Alles Diebe - außer Deutschland

Geheimdienste im Wirtschaftskrieg

von Klaus Eichner

In „Marktplatz der Diebe“ beschreibt ein Fachjournalist (immerhin hat sich Udo Ulfkotte mit seinem Buch „Verschlußsache BND“ als Kenner der Materie ausgewiesen) in der Manier eines richtigen „blauäugigen Deutschen“ die bizarre Welt der Wirtschaftsspionage. Jeder spioniert gegen jeden und alle gegen Deutschland - nur die braven Deutschen tun so etwas nicht. Die hilflosen deutschen Unternehmen sind nur die wehrlosen Opfer dieses Wirtschaftskrieges. Denkt nun „Klein-Fritzchen“ so oder muß er im Auftrag dieser Unternehmen bzw. des BND so denken ? Immerhin schreibt er über den BND: „Der in der deutschen Öffentlichkeit trotz vielerlei Pannen zu Unrecht mit einem schlechten Ruf behaftete Auslandsgeheimdienst betreibt in westlichen Staaten keine Wirtschaftsspionage. Lediglich im Osten, seinem klassischen Operationsgebiet, sammelt er systematisch Informationen über die Stärken und Schwächen der Wirtschaftssysteme.“ (S. 238) Fast eine Laudatio für den Friedensnobelpreis !

In seinem Literaturverzeichnis hat der Autor mindestens zwei Belege (Erich Schmidt-Eenboom/Jo Angerer: „Die schmutzigen Geschäfte der Wirtschaftsspionage“, Düsseldorf, 1994 und Peter Schweizer: „Diebstahl bei Freunden“, Reinbeck bei Hamburg, 1993) mit detaillierten Fakten über die umfassenden deutschen Aktivitäten in der weltweiten Wirtschaftsspionage und ihren Nutzen für die „Bedarfsträger“ in Regierung und Wirtschaft. Will er oder muß er diese Fakten ignorieren ?

Er zitiert auch den langjährigen Leiter der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft mit den Worten: „Staaten haben auf dem Gebiet der Wirtschaftsspionage Interessen, aber keine Moral“ (S.64). Aber ausgerechnet Deutschland soll nur Moral haben ?

 

Trotz dieser Bewußtseinslücke bietet der Autor dem Leser eine spannende Lektüre, was im Zeitalter der Informationsgesellschaft bereits alles möglich ist beim Eindringen in die Geheimnisse anderer. Das ist der Wissensstand eines fachlich interessierten Journalisten. Was können dann aber die wirklichen Experten der Geheimdienste schon heute beim Datenklau im umfassendsten Sinne ? Welche Möglichkeiten werden sie in einigen Jahren haben ? Udo Ulfkotte stellt ab auf die wirtschaftlichen Interessen. Aber denken wir etwas weiter: Wie gläsern ist heute der einzelne Mensch bei diesen immensen technischen Möglichkeiten für die Geheimdienste ?

 

Es ist dem Autor auch zu widersprechen, dass mit dem Ende des Kalten Krieges sich die Wirtschaftsspionage zu einem „neuen Tummelfeld“ für Agenten entwickelt habe (S.12). In der der Hauptverwaltung A der DDR vorliegenden Zusammenstellung der weltweiten Bedürfnisse der amerikanischen Regierung für die globale Spionage vom Anfang der 80er Jahre (dieses 14 Ordner umfassende Dokument hatte die Bezeichnung „National SIGINT Requirements List“) spielten Aufklärungsinteressen auf dem Gebiet von Wissenschaft, Forschung und Entwicklung sowie die Erfassung der wirtschaftlichen Ressourcen bei Freund und Feind eine dominierende Rolle. Dieses Dokument gehörte zu den inhaltlichen Grundlagen für die Entwicklung des weltweiten Systems ECHELON  der amerikanischen Geheimdienste, welches der Autor ausführlich beschreibt (S.96ff.).

 

Es ist auch sein Verdienst, dass er die Interessenlage kleiner und mittlerer Unternehmen nicht ausspart. Was er zu Beginn des Buches über das Windenegieunternehmen „Enercon“ recherchiert hatte, ist ein klassisches Beispiel der Konkurrenzspionage mit weitreichenden Wirkungen für den Betroffenen.

Natürlich entstehen den ausgespähten Unternehmen und den nationalen Volkswirtschaften Verluste in Milliardenhöhe (es liegen Schätzungen über jährlich 20 Milliarden DM vor), werden Marktanteile „umverteilt“ und damit Arbeitsplätze gefährdet.

Udo Ulfkotte plädiert für mehr Sicherheitsbewußtsein in den Unternehmen, bessere Unterstützung der Firmen durch die Sicherheitsbehörden, mehr High-Tech-Abwehrsysteme. Aber ist das der Ausweg aus dieser Misere ? Mehr Staat, mehr Geheimdienst, mehr Abwehrarbeit ? Und auch effektivere Spionage nach dem alten Motto: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“?

Sollte nicht doch ein Umdenken einsetzen, damit geheimdienstliche Mittel und Methoden zunehmend aus den zwischenstaatlichen Beziehungen verdrängt werden könnten ? Aber das bleibt wohl eine Zukunftsvision, denn alle Seiten haben ihre „Interessen“ und die dulden keine Moral.

In diesem Sinne hätte Udo Ulfkotte doch um einiges kritischer mit diesem internationalen Phänomen des „Wirtschaftskrieges“ umgehen können.

    

Udo Ulfkotte: „Marktplatz der Diebe - Wie die Wirtschaftsspionage deutsche Unternehmen ausplündert und ruiniert“

C. Bertelsmann Verlag, München, 1999, ISBN 3-570-00198-9; geb., 320 S.; 42,90 DM