junge Welt

22.10.2012 / Politisches Buch / Seite 15

Happy-End blieb aus

Bernd Fischer erklrt, wie die Geheimdienste der DDR und der UdSSR zusammengearbeitet haben

Daniel Bratanovic

Der brokratisch-grndliche Furor der deutschen Konterrevolution lie keinen Stein auf dem anderen. Hinter dem Euphemismus Wiedervereinigung verbirgt sich ein Vorgang, der mit den Begriffen Einverleibung und restloser Beseitigung der Staats- und Verwaltungsstrukturen der DDR weitaus angemessener zu beschreiben wre. Da dabei auch deren geheimdienstlicher Apparat unter die Rder geriet, versteht sich von selbst. Vor allem dann, wenn bercksichtigt wird, da fr die Auslandsaufklrung der DDR von der ersten Minute nur ein Hauptoperationsgebiet existierte: die Bundesrepublik Deutschland. Und auf diesem Gebiet war der Auenpolitische Nachrichtendienst bzw. die sptere Hauptverwaltung A im Ministerium fr Staatssicherheit ausgesprochen wirkungsvoll. Das konnte der Gegenseite nicht gefallen.

Die Ttigkeit der HVA behinderte zudem effektiv die Arbeit des US-amerikanischen Geheimdienstes stlich der Elbe. Sie habe es vermocht, bilanziert der CIA-Chefhistoriker Benjamin Fisher, da sich die CIA in der Deutschen Demokratischen Republik, einem neuralgischen Ziel im Kalten Krieg, als taub, stumm und blind erwiesen hat. Eine Erfolgsstory ohne Happy-End.

Der Bruch der Antihitlerkoalition bereits kurze Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs signalisierte den Beginn einer neuen Auseinandersetzung, deren Kennzeichen, Methoden und Mittel andere waren als die des Vlkerschlachtens zwischen 1939 und 1945. Maschinengewehre, Panzer und Jagdflugzeuge wurden ersetzt durch Spionage, Unterwanderung und Abhrgerte - zumindest auf dem europischen Kontinent. Spionagestrukturen etablierten sich in allen vier Besatzungszonen Deutschlands. In der sowjetischen Zone konzentrierte sich die nachrichtendienstliche Ttigkeit zunchst auf das Erkennen, die Entlarvung und Unschdlichmachung von Naziverbrechern. Sehr schnell jedoch muten andere Prioritten gesetzt werden. Nunmehr galt das magebliche Augenmerk der Abwehr von Aktivitten der westlichen Geheimdienste. Die sowjetische Auslandsaufklrung bezog dabei deutsche Krfte in ihre Arbeit ein. Diese Kooperation in der Frhphase des Kalten Krieges bildete den Ausgangspunkt des Aufbaus eigenstndiger geheimdienstlicher Strukturen in der DDR.

Einen ersten Schritt stellte dabei die Grndung eines kleinen Apparates dar, der im Parteivorstand der SED angesiedelt war und deshalb den Namen Parteiaufklrung erhielt. De facto bestand dieser Apparat aus Mitgliedern der westdeutschen KPD. Diese unterwanderten verschiedene linke Kleinstgruppierungen. Im Visier der Parteiaufklrung stand auch der aus dem Exil zurckgekehrte ehemalige KPD-Vorsitzende und KPO-Grnder Heinrich Brandler und das offen antikommunistische Ostbro der SPD. Nachrichtendienstlich interessante Verbindungen konnten zu Funktionren der brgerlichen Parteien und der Gewerkschaften hergestellt werden.

Leider nur kurz ausgefhrt, ist dies einer der interessanteren Aspekte in dem Buch von Bernd Fischer. Der ehemals hochrangige Mitarbeiter in der HVA erhebt die Zusammenarbeit der Auslandsgeheimdienste der DDR und der UdSSR zueinander zum Gegenstand seiner Untersuchung. Der Titel Der Groe Bruder evoziert die Vorstellung einer Ambivalenz dieses Verhltnisses, die indessen nicht besttigt wird. In den 60er, 70er und 80er Jahren, schreibt Fischer, gab es im Verhltnis der fhrenden Gremien und Personen der DDR und der UdSSR groe Schwankungen und vielfltige Irritationen. Bemerkenswert ist, da diese zum Teil recht gravierenden Zerwrfnisse keine direkten (...) Auswirkungen auf die Zusammenarbeit der Dienste fr Auslandsaufklrung der beiden Staaten hatten. Hier habe es eine klare Entwicklung zu einer immer festeren Bindung bei wachsender Qualitt der Kooperation gegeben. Gleichwohl gelangten beide Dienste immer wieder zu unterschiedlichen Einschtzungen. So habe die Auslandsaufklrung der DDR frhzeitig darauf aufmerksam gemacht, da der gyptische Prsident Sadat sich vom prosowjetischen Kurs seines Vorgngers Nasser abwenden werde, whrend die sowjetische Seite davon lange nichts wissen wollte. Abweichende Bewertungen bestanden ebenfalls hinsichtlich der Befreiungsbewegungen in Angola, Mocambique und Simbabwe.

Wie schon im Falle der KPD-Aufklrung htte man sich hier eine sehr viel grndlichere Ausfhrung der Ablufe ebenso sehr gewnscht, wie etwas mehr ber die geglckte Entfhrung eines Verfassungsschutzprsidenten im Jahre 1954 zu erfahren. Zwischen der kurzen Prsentation allgemein bekannter historischer Ereignisse und der Vorstellung verschiedener Behrden samt ihrer Vorgesetzten bleibt die konkrete geheimdienstliche Aktivitt eine Leerstelle. Aber vielleicht ist ihre Darstellung auch nur in der Form der Ruberpistole und der Anekdote mglich.

Bernd Fischer: Der Groe Bruder - Wie die Geheimdienste der DDR und der UdSSR zusammenarbeiteten, edition ost, Berlin 2012, 224 Seiten, 14,95 Euro