„junge Welt“, 09.04.2016

Streit um Tod

Vor 35 Jahren starb Matthias Domaschk in der U-Haftanstalt der Bezirksverwaltung des MfS in Gera. Suizid sagten die DDR-Behörden, Mord heißt es in Politik und Medien nach der Wende

Von Robert Allertz

Robert Allertz erinnerte auf diesen Seiten am 27.1.2015 an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee im Januar 1945. Eine umfassende Publikation zum Fall »Domaschk« und dem heutigen Umgang damit ist in Vorbereitung.

Am 12. April 1981 starb in Gera ein junger Mann. Der Leichnam hing an einem Heizungsrohr, um seinen Hals spannte sich eine Schlinge, die aus seinem Hemd gewunden worden war. Die Strangulation hatte zum Tode geführt, befanden die Gerichtsmediziner. Die Umstände deuteten auf einen Suizid.

Wie meist in solchen tragischen Fällen, wenn Menschen unerwartet Hand an sich legen, zweifeln auch hier Angehörige, Freunde und Bekannte an einer derartigen Feststellung. Sie können sich nicht vorstellen, dass jene Person, die ihnen vertraut und lieb war, sie einfach allein gelassen haben soll. Ohne Gruß und Abschied. Und sie wollen es sich auch nicht vorstellen, denn Wahrheit schmerzt. Darum suchen sie nach Fakten, die den eigenen Zweifel an der gegebenen Darstellung nähren, weil sie nicht glauben wollen, dass sich alles genau so zugetragen haben könnte, wie es ihnen mitgeteilt worden ist. Sie suchen »nach der Wahrheit«, weil unterstellt wird, dass sie nur Lügen zu hören bekamen. »Die Wahrheit« ist also die Widerlegung der Feststellung, dass der 23jährige Matthias Domaschk an jenem Apriltag 1981 Selbstmord begangen hat.

Wer war Matthias Domaschk?

Domaschk wurde 1957 in Görlitz geboren. Der Vater gehörte der SED an und arbeitete als Technischer Leiter in einem feinoptischen Betrieb, was auch der Grund war, weshalb die vierköpfige Familie 1970 nach Jena zog. In der Forschungsabteilung von Carl Zeiss fand der Vater eine neue Herausforderung, die Mutter als Pförtnerin und Bibliothekshelferin an der Sektion Theologie der Schiller-Universität einen Job. Es gab den üblichen Vater-Sohn-Konflikt, weshalb der Filius bereits vor dem Abitur aus der elterlichen Wohnung auszog.

Er stieß zur Jungen Gemeinde. Das war insofern nichts Ungewöhnliches, weil überall auf der Welt Menschen in diesem Alter auf der Suche sind und eine tiefe Aversion gegen die ausgetretenen Pfade der Alten haben. Statt staatstreuer FDJ also unorthodoxe Jugendarbeit unter dem Dach der Kirche, denn die Religion war es ganz gewiss nicht, die die jungen Leute – man spricht von bis zu 30 – regelmäßig zusammenführte.

Die sogenannte Kirchenlinie des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) interessierte sich ja auch nicht für Religion und Religionsausübung, sondern nur dafür, ob solche Zusammenkünfte außerhalb der etablierten Strukturen sicherheitspolitische Relevanz hatten und ein politischer Missbrauch von Kirche und Religion im Sinne der Verfassung auszuschließen war, wie es im DDR-Amtsdeutsch hieß. Ganz gewiss wurde die Sicherheit des Staates nicht davon bedroht, ob ein paar Dutzend junger Leute die Köpfe zusammensteckten, ketzerische Reden hielten und Resolutionen verfassten. Doch nicht nur Lenin und Genossen wussten, dass aus dem Funken Flammen werden könnten, weshalb sie programmatisch ihre seinerzeit in Leipzig gedruckte Zeitung Iskra nannten, was bekanntlich »Funke« heißt. Also gab es im MfS eine »Linie 4« in der Hauptabteilung XX, die sich mit dem politischen Missbrauch von Kirche und Religion beschäftigte. Denn auch aus oppositionellen Funken können konterrevolutionäre Flammen schlagen. Darum schauten die MfSler mit den üblichen Mitteln und Methoden auch in Jena nach dem Rechten. Inoffizielle Mitarbeiter (IM) berichteten regelmäßig. Die Kreisdienststelle war auf dem laufenden. So wusste man von Lesungen mit den oppositionellen Schriftstellern Lutz Rathenow und Jürgen Fuchs, auch von Unmutsbekundungen nach der unsinnigen Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann und Reisen nach Prag, die vermutlich nicht nur touristischen Zwecken dienten. Aber das Ganze war harmlos. Domaschk, so bestätigte später ein Mitarbeiter von der Hauptabteilung XX, fiel nicht auf, er war blass, unauffällig. Man hatte ihn »nicht auf dem Schirm«, wie man heute dazu sagt.

Nach Abitur und Facharbeiterprüfung als Feinmechaniker wurde Domaschk im November 1977 zur Nationalen Volksarmee einberufen. Zur »Fahne« musste jeder, in der DDR herrschte Wehrpflicht – auch wenn man Vater einer kleinen Tochter war. Ende 1976 hatte seine damalige Freundin Renate Groß ein Kind bekommen. Nach der Armeezeit wechselte er vom Lehrbetrieb Carl Zeiss ans Zentralinstitut für Mikrobiologie und experimentelle Therapie, eine Forschungseinrichtung der Akademie der Wissenschaften der DDR. Dort wartete er Technik im Schichtdienst.

Am 10. April 1981, an einem Freitagabend, fuhr er mit seinem Kollegen und Freund aus der Jungen Gemeinde, Peter Rösch, und in Begleitung zweier junger Frauen nach Berlin. Rösch war – im Unterschied zu Domaschk – kein unbeschriebenes Blatt in der Kreisdienststelle des MfS in Jena. Röschs Personalie war eine von einer überschaubaren Anzahl sogenannter operativer Vorgänge in der Republik, kurz: »OV Qualle«. Den wenig schmeichelhaften Namen »Qualle« verdankte er, nun ja, seiner beachtlichen Körperfülle und seiner Frisur.

Die vier wurden in Jüterbog von der Transportpolizei aus dem Zug geholt und anderntags, einem Samstag, mit einem Fahrzeug der Geraer Bezirksverwaltung des MfS in die thüringische Bezirksstadt befördert. Danach begann die Befragung der beiden Männer, die Mädchen ließ man laufen. Am Sonntag nachmittag sollten die Männer nach Jena überführt werden. Der »Barkas«, ein Kleintransporter, wartete im Hof der Dienststelle, Rösch war bereits eingestiegen, als der Ruf durch die Korridore hallte: »Einen Arzt, schnell einen Arzt Matthias Domaschk hing an seinem Hemd im Raum 121, einem Besucherzimmer in der Untersuchungshaftanstalt der Bezirksverwaltung des MfS. Trotz intensiver Wiederbelegungsversuche stellte der Anstaltsarzt um 14.30 Uhr den Tod fest. Domaschks Leichnam wurde zur Obduktion an das Institut für gerichtliche Medizin und Kriminalistik der Friedrich-Schiller-Universität in Jena überführt.

Warum kam Domaschk nach Gera?

In Berlin fand an jenem Aprilwochenende der X. Parteitag der SED statt. Solche Veranstaltungen bedeuteten stets Großkampftage für die Republik, insbesondere für die »bewaffneten Organe«. Nichts durfte das Bild einer heilen DDR-Welt trüben, denn aus allen Himmelsrichtungen waren dann Medienvertreter angereist, vor allem aus der Bundesrepublik. Die interessierten sich vorrangig nicht dafür, was vor den Kulissen geredet wurde, sondern dafür, was dahinter geschah. Weil dieses Spiel bekannt war, entwickelten »die Organe« den verständlichen Ehrgeiz, nichts hinter den Kulissen stattfinden zu lassen, was ein schlechtes Bild auf die DDR werfen könnte. Es gab manchen in der Republik, der die Präsenz westlicher Journalisten nutzen wollte, um mit deren Hilfe etwa sein privates Ausreisesüppchen zu kochen. Und wie überall auf der Welt eiferten auch in der DDR die staatsdienenden Sicherheitskräfte darum, besser zu sein, als von ihnen verlangt. Auch bei diesem Parteitag schossen sie wieder übers Ziel hinaus: Jeder, der im Lande sein Gesicht nicht in die gewünschten Falten legte und auch sonst auffällig war – »feindlich-negativ« hieß das –, wurde für diese Tage mit Berlin-Verbot belegt. Manchen nötigte man sogar zur temporären Abgabe seiner Personalpapiere. »Kampfkurs X« lautete die Losung und der Befehl aus Berlin, mit operativen Maßnahmen jegliche Störung zu verhindern.

So kam es, dass Hauptmann Horst Köhler, ein Mitarbeiter der Kirchenlinie des MfS in der Kreisdienststelle Jena, von seinem Vorgesetzten Walter Nowack schwer gerüffelt wurde. Insbesondere er habe nicht verhindert, dass sich Rösch und Domaschk auf dem Jenaer Bahnhof Fahrkarten für den Abendzug in die Hauptstadt hatten kaufen können, lautete die Vorhaltung des zornbebenden Kreisdienststellenleiters, und er forderte eine plausible Rechtfertigung.

Hatten Rösch und Domaschk vor, den Palast der Republik mit den Parteitagsdelegierten in die Luft zu jagen? Dafür gab es so wenige Anhaltspunkte wie für ihre Selbstbekundung, sie hätten die neue Wohnung einer Berliner Freundin einweihen wollen. Dass Domaschk selbst vom MfS als »Terrorist« nicht sonderlich ernst genommen wurde, offenbarte ein der Dienststelle vorliegender Bericht eines inoffiziellen Mitarbeiters. Demzufolge sollte Domaschk erklärt haben, man müsse in der DDR nach italienischem Vorbild »Rote Brigaden« aufziehen. Bekanntlich trieben die Brigate Rosse seit 1970 ihr Unwesen. Doch trotz solcher Bekundung läuteten in der Kreisdienststelle Jena keineswegs die Alarmglocken, das Papier mit dem großmäuligen Gewäsch landete in der Ablage.

In Jüterbog holte die Transportpolizei entsprechend der Aufforderung aus dem Bezirk Gera an jenem 10. April die vier aus dem Zug. Gegen 21 Uhr wurden sie »zugeführt« und das MfS über das Volkspolizeikreisamt Jena darüber informiert. Die beiden jungen Männer verweigerten bei der Befragung die Aussage. Die Mädchen, mit denen sie angeblich zufällig gereist waren, erklärten, sie wollten zu einer Freundin an der Ostsee. Sie durften weiterreisen. Rösch und Domaschk aber sollten nach Gera überführt werden. Das hatten verschiedene Dienststellen der Ministerien des Innern und der Staatssicherheit auf unterschiedlichen Ebenen in den Morgenstunden so entschieden. Ein Fahrzeug der Geraer Bezirksdirektion der Volkspolizei sollte die beiden nach Thüringen holen. Dann aber blieb das Auto mit einer Panne liegen. Man schickte Ersatz. Das ganze Hickhack kann man sich schenken. Gegen 23 Uhr am Samstag trafen Domaschk und Rösch in Gera ein. Dort wurden sie zunächst in der Untersuchungshaftanstalt der Bezirksverwaltung des MfS im Amthordurchgang Nr. 5 festgehalten.

Was geschah in der MfS-U-Haft?

Nach Mitternacht – es war also bereits Sonntag – wurden die beiden separat befragt. Das geschah durch Geraer Mitarbeiter der Abteilung IX, dem Untersuchungsorgan des MfS. Die Befragung zog sich, mit einer Pause zwischendurch, bis sechs Uhr hin. Gegen 23.30 Uhr am Samstagabend war in Gera der Hauptmann Horst Köhler aus Jena eingetroffen. Den hatte sein Vorgesetzter Nowack mit allen Unterlagen, die die Kreisdienststelle Jena über Rösch gesammelt hatte, als Kurier in Marsch gesetzt. Köhler erinnerte sich, dass es darin lediglich einen einzigen IM-Bericht über Domaschk gab, eben jenen mit der Erwähnung der »Roten Brigaden«. Mehr gab es nicht über ihn.

Der Jenenser Bote wurde im Gebäude der Untersuchungshaftanstalt der Bezirksverwaltung schweigend in ein Zimmer in der zweiten Etage gebracht. Dort hieß man ihn warten. Köhler hatte gelernt, keine Fragen zu stellen. Und so las er Zeitung. Die ganze Nacht. Niemand schaute vorbei, er hatte keine Ahnung, was vor der Zimmertür geschah. Er wartete. Am Morgen öffnete sich die Tür. Man brachte Köhler zum amtierenden Chef der Bezirksverwaltung und Stellvertreter Operativ Werner Weigelt. Der eigentliche Leiter, Generalmajor Dieter Lehmann, weilte in Berlin auf dem Parteitag.

Domaschk sei bei der Befragung gesprächsbereit gewesen, sagte der Oberst zu Köhler. »Versuchen Sie mal, ob Sie ihn werben können Von einer Werbung war bis dato nie die Rede gewesen. Köhler sah mit der Abgabe der Unterlagen seine Mission eigentlich als erfüllt an. Doch Widerspruch gab es in diesen Räumen nicht, und wenn Weigelt befahl, hatte man zu gehorchen. Köhler hatte Domaschk noch nie in seinem Leben gesehen, geschweige denn gesprochen, er kannte den schmallippigen 23jährigen mit den langen Haaren nur von Fotos. »Er wartet auf Sie im Chefzimmer von der IX Köhler wurde in einen Raum geführt, wo Domaschk unter Aufsicht wartete. Den Vorschriften nach durften Mitarbeiter der Hauptabteilung IX keine IM-Werbungen vornehmen, das war das Privileg der operativen Einheiten, etwa der XX.

Das Gespräch mit Domaschk, so wird sich Köhler später erinnern, dauerte etwa eine Stunde plus/minus 15 Minuten. Es verlief ruhig und sachlich, »fast freundschaftlich«, wobei er sich nicht sicher war, ob Domaschk damit nicht der eigenen Strategie folgte: Kooperation statt Konfrontation, wohl wissend, wohin der Hase lief. Köhler ließ ihn reden, Domaschk war gesprächig. War er auch übermüdet? Müde ja, aber geistig hellwach, sagte Köhler später. Dann habe man gemeinsam den Text aufgesetzt. Domaschk schrieb, und Köhler meinte, das und das müsse noch mit hinein. Am Ende notierte Domaschk den Decknamen, den er sich selbst gewählt hatte: »Peter Paul«, die Namen der beiden Kirchenväter. Dann verabredeten beide ein Treffen am nächsten Tag. Gegen zwölf Uhr wollte man sich im Volkspolizeikreisamt Jena treffen. Domaschk und Köhler schieden per Handschlag voneinander.

Nach der Verabschiedung brachte Unterleutnant Wolfgang Schaller, wachhabender Schichtleiter der für die U-Haft zuständigen Abteilung XIV, Domaschk in das Besucherzimmer 121, wo er bis zur Abfahrt des Fahrzeuges nach Jena warten sollte. Köhler ging in den Raum, in welchem er die Nacht verbracht hatte. Dort schrieb der Hauptmann seinen Bericht über die erfolgte Werbung, etwa dass der IM erkannt habe, dass er sich im falschen Umfeld bewege und sich korrigieren wolle. Köhler ging darin auch der Frage nach, ob sich Domaschk etwa durch die Umstände eingeschüchtert gefühlt habe, ob psychischer Druck auf ihn ausgeübt worden sei oder aufgrund der durchwachten Nacht er nicht ganz Herr seiner Sinne gewesen sei. Das alles verneinte Köhler in seinem Report. Es handelte sich um eine wissentliche und willentlich freie Entscheidung Domaschks, mit dem MfS zusammenzuarbeiten. Danach gab er Oberst Weigelt, dem amtierenden Chef der Dienststelle, das Papier, für Köhler war die Sache in Gera damit erledigt.

Köhler ging auf den Hof und wartete auf den »Barkas«, der Rösch und Domaschk nach Jena zurückbringen sollte. Als dieser kam, holte er Rösch auftragsgemäß aus dem Haus. Und dann hörte er Schaller rufen: »Schnell einen Arzt Es war kurz nach 14 Uhr. Köhlers Bericht, ein Schlüsseldokument, ist bis heute verschwunden.

Wie ging Staatssicherheit damit um?

Der Tod von Matthias Domaschk wurde im MfS als »Besonderes Vorkommnis« gewertet. Köhler hatte als letzter mit ihm gesprochen, er galt darum in den Augen mancher, wenngleich unausgesprochen, als Verursacher des »Vorkommnisses«. Hatte er ihn vielleicht zu hart »angefasst«, ihn unzulässig unter Druck gesetzt? Der Hauptmann wurde in der Dienststelle von den Kollegen nicht gerade freundlich behandelt. Das ging mehrere Wochen so und blieb auch in Berlin nicht verborgen. Dann erklärte der Minister: »Wenn sich Feinde selber richten, haben Genossen keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen Gut, Domaschk war kein Feind, aber hilfreich war die Botschaft für Köhler durchaus.

Wieder und wieder fragte er sich, ob er etwas falsch gemacht hatte, doch er war sich keiner Schuld bewusst. Warum hatte Domaschk Hand an sich gelegt? War es eine Kurzschlussreak­tion? Fürchtete er die Folgen seiner Verpflichtung? Oder wollte er gar nicht sterben, sondern nur seine Hilflosigkeit zeigen? Die meisten Selbstmörder wollten lediglich auf ihre kritische Situation aufmerksam machen, nicht unbedingt sterben.

Am 16. April fand morgens um acht Uhr die Trauerfeier auf dem Nordfriedhof in Jena statt. Auf Wunsch der Mutter sprach Klaus-Peter Hertzsch, Theologe an der Schiller-Universität, lediglich ein Gebet. Es war nicht die Furcht vor den anwesenden MfS-Mitarbeitern. Nahezu die gesamte Kreisdienststelle war erschienen, um einschreiten zu können, sofern es zu einer politischen Provokation kommen sollte. Sie blieb aus, die Vernunft behielt die Oberhand. Am 26. Juni erfolgte, auch auf Wunsch der Eltern, die Urnenbeisetzung in aller Stille, »ohne öffentlichkeitswirksame Vorkommnisse«.

Am 12. April 1982, nach Jahresfrist, installierte der Bildhauer Michael Blumhagen auf dem Johannisfriedhof eine Plastik. Auf Weisung von Oberstleutnant Horst Jürgen Seidel, Leiter der Abteilung IX in der Bezirksverwaltung Gera, wurde sie entfernt. Diese Entscheidung war so dämlich wie deren Ausführung. Jemand lag mit der Kamera auf der Lauer und dokumentierte die erwartete Denkmalschändung.

Publizistische Verklärung nach 1990

Der Spiegel berichtete 1982 im Heft 26 über das Abräumen der Friedhofsplastik und legte in Ausgabe 7/1983 nach. »Westdeutsche Behörden beschäftigen sich mit dem mysteriösen Tod eines jungen DDR-Kritikers im Untersuchungsgefängnis von Gera«, hieß es dort. »War der schmächtige Domaschk der körperlichen und seelischen Belastung nicht mehr gewachsen und ist kollabiert? Oder vertuscht die Staatssicherheit einen Unglücksfall mit Todesfolge (…) Oberstaatsanwalt Carl Hermann Retemeyer, Leiter der Erfassungsstelle in Salzgitter, »urteilt nach Auswertung verschiedener Aussagen zwar vorsichtig«, so der Spiegel, und zitierte ihn dann mit dem nicht unwichtigen Satz: »Es spricht alles dafür, dass Domaschk Selbstmord begangen hat.« Man wolle aber »weitere Zeugen aufspüren«.

Einige dieser Zeugen lebten inzwischen in Westberlin. In der Ausgabe 16/1983 des Westberliner Stadtmagazins Zitty stand dazu: »Rund 80 Ex-Jenaer« seien mittlerweile abgeschoben worden oder ausgereist, las man, darunter auch Peter Rösch, Michael Blumhagen, Roland Jahn – der spätere »Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen«. Die »Neuberliner« könnten einem »schon leid tun«, hieß es im Text. »Wie kaum jemand sonst werden sie von den Medien durchgehechelt, um der DDR am Zeug zu flicken Das nerve sie. »Sie leben jetzt in Westberlin und haben vollauf damit zu tun, ihren Laufzettel für das Bundesnotaufnahmeverfahren abzuhaken, ihr neues Umfeld zu sondieren Das schien sie derart auszufüllen, dass der Name Matthias Domaschk auf den vier Magazinseiten nicht ein einziges Mal stand, keiner der Interviewpartner erwähnte ihn. »Jena ist auf alle Fälle noch wichtig für mich. Ich fühle mich den Leuten dort verbunden, sorge mich um sie. Aber durch den ganzen Trubel hier verliert man die Nähe«, wurde Roland Jahn zitiert. Er beobachte schon nach drei Wochen, wie »Jena aus dem Kopf herausgedrängt wird«.

Erst nach dem Ende der DDR und der einsetzenden »Stasi-Hysterie« drängte der Fall »Domaschk« wieder ins Gedächtnis zurück. In der Berliner Ruschestraße, am früheren Sitz des Ministeriums, pinselte jemand mit weißer Farbe in meterhohen Lettern: Ihr habt Matthias Domaschk ermordet. Keine Losung. Ein Programm. Fortan erschienen regelmäßig Zeitungsbeiträge, Bücher und TV-Dokumentationen, die diese These untermauerten.

Politische »Aufarbeitung«

Am 13. September 1990 erstattete die Mutter von Domaschks Tochter, die nun verheiratete Renate Ellmenreich, in Erfurt Strafanzeige wegen des Verdachts der Tötung. Das Ermittlungsverfahren wurde am 8. September 1994 mit der Begründung eingestellt, dass eine Fremdeinwirkung nicht nachweisbar sei.

Bereits am 11. Januar 1994 hatte die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) in Berlin neben anderen Personen auch Horst Köhler wegen des »Verdachts der Tötung zum Nachteil von Matthias Domaschk« vorgeladen. Zu seiner schriftlichen Erklärung sagte der Zeuge auf Nachfrage, dass es in seinem ersten und einzigen Gespräch mit Domaschk am 12. April 1981 darum gegangen sei, »Vertrauen aufzubauen. Es war ja so, dass ich von Domaschk späterhin Informationen haben wollte, es mir nichts genutzt hätte, wenn zwischen uns kein Vertrauensverhältnis zustande gekommen wäre. Dies hätte für mich den Wert möglicher Informationen beeinflusst

2001, nachdem die Ermittlungen gegen Köhler wegen einer angeblich vorsätzlichen Tötung nach elf Jahren eingestellt worden waren, wurde Anklage wegen Freiheitsberaubung und Anstiftung zur selben erhoben, denn auch in der DDR durfte niemand länger als 24 Stunden ohne Haftbefehl festgehalten werden. Diese Frist war im Falle von Domaschk und Rösch nachweislich überschritten. Die Exmitarbeiter der Abteilung IX, die dies ursächlich verschuldet hatten, akzeptieren jedoch den angebotenen Deal und den Strafbefehl, Köhler und sein Exchef Herbert Würbach, damals stellvertretender Leiter der Kreisdienststelle Jena, widersprachen. In der öffentlichen Verhandlung wurde Würbach freigesprochen, er war an den fraglichen Tagen nicht im Dienst. Übrig blieb allein Köhler.

Inzwischen versuchte der nun als Journalist tätige Roland Jahn mit mehreren Beiträgen für das TV-Magazin »Kontraste«, Köhler aus dessen Job bei einer Immobilienfirma am Berliner Kurfürstendamm zu treiben. Und 2013 sorgte eine Kampagne hauptstädtischer Medien dafür, dass Köhler auch seine Tätigkeit als Centermanager in der Marheineke-Markthalle in Kreuzberg verlor, die er ungestört und erfolgreich über Jahre ausgeübt hatte. Inzwischen ist er Rentner.

Damit war die Sache jedoch nicht beendet. Wie die Thüringer Allgemeine am 27. Januar 2015 meldete, werde die »rot-rot-grüne« Landesregierung »zweifelhafte Todesfälle aus DDR-Zeiten wieder aufrollen«. Wie aus der Staatskanzlei von Bodo Ramelow (Die Linke) verlautete, gehe es »zunächst um den angeblichen Selbstmord des Bürgerrechtlers Matthias Domaschk 1981 in der Stasihaft in Gera«. Dafür richtete man eine Arbeitsgruppe in der Staatskanzlei ein. Und nach deren Konstituierung kam die »Medieninformation 37/2015« aus der Kanzlei: »Es ist schreiendes Unrecht geschehen«, erklärte Ramelow. »Als Ministerpräsident fühle ich mich in der Pflicht, zur umfassenden Aufklärung beizutragen Im Januar 2015 absolvierte, wie die Thüringer Allgemeine süffisant titelte, der Ministerpräsident einen »Antrittsbesuch« in der Erfurter Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde. Behördenchef Roland Jahn begrüßte Ramelow dort mit der Aufforderung: »Wir hoffen, dass aus dem Versprechen, neue Maßstäbe bei der Aufarbeitung zu setzen, bald Taten werden Man kann also gespannt sein.

Vgl.: Lex Jahn zum Zweiten