Die Abenteuer eines Staatsfeindes der DDR

von Klaus Eichner

Da gibt es nun also auch den Grand Prix der Staatsfeinde der DDR und der Überlebenskünstler Wolfgang Welsch bewirbt sich mit Vehemenz um den ersten Platz in diesem Wettbewerb. Aber spätestens nachdem er mit einigen durchsichtigen Veränderungen eine Planung des MfS über die angebliche Einbeziehung der SWAPO in seine Bearbeitung in eine paramilitärische Operation einer von der HVA ausgebildeten Terroristengruppe mit leichten Maschinenwaffen und Handgranaten auf dem Territorium der BRD umfunktioniert hat, hatte sich Welsch zum Internationalen Staatsfeind gekürt. Eines jedoch kann ihm bestätigt werden: Von der ersten bis zur letzten Seite des Buches stellt er sich als haßerfüllter Feind jedes gesellschaftlichen Fortschritts, der Friedens- und Entspannungspolitik dar. Man kann es getrost als sein politisches Credo betrachten, wenn er schreibt: „Ich habe nie verstanden, warum man die Orte kommunistischen Terrors schleift, während jeder nationalsozialistische Ziegelstein Anlaß für die Errichtung von Gedenkstätten ist.“ (S.424)

 

Dazu kommt, dass er bar jeder historischen Kenntnisse mit geschichtlichen Zusammenhängen jongliert. Es lohnt sich nicht, all die Fehler (Potsdamer Abkommen in Schloß Sanssouci), Ungenauigkeiten und Phantastereien aufzuzählen, die sich quer durch dieses Buch ziehen. Dabei hat Herr Welsch ja im Westen studiert und sogar irgendwo in der englischen Provinz promoviert.

Was uns Welsch hier anbietet, ist der Stoff, aus dem die ZERV und die Sonderstaatsanwaltschaft II unter Herrn Schaefgen ihre Anklagen zimmerten, die dann meist keiner Überprüfung standhielten. Zumindest ist in der Öffentlichkeit kein Gerichtsverfahren bekannt geworden, in denen die „unmenschlichen Vernehmer“, die „Folterer“, die Herrn Welsch gequält hatten, angeklagt worden waren. Obwohl er sich doch selbst an viele Details der Dialoge erinnern kann, in denen er immer der Sieger war. Er dürfte ja wohl als guter Demokrat nach seinem Freikauf in die BRD bei den geheimdienstlichen Befragungen im Aufnahmelager Gießen genauestens Bericht erstattet haben über all das Unheil, das ihm widerfahren war, zudem er ja auch fleißig umfangreiche Kassiber unter diesen strengen Haftbedingungen herausschmuggeln konnte. 

Selbst als Zielobjekt mehrerer angeblicher Mordanschläge des MfS war es ihm lediglich gelungen, in einem Fall ein Gerichtsverfahren zu erreichen. Ein Verfahren, ausschließlich genährt von der hemmungslosen Aussagebereitschaft eines früheren IM des MfS, die diesem aber auch wenig Nutzen, sondern ein Urteil von sechs Jahren und sechs Monaten Freiheitsentzug einbrachten. Etwas kleinlaut musste selbst Welsch eingestehen, dass es über diese Aktivitäten keinerlei Akten gibt. (S.411)

Herr Welsch will jetzt mit seinem Buch nachholen, was den Gerichten der BRD seit 1990 in keinem Fall gelungen ist, nämlich die Aufklärung der DDR als verbrecherische Institution, „an deren Händen Blut klebt“, zu diffamieren. Dabei zeigt er an vielen Stellen ungeheuer beeindruckende Kenntnisse über das Innenleben des MfS, kann Telefongespräche und Dienstberatungen sehr plastisch darstellen - nur stimmt davon kein Detail. Aber das ist bei der absurden, überschäumenden Phantasie des Herrn Welsch, der sich als Filmemacher selbst Fahrzeuge des ZK der SED mit Fahrer jederzeit bestellen konnte, auch nicht verwunderlich.

 

Fazit: Die Abenteuer des Felix Krull sind eine angenehmere Lektüre.

 

Wolfgang Welsch: „Ich war Staatsfeind Nr. 1 - Als Fluchthelfer auf der Todesliste der Stasi“

Eichborn, Frankfurt/Main, 2001

ISBN 3-8218-1676-7; geb., 446 Seiten;