Geheimdienst-Aktionen in Österreich

 

-Drehscheibe mit Schlagseite-

von Klaus Eichner

 

Nun ist selbst in der Literatur ein Wettbewerb entstanden, ob Berlin oder Wien die „Spionagehauptstadt der Welt“ genannt werden darf.

Der österreichische Journalist Kid Möchel legte jetzt seine umfangreichen Rechercheergebnisse über Geheimdienstaktivitäten in Wien bzw. auf dem Territorium Österreichs vor.

Fast alle spektakulären Spionageoperationen des Kalten Krieges tangierten mehr oder weniger intensiv auch Österreich. Das kann Kid Möchel sehr detailliert nachweisen. Manchmal geht dem Leser seine Detailtreue auch etwas weit, wenn man immer wieder lesen muß, in welchem Hotelzimmer ein Agent übernachtet hat, wieviel er an der Bar berappen mußte oder ähnliche banale Details.

Aber der Autor kann seine These von der Spionage - Drehscheibe Wien überzeugend nachweisen. Jedoch hat diese Drehscheibe eine erhebliche Schlagseite, wenn der Autor nur eine Seite der Fronten im Kalten Krieg darstellt. Er beschreibt Operationen der östlichen Geheimdienste - vom KGB über die HVA der DDR bis zu dem neuen Geheimdienst der Slowakei - und muß dabei oft auch auf die Aktivitäten der westlichen Geheimdienste hinweisen, aber in seiner Gliederung fehlen diese völlig. Man sollte ihn ermuntern, bald auch den zweiten Band zu schreiben. Mit seinem Zugang zu den Akten des österreichischen Sicherheitsapparates dürfte ihm das eigentlich nicht schwerfallen.

 

Beim Lesen dieses Buches drängt sich noch eine andere Frage auf. Muß ein Sachbuch über den Kalten Krieg auch heute noch, mehr als sieben Jahre nach dem Ende der Blockonfrontation, in der Sprache des Kalten Krieges geschrieben werden ? In der Wortwahl und in den Wertungen erinnern nicht wenige Passagen des Buches an die Klischees der Propagandawerke beider Seiten des Kalten Krieges. Vielleicht glaubt Kid Möchel auch noch an die Mär von den guten westlichen und den bösen östlichen Geheimdiensten und muß diesen Glauben in sprachliche Wertungen umsetzen. Aber sein Buch beweist andererseits, daß er ein profunder Sachkenner der Materie ist und es eigentlich gar nicht nötig hat, mit  einem solchen Duktus zu argumentieren.

Trotzdem ist das Buch ein gewichtiger Beitrag in der historischen Auseinandersetzung mit den ehemals geheimen Aspekten des Kalten Krieges.

 

 

Möchel, Kid

„Der geheime Krieg der Agenten - Spionagedrehscheibe Wien“

Rasch und Röhring Verlag Hamburg, 1997

geb., 470 S.,

ISBN, 3-89136-614-0