Zeitgeistiger Mythos von der Niederschlagung    („Neues Deutschland“ vom 23.06.2015)

                                                         

Zur Bundestagsdebatte zum 17. Juni                  

Die Debatte zum 17. Juni hat einmal mehr gezeigt, dass es im ganzen Parlament offenbar niemanden gibt, der dem zeitgeistigen Mythos vom »durch sowjetische Armee brutal niedergeschlagenen« Aufstand historische Kenntnisse entgegensetzen könnte.                 
Das suggerierte Bild, wonach die friedlichen Demonstranten nach »chinesischer Lösung« zusammengeschossen wurden, ist falsch.                    
Wenigsten eine Ostbeauftragte der Bundes­regierung sollte sich in der Geschichte des Ostens auskennen.

Fakt ist: Die sowjetischen Panzer hatten strengen Befehl, nicht zu schießen. Daran ha­ben sie sich auch gehalten. Das ist den aufgebrachten Demonstranten auch schnell aufgefallen. Eher sind die in den Luken stehenden jungen Panzerfahrer mit Steinen und Latten angegriffen worden, als dass diese Gewalt angewendet hätten. Sicher, allein ihre Präsenz war ein ein­schüchterndes Symbol von Gewalt. Stark genug, um den Aufstand zu unterdrücken. Aber die Einschüchte­rung hatte Grenzen. Auf dem Geraer Holzmarkt z. B. haben Frauen mit Sitzblockaden das Vorrücken der Panzer verhindert. Während des ge­samten Aufstandes ist kein einziger Mensch durch die Gewalt eines Pan­zers ums Leben gekommen. Es soll einen Unfall gegeben haben, bei dem ein Panzer in eine Baugrube ge­rutscht ist und dabei jemanden er­drückt hat. Über die genauen Umstände der 55 Todesopfer des Aufstandes ist erstaunlich wenig bekannt. Scharf­schützen wie auf dem Maidan hat es jedenfalls nicht gegeben.

Historiker, die sich mit dem 17. und 18. Juni befasst haben, verweisen dennoch auf die Gewalt, die Aufstände auf beiden Seiten mit sich bringen. Immerhin sind über 250 Gebäude erstürmt worden, darunter Dienst­stellen der Polizei, der Staatssicherheit und der SED. Aus 12 Gefängnissen wurden 1400 Häftlinge befreit. Diese Aktionen waren oft von Demütigungen und gewaltsamen, bewaff­neten Prügeleien von beiden Seiten begleitet.   

Wer an dieser Darstellung zweifelt, möge einen Faktencheck im Haus des Bundesbeauftragten für die Stasi-Un­terlagen machen. Aus der dortigen Abteilung Forschung habe ich zu­mindest mein Wissen. Leider meldet sich diese Behörde immer nur dann zu Wort, wenn für die Geschichtsschreibung wieder eine emotional aufgeladene Dämonisierung verlangt wird. Es braucht schon einige Hartnäckigkeit, um auch andere Informationen zu bekommen. Bei dem vielen Geld der Steuerzahler, dass in diese Behörde geflossen ist, sollte sie sich aber verpflichtet fühlen, von sich aus mit differenzierten Forschungsergebnissen der medialen und parlamentarischen Einseitigkeit entgegen zu
treten.

Daniela Dahn, Berlin