Journalisten anwesend. Sie konnten im Beisein des den Vorgang überwachenden Vertreters der Militärstaatsanwaltschaft die Maßnahme aus einiger Entfernung beobachten. Denn ganz sicher durfte man sich nicht sein, dass solche Geräte auch eine explosive Selbstvernichtung enthalten. Eine Videokamera übertrug die Ausgrabung. Die Spezialisten der ehemaligen Hauptabteilung III, jetzt beim AfNS, waren getarnt als Kriminalisten dabei. Ironie des Schicksals: noch vor einigen Monaten hätte solch eine Öffentlichkeitsarbeit die dienstliche Leitung nicht erlaubt. Nun erlaubten es die Umstände nicht mehr, im eigenen Land offen aufzutreten. Bald würde sich sogar das »Neue Deutschland« weigern, Informationen der DDR-Nachrichtendienstler zu veröffentlichen.

Den Mitarbeitern des Stützpunktes, welche maßgeblich zur Enttarnung des Gerätes beigetragen hatten, war bereits am 26. November 1989 die praktisch sofortige Auflösung des Standortes mitgeteilt worden. Am selben Wochenende hatten die DDR-Medien über die Pressekonferenz zur Sonde bei Frankfurt/Oder berichtet. Am 14. Dezember 1989 war die Auflösung des AfNS durch die damalige DDR-Regierung beschlossen worden. Heimliche gegnerische Spionage in der DDR war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr notwendig.

Spätestens seit Ende des vorigen Jahrtausends gehören solche Geräte heutzutage zur Standardausstattung von Armeen. Als Unattended Ground Sensors (unbeaufsichtigte Boden-Sensoren) werden sie von mehreren Herstellern zur modernen »Gefechtsfeldaufklärung« und zur Grenzüberwachung angeboten.

Zurückblickend auf meine Arbeit beim MfS kann ich trotz der vermeintlichen historischen Niederlage feststellen: Mit vielen Gleichgesinnten war ich daran beteiligt, geheimdienstliche Angriffe auf mein Land aufzuklären und somit abwehren zu helfen. Eine legitime Tätigkeit, auf deren Resultate man Stolz sein darf.

 

 

»Ich war Passkontrolleurin

aus Leidenschaft«

 

Von Marita Schmidt

 

Den nachfolgenden Beitrag entnahmen wir mit freundlicher Zustimmung der Autorin, Jahrgang 1947, und ihres Ko-Autors Detlef Mauch den autobiografischen Aufzeich­nun­gen, die sie in der Publikation »Heißes Herz im Kalten Krieg – eine Frau beim MfS« 2012 veröffentlicht hatten.

 

Mein Vater arbeitete als Bahnhofsvorsteher, so dass für mich seit früher Kindheit ein Bahnhof einer der interessantesten Plätze war, die es auf der Welt gab. Was war spannender, als sich an einem Ort zu befinden, wo Züge hielten und abfuhren, Menschen voneinander Abschied nahmen und sich wieder begegneten. Und so entwickelte sich in mir der Wunsch, selbst an diesem Prozess aktiv mitzuwirken. Mein Berufswunsch war geboren, doch sollte es noch eine Zeit dauern, bis dieser Traum in Erfüllung ging.

Mein neuer Lebensabschnitt begann für mich – wie könnte es anders sein – mit einer Bahnfahrt. Ich besuchte eine Brieffreundin in der ČSSR. Damals war ich 18 Jahre alt. Der Zug hielt auf dem Grenzbahnhof, Mitarbeiter der Zoll- und Passkontrolle der DDR erschienen und taten ihre Arbeit. Was mich damals beeindruckte: zu den Passkontrolleuren gehörte auch eine Frau.

Für fast jeden Reisenden im grenzüberschreitenden Verkehr gehört die Phase der Zoll- und Passkontrolle eher zu den unangenehmen Augenblicken. Man wird von einem seltsamen Gefühl vereinnahmt – ein Gemisch aus Furcht und Unsicherheit. Unerklärlich dann, wenn man sich nichts vorzuwerfen hat, aber kurioser Weise ist es dennoch vorhanden. Es scheint einem, als werde man bis auf den Grund seiner Seele durchleuchtet und was auch immer sich dort in einer düsteren Ecke verstecke, werde erkannt und ans Tageslicht befördert. Die Frau in Uniform dämpfte diese unbegründete Empfindung, was durchaus etwas mit »Sanftmut« zu tun hatte, die man mit »Weiblichkeit« assoziierte. Ablehnung verwandelte sich in Sympathie und Bewunderung, wenngleich die Kontrolle in unveränderter Gewissenhaftigkeit durchgeführt wurde. Mich beeindruckte das sehr. In diesem Moment traf ich eine, für mein weiteres Leben wichtige Entscheidung: ich wollte Passkontrolleurin werden! Endlich hatte ich ein Ziel vor Augen. Die alte, innerliche Verbundenheit mit der Faszination des Schienenstranges brach wieder auf und überwältigte mich. In meiner späteren Tätigkeit konnte ich aus diesen Erfahrungen die entsprechenden Schlüsse ziehen und mich auf das »Seelenleben« der Reisenden einstellen.

Es war das Jahr 1966, als ich mit meiner ungewöhnlichen Berufswahl meine Eltern so abrupt überraschte. Meine Entscheidung, eine berufliche Verpflichtung im Grenzdienst der DDR einzugehen, war zunächst eher von Abenteuerlust getragen als von einer politischen Motivation. Grenzdienst bedeutete: aktiver Schutz der Staatsgrenze des Heimatlandes, auch mit der Waffe in der Hand. Von einer derartigen Einstellung, die ein gewisses Maß an politischem Denken und Aufopferungsbereitschaft verlangte, war selbst ich 1966 doch noch ein Stück weit entfernt. So befand sich meine politische Reife als 19-jährige junge Frau gewiss noch nicht in einem Stadium, das mir die Beurteilung der damaligen politischen Gesamtsituation in der DDR möglich machte. Heute weiß ich, dass die politische Lage im Herzen Europas während der 60er Jahre äußerst kompliziert war. Man kann durchaus behaupten, dass sich nicht selten all das, was diese Situation ausmachte, an einem Knotenpunkt der politischen Konfrontation nochmals verschärfte. So ein Knotenpunkt war beispielsweise der Grenzbahnhof zur BRD (Bayern) Gutenfürst, dessen Leitung meinem Vater übertragen worden war. Gutenfürst war nicht nur ein Güterbahnhof und damit ein Nadelöhr des wirtschaftlichen Austausches zwischen der DDR und der BRD, sondern es spielte sich dort auch ein reger Reiseverkehr zwischen beiden deutschen Staaten ab. Er hatte also eine zutiefst sicherheitspolitische Bedeutung und somit auch einen entsprechenden Stellenwert im Grenzsicherungssystem der DDR. Eine hohe Konzentration von Grenzsicherungskräften in dieser Region war unumgänglich.

Wie allgemein bekannt ist, musste jeder, der in die DDR ein- oder aus der DDR ausreisen wollte, eine dafür vorgesehene Grenzübergangsstelle nutzen. Das war nichts Besonderes und auch nicht außergewöhnlich, sondern weltweit an allen Grenzen Praxis. Denn all das, was wir in der heutigen Zeit als Verletzungen des nationalen und internationalen Grenzverkehrs kennen, gab es damals auch schon. Grenzübergangsstellen wurden und werden von kriminellen Personen und Organisationen, aber auch von Geheimdiensten und Terrororganisationen im nicht geringen Maße zur Verwirklichung ihrer gesetzwidrigen Ziele missbraucht, wobei der Einfallsreichtum dieser Zünfte wohl keine Grenzen kennt. Ich bewarb mich also bei den Grenztruppen der DDR, die zur damaligen Zeit dem Ministerium für Staatssicherheit zugeordnet waren. Im Dezember 1966 nahm ich meinen Dienst an der Eisenbahn-Grenzübergangsstelle Gutenfürst auf. Es erfolgte meine Einarbeitung in die neue Tätigkeit durch einen erfahrenen Passkontrolleur, der mir zur Seite gestellt wurde.

Als Mitarbeiterin einer Passkontrolleinheit (PKE) hatte ich unter anderem die Aufgabe, in den internationalen Reisezügen die Pässe der Reisenden sowie die weiteren erforderlichen Dokumente zu kontrollieren. Wir nahmen diese Kontrollen stets zu zweit vor, damit im Notfall nicht einer allein auf weiter Flur sich aufmüpfiger Fahrgäste erwehren musste. Im Regelfall funktionierte das und die Kontrollen verliefen komplikationslos. Es gab aber auch Ausnahmen, wie das nachfolgende Beispiel beweist.

Ich erinnere mich noch sehr gut an einen heißen Sommertag. Ein aus der BRD in den Grenzbahnhof einfahrender Reisezug war – wie so oft – völlig überfüllt. Wegen der großen Hitze und dem Gedränge im Zug waren viele der Reisenden erschöpft. In Vorbereitung auf ihre Einreise in die DDR waren ihnen wie üblich, Karten zugestellt worden, die sie mit ihren persönlichen Daten ausfüllen mussten. Viele von ihnen hatten dies jedoch versäumt.

Also mussten wir Kontrolleure dies nachholen. Dieser außerplanmäßige Aufwand kostete Zeit und beeinflusste den streng reglementierten Zeitplan für die Abfertigung eines Zuges. Die Standzeit des Zuges verlängerte sich, andere Züge mussten warten, es kam zu Verspätungen und so weiter – gewissermaßen eine Kettenreaktion mit unabsehbaren Folgen. Manche Reisende verpassten ihren Anschlusszug, Berufstätige kamen zu spät zur Arbeit. Und wer bekam von den betroffenen Reisenden die Schuld zugeschoben? Natürlich »die Passkontrolleure«, die dann nicht selten beschimpft wurden, obwohl einzelne Passagiere infolge ihres Versäumnisses daran schuld waren. Das ist für den Beschimpften nicht gerade angenehm, aber wir waren angehalten, so etwas wegzustecken. Das gelang dem Einzelnen nicht immer.

Einmal reagierte mein Dienstpartner an jenem Tage – ein älterer Genosse – entnervt von solchen Beschimpfungen, indem er die Reisenden eines Abteils wütend fragte: »Seid ihr denn nicht dazu in der Lage, die Papiere auszufüllen Er war wütend geworden. Wegen der großen Hitze im Zug war das Abteilfenster geöffnet. Unser diensthabender Zugführer vernahm draußen das unbeherrschte Verhalten seines Mitarbeiters. Die Folge: er wurde sofort aus dem Dienst herausgenommen. Ich musste allein die Abfertigung der Reisenden beenden. Mein Dienstpartner wurde disziplinarisch zur Verantwortung gezogen und durfte nicht mehr in den Passkontrolldienst zurück. Ein Fehlverhalten mit Folgen also. Das tat schon weh, einen Kameraden so gehen zu sehen. Aber dieses Beispiel zeigt auch, dass ein korrektes und höfliches Auftreten gegenüber den Reisenden das »A« und »O« unserer Arbeit war, egal unter welchen Bedingungen auch immer. Wer gegen diesen Kodex verstieß, musste mit Konsequenzen rechnen.

Oft hörte ich später verleumderische Behauptungen über angebliche Schikanen gegenüber Reisenden aus der BRD durch die Passkontrolleure an den Grenzübergangsstellen. Wer so etwas behauptet, lügt und hat keine Ahnung. Natürlich gab es auch Situationen im Kontrolldienst, die ein bestimmendes und konsequentes, ja schon fast strenges Verhalten des Passkontrolleurs verlangten. Das waren Situationen, in denen der Verdacht einer Straftat bestand. Schließlich waren wir auch dafür da, Straftaten zu verhindern. Meist waren Zoll- und Devisenvergehen der Reisenden Ursache für Konfrontationen. Bei Verdachtshinweisen dieser Art bestand eine Meldepflicht gegenüber den Zollorganen, mit denen eine enge Zusammenarbeit erfolgte und die dann die weitere Bearbeitung der Angelegenheit übernahmen. So war es auch Sache des Zolls, Gepäckkontrollen oder Leibesvisitationen vorzunehmen. Der Passkontrolleur war dafür nicht zuständig, er durfte höchstens bei Bedarf als Begleitperson des Zöllners fungieren.

Oft wurde Geld von West nach Ost geschmuggelt. Es gab zwischen der DDR und der BRD diesbezüglich klare Abmachungen über die Beträge, die ein- bzw. ausgeführt werden durften. Dabei wurden von Reisenden doch schnell einmal diese Regelungen ignoriert. Beispielsweise war Geld in Rocksäume eingenäht oder auch in Monatsbinden oder Büstenhaltern versteckt. Andere befestigten sich Sparbücher mit Heftpflaster am Oberkörper. Der Einfallsreichtum war groß, den Zollbestimmungen ein Schnippchen zu schlagen.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich folgender Begebenheit: Ein äußerst arrogant auftretendes Ehepaar aus der BRD reiste mit ungültigen Reisedokumenten in die DDR ein – ihre Pässe waren abgelaufen. In einem solchen Fall musste durch unsere Diensteinheit ein vorläufiges Reisedokument ausgestellt werden. Zu diesem Zweck musste auf dem Bahnhof ein Passfoto des Betreffenden angefertigt werden. Eine sicherlich unangenehme Angelegenheit für die Reisenden, aber letztlich war es von ihnen verschuldet. Trotzdem musste ich mir Beschimpfungen anhören, die darauf hinausliefen, dass sie sich aufs Gröbste schikaniert fühlen würden. Das Ehepaar ließ sich auch nicht durch beruhigende Worte beschwichtigen und setzte nach Beendigung der Formalitäten erbost ihre Reise fort.

Natürlich prägten sich mir dieses Vorkommnis und die daran Beteiligten besonders ein. In einer meiner folgenden Nachtdienste erschienen die beiden zur Ausreise in die BRD und wurden von mir kontrolliert. Infolge ihres arroganten Verhaltens bei der Einreise erinnerte ich mich genau, dass die Frau damals einen Wollstoffmantel trug. Nun aber war sie mit einem eleganten Pelzmantel sowie Mütze bekleidet. Diesbezüglich zur Rede gestellt, leugnete die Dame diese »Verwandlung« und begann mich zu beschimpfen, was das Zeug hielt.

Wie auch immer – ich war mir meiner Sache sicher und übergab die Angelegenheit dem Zoll. Natürlich bestätigte sich meine Beobachtung und sie musste sich wegen Vergehen gegen die Zollbestimmungen verantworten.

Überwiegend hatten wir zu den Reisenden immer einen guten Draht und sind bei kleineren Problemen immer einvernehmlich klar gekommen. Manchmal waren sie uns auch eine große Hilfe, wie folgendes Beispiel zeigt: Der diensthabende Offizier einer Schicht ist unter anderem auch verantwortlich, dass nach der Abfertigung der Reisenden seine Mitarbeiter den Zug wieder verlassen haben, so dass dieser zur Ausfahrt in die BRD freigegeben werden konnte. Einmal hat mein Diensthabender seine diesbezügliche Pflicht wohl etwas nachlässig wahrgenommen. Der Zug fuhr an und ich befand mich noch darin. Ich glaube, dass die Reisenden aufgeregter und entsetzter über diese Tatsache waren als ich selbst. Beflissen schoben sie mich in Richtung Tür und riefen aus dem Abteilfenster den Mitarbeiter zurück. Ich sprang aus dem angefahrenen Zug direkt in die Arme meines Vorgesetzten und bedankte mich winkend bei den Reisenden.

Während unseres Kontaktes mit den Reisenden entwickelten sich mitunter auch Gespräche persönlicher Art – natürlich nur, wenn der Zug nicht gerade rappelvoll war. In einem Abteil saß eine hübsche, elegant gekleidete Frau allein. Ihre Reisedokumente waren nicht korrekt ausgefüllt, so dass wir ins Gespräch kamen. Sie erzählte mir, dass sie zu ihren Verwandten nach Leipzig fahren würde. Ihr Mann könne sie leider nicht begleiten, da sie gemeinsam ein Hotel führen und er arbeiten müsse. Die Frau machte auf mich einen entkräfteten Eindruck. Und als hätte sie meine Gedanken erraten, teilte sie mir auch sogleich mit, dass ihr die ganze Arbeit im Hotel doch sehr zusetzen würde.

Dann ging sie auf ihre Verwandten in Leipzig ein. Dort werde sie sicher wieder einen reich gedeckten Tisch vorfinden. Viel Fleisch, Schinken und Fisch; Dinge, die sie sich selbst in dieser Üppigkeit nicht leisten könne. Sie brachte mir gegenüber ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass sie ihre Verwandten trotz des offenkundigen Wohlstandes, in dem sie leben würden, mit ihrer Lebenssituation dennoch sehr unzufrieden seien. »Aber das Rumgemeckere gehört wohl bei einem DDR-Bürger dazu sagte sie noch. In dieser Aussage steckte viel Wahrheit, fand ich.

Ich schämte mich ein wenig für meine Landsleute.

Ein sehr gutes Verhältnis hatten wir Passkontrolleure zum BRD-Zugpersonal. Wir mussten natürlich auch hier kontrollieren, aber man kannte sich und ging relativ locker miteinander um.

Es gab einen sehr umfangreichen Güterverkehr von der DDR aus in die BRD. Offenbar bestand seitens der BRD ein großes Interesse an Handelsgütern aus der DDR, sogar an Brennstoffen in Form von Briketts. Die Güterzüge waren immer sehr lang, so dass sie über die Bahnsteige hinausreichten. Das bedeutete, um die Reisedokumente des Zugpersonals zu kontrollieren, musste oft der Bahnsteig verlassen und durch unwegsames Gelände entlang des Gleises bis zur Lokomotive marschiert werden. Das war insbesondere nachts nicht ungefährlich, aber ich habe auch diese Aufgabe gemeistert.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an einen Kohlezug, der in Richtung BRD fuhr. Ich kämpfte mich in der Finsternis über den Schotter des Gleisbetts in Richtung Lokomotive und verursachte dabei natürlich einige Geräusche. Plötzlich hörte ich eine Stimme aus einem mit Kohle gefüllten Güterwaggon, die in unverkennbarem Sächsisch fragte: »Sind wir schon im Westen

 

Chefanalytiker

der Militärabwehr

 

Von Bernhard Riebe (1930-2015)

 

Diplomjurist, beim MfS/AfNS von 1952 bis 1990, letzter Dienstgrad Oberst, zuletzt Leiter der Auswertungs- und Kontrollgruppe in der HA I (Militärabwehr) im MfS Oberst a. D. Bernhard Riebe verstarb während der Arbeit an diesem Beitrag, der dadurch Fragment geblieben ist. Wenn wir uns trotzdem entschieden haben, den Text in das Buch mit aufzunehmen, dann verbinden wir damit unsere Verpflichtung, sein Vermächtnis in Ehren zu erfüllen. Wie er selbst schreibt, hat er sein gesamtes politisches und berufliches Leben in den Dienst einer neuen, besseren Gesellschaft gestellt. Als langjähriger Mitarbeiter des MfS trug er hohe Verantwortung für die vorbeugende Abwehr feindlicher Angriffe gegen die Nationale Volksarmee und die Grenztruppen der DDR. Mit dem Anschluss der DDR an die BRD nach 1990 blieb Bernhard seiner Überzeugung treu. Das bewies er als Vorstandsmitglied, Geschäftsführer und Webmaster der Internetseite der GRH sowie als Mitautor zahlreicher Publikationen über die Sicherheits- und Schutzorgane der DDR. Dem Leser empfehlen wir deshalb zum Thema »Militärabwehr (HA I) im MfS« den Beitrag von Generalleutnant a. D. Manfred Dietze, dem letzten Leiter der HA I, und von Bernhard Riebe im Sachbuch »Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS«, Bd. 2, S. 350ff. (auch im www.mfs-insider.de)

 

Die Herausgeber

 

1949 habe ich mich freiwillig zu einem dreijährigen Dienst in der Deutschen Volkspolizei (DVP) verpflichtet. Ich wollte damit meinen Beitrag zum Schutze der nach der Zerschlagung des Faschismus entstandenen antifaschistischen Ordnung im Osten Deutschlands und dem beginnenden Aufbau einer neuen, besseren Gesellschaftsordnung als die des deutschen Imperialismus leisten.

Im Januar 1952 – inzwischen zum Volkspolizei-Oberkommissar befördert und als Stabschef beim Stellvertreter B der DVP-Bereitschaft Weißenfels tätig – wurde mir eine Versetzung zur Hauptverwaltung Ausbildung der DVP angekündigt. Ich ahnte, damit wird mein Dienstverhältnis wohl nicht wie vorgesehen nach drei Jahren beendet sein. Im Februar 1952 erfolgte die angekündigte Versetzung.

In der Hauptverwaltung angekommen, brachte mich ein Offizier zu einer Dienststelle in Berlin-Lichtenberg. Dort wurde mir erklärt, dass ich mich im Ministerium für Staatssicherheit befinde, weil meine Einstellung als Mitarbeiter vorgesehen sei. Nach einem ausführlichen Gespräch und meinem Einverständnis, erfolgte die schriftliche Verpflichtung verbunden mit der Mitteilung, meine künftige Wirkungsstätte werde die Hauptabteilung I des MfS oder anders ausgedrückt, die Militärabwehr sein.

Nach drei Wochen Beschäftigung mit allgemeiner Büroarbeit absolvierte ich mit anderen Neulingen einen Einführungslehrgang. Wir wurden mit unseren künftigen Aufgaben vertraut gemacht. Zunächst gab es für mich damals ein erstes Problem, ausgelöst durch die zu den Arbeitsmethoden gehörende konspirative Zusammenarbeit mit Inoffiziellen Mitarbeitern, den »Geheimen Informatoren« (GI) und »Geheimen Mitarbeitern« (GM), wie sie damals im Dienstgebrauch noch bezeichnet wurden.

Das Zitat von Hoffmann von Fallersleben, »Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant«, war mir bekannt. Nun musste ich mich damit befassen, ist dieses Zitat für Menschen zutreffend, die das MfS durch Mitarbeit und Informationen unterstützen? Bei Wikipedia kann man lesen: »Im Gegensatz zur Denunziation ist die Anzeige im Fall von schweren Straftaten wie Mord oder Vergewaltigung und nicht politisch motivierten Straftaten, wie Diebstahl selbst in Unrechtsregimen gesellschaftlich akzeptiert

In der Bundesrepublik Deutschland – also im »Rechtsstaat« – wird in »bestimmten Fällen« die Nichtanzeige geplanter Straftaten selbst als Vergehen eingestuft. »Ebenfalls kein Denunziant ist, wer zur Abwehr von Gefahren für die Allgemeinheit oder einen Teil derselben bei Ämtern und Behörden auf einen Missstand hinweist

Zu diesen Erkenntnissen war ich schon 1952 gekommen, mit den Ergänzungen: auch Spionage, Diversion, Terror, Hetze, Menschenhandel und andere gegen den Staat und seine Bürger gerichtete Handlungen sind in »bestimmten Fällen« Straftaten. Nach diesen Überlegungen war ich mit mir im Reinen.

Die konspirative Arbeit, auch die mit V-Leuten, »Inoffiziellen Mitarbeitern« oder »Geheimen Mitarbeitern«, unabhängig davon, wie sie bezeichnet werden, war notwendig. Erst recht unter den Bedingungen des Kalten Krieges, dem gegen die DDR gerichteten Wirken bundesdeutscher- und ausländischer Geheimdienste und Untergrundorganisationen.

Ein zweites Problem bewegte mich: Mein Monatseinkommen als Volkspolizist betrug 900 DDR-Mark. Als ich 1952 mein erstes Gehalt nunmehr als Mitarbeiter des MfS in der damals noch gebräuchlichen Lohntüte entgegennahm, befanden sich darin ganze 560 DDR-Mark.

Das war wohl alles andere als eine Verbesserung. Es vergingen einige Jahre, bis sich mein Einkommen wieder dem VP-Gehalt in der Höhe angenähert hatte.

Das wäre nicht erwähnenswert, wenn die Mitarbeiter des MfS nicht seit nunmehr 25 Jahren permanent mit widerlichen Fälschungen und Verleumdungen diskriminiert, kriminalisiert und benachteiligt würden. Dazu gehören die Behauptungen, das MfS habe Selbstbereicherung betrieben, seine Mitarbeiter ungerechtfertigt hoch besoldet, mit Wohnungen, Urlaubsplätzen und Waren des täglichen Bedarfs besonders versorgt. Dass diese Behauptungen nicht den Tatsachen entsprechen, ist von renommierten Gutachtern eindeutig widerlegt und den staatlichen Stellen bekannt, sie werden aber bis in die Gegenwart ignoriert und in den vom Zeitgeist beherrschten Medien immer wieder modifiziert aufgewärmt.

Als 1990 zur Diffamierung des MfS und seiner Mitarbeiter deren Gehälter veröffentlicht wurden, musste ich mit dem Vorwurf leben, das fünffache Einkommen einer Verkäuferin erhalten zu haben. In diesem Zusammenhang: Warum wird ein solcher Vergleich nicht angestellt etwa bei den Bezügen eines Oberst der Bundeswehr oder eines anderen Dienstes und dem Lohn einer Verkäuferin bei Lidl oder Netto? Jedenfalls habe ich einen solchen bisher nirgends gelesen.

Der Unterschied betrug nach meinen Recherchen bereits damals mindestens das Zehnfache – und dürfte laut Besoldungstabelle von 2013 (B3) – heute noch wesentlich höher sein. Erst recht durch Zuschläge für einen der heute üblichen Kriegseinsätze.

Für meinen dem Frieden und der Sicherheit der DDR dienenden Dienst hatte ich Motive, die ausschließen, dass ich mich mit einem Oberst der Bundeswehr oder eines anderen Dienstes vergleiche.

In der Verfassung der DDR, Artikel 23, Absatz 2 war festgelegt: »Kein Bürger darf an kriegerischen Handlungen und ihrer Vorbereitung teilnehmen, die der Unterdrückung eines Volks dienen Das galt immer und ohne Ausnahme. Auch dann, wenn Länder, die sich vom Kolonialismus befreit hatten, beim Aufbau staatlicher Strukturen, eingeschlossen Armee, Polizei und Sicherheitsorganen, die DDR um Unterstützung baten und Angehörige aus den entsprechenden Organen der DDR mit dieser Aufgabe betraut wurden. Davon war auch mein Handeln bestimmt, als ich nach Ausrufung der »Volksdemokratischen Republik Jemen« zu diesem Zweck, natürlich gemeinsam mit anderen, drei Jahre in diesem Land tätig war. Wir haben geholfen, progressive, dem Wohl der Menschen dienende Entwicklungen auf den Weg zu bringen. Nach Auflösung der sozialistischen Staatengemeinschaft begann auch in diesem Land unverzüglich die Wiedererrichtung imperialistischer Einflusssphären und die Beseitigung der erreichten sozialpolitischen Errungenschaften – bis in die Gegenwart verbunden mit blutigen opferreichen Auseinandersetzungen.

Obwohl ich der Erhaltung des Friedens diente und bis heute von keiner Behörde erfahren habe, welcher Verfehlungen oder Straftaten man mich bezichtigt, werde ich gelegentlich als »Täter« eingeordnet, soll ich mich entschuldigen, wird mir vom Rechtsstaat ein Teil meiner Rechte verweigert.

 

Nach dem schon erwähnten Einführungslehrgang wurde ich in der Kasernierten VP-Bereitschaft in Stern-Buchholz bei Schwerin eingesetzt. Damit begann, wie für viele Berufssoldaten, auch für mich ein bewegtes Leben. Alle Veränderungen in der KVP, später in der Nationalen Volksarmee, hatten auch für mich und meine Familie Auswirkungen. War ich doch durch meine Tätigkeit direkt in die jeweilige Einheit bzw. den konkreten Stabsdienst integriert. Wurde der Stab verlegt, mussten wir an den neuen Standort umziehen. Änderte sich meine Dienststellung, war das ebenso. In der ersten Zeit bedeutete das, etwa alle zwei Jahre Warten auf eine neue Wohnung, Suche einer neuen Arbeitsstelle für meine Frau und für unsere Kinder Wechsel an eine neue Schule. Gegenüber anderen Diensteinheiten des MfS war das schon eine Besonderheit. Später verlängerten sich glücklicherweise die Zeiträume.

Nach kurzer Einarbeitungszeit erfolgte mein Einsatz als stellvertretender Referatsleiter in Prora. Von dieser Zeit an war ich bis zu meiner Entlassung 1990 in mittleren leitenden und leitenden Funktionen tätig. Meine Erinnerungen sind demzufolge aus dieser Sicht geprägt.

Die NVA und die Grenztruppen der DDR waren von Anfang an – neben den sowjetischen Streitkräften auf dem Territorium der DDR als ständiges Hauptangriffsziel – im besonderen Maße den Spionageangriffen der Geheimdienste der USA, der BRD und anderer NATO-Staaten ausgesetzt.

Wie bekannt, hatte schon Ex-Bundeskanzler Adenauer verkündet, dass die Bewohner der Sowjetzone eines Tages befreit und die Bundeswehr mit klingendem Spiel durch das Brandenburger Tor einmarschieren werde. So oder ähnlich äußerten sich auch andere Bundespolitiker. Diese Absichten und Ankündigungen wurden Bestandteil der strategischen Pläne, der Aufrüstung, sie bestimmten auch die Stoßrichtung der Militärmanöver. Und das alles an der Staatsgrenze zwischen DDR und BRD, einer ganz sensiblen Trennlinie.

Oftmals war es eine akute Konfrontationszone zwischen zwei gewaltig gerüsteten Militärbündnissen, der NATO und den Staaten des Warschauer Verteidigungsbündnisses. Unabhängig davon, wie und wodurch ein gegen die militärische Verteidigung gerichtetes Spionagevorhaben oder ein Spion entlarvt wurde, mussten für das Gerichtsverfahren, Zeugen, Belege über verratene Geheimnisse, entstandene Gefahren sowie Angaben zu den handelnden Personen, sprich Agenten, bereit gestellt werden. Da war die HA I, auch die von mir geleitete Auswertungs- und Kontrollgruppe, gefordert.

Jedoch: Allzu häufig lagen derartige Aufgabenkomplexe nicht an. Das hatte Gründe: Die Versuche der Geheimdienste, besonders des BND, Angehörige der KVP bzw. NVA als Agenten zu werben oder Spione einzuschleusen, waren wenig erfolgreich. Vor den Sicherungsmaßnahmen an der Staatsgrenze am 13. August 1961 versuchten sie unter den NVA-Angehörigen, die unerlaubter Weise Westberlin aufsuchten, Agenten zu werben. Selten, aber nicht auszuschließen war, dass manche Besuche auch mit der Absicht erfolgten, sich über den Verrat militärischer Geheimnisse gute Startpositionen im Westen Deutschlands zu verschaffen.

Dem MfS war hinreichend bekannt, dass Republikflüchtige, darunter auch Deserteure aus den bewaffneten Organen der DDR, durch Geheimdienstoffiziere der NATO-Staaten in den »Sichtungsstellen« in den »Notaufnahmelagern« – speziell auch in Westberlin/Marienfelde – umfassend vernommen wurden, vor allem, um deren Rückverbindungen in militärische Schwerpunktterritorien zu ermitteln. Nicht selten wurden die in diesem Sinne »Ausgequetschten« danach als angeworbene Spione zunächst wieder in die DDR zurückgeschickt. Sehr oft wurden dann auf solche Weise »getippte DDR-Bürger« (als das noch ging) postalisch nach Westberlin einbestellt und als neue Spione angeworben.

Nach den Sicherungsmaßnahmen vom 13. August 1961 konzentrierten sich die westlichen Geheimdienste vor allem auf DDR-Auslandsreisekader und auf Bürger der BRD und Westberlins, wenn deren berufliche und verwandtschaftliche Kontakte Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung über Militärangehörige sowie militärische Objekte und Bewegungen in der DDR erwarten ließen. Zunehmend wurden solche Agenten auch als Werber von oder als Kuriere zu Spionen in der DDR eingesetzt.

Im Visier der westlichen Spionage-Dienste befand sich auch die Verwaltung Aufklärung des Ministeriums für Nationale Verteidigung (MfNV). Zu gern hätten die westlichen Geheimdienste Aufklärer dieses DDR-Organs enttarnt, vielleicht auch überworben. Eigene Leute wurden in das Blickfeld der Verwaltung gerückt, um dann im Falle einer Anwerbung, auf diesem Wege Informationen aus der Verwaltung Aufklärung zu erhalten.

Dass den imperialistischen Geheimdiensten bei der Werbung von Spionen aus den Reihen der NVA die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, haben aus meiner Sicht über das bisher Gesagte folgende Faktoren bewirkt:

Die für die Spionagedienste interessanten Berufs- oder Zeitsoldaten fühlten sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mit dem zu verteidigenden Staat DDR verbunden. Es waren politisch gebildete, charakterfeste Menschen, die den Willen hatten, entsprechend dem geleisteten Fahnen-Eid ihre Pflichten zu erfüllen. Verrat war damit nicht vereinbar.

Die in den für die Spionageabwehr zuständigen Dienstbereichen des MfS tätigen operativen und in den gegnerischen Diensten etablierten Inoffiziellen Mitarbeiter sorgten mit ihrer soliden Arbeit dafür, dass geplante Angriffe der Gegner unterbunden werden konnten. Durch präzise Informationen aus den Geheimdiensten war es möglich, die auf irgendeine Weise angeheuerten westlichen Militärspione durch die Abwehr des MfS zu enttarnen und gerichtlich zur Verantwortung zu ziehen. In der Regel blieb ihnen nicht viel Zeit, um die Aufträge der Geheimdienste zu erfüllen.

Zu den Führungsdokumenten der NVA, aus denen sich auch Prämissen für die Tätigkeit der Militärabwehr des MfS ergaben, gehörte die »Dienstvorschrift 10/9 der NVA über Wachsamkeit und Geheimhaltung« (im täglichen Sprachgebrauch kurz »DV 10 Strich 9« genannt). Darin waren die für Armeeangehörige und Zivilbeschäftigte geltenden Pflichten, Verhaltensweisen und Aufgaben in Dienst und Freizeit verbindlich festgelegt. Diese Vorschrift war eine der Grundlagen für das Handeln der Kommandeure, Chefs und Leiter der NVA. Vorgeschrieben war darin, für welche Dienst-Funktionen vor dem Einsatz der Betreffenden die Zustimmung bzw. Bestätigung der Verwaltung 2000, so die NVA-interne Bezeichnung der HA I des MfS, mündlich oder schriftlich eingeholt werden musste. Daraus resultierten auch Aufgaben, die von den Mitarbeitern der HA I bei der Realisierung dieser Sicherheitsüberprüfungen zu lösen waren. Das waren staatliche Vorgaben und keine Erfindungen oder Anmaßungen der Militärabwehr. In Übereinstimmung mit dieser Dienstvorschrift war in dienstlichen Dokumenten des MfS festgelegt: »Hauptaufgabe der HA I ist die politisch-operative Sicherung der Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen der DDR … Subversive Angriffe und Mängel, die die Landesverteidigung beeinträchtigen können, sind aufzudecken, zu verhindern und zu bekämpfen.«

Das bedeutete für die HA I in erster Linie, schon vorbeugend möglichst Spionageaktivitäten in der Truppe zu verhindern und offensiv abzuwehren, Fahnenfluchten zu unterbinden, Verletzungen des Geheimnisschutzes nicht zuzulassen bzw. zu ahnden sowie den unsachgemäßen Umgang mit militärischer Ausrüstung zu unterbinden. Darüber hinaus wurde orientiert, Erscheinungen zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken, die sich negativ auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Militärangehörigen, auf Moral und Zusammenhalt, auswirken konnten oder schon ausgewirkt hatten.

Die Abwehrarbeit der HA I des MfS war nur im Zusammenwirken mit den Kommandeuren, Chefs und Leitern der NVA möglich. Die Armee- und MfS-Angehörigen waren verbunden durch den gemeinsamen Willen und die Pflicht, den friedlichen Aufbau in Sicherheit zu gewährleisten. Aus den Befehlen, Vorschriften und Dienst­anweisungen der NVA resultierten für die HA I als Militärabwehr bestimmte Handlungsprämissen. Es bestand aber keine gegenseitig befehlsgebundene Abhängigkeit. Der Kommandeur konnte dem zuständigen MfS-Angehörigen keine Befehle oder Weisungen erteilen und dieser wiederum nicht den NVA- Angehörigen. Für das Zusammenwirken war deshalb ein auf gegenseitiger Achtung und Vertrauen beruhendes Verhältnis bedeutsam – und das war in der Regel auch vorhanden. Es gab jedoch auch Fälle, wo Mitarbeiter und Kommandeure nicht den richtigen Draht zueinander fanden oder der Mitarbeiter des MfS z. B. glaubte, in militärische Belange eingreifen zu dürfen. Wenn Ratschläge und Ermahnungen keine Änderungen bewirkten, musste mitunter der Mitarbeiter anderweitig eingesetzt werden.

Mir ist noch in Erinnerung: Ein Offizier, der vor seinem Dienst im MfS, in einem NVA-Regiment als Zugführer diente, blieb auch als MfSler bei der gewohnten Vorgehensweise, Disziplinlosigkeiten von Soldaten zu rügen. Er bestellte sie in sein Dienstzimmer, um ihnen, wie er meinte, »die Leviten zu lesen«. Da er trotz Kritik und Belehrung weiter in die Obliegenheiten der militärischen Vorgesetzten eingriff, wurde er schließlich versetzt.

1988 erhielt ich einen Bericht aus dem Militärbezirk III/Leipzig. Zwei Unteroffiziere waren von ihrem Kommandeur wegen begangener Verfehlungen zum Soldaten degradiert worden. Wie Fotografien belegten, wurde die Entfernung der Schulterstücke von einem Mitarbeiter der HA I des MfS vorgenommen. Eine seinen Befugnissen widersprechende Handlung. Die notwendige Auseinandersetzung mit diesem Sachverhalt wurde veranlasst.

Für alle Kommandoebenen galt einvernehmlich die Regel, der Kommandeur erhält von den Abwehroffizieren des MfS mündlich oder schriftlich Informationen, die für sein Wirken bedeutsam sein können. Was er dann veranlasste, welche Maßnahmen er ergriff, oder ob er solche Informationen nur zur Kenntnis nahm, lag in seinem Ermessen.

Es gab auch hin und wieder Sachverhalte, bei denen aus Sorge um Ordnung und Sicherheit, Sanktionen erwogen wurden, die nicht angemessen erschienen, die von ihren Auswirkungen auf Personen weder notwendig noch vertretbar waren. Auch dafür wurden einvernehmliche Lösungen beraten und gefunden.

Die Mitarbeiter des MfS waren verpflichtet, in Abstimmung mit den Kommandeuren in ihrem Abwehrbereich vor dem Personal zu Problemen der Wachsamkeit und Geheimhaltung sowie zu aktuellen Erkenntnissen zu Angriffen und Methoden der Geheimdienste und anderer subversiv gegen die Streitkräfte wirkender Einrichtungen Vorträge zu halten und darüber Gespräche zu führen. Auf diese Weise sorgte das offizielle Wirken, Auftreten und Verhalten der Abwehroffiziere in den Einheiten und Stäben der NVA dafür, dass die HA I bedeutsame Hinweise zur Aufklärung von Vorkommnissen und für die vorbeugende, schadensverhütende Arbeit erhielt. Notwendigkeit und Nutzen vertrauensvoller Kontakte vom Mitarbeiter der Abwehr zu den Angehörigen der NVA wurden bei einem nachfolgend beschriebenen Spionageangriff deutlich.

Während einer Familienfeier konfrontierte ein in der BRD wohnender Verwandter den Offizier einer im Raum Leipzig stationierten Mot.-Schützeneinheit, mit dem Ansinnen, für einen Geheimdienst der BRD Informationen zu liefern. Nach späteren Schilderungen des Offiziers war die ganze Art und Weise der Gesprächsführung und Argumentation primitiv und grobschlächtig.

Er stimmte der Aufforderung, als Spion zu arbeiten, nicht zu. Da er an der Ernsthaftigkeit dieses Ansinnens zweifelte, war er der Meinung, er brauche seinen Vorgesetzten vom Sachverhalt nicht zu informieren. Einige Zeit nach diesem Zusammentreffen erhielt er vom Verwandten die Mitteilung, an welcher Stelle zur Aufrechterhaltung der Verbindung zwischen ihm und dem Geheimdienst ein »Toter Briefkasten« angelegt wurde. Verbunden mit der Aufforderung, diesen zu leeren und dann entsprechend den Instruktionen zu handeln. Angekündigt wurde auch ein Treffen während der in Leipzig stattfindenden Messe.

Nun erst meldete sich der NVA-Offizier bei dem für die Einheit zuständigen Mitarbeiter des MfS und schilderte das Vorgefallene. Was zwischenzeitlich den NVA-Offizier bewegte, wird sein Geheimnis bleiben. Recherchen zur Person des angekündigten Treffpartners ergaben, dass im MfS bereits Erkenntnisse zu einer Infrage kommenden Person vorhanden waren. Eine Einreise in die DDR erfolgte weder zur Messe noch zu einem späteren Zeitpunkt. Der »Tote Briefkasten« wurde auch nicht wieder bestückt. Möglicherweise hatte der Offizier im Verwandtenkreis über seine Reaktion gesprochen, sodass der BRD-Bürger auf irgendeinem Wege informiert wurde und gewarnt war.

Nach Abstimmung mit der HA II des MfS – der Spionageabwehr – wurden keine weiteren operativen Maßnahmen veranlasst.

Einen Schwerpunkt in der Arbeit der HA I bildeten – wie bereits kurz angeführt – die sogenannten Sicherheitsüberprüfungen. Sie mussten gegebenenfalls auch nach längeren Fristen aktualisiert werden. Man muss nicht Militär sein, um zu verstehen, dass für das Bedienungspersonal von Waffensystemen, Geräten, Anlagen, Depots und dergleichen, die stets einsatzbereit sein mussten, hohe Anforderungen an Zuverlässigkeit, Disziplin, Verantwortungsbewusstsein und moralische Integrität der Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere gestellt wurden. Das galt auch für die Aufbewahrung und den Umgang mit den Führungsdokumenten. Es durfte keinerlei Fahrlässigkeit zugelassen werden, jeder Missbrauch war auszuschließen.

Das Anliegen der Sicherheitsüberprüfungen bestand demzufolge darin, rechtzeitig personenbezogene Fakten und Entwicklungen zu erkennen, von denen die Einsatz- und Verteidigungsbereitschaft beeinträchtigt werden konnte.

Wenn es sich dabei um Sachverhalte aus dem persönlichen Bereich eines Armeeangehörigen handelte, war auch in diesen Fällen unbedingt dessen Vorgesetzter zu informieren. Ihm oblag die Entscheidung, inwieweit sich daraus Konsequenzen für dessen dienstlichen Einsatz ergaben, was vom jeweilig Unterstellten zu beachten oder zu verändern war. Oftmals ergaben die Sicherheitsüberprüfungen Hinweise oder auch Fakten aus dem persönlichen Umfeld, dem Umgangskreis oder zu anderen beachtenswerten Dingen in der Verwandtschaft, die dem Angehörigen nicht bekannt waren, bei denen er die Tragweite möglicher Auswirkungen unterschätzte oder auch mögliche Konsequenzen befürchtete. Insofern stellten diese Sicherheitsüberprüfungen auch einen Beitrag zu deren eigener Sicherheit dar.

Hinsichtlich der Akzeptanz der Sicherheitsüberprüfung und mancher daraus resultierenden Forderung, notwendiger persönlicher Konsequenzen, hat es gewiss nicht nur Zustimmung gegeben. Schließlich konnte der Armeeangehörige in Anspruch nehmen, dass er mit der Entscheidung zum Wehrdienst, seiner politischen, moralischen Motivation, seiner Bereitschaft, die aus dem Dienst resultierenden Belastungen für sich und die Familie zu respektieren und durch die gewissenhafte Erfüllung der dienstlichen Pflichten seine Zuverlässigkeit hinlänglich beweist. Mancher fühlt sich vielleicht noch heute durch auch den persönlichen Bereich betreffende Überprüfungen verletzt und sieht darin Misstrauen und Zweifel an seiner Treue.

In der von mir in den 80er Jahren geleiteten Auswertungs- und Kontrollgruppe (AKG) der HA I konzentrierten sich fast alle relevanten Informationen aus der Abwehrarbeit. Neben den beschriebenen grundsätzlichen Inhalten dieser meiner Tätigkeit, gab es mitunter auch Dinge, die – beginnend bei den Ursachen, über Verlauf und Motivation der handelnden Personen – völlig überraschend passierten und zu klären waren.

Bei der Aufstellung der bewaffneten Formationen in der DDR wurden auch ehemalige Angehörige der faschistischen Wehrmacht eingestellt, vorausgesetzt sie hatten Konsequenzen aus der Vergangenheit gezogen und ihre antifaschistische Haltung bewiesen. So wurde u. a. auch ein ehemaliger Leutnant der faschistischen Wehrmacht als Kommandeur einer Schule der KVP eingesetzt. Man hielt ihn dafür geeignet, weil er nach einer in seinen Kaderunterlagen enthaltenen Bürgschaft, vor dem Dienst in der Wehrmacht angeblich zur antifaschistisch tätigen Gruppe Graf gehörte.

Es erschien merkwürdig und deshalb überprüfenswert, wie der laut Bürgschaft aktive Antifaschist, Wehrmachtsoffizier werden konnte. Hatte er dazu den Auftrag einer Widerstandsgruppe?

Uns war bekannt, dass der BND versuchte, über ehemalige Wehrmachtsangehörige, in den bewaffneten Organen der DDR Fuß zu fassen. Folglich wurde entschieden, im Rahmen einer Sicherheitsüberprüfung zur Person die Sache zu klären. Heraus kam: Bei der territorialen antifaschistischen Organisation war nichts über die Existenz einer Widerstandsgruppe Graf bekannt. Doch ein Mann mit dem Namen Graf existierte im Umfeld.

Mit ihm setzten wir uns in Verbindung und erfuhren, als Soldat der Wehrmacht hatte er während der Stationierung in der Tschechoslowakei mit anderen zusammen den britischen Rundfunk abgehört, aber eine Gruppe Graf gab es nicht.

Schließlich stellte sich heraus, der Kommandeur der Schule hatte mit einem befreundeten ehemaligen SPD-Mitglied diese Legende entwickelt, um damit seine Bewerbung bei der Volkspolizei zu begründen. Womit er zeitweilig auch Erfolg hatte. Da weitere Überprüfungen keine Hinweise auf nachrichtendienstliche Hintergründe ergaben, erhielt der Chef der KVP einen Auskunftsbericht zum Sachverhalt. Von ihm wurden dann die notwendigen Entscheidungen getroffen. Die aufzuklärenden Vorkommnisse waren hinsichtlich der Auswirkungen und Begehungsweisen ganz unterschiedlich. Grundsatz war, die Bearbeitung musste stets mit Sorgfalt und Genauigkeit erfolgen, ging es doch immer darum, auch Erkenntnisse zu gewinnen, die Voraussetzungen schufen, künftig möglichst jedes Risiko auszuschließen. Auch dafür ein Beispiel, auch weil, salopp gesagt, es ein wenig ausgefallen ist:

In der Waffenkammer der Fla-Raketenabteilung Ladeburg bei Bernau fehlten zwei Handgranaten. Ich wurde mit der Aufklärung der Angelegenheit beauftragt. Bei meinem Eintreffen in der Einheit war man gerade bei der Befragung des Waffenkammerverwalters. Es wurde sehr schnell klar, das uns seine Befragung nicht weiterbringen würde. Deshalb kamen Spezialisten der HA IX des MfS zum Einsatz. Aus der akribischen Rekonstruktion aller Umstände, auch der Personenbewegung vor der Feststellung des Diebstahls, resultierten recht sichere Hinweise auf einen Soldaten, der als möglicher Täter infrage kam.

Der war aber in den Kurzurlaub zu seinen in Thüringen wohnenden Eltern gefahren. Rückfragen ergaben bei ihnen – er war dort noch nicht angekommen. Das Resultat weiterer Nachforschungen: Während der Bahnfahrt bekam der Verdächtigte eine akute Blinddarmreizung. Er vertraute sich der Bahnhofsmission an, die ihn sofort zur Operation in ein Krankenhaus brachte. Die Handgranaten befanden sich nun in dem unter seinem Krankenbett gelagerten Reisegepäck. Sie wurden sichergestellt. Bei einer Dienstverrichtung in der Waffenkammer hatte er unbemerkt Zugriff zu den Granaten. Er wollte sie zu Silvester als Böller verwenden. Es hätte für ihn und andere ein schlimmes Silvester werden können.

Ein weiterer obskurer Fall ist mir in Erinnerung: Eine Nachrichtenkompanie befand sich in der Nähe von Spremberg im Sommerlager. Nach den Angaben eines zur Bewachung eingeteilten Streifenpostens, drangen während seines Nachtdienstes mehrere Personen in das abgesperrte Gelände ein. Er reagierte mit der Aufforderung »Halt, stehenbleiben, oder ich schieße

Da diese Aufforderung nicht befolgt wurde, habe er einen Warnschuss abgegeben. Eine der Personen habe mit mehreren auf den Posten gerichteten Schüssen reagiert. Die Personengruppe sei dann – so der Wachposten – geflüchtet. Von einem dieser Schüsse sei aber sein Stahlhelm getroffen worden, den er wegen der Hitze entgegen der Vorschrift am Koppel getragen hatte. Die Spurensuche führte zu keinen Erkenntnissen. Der Stahlhelm wurde zur Untersuchung an das Kriminaltechnische Institut des Ministeriums des Inneren übergeben. Deren Untersuchung ergab: Das Loch im Stahlhelm wurde durch einen absoluten Nahschuss verursacht.

In der daraufhin durch den Untersuchungsführer der Militärstaatsanwaltschaft erfolgten Vernehmung des Postens gestand dieser, den Einschuss mit seiner MPi selbst verursacht und die Geschichte erfunden zu haben. Als Motiv gab er an, er habe festgestellt, dass im Sommerlager die Wachsamkeit sehr nachgelassen habe, und er wollte dazu beitragen, sie wieder zu erhöhen.

Während meiner Tätigkeit im Kommando Luftstreitkräfte/Luftverteidigung hatte ich auch mit der Untersuchung von Flugzeughavarien und -Katastrophen zu tun. Die Vorkommnisse mit sowjetischen MIG sind zwar nicht mit der Quote des Absturzes von Starfighter der Bundeswehr zu vergleichen (bekanntlich als »Witwenmacher« in die Chronik der Bundeswehr eingegangen), es gab sie aber bedauerliche Weise auch bei uns. Unsere Beteiligung an der Untersuchung war dann erforderlich, wenn als Ursache menschliches Versagen ausgeschlossen wurde und ein technisches Versagen anzunehmen war. In diesen Fällen war immer zu prüfen, ob möglicherweise ein vorsätzliches Handeln von einer oder mehreren Personen mit dem Ziel der Diversion oder Sabotage oder eine Militärstraftat zu Grunde lag. Für deren Feststellung war dann die HA I verantwortlich. Hervorzuheben ist die gewissenhafte, akribische Arbeit der Offiziere des Fliegeringenieurdienstes. Sie hatten bei der Untersuchung immer dann den Hauptanteil zu bewältigen, wenn technische Ursachen als Grund für die Havarie vermutet wurden. Ein abgestürztes Düsenflugzeug war meist in die Erde gerammt und in hunderte Teile zerlegt. Sie wurden Stück für Stück aufgesammelt und jedes Teil dort platziert, wo es hingehörte und dann auf Schäden bzw. auf Fremdkörper untersucht.

In fast allen Fällen konnte mit Sicherheit die Ursache für den Absturz ermittelt werden. (Gemessen an diesen Erfahrungen ist es m. E. inakzeptabel, wie lange die wahrheitsgemäße Aufklärung des Absturzes der Airline Maschine Flug MH17 über der Ukraine im Juli 2014 dauert. Die Zeitdauer hat wohl politische Gründe.)

Ich erinnere mich an den Absturz einer MIG 21, verursacht durch eine Blockierung der Höhenruder. Zum Glück konnte sich der Pilot rechtzeitig aus der Maschine katapultieren. Die Untersuchung ergab, dass zur Blockierung der Höhenruder eine im Flugzeug liegen gebliebenen Zange geführt hatte. Damit solche Pannen ausgeschlossen werden konnten, hatte jeder Flugzeugmechaniker eine spezielle Tasche. Darin waren die zur Durchsicht benötigten Werkzeuge so angeordnet, dass nach Ende der Arbeit das Fehlen auch nur eines einzigen Werkzeuges sofort sichtbar war. Grundsätzlich durfte die Maschine erst dann zum Start frei gegeben werden, wenn das fehlende Teil gefunden war. Aber bei aller Ordnung, in dem besagten Fall gab es eine Stress-Situation, die das Handeln des Wartungsmechanikers beeinträchtigte. Nach Einschätzung des Staatsanwaltes minderte sie dessen Schuld. Deshalb wurde das Strafverfahren mit der Übergabe an den Kommandeur, zur disziplinarischen Ahndung abgeschlossen.

Den Piloten von NVA-Kampfflugzeugen galt immer das besondere Interesse des BND. So unternahm er alle Anstrengungen, um MIG-Piloten zu kontaktieren, sie möglichst zur Fahnenflucht mit einem Kampfflugzeug zu bewegen. Eine solche Erfolgs-Schlagzeile gab es bis zum Ende der DDR nicht. Das ist sicherlich auch den für die operative Sicherung der Fliegergeschwader zuständigen MfS-Mitarbeitern zu verdanken. Für Alarmstimmung sorgte jedoch eines Tages eine Information mit den vagen Hinweisen, zwei MIG-Piloten eines im Raum Cottbus stationierten Geschwaders würden, wenn sie sich unbeobachtet fühlten, am Flugsimulator vom üblichen Programm abweichende Flugrouten und Situationen absolvieren. Zudem gebe es im gesamten Verhalten auffällige Veränderungen. Zu bedenken hatten wir, es könne sich um die Vorbereitung einer Fahnenflucht mit Entführung eines Kampfflugzeuges handeln.

Was konnte und musste getan werden?

Voraussetzungen, um mit Inoffiziellen Mitarbeitern den Sachverhalt schnell und zuverlässig zu klären, gab es nicht. Sie zu schaffen, brauchte Zeit, und die gab es nicht. Zu beachten waren schließlich solche möglichen schwersten Folgen, wie die militärischen Konsequenzen bei Anflug und Eindringen eines Kampfflugzeuges der DDR in den Luftraum eines NATO Staates, die Auslieferung bedeutsamer Militärtechnik an den Gegner, aber auch die zu erwartenden politischen und medialen Reaktionen im Zusammenhang mit Fahnenflucht. Zur schnellen und exakten Klärung der Verdachtsgründe wurde entschieden, am Standort des Flugsimulators technische Überwachungsmittel einzusetzen. Es bestätigten sich die Hinweise. Die Flugsimulationen wichen vom regulären Programm ab. Flugmanöver und Bemerkungen verstärkten den Verdacht, dass Routen, Höhen und Manöver geprobt wurden, die von der Luftüberwachung nicht erfasst werden könnten. Inwieweit die Piloten aber tatsächlich Fahnenflucht mit einem Kampfflugzeug realisieren wollten, war damit immer noch nicht zu beweisen. Das in einer Befragung wahrheitsgemäß zu klären, ohne offiziell verwertbare Beweismittel verwenden zu können, war unrealistisch. Das galt auch für die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. Es musste aber gehandelt werden. Das geschah durch die militärische Führung auf angemessene Weise. Entsprechend ihrer Qualifikation wurden die Offiziere mit anderen Aufgaben betraut.

Die sich Ende der 80er Jahre in der DDR zunehmend entwickelnden Defizite und Widersprüche machten auch um die NVA und Grenztruppen keinen Bogen. Von mir wurde veranlasst, dass auf der Grundlage der uns vorliegenden Informationen eine Analyse des Stimmungs- und Meinungsbildes in der NVA erarbeitet wurde. Die Grundaussage: »Ein Kernproblem der politisch-ideologischen Arbeit in der NVA ist, bei Anerkennung aller Erfolge, die überzeugende Erklärung des Widerspruches zwischen unserer Selbstdarstellung und der Wirklichkeit

Wie gleiche Signale aus anderen Lebensbereichen unserer Republik, wurde auch diese Feststellung durch die SED- und Staatsführung ignoriert. Einer der Gründe, warum 1990 auch für mich, nach 40 Jahren Dienst in den Sicherheitsorganen der DDR, mein persönliches Wirken für Frieden und sozialistische Zukunft zu Ende ging. Für mich bleiben es 40 Friedensjahre nicht nur für die DDR und ihre Bürger – und diesen Stolz können mir die »Unrechtsaufarbeiter« niemals nehmen!

 

 

Personenschützer, nicht Leibwächter oder Bodyguards

 

Von Hansjoachim Tesch, Werner Beck und Hans Sauer

 

Wie überall auf der Welt wurden auch in der DDR die führenden Persönlichkeiten geschützt. Wir wissen, dass trotz aller Sicherungsmaßnahmen immer wieder Staatsoberhäupter und Politiker Opfer von Anschlägen wurden und werden. Erinnert sei an die Kennedys oder an Martin Luther King, die in den 60er Jahren in den USA erschossen wurden, auf US-Präsident Reagan und Papst Johannes Paul II. erfolgten in den 80er Jahren An­schläge, Schwedens Ministerpräsident Olaf Palme starb 1986 durch Mörderhand wie Israels Regierungschef Jitzchak Rabin 1995.

In der DDR musste die Führung nicht vor »dem Volk« geschützt werden, sondern es ging darum, im Lande wie auf Staatsbesuchen im Ausland die Sicherheit von »Schutzpersonen« zu gewährleisten.

Welche Wirkung in 25 Jahren Demagogie und Volksverdummung selbst bei halbwegs gebildeten Menschen anrichten können, erlebte ein ehemaliger Personenschützer aus der Sicherungsgruppe Honecker, der im Juli 2015 einer Gruppe Gym­nasiasten aus dem Süddeutschen offen Rede und Antwort stand. Nicht die Schüler, sondern eine Lehrerin fragte mit Entrüstung, wie er diesen Job überhaupt habe machen und es mit seinem Gewissen vereinbaren können, einem Diktator zu dienen, und das obendrein länger als anderthalb Jahrzehnte. Es war die Umschreibung für ihr Unverständnis, dass dieser Mann da offenkundig zu feige für den in ihren Augen notwendigen Tyrannenmord gewesen ist.

Der Genosse Personenschützer reagierte sachlich und vernünftig und versuchte ihr klarzumachen, dass auch dieser Erich Honecker nicht jener Verbrecher gewesen ist, zu dem er nach seinem Sturz erst gemacht worden war und weshalb man ihn 1992/93 vor den Kadi gezerrt habe, um ihn dann doch als freien Mann hatte ziehen lassen müssen. Bundeskanzler Helmut Kohl – den er übrigens bei einer geheimen Privatreise durch die DDR ebenfalls zu dessen Sicherheit begleitet habe, wofür sich dieser bei der Ausreise aus der DDR mit einem Taschenmesser bei ihm bedankte – hat 1987 bei Honeckers Staatsbesuch am Rhein diesen korrekt und zuvorkommend behandelt, wie es eben einem Staatsoberhaupt zukam. Weshalb sollte er als sein Personenschützer übler über Honecker denken als etwa die westdeutschen Politiker, wieso sollte er gegen seine und gegen deren Überzeugung handeln, dass es sich bei Erich Honecker um einen ehrenwerten Mann gehandelt hat, der zehn Jahre bei den Nazis im Zuchthaus gesessen und von seiner antifaschistischen, sozialistischen Gesinnung nie gelassen hatte. Dass Honecker als Generalsekretär der Partei schwere politische Fehler begangen hatte, stand außer Frage: Aber darüber zu urteilen, wäre Sache seiner Genossen gewesen – und nicht die der bürgerlichen Richter, die nicht frei waren von antikommunistischen Ressentiments und von der DDR keine blasse Ahnung hatten.

Der Personenschützer machte damit indirekt auch klar, warum er und seinesgleichen von der Hauptabteilung Personenschutz (HA PS) keine Leibwächter oder Bodyguards waren: Sie sicherten im Kollektiv und im Schichtbetrieb aus sozialistischer und antifaschistischer Überzeugung. Und Attentate hatte es in der DDR nie gegeben, so gern der Westen einen betrunkenen Ofensetzer zu einem Attentäter gemacht hätte. Jener Handwerker hatte am letzten Tag des Jahres, nicht mehr ganz nüchtern, die Fahrroute Hon­eckers in Klosterfelde gekreuzt, ohne zu wissen, wem er da die Vorfahrt nahm. Als ihn die Verkehrspolizei danach stoppte – Honecker war schon längst weitergefahren, ohne dass er davon etwas bemerkt hatte – zog der Mann überraschend eine Pistole und schoss einem Polizisten in die Brust. Die Polizisten schossen zurück, trafen jedoch nur die Autotür. Der Ofensetzer hielt sich die Pistole an den Kopf und drückte zweimal ab …

Die Hauptabteilung Personenschutz unter Generalmajor Franz Gold hatte 1964 einen massiven Klinkerbau in Weißensee bezogen. An dem Bauwerk, an der Berliner Allee und der Liebermannstraße gelegen (heute hat dort neben anderen das Jugendamt Pankow seinen Sitz), musste ständig an der Bausubstanz gearbeitet werden. Schäden traten immer wieder auf. Wir selbst haben an den Versorgungsleitungen für Gas, Wasser und Strom nicht herumgeschraubt. Für diese Arbeiten kamen die Handwerker der zuständigen Städtischen Versorgungsbetriebe Berlins oder von Vertragsbetrieben aus den Bezirken.

Die angemeldeten Handwerker bekamen einen Passierschein zum Betreten des Objektes ausgestellt. Damit gingen sie in Begleitung unserer Mitarbeiter ins Objekt, um ihre Arbeiten durchzuführen. Wir können versichern, dass die Handwerker keine Dienstanweisungen unserer Dienstbereiche ausgehändigt bekamen, um Inhalte unserer Arbeit zu erfahren. Aber sie hatten die Möglichkeit, ihre Versorgungspausen ungestört in unserer Kantine wahrzunehmen. Dort sahen sie unsere Mitarbeiter in Zivil, Soldaten und Offiziere in den Uniformen der Landstreitkräfte der NVA, Wachtmeister und Offiziere unserer Abteilung Verkehrskontrolle in den Uniformen der Volkspolizei mit den weißen Mützen. Sie konnten sich morgens, mittags und abends in unserer Kantine selbst versorgen und zwar mit dem gleichen Speisenangebot, wie es auch für unsere Mitarbeiter bereitgestellt wurde. Sie empfingen die Verpflegung an den gleichen Ausgabestellen, wo auch wir standen, und bezahlten ihr Essen an den gleichen Kassen, an denen auch wir bezahlten. Und wenn sie wollten, konnten sie zum Feierabend unsere Verkaufsstelle aufsuchen und sich Lebensmittel oder Getränke für zu Hause kaufen. Nach meinen Erinnerungen waren täglich wenigstens drei oder vier Handwerker im Objekt: Heizungsmonteure, Elektriker, Maler oder Gas-Wasser-Installateure. Hansjoachim Tesch war mehrere Jahre für die Anmeldung in unserem Objekt verantwortlich, die auch die Passierscheine für die Handwerker und Besucher ausstellte.

Tesch versah in diesem Objekt von 1964 bis 1990 seinen Dienst, hat aber natürlich nicht die vielen Besucher gezählt, die das Objekt aus verschiedenen Gründen besuchten. Er besaß auch keine Übersicht, wie viele Kfz-Bewegungen durch Beschäftigte des VEB Stern-Radio zu beobachten waren. Sie hatten von ihrem Betriebsgelände aus die Möglichkeit, rund um die Uhr die Hofeinfahrt des Dienstobjektes in der Liebermannstraße einzusehen. Alle Dienstfahrzeuge benutzten diese Ein- und Ausfahrt, um ins Objekt zu kommen oder es zu verlassen. Steingraue Fahrzeuge, grüne Fahrzeuge unserer Verkehrskontrolle, Lkw, Pkw, Busse und Kräder. Am Interessantesten war für die Beschäftigten von Stern-Radio, das wurde uns immer wieder erzählt, wenn die Motorrad-Eskorte bei Staatsbesuchen vom Hof rollte. Auch Tschaikas und Volvos konnte man auf unserem Hof sehen.

Natürlich hatten wir auch Kontakt zu den Beschäftigten von Stern-Radio. Nur ein Beispiel: Der Betrieb produzierte »Feldradios«, also Rundfunkempfänger, wie sie heute von Handwerkern auf den Baustellen genutzt werden. Diese »Feldradios« wurden für die NVA hergestellt. Sie kamen bei Ausbildungsmaßnahmen im Gelände oder auf Übungsplätzen zum Einsatz. Da sich unsere Ausbildungsbasis in Kallinchen, einem Ort bei Zossen, befand, bezogen wir für uns auch einige dieser Radios.

Da wir für unsere Soldaten und Offiziere keine Kasernen im Wohngebiet hatten, wurden zwei Ledigenheime gebaut – eines in der Neumagener Straße, gegenüber von Stern-Radio, und eines in der Nüßlerstraße, unweit unserer Dienststelle. Wer wollte, konnte unsere Soldaten und Offiziere sehen, wie sie aus ihren Unterkünften, in den Uniformen der NVA oder der VP, die Wohnheime verließen und zum Dienstantritt den Hof unserer Dienststelle betraten. Wir waren für alle sichtbar, wenn wir in Zivil oder in Dienstuniform mit umgeschnallter Dienstpistole das Objekt betraten oder verließen. Und wer dann noch wollte, konnte unsere Fahrzeuge, die die Wachsoldaten des Objektschutzes zu den Objekten der SED- und Staatsführung zum Dienst fuhren, auch begleiten.

Da alle wussten, wo die Soldaten hinfuhren, erübrigten sich Fragen. Die Angehörigen unserer Abteilung Verkehrskontrolle verließen unsere Dienststelle in den Uniformen der VP mit den weißen Mützen und bezogen ihre Posten auf den Straßenkreuzungen der sogenannten »Protokollstrecke«, die von der Waldsiedlung Wandlitz bis ins Stadtzentrum führte. Diese Strecke war von Dienstbeginn bis Dienstende der führenden Repräsentanten durchgängig besetzt. Vordergründig natürlich für diesen Personenkreis.

Aber es gab auch andere Aufgaben für die Verkehrsregler zu erfüllen. So wurde die Strecke für die »Schnelle Medizinische Hilfe« oder andere Krankenwagen zur schnellsten Straße vom Unfallkrankenhaus Berlin-Buch zur Charite oder umgekehrt. Jeder Unfallhelfer versuchte, diese Strecke so schnell wie möglich zu erreichen. Und wir verständigten uns in den SED-Parteiversammlungen auch darauf, dass wir den Straßengüterverkehr auf der Strecke so zügig wie möglich durchwinkten.

Die FDJ-Organisation unternahm in Abstimmung mit der Leitung der HA im Rahmen eines Jugendobjekts große Anstrengungen, insbesondere durch Geschwindigkeits- und Verhaltenskontrollen die »Protokollstrecke« zu einer der sichersten Straßen Berlins zu gestalten. Diese Arbeitsweise unserer Verkehrskontrolle nahmen tausende Bürger der Hauptstadt der DDR wahr.

Ohne die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Bürgern wären die uns übertragenen Aufgaben zum Schutz der führenden Repräsentanten und ihrer ausländischen Gäste nicht möglich gewesen.

Und noch ein interessanter Fakt, der verdeutlicht, wie »geheim« wir tätig waren: In der unmittelbaren Nähe unserer Dienststelle lagen zwei Oberschulen – die in der Bernkasteler Straße direkt neben dem Straßenbahnhof Berlin-Weißensee trug damals den Namen Raoul Wallenberg. Das war ein schwedischer Diplomat, der mit Hilfe von Schutzpässen zehntausend ungarische Juden vor den Nazis rettete und nach dem Krieg unter falschen Anschuldigungen als »amerikanischer Spion« in sowjetische Haft kam, wo er unter bis heute ungeklärten Umständen starb; die letzte Nachricht stammt von 1947. Die DDR ehrte ihn (und korrigierte stillschweigend verübtes Unrecht), indem sie eine Straße und eben diese Schule nach Wallenberg benannte.

Und die andere Schule befand sich am Brodenbacher Weg im sogenannten Moselviertel.

Da wir an unserem Dienstobjekt keine Außensportanlagen hatten, bemühten wir uns um gute Nachbarschaftsbeziehungen zu diesen Schulen. Wir halfen mit, durch freiwillige Arbeitsstunden im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes (NAW) die Sportanlagen in Ordnung zu halten. Dafür durften wir diese zu sportlichen Zwecken mit nutzen. So auch die Turnhalle der Schule am Moselviertel. Organisiert haben diese Zusammenarbeit unsere Sportoffiziere, die für die körperliche Ertüchtigung unserer Mitarbeiter verantwortlich waren.

Auch zum Wohnbezirksausschuss der Nationalen Front Berlin-Weißensee unterhielten wir gute nachbarschaftliche Beziehungen. Da Hansjoachim Tesch für unsere Ledigenheime mit verantwortlich war, fiel ihm auch diese Aufgabe zu. Der WBA suchte immer Räume für gesellschaftliche Zusammenkünfte. Da konnten wir helfen und stellten die Clubgaststätte im Ledigenheim Neumagener Straße unentgeltlich zur Verfügung. Sie waren immer willkommen und sie kamen auch gern.

Am 1. Juli, dem Tag der Deutschen Volkspolizei, herrschte auch auf unserem Hof Gedränge. Kinder aus den umliegenden Kindergärten und Schüler aus den benachbarten Schulen überbrachten Glückwünsche und selbstgebastelte Geschenke, drehten mit Blaulicht in den Streifenwagen unserer Abteilung Verkehrskontrolle auf unserem Hof Runden oder fuhren mit dem Feuerwehrauto unserer freiwilligen Feuerwehr aus dem Objekt »Waldsiedlung« herum. Aus der Feldküche kam Erbsensuppe mit Bockwurst … Normalität alles, die es später angeblich nie gegeben hatte.

Es gibt keine Statistik. Nach grober Schätzung werden von Anfang der 60er Jahre bis zur Schließung unserer Dienststelle im Jahre 1990 mehrere Tausend Besucher in diesem Gemäuer Gast gewesen sein.

Gert Schilling war explizit nicht darunter, wie er gegenüber der Berliner Zeitung am 24. November 2005 bekundete. Schilling (SPD), von 1990 bis zur Fusion mit Pankow 2001 Bürgermeister des Bezirks Weißensee, habe laut diesem Text (»Handgranaten und Panzerfäuste«) zu den Ersten gehört, »die das bis dato unbekannte und verbotene Haus betreten durften«.

20 Mitglieder des Runden Tisches Weißensee, zu denen auch er gehörte hatte, hätten bei ihrer Visite am 23. Januar 1990 dort ungeheuerliche Entdeckungen gemacht. Sie »entdeckten« Waffen und Munition. Wau, in einer militärischen Einrichtung konnte man wirklich mit so etwas nicht rechnen.

Und was heißt »entdecken«?

Unser damals amtierender Chef, Oberst Dr. Gunter Hummitzsch, führte die Besucher durch die Waffenkammern der einzelnen Abteilungen und zeigte ihnen den sicheren Munitionsbunker auf dem Hof. Die Mitglieder des Runden Tisches konnten keine Verstöße gegen die Lagerung und Aufbewahrung der Waffen feststellen.

Aber was eigentlich wollten die selbsternannten Inspekteure inspizieren? Wie wir lebten und arbeiteten, ob wir gewissenhaft unseren Fahneneid erfüllten, ob wir die uns anvertrauten »Schutzpersonen« auch verlässlich schützten? Sie hatten von nichts Ahnung. Sie kannten weder Struktur noch Aufgaben des Personenschutzes. Nun muss man ihnen ihre Unwissenheit nicht vorhalten. Aber sie maßten sich das Recht an, über unsere Arbeit Urteile zu fällen, die Biografien von vielen Menschen veränderten, sie richteten über Personen und Sachverhalte, die ihnen fremd waren wie sonst nichts.

Und zu dieser Anmaßung gesellte sich später noch die Lüge. 2005 hieß es in der schon zitierten Zeitung, dass es ziemlich chaotisch ausgesehen habe. »Die Waffen lagen ungeordnet, unbewacht und unsortiert herum

Hinzu kam: »In den Waffenausgabebüchern standen unleserliche Unterschriften Und: »Viele Waffen seien gar nicht zurückgebracht worden

Pistolen, MPi, Gewehre oder leichte Maschinengewehre? Und wie viele?

Das wisse man heute nicht mehr.

Als wenn es jemals möglich gewesen wäre, aus einer mit höchster Akribie geführten Waffenkammer auch nur ein leeres Magazin zu klauen!

Aber die Furcht vor heimlich – im Untergrund? – gehorteten Waffen ist erst einmal geweckt, das Misstrauen geschürt. Die »Stasi« marschiert.

Bei den Räumen war man präziser: 550 hatten die »Inspektoren« gezählt. Ob einer fehlte? Auch darüber gibt es keine Dokumentation.

Ein Zimmer habe dem künftigen Bürgermeister Schilling sehr zugesagt. Es war das Dienstzimmer des ehemaligen Leiters der Diensteinheit, Generalleutnant Günter Wolf. Dort zog der Sozialdemokrat auch bald ein.

Die erste Maßnahme bestand darin, die Toilettenbrillen auszutauschen. Man konnte den künftigen Kommunalpolitikern, die sich darauf niederlassen würden, nicht zumuten, in dieser Weise nachzusitzen. Zwischen einem Beamtenarsch und einem Stasiarsch lagen bekanntlich Welten und die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Das musste auch im stillen Örtchen zum Ausdruck gebracht werden.

Zu allem Überfluss »entdeckten« sie in der Kleiderkammer »Verkleidungen« – Uniformen der NVA und der Volkspolizei, die wir seit der Gründung der Hauptabteilung Personenschutz auf Beschluss des Nationalen Verteidigungsrates der DDR getragen hatten.

So reihte sich denn Dummheit an Halbwahrheit, Lüge an Behauptung. Nicht einmal die Historie des Objektes bekam die doch in Berlin beheimatete Postille zusammen. Der Personenschutz sei dort 1953 eingezogen.

Falsch: In jenem Jahr waren dort bereits seit acht Jahren sowjetische Wacheinheiten untergebracht, die in Berlin-Spandau in Nürnberg verurteilte Nazi-Verbrecher wie Rudolf Heß und Albert Speer bewachten und die darüber hinaus für die Sicherheit ihrer Dienstobjekte in Berlin-Karlshorst und die der sowjetischen Ehrenmale in Treptow, Tiergarten und Schönholz zuständig waren. Diese Einheiten zogen erst 1963 dort aus und wurden nach Karlshorst in neu errichtete Unterkünfte verlegt.

Zunächst gab es Überlegungen, dass Stern-Radio sich ausdehnen und auch das Eckgebäude übernehmen sollte, diese Idee aber wurde fallen gelassen. Das Objekt war kurz vor dem Ersten Weltkrieg als Kugellagerfabrik errichtet worden, während des Zweiten Weltkrieges wurden dort Tanks für Panzer und Flugzeuge, Teile für die »Wunderwaffe« und Funktechnik für Bomber produziert. Nach dem Krieg zog die Opta-Radio AG ein und begann mit der Herstellung von Röhren und Radios. 1948 wurde daraus die Phonetika Radio GmbH, zwei Jahre später kam das Kürzel VEB vor den Namen, 1951 wurde der VEB Stern-Radio geboren. 3.300 Mitarbeiter zählte das Werk. Sie wurden 1990 alle entlassen, der Betrieb geschlossen.

Aber 1964 unterblieb die Ausdehnung. Das Eckgebäude wurde Hauptobjekt der Hauptabteilung Personenschutz und blieb es bis zur Auflösung des MfS.

Am 25. Februar 1990 händigte Oberstleutnant der VP Gröschel vom Ministerium für Innere Angelegenheiten mehreren Angehörigen des PS Dienstzeugnisse aus. Auch Oberstleutnant Hansjoachim Tesch wurde bescheinigt, er habe »sich stets an den Gesetzen der DDR, den geltenden Dienstvorschriften und Weisungen orientiert, diese eingehalten und befolgt. Er erwarb den akademischen Grad eines Diplomjuristen und eines Fachschul-Dokumentalisten. Während seiner gesamten Dienstzeit verstieß er weder gegen dienstliche Bestimmungen noch verursachte er beim Führen von Technik Unfälle. Physisch und psychisch war Herr Tesch den Anforderungen stets gewachsen. Unterstellte achtete er und wurde gleichfalls anerkannt

Vierzehn Tage später, am 14. März 1990, erhielten Tesch und andere vom Oberst der VP Rudkowski aus dem Ministerium für Innere Angelegenheiten der DDR die Kündigung.

Begründung: »Nichteignung«

 

 

»Ich war der Vernehmer des Gestapo-Massenmörders Josef Blösche«

 

Von Reiner Stenzel

 

Jahrgang 1942, Diplomjurist, beim MfS/AfNS von 1960 bis 1990, letzter Dienstgrad Major, zuletzt Mitarbeiter in der operativen Leitzentrale der HA IX

 

»Wir schwören … vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens: Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht«, so haben es einst die ehemaligen Buchenwaldhäftlinge am 19. April 1945 ge­schworen. Diesem Schwur verpflichtet, verfolgten wir in der DDR Nazi- und Kriegsverbrecher. Und mir war die ehrenvolle Aufgabe zuteil geworden, daran unmittelbar mitzuwirken. Über einen dieser Fälle will ich hier berichten.

Jedes Mal, wenn ich in Leipzig bin und dort auch den Südfriedhof aufsuche, gelegen in der Nähe des Völkerschlachtdenkmals und des Messegeländes, verbinden sich damit zweierlei persönliche Erinnerungen. Dort haben wir unsere Eltern begraben. Sie waren aktiv in der sozialdemokratischen Arbeiterjugendbewegung, mein Vater war bis 1933 Hundertschaftsführer des Sozialdemokratischen Reichsbanners, der Schutzorganisation der SPD in Leipzig-Kleinzschocher. Nach der Machtergreifung durch die Faschisten 1933 konnte er sich vor der Verhaftung durch die marodierenden SA-Horden im Brunnenschacht unseres Schrebergartens im Gartenverein »Immergrün« verstecken und entging so den Torturen, die andere Antifaschisten durchmachen mussten. Das betraf z. B. auch aus unserem Haus in Leipzig-Meyersdorf die Kommunisten Kurt Kresse und Arthur Ritter, die von der SA verschleppt und misshandelt wurden. Am antifaschistischen Widerstandskampf waren meine Eltern zwar nicht aktiv beteiligt, aber sie hassten die Nazis und wollten mit denen nichts zu tun haben. Ich weiß noch, dass sie Bücher der Arbeiterbewegung versteckten und die rote Arbeiterfahne in der Rückenlehne des Wohnzimmersofas eingenäht hatten. Nach der Befreiung vom Faschismus beteiligten sich meine Eltern als Aktivisten der Ersten Stunde am antifaschistisch-demokratischen Aufbau in Leipzig. Sie waren überzeugte Sozialisten und in diesem Sinne erzogen sie mich und meine drei Geschwister. Dafür werde ich sie stets dankbar in Erinnerung behalten.

Ganz andere Erinnerungen resultieren aus meinem Wissen darüber, dass auf dem Leipziger Südfriedhof auch die Urne mit den Überresten des am 30. April 1968 vom Bezirksgericht Erfurt wegen Tatbeteiligung an faschistischen Massenvernichtungsverbrechen zum Tode verurteilten und am 29. Juli 1969 in Leipzig hingerichteten SS- und Gestapo-Angehörigen, Josef Blösche, im »Urnengarten Nord« als namenlose Anatomieleiche beigesetzt worden ist. (Ja, auch in der DDR musste alles seine Ordnung haben.) Diese persönlichen Erinnerungen rühren daher, weil ich als Untersuchungsführer des MfS in der Hauptabteilung IX/10, die damals in der DDR für Ermittlungsverfahren gegen Nazi- und Kriegsverbrecher zuständig war, ab September 1967 einer der Vernehmer dieser Gestapo-Bestie gewesen bin. Blösche wurde während der Untersuchungshaft insgesamt 746 Stunden zu seinen Verbrechen vernommen, und ich war in dieser Zeit als Vernehmer seine wichtigste Bezugsperson.

Für die Arbeit zur Aufklärung und Untersuchung von Nazi- und Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie die daran beteiligten Mitarbeiter des MfS und der DDR-Justizorgane galt, was der ehemalige Staatsanwalt beim Generalstaatsanwalt der DDR, Dr. Günther Wieland, trefflich als Credo hervorgehoben hat: »Wessen ernstliche Profession die Aufklärung von Naziverbrechen ist, wer deren oft so qualvoll geprüften Opfern im Verhandlungssaal oder Vernehmungszimmer begegnete, bleibt davon lebenslang geprägt.« Er empfindet es nicht nur als berufliche, sondern zudem als ethische Pflicht, zur gerechten Ahndung dieser Kriminalität beizutragen. Das galt auch für die Untersuchungsführer des MfS, die der Autor in einem mehr als Vierteljahrhundert Tätigkeit auf diesem Gebiet kennen gelernt hat. Gewissenhafte Recherchen attestieren denen heute selbst ausgesprochen kritische Betrachter.

Ich will hier über meinen Beitrag zur Bearbeitung des strafprozessualen Ermittlungsverfahrens gegen Blösche deshalb berichten, weil das m. E. auch heute noch im öffentlichen Interesse ist – ja mehr noch, wieder stärker ins Blickfeld der Auseinandersetzung mit Geschichtsfälschern und alleinige Deutungshoheit über DDR-Geschichte beanspruchenden »Aufarbeitern« gerückt werden muss.

Als es die DDR noch gab, haben wir als Untersuchungsführer und operative MfS-Mitarbeiter nicht öffentlich über unsere Arbeit zur Verfolgung von Nazi- und Kriegsverbrechern gesprochen, weil uns das aus »Gründen der Konspiration« damals nicht gestattet war. Wir gehörten ja einem Sicherheitsorgan, einem Geheimdienst an. Aber aus unseren Vorgängen und Ermittlungsverfahren wurden umfangreiche Erkenntnisse und Materialien für Publikationen in Presse und Fernsehen der DDR zur Verfügung gestellt, ohne dass wir dabei selbst in den Vordergrund traten.

Mit dem SS-Mörder Josef Blösche, der sich wegen seiner maßgeblichen Mitwirkung an der Niederschlagung des jüdischen Aufstandes bei der endgültigen Liquidierung des Warschauer Ghettos im April/Mai 1943 strafrechtlich zu verantworten hatte und dadurch als eine Art Symbolfigur bekannt geworden ist, befassten sich seither Journalisten und Historiker aus aller Herren Länder, aus Ost und West. Auch mit unterschiedlichen Sichtweisen – von ehrlicher Anerkennung bis hin zu übler Nachrede. Zum einen gilt Blösche durch das weltbekannte Foto aus dem »Stroop-Bericht«, das ihn mit einer auf einen vor ihm stehenden jüdischen Jungen gerichteten Maschinenpistole zeigt, als Synonym für SS-Verbrecher beim Einsatz im Warschauer Ghetto. Und zum anderen ist er durch das MfS zweifelsfrei als Nazi-Verbrecher überführt worden, so dass er vor Gericht gebracht und in der DDR zum Tode verurteilt wurde. Der vom Reichsführer-SS Himmler mit der endgültigen Liquidierung und Vernichtung des Warschauer Ghettos beauftragte SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS Jürgen Stroop verfasste über diese Massenmordaktion einen Bericht mit Fotos und der Feststellung:» Es gibt keinen Jüdischen Wohnbezirk Warschau mehr«.

Dieser »Stroop-Bericht« lag bereits als Beweismittel im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess und auch im Prozess gegen Stroop selbst in Warschau vor, in dem er zum Tode verurteilt wurde. Auf mehreren Bildern des »Stroop- Berichtes« ist Blösche als Stroops ortskundiger Begleiter abgebildet, ohne dass sein Name genannt wurde. Zu dem bereits beschriebenen Foto von Blösche mit MPi im Anschlag bemerkte Der Spiegel (Nr. 36/2011): »Immerhin aber brachte die Stasi zahlreiche NS-Täter vor Gericht, sie löste sogar das Rätsel, das eines der brutalsten Fotos von der Vernichtung des Warschauer Ghettos 1943 umgab. Der SS-Mann, der einen mit erhobenen Händen wartenden kleinen Jungen bewacht, wurde als DDR- Bürger Josef Blösche identifiziert und 1969 hingerichtet

Wie kam es zu der »Lösung« dieses angeblichen Rätsels? Darüber berichteten DDR-Presse und Fernsehen bereits 1969 vom Prozess gegen Blösche vor dem Bezirksgericht Erfurt, insbesondere die Medien des Bezirkes Erfurt. Im Folgenden will ich als »Zeitzeuge« über meine Sicht der Dinge Auskunft geben und stütze mich dabei auch auf einschlägige Veröffentlichungen. Im Jahre 2002 erschien von Heribert Schwan und Helgard Heindrich das Buch und der Film (vom WDR/ARD gesendet) mit dem Titel: »Der SS- Mann Josef Blösche. Leben und Sterben eines Mörders«. Da Schwan bei jeder Gelegenheit die Tätigkeit der Mitarbeiter des MfS, insbesondere auch des Untersuchungsorgans, verleumdete und herabwürdigte, habe ich mich auf Anfrage seinerseits damals nicht an diesem Projekt beteiligt, übermittelte aber schriftlich meine mehr als 30-seitigen Gedanken zu Buch und Film an Heribert Schwan. Der war offenbar beleidigt und reagierte nicht darauf. Im Jahre 2011 wurden in der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin über die Verbrechen der »Deutschen Polizei« während des Faschismus auch die Verbrechen des Gestapo-Mörders Blösche dargestellt, allerdings mit einem solchen Anstrich, als sei seine Entdeckung ein Verdienst der westdeutschen Justiz gewesen.

Als tatsächlich dabei gewesener Zeitzeuge wurde und wird mir und anderen meiner Mitstreiter bei Veranstaltungen und Vorträgen oft die Frage gestellt: Was geschah wirklich mit den Nazis in der DDR, wie z. B. Blösche einer war? Diese Frage beantworten wir vor älterem und jüngerem Publikum, auch aus dem Ausland, als ehemalige Untersuchungsführer und Ermittler in Sachen Nazi- und Kriegsverbrechen stets nach bestem Wissen und Gewissen. Wobei wir aber immer wieder darauf hinweisen, dass wir uns dabei fast ausschließlich auf unser Gedächtnis und öffentlich zugängliche Informationen stützen müssen, weil uns die Einsichtnahme in die von uns bearbeiteten Untersuchungsvorgänge, die nach 1990 von der BStU-Behörde vereinnahmt worden sind, verwehrt wird. Diese Behörde und das »Gruselkabinett« von Herrn Knabe in Berlin-Hohenschönhausen beanspruchen zu diesem Thema die alleinige Deutungshoheit für Berichterstattung und Geschichtsbetrachtung. Als Zeitzeugen lassen wir uns dadurch aber nicht davon abhalten zu sagen, wie es wirklich war. Dabei können wir uns auch auf die von der Universität Amsterdam, unter Federführung von Prof. Dr. Rüter, edierte Dokumentation »DDR-Justiz und NS-Verbrechen« aus dem Jahre 2010 stützen. Mit dieser Dokumentation wurden ca. 950 ostdeutsche Gerichtsentscheidungen zwischen 1945 und 1990 zu faschistischen Tötungsverbrechen im Wortlaut veröffentlicht, darunter fast alle Urteile zu mehr als 200 Angeklagten, die in über 180 Verfahren seit 1950 vom MfS bearbeitet worden sind. Einer dieser Nazitäter war Josef Blösche. In einem Interview mit der Tageszeitung junge Welt vom 26./27. Juli 2014 gab ich bereits Auskünfte zum Verfahren gegen diesen Massenmörder. Ich will nachfolgend ausführlich darauf eingehen.

Im Gefolge des Eichmann-Prozesses, der Auschwitz-Prozesse und der in der BRD angestrebten Verjährung auch für die schwersten Nazi- und Kriegsverbrechen verlangten die polnische Hauptkommission zur Verfolgung von Nazi- und Kriegsverbrechen und besonders jüdische Überlebende des Warschauer Ghettos, international unterstützt von Journalisten und Juristen, die strafrechtliche Verfolgung eines schon seit Jahren in der BRD bekannten maßgeblichen Verantwortlichen der Massenmorde an polnischen Patrioten und den Insassen des Warschauer Ghettos. Die Rede ist vom ehemaligen Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD für den Distrikt Warschau, SS-Standartenführer Dr. Ludwig Hahn. Dieser lebte unbehelligt als Wirtschaftsjurist in Hamburg und bezog auch seine Beamtenpension aus der Zeit vor 1945. Unbehelligt möglicher Weise auch deshalb, weil »alte Kameraden« in Politik und Justiz die schützende Hand über ihn hielten und offenkundig auch sein Schwager, Johannes Steinhoff, der als Viersterne-NATO-General und ehemaliger Inspekteur der BRD-Luftwaffe zu den »Eliten« der BRD gehörte. Steinhoff war vor 1945 Träger des Ritterkreuzes mit Eichenlaub und Schwertern, Oberst der faschistischen Luftwaffe, Geschwaderkommodore und in Spanien Angehöriger der »Legion Condor«. Sicherlich hatte er Kenntnis von den Verbrechen Hahns, hatte er ihn doch einige Male in Warschau besucht. Dr. Hahn hatte sich seinerzeit über seine persönlichen Kontakte zum »Reichsführer-SS« Himmler dafür eingesetzt, dass Steinhoff vor Repressalien Görings 1944 wegen einer Meuterei von drei Kommodoren der Jagdflieger geschützt wurde. Diese Oberste wollten durch Verstärkung der Jagdfliegerkräfte die alliierten Bombenangriffe beenden und das Durchhaltevermögen der Deutschen zur Verlängerung des Krieges fördern, während Göring auf die Verstärkung der Bombenfliegerkräfte setzte.

1960 nahm die Hamburger Staatsanwaltschaft dann doch Ermittlungen gegen Dr. Hahn auf. Am 4. Juli 1975 wurde er vom Landgericht Hamburg »wegen gemeinschaftlichen Mordes, begangen an mindestens 230.000 Menschen«, zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Mehrfach war er in Untersuchungshaft genommen worden, hatte großzügig Einsicht in die Ermittlungsakten erhalten und musste, dank Haftverschonung nach seiner Verurteilung, seinen Lebensabend nicht im Gefängnis verbringen. Die Hamburger Staatsanwaltschaft stieß bei ihren Ermittlungen 1960/61 auf den am 26. Januar 1961 vorläufig festgenommenen und aufgrund Haftbefehls des Amtsgerichts Bielefeld in Bielefeld in Untersuchungshaft einsitzenden Gestapo-Mörder Karl Heinrich Klaustermeyer, der ebenfalls im Warschauer Ghetto aktiv an Verbrechen beteiligt war. Daraufhin erließ das Amtsgericht Hamburg am 20. Februar 1961 ebenfalls Haftbefehl, auf Grund dessen sich Klaustermeyer seit 24. Februar 1961 in Untersuchungshaft befand. Dieser SS-Scherge wurde am 4. Februar 1965 vom Schwurgericht beim Landgericht Bielefeld »wegen Mordes in neun Fällen schuldig gesprochen und in jedem dieser Fälle zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt«. In einer Zeugenvernehmung in Sachen Dr. Hahn im Februar 1962 identifizierte Klaustermeyer auf einem Foto aus dem »Stroop- Bericht« Josef Blösche als einen seiner Mordkumpane. Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelte alsbald Blösches Aufenthalt. Sie hatte nämlich dessen in der BRD lebenden Bruder Gustav aufgespürt, der ebenfalls ehemaliger Gestapo-Angehöriger war.

Dieser gab an, sein Bruder Josef lebe mit seinen Eltern in Urbach bei Mühlhausen in der DDR. Staatsanwalt Beier aus Hamburg notierte dazu am 22. März 1962: »Blösche wohnt in Urbach/Thüringen (SBZ)«. Zugleich offenbarte er, warum die Feststellung ohne Folgen bleiben sollte: »Nach der Schwere der gegen ihn vorliegenden Belastungen muss damit gerechnet werden, dass Blösche, wenn gegen ihn in der SBZ ein Verfahren durchgeführt wird, zum Tode verurteilt werden würde.« Damit lag er gar nicht so falsch, denn die DDR bestrafte Nazi- und Kriegsverbrecher konsequent nach geltendem Völkerrecht, insbesondere gemäß dem Londoner Statut für das Nürnberger Internationale Militärtribunal (IMT) und den »Nürnberger Prinzipien«, entsprechend der Schwere der begangenen Verbrechen, letztendlich auch mit der Todesstrafe.

Im Juli 1962 einigten sich Staatsanwalt Beier und Oberlandesgerichtsrat Dr. Krüger, die DDR nicht über Blösche zu informieren, sondern eine politische Entscheidung über ein mögliches Rechtshilfeersuchen an die »Ostzone« abzuwarten. Hier muss ich einfügen, dass es zwischen der DDR und der BRD wegen der westdeutschen Alleinvertretungsanmaßung damals keine völkerrechtlich verbindlichen Rechtshilfevereinbarungen gab – auch nicht in Sachen Nazi- und Kriegsverbrechen, was dringend notwendig gewesen wäre.

Mit ihrer Verschleierungstaktik und der im Urteil gegen Klaustermeyer gerichtsnotorisch festgeschriebenen Falschaussage darüber, dass Blösche 1944 ums Leben gekommen sei, deckten BRD-Juristen damit den Nazi-Massenmörder Blösche, weil dieser in der DDR lebte. Nachdem die Ermittlungen gegen Hahn sich dahinschleppten, Klaustermeyer inzwischen 1965 verurteilt war, schrieb der Staatsanwalt beim Landgericht Hamburg, Below, an die Landesjustizverwaltung Hamburg: » Blösche ist Exzesstäter, schwer belastet, Maßnahmen zur Verfolgungsverjährung sind geplant.«

Auf Antrag von Below wurde am 4. Mai 1965 vom Amtsgericht Hamburg gegen Blösche Haftbefehl erlassen und Untersuchungshaft angeordnet. Die DDR wurde aber immer noch nicht informiert. Erst im April 1966 informierte die Oberstaatsanwaltschaft beim Landgericht Hamburg den Generalstaatsanwalt der DDR über ein Verfahren gegen Dr. Ludwig Hahn u. a., darunter den ehemaligen Angehörigen der Sicherheitspolizei (d. h. Gestapo) Josef Blösche. Eine Trennung und Abgabe des Ermittlungsverfahrens an die für Blösche örtlich zuständige Strafverfolgungsbehörde (in der DDR!) sei nicht zweckmäßig und es wurde die Überstellung des DDR-Bürgers Josef Blösche nach Hamburg mit dem Hinweis verlangt, weitere Informationen durch den zuständigen Sachbearbeiter wären erst Ende Juni 1966 möglich.

Am 27. Juni 1966 traf nun beim Generalstaatsanwalt der DDR aus Hamburg die beglaubigte Abschrift des Haftbefehles gegen Blösche ein, verbunden mit der Ankündigung der Übersendung eines »Sonderbandes Blösche«. Es folgten vier Seiten mit belastenden, aber nicht beweiskräftigen Angaben über Blösches Beteiligung an Erschießungen jüdischer Ghettoinsassen, wozu zwanzig Zeugenaussagen vorliegen würden. Im Juli 1966 bekräftigte die Staatsanwaltschaft Hamburg nochmals ihren Auslieferungsantrag, dem aus rechtlichen Gründen nicht statt gegeben werden konnte. Die DDR war ja schließlich keine zur BRD gehörende Provinz und Staatsbürger der DDR durften nach hier geltendem Recht nicht an andere Staaten ausgeliefert werden. Das ist übrigens auch in der BRD so geregelt.

Erst am 29. September 1966 traf beim Generalstaatsanwalt der DDR der angekündigte »Sonderband Blösche« ein. Er enthielt die (schlecht leserlichen) Kopien von Aussagen ehemaliger Warschauer Ghettoinsassen aus Israel, den USA, Australien, der BRD und Westberlin – hauptsächlich zu Einzelerschießungen durch einen Gestapoangehörigen namens Bleszer, Blecher oder Fleszer und teilweise Aussagen über dessen Beteiligung an der Ghettoliquidierung. Die Zeugen waren durch verschiedene Staatsanwälte, auch von BRD-Diplomaten vernommen worden.

Man gewann beim Lesen des besagten »Sonderbandes« den Eindruck, dass die Verfasser nicht ausreichend Sachkenntnis hatten, denn die Protokolle enthielten unzureichende Angaben zur Täteridentifizierung, zu den Tatzeiten, Tatorten und Tatumständen etc. Auch fehlten Angaben zu den Umständen der Zeugenwahrnehmungen. Tatbelastungen durch Dr. Hahn oder Klaustermeyer wurden ebenfalls nicht übermittelt. Trotz der bereits genannten Tatverschleierung und den offensichtlichen Versuchen, Blösche vor Strafverfolgung in der DDR zu schützen bzw. ihn einem hiesigen Verfahren zu entziehen, schmückte sich die Hamburger Staatsanwaltschaft später mit der Behauptung, erst durch ihre Initiativen sei die DDR gezwungen gewesen, Blösche strafrechtlich zu verfolgen. Dem muss ich entschieden widersprechen. Der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ein Antifaschist, dessen nächste Angehörige in Auschwitz ermordet wurden, erlangte 1965 offiziell Kenntnis von den Hamburger Ermittlungen gegen den in der DDR lebenden Blösche. Am 10. Dezember 1965 informierte Heinz Schenk, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde von Groß-Berlin, den Staatssekretär für Kirchenfragen der DDR darüber, dass Josef Blösche, geboren am 5. Februar 1912, wohnhaft in Urbach/Kreis Mühlhausen, im Warschauer Ghetto mehrere Juden ermordet habe und übergab zwei Fotos aus dem »Stroop Bericht«.

Diese Information gelangte über den Generalstaatsanwalt der DDR an die im MfS für operative Ermittlungen zu Nazi- und Kriegsverbrechen zuständige Hauptabteilung XX/2/3 und die Hauptabteilung IX/10. Nach sofort eingeleiteten Aufenthaltsermittlungen und der Bestätigung, dass eine Person namens Josef Blösche mit den angegebenen Personaldaten tatsächlich in der DDR lebte, wurde die operative Vorgangsbearbeitung zur Anzeigenüberprüfung aufgenommen.

Es begann die Suche nach Beweismitteln gegen Blösche. Dazu gehörten vor allem Recherchen in Archivunterlagen des MfS und der DDR sowie über das polnische Innenministerium bei der Hauptkommission für die Untersuchung von Nazi- und Kriegsverbrechen in Polen. Ein offizielles Rechtshilfeersuchen an die VR Polen war zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich, da noch kein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren eingeleitet worden war.

Die ersten Ermittlungen ergaben, dass Blösche als Anschläger (Bedienung des Schachtaufzuges) im VEB Kaliwerk Volkenroda arbeitete. Über seine Vergangenheit vor 1945 hatte Blösche angegeben, er sei Wehrmachtssoldat gewesen und in der Tschechoslowakei in Gefangenschaft geraten, die er in der Sowjetunion und in einem Kohlebergwerk der ČSR in Vitkovice/Ostrava verbrachte. 1946 erlitt er dort einen schweren Bergwerksunfall, bei dem er mit dem Kopf zwischen Förderkorb und Schachtwand geriet. Dadurch war er im Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Nach der Genesung übersiedelte Blösche nach Urbach in der damaligen sowjetischen Besatzungszone, wo seine Eltern und seine ältere Schwester als sudetendeutsche Umsiedler Wohnsitz gefunden hatten. Dort kannte ihn niemand. Kurze Zeit später tat er sich mit einer sogenannten Kriegerwitwe zusammen und hatte mit ihr zwei Kinder. Seine Frau betrieb in Urbach eine Konsum-Dorfverkaufsstelle mit kleiner Gastwirtschaft. Durch seine Entstellung im Gesicht und seine falschen Angaben über seine Vergangenheit konnte Blösche bis zu seiner Entdeckung unter seinem richtigen Namen unbehelligt leben. Seine Identifizierung war kompliziert und vorerst nahezu unmöglich. Erst bei der Hausdurchsuchung nach Blösches Festnahme wurden Zivilfotos von ihm aus der Zeit vor 1945 sichergestellt und mit diesen Fotos gelang eine eindeutige Personenidentifizierung durch ein Gutachten der Technischen Untersuchungsstelle des MfS, auch durch fotometrischen Vergleich mit Fotos von seinem entstellten Gesicht nach dem Bergwerksunfall.

Als Kriegsverbrecher war nach Blösche nicht gefahndet worden und sein Tatkomplize Klaustermeyer hatte sogar angegeben, Blösche sei im Krieg gefallen. Auch deshalb war Blösche vor 1965 nicht ins Blickfeld der zuständigen MfS-Organe geraten.

Unabhängig von den Hamburger Ermittlungen konnten durch das MfS bis Januar 1967 (mit Unterstützung der polnischen Organe) strafrechtliche Belastungen, das heißt Zeugenaussagen und Sachbeweise, erarbeitet werden, die den dringenden Tatverdacht gegen Blösche begründeten und seine Festnahme durch das MfS im Beisein eines Staatsanwalts als Vertreter des Generalstaatsanwaltes der DDR rechtfertigten. Blösche wurde am 11. Januar 1967 im Kaliwerk Volkenroda mit Haftbefehl festgenommen und anschließend in die zentrale Untersuchungshaftanstalt des MfS in Berlin-Hohenschönhausen überführt. Das Ermittlungsverfahren wurde zunächst bis zum Sommer 1967 durch Hauptmann Harry Hesche bearbeitet. Er schied jedoch aus gesundheitlichen Gründen aus und verstarb. Danach lag die Bearbeitung des Untersuchungsvorganges bis September 1967 in den Händen des Stellvertretenden Abteilungsleiters, Hauptmann Horst Bauer. Ich übernahm als 25-jähriger Leutnant und frischgebackener Untersuchungsführer in der HA IX/10 das Ermittlungsverfahren ab Oktober 1967.

Blösche war damals 55 Jahre alt, gerade mal zwei Jahre älter als mein Vater. Während allerdings mein Vater als Reichsbannermann der Sozialdemokraten bis 1933 in politischen bis handfesten Streit mit den aufkommenden Nazis geriet, zeichnete sich Blösche zu dieser Zeit bereits als sudetendeutscher Nazischläger gegenüber tschechischen und deutschen Antifaschisten in seinem Heimatort Friedland aus. Diesen Unterschied wusste ich wohl zu würdigen. 1960 in der Bezirksverwaltung des MfS Leipzig als Soldat eingestellt, wurde ich überraschend im September 1967 als operativer Mitarbeiter zur HA IX/ 10 versetzt. Bis dahin hatte ich mit Nazi- und Kriegsverbrechen nichts zu tun. Meine Kenntnisse beschränkten sich auf Literatur und Presseveröffentlichungen. Meine neue Abteilung umfasste damals den Leiter, Stellvertreter, Sekretärin und mit mir drei Untersuchungsführer. Ich wurde unter Anleitung von Horst Bauer zügig in Fragen der Untersuchungstätigkeit und Vernehmungstaktik eingearbeitet. Dazu gehörte auch, viel Fachliteratur zu lesen und abgeschlossene Vorgänge zu studieren – und mich natürlich besonders intensiv mit dem geltenden DDR-Straf- und Strafprozessrecht zu befassen.

Blösche wurde gleich nach der Festnahme mit dem ihn belastenden Bild aus dem »Stroop Bericht« konfrontiert, dass er tatsächlich vorher noch nicht gesehen hatte. Er gab sofort zu, auf dem Bild während seines Einsatzes bei der endgültigen Liquidierung des Warschauer Ghettos abgebildet zu sein und bestätigte das handschriftlich auf der Rückseite. Er kannte auch den »Stroop-Bericht« nicht. In der Folgezeit war er im Wesentlichen geständig, nachdem er mit Tatvorwürfen konfrontiert wurde. Er machte Aussagen über seine Teilnahme an Massendeportationen und einigen Massenerschießungen.

Das alles hätte er, wie er aussagte, aus seinen Erinnerungen »überschattet«, er meinte damit massiv verdrängt. Auch versuchte er ständig, die Anzahl der Opfer niedrig zu halten. Das betraf vor allem die Anzahl der von ihm eigenhändig Getöteten. Überraschend machte er von sich aus Aussagen zu seinem Einsatz als Angehöriger eines Einsatzkommandos der Sipo und des SD nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 im Raum Baranowitschi und seine Teilnahme an drei Erschießungsaktionen, wobei er nur wenige Personen eigenhändig getötet hätte. Das war für uns neu, und es gelang uns nicht, außer seinen Aussagen, Beweise zu diesen Erschießungen zu erhalten. Da er das nicht wusste, hielt er seine Aussagen bis zuletzt aufrecht.

Auf der Grundlage sorgfältiger Untersuchungs- und Vernehmungsplanung vernahm ich Blösche zwei- bis dreimal wöchentlich über jeweils sechs Stunden (von 8 bis 13 Uhr und von 14 bis 17 Uhr).

Ich war auch verantwortlich für die Suche und Auswertung weiterer Beweise, besonders im Archiv der HA IX/11. Im Spätherbst 1967 lagen dann die Ergebnisse unseres an die Generalstaatsanwaltschaft der VR Polen gestellten Rechtshilfeersuchens mit umfangreichen Zeugenvernehmungsprotokollen von noch in Polen lebenden Überlebenden des Warschauer Ghettos vor. Diese waren wesentlich aussagekräftiger als die im Hamburger »Sonderband Blösche«. Die Zeugenaussagen konnten in einigen Fällen den von Blösche vorher gemachten Aussagen zugeordnet werden. Sie betrafen sowohl seine Teilnahme an Massendeportationen- und -erschießungen, aber auch brutal und grausam von ihm wahllos durchgeführten Einzelerschießungen bei seinen Streifen im Warschauer Ghetto.

Blösche hatte ja bis dahin versucht, nicht als grausamer Täter dazustehen. Auch hätte er alle Erschießungen und Deportationen nur auf Befehl begangen. Daran mag er wohl geglaubt haben, aber Berufung auf Befehlsnotstand als Strafausschließungsgrund war schon im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess ausgeschlossen worden und das galt auch in der DDR.

Nachdem die Beweismittel aus Polen vorlagen, konnten die Vernehmungen Blösches zu den konkreten Tatbeiträgen sowie zum kriminalistischen und strafrechtlichen Nachweis seiner Schuld bei seiner Teilnahme an Massen- und Einzelverbrechen konkreter fortgesetzt werden. Dabei zeigte er sich im Großen und Ganzen geständnisbereit. Wobei er aber bei seiner Einlassung blieb, den Anblick von Leichenbergen bei Massenerschießungen und den Leichengeruch bzw. den Geruch bei der Verbrennung der Leichen im Ghetto habe er später »überschattet«.

Er gestand aber auch ein, während seiner Tätigkeit vom Sommer 1942 bis Mai 1943 in der Gestapo-Außendienststelle im Warschauer Ghetto gemäß Befehl des Leiters, SS-Untersturmführer Brandt, gehandelt zu haben. Dieser habe befohlen: »Geht mal ins Ghetto, macht ein bisschen Remmidemmi und erschießt ein paar Juden

Daraufhin sei Blösche mit seinen Mordkumpanen Klaustermeyer oder Rührenschopf mit der Fahrradrikscha durch das Ghetto gefahren und habe wahllos Ghettoinsassen erschossen, wie das auch Zeugen aussagten. Deren Aussagen bestritt er generell nicht, konnte oder wollte sich aber meist angeblich nicht erinnern und räumte ein, es könne so gewesen sein. Bei den Vernehmungen zu seiner Teilnahme an den drei großen Massendeportationsaktionen aus dem Ghetto zur Vernichtung in Treblinka und Auschwitz gestand er, über die Zielstellung der Vernichtung Bescheid gewusst und entsprechend gehandelt zu haben. Er hatte gute Ortskenntnisse vom Ghetto und war schließlich geständig, zielgerichtet nach versteckten Juden gesucht und dabei bzw. beim Abtransport zum »Umschlagplatz« Alte, Kranke, Mütter mit Kleinkindern und Schwangere erschossen zu haben, von denen er annahm, dass sie den Transport sowieso nicht überstehen würden.

Aus meiner Erkenntnis im Ermittlungsverfahren gegen Blösche gehe ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon aus, dass alle auf dem bereits beschriebenen Foto von Blösche mit Maschinenpistole abgebildeten jüdischen Männer, Frauen und Kinder – insgesamt etwa 2.000 Menschen – von ihm und weiteren vier bis fünf Mordschützen am Tage der Aufnahme des Fotos in den zwei Höfen des Gebäudekomplexes des »Judenrates« im Warschauer Ghetto erschossen wurden, auch wenn das von anderen Leuten mitunter anders dargestellt wird. Blösche hat darüber ausgesagt und eigenen Angaben zufolge bei dieser Massenerschießung reihenweise Juden unterschiedlichen Geschlechts und Alters mit seiner MPi »Bergmann« sowie Pistole »Walther« erschossen.

Die Leichen wurden durch das jüdische Leichenkommando gestapelt und anschließend verbrannt. Zuletzt wurde unter Blösches Beteiligung das jüdische Leichenkommando erschossen. Der diesem Kommando angehörende Zeuge Szymon Kraus konnte sich totstellen und später aus dem Ghetto fliehen.

Ich erinnere mich noch gut an diesen Zeugen, einen einfachen Arbeiter aus Warschau, der am Erfurter Prozess gegen Blösche aussagte und im Gespräch mit uns, bei einer Tasse Kaffee, mit unserer Hilfe versuchte, Abstand zu gewinnen. Bei ähnlicher Gelegenheit konnte ich mich auch mit dem Zeugen Marek Edelman unterhalten. Dieser Herzchirurg aus Lodz war einer der legendären Kommandeure des Warschauer Ghettoaufstandes.

Bis heute unverständlich ist mir hingegen, warum sich der von Heribert Schwan in dem bereits erwähnten Buch und Film als bedeutsamer Zeitzeuge zu den Verbrechen im Warschauer Ghetto präsentierte Marcel Reich-Ranicki nicht als Zeuge im Verfahren gegen Blösche zur Verfügung stellte. Ich weiß es nicht – und Reich-Ranicki hat sein Wissen mit ins Grab genommen. Auffällig ist für mich, dass er Blösche nicht genannt hat und vom Autor auch nicht zu ihm befragt wurde. Mir ist aus Aussagen von Blösche bekannt, dass sein damaliger Dienststellenleiter Brandt oft einen Angestellten bzw. Dolmetscher der Ghettoselbstverwaltung – dem »Judenrat« – zum Befehlsempfang bestellte. Es war Marcel Reich-Ranicki, der auch manchmal seine Ehefrau mitbrachte. Bei den Verhandlungen ging es um festzulegende Zahlen und Termine der vorgesehenen Deportationsaktionen und damit verbundene Weisungen an den »Judenrat«. Reich- Ranicki muss folglich Blösche gekannt haben und über seine Verbrechen informiert gewesen sein.

Blösche sagte aus, dass er sich nach seinen Ghettoeinsätzen regelmäßig betrank. Deshalb sei es oft zu Auseinandersetzungen mit seiner damaligen Verlobten, Susanne Held, gekommen. Diese war Kanzleiangestellte bei der Gestapo in Warschau. Mit ihr bewohnte er gemeinsam ein Zimmer in der Dienststelle. Sie lebte nach 1945 in Westdeutschland und war im Verfahren gegen Dr. Hahn in Hamburg als Zeugin vernommen worden. 1948 hatte sie Blösche in Urbach aufgesucht und zur Übersiedlung in den Westen überreden wollen. Er entschied sich aber fürs Hierbleiben bei seiner neuen Familie.

Vor und nach seiner Tätigkeit im Warschauer Ghetto hat Blösche von 1941 bis 1944 an mehreren Aktionen, das heißt »Razzien« nach polnischen Widerstandskräften, deren Festnahmen, Zuführungen zu Vernehmungen in das berüchtigte Warschauer »Pawiak-Gefängnis« mitgewirkt. Er machte auch Aussagen darüber, dass der Kommandeur der Sipo und des SD Warschau, Dr. Hahn, mehrfach im Warschauer Ghetto war und »Aktionen« befehligte, so auch bei der endgültigen Liquidierung des Ghettos. Im Offizierskasino der Warschauer Dienststelle war Blösche einige Male als Kellner zur Bedienung von Dr. Hahn eingesetzt. Dieser zeichnete Blösche persönlich mit dem Kriegsverdienstkreuz aus, nachdem er 1943 von einem polnischen Widerstandskämpfer angeschossen worden war.

Im August 1944 wurde Blösche bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes eingesetzt und Anfang 1945 war er Angehöriger eines Einsatzkommandos zur Bekämpfung der Partisanenbewegung in der Slowakei. Um nicht als Gestapoangehöriger erkannt zu werden, beschafften sich Blösche und seine Kumpane Wehrpässe und Uniformen der Wehrmacht, bevor sie bei Pisek/ČSR von den US-Amerikanern gefangen genommen und später der Sowjetarmee übergeben wurden.

Ende 1968 schloss ich den Untersuchungsvorgang zu Blösche mit einem 147-seitigen Schlussbericht ab, der der zuständigen Staatsanwaltschaft übergeben wurde. Ursprünglich wollte Generalstaatsanwalt Dr. Dr. h.c. Streit selbst die Anklage vor dem Obersten Gericht der DDR vertreten. Offensichtlich wegen der Haltung der DDR-Führung zur Kriegspolitik des Staates Israel – es sollten ja auch Zeugen aus Israel im Prozess auftreten – entschied man sich aber, die Sache vor dem örtlich für Blösche zuständigen Bezirksgericht Erfurt zu verhandeln. Wie ich während des sieben Verhandlungstage bis zum Urteil am 30. April 1969 andauernden Prozesses feststellen konnte, hatten sich Bezirksstaatsanwalt und Bezirksgericht gut in die Sache eingearbeitet. Die Bezirksverwaltung des MfS sicherte materiell die Prozessdurchführung umfangreich ab, insbesondere die Unterbringung und Betreuung der Zeugen.

Das Bezirksgericht Erfurt ging davon aus, dass sich im Warschauer Ghetto während seiner Existenz von 1940 bis Mai 1943 etwa 500.000 Menschen befanden und dort etwa 27.000 Wohnungen vorhanden waren. Das Ghetto wurde eingemauert und hauptsächlich von SS-Polizei-Einheiten bewacht. Im Ghetto befand sich eine Gestapo-Außendienststelle, die zeitweise vom Leiter des Judenreferates Brandt und den Gestapoangehörigen Klaustermeyer, Hoffmann, Rührenschopf und Blösche besetzt war. In dreieinhalb Jahren starben im Ghetto etwa 100.000 Menschen an Hunger und Krankheiten. Im Juli 1942 war der Beginn der bis Oktober dauernden Deportationsaktionen. Mehr als 310.000 jüdische Menschen wurden aus Warschau in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt, vergast, erschossen und verbrannt. Vom 18. bis 22. Januar 1943 erfolgte die Deportation von weiteren 6.500 Juden nach Treblinka, musste aber wegen Gegenaktionen der jüdischen Widerstandsbewegung abgebrochen werden. Vom 19. April bis 16. Mai 1943 erfolgte die endgültige Liquidierung des Warschauer Ghettos, bei der 56.000 jüdische Menschen entweder im Ghetto oder nach Deportation in das Vernichtungslager Treblinka ermordet wurden. SS-General Stroop berichtete seinem Reichsführer-SS Himmler nach dem Schlussakt, der Sprengung der jüdischen Synagoge: »Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk Warschau mehr Auf den Trümmern des Ghettogeländes wurde ein Konzentrationslager errichtet.

Blösche war ab Juli 1942 an allen diesen Aktionen zur Vernichtung der Warschauer Juden beteiligt. Er galt als Schrecken des Ghettos, war skrupellos und als guter Schütze unter seinesgleichen bekannt. Von der vom Hitler-Regime verkündeten Notwendigkeit der Vernichtung der Jüdischen Rasse war er zutiefst überzeugt. Dazu war er als SS-Mann systematisch erzogen worden und danach handelte er – das begann 1939 mit seiner Ausbildung an der Gestapo-Grenzpolizeischule Pretzsch, erfolgte nach der Versetzung zur Dienststelle des Kommandeurs der Sipo und SD Warschau/Abteilung Gestapo, wurde fortgesetzt 1940/41 bei der Gestapo-Dienststelle Grenzpolizei-Kommissariat Siedlce/Posten Platerow, beim Einsatzkommando der Sipo und des SD in der Sowjetunion und schließlich im Rahmen seines Einsatzes zur Vernichtung der Warschauer Juden.

Das Bezirksgericht Erfurt verurteilte zum Tode. Im Urteil hieß Blösche hieß es: »Der Angeklagte hat mit seinem verbrecherischen Handeln schwerste Schuld auf sich geladen. Von ihm und seinen Komplizen wurden tausende Menschen kaltblütig ermordet. Seine Grausamkeit und seine Brutalität kannten keine Grenzen. Er war einer der erbarmungslosesten SS- Henker im Warschauer Ghetto.

Unermessliches Leid hat er den Bewohnern zugefügt. Menschliches Verhalten war ihm fremd. Das Leben dieser Menschen galt ihm nichts. Die Leiden und Qualen der ihm hilflos Gegenüberstehenden waren ihm Befriedigung, wie mehrere Zeugen bekundeten. Mit keinem seiner Opfer zeigte er Erbarmen, selbst mit Kindern und schwangeren Frauen nicht.

Die jüdischen Bürger wurden bei ihm zum bloßen Gegenstand, an dem er seine totale Bejahung zum Faschismus unter Beweis stellen konnte. Ihm kam es nur darauf an, seinen Vorgesetzten unbedingten Gehorsam zu leisten und zu jeder Zeit unter Beweis zu stellen, dass sie sich voll auf ihn verlassen können. Er wollte eine echte Stütze der Nazi-Diktatur sein

Wie erbärmlich nehmen sich angesichts dieses Urteils die Auslassungen eines für seine Hasstiraden gegen die DDR und das MfS hinlänglich bekannten Dr. Hubertus Knabe in der Südthüringer Zeitung vom 19. November 2005 aus. Der Leiter der »Stasi«-Gedenkstätte in Hohenschönhausen orakelte: »Zum Beispiel ist der Fall Blösche bekannt … Man ließ Blösche hinrichten, um sich als antifaschistischer Musterstaat darstellen zu können. Die DDR ist schon deshalb als Vorbild völlig ungeeignet, weil sie selber eine Diktatur war, die die Methoden der Nationalsozialisten in vielem fortschrieb. Wenn ein Verbrecher einen anderen erschießt, hat das mit strafrechtlicher Aufarbeitung nichts zu tun

Im Zusammenhang mit dem Untersuchungsvorgang gegen Blösche ermittelte ich weitere noch in der DDR lebende ehemalige Gestapoangehörige, die wie Blösche in Warschau tätig gewesen waren. Nicht zu allen gelang es uns, ihre unmittelbare Tatbeteiligung an Nazi- und Kriegsverbrechen strafprozessual beweiskräftig nachzuweisen. Unter den Ermittelten befanden sich die Blösche bekannten Personen Mally, Richter und Langer. Der ehemalige SS-Oberscharführer und Gestapobeamte Edmund Langer, gegen den ich mein letztes derartiges Ermittlungsverfahren bearbeitete, hatte sich in der DDR so raffiniert tarnen können, dass er es bis zum Kreisstaatsanwalt in Schwerin-Land bringen konnte. Er war nicht geständig, wurde aber der Begehung umfangreicher Kriegs- und Menschlichkeitsverbrechen überführt und am 28. Februar 1974 vom Bezirksgericht Potsdam zu lebenslangem Freiheitsentzug verurteilt. Er befand sich zum Ende der DDR noch im DDR-Strafvollzug und wurde nach 1990 von dem aus der BRD importierten Justizminister Brandenburgs, Bräutigam, aus » humanitären Gründen« aus der Haft entlassen und konnte bei seiner Tochter in Westdeutschland seinen Lebensabend samt Rente genießen.

Ebenfalls zu lebenslanger Haft verurteilte das Bezirksgericht Potsdam am 18. Juli 1974 Willi Richter. Bei Karl Mally wurden die im Zuge seiner operativen Bearbeitung beigebrachten Beweismittel für eine Anklageerhebung wegen Tatbeteiligung an Nazi-Verbrechen als nicht ausreichend befunden. Er hatte zwar eingestanden, dass er an der Durchkämmung nach versteckten Juden beteiligt war, aber nur fünf bis sechs Verhaftete zur Sammelstelle gebracht habe. Von Erschießungen habe er zwar gehört, diese jedoch weder gesehen noch erfahren, wo diese stattgefunden haben. Wegen Mangel an Beweisen und fehlender Aussicht auf Erfolg ist die weitere Bearbeitung eingestellt worden. Da Mally Mitglied der SED war, wurde die Kreisleitung Jena-Stadt informiert und Mally daraufhin aus der Partei ausgeschlossen.

Mir wurde und wird oft die Frage gestellt, was Blösche für ein Typ war und wie ich mich fühlte, wenn ich in dem kleinen Vernehmer-Zimmer einem Manne gegenübersaß, von dem ich wusste, dass er an der Deportation von über 310. 000 Menschen ins Vernichtungslager beteiligt war, sie mit in den Tod schickte und selbst mindestens 2.000 Menschen ermordete. Ich verhielt mich sachlich und professionell als Vernehmer. Natürlich verstand ich (ohne es zu billigen), warum er, der mit Ach und Krach die achte Klasse geschafft hatte und aus einfachsten Verhältnissen kam – Blösche arbeitete bei seinem gestrengen Vater, der Landwirt war und eine kleine Gastwirtschaft betrieb – aus diesem Milieu herauswollte und, auch um Karriere zu machen, im Herbst 1939 bei der Geheimen Staatspolizei anfing.

Hinzu kam, dass er mit seinem völlig entstellten Gesicht durchaus Mitleid erregen konnte. Aber seine schon an Servilität grenzende Unterwürfigkeit, die er sich bei den Nazis angeeignet hatte, und mehr noch sein kalter Blick, wenn ich ihn wieder eines Verbrechens überführt hatte, stießen mich ab. Nicht minder seine Weinerlichkeit. Er vergoss Tränen nicht über seine Opfer, sondern aus Selbstmitleid. Dennoch: Trotz allen Hasses, den ich nicht zeigen durfte, behandelte ich ihn korrekt. Während des Ermittlungsverfahrens wurde er nicht als Monster und SS-Bestie behandelt.

Wenn es um individuelle Schuld und Verantwortung ging, musste man als Untersuchungsführer in einem Staat mit antifaschistischem und humanistischem Anspruch immer auch den gesellschaftlichen Kontext sehen und stets die Frage im Hinterkopf haben: Warum handelten Menschen so, wie sie handelten? Welche Motive hatten sie, welche ihr strafbares Handeln begünstigenden oder entlastenden Umstände lagen vor? Auch das hatte ich als Untersuchungsführer aufzuklären.

Blösche stellte mir mehrmals die Frage, wie meine Meinung über die ihn zu erwartende Bestrafung sei, wobei er das zumeist mit der Bemerkung versah, es habe doch alles keinen Zweck, er müsse mit der Todesstrafe rechnen. Ich hielt mich mit Wertungen zurück, sagte ihm aber, er solle doch auch darüber nachdenken, welche Rolle er als »kleiner Unterscharführer« im Gefüge der Gestapo gespielt habe und dass er es seinen Opfern schuldig sei, alles offenzulegen. In der DDR-Rechtssprechung und Strafzumessung gebe es durchaus Diffenzierungen. Es sei auch möglich, dass vom Gericht seine Geständnisbereitschaft gewertet werden könnte.

Ich tat also alles Mögliche, um ihn »bei der Stange zu halten«, und ich konnte während der gesamten Untersuchung erreichen, dass er seine Aussagen nicht widerrief. Dazu trug natürlich auch bei, dass bei den Vernehmungen alles »wasserdicht« protokolliert wurde und Blösche zu seinen Taten persönliche Niederschriften anfertigte. Bei den Vernehmungen hing ständig ein großer Plan vom Warschauer Ghetto im Vernehmungszimmer, auf dem er die Tatorte zeigte.

Ohne dass zu ihm aufgrund der regelmäßigen Vernehmungen so etwas wie eine besondere Nähe entstand, vertraute mir Blösche, wie ich den Eindruck hatte, als Offizier und Respektsperson. Ich hatte das Vertrauen des Beschuldigten gewonnen, indem ich sachlich, ohne Emotionen und Wertungen seine Aussagen zu Protokoll nahm. Er wollte über seine Verbrechen reden und ich vermied es weitgehend, mit ihm zu streiten. Basierend auf meinem inzwischen angeeigneten Sachwissen forderte ich ihn immer wieder konsequent auf, detaillierte Aussagen zu machen. Natürlich schufen wir auch zur Aufrechterhaltung seiner Aussagebereitschaft die notwendige Vernehmungssituation. Uns kam es darauf an, dass wir gegenüber Blösche, im Gegensatz zu den ihm bekannten Vernehmungspraktiken der Gestapo bis hin zu mörderischer Folter, unsere humanistische Haltung stets demons­trativ zeigten. Und so bekam er im Vernehmungszimmer auch Kaffee und Zigaretten. Nebenbei bemerkt: Er verweigerte meine »F6«-Zigaretten und blieb bei der Sorte »Karo«. Dazu brachte er einen aus Stanniol der Zigarettenschachteln in seiner Zelle gefalteten »Aschenbecher« mit, um nicht den des Untersuchungsführers benutzen zu müssen. Wöchentlich bekam er von mir Zeitschriften wie NBI, Eulenspiegel, Garten- und Kleintierzucht und wenn er wollte, konnte er auch mein Neues Deutschland lesen.

Wir achteten auch darauf, dass er zum Geburtstag und an Feiertagen eine den besonderen Bedingungen angemessene Extra-Verpflegung bekam, wie das eigentlich auch bei anderen Untersuchungshäftlingen in der UHA des MfS in Berlin-Hohenschönhausen übliche Praxis war. Er schrieb monatlich an seine Frau und erhielt vierteljährlich Besuchserlaubnis. Beim Briefeschreiben befragte er mich sogar manchmal um Rat. Im Haftkrankenhaus bekam er – wie übrigens viele andere Untersuchungshäftlinge auch – einen exellenten Zahnersatz angefertigt.

Natürlich bewegten mich nach den Vernehmungen die Verbrechen Blösches im Warschauer Ghetto. So etwas kann man nach Dienstschluss einfach nicht vergessen. Meine psychischen Belastungen waren damals so stark, dass ich manchmal sogar von Erschießungen träumte. Ich behielt diese Emotionen für mich und unterdrückte sie, ließ mir auch gegenüber meiner Familie nichts anmerken. Gespräche darüber führte ich nur mit den Genossen meiner Abteilung, die ja in ihrer täglichen Arbeit in gleicher Lage waren.

Ich ordne das von mir bearbeitete Ermittlungsverfahren gegen Blösche in die Vielzahl der Verfahren ein, die Untersuchungsführer des MfS seit 1950 gegen Nazi- und Kriegsverbrecher bearbeitet haben. Über die jedoch heute durch »Stasi-Jäger«, »Geschichtsaufarbeiter« und »Vergangenheitsumdeuter« sowie durch jene, für die die DDR ein sogenannter Unrechtsstaat war und die das MfS mit der Gestapo gleichsetzen, in Wort und Schrift kaum wahrheitsgemäß berichtet wird. Und nicht zuletzt deshalb setze ich mich zusammen mit anderen Mitstreitern nachdrücklich dafür ein, dass die Wahrheit darüber in den sogenannten »Stasi-Gedenk-, Erinnerungs- und Lernstätten« in ehemaligen Untersuchungshaftanstalten des MfS umfassend dargestellt wird und nicht nur dort eine wahrhaftige und ehrliche Geschichtsdarstellung erfolgt.

 

 

Inoffizielle Mitarbeiter, Quellen und Bekehrte

 

Deckname »Tasso« oder

Ich war IM seit 1961

 

Von Wolfgang Clausner (1927-2013)

 

Unter dem Titel »SPUREN LESEN. Autobiografische Notizen. Rückblick und Besinnung 1990/1997/2007-08« (begonnen in Berlin am 15. November 1990, als gekürzte Fassung fertig gestellt in Schwerin, 1. November 2008) hat Wolfgang Clausner seine Lebenserinnerungen in dreißig Kapiteln niedergeschrieben. Er widmete sie allen, »die mir nahe waren, die nachfolgen werden«. Eine von ihm überarbeitete und gekürzte Fassung (2008) wurde in zwanzig Exemplaren gedruckt.

Im Kapitel XXII berichtet er unter der Überschrift »Deckname Tasso« über seine Zusammenarbeit mit dem MfS als Inoffizieller Mitarbeiter (IM). Darin war auch seine Ehefrau einbezogen. Seine Lebenserinnerungen widerspiegeln die Erfahrungen, Erlebnisse und Einschätzungen eines engagierten DDR-Bürgers, eines leidenschaftlichen Kommunisten und Internationalisten, eines weitsichtigen gesellschaftspolitischen Analytikers, eines exzellenten Journalisten und Buchautors. Seine Aussagen sind sachlich, ehrlich, tiefgründig, kritisch und selbstkritisch.

Wolfgang Clausner, Sohn eines Kranführers aus Chemnitz in Sachsen, wurde bereits mit 14 Jahren Vollwaise. Im November 1944 kam er 17-jährig zur faschistischen Wehrmacht, geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde als Minderjähriger Ende August 1945 nach Hause entlassen. Wolfgang gehörte zur Gründergeneration der FDJ (1946), wurde Mitglied des Zentralrates, verantwortlich für Pressearbeit, war zehn Jahre lang Redakteur bei der Tageszeitung Junge Welt und danach fünf Jahre bei der Wochenpost. Danach war er – von der ersten Auflage am 1. November 1968 bis zu ihrer Einstellung mit Ausgabe 24/1991 – stellvertretender Chefredakteur des horizont, der DDR-Zeitschrift für internationale Politik und Wirtschaft.

In diesen Funktionen gewann er tiefe Einblicke in das Wirken der SED- und Staatsführung der DDR und machte umfangreiche Auslandserfahrungen, worüber er in seinen Lebenserinnerungen ausführlich berichtet.

Im Vorwort schreibt er unter dem Titel »Beweggründe«, warum er zur Feder griff. »Irgendwann begann ich mich zu fragen, warum eigentlich nicht wir ›kleinen Leute‹ uns das Recht nehmen (und die damit verbundene Mühe übernehmen) sollten, … Memoiren zu schreiben, sie fortzuführen von Generation zu Generation … Mitte November 1990 begann ich mit der Niederschrift. Diesen Zeitpunkt be­stimmten nicht nur für mich tragische geschichtliche Vorgänge. Die mit Einsetzen der Gorbatschowschen Perestroika 1985 mehr als unkalkulierbares Risiko denn als Erneuerungschance erahnte Entwicklung führte in immer rasanterem Tempo zu irreparablen Ergebnissen. Zersetzungs­erscheinungen in den Ländern des ›realen Sozialismus‹ und seiner Führungsmacht UdSSR erreichten das Stadium völligen Zusammenbruchs. Damit ging 1990 auch die Deutsche Demokratische Republik unter, der Staat, den meinesgleichen als sozialistische Alternative auf deutschem Boden gewollt, geschaffen und – trotz mancher Abstriche – so verstanden hatten. Für diejenigen meiner Generation, die ihr ganzes bewusstes Leben in diesem nun untergegangenen Land verbrachten, sich für sein Gedeihen engagierten, seine nicht geringen sozialen und menschlichen Vorzüge mit erarbeiteten und eine eigene, eben die DDR-Identität erworben hatten, war das eine Katastrophe. Weit davon entfernt, die Vergangenheit geistig schon bewältigt zu haben, kann ich nicht anders, als aus der Sicht eines DDR-Bürgers zu werten. Insofern bin ich nicht unbefangen. Doch mir ist es ernst um ehrliche Sinnsuche meines Lebens.

Diesen Sinn ergründen könnte mir nicht gelingen, wollte ich aus der Liquidierung unseres politischen Lebenswerkes schlussfolgern, diese 45 Jahre vergebens gelebt zu haben. Aber in mir ist eine Gewissheit: Nicht alle Saatkörner, die wir in den Boden brachten, werden verdorren oder sich als taub erweisen. Die nach uns die Felder menschlichen Zusammenlebens bestellen, werden – anders als wir – schließlich ernten können. Wenn sie nicht wiederholen, wo wir falsche Wege gingen.

Das Ende der DDR bedeutete für mich zugleich Schlusspunkt meines Arbeitslebens. Im Alter von 62 Jahren aus dem Beruf ausgestoßen, konnte ich drei Jahre vor Erreichen des Rentenalters mit diesem ›Lebensresümee‹ beginnen.

Eine Vorbemerkung noch: Memoiren können ein Menschenleben nicht vollständig widerspiegeln. Und wer über sich Auskunft gibt, berichtet unvermeidlich subjektiv. Bemühen um Wahrheitstreue und selbstkritische Wertung sind damit nicht ausgeschlossen. Wer will, kann Wesentliches des eigenen Ich, des gegangenen Weges der Nachwelt ehrlich vermitteln. Ich will es

Als entlassener Journalist und ungewollter Vorruheständler setzte Wolfgang Clausner seine journalistischen Aktivitäten fort mit aufklärenden und inhaltsreichen politischen Beiträgen u. a. in den Weißenseer Blättern und vor allem im RotFuchs.

Mit Wolfgang waren wir und andere ehemalige MfS-Mitarbeiter der Aufklärung und Abwehr bis zu seinem Tode eng und fest verbunden, die Beziehungen waren von einem tiefen Vertrauen geprägt. Er wusste nicht nur von unserem Wirken, mit Publikationen offensiv gegen Hetze und Verleumdung des MfS und gegen die Geschichtsfälschungen über die DDR vorzugehen. Wo und wie er nur konnte, hat er uns darin inhaltlich unterstützt und vor allem auch immer wieder Mut gemacht. Ausdrücklich gab er uns seine Zustimmung, Einschätzungen und Aussagen aus seinen Lebenserinnerungen dafür zu nutzen.

Bis zuletzt haben wir mit ihm in Gesprächsrunden in Schwerin, per Briefpost, mittels Emails bzw. Telefon über konkrete Projekte, deren Inhalte und Herausforderungen debattiert, Ausarbeitungen besprochen und seine Hinweise aufgenommen. Dabei spürten wir, wie er das auch für sich selbst, für seinen Widerstand gegen die zunehmenden gesundheitlichen Belastungen, erst recht nach dem Tode seiner Ehefrau, seiner Kampfgefährtin, brauchte. Er freute sich nicht nur, er war stolz auf die »Runde mit meinen Berliner Freunden und Genossen«.

Nicht nur mit der Aufnahme der Auszüge aus seinen Lebens­erinnerungen erfüllen wir das Vermächtnis von Wolfgang Clausner.

Die Herausgeber

 

Als mein Chefredakteur mich an einem Junitag des Jahres 1978 zu sich rief und seiner Sekretärin sagte, sie möge dafür sorgen, dass niemand unser Gespräch stören könne, war mir klar: Da musste es um Außergewöhnliches gehen. In meiner Annahme bestärkte mich die Art und Weise, wie Ernst-Otto Schwabe sich anschickte, mir ein Projekt schmackhaft zu machen. An meine öfter geäußerten Klagen wegen unzureichender journalistischer Betätigungsmöglichkeiten »als Schreiber« anknüpfend, deutete er an, es könne da unter Umständen eine größere Arbeit geben, für die ich als Autor in Betracht käme und die möglicherweise mein Interesse fände. Allerdings handle es sich um eine Thematik, für deren journalistische Bearbeitung das Vertiefen in streng vertrauliches Quellenmaterial nötig sei. An diesem Material habe der politische Gegner größtes Interesse. Es müsse gewährleistet werden, dass es unter keinen Umständen in unbefugte Hände komme. Diese Arbeitsunterlagen dürften die Redaktionsräume nicht verlassen. Das Manuskript könne nicht, wie oft praktiziert, in Heimarbeit geschrieben werden. Der Autor müsse sogar sein redaktionelles Arbeitszimmer verschlossen halten, wäh­rend er mit diesen Unterlagen arbeitete. Und vor Feierabend seien diese im Safe des Chefredakteurs zu verwahren …

Mit jedem dieser Sätze wuchs meine Neugier. Von den Initiatoren besagten Projektes stamme die Anregung, Wolfgang Clausner als Autor zu gewinnen. Ihn schätze man als fähigen und absolut vertrauenswürdigen Journalisten. Hier nun wechselte mein »Vorturner« (wie der Chefredakteur vom horizont-Redaktionsvolk salopp genannt wurde) von wortreicher Vorbereitung zu präziser Aussage: Es ginge um einen größeren Report, der sich mit dem staatsfeindlichen Menschenhandel befasst, wie er von kriminellen Menschenhändlerbanden in der BRD und Westberlin betrieben wird, um das »Ausbluten« der DDR mittels sogenannter Fluchthilfe zu forcieren. Um ihnen das Handwerk zu legen oder zumindest spürbar zu erschweren, sei eine öffentliche Entlarvung des Treibens der Menschenhändler wünschenswert. Den Auftakt solle ein Report über die in bundesdeutschen Medien als »größte Fluchthilfeorganisation« gefeierte Bande eines Kay Mierendorff bilden, der von Westberlin, Hamburg und Bad Tölz aus seine Agenten einsetzt.

Reichhaltiges Material stünde zur Verfügung: Observierungsberichte, Protokolle von Verhören verhafteter Menschenhändler, Kopien gefälschter Dokumente wie Fahrzeugpapiere, Pässe, Lieferscheine, Fotos von sichergestellten Fahrzeugen, die speziell zum illegalen Verbringen von Fluchtwilligen präpariert waren, schließlich Protokolle von Gerichtverhandlungen samt Urteil und Begründungen. Alle diese Unterlagen würden von der Presseabteilung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR zur Verfügung gestellt.

Ich nahm das Angebot an. Die Thematik erschien mir nicht bloß journalistisch reizvoll, ebenso zog sie mich ihres politischen Gewichts wegen an. Was ich noch nicht absehen konnte war der Umfang, den dieses Unternehmen nach dem Mierendorff-Auftakt schließlich annehmen sollte; nicht zuletzt wegen seiner Resonanz.

Die (Resonanz) fiel bemerkenswert aus. Auch aus der BRD kam starker Widerhall. Meine Zusammenarbeit mit Genossen des MfS begann allerdings nicht erst mit dieser journalistischen Kooperation. Dass ich von ihnen für diese Enthüllungsserie vorgesehen wurde, erklärt sich vermutlich aus dem Umstand, dass sich ihr Vertrauen aus einem längere Zeit schon bestehenden Kontakt speiste.

Der Kontakt mit einem geheimdienstlich arbeitenden Staatsorgan, wie es das MfS war, kam auf simple Weise zustande. Es dürfte 1960 oder Anfang 1961 gewesen sein, da erhielten wir überraschend Besuch von einem meiner guten Bekannten aus der Chemnitzer FDJ-Frühzeit. Rudi Str., seinerzeit Sekretär der Altenhainer FDJ-Gruppe im von mir betreuten Arbeitsgebiet Einsiedel, erschien bei uns, um eine alte Freundschaft aufzufrischen. Beim Besucher wie bei mir war die Freude über das Wiedersehen nach so langer Zeit echt. Auch Rudi war inzwischen »Neu-Berliner« geworden und, wie er ergänzte, Mitarbeiter im Ministerium für Staatssicherheit. Für mich war die Tätigkeit im MfS ehrenhaft, weil ich ein starkes Interesse besaß, dass die Sicherheit meines Staates DDR – dem es wahrhaftig nicht an Feinden mangelte – gewährleistet würde. Was mich einigermaßen überraschte, war jedoch der Umstand, dass sich mein alter Kumpel Rudi wider jegliche konspirative Regel so offenbarte. Ich nahm es als Vertrauensbeweis.

Doch nach seiner Stippvisite brach der Kontakt wieder ab. Aus meinem Leben hingegen war er keineswegs verschwunden. Ich vermute, dass ich ihm einen Besuch zu verdanken hatte, der sich einige Wochen danach bei uns einstellte.

Der Mann, der eines Tages an unserer Wohnungstür klingelte, konnte auf den ersten Blick als Versicherungsvertreter durchgehen. Dass er keiner war, machte der an ledernem Band befestigte Ausweis deutlich – dieser wies ihn als Mitarbeiter des MfS aus.

Alfred S., wie er sich vorstellte, kam ohne Umschweife auf sein Anliegen zu sprechen. Auf die politische Situation verweisend, in der sich die DDR befand, fragte er, ob ich bereit sei, das Ministerium für Staatssicherheit zu unterstützen. Und da Petra und ich zu erkennen gaben, dass wir Entscheidungen stets gemeinsam zu treffen pflegen, wurde meine Frau in dieses Ersuchen einbezogen. Alfred … konnte auf langatmige Überzeugungsarbeit verzichten. Wir bekundeten, durchaus bereit zu sein, den uns möglichen Beitrag zur Sicherung unseres Staates zu leisten, eingeschränkt lediglich dadurch, dass wir prüfen müssten, was uns im einzelnen abverlangt werde. Unser Besucher betonte, dass sein Begehren keinesfalls mit irgendwelchem Nachdruck verbunden sein werde. Die inzwischen, nach vollzogener Konterrevolution, nicht selten praktizierte Methode, eigene Tätigkeit für dieses Ministerium als »unter Druck« zustande gekommen zu entschuldigen (und damit die »Erpresser« zu diskriminieren), halte ich für so lächerlich wie verlogen: Ein Geheimdienst, gleich wem er zu dienen hat, gerät durch mittels Erpressung angeworbene Mitarbeiter erheblich in Gefahr, sich solcherart Doppelagenten in den eigenen Pelz zu setzen – Leute, die dann auch für die Gegenseite zu arbeiten bereit sind.

Genug des Zwischenrufes, wir waren ohne Einschränkung Freiwillige. Wozu wir aufgefordert wurden, schien eine Lappalie. Unsere einzige Mitwirkung sollte darin bestehen, dass in Westeuropa tätige Kundschafter des MfS im Bedarfsfalle ihre Ermittlungsergebnisse an unsere Privatadresse schicken konnten und wir die Weiterleitung an das MfS vornehmen würden. Wir unterschrieben also die Verpflichtungserklärung als »Inoffizielle Mitarbeiter« und verpflichteten uns zum Stillschweigen gegenüber jedermann. Unser Deckname – wir bestimmten ihn selbst – lautete TASSO. Von 1961 an galten wir als das, was nach Annexion der DDR im zusammen »geeinigten Vaterland« als Kainsmal gilt: Wir waren »IM«.

Zunächst jedoch geschah nichts.

Wir hatten unser Engagement fast vergessen, da schrammten wir und unser Auftraggeber knapp an einer Katastrophe vorbei: Der Postbote lieferte in unserer Wohnung ein Päckchen ab. Unsere Töchter nahmen es in Empfang – wir Eltern waren auf Arbeit – und kindliche Neugier brachte sie dazu, es zu öffnen. Der Stempel auf den Briefmarken verriet, es kam aus Holland. Unsere Mädels riefen ihre Mutter an und teilten ihr die Neuigkeit mit. Zwar gab die Absenderangabe Rätsel auf – den Namen kannte meine Frau nicht. Aber da ihre Mutter gebürtige Holländerin war und Verwandte von ihr dort noch lebten, vermutete sie, die uns zugekommene milde Gabe könnte eine Freundlichkeit von weitläufiger niederländischer Sippschaft sein. Wobei rätselhaft blieb, wie die fernen Wohltäter wohl zu unserer Berliner Adresse gekommen sein könnten. Gleichwohl: Der Inhalt des Päckchens, aus einem mit Kaffeebohnen gefüllten Behältnis und zwei Stücken Seife bestehend, galt als spendabel.

Als Mutter Clausner nach Feierabend in der Wohnung anlangte, wurden die aromatischen dunkelbraunen Bohnen in ein Glas umgefüllt; vorletzte Station, bevor ihnen in der elektrischen Kaffeemühle die erforderliche Feinkörnigkeit gegeben würde. Da jedoch entdeckten unsere Töchterchen zwischen den Kaffeebohnen Fremdkörper – kleine Minifilmrollen. Aufklärungs­ oder, bitte schön, Spionageausbeute. Da ging uns ein Licht auf. An uns war geheimes Kundschaftermaterial auf den Weg gebracht worden, für unsere Sicherheitsorgane von größter Wichtigkeit. Viel hätte nicht gefehlt, und es wäre im Mahlwerk einer Kaffeemaschine gelandet.

Als wir Alfred S. vom Eintreffen dieser Sendung und ihrer möglicherweise irrtümlichen Verwertung informierten, erschien der umgehend, den kostbaren Fund zu bergen. Der Vorfall dürfte zu der Erkenntnis beigetragen haben, dass wir als IM für die Hauptverwaltung Aufklärung nicht so recht zu gebrauchen waren. Jedenfalls ließ uns eines schönen Tages Alfred S. wissen, dass es im Ministerium für zweckmäßig gehalten werde, uns einer anderen Diensteinheit zuzuteilen.

Das war die Hauptabteilung II, die Spionageabwehr.

Anfangs gaben sich immer wieder neue Kontaktleute von der »II« unsere Türklinke in die Hand. Endlich entstand dann eine stabile Verbindung zu unserem Führungsoffizier. Der hieß Helmut M., Dienstrang Major. Zunächst verlief unser Kontakt streng nach Regeln, wie sie die Konspiration vorschreibt. Im Detail kann ich nicht mehr schildern, worum es bei unseren Gesprächen ging, jedenfalls bildeten brisante Aufträge nicht den Gegenstand. Und niemals drängte mein Gesprächspartner, Aufgaben zu übernehmen, mit denen wir nicht einverstanden gewesen wären.

Worum wir gebeten wurden, hing mit unserem Beruf zusammen. Interesse unserer MfS-Partner bestand zum einen an Leserzuschriften, die ihrem Inhalt nach von Staatsfeinden geschrieben worden waren. Solche Kopien zur Verfügung zu stellen, bereitete kaum Probleme; deren Absender blieben ohnehin durchweg anonym oder versteckten sich hinter falschen Namen. Größeren Wert legten die Genossen von der Abwehr darauf, dass zu in der DDR akkreditierten westlichen Korrespondenten, insbesondere aus der BRD, Kontakte hergestellt und über deren Ansichten, Meinungen, Interessen und, falls sie sich dazu äußern sollten, Vorhaben informiert würde.

Dass meine in die DDR entsandten bundesdeutschen Berufskollegen zum überwiegenden Teil Aufträge nicht nur durch ihre Heimatredaktionen erhielten, sondern zugleich emsig für westliche Geheimdienste wirkten, war mehr als bloßes Verdachtsmoment. Dafür fanden sich reichlich hieb- und stichfeste Belege. So offenbarte der Herausgeber der westdeutschen Zeitschrift Die Woche, Manfred Bissinger, in einem Beitrag für das Buch »Unheimlich zu Diensten«, dass er im Besitz einer geheimen Namensliste ist, in die bis zu den 70er Jahren dem BND verpflichtete Journalisten verzeichnet sind. Hier fände man, laut Bissinger, »so gut wie alles, was Rang und Namen hat in bürgerlichen deutschen Zeitungen«.

Und als 1985 die Deutsche Journalisten Union der BRD ein Seminar zum Thema »Massenmedien und Geheimdienste« veranstaltete, wurde über die Verquickung von Journalismus und Geheimdiensten Aufschlussreiches mitgeteilt. Und zwar von ausgestiegenen einstigen Agenten von CIA, BND und Verfassungsschutz. In der DJU-Verbandszeitschrift die feder, Heft 2/85, las sich das so: Außer ihrer Mitwirkung als Multiplikatoren für die Öffentlichkeit, beispielsweise durch Verbreitung von propagandistischen oder Falschmeldungen im Interesse des jeweiligen Auftraggebers, »dienen aber auch Journalisten als Nachrichtenquelle für Geheimdienste. Vor allem im Ausland tätige Korrespondenten verfügen über Kontakte und Informationen, die zur Vorbereitung geheimer Operationen von Interesse sind … Bei richtiger Ausbildung können Journalisten als geheime Verbindungsleute für Kontakte mit Agenten in sensiblen Positionen dienen. Sie können deshalb Zielpersonen ausmachen und Beziehungen zu ihnen pflegen

Über die Umsetzung dieses Drehbuches in die Praxis erfuhr man dann weiter: »Der BND nimmt einzelne Redakteure unter Vertrag, vor allem Auslandskorrespondenten in sozialistischen Staaten. Die Journalisten werden vom BND wie Agenten geführt, mit Deckname und Schlüsselnummer

Ich musste nicht unter Gewissensbissen leiden, wenn ich mich daran beteiligte, dieser Sippschaft die notwendige Aufmerksamkeit zu widmen, um sie bei ihrem Gewerbe nicht unbeobachtet zu lassen. Aus einem Grunde, der mir nie einleuchtete, wurden die beinahe inflationär stattfindenden Cocktails, Empfänge, Filmabende usw. bei Botschaften aller Herren Länder als ergiebige Fundgrube betrachtet, aus der sich Erkenntnisse filtern ließen. Und da ich als stellvertretender Chefredakteur der außenpolitischen DDR-Zeitung nahezu immer zu solchen Veranstaltungen eingeladen wurde, versprach sich mein Führungsoffizier davon vermutlich »reiche Ausbeute«.

Da habe ich ihn über die Jahre hinweg und trotz ehrlichen Bemühens wohl ziemlich enttäuschen müssen. Selbst dann, wenn ich mich auf dieses glatte Parkett begeben musste, versuchte ich stets vergeblich herauszufinden, worin eigentlich der geistige – oder wenigstens informelle – Gewinn bestehen könne. Diese Smalltalks (wie man heute sagen würde) empfand ich stets als nichtssagend, überflüssig – bewegte Luft, mehr nicht.

Mit solch magerer Ausbeute vermochte ich meinen Führungsoffizier nicht zu erfreuen. Allmählich verlagerte sich das Gewicht unserer Zusammenarbeit auf ein anderes Gebiet. Wir wurden zu Gastgebern: Unsere Wohnung zählte zu den konspirativen Treffpunkten, in denen sich Führungsoffiziere und IM zusammenfanden. Wobei wir in keinem Fall die Besucher kennenlernten oder auch nur erfuhren, wer sie sind, woher sie kamen, worüber gesprochen wurde. Sie setzten sich in mein Arbeitszimmer, wir zogen uns ins Wohnzimmer zurück; sie wie wir darauf bedacht, einander nicht zu stören. Diese von uns erbrachte »Dienstleistung« stellte ein nahezu familiäres Verhältnis zwischen uns und den (nun) Stammgästen vom MfS her. Helmut M. und seine Jungs, wie wir salopp zu sagen pflegten, besaßen Schlüssel zu unserer Wohnung und damit freie Zugangsmöglichkeit. Jeder beabsichtigte Besuch wurde uns rechtzeitig avisiert; falls wir selbst zum fraglichen Zeitpunkt Besuch erwarteten, genoss der eindeutig Vorrang.

In unserem Küchenschrank deponierten unsere »geheimen Mitbewohner« einen Vorrat an Kaffee, für dessen Zubereitung sie unsere Kaffeemaschine und leihweise auch unser Geschirr nutzten. Nicht eine Tasse blieb unabgewaschen stehen. Vermieden wurde alles, was uns läs­tig fallen konnte. Oft jedoch fanden sich unsere MfS-Gäste, wenn ihre Partner gegangen waren, noch zum gemeinsamen Plaudern mit uns zusammen. Da ging es dann sehr offen zu – weder sie noch wir nahmen ein Blatt vor den Mund, und die Gespräche kreisten vor allem um politische Themen.

Wir brauchten unsere kritischen Äußerungen zu vielen Aspekten des Wirkens unserer Partei- und Staatsoberen nicht in vorsichtige Formulierungen verpackt vorbringen. Nie mussten wir befürchten, dass freimütig geäußerter – und im Laufe der Jahre ständig zunehmender – Unmut über Erscheinungen unseres gesellschaftlichen Lebens uns Nachteile oder Repressionen gar einbringen werde.

Helmut M. wie auch die anderen seiner Mitarbeiter – jüngere Genossen, von denen wir die Vornamen nur kannten – waren alles andere denn unkritische »Hundertfünzigprozentige«. Auch sie besaßen einen wachen Blick für das, was in dem Staat schief lief, dessen Sicherheit zu gewährleisten ihr Beruf war. Und sie hielten mit ihrer Besorgnis nicht hinter dem Berge.

Ich entsinne mich deutlich, dass sie sich oft erregten über die unsinnige Forderung der politischen Führung an die Adresse des MfS, die »Bewegung der Ausreisewilligen« zu stoppen, statt durch Korrekturen ihrer Politik Ursachen für den Drang zur Republikflucht zumindest spürbar abzubauen. Verbittert äußerten sie sich darüber, dass von ihnen auf komplizierte Weise beschafftes, gerichtsverwertbares Material u. a. gegen westliche Korrespondenten, die nachweisbar subversive Tätigkeit gegen ihr Gastland DDR betrieben, auf Geheiß der Obrigkeit ungenutzt in irgendwelchen Schubladen verschwand, weil das im jeweiligen Moment aus Gründen angeblicher politischer Zweckmäßigkeit für ratsam gehalten wurde.

Was den MfS-Leuten nicht minder auf die Nerven ging, war die penetrante Gängelei durch Parteiinstanzen, der sie ständig ausgesetzt waren. So beklagte sich bei mir mehr als einmal Helmut M.’s Chef, Oberst Dr. Sch., dass er fast Woche für Woche zu H. K., einem stellvertretenden Leiter der Agitationsabteilung im ZK, zitiert wurde, der ihn »auf dem Klippschulniveau des Parteilehrjahres« mit einer Mischung aus politischen Gemeinplätzen und inkompetenten Ratschlägen belehrte, wie er seine Arbeit als Abwehrexperte zu besorgen habe.

Die Offenheit, wie sie unsere Gespräche mit den hauptamtlichen Offizieren des MfS bestimmte, verkniff ich mir wohlweislich, wenn mit Mitarbeitern des Parteiapparates zu reden war …

lm Laufe der Zeit brachte es die zwischen unseren Wohnungs-Mitbenutzern und uns gewachsene Vertrautheit mit sich, dass wir uns auch über ganz private Probleme aussprachen. Alle, mit denen ich so auf Tuchfühlung kam, lernte ich als gebildete und charakterlich untadelige Menschen kennen. An die Partnerschaft mit ihnen denke ich gern zurück.

Ebenso intensiv, aber produktiver entwickelten sich meine Kontakte zur Presseabteilung des Ministeriums für Staatssicherheit. Dem Einstieg mit dem Report über die Menschenhändlerbande des Mierendorff schloss sich eine stabile und langdauernde Zusammenarbeit an, bei der ich als Autor und das MfS als Materiallieferant und Fachberater kooperierten. Als meine Partner spielten zwei MfS-Offiziere die Hauptrolle: der damalige Chef der Presseabteilung, Oberst H. B., sowie sein Stellvertreter D. M., Oberstleutnant (dann ebenfalls Oberst). Patente Leute – unkonventionell, aufgeschlossen, kultiviert. In kollegialer Abstimmung mit diesen beiden und gestützt auf von ihnen beschafftes Faktenmaterial schrieb ich zwischen Juni 1978 und Februar 1980 acht größere Folgen der Serie »Keine Chance für Menschenschmuggler«.

Die lebhafte Resonanz auf diese Serie machte den Verlag Neues Leben aufmerksam. Der wandte sich an den horizont­-Chefredakteur mit dem Vorschlag, den Autor dieser Serie – also Claus Wolf (alias Wolfgang Clausner) – für eine Buchfassung dieses Materials zu gewinnen. So kam es in der populären Buchreihe »nl konkret« des Verlages Neues Leben zur Herausgabe des Jubiläumsbandes 50 mit dem Titel »Bosse, Gangster, Kopfgeldjäger«. Die erste Auflage erschien 1982 und war im Handumdrehen vergriffen. Es folgten Nachauflagen: 1983 schon die 2., im Impressum als »bearbeitet« deklariert, 1985 dann die 3. »neugefasste« und schließlich, im Jahr darauf, die 4. »überarbeitete Auflage«.

In den Veränderungen, die sich von Auflage zu Auflage ablesen lassen, widerspiegeln sich politische Akzentuierungen, die in jenen Jahren erfolgten und von denen ein solch hochpolitisches Buch nicht unberührt bleiben konnte. Womit ich nicht gesagt haben will, dass mir diese »Anpassungsmechanik« an tagespolitische Erfordernisse leicht gefallen wäre. Als ich mein Büchlein (knapp 200 Seiten) konzipierte, kam mir der Gedanke, dass Hintergründe und Mechanismen von Flüchtlingskampagnen und politisch motiviertem Menschenhandel durchschaubarer werden, wenn man sie nicht bloß in ihrer aktuellen Erscheinungsform vorführt, sondern zugleich historische Vorgänger bemüht. Ich ging also über das Anliegen hinaus, das in der horizont-Serie journalistisch verarbeitet war und beschränkte mich zudem keineswegs nur auf die für die DDR schmerzhafte Seite der massenhaften Abwerbung und Ausschleusung von »Fluchtwilligen«.

Trotz notwendiger Einschränkungen: Ich stehe dazu, dieses Buch geschrieben zu haben und mit ihm beteiligt gewesen zu sein am Versuch, dem Phänomen Republikflucht zu begegnen, was zugleich eindeutige Parteinahme für die Sicherung unserer Staatsgrenze einschloss. Dabei war ich mir seinerzeit bereits im Klaren darüber, dass solches Engagement nicht unbedingt auf Popularität rechnen konnte.

Dass die DDR die Ausreisefreiheit restriktiv handhabte, geschah nicht aus dem »bösem Willen« einer politisch engstirnigen oder gar menschenfeindlichen Führung. Hier gab den Ausschlag das, was man im Westen – wenn man sich dort von völkerrechtlichen Verpflichtungen suspendiert, inklusive soziale Menschenrechte – mit dem Begriff »Sachzwang« rechtfertigt. Bei dem Sachzwang, der die DDR zu solcher Praxis veranlasste, ging es um ihr Überleben. Sie musste sich, wohl oder übel, wehren gegen das von Bonn ungeniert verkündete und hemmungslos praktizierte Konzept, den sozialistischen deutschen Staat mittels »Ausbluten« zugrunde zu richten.

Die wirtschaftlichen Folgen, die aus der Abwanderung Hunderttausender resultierten und für die DDR ökonomisch Schäden in dreistelliger Milliardenhöhe bedeuteten, stellten für die BRD eine Gratisleistung von geradezu unglaublichem Wert dar. Es mangelt nicht an euphorischen Bekundungen aus westdeutschen Quellen, die unisono bestätigen: Die da aus dem sozialistischen ins kapitalistische Deutschland überwechselten, waren überwiegend »hervorragend qualifiziert«. Die dafür nötige Ausbildung hatten sie in der DDR genossen – ob es sich nun um eine Facharbeiterbefähigung oder um einen akademischen Grad handelte. Und die erheblichen Kosten für diese Qualifizierung (die übrigens mit dem leistungsfähigen Schulwesen hierzulande begann) waren von niemandem anderen als eben den Bürgern der DDR aufgebracht worden, die loyal ihre Pflichten als Werktätige und Staatsbürger erfüllten. Ich vertrat und vertrete die Auffassung, dass diese Menschen – also die übergroße Mehrheit des Volkes unserer Republik – einen legitimen und höchst moralischen Anspruch besaßen, dass die auf ihre Kosten Ausgebildeten dann folgerichtig auch zu ihrem Nutzen tätig zu werden hatten. Wer mangels eigener Einsicht und moralischen Gewissens seine eigensüchtigen Interessen über die seiner Mitmenschen zu stellen gedachte, sollte – und musste – von Staatswegen daran gehindert werden; notfalls auch durch eine zuverlässig gesicherte Grenze. Indem die politische Führung der DDR sich dazu entschloss, handelte sie im Gesamtinteresse ihrer Bevölkerung, deren Lebensqualität ja davon abhing, dass die Betriebe produzierten und die Dienstleistungen – vom Verkehr bis zum Gesundheitswesen – funktionierten, wozu es eben der dazu ausgebildeten Fachkräfte bedurfte. Hauptmotiv für die den DDR-Bürgern auferlegte rigorose und höchst unpopuläre Einschränkung der Reisefreiheit war der Sachzwang, deren grundlegende Existenzbedingungen zu gewährleisten und das dazu unerlässliche Arbeitskäftepotential nicht »abfließen« zu lassen.

Die Sicherung unserer westlichen Staatsgrenze (ein­schließlich der zu Westberlin) seit dem 13. August 1961 hat neben unleugbar positiven Auswirkungen für die Stabilität des Status quo – und damit des Friedens – in Europa sowie (in den ersten Jahren nach dem »Mauerbau«) für eine gewisse ökonomische Aufschwungphase in der DDR auch tragische Folgen gezeitigt:

An dieser Grenze starben Menschen: Flüchtlinge, die illegal aus ihrem Land verschwinden wollten. Grenzsoldaten, die ihr Land und die Unantastbarkeit seiner Grenze schützten. Die DDR brauchte und wollte diese Toten nicht. Der Verlust an Menschenleben bedeutete für sie stets auch Einbuße an politischem Ansehen – in der eigenen Bevölkerung wie international. Wahrscheinlich bedarf es größeren zeitlichen Abstandes, bevor Historiker in der Lage sein werden, eine vorurteilsfreie Bewertung der deutsch-deutschen Grenzproblematik vorzunehmen. Dieser Teil deutscher Geschichte, an dem beide deutsche Staaten ihren Anteil haben, wird lange nachwirken.

Die Art jedoch, ihn zu bewerten, dürfte Veränderungen erfahren. Es kommt die Zeit, wo ernsthaft versucht wird, seine Ursachen objektiv zu begreifen, die Frage nach Schuld und Schuldigen nicht einseitig zu stellen. Im Übrigen: So mancher, der früher seinen Staat DDR wegen des ihm vorenthaltenen Rechtes auf freies Reisen verfluchte, begreift als Neubundesbürger, dass zur Sicherung der eigenen Existenz und als Sinngebung des Daseins das Recht auf Arbeit mehr Gewicht besitzt als ein Dauervisum in alle Welt (ganz abgesehen davon, dass man, um dieses nutzen zu können, auch über entsprechende Einkünfte verfügen muss).

Ich sehe nicht den mindesten Grund, meine Mitwirkung für das MfS im Nachhinein als Fehlentscheidung zu bezeichnen, mich davon zu distanzieren oder das Büßergewand überzustreifen und die neuen Herren um Absolution zu bitten. Ich vertraute auf das Credo, das unser Sicherheitsministerium vom Gründer der bolschewistischen revolutionären Tscheka als eigenen moralischen Maßstab übernommen hatte: KÜHLER KOPF – HEISSES HERZ – SAUBERE HÄNDE!

So unbestreitbar es ist, dass durch das MfS Anschläge der tatsächlichen Feinde der DDR vereitelt werden konnten, die politische Führung exaktes Aufklärungsmaterial für ihre Entscheidungsfindung erhielt und – nicht zuletzt – die Sicherheit der Bürger unseres Landes solide gewährleistet wurde: Es gab zugleich Erscheinungen, die das MfS in Misskredit brachten – obwohl als Verursacher ganz andere Leute als die Mitarbeiter dieses Ministeriums zu benennen sind. Die wesentliche Ursache dürfte – aus meiner Sicht – darin zu suchen sein, dass die politische Führung unseres Landes, die Parteiobrigkeit, das tatsächlich gebotene Sicherheitsbedürfnis der DDR über Gebühr eskalieren ließ. Hier spielen historische Erfahrungen eine maßgebliche Rolle. Die deutsche Arbeiterbewegung, insbesondere ihr kommunistisch orientierter Teil, hatte mit Hekatomben von Blutopfern bezahlen müssen für den Verfolgungswahn ihrer konservativen politischen Gegner – praktiziert von den »Freikorps« der Periode nach der 1919er Novemberrevolution über den Kapp-Putsch bis hin zur Terrorjustiz der Nazis, deren KZ-Sys­tem und den Fallbeil-Orgien des »Volksgerichtshofes«. Und die Erben dieser skrupellosen Abrechnungsmaschinerie waren in der »demokratischen« BRD nicht nur wohlgelitten, sondern stellten: wiederum machtvollziehende Kraft dar. Der deutsche politische Konservatismus, staatlich organisiert in Gestalt der BRD, ließ keinen Zweifel daran, dass er – wie seine Vorgänger – darauf aus war, der »sozialistischen Gefahr« den Garaus zu machen und zu diesem Zwecke vor allem die DDR als Alternative hinwegzuräumen – mit jedem Mittel, das sich als geeignet erweisen könnte.

Dass angesichts solcher historischen Lehren und der in dieser Tradition stehenden feindseligen Politik der Gegenseite eine überspitzte Sicherheitsdoktrin entwickelt wurde, ist zwar bedauerlich, unverständlich ist sie nicht. Die DDR hatte nur wenige Wahlmöglichkeiten zwischen staatlich organisierter sicherheitspolitischer Vorbeugung und tolerantem Hinwegsehen über echte oder vermeintliche Oppositionsversuche. Der Schutz der Arbeiter-und-Bauern-Macht als verfassungsmäßiger Auftrag des MfS trat aber des Öfteren zurück hinter die aktuellen Ambitionen der jeweiligen Parteiführung der SED.

Auf Geheiß der Parteioberen wurde das MfS gleichfalls eingesetzt gegen loyale, aber kritische Bürger der DDR, die aus Sorge um das Gedeihen unserer Republik echte oder vermeintliche Fehler und Defizite unseres Sozialismusversuches benannten und auf Änderung drängten. Aus manchen ehrlichen SED­-Genossen, die so im Grunde nichts anderes denn ihr im Parteistatut verbürgtes Recht in Anspruch nahmen, aus potentiellen Bündnispartnern, die – verfassungsgemäß – der Aufforderung zum »Mitarbeiten – mitplanen – mitregieren« nachkommen wollten, wurden so Feinde gemacht. Ein Staatsorgan wie das MfS als »Schild und Schwert der Partei« zu missbrauchen, gehört zu den Fehlern, die uns immens geschadet haben.

Wenn ich den Schlussstrich unter meine IM-Tätigkeit ziehe, bleibt mir vor allem als Erinnerung, die ich nicht missen möchte, der Schulterschluss mit untadeligen, mir politisch wie menschlich nahestehenden Genossen, die als Offiziere des MfS meine Partner waren beim gemeinsamen Bemühen, unseren Staat zu schützen. Meine Sympathie für sie verbindet sich zugleich mit Zorn angesichts der gehässigen Diffamierungs- und Verfolgungskampagne, mit der die nunmehrigen Machthaber samt der ihnen willfährigen Renegatengilde einstiger DDR-Dissidenten an den »Stasi-Leuten« Rache nehmen. Zugleich bleibt bittere Erkenntnis, dass alles Bemühen – trotz der seinerzeit selbst vom Gegner neidvoll anerkannten erfolgreichen Tätigkeit des MfS – letztlich erfolglos geblieben ist wegen einer verfehlten Politik, deren Folgen auch der beste Sicherheitsdienst nicht hätte abwenden können.

 

*

 

Aus dem Nachruf seiner »Berliner Freunde«: »Am 15. Dezember, neun Tage nach seinem 86. Geburtstag, verstarb in Schwerin nach schwerer Erkrankung unser treuer Kampfgefährte für unsere gemeinsame Sache der Sicherheit der DDR und des Friedens, der standhafte Kommunist, leidenschaftliche Journalist und klassenbewusste Publizist, Wolfgang Clausner.

Unvergessen seine aktive lektorierende, konstruktiv kritische, damit motivierende und mutmachende Mitarbeit an unserem Doppelband und danach durch sein Treuebekenntnis zum MfS und im Besonderen zu unserer AG.

Wir werden ihm immer in Hochachtung und Dankbarkeit gedenken und in seinem Sinne handeln

 

 

 

Zusammenarbeit

für den Frieden

 

Von Hanfried Müller (1925-2009)

 

Hanfried Müller studierte nach dem Krieg in Bonn und Göttingen Theologie. Dort gehörte er zu den Mitbegründern der FDJ, die im Kalten Krieg in der BRD verboten wurde. 1952 zog er in die DDR, als die juristische Verfolgung in der BRD einsetzte, weil er gegen die Wiederbewaffnung protestiert hatte. Später lehrte er an der Humboldt-Universität, als Professor engagierte er sich für die »Kirche im Sozialismus«. Von 1982 bis 2006 gab er die Weißenseer Blätter heraus, eine theologisch-politische Diskussionsplattform. Seit 1954 unterstützte Hanfried Müller die Arbeit des MfS, wozu er sich uneingeschränkt bekannte. Den nachfolgenden Text entnahmen wir mit freundlicher Zustimmung Rosemarie Müller-Streisands der erst nach Müllers Tod erschienenen Autobiografie »Erfahrungen, Erinnerungen, Gedanken – Zur Geschichte von Kirche und Gesellschaft in Deutsch­land seit 1945«.

 

Der Zentralrat der FDJ, mit dem wir ja bis dahin besonders eng zusammengearbeitet hatten, behandelte uns seit dem 17. Juni 1953 nach der Devise: »Grüß mich nicht unter den Linden, und abgesehen von persönlichen Freundschaften und dienstlichen Kontakten blieben wir nahezu bis zum 13. August 1961 weitgehend politisch isoliert.

In dieser Situation nahezu völliger politischer Isolierung erfuhren wir 1954 zufällig, dass (wie ich meine, aus der Westabteilung des Friedensrates, denn er war die einzige Massenorganisation in der DDR, mit der wir, abgesehen von einem Hauskomitee der Nationalen Front, noch Kontakt hatten) nach Westdeutschland reisende Delegierte bei westdeutschen Dienststellen denunziert würden. Wir suchten nach einer Möglichkeit, das zu verhindern. Aus diesem Anlass, aber auch aus vielerlei anderen Gründen hielten wir es für nötig, die politische Führung in der DDR sowohl auf den in sogenannten kirchlichen Kreisen verbreiteten hasstriefenden Antikommunismus aufmerksam zu machen als auch auf allerlei Dummheiten von Staats- und SED-Organen in der Reaktion darauf. Wegen dieser Sorgen, die mir die Kirche und die Kirchenpolitik in der DDR bereiteten, nutzte ich eine Gelegenheit, mich an den Staatssekretär des Innern zu wenden, die sich mir durch eine zufällige Bekanntschaft mit seiner persönlichen Referentin, Ruth Eberhardt, bot.

Das Gespräch verlief überaus verständnisvoll, und er legte Wert darauf, mit mir in Verbindung zu bleiben. Als mich kurz darauf Funktionäre des Staatssekretariates für Staatssicherheit aufsuchten, war mir klar, dass dies der Realisierung seines Wunsches diente. (Veranlasst durch die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft beim Kammergericht Berlin am 31. Oktober 1994 habe ich in den Weißenseer Blättern 5/1994, S. 43 ff. zu dem Vorwurf, »seit etwa 1954 als inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit tätig gewesen zu sein«, und zwar zum Zweck »nachrichtendienstlicher Aufklärung kirchlicher Kreise in der Bundesrepublik einschließlich Berlin (West)«, ausführlich Stellung genommen und den eigentlich gemeinten Vorwurf, nämlich den des Klassenverrats, bestätigt, aber den darin mitschwingenden Spionageverdacht energisch zurückgewiesen. Ob die Staatsanwaltschaft davon Kenntnis genommen hat, weiß ich nicht; jedenfalls hat sie das Verfahren eingestellt.)

Die Funktionäre des Staatssekretariats für Staatssicherheit (das SfS war nach dem 17. Juni 1953 gebildet worden; die Reduzierung des Ministeriums auf ein Staatssekretariat währte zwei Jahre, am 24. November 1955 hieß es wieder MfS – d. Hrsg.) schlugen mir vor, mich zur Zusammenarbeit mit ihnen für den Sozialismus zu verpflichten. »Der Sozialismus« erschien mir damals – heute lächle ich ein bisschen darüber – zu sehr als eine Katze im Sack, und so einigten wir uns auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit für den Frieden. Dass ich mit dieser Vereinbarung unter die interne Bezeichnung »IM« fiel, habe ich damals natürlich so wenig gewusst wie meines Wissens vor 1989 überhaupt irgend jemand außerhalb des Ministeriums.

Ich hätte mich allerdings gegen diesen Begriff auch nicht gesträubt und tue das auch nicht nachträglich. Denn ich habe keinen Anlass, aus irgend etwas, was mich und die Kirche betrifft, ein Geheimnis zu machen. Ich war stets der Meinung, Neigungen in der Kirche zu einer konspirativen Existenz in der sozialistischen Gesellschaft verdienten keinen Respekt, sondern widersprächen dem Wesen der Kirche. Denn dazu gehören zwar weder »Öffentlichkeitsansprüche« noch Heimlichkeiten, wohl aber der Wille, offen und öffentlich Kirche zu sein. Allerdings werde ich auch, wenn ich jetzt davon erzähle, wie bisher im Blick auf das Vertrauen Dritter Diskretion walten lassen.

Für mich handelte es sich dabei um nichts anders als eine ehrenamtlich wahrgenommene gesellschaftliche Tätigkeit ebenso zugunsten der Bürger- wie der Christengemeinde, und das mag man dann meinetwegen »inoffizielle« Mitarbeit nennen. Sie bestand weder in James-Bond-Aktionen, wie sich der kleine Moritz das vorstellen mag, noch in der Ausspähung oder im Ausplaudern von Geheimnissen oder in Vertrauensbrüchen gegenüber Personen. Vielmehr handelte es sich um Beratungen über Probleme der schwierigen Entwicklung des Verhältnisses von Staat und Kirche in der DDR und über historisch wichtige Bewegungen in der Ökumene, soweit ich sie kannte.

Was dabei die nackte kirchenpolitische Faktenkenntnis betrifft, war das Verhältnis übrigens immer sehr einseitig: Die Gesprächspartner vom MfS wussten sehr viel mehr als ich, und so waren diesbezüglich sie der informierende und ich der durch sie informierte Teil. In viel höherem Maße als umgekehrt waren sie meine »inoffiziellen Mitarbeiter«. Dabei ging es ihnen wie mir gar nicht um Einzelfakten, sondern um so etwas wie die »politische Linie« – und allenfalls unter dem Gesichtspunkt, welche Bedeutung ihnen für die Beurteilung und Veränderung politischer Kräfteverhältnisse zukäme, um Personen. Alle Politik enthält ja personalpolitische Elemente, aber sie sind zumeist nicht die bestimmende, sondern die abhängige Größe.

Die Konsultationen mit dem MfS fügten sich ein in die Begegnungen mit allen Kräften und Einrichtungen, die sich in der DDR mit der Situation der Kirche in der sich entwickelnden sozialistischen Gesellschaft befassten. Das waren auf staatlicher beziehungsweise gesellschaftlicher Seite neben den Mitarbeitern des MfS, Funktionäre des Ministeriums für Hochschulwesen (soweit es um Universitätsfragen ging), etwas später der Staatssekretär für Kirchenfragen und seine Mitarbeiter und, wie schon erwähnt, CDU-Repräsentanten, denen ich vornehmlich im Friedensrat und gelegentlich in Kreisen der Nationalen Front begegnete, sowie die Arbeitsgruppe für Kirchenfragen beim ZK der SED. Selbstverständlich gab es, insbesondere seitdem ich der Berlin-Brandenburgischen und der EKU-Synode angehörte, auch analoge Konsultationen mit kirchlichen Führungskräften, die freilich nicht durch Aktenindiskretion inzwischen publik sind.

Allen diesen Gesprächspartnern lag oft an Vertraulichkeit, zuweilen sogar daran, dass auch über das Faktum solcher Gespräche Stillschweigen vereinbart würde. (Selbstverständlich fühlte und fühle ich mich an solche zugesagte Vertraulichkeit unabhängig von der Zeitlage gebunden, solange nicht zweifelsfrei ihr Grund entfallen ist oder ich ausdrücklich von ihr entbunden bin. Darum nenne ich auch im Folgenden weder aus der Kirche noch aus der Gesellschaft Namen, sofern es sich um vertrauliche Begegnungen handelte.)

Allerdings pflegt man die Wahrung von Vertraulichkeit auf der eigenen Seite »Diskretion«, auf der gegnerischen Seite »Konspiration« zu nennen, so wie man Zusammenarbeit auf der eigenen Seite »Kooperation«, auf der Gegenseite »Kollaboration« nennt. Die Anwendung dieser unterschiedlichen Worte zeigt also nur, auf welcher Seite man steht oder gestanden haben möchte – und wie wenig auch die kirchlichen Kombattanten der NATO im Kalten Krieg »neutral« waren. So nahm die klerikale Kirche und Gesellschaft auf Grund der historischen Bindung zwischen dieser Kirche und der herrschenden Klassen bereits das Bemühen um die Lösung solcher Bindungen (und mithin um die Neutralisierung der Kirche im Kalten Kriege), also allenfalls einen Klassenverrat als »Verrat der Kirche« wahr.

Trotzdem waren solche politisch-vertraulichen Gespräche nicht »geheim« im Sinne von »konspirativ«, wie sich das manche vorzustellen scheinen. Ich wurde jedenfalls mehr als einmal in Kenntnis meiner Kontakte von sehr prominenten Kirchenleuten aus dem In- und Ausland (Berlin/West eingeschlossen) gebeten, ihre Anliegen an die politischen Entscheidungsebenen der DDR heranzutragen.

Eine Besonderheit der Konsultationen mit Mitarbeitern des MfS bestand allerdings darin, dass sie sich auf Grund der vereinbarten Vertraulichkeit freimütiger über politische Einschätzungen in sozialistischen Führungskreisen äußern konnten als andere Staatsfunktionäre. Für sie war die Sorge geringer, jedes Wort von ihnen könne, wenn es im Falle eines Vertrauensbruches in die Öffentlichkeit gelange, einen »offiziellen« oder gar »regierungsamtlichen« Charakter bekommen und einen Skandal auslösen. So waren sie nicht nur gegenüber kirchlichen Kreisen begreiflicherweise weniger kontaktscheu, sondern man konnte mit ihnen auch leichter als mit anderen »Tacheles« reden, weil sie, insbesondere wenn es dabei um Kritik an Regierungsmaßnahmen ging, nicht in die Lage kamen, aus Gründen der »Optik« oder Rücksichtnahme auf ihre Karriere (»Wie sehe ich dann aus?«) sofort Protest einlegen zu müssen. Sie konnten zuhören, allerlei einräumen, was offizielle Politiker in keinem Land der Welt gern eingestehen, und erstaunlich oft Stolpersteine aus dem Weg räumen, die sich die DDR-Führung oder Bürokratie ja nicht allzu selten selber in den Weg legte.

So war die Beziehung zu ihnen gleichrangiger als in vergleichbaren politischen Gesprächen. Dort wurde die Atmosphäre dadurch beeinträchtigt, dass manche Staats- und Parteifunktionäre, insbesondere solche der CDU, gewöhnt waren, »Weisungen« zu geben und »Vollzugsmeldungen« zu erwarten, und zuweilen nur mühsam zu verinnerlichen vermochten, dass ihnen freie Menschen gegenüberstanden, die auch einmal sagen konnten: »Das weiß ich besser!« oder »Das will ich nicht!«

Die Atmosphäre in Gesprächen mit Mitarbeitern des MfS trug demgegenüber viel stärker den Charakter eines Meinungsaustausches Gleichberechtigter; es gab kein Verhältnis von Beauftragung und Auftragserfüllung, sondern allenfalls Verabredungen auf Gegenseitigkeit.

(Insofern überrascht es mich, wenn ich unter Berufung auf neuere Publikationen höre, in den Aktennotizen über Gespräche mit mir seien im MfS »Aufträge« an mich festgehalten worden, darunter solche für eine Kundschaftertätigkeit in der BRD. Dazu ist zweierlei anzumerken:

1. Dass die DDR überhaupt im Kalten Kriege ein Sicherheitssystem (von der NVA über die Grenztruppen, die »Hauptabteilung Aufklärung« und die Organe für innere Sicherheit bis hin zur Volkspolizei) entwickelte, habe ich nicht nur mit jeder meiner Stimmabgaben bei Volkskammerwahlen, sondern auch in vielen meiner Schriften bejaht, und ich meine bis heute, es sei unvermeidlich und notwendig gewesen. Ich lege sogar Wert darauf festzustellen, dass ich mich jederzeit für den Schutz der DDR vor konterrevolutionären Ambitionen mitverantwortlich gefühlt habe.

2. Allerdings kann ich mich keineswegs all dessen rühmen, was Mitarbeiter des MfS mir angeblich in ihren Gedächtnisprotokollen zugeschrieben haben sollen: Ich weiß weder, dass ich geheimdienstliche Aufklärungsaufträge in der BRD hätte erledigen sollen, noch dass ich sie erledigt hätte, angeblich sogar in Städten, wie z. B. Hamburg, in denen ich mein ganzes Leben lang noch niemals gewesen bin. Ob über solche angeblichen »Aufträge« wirklich Akten vorhanden und wie sie entstanden sind, oder ob es sich um postume Fälschungen handelt, weiß ich nicht. Und ich finde es auch nicht wichtig genug, um für die Klärung solcher Fragen Zeit und Kraft zu verschwenden.

Übrigens wäre ich für »Kundschafter«-Aufträge völlig ungeeignet gewesen. Denn meine politische Haltung war jedermann so bekannt, dass mir kaum etwas anvertraut worden wäre, was die DDR nicht wissen sollte.)

Natürlich gab es auch mit Mitarbeitern des MfS Missverständnisse, gelegentlich auch Unverständnis und Verstimmungen.

Auf Missverständnisse und Unverständnis stieß ich vor allem da, wo es Christen immer besonders schwer fällt, sich Marxisten verständlich zu machen. Fast alle Marxis­ten, denen ich begegnet bin, teilen in den Grundzügen die Irrtümer, die die Kirche über sich selbst und ihren Auftrag zu verbreiten pflegt. Diese Irrtümer fangen damit an, dass von einem Gott die Rede ist, an den man in dem Sinne »glauben müsse«, dass man ihn für existent und gegeben halte, und dessen man bedürfe, um sich ein Bild von der Welt zu machen und sich selbst zu finden.

(Unbegreiflich bleibt es dieser Kirche, dass – mit Luther zu reden – »die Herrlichkeit der Gnade Gottes uns zu Feinden unserer selbst macht«, und also »Frieden mit Gott« gerade nicht heißt, was der Sünder möchte, nämlich »Frieden mit sich selbst«, und unbegreiflich bleibt vielen, die diese Kirche von außen sehen, und zwar so, wie sie leider wirklich meist in Erscheinung tritt, dass eben dies zu bezeugen, zu ihrem Auftrag gehört.)

Und ob es solchen Gott gibt oder nicht, wird dann zu der Frage, um die sich Theisten und Atheisten streiten. Dass sie dabei um die Existenz eines Götzen streiten, merken beide nicht, solange sie nicht hören wollen, dass es uns nicht darum geht, ob es einen (irgend einen beliebigen) Gott gibt, sondern darum, ob wir entgegen allen unseren Gottesbildern Jesus Christus unseren Herrn und Gott sein lassen. Folgerichtig meint dann nicht nur solche Kirche, sondern auch die Gesellschaft, es sei ganz legitim, wenn solche »Religionsgesellschaft« ihre Interessen so verträte, dass sie erst einmal von der Gesellschaft den »Raum« verlange, in dem und von dem aus sie ihre »religiöse Weltanschauung« verbreiten könne.

Und der Streit um die Grenzen dieses »Raumes« und der Souveränität in ihm wird dann zum kirchenpolitischen Hauptthema. Das Unverständnis dafür, dass es der Kirche gegenüber der Gesellschaft gerade nicht um sich selber gehen dürfe, teilten meine Gesprächspartner aus dem MfS nicht nur mit den meisten anderen staatlichen, sondern auch mit der Mehrzahl kirchlicher Kirchenpolitiker und natürlich auch mit den meisten CDU-Funktionären.

Meine häufigen Versuche, ihnen zu erklären, worin wir unsere Verantwortung sähen und was die Motive unseres Verhaltens seien, erduldeten sie höflich, werteten sie aber doch (nicht ohne den Unterton, das alles sei Spinnerei und vor allem massenunwirksam, was natürlich stimmt) als »Ideologie«. Ich habe das immer verstanden, zumal es mich schmerzlich daran erinnerte, dass ich in einem Synodalausschuss in ähnlichem Zusammenhang einmal den viel verächtlicher gemeinten Zwischenruf erhielt: »Das ist doch bloß Theologie

Für etwas anderes allerdings, was mir aus rein theologisch-kirchlichen Gründen sehr wichtig und anderen politischen Kräften in der DDR kaum zu vermitteln war, fand ich bei meinen MfS-Gesprächspartnern mehr Verständnis als bei den meisten Staats-, SED- und CDU-Funktionären. Ich denke an die Unsitte, weniger in den entscheidenden Kategorien »demokratisch-antifaschistisch« oder »imperialistisch-antikommunistisch« zu denken als in den geographischen Kategorien »Ost und West« oder allenfalls »DDR und BRD«.

So galten in politischen Kreisen der DDR im allgemeinen auch – manchmal hatte man den Eindruck, mit geradezu vorsätzlich zugekniffenen Augen – die Kirchen in der DDR als »gute«, die Kirchen in der BRD als »böse« Kirchen.

Daran änderte die Tatsache nichts, dass gerade DDR-Synodale die Mehrheitsbeschaffer für den Militärseelsorgevertrag waren (nur weil sie mehrheitlich dafür stimmten, konnte er in Kraft treten!), während umgekehrt gerade die meisten theologisch dem Antikommunismus entgegenwirkenden Impulse von Christen aus der BRD kamen. Auch in der Christlichen Friedenskonferenz engagierten sich später viele Schwestern und Brüder aus den westdeutschen Kirchlichen Bruderschaften oft überzeugender als manche nur an eigener gesellschaftlicher Aufwertung interessierte Mitmacher aus der DDR. (Natürlich ignoriere ich dabei nicht, dass es manchen westlichen Teilnehmern nur um subversiv zu nutzende »Ostkontakte« ging, manchen östlichen Teilnehmern aber auch nur um zuweilen recht lukrative »Westkontakte«.)

Von solch bornierter Begrenzung kirchenpolitischer Urteile über »DDR-Spezifik« waren die meisten Mitarbeiter des MfS, mit denen ich gesprochen habe, freier als andere. Sie beurteilten Menschen weniger nach ihrer Staatsangehörigkeit als vielmehr nach ihrer Einstellung – und dabei würde ich sagen: nicht einmal primär zum Sozialismus, sondern zum Antikommunismus. Vielleicht hatten sie darum mehr Verständnis als andere dafür, dass wir reformatorischen Theologen in der BRD verbundener waren als den rechts-, aber auch linksklerikalen Kreisen in der DDR, die immer nur, sei es in Widerstand oder Anpassung, für den »Öffentlichkeitsanspruch« der Kirche »herausholen« wollten, was »herauszuholen« war, und darum dem sozialistischen Staat immer nur wie Händler oder Unterhändler mit der Frage begegneten: Welche Konzession bekomme ich, wenn ich welche Konzession mache?

So erleichterten Mitarbeiter des MfS zum Beispiel mit der Vermittlung von Reisevisa Begegnungen, die dazu beitrugen, dass Gespräche über Staatsgrenzen hinweg nicht zum Monopol kirchlicher Institutionen und CDU-verbundener Organisationen wurden.

Bei sehr unterschiedlicher Intensität – davon wird noch die Rede sein – ist der Kontakt zum MfS, zum Teil in der Form ausgesprochen persönlich freundschaftlicher Beziehungen, bis tief in die Zeit des Sieges der Konterevolution nicht abgerissen. Von ausschlaggebender Bedeutung war er in der Zeit, als wir – wieder einmal von der bis tief in die SED-Führungsebene hinein schleichenden Konterrevolution nahezu völlig isoliert – die Weißenseer Blätter ins Leben rufen wollten. Auch davon muss noch die Rede sein.

Für uns war der Kontakt zum MfS, aber insbesondere in der Zeit, in der wir uns in die DDR einleben mussten, auch persönlich sehr hilfreich. Seitdem wir den engen Kontakt zur FDJ seit dem 17. Juni verloren hatten, in den Jahren unserer vielleicht umfassendsten politischen und kirchlichen Isolation, bot unser erster »Führungsoffizier« (diesen Begriff lernten wir allerdings erst aus der Enthüllungsliteratur nach 1989 kennen) uns die selten gewordene Möglichkeit zum durch irgendeinen offiziösen Charakter völlig unbelasteten offenen Gedankenaustausch mit einem echten, von Kindesbeinen an proletarisch-revolutionär geprägten überzeugten Kommunisten. So wurde er für uns zu einem unserer Wegweiser in die Probleme eines sich sozialistisch entwickelnden Staates, neben Hugo Köditz, einem Widerstandskämpfer, der von der Gestapo so misshandelt worden war, dass er seinen Beruf als Chemiker hatte aufgeben müssen. Inzwischen aus englischer Emigration zurückgekehrt, war er zuerst Neulehrer gewesen und führte nun als Übersetzer ein recht kärgliches Leben. Wir hatten ihn durch seine damalige Frau Hanna, später Behrend, kennengelernt, die sich ihrerseits profan – wie meine Frau kirchengeschichtlich mit der frühbürgerlichen Revolution befasste. In ihnen beiden, Hugo Köditz und unserem »Führungsoffizier« Lukas, fanden wir höchst qualifizierte Nachfolger unserer kommunistischen Erzieher in Göttingen.

Im Rückblick würde ich sagen, sie wirkten darum auf uns so überzeugend, weil sie sich von den meisten kommunistischen Agitatoren, die uns begegneten, dadurch unterschieden, dass ihnen in Fleisch und Blut übergangen war, den Sozialismus (mag er auch eine »relativ selb­ständige« Periode bezeichnen, ich halte dieses Diktum von Ulbricht für richtig!) als Übergangsepoche oder -formation, als Verbindungsweg, und nicht als Zielpunkt des historisch-revolutionären Prozesses zu sehen.

Darum vertraten sie überzeugend und eindeutig seine Notwendigkeit, aber sie idealisierten ihn nicht. Ihnen war immer die Dialektik seiner Prägung präsent: einerseits von seinem Ausgangspunkt, der höchst differenzierten Gestalt und Geschichte der ihm vorangegangenen Gesellschaftsformation, und andererseits von seinem Zielpunkt her, der nicht mehr national begrenzten, nicht mehr von Klassen-Interessen, -Kämpfen und -Kompromissen bestimmten kommunistischen Gesellschaft aus. Darum waren sie nicht nur frei von aller Schönfärberei, sondern schlicht von jedem Interesse daran. Denn dass die Gesellschaftsformation, aus der er entwickelt werden musste, ihm zugleich Muttermale von deren Hässlichkeit vererbte, verstand sich für sie von selbst.

Die bittere Härte, wenn man so will, die objektiv unvermeidlichen Elemente von Ungerechtigkeit im fraglos berechtigten Klassenkampf für eine gerechtere Gesellschaftsordnung, also dessen schmerzliche Dialektik, war diesen beiden kommunistischen Freunden stets ebenso bitter bewusst wie die unabdingbare Notwendigkeit des Kampfes, dem sie sich niemals entzogen. Insofern hätten wir uns bei unserer nicht ganz einfachen Orientierung unter den Bedingungen weitgehender Isolation in der DDR gar keine besseren kommunistischen Erzieher wünschen können.

 

 

Von Vietnam zur

NATO-Zentrale in Brüssel

 

Von Karl Rehbaum

 

Jahrgang 1937, Diplomstaatsrechtler, beim MfS/AfNS von 1955 bis 1990, letzter Dienstgrad Oberst, zuletzt Abteilungsleiter in der Hauptverwaltung Aufklärung

 

Nach meiner Versetzung von der BV Halle zur HV A des MfS, wurde ich mit der Führung der Operativen Vorgänge »Winter« (Siegfried Wenzel) und »Susi« (Herta Wenzel) beauftragt. Die folgenden Darlegungen beruhen demzufolge auf meinen Erinnerungen aus dieser Zusammenarbeit, wenn auch lückenhaft, da zwischenzeitlich fast 50 Jahre vergangen sind. Was die Interflug-Zeit von »Winter« betrifft, verweise ich auch auf die gründlichen Recherchen des Autors Jörn Lehweß-Litzmann im Buch »Die Gründer der DDR-Luftfahrt« (2010), die ich berücksichtigt habe.

Mit »Winter« und »Susi« lernte ich zwei nicht mehr ganz junge Inoffizielle Mitarbeiter kennen, deren politische Zuverlässigkeit und nachrichtendienstliche Eignung außer Zweifel standen. Dem Lebensweg, insbesondere von »Winter«, zolle ich noch heute außerordentlichen Respekt. Ich hatte Gelegenheit, mit besonderen Persönlichkeiten ein Stück gemeinsamen Weges zu gehen, vertrauensvoll wichtige Aufgaben zu lösen. Um den ungewöhnlichen Lebensweg, vor allem von »Winter« deutlich zu machen, hier einige Fakten: 1920 in Wasseralfingen bei Aalen geboren. Kam als Kind mit seinen Eltern nach Sachsen, besuchte die Grundschule in Bittersdorf bei Chemnitz und erlernte den Beruf eines Strumpfwirkers. 1937 erwarb er die Qualifikation eines Verwaltungsangestellten bei der AOK in Dresden. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges, im September 1939, wurde »Winter« zur Luftwaffe der faschistischen Wehrmacht einberufen. Der sechsmonatigen Rekrutenausbildung in Brandenburg an der Havel folgte die Versetzung in ein Luftwaffen- Baubataillon. Danach erhielt er eine Flugleiter-Ausbildung in Finsterwalde. In dieser Funktion wurde »Winter« auf verschiedenen Fliegerhorsten in Frankreich und in der Sowjetunion eingesetzt. Im Anschluss daran wurde er zur Fliegerausbildung nach Helmstedt und Braunschweig kommandiert. Danach war er Hilfsfluglehrer und Verbindungsflieger innerhalb des sogenannten Reichsgebietes. Im Frühjahr 1944 kam er nach einem Unfall für sechs Wochen in ein Lazarett in Gütersloh. Nach Wiederherstellung der Gesundheit und damit der Flugtauglichkeit wurde er auf die Jagdfliegerschule in Kaufbeuren kommandiert. Entsprechend der allgemeinen Kriegslage wurde die dortige Ausbildung abgebrochen und »Winter« mit anderen in ein Fallschirmjägerregiment überführt. Der Einsatz erfolgte gegen die US-Streitkräfte, die ihn im April im Harz gefangen nahmen. Anfang Juli 1945 übergaben ihn die Amerikaner an die Franzosen, die ihn in das Kriegsgefangenenlager von Chartres verbrachten. Dort arbeitete er auf einem Flugplatz, was den Plan entstehen ließ, ein Flugzeug an sich zu bringen und damit zu fliehen. Dieses Vorhaben wurde entdeckt, er und die anderen Beteiligten wurden verhaftet und kamen ins Militärgefängnis. Man drohte, ihn vor ein Militärgericht zu stellen, doch wenn er sich zum Eintritt in die Fremdenlegion verpflichte, würde man die Angelegenheit niederschlagen. »Winter« erklärte sich bereit, wurde im November 1945 aus der Haft entlassen und kam in ein Ausbildungscamp der Legion Etrangere in Algerien. Nach kurzer Ausbildung wurde die Einheit Anfang 1946 nach Saigon verschifft.

Die Japaner hatten 1941 Indochina besetzt und Kaiser Bao Dai als Marionette eingesetzt. Eine kommunistisch geführte Widerstands- und Befreiungsbewegung unter maßgeblichem Einfluss von Ho Chi Minh besiegte das kaiserliche Regime und rief am 2. September 1945 die Demokratische Republik Vietnam aus. Daraufhin versuchte Frankreich im Süden Vietnams wieder Fuß zu fassen und chinesische Truppen fielen im Norden ein. Die französische Fremdenlegion war ein Teil der Streitkräfte, die die alte »Ordnung« wieder herstellen sollten. Über die Hälfte der in Indochina eingesetzten Legionäre kamen aus den Gefangenenlagern, es handelte sich um ehemalige Wehrmachtssoldaten, aber auch um Angehörige der Waffen-SS. »Winter« wollte sich nicht für den Krieg Frankreichs gegen die Völker Indochinas missbrauchen lassen und beschloss zu desertieren.

Diesen Plan realisierte er kurze Zeit nach der Ankunft in Vietnam. Er desertierte aus der Fremdenlegion und schloss sich am 26. April 1946 der Liga für die Unabhängigkeit Vietnams, der Viet Minh, an. Da er die vietnamesischen Genossen von seinen ehrlichen Absichten überzeugen konnte, soweit möglich Überprüfungen seine Angaben bestätigten und er auch für die Viet Minh interessante Erkenntnisse über die Fremdenlegion mitteilen konnte, baute sich ein Vertrauensverhältnis auf. »Winter« wurde Gruppenleiter der Marinebeschaffungsstelle in Quang Ngai. Nachdem die Franzosen Quang Ngai eingenommen hatten, musste er in die Illegalität gehen. Zur Tarnung erhielt er den Decknamen »Duc Viet«. Schon zu dieser Zeit lernte er andere, wenn auch wenige, Deutsche und Österreicher kennen, welche aktiv auf vietnamesischer Seite gegen die Franzosen agierten.

Um sich besser in die neuen Verhältnisse einzuleben, erhielt »Winter« eine Betreuerin zugeteilt. Diese Betreuung funktionierte so erfolgreich, dass er die Frau noch 1946 heiratete. Mit ihr und seinen neuen Freunden zog er in den Dschungel. Das schwer zu ertragende Tropenklima und die kärgliche Lebensweise hinterließen bleibende gesundheitliche Schäden. Da »Winter« sprachbegabt war, erlernte er schnell die vietnamesische Sprache in Wort und Schrift. In den Lagern nahm er an Schulungen und Lehrgängen teil, er studierte einschlägige Schriften, natürlich auch solche von Ho Chi Minh. 1950 trat er der Kommunistischen Partei bei.

Bis 1948 stellte »Winter« Waffen und Sprengmittel für die Volksarmee her. Außerdem bildete er eine Propagandaabteilung, er war zeitweilig Abwehroffizier der vietnamesischen Militärabwehr und in dieser Funktion an Verhören und Gesprächen mit Gefangenen und Überläufern beteiligt. Außer mit Medaillen wurde »Winter« auch mit einem persönlichen Gespräch mit Ho Chi Minh ausgezeichnet. Eine besondere Ehre. 1949 wurde er zum Luftwaffenkomitee der Armee versetzt. Zu seinen Aufgaben gehörten die Abwehr französischer Luftangriffe und die Ausbildung von Piloten.

Nach dem entscheidenden Sieg der vietnamesischen Volksarmee 1954 in Dien Bien Phu erhielt der zwischenzeitlich zum Major beförderte »Winter« den Auftrag, am Flughafen Gia Lam von Hanoi den Flugsicherungsdienst aufzubauen.

Anfang 1956 hatte schließlich das Oberkommando der vietnamesischen Volksarmee seinem Wunsch stattgegeben, in die DDR überzusiedeln. Er wurde in Ehren aus der Armee verabschiedet und trat mit dem letzten von insgesamt sieben Zügen die Reise in die DDR an. Die Reise über China, Sowjetunion und Polen dauerte vom 1. Februar bis 3. April 1956 und endete im Quarantänelager in Königsstein an der Elbe. Alle Proteste und Hinweise »Winters« auf seine besondere Vergangenheit halfen nichts: Er musste einen ganzen Monat im Lager ausharren. Am 1. Mai konnte er das Auffanglager verlassen.

Ein kleiner Rückblick: Die Rückkehr in die DDR hatte natürlich diese nicht ganz einfache Vorgeschichte. Es hatten sich Anfang der 50er Jahre vermehrt kriegsgefangene deutsche Fremdenlegionäre an den Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, mit der Bitte gewandt, die DDR möge sich für ihre Freilassung einsetzen. Dies geschah. Erst 1954 hatte »Winter« Nachricht von seinen Eltern aus Annaberg bekommen und diese von ihm. Bis dahin galt ihr zweiter Sohn als verschollen, was eine Umschreibung dafür war, dass er den Krieg nicht überlebt hatte.

»Winter« erfuhr, dass seine damalige Freundin Herta (»Susi«) mit ihrem gemeinsamen Sohn Peter dem Dresdner Inferno 1945 entkommen konnte und der Sohn bei den Großeltern in Annaberg aufwuchs. Bis dahin glaubte er, dass beide im Februar 1945 in Dresden umgekommen waren. Er hatte über Umwege in Vietnam erfahren, dass ihr Wohnhaus in der Dresdener Reitbahnstraße ein Trümmerhaufen sei. Mit diesem Wissen hatte er in Hanoi eine neue Familie gegründet und bekam mit seiner Frau zwei Kinder. Natürlich wollte er diese in die DDR mitnehmen. Aber wie sollte das in dieser Zeit gehen?

Zunächst musste er seiner Frau verständlich machen, dass sie ihre Heimat gemeinsam mit ihm verlassen sollte. Und wie soll er es den vietnamesischen Genossen, denen in der Partei und denen in der Volksarmee sagen, welchen er sich vor Jahren angeschlossen hatte. Er beriet sich mit einem Freund im Generalstab, der ihm empfahl, ein Gesuch an das Oberkommando der Armee, natürlich nach vorheriger Erledigung aller Aufgaben und Angabe gewichtiger Gründe, einzureichen. Einen wichtigen Grund sah »Winter« in seiner angegriffenen Gesundheit. Er litt an verschiedenen Dschungelkrankheiten, auch an einer fortgeschrittenen Malaria. Die medizinische Versorgung war in dieser Zeit in Vietnam noch nicht im notwendigen Maße gegeben. »Winter« wandte sich an die diplomatische Vertretung der DDR, kam mit einem Sekretär der Botschaft in Kontakt, welcher zu einem schriftlichen Antrag an den Botschafter riet. Dieser offensichtlich nicht auf der Höhe seiner Aufgaben stehende Sekretär erklärte »Winter«, dass er nur mit einem Transport freigelassener Fremdenlegionäre und ohne Familie in die DDR ausreisen könne. Er riet direkt ab, seine Frau und die Kinder mitzunehmen. Insgesamt berührte »Winter« der erkennbare Unwille des DDR-Diplomaten unangenehm. Der Botschafter hatte ihn nicht empfangen, sondern an diesen Subalternen verwiesen. Damit entstand der Eindruck, dass zumindest die involvierten DDR-Diplomaten in ihm weniger den Major der vietnamesischen Volksarmee und Kommunisten sahen als noch immer den Obergefreiten der faschistischen Luftwaffe und französischen Fremdenlegionär. Soweit der Rückblick.

Nach Verlassen des Auffanglagers am 1. Mai 1956 versuchte »Winter« entsprechend seiner Befähigungen eine Tätigkeit aufzunehmen. In ersten Gesprächen wurde ihm klar, dass ein Einsatz in der Nationalen Volksarmee der DDR nicht möglich wäre. Mit seiner unheilbaren Malaria war er nicht diensttauglich. Ihm wurde eine Funktion in der Gesellschaft für Sport und Technik ( GST ) vorgeschlagen. Diesen Vorschlag akzeptierte er sofort und wurde Instrukteur für Flugsport in der Bezirksorganisation Dresden. »Winter« beantragte nach Aufnahme der Arbeit und Bezug einer Wohnung in Dresden beim Außenministerium den Nachzug von Frau und Kindern aus Vietnam.

Die Bearbeitung des Antrages zog sich über Monate hin und wurde schließlich endgültig abgelehnt. Man legte ihm die Scheidung nahe. Dies lehnte »Winter« ab und schrieb mehrere Eingaben an maßgebliche Stellen der DDR. Im Verlaufe dieser Querelen stellte sich auch heraus, dass selbst die Unterstützungszahlungen an seine Familie nach Vietnam das DDR-Außenministerium nicht geregelt bekam. Als schließlich die Entscheidung endgültig war, dass seine Familie aus Vietnam nicht nachkommen konnte, zog er mit »Susi« und den gemeinsamen Sohn zusammen. Er kam mit seiner Frau in Vietnam überein, dass eine Scheidung unter den gegebenen Umständen für beide die beste Lösung sei. Hier fingen die Schwierigkeiten erneut an. Die Ehe- und Scheidungsgesetze der beiden Länder lagen weit auseinander, es gab keine »ordentlichen« Papiere, kein Scheidungsgericht hatte eine Grundlage, um sich der Sache anzunehmen. Wieder lief der Vorgang über die Außenministerien, die naturgemäß keine Scheidungen beschließen konnten. Da »Winter« mit seinen berechtigten Forderungen immer wieder vorstellig wurde, unzulängliche Bescheide nicht akzeptierte und eine klare Lösung seiner Probleme forderte, kam es nach Jahren dann doch zu einer Ausnahmeentscheidung. Beide Außenministerien einigten sich (wahrscheinlich Ende 1961) dahingehend, dass beide Eheleute ein Dokument erhielten, in dem die Scheidung bestätigt wurde.

Am 1. Dezember 1956 wechselte »Winter« von der GST zur Deutschen Lufthansa, der späteren Interflug der DDR, in die Verkehrsabteilung. Er betrat kein Neuland. Aus seiner Wehrmachtszeit und der in Vietnam hatte er recht vielseitig mit der Luftfahrt Berührung, u. a. auch Erfahrungen in der Organisation des Flugbetriebes und des Aufbaues von Flughäfen. Mitte der 50er Jahre wurde in der DDR der Inlandflugverkehr vorbereitet und am 16. Juni 1957 aufgenommen, dazu mussten die betreffenden Flughäfen überhaupt erst hergerichtet und mit Personal ausgestattet werden. Da »Winter« sich in Hanoi mit Flughafenbau und Flugsicherung beschäftigt hatte, war er für eine solche Aufgabe zweifelsfrei geeignet. Er wurde Flughafenleiter in Dresden und zusätzlich in Barth. »Susi«, eine gelernte Kauffrau, bekam ebenfalls auf dem Flughafen eine Tätigkeit: sie wurde in die Buchung, den Flugscheinverkauf und als Bodenstewardess eingewiesen und auch eingesetzt. »Winter« ging durchaus kritisch an seine neuen Aufgaben heran. Er sprach wiederholt die nicht ausreichenden technischen und materiellen Voraussetzungen für die Abwicklung des Flugverkehrs an. In die Eröffnungsphase des Dresdner Flughafens fiel der Staatsbesuch des vietnamesischen Präsidenten Ho Chi Minh und dieser wurde für »Winter« zu einem besonderen Ereignis. Bei seiner Rundreise in der DDR landete der Präsident auch am 27. Juli 1957 in Dresden. Beim Verlassen der Maschine ließ er die Offiziellen von Partei und Rat des Bezirkes vorerst stehen, ging auf »Winter« zu und begrüßte ihn mit sichtlicher Freude und Herzlichkeit. Ho Chi Minh hatte »Winter« sofort wiedererkannt.

1958 wurde mit den Solidaritätsflügen nach Vietnam begonnen. Für die Vorbereitung dieser Flüge war »Winter« ein gefragter Partner. Er konnte die Flugzeugbesatzungen präzise mit den Gegebenheiten des Hanoier Flughafens, den dortigen Verhältnissen, möglicher technischer Hilfeleistung, den navigatorischen Anflugbedingungen, mit der allgemeinen Wettersituation und anderen praktischen Dingen bekanntmachen. Bei dieser Gelegenheit hat »Winter«, wenn auch verbotenerweise, dem Flugzeugkommandanten ein Päckchen für seine Familie in Hanoi mitgeben können.

Ab 1958 wurden in den Hauptstädten der sozialistischen Staaten Repräsentanten der DDR-Fluggesellschaft eingesetzt. Für Rumänien fiel die Wahl auf »Winter«. Dort vollzogen »Winter« und »Susi« auch ihre verspätete Eheschließung auf einem der DDR-Urlauberschiffe. Seit 1960 war »Winter« für die Vorbereitung von Flugzielen und Überflugrechten im Mittelmeerraum eingesetzt. Neben seinen flugtechnischen Kenntnissen spielten hierbei seine perfekten englischen und französischen Sprachkenntnisse eine besondere Rolle.

Als operative Abteilung der HV A waren wir permanent auf der Suche nach Einsatzkadern für das Operationsgebiet Westeuropa. Im Jahre 1963 fanden wir dabei »Winter« und »Susi«. Nach gründlichen Ermittlungen und Überprüfungen wurden beide mit der Frage einer inoffiziellen Zusammenarbeit konfrontiert. Hier gab es für den Kommunisten »Winter« und seine Ehefrau kein Zögern, sie stimmten sofort zu. Zunächst mussten sie aus ihren Beschäftigungsverhältnis bei der Interflug herausgelöst werden und dies möglichst ohne Dekonspiration. Aus heutiger Sicht war die Methode der Herauslösung aus der Interflug im konkreten Fall nicht sehr glücklich gewählt. »Winter« wurde in Unehren entlassen. Angeblich wegen seiner Alkoholprobleme sei die Entlassung vollzogen worden.

»Winter« trank wegen seiner Malaria-Erkrankung jeden Tag überstarken Tee und ein bis zwei Gläschen Weinbrand als Medizin. Diese Angewohnheit hatte jedoch zu keiner Zeit Auswirkungen auf seine Dienstverrichtung. Durch »Winter« selbst wurde die Legende in Umlauf gebracht, dass er in der Sowjetunion zum Einsatz kommt und dort entsprechend seinen Erfahrungen Aufgaben erhält. Beide IM wurden gründlich nachrichtendienstlich ausgebildet, theoretisch wie praktisch. Dabei wurde immer wieder deutlich, »Winter« war ein überzeugter Kommunist, hoch intelligent, zuverlässig, weltgewandt und sprachlich begabt. Er beherrschte vier Fremdsprachen (englisch, französisch, vietnamesisch und laotisch).

Bei den ersten Anzeichen eines Zerwürfnisses zwischen Frankreich und den anderen NATO-Staaten, insbesondere den USA, traf die HV A Vorsorge, um künftig ein stabiles IM-Netz in Belgien, wohin die NATO-Hauptquartiere übersiedelten, zur Verfügung zu haben. »Winter« und »Susi« wurden für einen Einsatz in Brüssel vorgesehen. Er wurde als Resident und sie als Funkerin qualifiziert. Für den Einsatz notwendig war eine Doppelgänger-Dokumentation. Die dafür und die Übersiedlung zuständige Abteilung der HV A fand einen solchen Doppelgänger in Gestalt eines in Südafrika lebenden Deutschen. Dieser sah »Winter« sogar ähnlich. »Winter« wurde nach Südafrika geschickt, nahm dort unter Legende Verbindung mit dem Doppelgänger auf. Dabei wurden dessen Lebensverhältnisse erkundet. Vor dem Einsatz im Operationsgebiet erhielt »Winter« wegen seiner Malaria-Krankheit eine Therapie im Regierungskrankenhaus.

So vorbereitet, wurden beide IM in drei Etappen im Jahre 1965 nach Brüssel übersiedelt. Zuerst meldete sich »Winter« in Köln als aus Südafrika Kommender an. Als zweiten Schritt versuchte er in Verviers (zwischen Aachen und Lüttich) eine belgische Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Eine solche war damals noch vorgeschrieben, ebenso eine Arbeitserlaubnis, und beide bedingten sich gegenseitig. Da sich die belgische Bürokratie Zeit ließ, musste »Winter« unter Vortäuschung eines persönlich guten Verhältnisses zu einem namhaften belgischen Diplomaten leichten Druck ausüben. Danach wurde das eigentliche Ziel, Brüssel, relativ schnell erreicht.

»Winter« gelang es im Zentrum von Brüssel, am Place de Brouckere, als Geschäftsführer die Leitung der dortigen »Wienerwald«-Gaststätte zu übernehmen. Die IM lebten sich gut in die Verhältnisse ein, waren in ihrer geschäftlichen Tätigkeit innovativ. Sie waren fest etabliert. Mit der operativen Arbeit gemäß ihren Funktionen hätte jederzeit begonnen werden können. Nebenbei sei bemerkt, dass sich dieses Lokal gut für Treffs eignete. Viele Jahre später trafen sich hier eine bedeutsame HVA-Quelle gelegentlich mit ihrem Instrukteur.

Im Frühjahr 1968 verschlechterte sich der Gesundheitszustand von »Winter«, was er jedoch nicht sonderlich ernst nahm; er nahm an, es sei ein neuerlicher Malaria-Schub. Im Juni 1968 musste er dann mit einem Rettungswagen in eine Klinik eingeliefert werden. Man diagnostizierte eine aggressive Form von Leukämie im fortgeschrittenen Stadium. Wenige Tage nach seiner Einlieferung verstarb »Winter« am 1. Juli 1968 auf der Intensivstation. »Susi« verständigte die HV A und organisierte nach Absprache und Abwägung aller Möglichkeiten die Beisetzung auf einem Friedhof in Brüssel. Davor wurde intensiv geprüft, ob eine Einäscherung oder Überführung des Leichnams in die DDR bzw. überhaupt nach Deutschland möglich sei. Nach den damaligen belgischen gesetzlichen Bestimmungen gab es keine solche Möglichkeit.

»Susi« regelte alle Verbindlichkeiten, vernichtete die operativen Dokumente und andere Materialien und trat den geordneten Rückzug aus dem Operationsgebiet an. Sie hat in dieser schwierigen Situation präzise und umsichtig gehandelt. In der DDR nahm sie ihre frühere Tätigkeit in der Verkehrsabteilung am Dresdener Flughafen wieder auf. Wenige Jahre nach ihrer Rückkehr ist auch sie an Krebs verstorben.

Im Nachhinein entstanden eine Reihe Legenden, recht abenteuerliche, die aber alle nicht der Wahrheit entsprachen. Unsere Inoffiziellen Mitarbeiter »Winter« und »Susi« sind nicht mit spektakulären Spionagegeschichten in Verbindung zu bringen, gehörten aber zu den vielen der Öffentlichkeit unbekannten Patrioten, die als IM in verschiedenen Funktionen einen wertvollen Beitrag zur Sicherung der DDR und ihrer Verbündeten leisteten. Sie hatten die Kundschafteraufgaben in der Überzeugung übernommen, damit einen Beitrag zu leisten, dass das militärstrategische Gleichgewicht zwischen Warschauer Vertrag und NATO und damit der Frieden in Europa erhalten bleibt.

 

 

 

Der Verfassungsschutz

als Dienstleister der HV A

 

Von Bernd Trögel

 

Jahrgang 1939, nach dem Abitur 1957 Mitarbeiter des MfS, zwei Jahre Offiziersschule in Potsdam-Eiche, danach Einsatz in der Hauptverwaltung A. Letzter Dienstgrad Oberstleutnant, zuletzt Leiter des Referates 4 (Bearbeitung des Verfassungsschutzes) in der Abteilung IX/A

 

Als Absolvent der Offiziersschule des MfS in Potsdam-Eiche, zwanzigjährig und mit dem ersten Offiziersdienstgrad versehen, war ich stolz und selbstverständlich erwartungsvoll, welches Tätigkeitsfeld für mich im weiteren Berufsleben wohl vorgesehen wäre. Mit Befehl des Ministers für Staatssicherheit wurde ich in die Hauptverwaltung für Aufklärung (HV A) versetzt.

Soviel war mir klar: man setzte ein großes Vertrauen in meine Fähigkeiten, als Anfänger in dieser als Meisterklasse benannten Truppe zu arbeiten. Es war im Allgemeinen nicht üblich, seine Laufbahn unmittelbar in der Berliner Zentrale beginnen zu können. In der Auseinandersetzung zwischen den Blöcken Warschauer Pakt und NATO konnte das MfS an die Erfahrungen der Aufklärungs- und Abwehrorgane der sozialistischen Staaten, vor allem die der Sowjetunion, anknüpfen. Die Abwehr politischer, wirtschaftlicher und militärischer Spionage der westlichen Geheimdienste wurde in der DDR von der Hauptabteilung II des MfS federführend durchgeführt. Um gleichermaßen den bestmöglichen Schutz und die Sicherheit der DDR-Aufklärer zu gewährleisten, war es erforderlich, in solche Ämter der gegnerischen Seite einzudringen wie in das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), die Landesämter (LfV) und im exekutiven Bereich in die Staatsschutzabteilungen der Kriminalpolizei. Die Bearbeitung des Bundesamtes für Verfassungsschutz und seiner Landesämter war bereits, wenn auch noch nicht umfassend, ab 1959 in der Aufgabenstellung der Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) angelegt. Zur Qualifizierung des Schutzes des eigenen inoffiziellen Netzes der Aufklärung wurde es als immer dringlicher erkannt, dass der Schwerpunkt der Aufklärungsarbeit bereits in die Vorfeldbereiche der Bearbeitung und Verfolgung von Inoffiziellen Mitarbeitern des MfS gelegt werden müsse, also in die Spionageabwehr des Verfassungsschutzes. Hatte der Gegner bereits Verdachtsmomente erkannt und diese zur Bearbeitung an die exekutiven Staatsschutzorgane gegeben, war es in der Regel zu spät, effektive Schutzmaßnahmen für die betroffenen Quellen einzuleiten.

Mit der Bildung der Abt. IX der HV A wurde die Bearbeitung des Verfassungsschutzes in einer eigenen Diensteinheit konzentriert. Es gelang, über diesen Weg die Aufgabenstellung zum Schutz unserer inoffiziellen Quellen noch effektiver zu erfüllen. Mehrere in den Verfassungsschutzämtern aufgebaute Quellen beschafften fast alle Grundsatzdokumente und konnten akut gefährdete Kundschafter, Instrukteure und Kuriere melden, so dass sie noch vor einem gegnerischen Zugriff gerettet werden konnten. Die Organe der Aufklärung der DDR konnten viele Aktionen der westlichen Dienste über Jahre erkennen und in ihrer Wirksamkeit eindämmen.

Als hochmotivierter Neuling wurde ich in diesem Spannungsfeld eingesetzt, erhielt alle Unterstützung, die »alten Hasen« rechneten mit meinem Einsatz. Schon nach wenigen Wochen konnte ich mir selbst bestätigen, dass ich vom Kollektiv aufgenommen worden war und meine Arbeit Anerkennung fand. Das notwendige Studium von Aktenbündeln wurde sehr schnell mit operativer Praxis ergänzt und ich hatte erste Kontaktanbahnungen, auch Anwerbungen und Treffs durchzuführen.

Ein besonderer Vorgangskomplex, der mir nach fast 20 Jahren als Mitarbeiter der Aufklärung, ich war inzwischen Leiter eines Referates geworden, übertragen wurde, soll hier geschildert werden. Er entwickelte sich aus einem von mehreren Quellenvorgängen unserer Diensteinheit. Darin wurde ein DDR-Kundschafter (Deckname »Wieland«), der in Köln lebte, geführt. Dieser erhielt nach dem Tod einer von ihm geführten Quelle, die in einem Staatsschutzkommissariat gearbeitet hatte, von uns die Instruktion, sich selbst dem Verfassungsschutz zuzuwenden. Irgendwann müsste er zwangsläufig mit Mitarbeitern des Verfassungsschutzes in Berührung kommen, befand sich doch das Bundesamt selbst in seiner Heimatstadt. Nach einem Jahr meldete »Wieland« nach Berlin, er habe in einer Eifelpension ein Ehepaar kennengelernt, der Mann sei wahrscheinlich Mitarbeiter im BfV.

Von Berlin kam grünes Licht, die Verbindung weiter zu pflegen. Das gelang dem kontaktfreudigen »Wieland« und dank seiner beinahe wagemutigen Initiativen erregte er die Aufmerksamkeit des bundesdeutschen Inlandgeheimdienstes. Nach dem Besuch eines Lokals wurde er auf dem Nachhauseweg von zwei Herren angesprochen. Sie wiesen sich als Beamte des BfV aus und baten ihn mitzukommen. Es wurde ein Appartement in einem Kölner Hotel aufgesucht und in der folgenden mehrstündigen Befragung offenbarte sich »Wieland« unter der Last der Vorhaltungen als Quelle des MfS der DDR. In Erfüllung unserer Instruktion ließ er sich anwerben, also eigentlich überwerben. Vom Verfassungsschutz erhielt er den Decknamen »Keil«. Die zwei Beamten wurden von uns als die BfV-Mitarbeiter Klaus Kuron alias »Kluge« und Hans-Joachim Tiedge identifiziert. Für »Wieland« und alle auf »unserer Seite« brachte dieser Arbeitsstand neben Freude vor allem über längere Zeiträume zusätzliches Herzklopfen. »Wieland« überstand alle Überprüfungsmaßnahmen seitens des Verfassungsschutzes und konnte in der sich entwickelnden Zusammenarbeit mit diesem Dienst nicht nur Erkenntnisse über Strukturen, handelnde Personen und Aktionen der gegnerischen Dienste der BRD an unsere Diensteinheit liefern, sondern den gegnerischen Dienst auch mit von uns erarbeiteten Desinformationen beschäftigen.

Doch weiter mit dem Vorgangskomplex, wir gaben ihm den Decknamen »Stern«. An einem Sommerabend im Jahre 1981 deponierte eine unbekannte Frau einen größeren Briefumschlag im Briefkasten der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn.

Der Brief enthielt einen weiteren Umschlag. Dieser war adressiert an den Leiter der Abteilung IX der HV A, Oberst Schütt. Aus dem Inhalt ging hervor, dass der anonyme Schreiber gute Insiderkenntnisse aus dem Verfassungsschutz besaß (u. a. deutete er den Vorgang »Keil« an, was uns ein Lächeln entlockte). Er bot seine Zusammenarbeit an und unterbreitete entsprechende finanzielle Vorstellungen, wie diese Zusammenarbeit für ihn abgesichert werden könnte. Das betraf eine einmalige Zahlung und monatliche Zuwendungen in Höhe seines Gehaltes im Verfassungsschutz.

Zum Beweis seiner Insiderkenntnisse enttarnte der Briefschreiber eine in Wien geplante Aktion gegen einen Mitarbeiter des Sektors Wissenschaft und Technik der HV A. Diese Information traf zu. Der Brief war handschriftlich mit Druckbuchstaben abgefasst. Als ich als der fachlich zuständige Referatsleiter den Brief erstmals vor Augen hatte, konnte ich auf Anhieb den Schreiber identifizieren.

Ich hatte noch wenige charakteristische Schriftzüge von einem Zettel im Gedächtnis, der einige Zeit vorher von der Quelle »Wieland« an uns übergeben worden war. Dieser Zettel war nach einem Treff mit seinem Fallführer »Kluge« in einem Lokal liegen geblieben und von »Wieland« eingesteckt worden, ohne besonderen Hintergrund, vielleicht nur der Ordnung halber. In der Geheimdienstarbeit kann, wie dieser Fall zeigt, jede Kleinigkeit plötzlich eine Bedeutung erlangen. Das war die Schrift von »Kluge« alias Klaus Kuron.

Ich kannte Kuron schon recht gut. Er war Mitarbeiter im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und verantwortlich für alle Doppelagenten-Operationen des Verfassungsschutzes gegen die DDR. Das war das Herz der feindlichen Gegenspionage. Von dort gingen große Gefahren für die Quellen der DDR im Operationsgebiet Bundesrepublik aus. Unsere Quelle »Wieland« wurde von »Kluge« bereits über einen längeren Zeitraum geführt. Deshalb konnte er ihn auch mit aller Vorsicht politisch einschätzen. Nach seinem Eindruck stünde »Kluge« dem linken Flügel der SPD nahe und hege, was überraschen musste, durchaus Sympathien für die DDR. Es verging noch einige Zeit der Überprüfungen und der vorsichtigen Annäherung bis zur Kontaktaufnahme.

Immerhin hatte der Briefschreiber verlangt, dass ein Treff mit verantwortlichen Mitarbeitern der Abteilung IX der HV A in Wien stattfinden sollte. Die Leitung in Berlin zauderte, denn man wollte die Gefahr für unsere Mitarbeiter im westlichen Ausland so gering wie möglich halten. Es gab warnende Stimmen, die meinten, bei dem Angebot Kurons könne es sich um eine raffinierte Operation des Verfassungsschutzes handeln, um Zugriff auf Mitarbeiter der Abteilung IX der HV A zu erhalten.

Schließlich kam es dennoch zum Treff im Park des Schlosses Schönbrunn in Wien. Mit der Durchführung wurden zwei Mitarbeiter beauftragt. Ich muss an dieser Stelle gewiss nicht beschreiben, welche Sicherheitsmaßnahmen diese Aktion im Geheimen begleiteten.

Kuron stellte sich ohne Umschweife vor und charakterisierte sein Aufgabengebiet im Verfassungsschutz. Zu den Motiven seines Angebotes einer Zusammenarbeit mit der Abteilung IX, die er aus seiner Arbeit auch bereits recht gut kannte, erklärte er, dass seine Karriere im BfV einen toten Punkt erreicht habe, nicht zuletzt wegen der fachlichen Inkompetenz seiner Vorgesetzten. Das Beamtengehalt reiche nicht aus, um das Studium seiner Söhne zu finanzieren. Das stellte er verbittert in die gesellschaftliche Realität seines Landes, das seinen Bürgern gleiche Rechte nur auf dem Papier garantiere. Die Wirklichkeit für all jene, die sich aus kleinen Verhältnissen emporarbeiten wollten, sehe anders aus als in Sonntagsreden der Politiker versprochen. Andererseits würden die Kinder von Reichen begünstigt und allseits protegiert. In fachlicher Hinsicht offenbarte Kuron in allen Einzelheiten die Doppelagenten-Operation mit »Keil«, ohne zu wissen, dass seine Gesprächspartner aus Berlin bereits im Bilde waren. Kuron ging offenkundig davon aus, dass der Doppelagent »Keil« nur dem Verfassungsschutz treu war. Mit seinen Ausführungen überzeugte Kuron die Mitarbeiter der HVA, er erschien ehrlich und glaubwürdig. Zur allseitigen Klärung einer künftigen Zusammenarbeit wurde ihm ein Treff in der DDR vorgeschlagen. Kuron zögerte aus Sicherheitsgründen, ließ sich aber dann überzeugen, dass alles für seine Sicherheit getan würde.

Im Herbst 1982 wurde Kuron von einem DDR-Diplomatenfahrzeug in Wien aufgenommen und über die Grenze nach Bratislava gebracht. Dort wartete eine Maschine der Regierungsstaffel der DDR. Sie flog ihn bis Dresden. Auf dem dortigen Flugfeld wurde Kuron zu seinem ersten Aufenthalt auf dem Boden der DDR willkommen geheißen. Kuron wusste, dass er sich mit dem Leiter der HV A, Markus Wolf, treffen würde, um die zukünftige Zusammenarbeit mit der HV A zu besiegeln. Markus Wolf erinnerte sich später: »Klaus Kuron gab sich frei von aller Wichtigtuerei oder Anbiederung. Das Gespräch mit ihm verlief locker und unkonventionell. Wie bereits in Wien erklärte er seinen Schritt und seine Geldforderungen mit seiner sozialen Situation. Letzten Endes, so sagte er, bestimme immer nur das Geld die Lebensqualität. Seine Position innerhalb der Verfassungsschutzbehörde empfand er als Ungerechtigkeit, ja als Demütigung. Seinen unmittelbaren Vorgesetzten, die seiner Ansicht nach allein durch Protektion seitens der CSU in ihre Ämter gelangt waren, fühlte er sich weit überlegen. Tiedge, seinem Gruppenleiter, gestand er zwar eine abgeschlossene Juristenausbildung und Professionalität zu, doch stufte er ihn wegen seines Lebenswandels als längst nicht mehr tragbar für die Spionageabwehr ein. In keinem Moment der Unterhaltung hatte ich den Eindruck, es mit einem habgierigen oder skrupellosen Menschen zu tun zu haben. Das große Risiko dessen, was er zu tun im Begriff stand, war ihm eindeutig bewusst. Seinen Entschluss hatte er lange und gründlich überlegt, und nun handelte er mit äußerster Konsequenz. Im Grunde befolgte er die Maximen seiner Gesellschaft: Er handelte mit dem Pfund, das er besaß, seinem fachlichen Können, das er dem Meistbietenden verkaufte. Noch heute schmeichelt mir der Gedanke, dass Kuron den Weg zur HV A nicht zuletzt deshalb einschlug, weil er als Profi die Professionalität, mit der bei uns gearbeitet wurde, erkannt hatte und zu schätzen wusste1

Im Sommer 1984 kam es noch einmal zu einer Begegnung zwischen Markus Wolf und Klaus Kuron, diesmal unter Einbeziehung von Kurons Ehefrau, die von Anfang an in seine Überlegungen eingeweiht war und seinen Entschluss teilte. Dieser Treff erfolgte unter abenteuerlichen Umständen. Wir schleusten beide über die »grüne Grenze« bei Magdeburg. Für Grenzschleusungen gab es in der HVA eine eigene Arbeitsgruppe, die mit hoher Professionalität arbeitete. Aber trotzdem war das für die Beteiligten, vor allem beim ersten Mal, immer eine Handlung, die mit viel Stress und Ungewissheit über den Ausgang verbunden war. Aber die von uns erwarteten Partner konnten in Magdeburg wohlbehalten aus dem PKW aussteigen und wurden in einem konspirativen Objekt der HV A vom Chef der HV A begrüßt. Markus Wolf dazu in seinen Erinnerungen: »Ich erkannte sehr schnell, dass sie sich mit eigenen Augen vergewissern wollte, ob ihr Mann bei uns in besseren Händen war als bei der Kölner Behörde, vor allem, ob er bei uns die gebührende Anerkennung fand oder wie ein x-beliebiger kleiner Agent behandelt wurde. Erleichtert sah ich, dass ihr anfängliches Misstrauen einem Ausdruck von Zutrauen und Zufriedenheit wich, als sie feststellte, dass der Umgang zwischen uns freundschaftlich war2

Die operative Aufgabenstellung der HV A für Klaus Kuron lag in der Offenbarung seines gesamten Wissens über die Doppelagenten-Operationen des Verfassungsschutzes gegen die DDR – das betraf die HV A, andere Diensteinheiten des MfS und die Verwaltung Aufklärung der NVA. Darin eingeschlossen waren auch vielfältige Kenntnisse über Verdachtsfälle mutmaßlicher Agenten, da von Seiten des Verfassungsschutzes immer auch die Möglichkeit eines Doppelspiels geprüft wurde.

Klaus Kuron hatte von Anfang an für seine Zusammenarbeit die Bedingung gestellt, gegen enttarnte Doppelagenten dürften in der DDR keine exekutiven Maßnahmen erfolgen. Er betrachtete das zu Recht als eine Frage seiner eigenen Sicherheit. Das erforderte von den verantwortlichen Leitern umsichtige Maßnahmen, um sowohl die Quelle der Herkunft unseres Wissens zu schützen als auch Überreaktionen anderer Diensteinheiten zu verhindern und damit Schaden für die DDR und die operative Arbeit zu vermeiden.

Mit dem Ende der DDR und der Auflösung des MfS erhielt die Informationstätigkeit von Klaus Kuron noch einmal eine spezifische Bedeutung. Bis auf wenige Ausnahmen erhielt er Kenntnis von allen Verrätern und Überläufern aus den Reihen der Sicherheitsorgane der DDR. Leider war der Prozess der Auflösung der Sicherheitsapparate der DDR schon so weit fortgeschritten, dass oftmals eine Warnung gefährdeter Quellen nicht mehr möglich war. Einer dieser Verräter, der frühere stellvertretende Leiter der Abteilung IX, Karl-Christoph Großmann (nicht zu verwechseln mit Generaloberst a. D. Werner Großmann, dem letzten Leiter der HV A), lieferte auch Klaus Kuron der bundesdeutschen Justiz aus.

Kuron reiste am 6. Oktober 1990 noch einmal nach Berlin und beriet sich mit seinem nunmehr ehemaligen Führungsoffizier. Seine Enttarnung war offensichtlich. Als Alternative blieben nur die sofortige Flucht in die Sowjetunion oder Rückkehr nach Köln und Verhaftung. Kuron entschied sich, nicht zuletzt aus Rücksicht auf seine Familie, für die Rückkehr und offenbarte sich dem BfV.

Der Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf geriet zu einer öffentlichen Bloßstellung des Verfassungsschutzes. Der Fall Kuron wurde vom Präsidenten des Verfassungsschutzes Boeden zur »größten Spionageaffäre in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland« erklärt. In der Anklageschrift behauptet die Staatsanwaltschaft, dass Kuron in mindestens vierzig Fällen Anwerbungen, Überläufer und Verdachtsmomente an das MfS verraten habe.

Im Februar 1992 wurde Kuron wegen »Landesverrat in Tateinheit mit Bestechlichkeit« zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Die Höhe der Strafe wurde vom Gericht auch als »allgemeine Abschreckung für Nachahmer« begründet. 1998 wurde er aus der Haft entlassen und die Reststrafe von vier Jahren zu dreijähriger Bewährung ausgesetzt.

Klaus Kuron antwortete nach seiner Haftentlassung in einem Interview auf die Reporterfrage »Warum haben Sie sich Ende 1981 als Maulwurf der DDR-Staatssicherheit in Ihrer Abteilung Spionageabwehr im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz angeboten? Ging es Ihnen nur ums Geld mit folgenden Worten: »Das ist sehr komplex. Es war ein Bündel von Motiven und nicht ein bestimmter Fall oder eine plötzliche Eingebung, sondern ein über Jahre gehender Prozess, mich schließlich so zu entscheiden. Ich will es einmal so zusammenfassen: Es war eine tiefgreifende Verärgerung über die verfehlte Sozial- und Familienpolitik der BRD, die mich ins gesellschaftliche Abseits gerückt hatte. […] In der Sozialpolitik der DDR habe ich durchaus eine positive Alternative gesehen. Ich glaube, in dieser Hinsicht ging es in der DDR gerechter zu. Ich habe mich natürlich auch immer wieder über inkompetente Vorgesetzte und politische Spitzenbeamte im BfV geärgert – insbesondere solche mit ausgeprägter ›rechter‹ Gesinnung. Die Gründe, mich gegen die BRD und für die DDR zu entscheiden, waren für mich stichhaltig und sind heute auch nachvollziehbar. « An anderer Stelle des Interviews betonte er: »Vergessen Sie aber nicht, ich habe nie ein Doppelspiel getrieben, ich habe seit 1982 ausschließlich die Interessen der DDR verfolgt3

Zu seinem und unserem Glück ahnten die Kölner Vorgesetzten Klaus Kurons von dieser Entscheidung nichts. Sie bescheinigten ihm in den dienstlichen Beurteilungen immer wieder eine hohe Professionalität, seine durch »Erfolge« gewachsene Vorbildfunktion sowie seine volle Identifizierung mit seinem Aufgabengebiet.

In der Begründung zu seiner Verurteilung 1992 führt das Oberlandesgericht in Düsseldorf an: »Nach den Bekundungen der Zeugen […] war das Referat B 1 aufgrund der Erfahrungen und Erfolge des Angeklagten das Spitzenreferat im Bereich B, in dem die wichtigsten Gegenoperationen liefen. […] Aufgrund seiner fachlichen Qualifikation sei der Rat des Angeklagten von Kollegen gesucht und geschätzt gewesen. Man habe dem stets hilfsbereiten Angeklagten uneingeschränktes Vertrauen entgegengebracht4

In dem bereits erwähnten Interview bewertet Klaus Kuron die Auswirkungen seiner Informationstätigkeit. »Dabei habe ich nur meine eigene Tätigkeit torpediert, indem ich DDR-Spione begünstigte, statt sie zu verhaften, und Verräter in den Reihen der HV A und dem Bereich Aufklärung der NVA als Doppelagenten ins Leere laufen ließ. Das übliche Spiel der Geheimdienste – man füttert sogenannte Countermen mit echten, aber belanglosen Informationen und sorgt dafür, dass sie keinen Schaden anrichten5

Bereits in der Haftzeit kam Klaus Kuron in Kontakt mit anderen inhaftierten Spionen der DDR. Sie diskutierten die Möglichkeit, sich mit politischen und rechtlichen Mitteln für eine Gleichbehandlung der Spione Ost und West einzusetzen. Kuron dazu in einem Interview: »Es ist doch ein himmelschreiendes Unrecht, dass die Regierung Kohl die West-Spione in der DDR belobigte, belohnte und entschädigte, die Inoffiziellen Mitarbeiter des DDR-Geheimdienstes dagegen aufs Schlimmste bestrafte.«6

Gemeinsam mit anderen gründete Klaus Kuron die »Initiative Kundschafter des Friedens fordern Recht«, die auch heute noch aktiv ist.

 

Anmerkungen

 

1   ‑Vgl. Markus Wolf: »Spionagechef im geheimen Krieg«, Düsseldorf 1998, S. 309f.

2   a. a. Ort, S. 311

3   ‑Vgl. Eichner/Schramm (Hrsg.): »Kundschafter im Westen«,  darin: »Vom BfV zur HV A«, S.179, 181, Berlin 2003

4   ‑Originalauszüge aus den dienstlichen Beurteilungen in seiner Personalakte im Bundesamt für Verfassungsschutz und aus der Urteilsbegründung; zitiert in Wochenpost, Berlin, vom 8. Juli 1993: »Vor unserem Laden hatte ich keine Angst«

5   ‑Eichner/Schramm (Hrsg.): Kundschafter …, a. a. Ort., S.177

6   ‑Vgl. Neues Deutschland vom 9. Oktober 1998, Interview: »Gleiches Recht für alle Ex-Spione«

 

 

Auf außenpolitischem Parkett

Über Hürden zum

Kapitän auf Großer Fahrt

 

Von Reinhard Kluge

 

Jahrgang 1939; Diplom-Ingenieurökonom; Kapitän auf Großer Fahrt; 1957 – 1960 Deutsche Grenzpolizei-See der DDR; 1960 – 1991 VEB Deutsche Seereederei Rostock, davon 10 Jahre Auslandsvertreter in Indonesien, Indien, Malaysia und Singapur; danach als Port Captain in Thailand und Vietnam. Seit 2000 freischaffender Supercargo und Port Captain in der Austral-Asia Region. Wohnsitz seit 2000 in Australien.

 

Alle, die mit mir in der Internatsoberschule Wickersdorf die Schulbank gedrückt haben, werden sich erinnern, dass ich von Anfang an nur einen Berufswunsch hatte – ich wollte Seemann werden und, wenn möglich, Kapitän. Kein Wunder, dass ich im Unterricht natürlich die Fächer bevorzugte, die nach meinem damaligen Erkenntnisstand unmittelbare Voraussetzung dafür waren, ein guter Nautiker zu werden. Der zur schulischen Physiksammlung gehörige schöne Trommelsextant wurde von mir alsbald mit Beschlag belegt und ich übte mich darin, in Wickersdorfer Wald und Flur Höhen- und Horizontalwinkel von Bäumen und Bergeshöhen zu vermessen.

In meiner Freizeit las ich Bücher, die irgendwie mit der Seefahrt zu tun hatten, womit ich mitunter Schwierigkeiten bekam, da ich die im Fach Deutsch geforderte Pflichtliteratur oft sträflich vernachlässigte.

Und selbst das Wickersdorfer Standardlesebuch »Und Keiner bleibt zurück« von Rainer Kerndl, unserem damaligen FDJ-Sekretär, habe ich erst im Rentenalter gelesen. Asche auf mein sündiges Haupt. In der unterrichtsfreien Zeit waren wir Oberschüler natürlich alle irgendwie gesellschaftlich tätig, unter anderem in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST). In den Sommerferien 1954 nahm mich mein großer Bruder erstmals mit an die Lütsche-Talsperre zur Seesportausbildung der GST-Gruppe RFT Arnstadt. An diesem idyllischen Stausee, im Gebiet zwischen Frankenhain und Oberhof gelegen, übten die Seesportler Kutterrudern und Segeln im K-10, lernten Knoten und Spleißen und andere seemännische Fertigkeiten. Hier machte ich die allerersten noch unsicheren Schritte meiner späteren maritimen Laufbahn. Nach diesen Sommererlebnissen kam ich nach Wickersdorf zurück mit der tiefen Überzeugung, dass man mit dem nötigen Elan und Enthusiasmus auch in den Kammlagen des Thüringer Waldes zünftigen Seesport betreiben konnte. Aus der GST-Fachzeitschrift »Der Seesport« erfuhr ich, dass es an der Maxhütte in Unterwellenborn eine aktive Seesportgruppe gab, die regelmäßig an der Saale hellem Strande, d. h. auf dem Hohenwarthe-Stausee trainierte und an Wettkämpfen teilnahm. Warum also nicht auch wir?

Nach intensiven Gesprächen mit den Verantwortlichen an unserer Schule und den Kameraden der GST-Kreisleitung Saalfeld (die mich anfänglich für verrückt erklärten) gelang es mir, von den zuständigen Leitern die Einwilligung zur Gründung einer Seesportgruppe an der Internatsoberschule Wickersdorf einzuholen. Mich selbst ließ ich zum Ausbilder und Leiter der Gruppe küren und bald hatten wir eine 12-köpfige Kuttermannschaft beisammen. Nach mehreren Monaten intensiven Büffelns und harten Trainings legten wir alle gemeinsam die Seesportprüfung A – Seemannschaft/Navigation ab und wurden sogar 2. Kreismeister hinter den Stahlarmen der Kumpels von der Maxhütte.

Um meine seemännischen Kenntnisse und Erfahrungen weiter zu vertiefen und endlich einmal Seeluft schnuppern zu können, wurde ich in drei aufeinanderfolgenden Sommerferien zu Lehrgängen an die GST-Hochseejachtenstation in Greifswald-Wieck delegiert. Wiederholt nahm ich an Segelregatten zur Ostseewoche teil. Im Sommer 1957 hatten wir alle das Abitur erfolgreich gemeistert und standen vor wichtigen Entscheidungen für unseren weiteren Lebensweg. Für mich waren die Weichen schon etwas früher durch die GST-Kreisleitung gestellt worden, indem man mich zu einem Lehrgang auf dem Segelschulschiff »Wilhelm Pieck« delegiert hatte. Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung auf der hübschen Schonerbrigg hatte man mir eine direkte Aufnahme in die Reihen der Seestreitkräfte in Aussicht gestellt.

Ich fand das sehr praktisch, denn ich hatte mich ja schon frühzeitig bereit erklärt, meinen Ehrendienst in den bewaffneten Organen der DDR zu leisten. Wohlgemerkt, für drei Jahre, denn anschließend wollte ich zur Handelsmarine. Kurz vor Lehrgangsbeginn erfuhr ich allerdings, dass die Ausbildung auf der »Wilhelm Pieck« als Vorbereitung auf eine Laufbahn als Seeoffizier bei den Seestreitkräften gedacht war. Etwas enttäuscht von dem Gang der Dinge machte ich dann eine Rolle rückwärts und sagte meine Teilnahme an dem Lehrgang ab. Mit einer ganzen Portion Wehmut, muss ich sagen, denn erst 33 Jahre später hatte ich Gelegenheit, die Reise auf diesem wunderbaren Schiff nachzuholen, eine Reise von Greifswald nach Travemünde. »Erster Hafenanlauf des DDR-Schulschiffes ›Wilhelm Pieck‹ in der BRD«, hieß es damals in den Medien. Das war im Mai 1990.

Aber zurück zu den Ereignissen im Sommer 1957. Im Hafen von Greifswald-Wieck war neben der Hochseejachtenstation und dem Schulschiff auch eine kleine Bootsgruppe der Grenzpolizei-See angesiedelt, und man traf sich mit den Matrosen Grenzern gelegentlich zu einem Bier im beliebten Gasthaus »Utkiek« an der Mole. Da ich ja nun momentan «arbeitslos« war, sprach ich eines Tages den Posten-Pier einfach mal an mit der Bitte, den Kommandanten des KS-Bootes G-XXX sprechen zu dürfen. Kein Problem, komm nur an Bord, sprach er.

An Bord traf ich den Kommandanten des Bootes, stellte mich kurz vor und erkundigte mich, ob man denn bei der Grenzpolizei-See als Matrose anfangen könnte. Das wurde umgehend bestätigt, denn Leute wurden bei den bewaffneten Kräften immer gesucht. Man schickte mich sofort zum Stab der Grenzkompanie zu einem Einstellungsgespräch und ich erfuhr dort, dass ich in zehn Tagen anfangen könnte. Pünktlich am 1. August 1957 war ich wieder da, und nach einem kurzen Eignungsgespräch, bei dem meine nautisch-seemännischen Kenntnisse geprüft wurden, schickte mich der Abteilungschef (ACH) Kapitänleutnant L., zur Kleiderkammer und zum Personalbüro und verabschiedete mich mit den Worten: »Melden Sie sich bei Meister Hartmann auf dem Kutter G-412 als Steuermann.«

So einfach war das, ich konnte es kaum fassen. Keine Grundausbildung, keine Einweisung in die neue Funktion – man vertraute voll darauf, dass ich die nötigen Vorkenntnisse aus der GST mitbrachte, was ja auch weitgehend stimmte. Ein Jahr später wurde ich dann auf einen Bootsmannslehrgang nach Ribnitz geschickt, da konnte ich schon auf ein Jahr Erfahrung im Dienst an den Seegrenzen der DDR zurückblicken. Unser Einsatzgebiet war der Ostabschnitt von Darßer Ort bis Swinoujscie inklusive Greifswalder Bodden und Kleines Haff bis hin zur polnischen Grenze.

Die Ostgrenze der DDR musste damals streng bewacht werden, da die Westgrenze offen war, zumindest in Berlin. Wiederholt wurden ungebetene Gäste von West-Berlin aus durch das Territorium der DDR über die Grenze nach Polen und weiter in die UdSSR geschleust, und unsere Aufgabe war es, diese nach Möglichkeit am Überqueren der deutsch-polnischen Grenze zu hindern. Ein beliebtes Schlupfloch gab es damals am Kleinen Haff in der Nähe der Grenzmarkierung zwischen Altwarp und Kamminke, wo jenseits des Tonnenstrichs ein polnisches Wachboot auf- und abfuhr, wir auf der diesseitigen Trasse. Von Kontakten unter Grenzern war da allerdings kaum etwas zu spüren, wir mieden einander.

Einmal passierte es, dass das polnische Wachboot durch Unachtsamkeit auf Grund lief und sich nicht selbst freimanövrieren konnte. Nach Seemannsbrauch leisteten wir Hilfe, indem wir das Boot von der Untiefe abschleppten und den polnischen Grenzern anboten, ihr Boot ins nahegelegene Kamminke einzuschleppen zwecks Untersuchung und Reparatur etwaiger Schäden, aber der polnische Kommandant lehnte unmissverständlich ab: »Nix deutsche Hafen«!

Soviel zum Thema Waffenbrüderschaft an der deutsch-polnischen Grenze zur damaligen Zeit.

Abwechslung gab es für mich im Frühjahr 1958, als ich von unserem Politleiter für vier Monate zur Kreisparteischule nach Wismar abkommandiert wurde. Zwar war ich zu diesem Zeitpunkt »nur« Kandidat der SED, aber das Kontingent musste nun einmal ausgeschöpft werden, und da fiel die Wahl eben auf den (fast) Jüngsten. Die Zeit an der KPS verlief sehr kurzweilig, tagsüber wurde intensiv gelernt, diskutiert und doziert, und in der Freizeit lag uns die schöne alte Hafenstadt zu Füßen. Man lernte unter den Lehrgangsteilnehmern die unterschiedlichsten Typen kennen, Hafen- und Werftarbeiter, Parteiarbeiter, LPG-Vorsitzende, Zollbeamte, Mitarbeiter des MfS und Verwaltungsangestellte, kurzum ein buntes Kollektiv weitgehend Gleichgesinnter.

Schwerpunkte unserer praktischen politisch-ideologischen Aktivitäten waren seinerzeit Agitationseinsätze auf dem Lande, um auch die letzten Zögerer zum Eintritt in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zu bewegen, Aufklärung der Bürger über die schädlichen Einflüsse des Westfernsehens und Einsätze in der Produktion. Hierbei verschlug es mich mit einem Mitstreiter in den VEB Wismaria, Schnapsfabrik und Bierabzug, wo wir nicht nur unsere ideologische Standfestigkeit zu beweisen hatten.

In der Freizeit aber wurde ich meistens im Hafen gesehen, denn hier konnte man den Duft der großen weiten Welt schnuppern. 1958 war Wismar der einzige Tiefwasserhafen der DDR, denn der Rostocker Stadthafen konnte bestenfalls Küstenschiffe aufnehmen. Abends schloss man Bekanntschaft mit den beneidenswerten Seeleuten dieser Schiffe in den gemütlichen Hafenkneipen rund ums Wassertor und wurde im Gegenzug eingeladen, die Schiffe mal bei Tage zu besuchen. Das waren für mich mit die schönsten Erlebnisse und Erfahrungen meiner Parteischulzeit in Wismar.

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Kreisparteischule und dem besagten Bootsmannslehrgang wurde ich im Sommer 1958 als Bootsmann eingesetzt und war die rechte Hand des Kommandanten als Manöverrudergänger und Navigator und außerdem noch FDJ-Sekretär kraft meiner parteipolitischen Weiterbildung. In Mode gekommen waren damals gerade die Thesen zur Verbreitung der sozialistischen Ethik und Moral, was dann zum Schwerpunkt der Jugendarbeit gemacht wurde. Ich musste also die Sealords dahingehend beeinflussen, in der Hafenwoche nicht so viel zu saufen und leichten Mädchen nachzustellen, sondern stattdessen lieber mal ins Kino und ins Theater zu gehen. Gesagt, getan, im Kino sahen wir den DEFA-Film »Das Lied der Matrosen« und im Theater »Die Matrosen von Cattaro«. Das war doch mal eine Abwechslung!

Schnell vergingen die Wochen und Monate, und der anvisierte Zeitpunkt meiner ehrenvollen Entpflichtung rückte näher. Dieser war für April 1960 festgelegt worden. Ich hatte schon frühzeitig meine Bewerbung an den VEB Deutsche Seereederei Rostock abgeschickt und wartete nun gespannt auf eine Rückantwort. Ein Zwischenbescheid besagte lakonisch, dass die Ausstellung eines Seefahrtsbuches einige Zeit in Anspruch nehmen werde. Aus der Zeitung hatte ich erfahren, dass die DSR in Kürze einen Liniendienst nach Südamerika aufnehmen und mit dem MS »Freundschaft« bald die erste Reise nach Rio, Santos, Montevideo und Buenos Aires starten würde. Ich fieberte diesem Ereignis entgegen und redete mir und anderen ein, dass ich dabei sein würde, wenn die »Freundschaft« unter Kapitän Beykirch und Bootsmann Charley Wolters nach Südamerika in See sticht. Aber ers­tens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Zurück in meiner thüringischen Heimat saß ich wie auf Kohlen, wartend auf einen positiven Bescheid aus Ros­tock. Nichts passierte, denn gut Ding will Weile haben, wie man mir ja schon angekündigt hatte. Da ich allmählich knapp bei Kasse wurde und meiner Mutter nicht zur Last fallen wollte, verdingte ich mich zeitweilig als Hilfsarbeiter beim Bau von Rinderoffenställen im nahen Rudisleben und als Transportarbeiter beim Großhandelskontor, um Kleingeld für Zigaretten und Tanzabende am Wochenende zu verdienen.

Im Mai endlich kam der erlösende Brief aus Rostock, der besagte, dass meine Bewerbung akzeptiert worden sei und ich mich umgehend in Rostock bei der Personalabteilung der DSR melden sollte. Hurra, hurra, jubilierte es in mir, nun ist es geschafft, ich geh’ zur See! In meiner großen Familie freuten sich alle über die gute Nachricht, und ich begann zu spinnen, von wo aus ich an alle Postkarten verschicken würde, von Hamburg, Antwerpen, London, Port Said, Singapur, Hongkong ….

An dieser Stelle muss ich einfügen, dass mein Stiefvater, mit dem ich mich stets gut verstanden hatte, seit längerer Zeit hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS war. Als er von meinen Reiseplänen hörte, muss es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen gefallen sein – er ein erklärter Kämpfer gegen den im Untergrund wühlenden Klassenfeind und sein (Stief-)Sohn ins kapitalistische Ausland? Das geht ja überhaupt nicht! Niemals. Unter keinen Umständen.

Er beriet sich mit seiner Dienststelle und vorgesetzten Instanzen, aber zwecklos, es blieb dabei, keine Reisen ins kapitalistische Ausland. Das war niederschmetternd für mich, ich fühlte mich wie betäubt, wie vom Pferd getreten. Das konnte es doch wohl nicht sein, das Ende meiner jahrelangen beharrlichen Wünsche, Bestrebungen und Vorbereitungen auf das Seemannsleben. Wir diskutierten und argumentierten noch stundenlang, und immer wieder wurde mir vorgehalten, dass das nur meiner eigenen Sicherheit diene. Dem Klassenfeind keinen Ansatzpunkt bieten. Sicherheit als das Non Plus Ultra! Denk an die Diversionstätigkeit der westlichen Geheimdienste, wie es z. B. im Buch »Nachts kamen die Ratten« beschrieben ist! Und nicht zu vergessen: das Schicksal des Tankers Tuapse vor Taiwan …

Da ich aber trotzig auf meinem Vorsatz, zur See zu gehen, beharrte, einigten wir uns schließlich auf einen Kompromiss: Seefahrt ja, aber nur nach Häfen sozialistischer Länder. Zum Beispiel mit einem Öltanker nach Albanien oder ins Schwarze Meer. Und immer vorsichtig zu sein, versprach ich, und Kontakte zum Klassenfeind zu meiden. Mit diesem Einverständnis verabschiedete ich mich Ende Mai 1960 von meiner Familie und meiner Freundin und meldete mich bei der Personalabteilung der Deutschen Seereederei in Rostock zur Einstellung. Nachdem ich mit meinem Laufzettel alle Abteilungen abgegrast hatte, erhielt ich bei der Arbeitskräftelenkung mein Seefahrtsbuch und einen Heuerschein als Decksmann für das MS »Frieden«, ausgehend nach China via Hamburg, Rotterdam, Antwerpen usw. Da musste ich den Kolleginnen erklären, dass ich nur in sozialistische Länder fahren dürfe, weil usw. usw. usw. Die Kolleginnen hatten dafür aber überhaupt kein Verständnis und schickten mich sofort zurück zur Personalabteilung, wo ich erneut einen Laufzettel erhielt, diesmal für die Entlassung. Alle Abteilungsleiter unterschrieben, nur einer unterschrieb nicht, ein Genosse von der Politabteilung. Nachdem er sich meine Story angehört hatte, sagte er, du bleibst, und wir werden das passende Schiff für dich finden. Genossen wie dich brauchen wir und können sie nicht einfach so aus nicht stichhaltigen Gründen wegschicken. Der Genosse war ein erprobter und erfahrener Parteiarbeiter, den so schnell nichts aus dem Gleichgewicht brachte. Diesmal bekam ich einen Heuerschein als Decksmann auf dem Motortankschiff (MTS) »Leuna II«, der in der Mittelmeerfahrt nach Albanien eingesetzt war. Na also, es geht doch.

In Wismar stieg ich auf das auf Reede liegende Schiff auf und lebte mich schnell ein, fand prima Kumpels an Bord vor und hatte große Hochachtung vor dem Kapitän, einem alten Genossen und versierten Tankerfahrer und Seemann. Auf der Ausreise nach Vlora, Albanien, hatten wir zunächst den Nord-Ostsee-Kanal zu passieren, wo wir jeweils in den Schleusen von Kiel-Holtenau und Brunsbüttel festmachten.

Hier bot sich für den Seemann immer die Gelegenheit, beim Schiffshändler Zerssen & Co. etwas zollfreie Ware einzukaufen, z. B. Zigaretten und Kaffee, Schnaps war ja auf einem Tanker verboten. Wer wollte, konnte mal kurz an Land springen und sein Shopping direkt im kleinen Laden auf dem Schleusenkai erledigen. Was natürlich für mich überhaupt nicht in Frage kam, weil ich ja ein Versprechen abgegeben hatte. Ich meldete mich freiwillig zur Deckswache, um meinen Kumpels nicht erklären zu müssen, warum ich nicht an Land ginge. Nur dem Kapitän, der mein volles Vertrauen genoss, hatte ich reinen Wein eingeschenkt. Nach der zweiten Reise bekam ich Kurzurlaub und konnte für ein paar Tage nach Berlin reisen, wo ich mit meiner Freundin Verlobung feierte. Sie war damals aktives Mitglied im Erich-Weinert-Ensemble der NVA.

Nach Wismar an Bord zurückgekehrt, erfuhr ich die nächste große Überraschung: wir sollten als erstes DDR-Schiff nach Kuba fahren! Was für ein Paukenschlag! Zunächst mal sollte es ins Schwarze Meer gehen, wo wir sowjetisches Erdöl für das »Territorio libre de America« laden sollten, denn Kuba war zu diesem Zeitpunkt gerade mit einem Embargo seitens der USA belegt worden. Ich telegrafierte nach Hause, wohin die Reise ginge und versprach, vorsichtig zu sein, mich mit Landgang zurückzuhalten und erst mal die Lage zu peilen. Ladehafen war das schöne Odessa, wo wir fast eine Woche Zeit hatten, uns mit Land und Leuten bekannt zu machen. Im Internationalen Seemannsclub fungierte ich als Dolmetscher für unsere Crew, denn seit Wickersdorf war ich ja ganz gut in Russisch und hatte auch nur wenig verlernt. Nun begann die lange Reise über den großen Teich, sie dauerte ca. drei Wochen und verlief ruhig, so dass wir Zeit hatten, das Schiff von vorne bis achtern auf Vordermann zu bringen und ihm einen komplett neuen Farbanstrich zu verpassen.

Unterwegs erfuhren wir, dass unser Löschhafen Matanzas sein würde, ein kleiner Ölhafen südöstlich von Havanna gelegen. Am 24. September 1960 lief das MTS »Leuna II« dann als erstes Schiff der DDR einen Hafen in Kuba an, worauf wir mächtig stolz waren. Da die Liegezeit nur kurz sein sollte, machten sich die Freiwachen flugs landfein und fuhren mit einem kleinen Bus in die Stadt, um sich dort ins Vergnügen zu stürzen und ein paar landestypische Souvenirs einzukaufen. Ich hielt mich wieder mal vornehm zurück, hatte auch unseren Bootsmann ins Vertrauen gezogen und meldete mich freiwillig zur Hafenwache, was von meinen Kollegen wärmstens begrüßt wurde, wenn auch mit etwas Verwunderung. Die an Bord zurückkehrenden Landgänger äußerten sich begeistert über Land und Leute, das Nationalgetränk »Cuba Libre« und die hübschen Mädchen von Matanzas, aber auch über die Aufbruchsstimmung im Lande, den Drang nach revolutionärer Veränderung nach dem Rausschmiss des Diktators Batista und dem Verjagen der amerikanischen Invasoren von der Playa Giron, der legendären Schweinebucht. »Patria o Muerte«, »Venceremos«, »Viva Fidel« und »Somos Socialistas, palante, palante« waren in aller Munde. Hier entwickelte sich also etwas, das den US-Amerikanern und deren Satelliten überhaupt nicht gefiel, im sozialistischen Lager aber volle Zustimmung und Solidarität fand. Und ich fand es gut, dazu einen bescheidenen Beitrag leisten zu können.

Von Matanzas aus fuhren wir zurück nach Odessa, um eine neue Ladung Erdöl für Kuba zu übernehmen, der Bedarf war offensichtlich groß und geeignete Tonnage knapp. Meinen Eltern in Arnstadt hatte ich inzwischen Bericht erstattet, um sie an meiner Begeisterung für das demokratische Kuba teilhaben zu lassen und sie gleichzeitig darüber informiert, dass ich auf der nächsten Reise im kubanischen Hafen an Land gehen würde, da ich die Karibikinsel nun als nicht-kapitalistisches Ausland ansah.

Die nächste Reise ging nach Havanna, wo wir eine ganze Woche zubrachten, Zeit genug also, uns gründlich in dieser schönen Stadt umzusehen. Zwar erinnerte noch vieles an die USA-hörige Vergangenheit, wie z. B. die prächtigen Hotels »Hilton Havana«, inzwischen umgetauft in »Habana Libre« oder das Hotel »Riviera« mit dem einstmals größten Spielcasino der Karibik, jetzt aber geschlossen. Bei einem Rundgang wurden uns die noch vorhandenen Roulette-Tische gezeigt und allerhand Wissenswertes darüber erzählt, wie einst die Superreichen der westlichen Hemisphäre ihr Geld hier verprassten, während draußen in den Vororten bitterste Armut herrschte. Aus Gesprächen mit den Einheimischen konnten wir entnehmen, dass sie gewillt waren, den Weg zum Sozialismus einzuschlagen, auch wenn sie derzeit noch nicht genau wussten, was darunter zu verstehen war. Aber man hatte grenzenloses Vertrauen in Fidel Castro und seine Getreuen, die »Barbudos«, die einst mit der »Granma« im Süden gelandet waren und die Batista-Clique verjagt hatten. Mit diesen Eindrücken Abschied nehmend von Kuba und seinen freundlichen Menschen, wünschte ich, bald mal wieder hier zu landen.

Nun aber ging es erst mal wieder zurück ins Schwarze Meer, nach Tuapse, um Heizöl für Rostock zu laden, denn inzwischen war der neue Rostocker Ölhafen eingeweiht worden. Weihnachten feierten wir auf hoher See, konnten aber, dank der Findigkeit unseres Funkers, über die Seemannssendung von Radio DDR Weihnachts- und Neujahrsgrüße mit unseren Lieben in der Heimat austauschen.

Im eisigen Januar 1961 erreichten wir nach einer fünfmonatigen Reise mit vier Atlantik-Überquerungen endlich wieder den Heimathafen. Ich musterte ab vom Tanker »Leuna II«, fuhr nach Hause und heiratete kurze Zeit später meine Liebe.

Ein paar Wochen später wurde ich zu einem Matrosenlehrgang an die Seefahrtschule Wustrow geschickt, und danach wurde es für den frischgebackenen Vollmatrosen Zeit, sich wieder ein Schiff zu suchen. Bei der Arbeitskräftelenkung in Rostock erfuhr ich, dass man mich wieder auf »Leuna II« haben wollte, und ich hatte nichts dagegen, zumal ich das Schiff und seine Stammbesatzung inzwischen gut kannte. Die Sache hatte nur einen Haken: diesmal sollte es nicht mehr ins sozialistische Ausland gehen, sondern ins Trockendock nach Nakskov im NATO-Land Dänemark und anschließend nach Hamburg, um eine Ladung Dieselöl für Rostock zu übernehmen. Erneut stand ich vor der konfliktreichen Frage, ablehnen oder annehmen? Die elterlichen Warnungen in den Wind schlagen? Allmählich hatte ich genug von diesem Spagat, diesem Zwiespalt zwischen meinem Berufswunsch und politisch-ideologischem Verantwortungsbewusstsein. Auf der Kreisparteischule hatte ich gelernt, dass man sich mit allen Fragen, Problemen, Zweifeln und persönlichen Sorgen hilfesuchend an die Partei wenden könnte, und dass die Partei immer recht hat. Da fasste ich den Entschluss, nach Berlin zum ZK der SED zu fahren und dort um Rat und Hilfe zu bitten. Ich wollte endlich wissen, woran ich bin und wie ich mich als junger Genosse künftig verhalten sollte. Gesagt, getan.

Der Pförtner im ZK-Gebäude bat mich um ein wenig Geduld, und nach einer Viertelstunde empfing mich ein Genosse, dem ich meine Probleme vortrug mit der Bitte um seinen Rat. Dann musste ich mich noch ein Weilchen gedulden, weil er sich noch mit ein paar anderen Genossen beraten wollte. Als er zurück kam, waren die Weichen gestellt, indem er mir ganz klar verkündete, dass die Partei nichts dagegen hätte, wenn ich weiter zur See führe, egal wohin die Reise auch ginge. Im Gegenteil, es sei meine Pflicht dazu beizutragen, dass die Flagge der DDR auf allen Meeren und in allen Häfen der Welt gezeigt wird, und dass es für einen Genossen selbstverständlich sei, unsere Republik überall entsprechend zu repräsentieren und dabei stets revolutionäre Wachsamkeit zu üben. Das war doch endlich mal ein klares Wort! Er wünschte mir allzeit gute Fahrt, und sein Händedruck erübrigte irgendeinen schriftlichen Persilschein. Diese Kunde kam bei mir zu Hause gut an, und man drückte mir die Daumen für meine seefahrerische Zukunft. Die Dienststelle meines Stiefvaters hatte nun wohl auch keine Einwände mehr. Die Partei hatte eben wieder Recht.

Inzwischen hatte es sich an Bord herumgesprochen, dass unsere Reederei in Kürze auch Frauen von Besatzungsmitgliedern als Stewardessen, Köchinnen, Funkerinnen und Verwalterinnen einstellen werde, um die prekäre Arbeitskräftesituation in der Flotte zu mildern. Ich hatte deshalb sofort daran gedacht, dieses meiner Frau vorzuschlagen. Da sie einverstanden war, brachte sie ihre Bewerbung bei der DSR auf den Weg und nach wenigen Wochen hatte sie ihr Seefahrtsbuch und musterte als Stewardess auf der »Leuna II« an. Die erste gemeinsame Reise ging nach Hamburg via Kattegat und Skagerrak. Spätestens bei Passieren des Feuerschiffs ELBE 1 war ihre Seekrankheit wieder abgeklungen. Das war auch gut so, denn bei unserm Besuch bei meiner fast vergessenen Tante in Hamburg-Niendorf gab es eine große Erdbeertorte zum Wiedersehen.

Der Besuch von DDR-Seeleuten bei Westverwandten spielte damals in unserer Flotte noch keine so große Rolle. Die in späteren Jahren erlassenen überspitzten Reglementierungen betreffs Westverwandtschaft dagegen haben den Seemann mehr entmutigt und verärgert als mancher wahrhaben wollte. Gängelei und Misstrauen haben mehr Schaden in unserem Kader angerichtet als die sogenannten Verlockungen des Westens.

Nach dem Studium an der Seefahrtschule Wustrow hatte ich 1968 das »Patent A 6«, also »Kapitän auf Großer Fahrt« in der Tasche und war dann vorwiegend auf langen Reisen nach Afrika, Indien und Fernost unterwegs. Unter diesen Bedingungen war es besonders erfreulich, wenn ein Besatzungsmitglied gewissermaßen als Auszeichnung eine Mitreise seiner Ehefrau bewilligt bekam. In meinem Falle war das 1969 binnen dreier Wochen genehmigt, in den achtziger Jahren dagegen warteten die Seeleute manchmal monatelang auf eine solche Genehmigung und oft nur unter der Voraussetzung, dass sie Kinder hatten, die in der DDR zurück blieben. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis gegenüber der Außenwelt erlebte ich auch in anderen Ländern wie z. B. in der Koreanischen Volksdemokratischen Republik. Als wir 1971 den Hafen Chungjin im Nordosten der KVDR zum Laden von Klinker und Metallen anliefen, wurde unser Schiff vom örtlichen Militär streng bewacht. An der Gangway hielt ein Posten mit aufgepflanztem Bajonett Wache, und selbst bei solch profanen Anlässen wie zum Ablesen des Tiefgangs vorn und achtern musste sich unser Wachoffizier stets mit Seefahrtsbuch und Landgangsschein ausweisen, bevor er die Pier betreten durfte. Ob aus Freundesland oder nicht, Klassenbruder oder Klassenfeind, ausländische Schiffe wurden stets mit größtem Argwohn behandelt. Höchste Sicherheitsstufe! Schiff im Hafen!

In den 70er und 80er Jahren waren meine Frau und ich dann über zehn Jahre lang als Auslandsvertreter der Deutfracht/Seereederei Rostock in verschiedenen asiatischen Ländern eingesetzt, in Indonesien, Indien, Malaysia und Singapur. Eine schöne und anspruchsvolle Zeit, in der man sich voll für die Belange unserer Republik und ihrer Reederei einsetzen und verausgaben konnte und musste. Man lernte im Ausland die verschiedensten Menschentypen kennen, lokale Kunden, Verlader, Schiffsagenten, Kooperanten, Behörden, musste sich den jeweils geltenden lokalen Gesetzen und Gepflogenheiten anpassen und dabei sein Land würdig und selbstbewusst vertreten. Sicherlich spielt der persönliche Lebenswandel und Charakter eines Menschen eine wesentliche Rolle dabei, ob er erpressbar und Zielscheibe von Abwerbungsversuchen wird. Sicherheit und Rückhalt genoss man ja auch durch den Umstand, dass man fest in die jeweilige Auslandsvertretung der DDR im Gastland, d. h. Botschaft, Handelsvertretung oder Generalkonsulat, integriert war.

Nach Beendigung unseres sechsjährigen Einsatzes als Leiter der Auslandsinstitutionen der Seeverkehrswirtschaft in Malaysia und Singapur hatten meine Frau und ich von der Reederei die Erlaubnis erhalten, die Heimreise nach Rostock mit einem Schiff der DSR anzutreten. Nicht nur, um die teuren Flugkosten zu sparen, sondern um unseren Urlaub in Ruhe und in vertrauter Umgebung abgelten zu können und vielleicht auch als Auszeichnung. Nach unserer Ankunft in Rostock wurde ich am Tag der Seeverkehrswirtschaft der DDR mit der Verdienstmedaille der Seeverkehrswirtschaft in Gold geehrt.

Aber zunächst mal genossen wir die lange Reise mit dem M/S Erfurt, einem 13.000-Tonner unseres Fernost-Liniendienstes. An Bord herrschte auch allgemeine Vorfreude auf das Wiedersehen mit den Lieben in Rostock, aber es setzte in der Besatzung allmählich auch eine gewisse Unruhe und Spannung ein, denn durch diverse aktenkundige Belehrungen und Vergatterungen wurde der Seemann gründlich auf die kommenden Hafenanläufe eingeschworen. Ordnung und Sicherheit, Landgangsbelehrung, Vernichtung von »Konterbande«, also nicht erlaubten Zeitungen, Magazinen, Bild- und Tonträgern, nicht konformen Textilien und »Schmuggelware«, also im Ausland erworbenen Gegenständen, die preismäßig eventuell nicht mit dem jeweils im Hafen aufgenommenen Valutabetrag im Einklang standen.

Manchem stand schon jetzt der Schweiß auf der Stirn, weil er die »Kammerbegehung« durch den Zoll in Rostock fürchtete. Die in den letzten Jahren durch die Reederei verhängten Landgangsregelungen sahen vor, dass im nichtsozialistischen Ausland niemand mehr alleine an Land gehen dürfe, sondern nur in Gruppen von zumindest zwei Personen, bei Ehepaaren musste noch mindestens ein Dritter dabei sein, gewissermaßen als Anstands-Wauwau oder besser gesagt, als Aufpasser. Das sollte dazu dienen, jemanden daran zu hindern, das Weite zu suchen.

Angesichts dieser Gängelei, ja Misstrauensbekundung, konnte einem schon die Lust vergehen, auch nur einen Schritt an Land zu gehen. Kurz vor Ankunft in Antwerpen trat der Politoffizier an uns heran und erklärte, dass dies auch für uns gelte.

Wir hielten das für einen schlechten Witz, hätten wir doch in sechs Jahren im NSW genug Zeit und Gelegenheit gehabt, unsere Republik zu verraten, wenn wir es gewollt hätten! Offensichtlich müssen Kapitän und Politoffizier dann doch noch mal mit Rostock Rücksprache genommen haben, denn dieses ziemlich beschämende Thema war alsbald kommentarlos abgehakt. Nach unserer Ankunft in Antwerpen, Rotterdam und Hamburg wurden wir von DSR-Kollegen, Auslandsvertretern und unseren jeweiligen Hafenagenten begrüßt und an Land entführt, und in gewissem Sinne ward der Gruppenlandgang dann doch letztlich realisiert. Als wir schließlich, von Hamburg kommend, den Nord-Ostseekanal zum letzten Male passierten und in den Schleusen von Brunsbüttel und Kiel-Holtenau festmachten, stellte sich der Politoffizier persönlich an die Gangway und verwehrte jedem den Landgang. Befehl von oben!

Man kann sich nachträglich nur wundern über solche schwachsinnigen und kontraproduktiven Anweisungen, egal, in welchen Hirnen sie ausgebrütet worden waren. Gerade solche repressiven Maßnahmen und Schikanen gegenüber unseren Seeleuten haben großen Schaden angerichtet und das Vertrauen zwischen Seemann und staatlicher Leitung empfindlich gestört. Angst und Misstrauen waren noch nie ein Ersatz für guten Kollektivgeist. Gemeutert hat aber niemand, denn wer wollte schon seinen »Sichtvermerk zum Überschreiten der Seegrenzen der DDR« leichtfertig aufs Spiel setzen.

Das übersteigerte Sicherheitsbedürfnis von Behörden, Institutionen und Administrationen hat allerdings inzwischen globalen Charakter angenommen und macht dem Seemann in den Häfen der Welt überall mehr und mehr zu schaffen. Insbesondere nach dem unseligen 11. September wurden weltweit strikte Sicherheitsvorkehrungen zum Gesetz erhoben, gebündelt unter dem Namen »International Ship and Port Facility Security Code« (ISPS), nach denen Schiff und Hafen nunmehr zur Hochsicherheitszone erklärt und Kapitän, Schiffsoffiziere und Besatzungen, Reedereien und Hafenagenten, Stauereien und Dienstleister mit einer Flut von bürokratischen Verordnungen und Fragebogen überschwemmt werden. Zeit, die früher für die Schiffsführung, Ladungsfürsorge und Werterhaltung sinnvoll verwendet wurde, geht heutzutage drauf für zusätzlichen Papierkrieg, und das im Zeitalter der modernen Computertechnik.

Die Weltmacht USA spielt dabei eine Vorreiterrolle, nicht nur in punkto Überwachung und Datenrecherche. Vor einigen Jahren machte ich meine letzte große Reise als Supercargo über den Pazifik, vom koreanischen Hafen Pohang nach Long Beach, California. Das Schiff, ein großer Frachter namens »Yin Ning«, Heimathafen Shanghai, war von der Reederei Oldendorff Lübeck gechartert worden, um mächtige, in Segmente zerlegte Windturbinentürme in die USA zu verschiffen. Meine Aufgabe war es, im Auftrage des Charterers das Schiff zu begleiten und den ordnungsgemäßen Reiseablauf nebst Ladungsbetreuung zu überwachen.

Vor Reisebeginn hatte ich mich gründlich mit den Einreisebestimmungen der USA vertraut gemacht und dabei herausgefunden, dass man gemäß »Visa Waiver Program« mit einem deutschen Reisepass kein Einreisevisum benötigt, wohl aber eine Reisegenehmigung, die vom U.S. Department of Homeland Security erteilt wird (oder auch nicht), je nachdem, wie die hochnotpeinliche Überprüfung der persönlichen Biodaten ausginge. Diese sogenannte ESTA-Genehmigung hatte ich auf elektronischem Wege frühzeitig eingeholt, denn ich wollte ja in Long Beach abmustern und nach Hause fliegen. Gegen Ende unserer 22-tägigen Seereise fragte die amerikanische Schiffsagentur bei unserm chinesischen Kapitän an, ob ich ein Visum hätte, was ich natürlich unter Hinweis auf meinen deutschen Pass verneinte. Da wurde ich von der »US Customs and Border Protection« belehrt, dass meine Einreise illegal wäre und ich mit einer hohen Geldstrafe, eventuell Haft und/oder sofortiger Abschiebung zu rechnen hätte. Grund: die visafreie Einreise sei nur dann anwendbar, wenn man mit einem Schiff oder Flugzeug einer akkreditierten Reederei oder Fluglinie einreisen würde, was aber für die unter chinesischer Flagge segelnde »Yin Ning« nicht zuträfe. Mit anderen Worten, wenn ich mit MS »Deutschland« eingereist wäre, kein Problem. Aber mit einem chinesischen Dampfer? No way.

Nach stundenlangen Diskussionen mit den Beamten der CBP, einer gebührenpflichtigen Verwarnung und der Auflage, binnen 24 Stunden das Land zu verlassen, wurde ich schließlich ins Airport-Hotel des Flughafens von Los Angeles entlassen. Das also war meine Bekanntschaft mit dem freiesten Land der Welt.

Ich brauche an dieser Stelle nicht extra zu erwähnen, dass die chinesischen Seeleute der »Yin Ning« nach unserer gemeinsamen dreiwöchigen Seereise nicht einen Fuß an Land setzen durften, denn sie hatten ja kein USA-Visum, das Visa Waiver Program galt ohnehin nicht für die VR China. Und außerdem waren sie ja mit einem Schiff einer nichtakkreditierten Reederei angekommen.

»Seefahrt tut Not, euer armseliges Leben spielt dabei keine Rolle« – so sagte man in der Antike. Bis zur Gegenwart hat sich nicht viel daran geändert, wenn man sich vor Augen hält, dass die Welthandelsflotte heute weitgehend mit Seeleuten aus »unterprivilegierten« Ländern bemannt wird. Notwendiger Broterwerb ohne Seefahrerromantik für die meisten von ihnen, da nimmt man schon mal Stress, Strapazen, Diskriminierungen und Unbill auf sich, wenigstens für eine begrenzte Zeit, denn ein Lebensberuf ist es nicht mehr. Noch Fragen zum Thema »Seefahrt«?

Inzwischen haben meine Ehefrau und ich die australische Staatsbürgerschaft beantragt und erhalten. Erinnerungen an mein Seemannsleben sind getragen von Erinnerungen an meine langjährige Heimat, die Deutsche Demokratische Republik, und an die vielen mir vertrauten Menschen, welche die Erfüllung meines Berufswunsches unterstützt, auch manche Hindernisse auf diesem Weg weggeräumt haben. Geblieben sind aber auch Erinnerungen an die Seefahrt danach, als es den VEB Deutsche Seereederei nicht mehr gab, auf Schiffen mit Heimathafen Hamburg, Bangkok, Singapur, Shanghai, Monrovia, Panama, Sydney, Avatiu, an Begegnungen mit Seeleuten aus den Philippinen, Burma, Sri Lanka, Thailand, Indonesien, Kiribati und Polynesien, und man muss leider feststellen, dass sich die Arbeits- und Lebensbedingungen für den einfachen Seemann über die Jahre kaum verbessert haben. Im Gegenteil, im Vergleich zum Landbewohner ist die Lebensqualität des Seemannes deutlich zurückgeblieben. Deshalb ist für die meisten Seefahrer der Seemannsberuf heutzutage kein Lebensberuf mehr, sondern lediglich eine vorübergehende Phase des »Anschaffens«, des Geldverdienens zum Wohle und zur Unterstützung der daheimgebliebenen Familie, für ein kleines Glück in der Zeit danach. Dafür sind die Seefahrer von heute bereit, erhebliche Härten, Gefahren, Entbehrungen und lange Trennungen auf sich zu nehmen.

Und trotzdem habe ich es nie bereut, Seemann geworden zu sein. Warum? Nicht alles im Leben lässt sich mit Logik erklären …

 

 

Chile 1973 und die HV A

 

Von Rudolf Herz

 

Jahrgang 1935, Offizier der Auslandsaufklärung im MfS der DDR im besonderen Einsatz (OibE), Dienstgrad: Major; Einsatz in Chile 1973-1975 und 1978-1983

 

Am 11. September 1973 stürzte in Chile eine militärfaschistische Offizierskamarilla unter General Augusto Pinochet die 1970 demokratisch gewählte Regierung der UNIDAD POPULAR, ein Bündnis linker Parteien und ihren Präsidenten Salvador Allende. Dieser Militärputsch war ein von den USA und ihrem Geheimdienst CIA langfristig konzipierter, sorgfältig geschürter und von den chilenischen Streitkräften gegen das eigene Volk ausgeführter terroristischer Akt. Um dessen Ziel wurde kein Hehl gemacht: Anliegen der USA war, die Hegemonie in ihrem Hinterhof Lateinamerika zu sichern und dort unter keinen Umständen ein Staats- und Regierungssystem zuzulassen, welches sich einen sozialistischen Entwicklungsweg auf die Fahnen geschrieben haben könnte.

Das chilenische Militär bombardierte und stürmte den Regierungspalast in Santiago, die Moneda. Präsident Salvador Allende fand dabei den Tod. Seine Anhänger, Regierungsmitglieder, Funktionäre und Sympathisanten wurden überall im Land gejagt, überwältigt, gefangen genommen und in Kasernen und Gefängnisse verschleppt, gefoltert und viele ermordet. Die lateinamerikanischen Botschaften, die in solchen Fällen den Flüchtenden politisches Asyl gewähren konnten, waren in kurzer Zeit überfüllt. Tausende Regierungsfunktionäre, Staatsangestellte, Mitglieder linker Parteien waren auf der Flucht. Viele tauchten unter und nahmen aus ihren Verstecken heraus Kontakt zu diplomatischen Vertretungen, besonders zu den lateinamerikanischen, auf. Sie erbaten politisches Asyl, um sich vor der Verfolgung und Festnahme zu retten.

Vor und in den überfüllten Botschaftsgebäuden spielten sich dramatische Szenen ab. Die diplomatischen Vertretungen waren von Militärs umstellt. Es kam niemand mehr hinein und heraus. Jeder, der sich verdächtig näherte, wurde festgenommen. In den überfüllten Häusern entwickelten sich chaotische Zustände. Die Menschen schliefen auf Fußböden, auf den Fluren und Treppen. Es gab wenig zu essen und zu trinken, Toiletten und Bäder verstopften.

Alle Stadtteile wurden militärisch durchkämmt und kontrolliert. Besonders in den Arbeiter- und Armenvierteln fanden Razzien und gezielte Verhaftungen statt. Es wurde auf jeden geschossen, der verdächtig erschien. Monatelang galten Sperrstunden (Toque de queda).

Besonders der neu gebildete Geheimdienst DINA erlangte unter seinem Führer, dem General Manuel Contreras, finsterste Berühmtheit. Die Sportstadien waren zu riesigen Gefängnissen umfunktioniert. In Valparaiso wurden die Gefangenen in stillgelegten Frachtschiffen und leeren Containern eingesperrt. Täglich schwammen Leichen von ermordeten UP-Aktivisten im Mapocho-Fluss. An der Küste wurden Gefangene von Hubschraubern aus ins Meer geworfen. Jede Nacht wurden in der städtischen Leichenkammer Tote angeliefert, die am anderen Tage von den verzweifelten Angehörigen identifiziert werden konnten. Noch heute fordern die Angehörigen der Opfer und der verschollenen Anhänger Allendes, Aufklärung und gerechte Strafen für die Henker und Folterknechte.

Eine militär-faschistoide Junta unter General Augusto Pinochet errichtete eine Militärdiktatur und verbot alle politischen Parteien. Alle Regierungsämter, Verwaltungen und Institutionen wurden von Militärs besetzt. Es drängten sich Vergleiche zur Machtübernahmen der Faschisten 1933 in Deutschland und die fanatische Verfolgung aller linker Kräfte auf.

Die erst knapp zwei Jahre alte Botschaft der DDR in Santiago befand sich in einer Stadtvilla im vornehmen Stadtteil Las Condes, in der Avenida El Golf Nr. 34, unmittelbar neben der Hauptstraße Apoquindo. Man war auf einen Militärputsch vorbereitet, jedoch kam er für alle überraschend. Die anwesenden DDR-Familien und erreichbaren Dienstreisenden wurden zur Sicherheit in der Botschaft untergebracht. Einige Techniker von DDR-Exportbetrieben, die in chilenischen Institutionen tätig waren, wurden von den Militärs als »extremistas« festgenommen und in Kasernen gefangen gehalten. Durch beherzten Einsatz des noch anwesenden Konsuls und eines DDR-Rundfunkkorrespondenten gelang es, sie dort heraus zu holen. Viele Wohnungen von Botschaftsangestellten wurden aufgebrochen und durchsucht.

Niemand der damals in Chile war und diese Ereignisse miterlebt hat, wird vergessen, mit welcher Wut, Besessenheit und Brutalität eine verhetzte Militärmaschinerie die Entwicklung der Menschheit aufhalten und das Rad der Geschichte zurückdrehen kann. Gleichzeitig wuchs aber auch die Hilfsbereitschaft und Solidarität gegenüber den verfolgten, hilflosen, vorwiegend jungen Chilenen. Die vorherrschenden Gefühle aller Beteiligten waren vordergründig nicht geprägt von politischen Überzeugungen oder Parteizugehörigkeiten, sondern von moralischer menschlicher Verantwortung gegenüber den hilflosen Menschen, die einst auf eine bessere, eine sozialistische Zukunft gehofft hatten, ohne zu wissen, wie sie aussehen sollte.

Viele Diplomaten und Botschaftsangestellte gelangten in diesen Tagen zu einer gefestigten politischen Haltung und wuchsen über sich hinaus. Vor allem wurde klar erkennbar, welche Länder diese Lawine von Militärterrorismus unterstützten oder tolerierten.

Als folgerichtige Reaktion auf den gewaltsamen Sturz der demokratisch gewählten Regierung der UNIDAD POPULAR und die faschistoiden Aktionen der Militärjunta und ihrer Streitkräfte, unterbrachen die damaligen sozialistischen Länder, die UdSSR, die DDR, die CSSR, Polen, Ungarn und Bulgarien am 24. September 1973 die diplomatischen Beziehungen zu Chile. Kuba und Nordkorea hatte das schon am 12. September getan. Der erst einige Wochen in Chile akkreditierte Botschafter der DDR, Friedel Trappen, und die Diplomaten verließen in den darauf folgenden Tagen das Land. Eine kleine Restgruppe der Verwaltung, einige Außenhändler und Techniker verblieben in Santiago de Chile. Den diplomatischen Schutz der DDR-eigenen Gebäude und Liegenschaften, sowie der verbliebenen Restgruppe von DDR-Bürgern übernahm die Botschaft Finnlands.

Etwa zwei Wochen nach dem Putsch suchte der Bruder des Generalsekretärs der Sozialistischen Partei Chiles, Senator Carlos Altamirano, den Kontakt zur DDR-Vertretung und bat für ihn um Aufnahme und Schutz. Altamirano war seit dem Putsch auf der Flucht und befand sich in einem Versteck und in auswegloser Lage. Durch Zufall fand er einen Genossen seiner Partei, der ihn in seinem Haus versteckte. Später traf er »Javier«, ein Mitglied des Sozialistischen Jugendverbandes, der ihn fortan begleitete und sich um seine Sicherheit kümmerte. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die Ernsthaftigkeit und die Verfassung, mit der sich die Sozialistische Partei auf den Putsch vorbereitete, mit dem angeblich alle gerechnet hatten. Bisher war Carlos Altamirano nur durch Zufall und Umsicht seines Begleiters »Javier«, aber auch dank seiner sportlichen Kondition, einer Verhaftung entgangen. Was also tun? Es ging als Erstes darum, ihn der Verfolgung durch die Junta zu entziehen, d. h. ihm das Leben zu retten. Diesem Ansinnen konnte und wollte sich die DDR, trotz der eingeschränkten Möglichkeiten, nicht verschließen. Carlos Altamirano war der zweite Mann nach Salvador Allende, aber der erste auf der Fahndungsliste (Bando No. 10) der Militärjunta.

Wer war Carlos Altamirano?

Carlos Altamirano wurde am 18. Dezember 1922 geboren – »wenige Tage vor dem Tode Lenins«, wie er gern selbst seine Biografie beginnt. Seine Familie gehört der chilenischen Hocharistokratie an. An der deutschen Schule in Santiago genoss er eine sehr gute Oberschulbildung. Danach studierte er an der juristischen Fakultät der Universität Chile. In dieser Zeit war er aktiver Leichtathlet. 1946 wurde er Lateinamerikanischer Meister im Hochsprung. Das Ende des ersten Weltkrieges und der mit dem Sieg der Oktoberrevolution in Russland beginnende Aufbau der ersten sozialistischen Gesellschaftsordnung, inspirierten auch ihn und seine Generation. Er war begeistert von der Idee, in Chile auf friedlichem Wege und auf einer durchaus demokratischen Verfassung, eine gerechte Sozialordnung aufzubauen. Eine, die nach »chilenischen Empanadas und vino tinto« schmecken sollte. Einen »socialismo chileno«, um ihn von den anderen damals vorhandenen Modellen ausdrücklich zu differenzieren.

Das war der Grund, sich sehr früh der Sozialistischen Partei Chiles anzuschließen, für die der damals junge Arzt Salvador Allende als Senator in den Kongress gewählt wurde. Beide wurden bald enge Freunde. Carlos Altamirano wurde bald selbst Senator. Seine hohe Intelligenz, scharfe Logik, ausgefeilte Rhetorik und sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn profilierten ihn zum führenden Funktionär dieser Partei. Als Generalsekretär stand er fest an der Seite seines Präsidenten Salvador Allende. Er selbst folgte eher abstrakten, linkssektiererischen Visionen, als einer klaren politisch ideologisch fundamentierten und konzipierten Strategie. Wodurch sich die linksradikalen Kräfte der UP, wie die MIR und Teile der Sozialistischen Jugend, zu unpopulären Aktionen, wie der Landnahme, Enteignungen, gewaltsames und bewaffnetes Vorgehen und Konfrontationen mit national patriotischen Gruppen, politisch inspiriert und bestärkt fühlten. Seines Einflusses auf diese Kräfte war sich Altamirano immer bewusst. Seine innere Triebkraft und Selbstsicherheit bezog er auch aus einer Episode: Eine Zigeunerin hatte ihm aus der Hand gelesen und wegen seiner sehr ausgeprägten Schicksalslinie prophezeit, Präsident Chiles zu werden. Von dieser Vorsehung war er fest überzeugt.

Bei den rechten Militärs war er besonders verhasst. Seine aufrüttelnden Reden richtete er gezielt an die Unteroffiziere, die aus den ärmeren Bevölkerungsschichten stammten, um sie der UP nahezubringen und gegen die Offiziers-Hierarchie aufzuwiegeln. Die letzte Zusammenkunft dieser Art hatte er mit Unteroffizieren der Marine am 9. September 1973 in Valparaiso. Das war der Offizierskaste, die den Putsch vorbereitet zu viel. Wären die Militärs nach dem Putsch seiner habhaft geworden, hätte das seinen sicheren qualvollen Tod bedeutet.

Und für die, die ihm auf der Flucht halfen, mit Sicherheit auch. Nun hoffte er auf die Hilfe der DDR. Nach gründlicher Beratung wurde in Berlin beschlossen, Altamirano als »Gast«, ohne jedwede Zusage und Gewähr für eine mögliche Ausreise, zunächst in die ehemalige DDR-Botschaft aufzunehmen, ihm Unterschlupf und Schutz zu gewähren. Das war leichter gedacht als getan.

Die Überführung aus seinem Versteck in die Botschaft musste geplant, beraten und unauffällig, aber sicher ablaufen. Der Kontakt von ihm zur Vertretung, lief über einen katholischen Priester. Mit ihm wurden alle organisatorischen Schritte beraten und eingeleitet. In der Nähe des Verstecks wurde ein PKW mit CD-Kennzeichen der DDR-Vertretung abgestellt. Der Begleiter »Javier« übernahm das Fahrzeug und holte Altamirano aus seinem Versteck. Sie fuhren in einer verkehrsreichen Zeit direkt in die ehemalige DDR-Botschaft. Hier war das Tor geöffnet. Ein eingeweihter Mitarbeiter nahm Altamirano in Empfang. So kam er in die Obhut der DDR-Restgruppe. Man brachte ihn isoliert in einer kleinen leerstehenden Wohnung unter und versorgte ihn unauffällig. Die Fahndung nach ihm lief auf Hochtouren. Als festgestellt wurde, dass die Militärs auch nach »Javier« fahndeten, wurde auch er aufgenommen. Er wusste als einziger, wo sich Altamirano befand. Es war nur ein kleiner Personenkreis in die Sache eingeweiht. Alle Mitwisser waren sich der Lage und der Gefahr bewusst und was sie erwartete, wenn die Militärs davon Wind bekommen hätten.

Der eingeschränkte Geschäftsbetrieb wurde normal aufrecht erhalten, so dass Nichteingeweihte, die Nachbarn oder mögliche Beobachter, keinerlei Verdacht schöpfen konnten. Der noch anwesende DDR-Konsul, Horst Richel, hatte noch die Kontakte zu den Konsuln anderen Länder. So erfuhren wir, dass sich einige Funktionäre der KP-Führung, wie Orlando Millas, Cladis Marin, Julietta Campusano, Mireya Baltra in der holländischen Botschaft befanden und Manuel Cantero in der Botschaft von Honduras.

Die Bereitschaft der SED- und Staatsführung der DDR, den Generalsekretär der Sozialistischen Partei Chile, Carlos Altamirano, und andere hohe UP-Funktionäre dem Zugriff der Militärs zu entziehen und sie in Sicherheit zu bringen, führte zu der Erwägung und letztlichen Entscheidung zur Anwendung außergewöhnlicher (geheimdienstlicher) Mittel und Methoden. Deshalb wurde die Lösung dieser Situation in der DDR-Vertretung der HV A des MfS federführend übertragen. Die Leitung, Koordinierung und Verantwortung lag in den Händen der Generale Horst Jähnicke und Werner Prosetzki. Damit waren alle Kompetenz- und ressortübergreifende Maßnahmen unbürokratisch lösbar. Markus Wolf, damals Leiter der HV A des MfS, beschrieb die Situation folgendermaßen: »Da die DDR die diplomatischen Beziehungen zu Chile abgebrochen hatte, waren ihr offiziell die Hände gebunden. In aller Eile entsandten wir Offiziere von Ostberlin aus. Sie erkundeten, wie durchlässig die Kontrollen auf chilenischen Flugplätzen, im Hafen Valparaiso und an den Straßenübergängen nach Argentinien waren. Wir überlegten, Handelsschiffe umzudirigieren und installierten Verstecke in Fahrzeugen, die wir nach Chile einschleusten. Endlich konnten wir das Wissen nutzbringend anwenden, das wir an den Autos westdeutscher Fluchthelfer gewonnen hatten. Von Argentinien aus improvisierten wir eine vorbildliche nachrichtendienstliche Aktion

Zunächst wurden folgende operativen Aufgaben konzipiert:

• Gewährleistung der maximalen Geheimhaltung über die Anwesenheit der speziellen »Gäste« in der DDR Botschaft.

• Vorbereitung von Schleusungsvarianten und Schaffung konkreter Voraussetzungen für die Schleusung Altamiranos und anderer namhafter UP-Funktionäre:

a) auf dem Landweg auf der internationalen Fernstraße über die Kordilleren nach Argentinien;

b) Entsendung eines Schiffes der Deutschen Seereederei zum gleichen Zweck. Vorwand war die Abholung von 4.000 Tonnen Kupfer, die von der DDR bereits bezahlt worden waren;

• Normalisierung der Arbeit in der verbleibenden Vertretung. Rechtfertigung (Legendierung) der Anwesenheit der Restgruppe in Chile so lange wie möglich;

• Gewährleistung der Verbindungswege, wie chiffrierte Telex, Kuriere, und die diplomatische Post der Schutzmacht Finnland. Es bestand eine einseitige Notfunkverbindung.

Die in Chile verbliebenen Mitarbeiter waren Techniker, Außenhändler, Journalisten. Außer dem Konsul, waren es keine Diplomaten. Aber niemand hatte einschlägige Erfahrungen, um die Vorstellungen der Zentrale optimal zu organisieren und zielsicher umzusetzen. Die bestehenden Informationskanäle waren auf Telegramme, Telex oder einen langen Kurierweg beschränkt. Sie schlossen die Übermittlung von längeren Instruktionen etc. überhaupt aus.

Als Test und mit ersten Instruktionen reiste ein Mitarbeiter der Handelspolitischen Abteilung, der sich im Urlaub in der DDR aufhielt und ein Einreisevisum hatte, zurück nach Santiago. So konnten die ersten Überlegungen über das weitere Vorgehen übermittelt und mit einigen Vorbereitungen für die Ausschleusung von Altamirano begonnen werden. Die Ehefrau des Konsuls war gelernte Friseuse, sie färbte ihm die Haare blond und bemühte sich, ihm ein »europäisches Aussehen« zu geben. Der noch anwesende Fotoreporter von ADN, der DDR-Nachrichtenagentur, wurde gebeten, Passfotos von A. aufzunehmen. Es wurde in Kauf genommen, dass er ihn dabei natürlich erkannte. Die Fotos wurden gebraucht für Reisedokumente, mit denen er sich notfalls in Chile oder auf der Fahrt in Argentinien, von der Grenze bis zur Hauptstadt, hätte ausweisen können.

In Berlin wurde beschlossen, einen geeigneten Offizier im besonderen Einsatz, einen OibE, wie es in der Dienstsprache des MfS hieß, vorzubereiten und nach Chile zu entsenden. Er sollte als Dienstreisender zur Absicherung von Außenhandelsaktivitäten der Restgruppe nach Chile fliegen. Dieser OibE mit Decknamen »Kern« war ich.

Ich wurde in die operativen Aufgaben und Vorstellungen eingewiesen und im Schnellverfahren auf Spezialgebieten ausgebildet. Parallel dazu wurde als geeignete Variante, das Schleusen mit einem PKW auf dem Landwege, über die Kordilleren durch den Andentunnel bei Portillo nach Argentinien, vorbereitet. Dafür wurde eine Methode ausgewählt, die westdeutsche Fluchthelfer an der innerdeutschen Grenze schon lange praktizierten. In einen bestimmten PKW-Typ wurde ein Versteck für eine Person eingebaut. Die Bauteile wurden in Berlin vorbereitet und mit einem Team versierter Monteure nach Argentinien gebracht. Hier beschaffte man ein gleiches Auto mit argentinischen Kennzeichen und baute das Versteck ein.

Als Fahrer für die vorgesehene Aktion wurde ein Wissenschaftler aus Leipzig, Prof. Erhardt Hackethal (IM »Assessor«) gewonnen. Er hat bereits mehrere Jahre in Chile gelebt und kannte sich dort sehr gut aus. Als DDR-Bürger hätte er sowohl für Argentinien als auch für Chile ein Visum gebraucht. Ein Bundesbürger brauchte das nicht. So wurde er mit einem fiktivem BRD-Reisepass ausgestattet, mit dem er beide Länder ohne Visum bereisen konnte. Ich hatte »Assessor« noch in Berlin getroffen. Aktionen und mögliche Ausweichvarianten wurden gründlich beraten. Mit Bezug auf meine frühere Tätigkeit als Außenhändler konnte das Ministerium für Außenhandel in kürzester Zeit meine Einsatzlegende begründen. Ende Oktober reiste ich nach Chile aus. Es war jedoch gar nicht sicher, ob man mich unter den aktuellen Umständen in das Land einreisen lassen würde

Als ich im Jahre 1935 geboren wurde, war Deutschland von der Euphorie des Hitlerfaschismus beherrscht. Meine Eltern kamen aus kinderreichen Familien und waren arme Leute. Mein Vater war Bergmann im Mansfelder Kupferschieferbergbau, meine Mutter war Tagelöhnerin. Der Krieg, seine Schrecken, seine Opfer und Entbehrungen bedrückten die Menschen. Das spürten wir als Kinder auch. Im Hause meiner Großeltern in Annarode im Südharz erlebte ich eine behütete, lehrreiche und interessante Kindheit. Ich besuchte die einklassige Dorfschule. Dementsprechend waren meine Schulkenntnisse mehr als mangelhaft. Dafür waren durch die Umstände unsere Sinne, Erfahrungen, Wagemut und Abenteuerdrang gut ausgeprägt. In einer Lehrwerkstatt des Mansfeld Kombinats wurde ich Betriebsschlosser. Danach arbeitete ich auf einem Schacht als Schlosser unter Tage. In dieser Zeit war ich aktiv in der FDJ und DSF, als Pionierleiter, in einem Fanfarenzug und einer FDJ-Kapelle. Ich fuhr zum Deutschlandtreffen und den Weltfestspielen nach Berlin. Die Begeisterung für unseren Arbeiter- und Bauernstaat hatte mich ergriffen. Vielleicht war das jemanden aufgefallen, der sich um junge Kader kümmerte. Auf alle Fälle wurde ich zum Studium an die Bergbau Ingenieurschule Eisleben delegiert. Nach dem ersten Studienjahr bekam ich die Quittung für meine dürftigen Schulkenntnisse. Die Prüfung hatte ich nicht bestanden. Man bot mir an, das erste Jahr zu wiederholen. Was ich auch tat und mir so den Abschluss als Bergmaschinen-Ingenieur sicherte. Danach bekam ich eine Anstellung als Betriebsassistent in den Harzer Eisenerzgruben und wurde als Maschinensteiger unter Tage eingesetzt. Inzwischen war ich Mitglied der SED, Mitglied der Kreisleitung Wernigerode der FDJ, habe einen Fanfarenzug in Blankenburg aufgebaut, war in der Kampfgruppe und in verschiedenen anderen Funktionen.

Als ich vertraulich erfuhr, dass der Bergbau im Harz eingestellt werden würde, erkundigte ich mich bei jemandem, der es wissen konnte, nach beruflichen Alternativen. Kurz darauf wurde ich angesprochen und gefragt, Mitarbeiter des MfS zu werden. Ohne zu wissen, was mich dort erwartete, sagte ich zu.

In der Kreisdienststelle Wernigerode erfuhr ich das »schwere« Leben eines gut bezahlten, aber bis dahin ahnungslosen Mitarbeiters. Die Vielseitigkeit der operativen Abwehrarbeit war für mich eine harte, aber nachhaltige Ausbildung. Eigentlich war in jeder Etappe meiner späteren Einsätze diese operative Praxis die beste Schule.

Nach drei Jahren wurde ich in eine zentrale Arbeitsgruppe der Bezirksverwaltung Magdeburg versetzt. Hier lernte ich die wirtschaftlichen und politischen Strukturen eines Bezirkes kennen. Statt des vorgesehenen Hochschulstudiums, wurde ich über Nacht nach Berlin zur HV A »berufen«. Nach intensiver operativer Ausbildung und Training in der Großstadt erfolgte mein Einsatz als OibE in einem Außenhandelsbetrieb. Da sich ein vorgesehener Auslandseinsatz verzögerte, konnte ich mir als Exportkaufmann solide Kenntnisse und Erfahrungen des südamerikanischen Marktes aneignen. Dies erwies sich bei späteren Einsätzen und zur Absicherung meiner Einsatzlegenden als sehr nützlich.

Von 1968 bis 1971 war ich mit meiner Familie in der neugegründeten Handelsvertretung in Mexiko. Hier erlebte ich die Olympiade und eine Fußball-Weltmeisterschaft. Ich erlernte die spanische Sprache und vertrat erfolgreich verschiedene Exportzweige der DDR. Nennenswerte operative Ergebnisse konnte ich nicht vorweisen. Wahrscheinlich holte man mich deshalb in die Zentrale. Dort bekam ich Gelegenheit, mich in ein neues Arbeitsgebiet in der Abt. XI (USA, Kanada) einzuarbeiten. Die Nachricht vom Militärputsch in Chile erreichte mich auf einem Qualifizierungslehrgang im September 1973. Bis dahin hatte ich mit Chile nichts zu tun gehabt. Deshalb war ich überrascht, dass man mir antrug, sofort für eine unbestimmte Zeit dorthin zu fliegen und an Ort und Stelle die anstehenden unübersichtlichen und nicht ungefährlichen Probleme zu lösen.

Das vielleicht drängendste: Carlos Altamirano und weitere hochrangige Funktionäre der Unidad Popular hielten sich im Gebäude der DDR-Botschaft auf, die aber offiziell keine mehr war, da die DDR wegen des Putsches ihre diplomatischen Beziehungen abgebrochen hatte. Die dort verbliebenen Mitarbeiter waren auf eine solche Situation und der folgenden Konsequenzen nicht vorbereitet.

Die Vorbereitungen zur Ausschleusung von Altamirano auf dem Landwege über die Kordilleren nach Argentinien und weiter in die DDR waren bereits eingeleitet. Ich sollte hinfliegen, um vor Ort die geplanten Aktionen zu leiten. In letzter Minute wurde mir noch mitgeteilt, dass sich Honeckers chilenischer Schwiegersohn Yanez ebenfalls in der Vertretung befand, was die Sache nicht einfacher machte.

Die ganze Sache hatte nur einen Haken: Ich verfügte über einen jungfräulichen Dienstpass, aber nicht über ein Einreisevisum für Chile. Ein guter Freund und Kollege verhalf mir noch zu einem peruanischen Visum für den Fall, dass man mir die Einreise in Chile verweigern würde. Mit gemischten Gefühlen und einen Kopf voller Pläne, Instruktionen, Verhaltensregeln und technischen Details machte ich mich auf den Weg.

Als Kind habe ich militärische Kampfhandlungen und das Militär kennen gelernt. Ich versuchte mir zusammenzureimen und vorzustellen, was mich eventuell dort unten erwartete.

Mit der polnischen Fluggesellschaft LOT ging es früh von Berlin nach Amsterdam-Shipol, wo ich bis Abends Zeit bis zum Weiterflug hatte. Nach der Ankunft eines Flugzeuges aus Buenos Aires entdeckte ich einen ehemaligen Kollegen. Als er mein Reiseziel erfuhr, erklärte er mich für total verrückt. Ich wisse wohl gar nicht, was dort los sei. Er nannte mich lebensmüde. Alle wären froh, die dem chilenischen Terror entkommen wären. Da sollte man nicht hingehen als DDR-Bürger, Kommunisten stünden ganz oben auf der Liste. »Komm mit, wir fliegen nach Berlin

Sollte ich etwas von »Pflichtgefühl« oder »Solidarität« sagen? Die Wahrheit ging ihm ohnehin nichts an und eine Legende erfinden wollte ich nicht. Ich weiß nicht mehr, was ich zu ihm gesagt habe. Die Begegnung hat mir gut getan, aber meine Selbstsicherheit und Zuversicht bekam einen Knacks. Langsam keimten Vorstellungen von Möglichkeiten, was alles schief gehen könnte.

Spät abends startete die Maschine nach Südamerika, mit Endziel Santiago de Chile. Sie war nicht ausgebucht. Nach Zwischenlandungen in Madrid und Dakar flogen wir nachts über den Atlantik nach Rio de Janeiro und Buenos Aires. Als wir zur letzten Etappe über die Anden nach Santiago starteten, saßen nur noch ein altes Mütterchen und ich in der riesigen Kabine. Und auch die Furcht vor dem Ungewissen, dem ich entgegenflog.

Um ehrlich zu sein, mein Unternehmungsgeist stand offensichtlich im kausalen Zusammenhang mit der Anzahl der Passagiere. Er war merklich geschrumpft. Mir wurde eigenartig im Magen. Das angebotene Essen bekam ich nicht hinunter. Ich lenkte mich damit ab, in dem ich mir Antworten auf die Fragen bei der Passkontrolle in Spanisch zurecht legte und mir vorstellte, wie ich mich verhalten müsste. Von vorne kam der Chefsteward langsam den Gang entlang auf mich zu. Er lächelte und setzte sich neben mich. Mit seinem holländische Akzent fragte er: »Schi haben nischt vergeschen, in Buenos Aires auszuschteigen »Nein, warum sollte ich, ich will doch nach Santiago Danach folgte eine als Unterhaltung getarnte Ausfrage.

Als gestandener DDR-Bürger und in meiner Mission sowieso, beherrscht man immer die nötige Vorsicht. Ich zweifelte nicht daran, dass er genau wusste, aus welchen Ländern die beiden einzigen Fluggäste kamen. Trotzdem spielte ich mit, und er bekam es schnell heraus. Auf die Frage, woher ich denn in der kurzen Zeit ein Einreisevisum bekommen habe, gestand ich ihm, dass ich gar kein Visum besäße. Ich würde vom Flugplatz abgeholt, da werde das dann geregelt. Er machte eine eigenartige Kopfbewegung und ging. Innerlich war ich etwas beruhigt, weil ich nun jemanden anvertraut hatte, dass ich Schwierigkeiten bekommen könnte.

Es dauerte auch gar nicht lange, da kam ein älterer Herr mit breiten Tressen an den Jackenärmeln zu mir. Er stellte sich als Kapitän vor, mir einen Whisky auf den Tisch und sagte: »Hören Sie, der Steward hat mir von der Unterhaltung mit Ihnen erzählt. Es ist heutzutage nicht ungefährlich in Santiago de Chile einzureisen. Zumal wenn man wie Sie aus dem Osten kommt. Man kann nie wissen, was die Militärs für Schikanen bereithalten. Aber Sie sind unser Gast, und wir werden bei der Einreise auf Sie aufpassen, dass nichts passiert. An der Passkontrolle werden wir Sie so lange beobachten, bis Sie durch sind. Sollte es Probleme geben, kommen Sie sofort zu uns zurück, wir stehen am Crew-Ausgang. Wir bringen Sie dann zu unserer Maschine, das ist exterritoriales Gebiet, da sind Sie sicher. Dort können Sie bis zum nächsten Tag bleiben und wir nehmen Sie mit nach Lima. In solchen schlimmen Zeiten müssen wir zusammenhalten Dann klopfte er mir aufmunternd auf die Schulter und verschwand im Cockpit.

Mein Selbstvertrauen und der Optimismus bauten sich wieder auf. Nach einem zweiten Whisky vom Steward und dem Wunsch für eine gute Landung war die Welt wieder einigermaßen im Lot.

Ein Blick aus dem Fenster ließ die harte Realität erahnen. Der Flugplatz glich einem Militärlager. Überall standen Militärflugzeuge, Kriegsgerät und schwer bewaffnete Soldaten. Der Kleinbus der niederländischen Fluggesellschaft KLM brachte mich schließlich zur Ankunftshalle. Dort erwarteten mich meine zwei künftigen Kollegen. Sie übergaben meinen Pass und ein Schriftstück der finnischen Botschaft dem Kontrolleur. Beide Dokumente bekamen einen Stempel, ich konnte passieren. Das ging alles rasch, er hatte mich nicht einmal angesehen, geschweige denn eine Frage gestellt.

Die Crew der KLM stand immer noch geschlossen an ihrem separaten Ausgang und beobachtete mich. Mit einem letzten Blick, einem verständnisvollen dankbarem Kopfnicken und einem letzten Abschiedsgruß endete diese unerwartete, unvergessliche Begegnung. Ich brauchte Zeit, um sie zu verarbeiten. Die Fürsorge der KLM-Crew rührte bestimmt nicht nur daher, dass Dienstreisende der DDR nach Südamerika vorwiegend mit dieser Linie flogen. Sie war vor allem wegen der politischen Lage in Chile, vielleicht auch aus Mitgefühl mit mir entstanden. Solidarität gegen die Militärs brauchte nicht verordnet zu werden. Für mich war es der Anstoß, meine Meinung und Haltung zu den Menschen aus NATO-Ländern zu korrigieren und neu zu definieren. Dazu sollte ich später in Chile noch wesentlich mehr Gelegenheiten bekommen. Es war auf alle Fälle spontan erlebte internationale Solidarität ohne Spendenmarken. So war ich der erste Bürger eines sozialistischen Landes, der ohne Visum nach dem Militärputsch legal in Chile eingereist ist. Das war eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen aller geplanten Aktionen.

Für mich fing die Arbeit nun an.

In kurzer Zeit bekam ich auch ein Visum für unbegrenzte Zeit, mein Aufenthalt in Chile war gesichert. Der Nachteil war, dass ich erst im folgenden August, nach fast einem Jahr, die Erlaubnis bekam, zu einem Kurzurlaub in die DDR auszureisen.

Die Ankunft und Einreise von »OibE Kern« in Santiago de Chile löste in der Zentrale in Berlin Erleichterung aus. Das festigte die Zuversicht, dass nunmehr die Überlegungen und Vorstellungen über das weitere taktische Vorgehen umgesetzt werden konnten. Mit den konkreten Vorbereitungen und detaillierten Maßnahmen wurde sofort begonnen. Durch die Beschränkung auf den Austausch von chiffrierten Telegrammen über Telex und auf Grund der Entfernung und der Zeitdifferenz von sechs Stunden zwischen Santiago und Berlin waren kurzfristige Konsultationen so gut wie unmöglich. Also musste ein weit gesteckter Entscheidungsspielraum eingeräumt werden. Hierzu gab es die Empfehlung, in jeder kritischen Situation die Ruhe zu bewahren, die Übersicht zu behalten und im Rahmen des vertretbaren Risikos verantwortungsbewusst selbständig zu entscheiden. Diese Ermahnung war sehr hilfreich, sie verlieh den Genossen Sicherheit und spornte zu hoher kreativer Entscheidungs- und Einsatzbereitschaft an. Zunächst wurden im engsten Kreis noch einmal der bisherigen Verlauf und alle Aktionen rekapituliert, um mögliche Gefahrenmomente oder gegnerische Angriffspunkte zu erkennen. Für die eigenen und chilenischen Angestellten wurde eingeschätzt: Wer weiß oder vermutet etwas? Was sind die Schwachstellen? Danach wurde das Umfeld der Vertretung sondiert, um Ansätze von Beobachtungen festzustellen. Gibt es feste oder mobile Observationen?

Allen wurde verstärkte Umsicht und Aufmerksamkeit angeraten. Alle Gebäude der DDR wurden rund um die Uhr mit Wachen besetzt. Zur Profilierung eines ordentlichen Dienstbetriebes wurden erneut die offiziellen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten der einzelnen noch anwesenden Mitarbeiter umrissen.

Das diente zur Rechtfertigung der Anwesenheit, des Status, sowie zur Demonstration der notwendigen Bewegungsräume und unserer Aktivitäten und Kontakte.

Intern und weitgehend verdeckt erfolgten die Vorbereitungen für die Schleusungsaktion. Zuerst wurden Einschätzungen der physischen und psychischen Verfassung der einzelnen, für die Aktion vorgesehenen Mitarbeiter und ihre Belastbarkeit vorgenommen. Als nächstes war zu erkunden, wie das Kontrollsystem am Grenztunnel bei Portillo funktioniert:

• Wie erfolgen die Kontrollen? Werden Fahrzeuge kontrolliert, was passiert nach Einfahrt in den Tunnel, gibt es im Tunnel noch eine Sperre, etwa ein Gittertor das von außen betätigt und geschlossen werden kann?

• Wie sind die Kontrollen auf der argentinischen Seite? Kommt es vor, dass Personen die Einreise verwehrt wird? Werden sie zurückgeschickt?

Hierzu wurden Geschäftskontakte, auch Diplomaten abgeschöpft, die in der Zeit der Lebensmittelverknappung in Chile zum Einkaufen über diese Grenze nach Mendoza in Argentinien fuhren. DDR-Bürgern war das nicht erlaubt. Deshalb hatten wir selbst darüber auch keine Kenntnisse. Danach wurden mehrere Fahrten auf der internationalen Straße nach Argentinien von Santiago bis Portillo unternommen, um festzustellen, wie die Verkehrsverhältnisse sind und ob im Lande militärische Kontrollpunkte eingerichtet und aktiv sind. Das wäre zu erwarten am Stadtrand von Santiago, in den Orten Colina, Los Andes, bei den militärischen Ausbildungscamps bei Peldehue oder auf der Route 60 im Gebirge zur Grenze bis Portillo.

Im Zuge des Putsches und zur Zeit des Ausnahmezustandes waren von den Militärs auf den Hauptverkehrsstraßen provisorische Straßensperren mit Schlagbäumen errichtet worden. Zu dieser Zeit waren sie aber nicht mehr ständig besetzt. Aber mit Überraschungen dieser Art musste man immer rechnen. Offensichtlich hatten die Militärs den Grenzpassagen ins Ausland noch keine so große Bedeutung beigemessen. Sowohl auf dem internationalen Flugplatz, als auch an der Kontrollstelle der Grenze zu Argentinien, gab es keine zusätzlichen militärischen Kräfte oder Veränderungen im bisher praktizierten Regime. Die Kontrollen wurden wie üblich von den Carabineros (Polizei) und den dort tätigen zivilen Kräften vom Zoll durchgeführt.

Im Tagesverlauf wurden in unregelmäßigen Abständen PKW Aus- und Einfahrten in die Botschaft praktiziert. Zum Teil waren die Autos mit mehreren Personen besetzt. Es wurden Gegenbeobachtungen der eigenen Fahrzeuge organisiert, um mögliche Verfolger oder verdächtige Momente zu erkennen und gegnerische Observationen weitgehend auszuschließen. Ziel war es auch, die Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle der Mitarbeiter zu schärfen, ihnen Vorsicht, Umsicht und ihren Anteil an der Sicherheit der Vertretung bewusst zu machen. Trotz allen Aufwandes konnte nichts Auffälliges festgestellt werden.

Die Tatsache, dass Altamirano schon länger als vier Wochen in sicherer DDR-Obhut war und es keine Auffälligkeiten gab, bestärkte die Annahme, dass noch alles weitgehend dicht war, und stärkte die Zuversicht, die Schleusungsaktion optimistisch und mutig anzugehen. Diese sollte zügig, ohne Hektik und sicher erfolgen. Der Ablauf war wie folgt gedacht: Der Fahrer (IM »Assessor«) trifft mit dem präparierten argentinischen PKW ein und steigt in einer Pension ab. Ich würde mich mit ihm treffen, Informationen austauschen und die Schleusung Altamiranos besprechen. Unmittelbar nach der Aufnahme Altamiros sollte »Assesor« über Colima, Los Andes, Portillo und durch den Andentunnel nach Argentinien zurückkehren. Die Fahrt sollte bis zur Grenze unauffällig durch uns gesichert werden. Die Vorbereitung wurde in folgende Komplexe gegliedert:

• Der vorgesehene Personenkreis wurde ausgewählt und jeder einzelne dazu angesprochen. Die vorgesehenen Aufgaben wurden abgegrenzt und jedem erläutert.

• Der vorgesehene Ablauf wurde beraten und die Details festgelegt und überprüft. Die zeitlichen Eckpunkte waren die Sperrstunde (Toque de queda) von abends 20.00 Uhr bis morgens 8.00 Uhr und die Schließzeit des Andentunnels 18.00 Uhr. Es wurde ein genauer Zeitplan erarbeitet.

• Altamirano wurde auf die Aktion eingestimmt und psychisch darauf vorbereitet.

In dieser Phase erwies sich der DDR-Auslandskader Peter Wolf, Technologe in einem Großbetrieb bei Dresden, als erfahrener umsichtiger Planer der gesamten Aktion. Er erarbeitete einen Plan, der jedem Stabsoffizier zur Ehre gereicht hätte.

Ende Oktober/Anfang November 1973 wurde das DDR-Botschaftsgebäude nicht von Militärs oder Polizei bewacht, wir konnten also zeitlich frei disponieren. Trotzdem mussten wir uns stets vergegenwärtigen, dass die in dem vornehmen Stadtteil wohnenden Leute jederzeit den Militärs verdächtige Aktivitäten oder Hinweise melden würden. Die meisten Anwohner waren gewiss keine Freunde der UP und der sozialistischen Länder. Es gab bereits Fälle, wo Nachbarn die Wohnungen von DDR-Technikern denunziert hatten, die dann von Militärs regelrecht gestürmt wurden. Die Monteure waren inhaftiert, vernommen und misshandelt worden.

Es war nicht einfach, in Las Condas einen geeigneten Platz zu finden, wo der Einstieg in das Schleuserfahrzeug unbeobachtet erfolgen konnte. Die Wahl fiel auf einen unbefestigten, kurvenreichen, abschüssigen Hohlweg, der an einer Ausweichstelle genügend Platz hatte und nicht eingesehen werden konnte. Die danach folgende unbefestigte Straße führte am Stadtteil Conchali vorbei zur Panamericana. Zu jener Zeit endete sie an einem Parkplatz in der Nähe des bekannten Restaurants »La piramide«. Von dort hatte man eine schöne Aussicht in das dahinter liegende Tal.

Der Hohlweg war unbefestigt und wenig befahren. Seine Einfahrt lag am Rande dieses Parkplatzes. Das war auch die einzige Möglichkeit, die Fahrt durch die verkehrsreiche Hauptstadt zu vermeiden. An einem Bauwagen auf dem Parkplatz lagen Utensilien zum Absperren der Straße bei Bauarbeiten. Am Vorabend wurden diese unauffällig so vorbereitet, dass mit wenigen Handgriffen die Zufahrt zum Hohlweg abgesperrt werden konnte.

An mehreren Tagen wurde die Strecke zu verschiedenen Tageszeiten abgefahren. Trotzdem musste man auf überraschende Aktionen der Militärs gefasst sein. Obwohl sich am Fuße des Berges, abseits vom Auslauf des Hohlweges, die Ställe und Übungsplätze der Reiterstaffel der Carabineros (Polizei) befanden, gab es keine besondere Bewachung oder Kontrolle.

8.00 Uhr startete ein Mitarbeiter von seiner Wohnung aus und fuhr die geplante Strecke von Santiago über Colina, Los Andes bis Rio Blanco. Dort befand sich die letzte bekannte Straßensperre der Militärs. Er sollte aufklären, ob überraschend Straßenkontrollen aktiviert worden waren. Hinter Rio Blanco kehrte er um und fuhr die gleiche Strecke zurück. So konnte er den im entgegenkommenden Auto, das dem Schleuser-Fahrzeug vorausfuhr, im Notfall durch Lichthupe warnen. Wenn alles unverdächtig war, sollte er sein Auto parken und in das Vorausfahrzeug umsteigen.  Die beiden fuhren dann nach Portillo voraus. Die Zeit war so kalkuliert, dass sich beide PKW kurz vor Santiago trafen.

9.00 Uhr brach IM »Assessor« von seinem Quartier zum Treffpunkt im Hohlweg auf.

9.30 Uhr fuhren der Konsul und mit einem Sprachkundigen von der Residenz auf Umwegen zu jenem Parkplatz am Beginn des Hohlwegs. Sie parkten etwas abseits und genossen die schöne Aussicht. Sobald der PKW mit Altamirano in den Hohlweg eintraf, errichteten sie die Straßensperre. Nach etwa 15 Minuten entfernen sie die Sperre wieder und folgten dem PKW mit argentinischem Kennzeichen und Altamirano im Versteck nach Portillo.

10.00 Uhr verließ Altamiranos PKW mit diplomatischen Kennzeichen wie alltäglich die Vertretung und fuhr auf der festgelegten Strecke zum Hohlweg. Wenige Minuten später erreichten sie den vereinbarten Treffpunkt.

Gegen 10.30 Uhr brachen sie auf Richtung Grenze. Bis Portillo waren es 160 Kilometer, der Andentunnel lag in einer Höhe von 3.000 Metern. Wir hatten dafür etwa drei Stunden Fahrzeit eingeplant. Wenn alles glatt ging, würde IM »Assessor« gegen 14 Uhr in Argentinien eintreffen.

Mit etwa fünf Minuten Vorsprung fuhr nun das Vorausfahrzeug dem Schleusungsfahrzeug voraus, um bei einen unvorhergesehen Zwischenfall »Assessor« zu warnen. Beide sollten ohne Sichtkontakt bis zum Hotel »Portillo«, etwa sechs Kilometer vor der Grenzkontrollstelle, vorfahren und vom Parkplatz aus die Vorbeifahrt des argentinischen PKW beobachten. Anschließend in das Hotelrestaurant gehen, dort auf die anderen warten und die Vertretung in Santiago telefonisch informieren.

Im Abstand von mehreren Minuten folgten dem »Assessor« der Konsul und sein sprachkundiger Begleiter im »CC« gekennzeichneten PKW. Falls die Fahrt von »Assessor« unterbrochen werden musste, sollten sie Altamirano übernehmen und auf direktem Wege nach Santiago in die DDR-Vertretung zurückbringen.

Ein dritter, ziviler PKW, war auf einem Parkplatz an der Strecke postiert und fuhr zu einem vereinbarten Zeitpunkt die Straße hinauf zum Hotel »Portillo« den anderen PKW hinterher. An Bord des PKW befand sich ein erfahrener Kfz-Monteur und ausausreichend Werkzeug und Material. Im Falle einer Panne sollten sie technische Hilfe leisten und die erforderlichen Reparaturen durchführen. Wenn alles glatt ablief, sollten alle drei PKW in kurzen Zeitabständen am Hotel zusammentreffen. Nach der Ankunft sollten alle Beteiligten im Hotelrestaurant Mittag essen.

Das war der Plan.

Bei unserem ersten Treffen mit »Assessor« in Santiago sagte er mir, dass er mit dieser »Schrottkarre« nicht nach Argentinien zurückfahren würde. Die Fahrt über die Serpentinen sei eine einzige Kette von Pannen gewesen. Überhitztes Kühlwasser, Störungen der Zündung, Ölverlust und Reifenpannen… Zum Glück habe er jedes Mal Werkstätten gefunden, die das Fahrzeug  wieder fahrtüchtig machten. Bis auf die Reifen, die nach und nach ihren Geist aufgegeben hatten.

Im Fahrzeugbestand der ehemaligen Botschaft befanden sich zwei PKW des gleichen Typs. Von denen wurden die vier besten Räder abmontiert, um sie an das Schleusungsfahrzeug zu schrauben. Aber wo? Es durfte doch niemand sehen, um Verdacht zu schöpfen.

»Assessor« stellte den PKW zu einer bestimmten Zeit auf dem Parkplatz eines vornehmen Golfplatzes ab. Den Schlüssel legte er auf das linke Vorderrad. Wir fuhren mit den Ersatzrädern dorthin und deponierten sie im Kofferraum des argentinischen Autos. In einer Reifenwerkstatt ließ er dann die Räder wechseln.

Ein weiteres Problem: »Assessor« war nicht schwindelfrei. Er habe das vorher gewusst, aber nicht daran gedacht. Bei den Blicken in die mehrere hundert Meter tiefen Abgründe beiderseits der Straße habe er schon aufgeben wollen. Mehrmals sei ihm übel geworden. Außerdem litt er an einer starken Bronchitis. Für den Fall, dass »Assessor« ausfiel, hätte ein anderer Mitarbeiter für ihn einspringen müssen, was natürlich die gesamte Aktion stark gefährdet hätte. In Anbetracht dieser Tatsachen wurde beschlossen, die Fahrt abzusichern und ihn unauffällig zu eskortieren.

Am 5. November 1973 wurde die Aktion wie geplant durchgeführt. Es lief alles genau wie vorgesehen und ohne Zwischenfälle.

Als die Gruppe das Mittagessen serviert bekam, tauchte »Assessor«, der eigentlich nach der Grenzpassage in Argentinien sein sollte, an der Eingangstür auf. Der Konsul, der ihn auch kannte, sprach ihn mit seinem Klarnamen an.  

»Assessor« teilte mit, dass er die Grenze nicht ohne einen Passierschein (Salvo conducto) des Militärkommandanten in Los Andes passieren könne.

Da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass die Militärs seinen PKW durchsuchen würden, musste Altamirano sein Versteck verlassen. Man ließ die Speisen einpacken und suchte eine geeignete Stelle, um dort wie durchaus üblich, mit Altamirano ein Picknick abzuhalten. Während »Assessor« zur Militärkommandantur in Los Andes fuhr. Jetzt hatten alle erkannt, wer die Beteiligten waren und worum es eigentlich ging. Sie begriffen in welcher gefährlichen Lage sie sich befanden. Altamirano wirkte auf Grund  der verabreichten Beruhigungsmittel wie geistesabwesend und bekam fast nichts mit.

Zeitlich war alles ziemlich knapp. Für Hin- und Rückfahrt nach Los Andes brauchte man etwa zwei Stunden. »Assessor« müsste gegen 17 Uhr – sofern nichts dazwischen kam – zurück sein. Um 18 Uhr wurde der Tunnel geschlossen…

Vorbeugend wurden verschiedene Varianten durchgespielt:

• Kommt »Assessor« vor 17 Uhr mit dem Passierschein zurück, wird Altamirano wieder »verpackt« und ab geht es zur Grenze. Zwei Mitarbeiter fahren in einem PKW in Sichtweite hinterher und überzeugen sich von der Ausreise. Sie mimen neugierige Touristen. Gleichzeitig beobachten sie die Formalitäten und den Ablauf der Kontrollen.

• Kommt »Assessor« erst nach 17 Uhr und es ist abzusehen, dass er die Tunneldurchfahrt verpasst, dann wird die Aktion abgebrochen und alle fahren zurück. Diesmal Altamirano im PKW des Konsuls, direkt zur Botschaft oder zur Residenz und »Assessor« wieder in seine Unterkunft. Die Aktion würde dann am anderen Tage wiederholt. Man würde sich auf Grund der günstigen Erfahrungen zur gleichen Zeit wieder am Hohlweg treffen und die Aktion wie gehabt neu starten.

• Im äußersten Notfall würden wir Altamirano mit einem Begleiter in einem Versteck unterbringen. Am nächsten Tage würde die Aktion am Picknickplatz neu starten. Für diesen Fall wurde begonnen aus umherliegenden Steinen ein pyramidenartiges Gebäude als Versteck zu errichten. In der Nähe floss ein kleiner Bach. Die hierfür ausgewählte Stelle war von der Straße und den dort vorbeifahrenden Patrouillen nicht einzusehen.

Wie später »Assessor« berichtete, erfolgte in der Kaserne nur eine oberflächliche Musterung. Allerdings war die Schlange jener, die an diesem Montag nach einem Passierschein anstanden, ziemlich lang. Es handelte sich zumeist um Wochenendausflügler aus Argentinien. Da Deutsche in Südamerika einen guten Ruf genießen, gelang es ihm, eine bevorzugte Behandlung zu erhalten. Es gelang ihm sogar, den Kommandanten zu überreden, einen Vermerk zur mehrmaligen Passage einzutragen. Er musste nur versprechen, mit dem gleichen PKW zu fahren und den Passierschein nach Gebrauch zu vernichten.

Noch vor 17 Uhr traf der IM wieder am Picknickplatz ein. Altamirano bestieg erneut sein Versteck im Schleuserfahrzeug. Nach einem für alle Beteiligten sehr bewegten Abschied fuhr »Assessor« davon. Wie geplant, folgte ihm ein PKW. Die Insassen konnten beobachten, wie das argentinische Auto mit den beiden kurz vor 18 Uhr im Grenztunnel verschwand.

Kurz vor 20 Uhr, dem Beginn der Sperrstunde, traf die Mannschaft in der Vertretung in Santiago ein. Keiner der Beteiligten wird den Augenblick, wo auf den Erfolg angestoßen werden konnte, vergessen. Alle waren sehr selbstbewusst und stolz, obwohl ihnen auch die überstandenen nervlichen Belastungen anzusehen waren.

Es bestand nun die Möglichkeit, dass auf diesem Wege weitere Personen außer Landes in Sicherheit gebracht werden konnten. Alle Beteiligten erklärten sich spontan zu weiteren Vorhaben bereit. Eine nachfolgend kritische Auswertung der Operation, vor allem der Schwachstellen und möglichen Pannen, führten zu der Erkenntnis, dass solche Schleusungsaktionen nur im extremen Notfalle und als Einzelaktionen durchgeführt werden sollten. Im Interesse der Sicherheit der Vertretung und jedes einzelnen wurde angemahnt, die nunmehr allen Beteiligten bekannte Schleusungsaktion streng geheim zu halten. Die Fahndung nach Altamirano lief noch auf vollen Touren und die Militärs, vor allem ihre Geheimdienste, waren nach wie vor unberechenbar. Unser Status, unter dem diplomatischen Schutz der finnischen Botschaft, war für die DDR-Restgruppe kein absolut sicherer Schutz. Man durfte und wollte auch das noch frische Verhältnis zur Schutzmacht und den beiden finnischen Diplomaten, in keiner Weise gefährden, sondern eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen schaffen. Sie erfuhren von der Aktion nichts.

Das Stillschweigen wurde von allen über zwanzig Jahre gewahrt. Erst im Jahre 1989 erzählte Carlos Altamirano in einem Interview, wer ihn damals aus Chile nach Argentinien ausgeschleust hat.

Auf die Restgruppe kamen danach neue Aufgaben zu.

Anfang Dezember lief das von der Kuba-Route umgeleitete DDR-Schiff »Neubrandenburg« in Valparaiso ein. Es war darauf vorbereitet, gefährdete Chilenen an Bord zu nehmen und außer Landes zu bringen. Davon wurde Abstand genommen. Inzwischen wurden durch das chilenische Außenministerium offizielle Ausreiseerlaubnisse, »salvo coductos«, für in den Botschaften »Asylierte« erteilt. Die eingereichten Listen wurden abgearbeitet. So war es nur eine Frage der Zeit und der Geduld, bis alle Verfolgten das Land verlassen konnten.

Der Kapitän der »Neubrandenburg« lud aber die Diplomaten der Schutzmacht Finnland am 6. Dezember zu einem Empfang aus Anlass des finnischen Nationalfeiertages ein. Damit bot sich eine willkommene Gelegenheit, das Vertrauen für die weitere künftige Zusammenarbeit mit der DDR-Restgruppe zu vertiefen.

Der ehemalige Geschäftsträger Finnlands, Botschafter Tapani Brotherus, bekam später den DDR-Orden »Stern der Völkerfreundschaft« verliehen. In Finnland ist er eine hochgeehrte Persönlichkeit. Über sein Wirken in Chile wurde ein Film gedreht und wiederholt in den Medien berichtet. Ihm wird gutgeschrieben, dass er über 2.400 Chilenen rettete, wovon über 2.000 in die DDR kamen.

Sie erfuhren in unserer Republik durchweg hohe Anerkennung und Solidarität. Sie erhielten umfassende Hilfe und Unterstützung in ihrem Kampf gegen die Pinochet-Diktatur. Verantwortlichen Vertretern der UP wurden Bürogebäude zur Verfügung gestellt, und sie erhielten einen diplomatischen Status. Die Betreuung der Chilenen – darunter Carlos Altamirano – erfolgte unter der Regie der Abteilung Internationale Verbindungen des Zentralkomitees der SED und durch Einrichtungen des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR. Für den Schutz und die Sicherheit der chilenischen politischen Immigranten, ihrer Büros und Wohnungen in der DDR waren Abwehrdiensteinheiten des MfS verantwortlich.

Und was machten die bundesdeutschen Diplomaten in ihrer Botschaft in Santiago?

Sie verfolgten sehr aufmerksam die Lage und die veränderten Verhältnisse in Chile. Aber auch sie waren von dem Putsch und der nicht erwarteten Härte und Brutalität des Vorgehens überrascht. Etliche Diplomaten unterhielten über die Arbeitskontakte hinausgehende persönliche Beziehungen zu Funktionären der Regierung Allendes. Bei den meisten erwachte Mitleid mit den Verfolgten und Ablehnung der menschenverachtenden Aktionen der Militärs. Viele drängten auf Gewährung von humanitärer Hilfe sowie Schutz und Obdach in den Räumen der Botschaft. Eine Entscheidung hierzu konnten sie selbst nicht treffen.

Der Botschafter Kurt Lüdde-Neurath war erst kurze Zeit in Chile und zum Zeitpunkt des Putsches nicht im Lande. Nach seiner angeordneten Rückkehr verhielt er sich reserviert und abwartend. Er orientierte sich am Verhalten der Botschaften der USA und Englands, die keine »Gäste« aufnahmen – im Gegensatz zu Frankreich, Schweden, Holland und anderen europäischen Vertretungen. Außerdem orientierte er sich an der überwiegend UP-feindliche Haltung des größten Teils der deutschen Kolonie, vor allem der Grundbesitzer im Süden, der Deutschen und Deutschstämmigen in der politisch einflussreichen Mittelschicht und zahlreicher Angehörigen der Offizierskorps in allen vier Waffengattungen. Diese Haltung verursachte eine paralysierende Spannung zwischen ihm und der Mehrheit seiner Diplomaten.

Der menschenverachtende Zynismus der Militärs löste in Chile tiefen Hass und gleichzeitig Bereitschaft zur Hilfe und Rettung der Flüchtenden und Gefährdeten aus. Weltweit wurden die Nachrichten über die Operationen der Militärs, über Ausnahmezustand und Sperrstunden, über Razzien in den Stadtteilen, Verhaftungen, Misshandlungen und Morde, Vergewaltigungen junger Frauen in den Kasernen, ständige Patrouillen, Nacht- und- Nebelaktionen der militärischen Geheimdienste, scharf verurteilt, sobald sie bekannt wurden.

Spontan formierte sich in den europäischen Ländern eine breite Protest- und Solidaritätsbewegung, auch in der BRD. Hier war bekannt geworden, dass die SPD-Regierung Brandt/Scheel ihrer Botschaft nicht gestattete, flüchtende linke Politiker aufzunehmen. So wurden z. B. der deutschstämmige Sozialist Eric Schnacke und andere abgewiesen und kurz darauf von den Militärs verhaftet. Lüdde-Neurath wurde in Chile von anderen europäischen Diplomaten und Pressevertretern deswegen scharf attackiert. Die Regierung Brandt/Scheel ließ ihren Botschafter Lüdde-Neurath als Geste der Sympathie eine Schenkung von 30.000 DM an das chilenische Militär überreichen. Danach reisten namhafte BRD-Politiker (Heinrich Gewandt, Bruno Heck, Jürgen Wohlrabe, alle CDU) nach Chile, um mit Pinochet die wirtschaftlichen Perspektiven zu sondieren. Zu jener Zeit waren in Chile noch UP-Anhänger auf der Flucht. Die BRD-Botschaft blieb für diese nach wie vor geschlossen.

Die Massenaktionen der Protestbewegung in der BRD zwangen schließlich die Bonner Regierung ihren Botschafter anzuweisen, seine Pforten für Flüchtende zu öffnen. Dafür wurde ihm aber eine Liste bekannter Persönlichkeiten vorgegeben. Das war natürlich realitätsfremd; denn bekannte Personen waren Ende Oktober entweder gefangen oder schon in eine andere diplomatische Vertretung geflüchtet. Wer wo untergekommen war, wurde bis dahin von allen noch geheim gehalten. Wie es weitergehen könnte, wusste bis dahin auch niemand.

Wir erfuhren natürlich auch von der neuen Initiative und deren Grenzen für Lüdde-Neurath. Sie eröffnete aber für uns eine unerwartete Möglichkeit. In der ehemaligen DDR-Botschaft befanden sich unter den »Gästen« auch zwei Personen, die auf Lüdde-Neuraths Liste standen. Es handelte sich um Jose Miquel Varas, Chef des Radio-Senders »Magallanes«, und Vladimir Chaves, Gouverneur der Bergarbeiterregion Rancagua. Beide waren Mitglieder der verbotenen KP.

Unsere Kontakte signalisierten uns, dass beide von Lüdde-Neurath aufgenommen werden würden. Danach schleusten wir sie unauffällig nacheinander in die Residenz des Botschafters. Vorher mussten sie uns versprechen, über ihren bisherigen Aufenthalt keinerlei Angaben zu machen. Das Versprechen hielten sie auch.

So erhielt der BRD-Botschafter von uns zwei vorzeigbare »Asylierte« und rettete somit seine Ehre.

Daneben nutzten die Fluchthelfer die Erwartung des Botschafters, eventuell auch den damals meist Gesuchten, Carlos Altamirano, als »Gast« aufnehmen zu können und schleusten mehrere Gruppen junger UP-Aktivisten in seine Residenz. Ihm selbst blieb keine andere Wahl, als in ein renommiertes Hotel umzuziehen.

 

 

Je 14 Personenschützer aus Ost und West in Güstrow

 

Von Wilfried Schubert

 

Von 1981 bis 1989 war ich als 1. bzw. 2. Kreissekretär der SED auch Vorsitzender bzw. Stellvertreter des Vorsitzenden der Kreiseinsatzleitung in Güstrow. In dieser Funktion arbeitete ich mit den Genossen der Kreisdienststelle des MfS zusammen. Das Zusammenwirken war konstruktiv und parteilich, was Wunder: Wir waren in einer Partei, verstanden uns gut und respektierten uns wechselseitig. Im Mittelpunkt unserer Arbeit standen Wohl und Wehe der im Kreis Güstrow lebenden Menschen. Für uns galten – wie für alle Mitglieder der Partei – Programm, Statut und Beschlüsse der SED.

Zu unserem Einzugsbereich gehörte Laage, wo in den 80er Jahren der modernste Militärflughafen des Warschauer Vertrages entstand. Daher waren im Kreisgebiet Einheiten der NVA und der sowjetischen Streitkräfte stationiert – ab 1984 u. a. das Jagdbombenfliegergeschwader 77 und das Marinefliegergeschwader 28 der Luftstreitkräfte der DDR. Gemeinsam mit dem Leiter der Kreisdienststelle berieten wir regelmäßig die sicherheitspolitische Lage und trafen Festlegungen. Unsere Beziehungen waren auch persönlicher Natur. Zudem gehörte der Genosse der Kreisleitung der Partei an. Ebenso enge Beziehungen bestanden zwischen dem für Sicherheitsfragen zuständigen Mitarbeiter der SED-Kreisleitung und der KD des MfS.

In der Kreiseinsatzleitung schätzten wir regelmäßig bestimmte Schwerpunkte ein, etwa die sicherheitspolitische Situation oder die Kriminalitätsentwicklung im Kreis, die Nachwuchsgewinnung für die bewaffneten Organe, die Auffüllung der Kampfgruppen und deren politischer Zustand sowie die Realisierung von Anforderungen der Landesverteidigung. Zur Qualifizierung unserer Tätigkeit – zu der auch die Übernahme von Leitungsaufgaben im Not- und Katastrophenfalle gehörte – erfolgten regelmäßige Überprüfungen. Daran nahmen auch Vertreter der Bezirkseinsatzleitung teil. Manche Übung, das will ich nicht verschweigen, war realitätsfern, etwa Handlungen unter Kernwaffenschlägen des Gegners und die Organisation des Partisanenkampfes. Dabei wusste jeder, dass es in einem möglichen Krieg kein Hinterland geben würde. Das waren Erfahrungen des Großen Vaterländischen Krieges, die längst nicht mehr galten. Außerdem, so sagten wir uns, besteht der Kampfauftrag unserer Streitkräfte darin, den Frieden zu sichern. Müssten sie jemals im Ernstfall ausrücken – das war die Logik –, hätten sie diesen Auftrag bereits verwirkt, also nicht erfüllt. Die NVA hat ihren Auftrag ehrenvoll erfüllt. Sie ist die einzige deutsche Armee, die nie in den Krieg zog! Und das war nicht allein das Verdienst der Volksarmee oder der sowjetischen Streitkräfte, sondern aller, die an der sozialis­tischen Friedens- und Sicherheitspolitik aktiv beteiligt waren, im Kreis Güstrow beispielsweise die Kreiseinsatzleitung einschließlich der Kreisdienststelle des MfS.

Das vermutlich wichtigste Ereignis in jenem Jahrzehnt für uns war der Besuch von Erich Honecker und Helmut Schmidt am 13. Dezember 1981 in Güstrow. Der Bundeskanzler hatte sich mit dem Staatsratsvorsitzenden in der Schorfheide getroffen und wollte auf der Rückreise die Barlach-Stadt sehen: Schmidt verehrte den von den Nazis verfemten und von der DDR geschätzten expressiven Künstler, der hier von 1910 bis zu seinem Tod 1938 gelebt und gearbeitet hatte. Das deutsch-deutsche Gipfeltreffen auf DDR-Territorium war insofern bedeutend, als es nach dem NATO-Raketenbeschluss erfolgte, der nicht nur eine neue Runde des Wettrüstens einleitete, sondern auch dazu führte, dass die Sowjetunion demonstrativ alle Abrüstungsverhandlungen verließ. Honecker hingegen setzte auf den Dialog und engagierte sich für eine »Koalition der Vernunft«. Er folgte der Überlegung: Wer redet, schießt nicht! Honecker fühlte sich dem Schwur der Antifaschisten verpflichtet: Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen! All diese Überlegungen hatten dazu geführt, selbst mit einem Initiator des gefährlichen NATO-Beschlusses wie Schmidt das Gespräch zu führen.

Es hatte schon einmal eine Spitzenbegegnung in der DDR gegeben. Zwölf Jahre zuvor traf sich Ministerpräsident Willi Stoph mit Bundeskanzler Willy Brandt in Erfurt. Dort erfolgte vor dem Hotel »Erfurter Hof« eine Kundgebung, die nicht vorgesehen war. Die Absperrungen waren durchbrochen worden, und die Menge hatte skandiert: »Willy Brandt ans Fenster Der Bejubelte war sich dieser für die DDR beschämenden Demonstration bewusst und klug genug, sie nicht noch zu forcieren. Er zeigte sich kurz, hob die Hand und verschwand. Das sollte sich in Güstrow nicht wiederholen.

Der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung fuhr zur Kur. Ob planmäßig oder kurzfristig, weiß ich heute nicht mehr. Lediglich, dass mir die Aufgabe übertragen wurde, für den Generalsekretär ein Heimspiel zu organisieren. Für die Protokollstrecke wählten Partei-, FDJ- und Betriebskollektive vertrauensvolle Personen aus. Diese betrachteten die ihnen zugedachte Aufgabe als Auszeichnung – niemand musste dazu gezwungen werden.

Vor dem Besuch erschienen Beamte der Sicherungsgruppe Bonn, die zum Bundeskriminalamt gehörten und für die Sicherheit des Bundeskanzlers zuständig waren. Ich erinnere mich eines Herrn Wolf, der sich besorgt bei mir nicht nur einmal erkundigte: »Herr Schubert, wie wollen Sie in den engen Straßen von Güstrow den Schutz des Herrn Bundeskanzlers garantieren  Nun, wir garantierten!

Beim Spaziergang durch den Ort mit den 38.000 Einwohnern bildeten schließlich vierzehn Personenschützer aus Ost und West, also von MfS und BKA, einen Ring um Schmidt und Honecker. Sie hatten Schwerstarbeit zu leisten. Die Güstrower pfiffen auf die Vorgaben und drängten in die Nähe der beiden. Die Personenschützer hakten sich unter und bildeten einen Schutzwall, der den beiden Politikern ein Weitergehen ermöglichte. Das Bad in der Menge überstanden beide, uns fiel ein Stein vom Herzen.

Die Westmedien behaupteten anschließend, dass fast 14.000 Mitarbeiter des MfS und mehr als 21.000 Volkspolizisten – also über 35.000 Mann – im Einsatz gewesen seien (wer hatte die gezählt?), und dass die Güstrower gezwungen gewesen waren, in ihren Häusern zu bleiben. Die Zahlen kann und will ich weder bestätigen noch dementieren. Mir geht es einzig darum zu erinnern, was durch solche Berichterstattung damals und besonders heute durch denunziatorische Darstellungen völlig verdrängt wird: Dass die DDR durch diese Begegnung einen wichtigen Beitrag zur Friedenssicherung und Stabilität auf dem Kontinent leistete. Und daran hatten die Genossen der Kreisleitung der SED Güstrow und die der Kreisdienststelle des MfS ihren gemeinsamen Anteil. Dafür müssen wir uns nicht schämen.

 

 

Inquisition und Akten

Kirchliche Überprüfungen

 

Von Renate Schönfeld

 

Pfarrerin im Ruhestand, arbeitete 28 Jahre in der Französisch-reformierten Gemeinde in Groß Ziethen. Sie war Mitglied des Friedensrates der DDR, der Nationalen Front und des DFD. Heute ist sie in der DKP und der GRH.

 

Die seit 1990/91 gängigen Überprüfungen von vornehmlich DDR-Bürgern und Kundschaftern westlicher Länder auf eine mögliche Mitarbeit im MfS wurden auch von den Kirchen praktiziert. Gewissermaßen in vorauseilendem Gehorsam wurde auf der Herbstsynode der Kirche Berlin-Brandenburg vom 13. bis 17. November 1991 die »Aufarbeitung der Stasi-Problematik« beschlossen. In dem Vorspruch zu der entsprechenden Drucksache ist zu lesen: »Die 10. Synode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg hat sich auf ihrer 3. Tagung mit der Frage beschäftigt, wie die Verstrickung von kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Hinblick auf die Tätigkeit des Ministeriums für Staatsicherheit der ehemaligen DDR (MfS) aufgearbeitet werden kann. Das geschieht in erster Linie um der Opfer willen, die an den Folgen der Tätigkeit des MfS leiden, aber auch um belasteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Gelegenheit zu geben, sich zu offenbaren bzw. überprüfen zu lassen und sich, wenn möglich, bußfertig mit den Opfern zu versöhnen.«

Es wurde ein Überprüfungsausschuss beschlossen, der berechtigt war, bei der BStU Auskünfte über einzelne Christen einzuholen, »wenn er die Angehörte oder den Angehörten hierauf hingewiesen hat, und bei ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (die) erforderliche Zustimmung erhalten hat

In der Folge wurden entsprechende Fragebögen an die Pfarrämter geschickt.

Ich war während der Synode im Ausschuss »Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung«, in dem die Beschlussvorlage der Drucksache nach eingehender Diskussion per Abstimmung für die Debatte und den Beschluss in der Synode vorbereitet wurde. Da ich in dem Ausschuss die einzige war, die gegen die Drucksache gestimmt hatte, stand mir im Plenum ein Minderheitsvotum zu.

Wie zu erwarten war, gab es eine lange, zum Teil auch kontroverse Debatte. Rosemarie Müller-Streisand hat in den Weißenseer Blättern 5/1991 über diese Synode berichtet. (Im Folgenden beziehe ich mich auch auf ihre Ausführungen, die ich zum Teil wörtlich übernehme.)

Der Berlin-Brandenburgischen Synode lagen außerdem Anträge von zwei Gemeindekirchenräten vor. Der eine betraf die hauptamtlichen Mitarbeiter der Landeskirche, die nach ihrer politischen Vergangenheit – speziell nach einer eventuellen Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst – befragt werden sollten. Ein anderer Gemeindekirchenrat ging weiter, indem er die Untersuchung aller hauptamtlichen kirchlichen Mitarbeiter (vom Bischof bis zum letzten Angestellten) sowie aller Synodalen verlangte. Zur Begründung hieß es, dass es »als besonders verwerflich zu betrachten« sei, wenn kirchliche Mitarbeiter »verschiedentlich sogar durch ihr Wort der ungerechten Sache des bösen Staatswesens den Schein des Guten zu verleihen suchten und dazu auch wiederum Ansehen und Glaubwürdigkeit der Kirche miss­brauchten. Es geht nicht an, dass in der Vergangenheit Kirchensteuersäumige und Jugendweihlinge in die Kirchenzucht genommen wurden, derart schwerwiegende Verfehlungen jedoch ohne Buße bleiben dürften Dazu kommentierte Rosemarie Müller-Streisand: »Der Inquisition verfällt also jeder, der der DDR vielleicht einmal ein gutes Wort gegönnt hat

Keinen Anstoß erregte aber das, was ich wie zufällig von Westberliner Synodalen hörte. Sie schwärmten von den Flüchtlingstunneln, die sie zumindest unterstützt hatten. Eine Erwähnung oder eine Diskussion darüber gab es im Plenum selbstverständlich nicht.

Der Synodaldebatte zum Thema Überprüfung lag außerdem eine Vorlage der Kirchenleitung zugrunde, die sich ihrerseits auf Vorschläge einer Arbeitsgruppe bezog. In den Eingangssätzen der Ausschussvorlage wurde die gewünschte Grundrichtung angezeigt. Da heißt es: »Die Evangelische Kirche war in der DDR intensiven Bemühungen des ehemaligen MfS ausgesetzt, das kirchliche Leben auszuforschen […]. Als einzige größere Organisationen, die in der DDR nicht in das System totaler Steuerung einbezogen waren, boten die Kirchen einen Freiraum, der besonderen Argwohn des MfS erregte

Rosemarie Müller-Streisand zog daraus den Schluss, dass die »DDR-Kirchen […] nicht nur ›Dach‹ politischer Gruppen, sondern zum Teil selbst zielgerichtete politische Kraft« waren.

Ein Synodaler sagte zu dieser politischen Wirksamkeit der Kirche: »Wir hatten das Glück, die Wende führen zu dürfen

Die Weißenseer Blätter haben lange vorher vor dieser Gefahr gewarnt.

Ein Synodaler versuchte auf die tatsächlichen Aufgaben der Kirche aufmerksam zu machen, als er meinte: »Ich dachte bis zum heutigen Tage eigentlich, dass wir in einer Kirche Jesu Christi leben, die andere Maßstäbe hat als die Welt […]. Paulus hat gesagt: Stellt euch nicht dieser Welt gleich. Nun gibt es unter uns Glieder, die wollen die Maßstäbe dieser Welt übernehmen […]. Die Kirche ist nicht der Staat […]. Die Erwartungen einer sogenannten Öffentlichkeit können doch nicht Norm, Regel und Richtschnur für eine seelsorgerliche und theologische Entscheidung sein

Der Antrag, die Drucksache im theologischen Tagungsausschuss zu behandeln, wurde abgelehnt. Die Auseinandersetzung verdichtete sich durch mein Minderheitsvotum. Rosemarie Müller-Streisand hat den Ablauf dieser Debatte protokollarisch genau wiedergegeben.

»Schönfeld: ›Ich habe gegen die Drucksache 171 gestimmt, weil ich sie für ein Übel halte. Die Menschen werden in Gesellschaft und Kirche in Gute und Böse, in Reine und Unreine geteilt. Das gab es in diesem Jahrhundert schon einmal in ähnlicher Schärfe, in der Zeit, in der die deutsche Nation ›Sündenböcke‹ ausgrenzte. Ich denke, dass wir alle wissen, dass es sich damals um die Juden handelte. (Lebhafte Unruhe.) Aus demselben Grunde, aus dem sie jetzt zischen und Einwürfe machen, hat Karl Barth damals die Judenfrage nicht in Barmen aufgenommen. (Etwa ein Drittel der Synode verlässt den Raum.) Ich möchte ein Kirchengesetz betreffend die Rechtsverhältnisse der Geistlichen und Kirchenbeamten vom 6. September 1933 nennen, das auf der Generalsynode der Altpreußischen Union beschlossen wurde. Ich darf zitieren:

›1. als Geistlicher oder Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung darf nur berufen werden, wer die für seine Laufbahn vorgeschriebene Vorbildung besitzt und rückhaltlos für den nationalen Staat und die Deutsche Evangelische Kirche eintritt.

2. Wer nicht arischer Abstammung oder mit einer Person nichtarischer Anstammung verheiratet ist …‹

Reihlen (Präses der Synode): ›Ich unterbreche Sie. Das ist wirklich unangemessen, wie Sie sich artikulieren, und in einer Weise verletzend, dass ich Ihnen das Wort entziehe.‹

Schönfeld: ›Ich lese nur ein Wort …‹

Reihlen: ›Ja. Ja. Man kann die Worte wählen, und man kann sie so wählen, dass sie andere verletzen. Ich bitte Sie, Ihren Beitrag zu unterbrechen.‹

Schönfeld: ›Darf ich meinen vollen Wortlaut zu Protokoll geben?‹

Semper (amtierender Präses während dieser Debatte): ›Sie können das schriftlich geben, aber ich möchte Sie bitten, dass Sie gerade auf den Vorwurf darauf noch mal reagieren, ob Sie das für ein Missverständnis halten oder dabei bleiben, dass Sie diese Stasiangehörigen und Juden in dieser Form miteinander verglichen haben …‹

Schönfeld gibt den Schluss ihres Votums zu Protokoll. Er lautete: ›… darf nicht als Geistlicher und Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung berufen werden. Geistliche und Beamte arischer Abstammung, die mit einer Person nichtarischer Abstammung die Ehe eingehen, sind zu entlassen. Wer als Person nichtarischer Abstammung zu gelten hat, bestimmt sich nach den Vorschriften der Reichsgesetze.‹

Martin Niemöller rief daraufhin zur Gründung des Pfarrernotbundes auf. Die Verpflichtung der Pfarrer gipfelte in folgendem Satz: ›In solcher Verpflichtung bezeuge ich, dass eine Verletzung des Bekenntnisstandes mit der Anwendung des Arierparagraphen im Raum der Kirche Christi geschaffen ist.‹ Heute ist die Stasi-Problematik das Thema, das Menschen bis hinein in die Kirchen und Gemeinden ausgrenzt. Die Überprüfungsausschüsse sind dazu der erste Schritt.

Wenn die angestellten Recherchen nicht zu dem gewünschten Ergebnis führen sollten, z. B. weil die Akten nicht genügend hergeben sollten, wird der nächste Gang eingelegt. Das Stichwort ›Tribunal‹ fiel bereits im Ausschuss. Dass einer Synodalen aus inhaltlichen Gründen […] in der Berlin-Brandenburgischen Kirche das Wort entzogen wurde, ist meines Wissens einmalig

Zum besseren Verständnis: Die Theologische Erklä­rung der Synode von Barmen vom 29. bis 31. Mai 1934 bildete das inhaltliche Fundament der Bekennenden Kirche, die sich entschieden gegen den staatlichen Einfluss und ein entsprechendes Eingreifen in kirchliche Angelegenheiten ausgesprochen hatte.

In seinem Schlusswort zur Synode ging der Präses noch einmal auf den Vorgang ein, als er sagte: »Es gibt Dinge in der Geschichte unseres Landes und in der Geschichte unserer Kirche, da kann man nicht neutral sein. Ich hoffe sehr, dass sich ein solches Ereignis nicht wiederholt

Rosemarie Müller-Streisand kommentierte diesen Teil der Synode sehr persönlich: »Da kann man nicht neutral sein […]. Ich weiß, wovon ich rede. Denn ich selbst bin ›Nichtarier‹ im Sinne der Nürnberger Gesetze. Über zwanzig meiner Angehörigen wurden von den Nazis ermordet, und ich habe jahrelang in einer Wohnung gelebt, die mit dem ›Judenstern‹ gekennzeichnet war. Ich habe genau das erlebt, was man mit den Mitarbeitern des MfS macht: generelle Diffamierung, gesellschaftliche Isolierung, als seien sie aussätzig, und systematisches, planmäßiges Abwürgen ihrer materiellen Existenz.

Meine Familie ist von den Nazis ökonomisch unter das Existenzminimum gedrängt worden, und ich habe Fantasie genug, um mir vorstellen zu können, welche Auswirkung wirtschaftliche Strangulierung und exzessive Berufsverbote heute auf andere haben, von der Sippenhaft in Form der Rentenhalbierung für Waise und Halbwaise noch zu schweigen.

Diese Behandlung erinnert mich erschreckend daran, wie man nach 1933 uns ›Nichtarier‹ behandelte

Nach dieser Debatte erlebte ich in der Mittagspause die Ausgrenzung. Gleich einer Aussätzigen wollte niemand neben mir sitzen. Dafür wurde mir angeboten, mich seelsorgerlich zu begleiten, falls ich Probleme hätte.

Öffentlich wurde ich aufgefordert, mich zu entschuldigen. Der Präses machte es davon abhängig, mir zu anderen Fragen nochmals das Wort zu erteilen.

Der Vorgang in der Synode fand in der Presse gleich am nächsten Tag Beachtung. Auf Seite zwei der Berliner Zeitung stand ein längerer Artikel unter der Überschrift: ›Eklat auf evangelischer Synodaltagung‹.

Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte eine kurze Notiz zu dem »Vorfall« gebracht.

Eine spontane Solidarität erhielt ich als Reaktion auf den Artikel in der Berliner Zeitung von Frau Professor Ingeborg Syllm-Rapoport, die im Frühsommer 2015 im Alter von 102 Jahren ihre Promotion aus dem Jahr 1933 abschließen konnte, nachdem die Nazis ihr dies verweigert hatten.

Sie schrieb: »Ich möchte Ihnen von Herzen Dank sagen für Ihren Mut, mit dem Sie auftraten gegen das Misstrauen, die Rachegefühle und die Unbarmherzigkeit von Menschen – sogar Christen – […] Ich selbst habe als Halbjüdin die Zeiten in Nazideutschland erlebt, die ohnmächtige Rechtlosigkeit bei solchen willkürlichen Überprüfungen, die zum Ziel die psychische und physische Vernichtung von Juden hatten. […]. Die zahllosen Fälle fristloser Entlassungen aufgrund solcher Überprüfungen haben in den letzten Monaten nicht nur ganze Familien in ohnmächtige Verzweiflung getrieben und unschuldige Menschen für immer entehrt, sondern auch für die Deutschen eine neue Gefahr des alten Herrentums heraufbeschworen.

Ich verstehe Sie und Ihren ethischen Warnruf

Im ähnlichen Sinn schrieben mir Professor Friedrich Jung und seine Frau Waltraud sowie Professor Carl Contelle und seine Frau, Dr. Rosa Contelle. Frau Jung wurde durch die Konterrevolution krank, weil sie die Akademie der medizinischen Wissenschaften in Berlin-Buch, an deren Aufbau sie sehr engagiert beteiligt war, nun wieder »abwickeln« musste.

Von Moderamen (es vertritt die Mitglieder die reformierten Gemeinden in der Landeskirche und der Synode) der Reformierten Kirchenkreise, zu denen mein Pfarrsprengel gehörte, wurde mir nahegelegt, mein Synodalamt zurückzugeben. Sie meinten, ich hätte ihnen und mir selbst geschadet. Der Vorsitzende hatte sich bereits während der Synode beeilt, sich von meinen Äußerungen zu distanzieren.

Gauck, damals Leiter der BStU, bezichtigte mich in einem Interview am 22. November 1991 in der Berliner Zeitung auf Seite 3 des »politischen Unverstandes«, bedauerte »diese Entgleisung der Pfarrerin zutiefst« und hoffte, »dass sie ihre Äußerung öffentlich zurücknimmt«. Diesen Passus des Interviews haben der Evangelische Pressedienst (epd) und das Berlin-Brandenburgische Sonntagsblatt wörtlich übernommen.

Auf meine Bitte, mein Votum in der Kirchenzeitung abzudrucken, antwortete mir der Chefredakteur: »Ich bitte um Verständnis, wenn wir den Konflikt über Ihre Äußerungen vor der Synode nicht weiter in die Öffentlichkeit bringen. Nach meinem Verständnis ist Ihnen – sicher unbeabsichtigt – ein Denkfehler unterlaufen, den wir nicht weiter verbreiten sollten

Mein Synodalamt nahm ich bis zum Ende der Legislaturperiode weiterhin wahr.

Den Fragebogen habe ich nicht ausgefüllt und auch nicht an die Mitglieder des Ältestenrates der Gemeinde weitergegeben. Das Minderheitsvotum hat mir die Kirche nie verziehen.

 

 

Zwischenruf

 

Von Fritz Hausmann

 

Jahrgang 1936, Diplom-Industrieökonom, Dr. jur., im MfS/AfNS von 1964 bis 1990; letzter Dienstgrad Oberstleutnant, zuletzt Stellvertretender Abteilungsleiter in der HA XVIII des MfS

 

Im Februar 2015 jährte sich zum 65. Mal der Tag, an dem die Volkskammer der DDR zur Abwehr massiver subversiver Angriffe gegen die junge DDR die Bildung eines Ministeriums für Staatssicherheit mit Geheimdienstbefugnissen beschließen musste. Die Tageszeitung junge Welt veröffentlichte anlässlich dieses Jahrestages ein Gespräch mit Generalleutnant a. D. Wolfgang Schwanitz und Generaloberst a. D. Werner Großmann, den beiden letzten Chefs. Wie nicht anders zu erwarten, fand diese Veröffentlichung unterschiedliche Resonanz. Bei der Veröffentlichung in der jW handelte es sich nicht »um einen Rechtfertigungsversuch für die Arbeit des MfS […], für den man Verständnis haben kann«, wie es in einer Leserzuschrift hieß, sondern die beiden Generale vermittelten historisch belegte Wahrheiten und warfen einen kritischen Blick auf das Wirken des MfS.

In einer anderen Zuschrift wurde festgestellt, dass »das Bespitzeln von Verwandten, Freunden und Kollegen soziale Beziehungen vergiftet hat und dass es eine Tragik sei, dass die DDR zu enthumanisierenden Methoden in der Geheimdienstarbeit Zuflucht nehmen musste«.

Der Verfasser des Leserbriefes kam aber nicht umhin, eine Zwangslage des MfS zu konstatieren. Nähert man sich der Aussage, dass die DDR zu »enthumanisierenden Methoden« in der Geheimdienstarbeit Zuflucht nehmen »musste« linguistisch, findet man folgende Erklärung im Wörterbuch:

• einem (von außen kommenden) Zwang unterliegen, gezwungen sein, etwas zu tun; zwangsläufig notwendig sein, dass etwas Bestimmtes geschieht;

• aufgrund gesellschaftlicher Normen, einer inneren Verpflichtung nicht umhinkönnen, etwas zu tun; verpflichtet sein, sich verpflichtet fühlen, etwas Bestimmtes zu tun.

In welch schier unendlichem Maße durch subversiv gegen die Ostzone/DDR gerichtete Angriffe »soziale Beziehungen vergiftet« wurden und im breiten Maße »zu enthumanisierenden Methoden in der Geheimdienstarbeit Zuflucht« genommen werden musste, einige Fakten.

In den 40er und Anfang der 50er Jahre konnte man mehrfach am Tag im RIAS folgende Meldung hören: »Wir unterbrechen jetzt das offizielle RIAS-Programm für die Sendung ›Von der Zone für die Zone‹

Nach gegen die antifaschistisch-demokratische Entwicklung im Osten ausgerichteten Kommentaren, die zu Ungehorsam, Verweigerung und anderen, die antifaschistische Entwicklung verhindernden Aktivitäten aufriefen, folgte nach einem Pfeifton der sogenannte Spitzelwarndienst. Mit den Ansagen wurden Menschen, die sich für die antifaschistisch-demokratische Entwicklung im Osten einsetzten, als Spitzel des KGB und des MfS denunziert.

Ich erlebte bereits als Kind, aber besonders als Jugendlicher, der seit dem Beitritt zur FDJ in unterschiedlichen Funktionen im Jugendverband aktiv war, welche verheerenden, »enthumanisierenden« Wirkungen solche Hetzsendungen entfalteten. Freunde, Verwandte, ja selbst Arbeitskollegen in der Lehre warnten mich vor dem Umgang mit Leuten, die vom RIAS als »Spitzel« denunziert worden waren. Wie viele mich selbst in diesen Kontext gestellt und jede Verbindung zu mir abgebrochen haben, ist mir nicht mehr erinnerlich.

Eine entscheidende Rolle auch bei diesen gegen die DDR gerichteten Aktivitäten spielte die »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« (KgU). 2015 edierte das Zentrum für Zeithistorische Forschungen Potsdam die Monographie von Enrico Heitzer »Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit –Widerstand und Spionage im kalten Krieg 1948-1959«. Heitzer weist nach, dass die KgU – im wesentlichen vom US-Geheimdienst gesteuert und finanziert – den Auftrag hatte, in der Sowjetischen Besatzungszone/DDR Unruhe und Aufruhr zu stiften und keine antifaschistische bzw. sozialistische Entwicklung zuzulassen.

Wie verbrecherisch und menschenverachtend die Zielstellung war, wird heute, aus der Sicht des zweiten Jahrzehntes des 21. Jahrhunderts, noch klarer als es damals, vor mehr sechzig Jahren, schon war. Das Bestreben der Machthaber in den USA, jede sozialistische Entwicklung weltweit zurückzudrängen und dazu alle möglichen subversiven und militärischen Mittel einzusetzen, ist heute unumkehrbar historisch belegt. Einzig die Existenz und Stärke der Sowjetunion und in den Folgejahren des sozialistischen Lagers hat die USA bis 1990 an der umfassenden Realisierung ihrer Ziele gehindert. Das beinhaltete auch die Vereinbarung zwischen den Supermächten, keinerlei militärische Handlungen gegen die Staaten des jeweiligen Bündnisses zu führen. Wie die Geschichte gezeigt hat, hat dieses Kräftegleichgewicht bis 1990 gut funktioniert.

Welche Aussicht auf Erfolg hatten die Aktivitäten solcher Organisationen wie der KgU, in der Sowjetischen Besatzungszone/DDR einen »Volksaufstand« auszulösen? Und was wären die Konsequenzen gewesen?

Entweder es wäre zu einer militärischen Auseinandersetzung der beiden Supermächte auf deutschem Boden gekommen, mit katastrophalen Folgen für das gesamte deutsche Volk, oder die »Aufständischen« wären nach dem geltenden Recht zur Verantwortung gezogen worden.

Wir wissen: Letzteres ist geschehen.

Bis zur Schließung der Grenze zu Westberlin nutzten Werber westlicher Geheimdienste und anderer subversiv gegen die DDR arbeitende Organisationen, besonders intensiv verwandtschaftliche, freundschaftliche und kollegiale Beziehungen von DDR Bürgern zur Anwerbung für eine gegen die DDR gerichtete Tätigkeit. In Strafprozessen vor Gerichten der DDR sowie in einer Vielzahl von Veröffentlichungen der letzten Jahre ist dies unumstößlich belegt.

Mir ist der Fall eines jungen Mannes in Erinnerung der in der Zentralverwaltung für Statistik der DDR eine Bürolehre angetreten hatte. Im zweiten Lehrjahr wurde er von seiner Ausbilderin, zu der er großes Vertrauen hatte, zu einem Besuch eines französischen Festes nach Westberlin eingeladen. Dort wurde er, nachdem er »zufällig« einen netten Mann kennengelernt hatte, bei einem weiteren Besuch von diesen einem Werber des französischen Geheimdienst zugeführt und von diesem angeworben. Nach dem französischen Geheimdienst und später auch dem englischen Geheimdienst, dem er zwischenzeitlich übergeben worden war, landete er schließlich beim US-Geheimdienst. Dieser verlangte von ihm Informationen über das Transportwesen der DDR, welches er statistisch bearbeitete. Darüber hinaus musste er über alle ihm bekannten Mitarbeiter der Zentralverwaltung sowie alle Bekannten und Verwandten laufend berichten. Wir hatten als zuständige Diensteinheit zur Aufklärung des Informationsumfanges, den die westlichen Geheimdienste über diesen Weg erlangt hatten, keine andere Wahl als alle beruflichen, privaten und familiären Kontakte zu erfassen, um mögliche weitere Anwerbungen zu erkennen.

Schließlich ist unumstritten, dass alle DDR-Bürger, die die DDR illegal verlassen haben, in Aufnahmeheimen registriert wurden. Im Rahmen des sogenannten Aufnahmeverfahrens durchliefen sie Befragungen der Geheimdienste. Interessant ist, dass zunächst der US-Geheimdienst, dann der englische und der französische Geheimdienst Zugriff auf die ehemaligen DDR-Bürger hatten, bevor die Dienste der BRD an der Reihe waren. Bei besonders interessanten Personen erfolgte die Befragung über Tage und Wochen in gesonderten Objekten. Die Eingliederung in die BRD war für alle von der Wohlgefälligkeit der Aussagen abhängig. Ein Schwerpunkt der Befragung waren Informationen zu allen Personen, mit denen in der DDR Kontakte bestanden. Wie hoch mag da der Wahrheitsgehalt vieler Aussagen gewesen sein, wenn es um das zukünftige Lebensniveau der DDR-Flüchtlinge in der BRD ging. Um die Aussagen der DDR-Flüchtlinge besser bearbeiten zu können, wurden sie so gespeichert und zusammengeführt, um sie in Rasterfahndungen nach Personen, Objekten, Verbindungen und auch familiären Beziehungen und Kontakten verwerten zu können.

In meiner Tätigkeit musste ich mich zweimal mit der verstärkten Republikflucht von hochqualifizierten Spezialisten, die in der DDR eine aufwendige und teure berufliche Ausbildung erhalten hatten, beschäftigen. Es handelte sich dabei um Mathematiker/Diplomingenieure, die in EDV-Zentren tätig waren, und Veterinärmediziner aus Großanlagen der Tierzucht. Um Ursachen und Umstände, die zur Republikflucht führten, erkennen zu können und diese zur Vermeidung weiterer Republikfluchten zu beseitigen, haben wir uns gründlich mit den einzelnen Fällen beschäftigt. Unsere Erkenntnisse sagten eindeutig aus, dass es sich immer um, wie man sie heute nennen würde, Wirtschaftsflüchtlinge handelte. Wir haben im Rahmen dieser Arbeit auch deren Weg in der BRD weiterverfolgt und sie nach gegebener Zeit mit eigenen Kräften (IM) kontaktiert. In allen Fällen gab es ein fast gleiches Muster. Ihr illegaler Grenzübertritt war organisiert, ein beruflicher Einstieg in der BRD war vorbereitet. Um diesen aber vollziehen zu können, musste das Aufnahmeverfahren durchlaufen werden. Im Rahmen dieses Aufnahmeverfahrens erfolgten intensive Befragungen durch die Geheimdienste. Schwerpunkte der Befragungen gab es wohl kaum, da die ehemaligen DDR-Bürger zu allem befragt wurden. Besonders ist mir heute noch in Erinnerung, dass die Kenntnisse über die Struktur der im Aufbau befindlichen Datenverarbeitung der DDR von Interesse waren. Bei den Veterinären waren besonders die Seuchenbekämpfung und die Maßnahmen zur Gewährleistung der Tiergesundheit in industriellen Großanlagen von Interesse. Alle wurden aber umfassend zu beruflichen, privaten, sportlichen und familiären Kontakten befragt. In bestimmten Fällen wurden schriftliche Einschätzungen zu den DDR-Bürgern gefordert.

In Publikationen unterschiedlicher Art wird dem MfS immer wieder die »Sammelleidenschaft« bei Personalinformationen vorgeworfen. Wenn man sich die Anzahl der DDR-Flüchtlinge sowie die Zahl der Übersiedler vergegenwärtigt, die durch das Aufnahmeverfahren und damit der Geheimdienst-Befragungen gegangen sind, kann man fast vermuten, dass der Umfang der gesammelten personengebundenen Informationen westlicher Geheimdienste über DDR-Bürger größer war als der, den das MfS zum Erkennen und Abwehr feindlicher, auf die Liquidierung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR gerichteter Angriffe sammeln musste. Es sind keine Maßnahmen bekannt, um die westseitigen Informationsberge den betroffenen ehemaligen DDR-Bürgern zugänglich zu machen.

Um mal einen prominenten Fall anzuführen: Hans Modrow – Abgeordneter der Volkskammer, danach des Deutschen Bundestages und bis 2009 des Europa-Parlaments – wurde auf konkrete Nachfrage vom Bundesinnenminister mit Schreiben vom 13. März 2013 darüber in Kenntnis gesetzt, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz »von 1965 bis 2012 Informationen zu seiner Person erhoben hat«. Im Weiteren stellte sich heraus, dass seit 1946 mindestens 71.500 Ostdeutsche systematisch von westdeutschen Geheimdiensten bespitzelt worden sind. Hans Modrow übrigens schon seit 1958, als er noch Jugendfunktionär in der Berliner FDJ-Bezirksleitung war. Darüber wurde und wird der Mantel des Schweigens gebreitet.

Ich meine, wie DDR-Bürger 1989/90 »ihre Akte« fordern und sie diese mit großem propagandistischen Bohei seit 1992 bei der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen (BStU) auch einsehen können, sollte ihnen das gleiche Recht zugestanden werden bei der Einsicht »ihrer Akte«, die beim Verfassungsschutz und beim BND über sie angelegt wurde. Bekanntlich gilt hierzulande laut Grundgesetz der Gleichheitsgrundsatz.

Und mit dem gleichen millionenteuren Eifer, wie das mit dem MfS geschieht, muss folglich auch das Erbe von Verfassungsschutz und BND aufgearbeitet werden. Wie das geschehen kann, wurde ja erfolgreich in der BStU vorexerziert – man muss also das Fahrrad nicht noch einmal erfinden.

Diese westdeutschen Dienste begannen schon lange vor der Bildung des MfS ihre subversiven Aktivitäten gegen die DDR. Das MfS musste entsprechend dem Beschluss der Volkskammer der DDR darauf reagieren. Bei dieser Sachlage hätte es als ein nachrichtendienstliches Versagen gegolten, hätte das MfS die Tatsachen der gezielten Informationssammlung über Verwandte, Freunde und Kollegen aller den westlichen Geheimdiensten zugänglichen Personen aus der DDR außer Acht gelassen.

Das erfolgreiche Wirken des MfS zur Verhinderung konterrevolutionärer und subversiver Aktivitäten mit dem  Ziel der Beseitigung des Sozialismus hatte für Gesamtdeutschland und Mitteleuropa eine friedenssichernde Wirkung. Darauf können alle, die dazu beigetragen haben, stolz sein.

Der bereits zitierte Leserbriefschreiber meinte, die »Bespitzelung von Verwandten, Freunden und Kollegen« hätten »die sozialen Beziehungen vergiftet«, weshalb sie nicht nur unzulässig, sondern auch schädlich und mithin verdammenswert waren.

Die »sozialen Beziehungen« wurden doch erst dadurch beschädigt, als diese Form der – weltweit üblichen – Nachrichtengewinnung öffentlich gemacht und diejenigen an den Pranger gestellt wurden, die daran beteiligt waren. Die massenweise öffentliche Denunziation als IM, die politisch gewollt war, führt doch erst zu diesem Zustand, der seither – zumeist von Unbeteiligten – beklagt und verurteilt wird. Diese Frage hat sich noch niemand gestellt. Warum wohl? Wo kein Rauch, da kein Feuer …

Etwas anderes ist die grundsätzliche Frage, die aber an alle Geheimdienste zu richten ist – von NSA1 bis BND, von GCHQ2 bis FSB/SWR3, von DGSE4 über Mossad5 bis Guojia Anquan Bu6 –, inwieweit es überhaupt rechtlich und moralisch hinnehmbar ist, in die Privatsphäre von Personen einzudringen?

Mit einer Selbstverständlichkeit wird mit Hilfe der elektronischen Medien spioniert und gespitzelt, nationales und Völkerrecht gelten so wenig wie die Menschenrechte und die Moral, die doch – folgt man den Bekundungen der herrschenden Klasse – das überhaupt Wichtigste auf der Welt sind. Der Mensch heute hat keine privaten Geheimnisse mehr, er ist gläsern und durchschaubar. Darüber empört man sich drei Tage lang, wenn etwa die Bundeskanzlerin vom amerikanischen »Freund« abgehört wird, oder wenn durch Edward Snowden bekannt wird, dass der französische Auslandsgeheimdienst DGSE in Kooperation mit dem britischen Partnerdienst GCHQ die internationale Telekommunikation über die Unterseekabel angezapft hat. Doch alsbald wird zur Tagesordnung übergegangen, und die heißt hierzulande: entschiedene moralische Verurteilung des MfS und seiner Methoden der Nachrichtengewinnung.

Und kaum einer wird sich des grotesken Widerspruchs und der Unverhältnismäßigkeit der Empörung bewusst und prangert diese an!

 

Anmerkungen

 

1   ‑NSA = National Security Agency, Nachrichtendienst der USA, der sich für die weltweite Überwachung und Entschlüsselung elektronischer Kommunikation zuständig fühlt

2   ‑GCHQ = Gouvernment Communications Headquarters, britische Regierungsbehörde (sowohl Nachrichten- als auch Sicherheitsdienst), die sich mit Kryptographie, Verfahren zur Datenübertragung und Fernmeldeaufklärung befasst

3   ‑FSB/SWR ist der Auslands- und Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation

4   ‑DGSE = Direction Générale de la Sécurité Extéieure, französischer Geheimdienst

5   Mossad ist der Geheimdienst Israels

6   ‑Guojia Anquan Bu = Ministerium für Staatssicherheit der Volksrepublik China

 

Dawei, dawei, rabotajet!

 

Von Klaus Emmerich

 

Jahrgang 1936, geboren und aufgewachsen in einer kinderreichen Berliner Arbeiterfamilie, Jurastudium an der Humboldt-Universität, Promotion, Berater der DDR-Delegation in der deutsch-deutschen Grenzkommission in den 70er Jahren. Nach Ableistung der gesetzlichen Wehrpflicht Verfassungsrechtler am Institut für Theorie des Staates und des Rechts der Akademie der Wissenschaften (AdW) der DDR; 1989/90 Sekretär der Arbeitsgruppe »Neue Verfassung der DDR« am Zentralen Runden Tisch in Berlin.

 

Rotarmisten gaben mir als Kind warmes Essen, nachdem die Geschütze verstummt und die Flammen des Krieges erloschen waren. Wir tobten als Kinder durch die Ruinen Berlins und begriffen nur wenig. Aber das Essen, das uns die Russen reichten, nahm uns für sie ein.

Später erklärten mir die gleichen Russen, was DDR bei ihnen heißt: Dawei, dawei, rabotajet. Und das war nicht so falsch: Die Arbeit war ja nicht nur Teil des Begriffs »Arbeiterklasse«, sondern wohl auch im genetischen Code dieses Teil des Volkes angelegt. Ärmel hoch und aus den Ruinen auferstanden, aus den Trümmern wurde ein neuer Staat gebaut, ein Arbeiter- und Bauernstaat. Dawei, dawei rabotajet, und nicht: dawei, dawei streljajet (schießen)!

Ich wurde Teil dieser Klasse, wurde Gussbohrer im Drei-Schicht-System, und zwar deshalb, weil ich mich als Abiturient freiwillig zur Kasernierten Volkspolizei gemeldet hatte. Man musste mich, der ich aus einer proletarischen Familie kam, nicht davon überzeugen, dass man diesen Staat sowohl aufbauen als auch verteidigen musste. Der Nachbar im Westen akzeptierte uns nicht. Das wäre ja noch hingegangen. Aber er wollte die DDR auch weghaben, von Anfang an. Die politische Klasse am Rhein hatte erklärt: Nicht Wiedervereinigung, sondern Befreiung sei das Ziel. Damit war gemeint: Nachdem sie – im Bunde mit den Westmächten – Deutschland erst geteilt hatten, wollten sie nun auch den östlichen Teil in ihre Gewalt bringen. Was sie beschönigend „Befreiung“ nannten. Mit den Begriffen nahmen sie es ohnehin nicht so genau, sie meinten oft das Gegenteil von dem, was sie sagten: Ein Arbeiter, der seine Arbeitskraft verkaufte, der sie gab, hieß komischerweise »Arbeitnehmer«. Und der, der ihm die Leistung nahm, die Arbeit quasi kaufte und dafür bezahlte, war der »Arbeitgeber«.

Und unter »Freiheit« verstanden sie die Freiheit der Ausbeutung und Unterdrückung, der Bevormundung und der Verfolgung. Wer sich etwa die Freiheit nahm, die Wiederbewaffnung abzulehnen oder seine Kinder ins Ferienlager in die DDR zu schicken, fand sich oft vor den Schranken eines Gerichts wieder und bekam damit die realen Grenzen der »Freiheit« gezeigt.  

Ich wollte also gleich nach dem Abitur zur Kasernierten Volkspolizei, doch die Genossen meinten, ich solle erst einmal mich in der Produktion bewähren. Eine Werkshalle in einem VEB sei etwas anderes als eine Turnhalle in einer EOS. So arbeitete ich einige Zeit als Gussbohrer im Drei-Schicht-System und als Packer im Versand. Danach besuchte ich eine Offiziersschule der inzwischen gegründeten Nationalen Volksarmee, wohl wissend, was ich da verteidigen sollte, wenn es Spitz auf Knopf stehen würde.

Aus dieser Zeit ist mir erinnerlich die »Aktion Blitz« am 13. Oktober 1957, einem Sonntag. Zwischen 12 und 22 Uhr mussten alle DDR-Bürger ihr Bargeld abgeben, dafür erhielten sie neue Banknoten. Ausgezahlt wurden je Person 300 Mark. Höhere Beträge wurden gutgeschrieben, aber auf »spekulative Herkunft« überprüft. Ich stand mit einer Maschinenpistole vor einer Sparkasse und sicherte den reibungslosen Ablauf des Geldumtauschs, der sich gegen »Spekulanten, Agentenorganisationen, Kapitalistenkreise und westdeutsche Banken« richtete, die sich »zum Schaden der Werktätigen bereichert« hatten. Fortan hielten Banken und Wechselstuben im Westen ihre Ostmark-Bestände niedrig, im Falle einer Wiederholung wollten sie den Verlust ihrer mit Schwindelkurs eingenommenen Beträge überschaubar halten.

Am 13. August 1961 war damit endgültig Schluss. Ich diente inzwischen in einem Pionierregiment, das in die weitläufigen Planungen bei den Grenzsicherungsmaßnahmen eingebunden war. Das erfuhren wir jedoch erst danach, als alles gelaufen war. Konspiration war damals fast alles.

Zwölf Jahre später, 1973: Nach Abschluss des Grundlagenvertrages zwischen der DDR und der BRD nahm die deutsch-deutsche Grenzkommission ihrer Arbeit auf. Wir begannen oben in Lübeck, exakt den Verlauf der Grenze zwischen den beiden Staaten – die zugleich auch die Front zwischen NATO und Warschauer Vertrag bedeutete – zu vermessen und zu bestimmen. Im März 1976 konnten wir die Arbeit erfolgreich beenden. Kampfauftrag erfüllt!

Weitere dreizehn Jahre gingen ins Land, als es mit unserem Staat – trotz exakt vermessener Grenze – zu Ende ging. Dagegen stemmten sich jedoch verschiedene gesellschaftliche Kräfte am Zentralen Runden Tisch. Ihnen ging es nicht um die Abschaffung der DDR, sondern um eine andere, bessere DDR. Aus diesem Grunde berief dieses wahrhaft demokratische Gremium eine Kommission, die eine neue Verfassung für eine erneuerte DDR ausarbeiten sollte. Ich war deren Sekretär.

Bekanntlich kam keine neue DDR, wohl aber eine alte Bundesrepublik, nunmehr um die DDR erweitert, zustande. Manche nennen diesen Vorgang auch Okkupation. Das war vermutlich präziser als der Begriff »Wiedervereinigung«. Wer hatte sich da angeblich mit wem wieder vereinigt? Die beiden Staaten waren nie zusammen, sie waren, politisch gesehen, tatsächlich wie Feuer und Wasser. Wir waren das Feuer. Sie die Brühe.

Aus mindestens zwei Gründen war es angezeigt, dem neuen Staat Bundesrepublik Deutschland auch eine neue Verfassung zu geben. Erstens besaß die BRD keine Verfassung (und besitzt bis zur Stunde keine), sondern lediglich ein Grundgesetz. Zweitens sah eben jenes Grundgesetz von 1949 in seinem Artikel 146 vor: »Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.« Mithin: Es bestand eine günstige Gelegenheit, das gesamte deutsche Volk zu befragen – wie man es 1968 in der DDR getan hatte.  Man hätte den vom Zentralen Runden Tisch demokratisch erarbeiteten Verfassungsentwurf öffentlich diskutieren, Ergänzungen und Änderungsvorschläge aufnehmen und am Ende die durch und durch demokratisch zustande gekommene Verfassung annehmen können. Durch den Souverän, das Volk.  

Ist aber nicht geschehen.

Was werden wohl die Gründe gewesen sein?

Danach zeigte mir die neue Macht meine Grenzen: Mein Akademieinstitut, an dem ich als Staats- und Völkerrechtler seit anderthalb Jahrzehnten tätig gewesen war, wurde »abgewickelt«, also geschlossen. Etwa zehntausend Wissenschaftler der AdW verloren gleich mir ihre Arbeit.  Nach einem vierjährigen Intermezzo als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schweriner Landtag verabschiedete ich mich in die Langzeitarbeitslosigkeit. Um die Jahrtausendwende stellte ich den Antrag auf Zulassung als Rechtsanwalt. Weil ich mich in den verflossenen zehn Jahren, so die ausdrückliche Begründung, »wohlverhalten« hatte, wurde dem Ansinnen stattgegeben. Allerdings galt die Zulassung nur für Mecklenburg-Vorpommern. Womit man wieder sah, dass »Wohlverhalten« letztlich doch nichts bringt.   

Und darum, womit ich zum Ausgang zurückkehre, mache ich mein Maul auf, wenn es beispielsweise wieder gegen die Russen geht, die mit ihrem vermeintlichen Oberschurken Putin, die ganze »freie Welt« bedrohen. Wie man sieht, sind wir offenkundig zurückgefallen in Verhältnisse, die vor einem halben Jahrhundert herrschten.

Nichts gelernt?

Wir schon. Und darum müssen wir berichten.

 

 

 

Die Akten des MfS – gefährlich für wen?

 

Von Herbert Kierstein

 

Jahrgang 1938, Diplomjurist, beim MfS/AfNS von 1958 bis 1990, letzter Dienstgrad Oberstleutnant, Untersuchungsführer bei Spionagedelikten gegen die DDR (HA IX/1), zuletzt Stellvertreter des Arbeitsbereichs Koordinierung in der Anleitungs- und Kontrollgruppe der HA IX

 

Ein unbequemer Zeitzeuge? Aus Sicht der heutigen Meinungsmacher bin ich das gewiss. Wer aber hat mich dazu gemacht?

Es dauerte einige Jahre, bis ich die Bilanz meines Lebens in der liquidierten DDR abgeschlossen hatte. Weniger der Inhalt meiner Tätigkeit im MfS, ich war von 1959 bis 1989 Untersuchungsführer und überwiegend mit der Untersuchung von Spionageangriffen westlicher Geheimdienste und von diesen gesteuerter Organisationen gegen die DDR befasst, bereitete mir dabei Schwierigkeiten. Inhalt und Umfang meiner Tätigkeit sowie mein persönliches Handeln waren in den Ermittlungsakten der von mir oder später von mir unterstellten Mitarbeitern bearbeiteten Vorgänge nachprüfbar dokumentiert.

Extrem belastend empfand ich, dass keine Instanz der neuen Machthaber Interesse an einer sachlichen »Aufarbeitung« hatte. Alle Mitarbeiter des MfS, egal ob Koch, Krankenschwester, Kraftfahrer, Wachposten, administrativer oder operativer Mitarbeiter, mittlere oder leitende Kader, wurden als Täter diffamiert. Gegen 100.000 ehemalige inoffizielle und offizielle Mitarbeiter des MfS zogen die Inquisitoren des Herrn Kinkel ins Feld, auch gegen bereits Verstorbene. Vergeblich, brauchbare »Täter« konnten sie trotz Rechtsbeugung im Verlaufe eines Jahrzehnts nicht präsentieren. Trotzdem wurden Ausgrenzung und Kriminalisierung in allen gesellschaftlichen Bereichen fortgesetzt. Selbst beim Arbeitsamt, diese Bezeichnung gab es damals noch, wurde man ohne Begründung davon in Kenntnis gesetzt, selbst bei akademischer Qualifikation, nicht vermittelbar zu sein. Jedoch, auch das gab es: für westdeutsche Konzerne, die auf den osteuropäischen Markt drängten, waren manche offenkundig brauchbar, wenn die persönlichen Voraussetzungen und Bereitschaft vorlagen, in Ländern der ehemaligen Sowjetunion für sie tätig zu werden – mit Gehaltsangeboten zwischen 6.000 und 8.000 DM monatlich, mit Tickets der Ersten Klasse zu reisen und großzügigen Spesensätzen. Allerdings nur solange, bis die betreffenden Unternehmen glaubten, im Lande Fuß gefasst zu haben. Es zeigte sich mehrfach, dass die Geschäfte einbrachen, nachdem billigere inländische Kräfte angeheuert wurden. Aber solche Themen will ich hier nicht vertiefen.

Für mich galt damals sinngemäß der Spruch, den ich erst vor kurzem so gelesen habe: »Ein verlorenes Land trägt man im Herzen

Anteil an meiner Selbstfindung hatte ein ehemaliger US-Spion, der, 1982 enttarnt, zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt und 1985 auf der Glienicker Brücke ausgetauscht worden war. Dr. Hannes Sieberer, ein Österreicher, nahm über seinen ehemaligen Vernehmer, dessen Vorgesetzter ich war, Verbindung zu mir auf. Ab 1995 hatten wir regelmäßigen Kontakt. Er war es, der mir vorschlug, gemeinsam ein Buch zu schreiben, dessen Erstausgabe 2005 unter dem Titel »Verheizt und vergessen – Ein US-Agent und die Spionageabwehr der DDR« erschien. Zu meinen Aussagen in diesem Buch stehe ich unverändert. Im Herbst 2003 besuchten Dr. Sieberer und ich in Vorbereitung auf unser gemeinsames Buch den Ort unserer ersten Begegnung, die U-Haftanstalt Berlin-Hohenschönhausen. Als ehemaliger Mitarbeiter der Abteilung, die für die Bearbeitung von Ermittlungsverfahren gegen Spione zuständig war, fiel mir an den »sachkundigen Schilderungen des Besucherführers« sofort auf, dass es Spione, Saboteure, Schädlinge und Naziverbrecher in dieser zentralen Untersuchungshaftanstalt des MfS offenbar nicht gegeben hatte. Auf Nachfrage wurde mir erklärt, dass es vereinzelte »Schauprozesse« mit angeblichen Spionen gegeben hätte. Ich will das hier nicht weiter ausführen. Was uns dort begegnete, haben Prof. Horst Schneider und Klaus Huhn in ihrem Buch »Das Gruselkabinett des Dr. Hubertus Knabe(lari)« treffend beschrieben.

Im Bewusstsein, dass ich persönlich in die Bearbeitung hunderter Ermittlungsverfahren gegen Spione involviert war und dem Wissen, dass tausende von Ermittlungsverfahren in unseren Archiven existierten, suchte ich Hilfe bei Freunden und Bekannten, um periodisch an Besucherführungen in Berlin-Hohenschönhausen teilzunehmen, den Inhalt der Erklärungen und die Vorführung der Untersuchungshaftanstalt zu analysieren. Dabei bestätigte sich immer wieder, dass die Ausblendung der Ermittlungsverfahren gegen Beschuldigte der genannten Deliktgruppen gewollter Bestandteil der dortigen »Bildungsarbeit« ist. Außerdem wurden und werden den Besuchern auch keine Informationen über Struktur und Aufgabenbereiche der dort existent gewesenen untersuchungsführenden Abteilungen des MfS vermittelt. So konnten auch keine Fragen entstehen, warum etwa die für Spionagefälle zuständige Abteilung auch 1989 noch den stärksten Bestand von Untersuchungsführern hatte.1

Ehemalige Untersuchungsführer vereinigten ihr Wissen und publizierten 2007 unter dem Titel »Heiße Schlachten im Kalten Krieg – Unbekannte Fälle und Fakten« brisante Ermittlungsverfahren gegen Spione, an deren Bearbeitung sie unmittelbar beteiligt waren. Das Spektrum reichte von Kriegsfallfunkern bis zu Wirtschaftsspionen, welche aktiv zur Schädigung der wirtschaftlichen Entwicklung der DDR beitrugen, und dies im Auftrage US-amerikanischer und bundesdeutscher Geheimdienste. Deutliche Hinweise dafür, dass es nicht um sogenannte Spione ging und es sich nicht um Einzelfälle handelte, sondern um Größenordnungen ging – allein bei Spionen um über 5.000.

An diesem Punkt der Erkenntnis angelangt, war es nur logisch, die Praktiken der BStU, als Stasi-Unterlagenbehörde bekannt, welche den Gesamtkomplex aller Akten der durch das U-Organ geführten Ermittlungsverfahren verwaltet, in die Betrachtungen einzubeziehen. Gemeinsam mit Gotthold Schramm, einem langjährigen Mitarbeiter der Aufklärung des MfS, dessen Sachverstand ich im Verlaufe meiner bisherigen publizistischen Aktivitäten schätzen gelernt hatte, wurden die Recherchen zu diesem Thema geführt. Ergebnis war unser gemeinsames Buch »Freischützen des Rechtsstaates. Wem nützen Stasiunterlagen und Gedenkstätten, dessen Erstauflage 2009 erschien. Ich will den Inhalt dieses Buches hier nicht behandeln, es jedoch als umfangreichen Quellennachweis für nachfolgende Aussagen in Anspruch nehmen.

Das MfS hat eine Fülle von Akten hinterlassen, die einer differenzierten Wertung bedürfen und vielfach durch den Begriff »Opferakten« falsch oder nur unzureichend beschrieben werden. Aus aktuellen Gründen verweise ich darauf: Zu den in der BStU verwahrten und nicht für alle Interessierten zugänglichen Aktenüberlieferungen des MfS gehören auch rund 5.000 laufende Meter Archivalien, die ehemalige Nazi-Aktivisten und faschistische Kriegsverbrecher betreffen. Das sind Auskunftsberichte und Dossiers über Nazis in Ost und West, operative und Untersuchungsberichte sowie Gerichtsakten zu von DDR-Gerichten wegen Nazi- und Kriegsverbrechen/Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilte Angeklagte und auch Rechtshilfevorgänge zu im Ausland anhängig gewesene Verfahren.

Eine sechsstellige Zahl von Akten ergeben jene, in denen Ergebnisse sogenannter Sicherheitsüberprüfungen zusammengefasst sind, durch die zu über 98 Prozent den überprüften Personen ihre Loyalität zur DDR bescheinigt wurde, d. h. das MfS erhob keine Einwände gegen den Einsatz in bestimmte Funktionen, gegen Reisen in das westliche Ausland oder die Erteilung von bestimmten Erlaubnissen.

Viele Aktenkilometer resultieren aus der Arbeit administrativer Diensteinheiten des MfS, von den Personalakten der hauptamtlichen Mitarbeiter, Unterlagen der Baufirma des MfS bis zu den nicht verbrauchten Essenmarken der MfS-Kantine.

Ich möchte deshalb nur einige interessante Aktenkategorien näher betrachten:

Erstens die Akten der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) des MfS, die aus Überzeugung bereit waren, ihren Staat vor äußeren und inneren Feinden zu schützen und die wir nicht davor schützen konnten, einer bereits Jahrzehnte andauernden Hexenjagd zum Opfer zu fallen. Über die Anzahl der bisher in den Freitod getriebenen Inoffiziellen Mitarbeiter des MfS gibt es keine offiziellen Statistiken. Was aber bisher darüber veröffentlich wurde, soll die Zahl im hohen vierstelligen Bereich liegen.

Die Gesamtzahl aller IM des MfS betrug 109.281.2 Nicht 199.000, wie in den Medien behauptet. Die Inoffiziellen Mitarbeiter für Sicherheit (IMS) hatten allein einen Anteil von 85 Prozent. Ihre Aufgabe bestand in der Durchsetzung von Ordnung und Sicherheit in ihrem beruflichen oder gesellschaftlichen Tätigkeitsbereich, angefangen bei Themen des Geheimnisschutzes bis hin zu Fragen des Arbeitsschutzes. Ihre quantitative Verteilung auf Diensteinheiten des MfS bietet Ansatzpunkte für Vergleiche mit heutigen Sicherheitsinteressen. Platz 1: die Nationale Volksarmee (Linie I des MfS), Platz 2: die Volkswirtschaft (Linie XVIII des MfS), Platz 3: der Staatsapparat, Blockparteien, Bildung und Wissenschaft, Sport und Kirchen (Linie XX des MfS), Platz 4: Transportwesen (Linie XIX des MfS), Platz 5: Grenz- und Reiseverkehr (Linie VI des MfS) und Platz 6: die Deutsche Volkspolizei (Linie VII des MfS).3

Zweitens die Akten zum Thema »innere Opposition« in der DDR. In Bezug auf dieses Thema und den öffentlichen Umgang mit diesen »Aktenbergen« ist der Tatbestand der Vortäuschung falscher Tatsachen durch die »Aufarbeitungsindustrie« in besonderem Maße zu belegen. Je weniger Substanz gegen die DDR bzw. das MfS existiert, umso lautstärker muss die Propaganda wirken, lautet offenkundig ihre Parole. Für Konsumenten der heutigen Massenmedien dürfte es unvorstellbar sein, dass die Innere Opposition der DDR bei Lichte besehen aus 2.500 aktiven Mitgliedern (3.000 nach Angaben aus kirchlichen Kreisen) bestand und nur 60 von ihnen im besonderen Fokus des MfS standen.4 Davon wurden einige – allerdings immer nur für kurze Zeit – inhaftiert, auf eigenen Wunsch aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen oder zu befristeten Studienreisen in das westliche Ausland »delegiert«.

Drittens Angriffe aus dem Westen. Ein Komplex, welchem der umfangreichste Teil der Aktenbestände des MfS zuzuordnen sein dürfte und der mit den anderen, bereits genannten Schwerpunkten untrennbar verbunden ist. Eine sachliche Aufarbeitung der darin enthaltenen Informationen würde Aktionen und Reaktionen an den Fronten des Kalten Krieges sichtbar machen. Die DDR befand sich an der Trennlinie der Auseinandersetzungen und damit an vorderster Front der Angriffe in Europa.

Ich will hier nicht auf einzelne Vorgänge eingehen, sondern Hinweise darauf geben, welche Erkenntnisse aus dem Aktenbestand insgesamt zu gewinnen wären. Bezogen auf Spionagevorgänge ist – wie schon erwähnt – von mehr als 5.000 auszugehen.

In der Regel begann es mit operativem Vorlaufmaterial zum Handeln und Verhalten einer oder mehrerer Personen, wie sie in sogenannten operativen Personenkontrollen (OPK) erfasst wurden, setzte sich bei weiteren Verdachtsgründen in einem Operativen Vorgang (OV) fort und endete letztlich in einem Ermittlungsverfahren durch das Untersuchungsorgan, der Linie IX des MfS.

In einem Ermittlungsverfahren entstanden so genannte Handakten, in denen alle Maßnahmen des U-Organs zur Aufklärung der Straftat, z. B. Aufträge für kriminaltechnische Expertisen, Sachverständigengutachten, Alibiüberprüfungen, Maßnahmepläne und anderes enthalten sind. Alle Sachbeweise sowie Vernehmungen Beschuldigter und Zeugen, fanden Eingang in die Gerichtsakten, welche Grundlage für gerichtliche Entscheidung bildeten. Nach Abschluss einer Gerichtsverhandlung wurden die Gerichtsakten sowie das Aktenmaterial der Staatsanwaltschaft ebenfalls im Archiv des MfS gelagert.

Das dazu existierende Aktenmaterial enthält unwiderlegbare Beweise, angefangen von sichergestellten nachrichtendienstlichen Hilfsmitteln, bis zu schriftlichen Instruktionen und Aufträgen. Identifizierbar genannt werden in jedem Einzelfall auch Ross und Reiter.

Es ging dabei nicht nur unmittelbar um die westlichen Geheimdienste und die von diesen gesteuerten Organisationen. Beteiligt waren politische Parteien mit ihren Ostbüros, staatliche Behörden und in der BRD ansässige Konzerne mit eigenen Sicherheitsdiensten, deren Tätigkeit in Richtung Osten durch Geheimdienste koordiniert wurde. Beseitigung der DDR und Wiederinbesitznahme der enteigneten Produktionsmittel war ständiges Ziel.

Die im Ergebnis der Tätigkeit der Aufklärung, der Abwehr und des Untersuchungsorgans des MfS gewonnenen Erkenntnisse über Dienststellen, Mitarbeiter und Arbeitsmethoden der Gegner, wurden in gesonderten Objektakten erfasst. Diese sind in den Archiven des MfS nicht mehr auffindbar, also einer sachlichen Aufarbeitung auch zukünftig nicht mehr zugänglich. Warum wohl?

Wie wir heute wissen, gehörten dazu auch die bereits in den 70er Jahren gesammelten Erkenntnisse über Tätigkeit und Ziele der heute täglich zitierten NSA.

Der letzte Leiter der Aufklärung des MfS, Werner Großmann, erklärte dazu in der Tageszeitung junge Welt vom 31.1./1.2.2015, »das die DDR-Aufklärung über ihre Quellen in der BRD schon in den späten 70er Jahren erfahren hatte, dass die Amerikaner ihre Verbündeten systematisch ausspähten. Dabei waren wir  u. a. in den Besitz der National SIGINT Requirements List (NSRL) gelangt, jenes Forderungskataloges des Weißen Hauses an die US-Geheimdienste, was die US-Administration aus den einzelnen Staaten wissen wollte. Nach diesen Listen arbeiten sie noch heute, diese werden alle zwei Jahre aktualisiert. Die von uns dazu besorgten und archivierten Unterlagen wurden am 4. Oktober 1990 – am ersten Tag der staatlichen Einheit – von einem Spezialkommando im Auftrag des damaligen Bundesinnenministers Schäuble aus dem Berliner Archiv konspirativ besorgt und umgehend in die USA ausgeflogen – mit der Jahre später nachgereichten Begründung, dass diese Dokumente unverändert Eigentum der USA seien und darum zurückgegeben werden mussten. In Wahrheit ging es darum, die Spuren zu verwischen, die die Amerikaner bei der Ausspähung ihres Verbündeten hinterlassen hatten. Und dieser half ihnen auch noch dabei

Ein weiterer Grund für den Raub dürfte für die USA darin bestanden haben, ihre Niederlage in der Auseinandersetzung mit dem MfS nicht offenkundig werden zu lassen. Bis zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der DDR ging die CIA davon aus, dass sie noch über vierzehn aktive Agenten auf dem Territorium der DDR verfügt, was an sich nicht als Beleg für ein erfolgreiches Wirken dieses Geheimdienstes in der DDR gewertet werden kann. Mit dem Zugriff auf die Archive des MfS musste die CIA zur Kenntnis nehmen, dass diese vierzehn Agenten ohne Ausnahme Doppelagenten, d. h. vom MfS überworbene und gegen ihre ursprünglichen Auftraggeber eingesetzte IM waren.

Viertens die Haftakten. Diese Akten geben personenbezogenen Aufschluss über die Art und Weise des Haftvollzuges in den U-Haftanstalten des MfS. Nach Angaben der BStU befinden sich allein zur ehemaligen U-Haftanstalt in Berlin-Hohenschönhausen 15.000 solcher Akten in ihrem Archiv.5 Darin sind Unterbringung, Vernehmungszeiten, gewährte Vergünstigungen und Erlaubnisse, Kontakte zur Außenwelt sowie Gesuche oder Beschwerden der Untersuchungsgefangenen enthalten. Vor diesem Hintergrund ließen sich in jedem Einzelfall die Haftbedingungen, insbesondere auch die medizinische Betreuung von Untersuchungshäftlingen sowie permanent behauptete Rechtsverstöße der Mitarbeiter der für den U-Haftvollzug zuständigen Abteilung XIV und der Untersuchungsführer nachprüfen.

Enthalten sind in diesen Akten auch die schriftlichen Bestätigungen über die Kenntnisnahme der zentral gültigen Hausordnung, in welcher konkrete Pflichten, also Verhaltensnormen, aber auch Rechte, wie Beschwerdemöglichkeiten, enthalten war. So z B. im Punkt 1.3., in welchem die Untersuchungshäftlinge über ihre Rechte zur Mitwirkung am gesamten Strafverfahren, der Wahrnehmung ihrer strafprozessualen Rechte, insbesondere das Recht auf Verteidigung und das Einlegen von Beschwerden und Rechtsmitteln, einschließlich des Rechtes, für die Verteidigung notwendige Materialien und gesetzlichen Bestimmungen zur Verfügung zu erhalten, belehrt wurden.

Oder: Punkt 7.1., in dem das uneingeschränkte Recht und die Möglichkeiten der Meldungen zum Untersuchungsführer, Leiter der U-Haftanstalt, Staatsanwalt, Arzt oder Effektenverwalter, geregelt sind.

Ich verweise in diesem Zusammenhang auf das Buch meines ehemaligen Mitstreiters in der Untersuchungsabteilung, Peter Pfütze. Unter dem Titel »Besuchszeit. Westdiplomaten in besonderer Mission« beschreibt er akribisch deren Besuche in der Haftanstalt Hohenschönhausen – und die ihnen gebotenen und von ihnen wahrgenommenen Möglichkeiten zur Betreuung etwa bundesdeutscher Untersuchungshäftlinge, was sie weidlich nutzten.

In vielen öffentlichen Veranstaltungen konnte ich filmreife Gesichter professioneller Zeitzeugen sehen, wenn sie nach ihrer Bereitschaft gefragt wurden, ihre Haftakte offen zu legen oder Einblick in ihre Gerichtsakte zu gewähren. Da würde ersichtlich, welches die tatsächlichen Gründe ihrer Verhaftung und Verurteilung waren. Und das gilt m. E. für jegliche personenbezogene Erklärungen und Wertungen. Warum wird das insgesamt den Auseinandersetzungen um die Wahrheit entzogen?

Oft kam die Gegenfrage, ob ich selbst bereit sei, meine Akten öffentlich zu machen? Mein Hinweis, dass ich in diesem Land als »vogelfrei« gelte und kein Recht auf den Schutz meiner persönlichen Daten habe, löste Erstaunen bis Unglauben aus. Dennoch ist es die Wahrheit.

Abschließend zu diesem Komplex einige grundlegende Bemerkungen zum Thema Haftbedingungen.

Sowohl in der BRD, wie auch in der DDR, hatte in den Anfangsjahren die Beseitigung der Kriegsschäden und -zerstörungen, die Sicherung normaler Lebensbedingungen, allen voran die Schaffung von Wohnraum die absolute Priorität. In beiden Teilen Deutschlands wurden deshalb Altbestände von Haftanstalten genutzt. Bemerkenswert, dass vergleichende Betrachtungen der Entwicklung der Haftbedingungen in beiden deutschen Staaten in der vom herrschenden Zeitgeist bestimmten »Aufarbeitung« keine Rolle spielen. Wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Haftbedingungen bis hin zur Errichtung neuer bzw. umgebauter Haftanstalten begannen in der DDR bereits Mitte der 50er Jahre. Das hier zu dokumentieren würde den Rahmen meines Beitrages sprengen. (Ich verweise auf den Doppelband »Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS«, S. 495ff sowie auf www.mfs-insider.de)

2012 publizierte ich das Buch »Drachentöter – Die Stasi-Gedenkstätten rüsten auf«. An den Recherchen zu diesem Buch war auch ein ehemaliger Untersuchungsführer des MfS aus Halle beteiligt. Er wies mir und anderen den Weg ins Internet, im Speziellen zu YouTube. Ein zunächst schwieriger Weg, weil nicht wenigen meiner Alters- und Berufsgruppe allein schon aus finanziellen Gründen die Möglichkeiten begrenzt sind, die Entwicklung bei der Computertechnik mitzugehen.

Aus den bisherigen Recherchen stand aber eine Fülle von Bildern und Videos, insbesondere aus Berlin-Hohenschönhausen und anderen zu »Gedenkstätten« umfunktionierten ehemaligen U-Haftanstalten des MfS zur Verfügung. Ebenso von Buchvorstellungen und Veranstaltungen verschiedener Organisationen. Daraus und zwischenzeitlich auch aus der Auseinandersetzung mit Themen der Gegenwart entstanden Videos, welche heute auf drei YouTube-Kanälen zu finden sind, die man über ihren Namen direkt auf YouTube oder, als Suchbegriff eingegeben, über jeden Internetbrowser erreicht.6  

Nicht nur auf YouTube, auch auf eigenen Internetseiten kann das Wissen von Zeitzeugen dokumentiert und dem Bewusstsein jüngerer Generationen in einer ihnen angemessenen Form (bewegte Bilder und Ton sind gefragt) zugänglich gemacht werden. Vor allem solcher Zeitzeugen, welche selbst nicht in der Lage sind, Bücher zu schreiben, geschweige denn sich im Internet zu äußern. Es bedarf dazu nur einzelner Personen mit entsprechendem Sachwissen zum Internet und der Bildbearbeitung sowie Themengeber, ohne Computerkenntnisse, für Inhalte und Schwerpunkte, um die Verbreitung der Wahrheit unter allen Altersgruppen um ein Vielfaches zu erweitern. Interaktive Zusammenarbeit zwischen an der Wahrheit interessierten Organisationen, Vereinen und Gruppen würde dieses Potential weiter erhöhen und die Medien der Meinungsmacher in noch größere Schwierigkeiten bringen.

YouTube hat eine sehr intensive Zensur der Beiträge eingerichtet. Das ist an den vielen Schließungen von YouTube-Kanälen, besonders auch im Bereich der politischen Auseinandersetzung, festzustellen. Das wird begründet mit Verstößen gegen die Richtlinien, Urheberrechtsverletzungen oder durch Meldung angeblich Dritter, die ihre Rechte verletzt sahen. Auch hat man keine Chance sich dagegen zu wehren bzw. es ist fast unmöglich, da es einfach durch YouTube nicht vorgesehen ist. Ich habe noch keinen Button gefunden, über den ich mich an YouTube wenden kann um eine Beschwerde über des Management bzw. dessen Tätigkeiten gegen einen angenommenen Kanalbetreiber loszuwerden. Man findet nichts, will man sich wehren.

Auch ist inzwischen der Presse zu entnehmen, dass dieses Thema Gegenstand von internationalem Widerstand mit Rechtsmitteln ist bzw. diese Möglichkeiten energisch eingefordert werden. Ich bin mir sicher, die Betreiber der Kanäle sortieren nach Schlagwörtern im politischen Vokabular bzw. erkennen automatisch allein an untergelegter Musik, wo der Beitrag eingeordnet werden kann. Dann bedarf es nur noch der Entscheidung, ob es »durchgeht«. Und diese Entscheidung ist sicherlich bei den uns interessierenden Kanälen schon einprogrammiert. Aber das ist eine Mutmaßung.

Aus diesem Vorgehen von YouTube ist es deshalb ratsam, sich auf YouTube-Videos mit dem entsprechend eingeblendeten Link zu beziehen. Denn diese sind dann offensichtlich durch die Zensur gekommen und können dann auch nicht als Grund für eine Sperrung eines Videos heran gezogen werden, wenn sie offensichtlich bei YouTube schon laufen.

Unbequeme Zeitzeugen erweisen sich letztlich als Verteidiger der Demokratie.

 

Anmerkungen

 

1   ‑»Doppelte Überwachung – Geheimdienstliche Ermittlungsmethoden in den DDR-Untersuchungshaftanstalten« von Rita Sélitrenny aus dem Jahre 2003

2   ‑Siehe Dokumentation der Abteilung Bildung und Forschung der BStU; Helmut Müller- Enbergs: Inoffizielle Mitarbeiter des MfS; Teil 3 IM-Statistiken 1985-1989, Berlin 2008

3   ‑»Kategorien und Aufgaben von IM des MfS« auf dem YouTube-Kanal »AktenFaktenArgumente«

4   ‑»Innere Opposition« auf dem YouTube-Kanal »AktenFaktenArgumente«

5   BStU, MfS-Handbuch, Teil III/9

6   ‑Die drei YouTube-Kanäle sind: TheMarxisten; AktenFaktenArgumente; AktionUndReaktion

 

 

 

Nachwort

 

 

Alle Beiträge in diesem Buch belegen, dass das Bild, welches die herrschenden Meinungsmacher über das MfS, seine Tätigkeit, seine Mitarbeiter und das Verhältnis der Bürger zu diesem Staatsorgan verbreiten, von der Wirklichkeit weit entfernt ist. Insbesondere wird auch erneut deutlich, was von den Aktivitäten und Produkten der BStU als einer wichtigen Institution im System dieser Meinungsmache zu halten ist. Die BStU »informiert« die Öffentlichkeit seit ihrer Bildung über das »entsetzliche Treiben« und die damit verbundene Hinterlassenschaften der »Stasi«.

Ritualhaft wird eine Zahl von 180 Aktenkilometern genannt, die die Staatssicherheit hinterlassen habe, die sich nunmehr in der »Obhut der BStU« befänden. Diese Zahl hat sich eingebrannt. Politiker und Medien scheinen keine andere zu kennen. Dass sich diese 180 Aktenkilometer zwischenzeitlich auf wundersame Weise um 70 Kilometer reduziert haben, wie aus dem 12. Tätigkeitsbericht 2015 des Bundesbeauftragten hervorgeht, wird weder kommentiert noch erklärt. Dabei wird bewusst verschwiegen, dass selbst nach der Schrumpfung des Aktenbestandes weiter mit vielen Tricks operiert wird, um die Legenden über die Hinterlassenschaft der Staatssicherheit aufrechtzuerhalten. Beispielhaft sei nur auf die Doppelerfassung von auf Mikrofiche enthaltenen Sicherheitskopien von Akten mit den in Papierform vorliegenden Originalakten verwiesen. Weitere »Tricks« könnten und müssten genannt werden.

Also bleibt es beim Verschweigen und bei der Vertuschung durch die BStU-Behörde und selbstverständlich durch die entsprechenden Medien. Diese »Aktenkilometer«-Legenden finden in besonderer Weise ihre Interpretation, wenn es um den tatsächlichen, den eigentlichen Inhalt dieser Hinterlassenschaft des MfS geht. Und somit auch um das, was die Politik, die Medien, die BStU selbst, die bestellten und bestallten »Aufarbeiter«, die Einrichtungen und Vereine der »Aufarbeitungsindustrie« insgesamt daraus machen. In Kurzform ausgedrückt sieht es so aus, dass von Anfang an einer ernst zu nehmenden und damit differenzierten Einschätzung und Klassifizierung des Inhalts und Charakters der von der BStU verwalteten Schriftgutbestände des MfS aus dem Weg gegangen wurde. Dabei ist es bis heute geblieben. Die BStU hüllt sich dazu wohlweislich in Schweigen. Müsste sie doch ansonsten das, worauf sich ihre Existenz begründet und stützt, in Frage stellen. Also bleibt es bei der Grundaussage, bei den Akten des MfS handele es sich schlicht und einfach um »Opferakten«.

Nachdem Pfarrer Gauck 1994 als damaliger Chef der BStU (offenkundig prädestiniert für diese Richtung der »Aufarbeitung«) verkündete, dass die DDR zwar nicht wie das Dritte Reich Berge von Leichen hinterließ, aber im Ergebnis von 40 Jahren »flächendeckender Überwachung von Millionen Menschen« nicht minder »schreckliche Berge von Akten« entstanden, war die grundsätzliche Richtung der »Aufarbeitung« vorgeben. Es kann sich ja dann nur noch um »Opferakten« handeln, die damit gemeint sind. Und bei dieser Interpretation bleibt es bis zum heutigen Tag. Aber weder die Zahlen über die Aktenkilometer, noch die über ihren Inhalt verbreiteten Horrorgeschichten und Legenden entsprechen der Wahrheit.

Dass es für die BStU offenkundig nur »Opferakten« gibt, zeigt sich besonders deutlich in Bezug auf den Umgang mit Unterlagen und Dokumenten über Nazi- und Kriegsverbrechen sowie faschistische Zuchthäuser und KZ, die kommentarlos dem »Opferaktenberg« zugeschlagen werden.

Unterschiedslos werden auch die Unterlagen der ausschließlich administrativ tätig gewesenen Dienstbereiche des MfS als auch die der nicht IM-führenden Diensteinheiten der Öffentlichkeit als »Opferakten« präsentiert.

Das gleiche gilt auch für jene umfangreichen Aktenbestände, in denen das MfS seine Erkenntnisse über westliche Geheimdienste, deren Mitarbeiter und Agenten und deren Wirken gegen die DDR dokumentiert hat. Dieser Aktenbestand wurde nach der Bildung der BStU sofort zum Sperrbereich (!) erklärt. Betretbar nur für vom Verfassungsschutz überprüfte und bestätigte Mitarbeiter der BStU. Während die Öffentlichkeit seit der »Wende« aus den Archiven der BStU ständig mit »sensationellen Enthüllungen« versorgt wird und ganze Heerscharen von Historikern, Politologen und anderen »Forschern« mit staatlicher finanzieller und materieller Unterstützung tausende von Pamphleten über die Arbeit des MfS produzieren, wird man von ihnen über die Tätigkeiten der westlichen Geheimdienste und anderer gegen die DDR wirkender Organisationen und Einrichtungen, wie sie durch das MfS umfangreich dokumentiert wurden, nichts finden.

Auch die »hauseigene Forschung« der BStU macht um dieses Thema einen großen Bogen. Es ist doch mehr als bemerkenswert, dass die Forschungsabteilung der BStU in den vergangenen 25 Jahren zwar eine Vielzahl von »Forschungsprojekten« mit dem Ziel der Verteufelung des MfS auflegte, jedoch nicht ein einziges zu der vorgenannten Problematik. Wo bleibt hier die öffentliche Anprangerung des »unheilvollen Wirkens der Stasi«? Im Gegensatz dazu stehen die Veröffentlichungen der BStU im Hinblick auf die Antragstellung von Bürgern auf persönliche Akteneinsicht in die »Stasi-Unterlagen«.

Mit großem medialen Aufwand wird in regelmäßigen Abständen immer wieder verkündet, dass das Interesse an der Akteneinsicht ungebrochen sei. Als Beleg dafür wurde 2015 die Zahl von »über drei Millionen Bürgeranträgen auf Akteneinsicht« angeführt. Das zeige, die Aufarbeitung der SED-Diktatur sei alles andere als beendet. Es beweise zugleich, so BStU-Chef Jahn, wie hilfreich dabei die Dienstleistungen seiner Behörde seien.

Auch hier geht es der BStU nicht um nachprüfbare Zahlen, um den Wahrheitsgehalt ihrer Angaben. Bei allen diesen Zahlen, mit denen sie in der Öffentlichkeit ihre Mission als »wissenschaftlicher Aufarbeiter« zu belegen versucht, bleibt stets unbeantwortet, wie viele Personen tatsächlich Anträge gestellt haben und wie viele davon im Ergebnis der »schrecklichen Opferaktenberge« in der BStU tatsächlich Einsicht in »ihre Akte genommen«, »ihre Akte gelesen« haben. Seit Bestehen dieser Sonderbehörde hat man dazu nichts Konkretes erfahren. Vielmehr wird mit der Formulierung »Bürgeranträge auf persönliche Akteneinsicht« der Eindruck erweckt, als gäbe es zwischen der Anzahl von Anträgen und der Anzahl der Antragsteller Identität, Übereinstimmung.

Dieser bewussten Täuschung und Verschleierung dienen offenkundig auch die damit verbundenen Erklärungen, wie »Millionen wollten bisher in ihre von der Stasi in vierzig Jahren gesammelten Unterlagen Einsicht nehmen Wir meinen, damit wird versucht, ein Bild zu vermitteln als gäbe es auch millionenfache Akteneinsichten. Aber auch nicht die Anträge insgesamt, sondern nur die Zahl der Erstanträge, also der eigentlichen Antragsteller und auch nur auf diese bezogen, die dann möglicherweise erfolgten »Akteneinsichten« würden der Wahrheit ein Schritt näher kommen. Doch das gehört nicht zum Leitbild der BStU, sondern es geht darum: am ungebrochenen, nicht nachlassenden Interesse an den Stasi-Akten darf nicht gerüttelt werden! Der politische Auftrag, die Stasi-Hysterie immer wieder neu zu befördern, für alle Zeiten am Leben zu erhalten, darf nicht in Frage gestellt werden.

Eine besondere Kostprobe dazu fand sich auch im »Bericht der Bundesregierung zum Stand der Aufarbeitung der SED-Diktatur«, den der damalige Staatsminister für Kultur und Medien, Neumann, im März 2013 dem Deutschen Bundestag vorlegte. In diesem Bericht heißt es: »1,8 Millionen haben bislang ihre Akte gelesen, dass sind 1,8 Millionen Entscheidungen gegen das Schweigen. Zusammen mit Wiederholungsanträgen, Anträgen auf Herausgabe von Kopien und Bekanntgabe von Namen inoffizieller Mitarbeiter wurden insgesamt 2,8 Millionen Anträge bearbeitet

Die Bundeskanzlerin hatte anlässlich ihres Besuches in der BStU im Jahr 2009 zum Ausdruck gebracht, dass die Behörde noch weitere Jahre »ihre Arbeit tun müsse«, denn vielen Menschen habe schon bisher der Blick in ihre Stasi-Akten geholfen, Klarheit über ihr Leben in der DDR zu bekommen. Da erhebt sich doch die Frage: Wie schwer muss es dann den Menschen ergehen, die nicht in ihre Akten eingesehen haben oder nicht einsehen konnten (den »Wunsch« vorausgesetzt), weil es keine Stasi-Akten über sie gab. Woher sollen diese dann wissen, wie sie in der DDR gelebt haben?

Weder die Abgeordneten des Bundestages noch die bei der Stasi-Problematik so beflissenen Medien hinterfragen diese Angaben, diesen richtiger gesagt Unsinn. Sollte das im Neumann-Bericht verkündete zutreffen, dass 1,8 Millionen »Menschen« persönlich »ihre Akte« gelesen haben, dann müsste von den etwa 16 Millionen ehemaligen Bürgern der DDR etwa jeder Neunte – vom Baby bis zum Urgroßvater – »seine Akte« gelesen haben. (Die Antragstellung durch Bürger aus der Alt-BRD, deren Interesse an Akteneinsicht offenbar nicht besonders groß ist, bleibt dabei unberücksichtigt.)

Per 31. Dezember 2014 sind in der BStU nach eigener Verlautbarung 3,05 Millionen Anträge eingegangen, von denen bis dahin drei Millionen erledigt wurden. Die restlichen 50.000 gehören laut Jahn zur »Bugwelle« unerledigter Anträge, die die Behörde vor sich her schiebe. Bei gründlicher Prüfung der insgesamt vorliegenden Veröffentlichungen und zugänglichen Quellen der BStU ergibt sich, dass seit dem 2. Januar 1992, also in 23 Jahren, insgesamt rund 280.000 Personen in der Zentrale oder in einer der Außenstellen der BStU Einsicht in sie betreffende Unterlagen genommen haben. Der Unterschied zu den in der Öffentlichkeit präsentierten 1,8 Millionen dürfte auch dem Letzten einleuchten.

Vielleicht hilft den »Aufarbeitern« auf dem Pfad der Wahrheitsfindung weiter, wenn sie u. a. solche Fragen beantworten, wie viele Antragsteller auf Akteneinsicht »nur« eine Negativauskunft erhalten haben, weil es im MfS nichts über sie gibt, oder über die es im MfS nur eine Karteikarte gab, denen wegen des geringen Umfangs und des einfachen Sachverhalts nur Kopien per Post zugesandt wurden, oder die durch die BStU aus den verschiedenen Gründen Ablehnungsbescheide erhielten bzw. ihre Anträge selbst zurückzogen. Es erhebt sich doch die Frage, wie die BStU mit diesen und anderen vergleichbaren Tatsachen, den entsprechenden Fakten umgeht, um die Öffentlichkeit objektiv zu informieren.

Völlig unbeantwortet bleibt auch – treffender gesagt, verschwiegen wird durch die BStU – was die Antragsteller, die Auskünfte erhielten bzw. die zu den »Aktenlesern« gehörten, tatsächlich an Erkenntnissen über die ihre Person betreffende Tätigkeit des MfS selbst erhielten bzw. mitgeteilt bekamen.

Zur inhaltlichen Seite, dem personen- und sachverhaltsbezogenen Gegenstand der Auskünfte und Akteneinsichten, den Gründen und Ergebnissen des personenbezogenen Wirksamwerdens des MfS gibt es keine Auskünfte. Auch dazu hüllt sich die BStU in Schweigen, würde es doch wesentliche Seiten ihrer Verlautbarungen über die Tätigkeit des MfS, die »flächendeckende Überwachung«, die »Opfer-Aktenberge« usw. usf. ad absurdum führen.

Der BStU geht es demnach nicht um nachprüfbare Zahlen und daraus abzuleitende Fakten und inhaltliche Erkenntnisse, sondern um Propaganda, um »Belege« für die Erfüllung ihres Beitrages zur Delegitimierung der DDR und nicht zuletzt um den Nachweis der eigenen Existenzberechtigung und damit um ihre Zukunft. Dieses Thema gewinnt an Bedeutung, wenn man weiß, dass die BStU eine bis 2019 installierte Sonderbehörde ist.

Im schon erwähnten Beschluss des Bundestages zum so genannten Neumann-Bericht im März 2013 heißt es, »die Anstrengungen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur noch weiter zu verstärken Und deshalb sei »die konsequente und differenzierte Aufarbeitung der Diktatur der SED […] ein zentrales Anliegen der Bundesregierung […]. Die Aufarbeitung bleibe deshalb weiter ein wesentlicher Beitrag zur Gestaltung der inneren Einheit […]. Einen Schlussstrich unter das begangene Unrecht kann und wird es nicht geben«. Im Klartext: Mit Blick auf die nachwachsenden Generationen, die keine eigenen Erfahrungen mit der Zeit der deutschen Teilung besitzen, denen man auch jeden Gedanken einer Alternative zum kapitalistischen System austreiben will, soll die »Erinnerungskultur zur Aufarbeitung des Erbes der SED-Diktatur« eine ständige, fortdauernde, gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein.

Über notwendige veränderte, differenziertere Aufgabenzuschnitte dieser endlosen »Aufarbeitung« sollen zukunftsfähige Strukturen und Kooperationsbeziehungen aller daran Beteiligten im »Geschichtsverbund SED-Unrecht« geschaffen werden. Gegenwärtig zeichnet sich ab, den Blick auf die DDR von der »bisherigen Verengung auf die Staatssicherheit zu befreien«, hin zu einer »deutlicheren Differenzierung«, zur Darstellung der »Anteile verschiedenster Teile der Gesellschaft am Alltag der SED-Diktatur«. An Universitäten werden Forschungs- und Bildungseinrichtungen zur DDR-Geschichte geschaffen (wie z. B. bereits in Jena und Leipzig), um in die Schulbücher zu kommen, um wirksamer die das »SED-Regime« betreffenden Erinnerungs-, Gedenk-, Lehr- und Lernstätten inhaltlich aufzurüsten und das Netz dieser Einrichtungen insgesamt auszubauen. Dazu gehört auch der Ausbau der Internetpräsenz einschließlich der so genannten Zeitzeugenbörse zum effektiveren Einsatz von Opfer-Zeitzeugen.

Die dafür vorgesehenen »strukturellen Veränderungen« sollen aber nicht zu einer Verschlechterung bei der Nutzung der MfS-Akten durch Bürger, durch Forschung, Bildung, Medien und öffentliche Stellen führen. Also Veränderungen ja – aber kein Schlussstrich im Umgang mit den Akten des MfS! Sie bilden – so im Neumann-Bericht hervorgehoben – auch weiterhin eine wichtige Grundlage der Aufarbeitung der SED-Diktatur. Um diesen Prozess nicht dem Selbstlauf zu überlassen, wurde im Bundestag im Juli 2014 auf Antrag der CDU/CSU/SPD und der Grünen eine »Expertenkommission« zur Zukunft der BStU gebildet. Sie soll bis zum Frühjahr 2016 Vorschläge erarbeiten, wie und in welcher Form die aus dem Stasi-Unterlagengesetz resultierenden Aufgaben des Bundesbeauftragten, der BStU langfristig und in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen effizient und sachgerecht fortgeführt werden können.

Es ist sicher keine Fehlvorhersage, dass im Frühjahr 2016 Roland Jahn zum Leiter der BStU bis 2019 ernannt wird. Dafür gebe es sogar eine »Sachzwanglage«, wie aus einschlägigen Kreisen zu hören bzw. zu lesen war. Jahn kenne »das Haus«, die BStU sei »ordentlich geführt«; er sei »engagiert bei der Sache«; im Prozess des Übergangs mache »es Sinn, auf Kontinuität zu setzen«. Wenig Sinn mache es deshalb, für die Transformation der BStU in die neue Strategie einen neuen BStU-Chef zu suchen, was eher neue Probleme mit sich bringe als bestehende zu lösen. Zudem habe die Behörde im In- und Ausland hohen Symbolwert, weil sie »zur gesellschaftlichen Befriedigung und rechtsstaatlichen Aufarbeitung beigetragen« habe. International sei die Behörde Vorbild. Also: kein Schlussstrich unter die Stasi-Hatz! Das MfS soll jedoch gezielter als »SED-Geheimpolizei«, als Teilinstrument der SED-Diktatur ins Feld geführt werden.

Es gibt aber auch aktuelle Entwicklungen und Verlautbarungen in zahlreichen Medien, die zumindest aufhorchen lassen. Offensichtlich finden auf dem gesamten Gebiet der »Aufarbeitung der DDR« erhebliche Grabenkämpfe (u. a. von Eifersucht geprägte Auseinandersetzungen) zwischen den verschiedenen Einrichtungen, Vereinen und organisierten Protagonisten statt. Es geht um viel Geld, um den Besitz und die Nutzung modernster Computer- und Kommunikationstechnik, also um die »Hochrüstung« der gesamten Aufarbeitungsindustrie und deren Einfluss auf die Gesellschaft. Und es geht um Immobilien, wie u. a. im Objekt der ehemaligen Zentrale des MfS in Berlin-Lichtenberg, das zum »Campus der Demokratie« mit Touristeneinrichtungen gemacht werden soll. Eine wichtige Rolle dürfte also spielen, wer die Oberhand «in dem BStU-Aufgabenzuschnitt«, besonders auch bei der »Fürsorge« und »Unterstützung« der »Opfer«-Verbände, einschlägigen Vereine und dergleichen gewinnt. Letztere sind nach wie vor ein unschätzbares Reservoir, wenn es um Lobby, mediale und finanzielle Unterstützung geht.

Und es gibt auch Gegenwind aus den eigenen Reihen. So veröffentlichten Medien in letzter Zeit mehrfach kritische Positionen des ehemaligen BStU-Forschungsdirektors und eines Hauptakteurs am sogenannten Stasi-Unterlagengesetz, Hans-Jörg Geiger. (Er war übrigens nach dem Ausscheiden aus der Behörde Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz sowie des Bundesnachrichtendienstes). Zusammengefasst ergibt sich aus seinen kritischen Verlautbarungen: Das vor wenigen Jahren von Jahn initiierte und danach tatsächlich auch in Gesetzesform normierte Recht zur Akteneinsicht an Kinder und Enkel betreffs ihrer »Vorfahren«, also auch Verstorbener, sei grundgesetzwidrig. Die BStU sei – so Geiger weiter – bezogen auf Persönlichkeitsrechte, einem Kernbereich der persönlichen Lebensgestaltung, »nicht mehr rechtskonform«. Die Befugnisse der BStU seien nicht mehr mit Urteilen des Bundesverfassungsgerichtes und des Europäischen Gerichtshofes vereinbar.

Aber genau darin sieht Herr Jahn die eigentliche Kompetenz der Behörde. Nicht ohne Grund: Die Legitimation der Behörde steht und fällt mit dem Interesse der Menschen an Akteneinsicht und der per Gesetz gewährten Möglichkeiten, sie geltend zu machen. Fällt eines der beiden weg, ist die BStU verloren!

Und der ehemalige Datenschutzbeauftragte Berlins, Hansjürgen Garstka, empfiehlt gar, das gesamte Aktenmaterial der BStU dem öffentlichen Archivgesetz zu unterstellen. Ausschließlich Fachleute sollten die Akten auf historische Relevanz beleuchten. Wörtlich »Personen, bei denen die Kenntnis ihrer Lebensumstände keinen Beitrag zum Verständnis der deutschen Geschichte leisten kann, müssen nicht dulden, Zeit ihres Lebens und darüber hinaus zum Gegenstand der Forschung gemacht zu werden

Dem kann man eigentlich nur zustimmen.

Bei der für 2019 anvisierten Entscheidung über die Zukunft der BStU geht es unerlässlich um eine Richtungsentscheidung darüber, ob nach 30 Jahren Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands eine Propaganda-Institution zur Verteufelung der DDR via MfS-Akten noch eine Berechtigung hat oder ob die Beschäftigung mit der Geschichte der DDR seriösen Historikern überlassen wird.

Die bisher dominierende Praxis, ein nicht der Wahrheit entsprechendes Bild von der DDR zu propagieren, offenkundig angelegt für alle Ewigkeit, zielt im besonderen auf die junge Generation, um sie von jedem Gedanken einer Alternative zum herrschenden kapitalistischen System abzuhalten. Jedoch: Ohne das Begreifen und Erforschen der problembehafteten Vergangenheit beider deutscher Staaten ist unseres Erachtens eine vernünftige Gestaltung der Zukunft nicht denkbar. Deshalb sollten das Streben nach Wahrheit und Objektivität, Unvoreingenommenheit und dialektischem Denken endlich die verordnete Einseitigkeit und Hysterie einer an politischen Vorgaben orientierten Auftragsforschung ersetzen.

Die Geschichte der DDR und der Bundesrepublik Deutschland standen unter den Bedingungen des Kalten Krieges in einem engen Wechselverhältnis. Die geführten Auseinandersetzungen sind nur im Kontext von Aktion und Reaktion beider deutscher Staaten zu erklären. Nicht die Schließung der MfS-Akten, sondern die Öffnung der Geheimakten der BRD und ihrer Geheimdienste (inklusive der nach 1990 als geheim eingestuften MfS-Akten) steht deshalb auf der Tagesordnung.

Artikel 1, Abs. 1 des Grundgesetzes »Die Würde des Menschen ist unantastbar« wird durch die Beschimpfung und Diskriminierung von Mitarbeitern und IM des MfS, ihre Belegung mit dem eigentlich zur Strafverfolgung gehörenden Begriff »Täter« grob verletzt.

Mit der Auflösung der BStU und der Überführung der MfS-Akten in das Bundesarchiv könnten zugleich die Wahrung der Menschenwürde ehemaliger hauptamtlicher und inoffizieller Mitarbeiter des MfS und der rechtsstaatliche Umgang mit ihnen im Sinne des Grundgesetzes geregelt und aktuell noch wirkende Diskriminierungen, wie die Strafrentenpraxis, beendet werden. In diesem Sinne werden wir unseren Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit fortsetzen.

Wir geben keine Ruhe!