Aus "Leipzigs Neue", 4.4.03

 

 

Im Labyrinth der Spionage

 

Moderne und unterhaltsame, aber einseitige Aufarbeitung der Geschichte

der Geheimdienste in einer Ausstellung des Zeitgeschichtlichen Forums

Von Manfred Bols, Leipzig

 

 

Aus einem unsichtbaren Lautsprecher tropfen in eintöniger Folge unaufhörlich Zahlen in  englischer Sprache. Der Sicherheitsbeamte am Eingang der Ausstellung  macht ein mürrisches Gesicht. "Das ist ein Code",  sagt er mißmutig auf meine mitfühlende Frage. Er muß sich das Band den lieben langen Tag anhören. Dann wird es schummrig um mich herum. Schwarze spanische Wände, Nischen, Sackgassen, Zwielicht. Bin ich hier in einer Geisterbahn ?  Nein. Es ist die zur Zeit größte Dunkelkammer Leipzigs, eine Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig über Spionage im geteilten Deutschland unter dem Titel "Duell im Dunkel". Das gespenstische Fluidum ist Absicht. Der Besucher soll sich befangen oder gefangen fühlen, die Atmosphäre sich tief in sein Unterbewußtsein einprägen. Geheimdienste arbeiten im Dunkeln.

 

Ein gewaltiges Schild aus dem Berlin der fünfziger Jahre versperrt mir den Weg: "Sie verlassen den amerikanischen Sektor". Der berüchtigte Spionagetunnel zum Anzapfen von Telefonleitungen der Sowjetarmee wird gezeigt. Im Halbdunkel zwei junge Besucherinnen. Sie flüstern und kichern. Wir kommen ins Gespräch. Es sind Ulli und Corina, Geschichtslehrerinnen aus Leipzig. Ihre Heiterkeit gilt der Tatsache, daß die Sowjets von Anfang an wußten, daß sie abgehört werden und die Sache erst auffliegen ließen, als es politisch günstig erschien. Beiden stellt sich die Frage nach dem effektiven Nutzen von Spionage. Sie werden sie beim Bekanntwerden mit der Story um den "Kanzleramtsspion" der HVA, Günter Guillaume, erneut stellen. Seine Enttarnung war 1974 Anlaß des Rücktritts von Bundeskanzler Willy Brandt, des Initiators einer vernünftigen Ostpolitik.

 

Die geteilte Stadt Berlin war insbesondere in den fünfziger Jahren Tummelplatz zahlreicher Geheimdienste unterschiedlichen Couleurs und wurde treffend Frontstadt des kalten Krieges genannt.

Im Begleitbuch zur Schau kann man über die Tätigkeit der westlichen Nachrichtendienste gegen die DDR Interessantes erfahren. "Über Westberlin gelangte ein Heer von Spionen in den Osten und in den Westsektoren trafen aktive und potentielle Spione ihre Agentenführer", schreibt Paul Maddrell.

 

Die durch die Amerikaner finanzierten antisowjetischen Organisationen "Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen (UFJ) und "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" (KgU) sowie das Ostbüro der SPD vermittelten für die Spionage geeignete und willige Menschen an die westlichen Geheimdienste. In den Durchgangslagern, insbesondere im Notaufnahmelager Marienfelde wurden Flüchtlinge aus dem Osten durch die Geheimdienste angeworben, als Spione zurückgeschickt oder zur Bearbeitung der "Rückverbindungen" genutzt.

Leider widerspiegelt sich das nicht so in der Ausstellung. Man beschränkt sich  im wesentlichen auf den spektakulären Spionagetunnel und vermittelt den Eindruck, die Tätigkeit der westlichen Geheimdienste sei übertriebene Propaganda der DDR gewesen.

Dabei liegen genügend Erkenntnisse aus Ost und West über CIA und BND vor, nachzulesen auch im umfangreichen Bestand der Bibliothek des Hauses. 

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht erklärtermaßen und gewollt die "Westarbeit" des MfS und die Tätigkeit der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA). "Einseitig !" schrieben Besucher deshalb  in das Gästebuch  und: "Wo bleibt der BND ?" 

Vor mir taucht in Übergröße das Abbild einer geheimnisvoll lächelnden, schönen Frau in enganliegendem, langen Kleid auf. Es ist Mata Hari , personifizierter Mythos der Spionage schlechthin. Unmittelbar daneben werden die weiblichen "Spione" der HVA vorgestellt. Herabwürdigung dominiert. Viele von ihnen, wie etwa Gabriele Gast, Johanna Olbrich, Ursel Lorenzen hatten durchaus ideelle Motive, verstanden sich als Kundschafter und Patrioten. Alle nahmen bei ihrer Mitarbeit bewußt in Kauf, daß sie bei Entdeckung zu langen Gefängnisstrafen verurteilt werden könnten. Für sie war die Unterstützung des Sozialismus, der wegen seines humanen Anliegens Anziehungskraft auf sie ausübte, wichtig. Es ging ihnen deshalb in ihrer Kundschaftertätigkeit um die Stabilisierung des Kräftegleichgewichts, um die Förderung der Politik der friedlichen Koexistenz zwischen Ost und West. Mit ihren Informationen haben sie nicht nur über die Lage in westlichen Entscheidungszentren informiert, sondern auch die DDR vor politischen Fehleinschätzungen und Dummheiten bewahrt. Nicht bewahren konnten sie die DDR vor dem Untergang und sich vor dem Zusammenbruch ihrer Illusionen über den realen Sozialismus.

 

Doch die politischen Zusammenhänge dieser Zeit darzustellen, ist keine Stärke der Ausstellung. Sie will unterhaltsam sein, Neugier und auch Sensationsbedürfnis der Besucher befriedigen. Realität und Fiktion werden vermengt, historische Wirklichkeit mit tendenziöse Spionagefilmen verflochten und damit Mythen und  Spionagelegenden verstärkt.

 

Der Eintritt in die Spionageshow ist frei, was viele Besucher lobend im Gästebuch erwähnen. Wie schon im sozialistischen Obhutsstaat DDR sind auch die herrschenden politischen Kräfte im zusammengesteckten Deutschland daran interessiert, daß eine möglichst große Zahl von Menschen sich ihre Betrachtungsweise der Geschichte zu eigen macht. Einem geschenkten Gaul guckt man nicht ins Maul,  doch die Gabe ist löchrig wie Schweizer Käse. Der Besucher bezahlt für das "Duell im Dunkel" indirekt über seine Einkommenssteuer.

 

Laut den Tätigkeitsberichten der Stiftung Haus der Geschichte verbrauchte das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig allein von 1998 bis 2000 30 Millionen DM. Heute dürften die Kosten bei der Summe von  25 Mill. Euro (!) angelangt sein.

 

Die Hinzuziehung von ehemaligen Mitarbeitern des MfS bei der Vorbereitung der Ausstellung hätte dieser sicher gut getan. Aber das dafür geeignete "Insiderkomitee zur Förderung der kritischen Aneignung der Geschichte des MfS" e.V. (IK) wird seit Jahren negiert, Angebote zu Dialog und  Mitarbeit werden abgelehnt. Auf der anderen Seite wird Autoren der Staatssicherheit Verklärung ihrer Arbeit und Meisterschaft im Vermeiden von Selbstkritik vorgeworfen. Vielleicht begünstigt Mißachtung eine solche Tendenz. Insbesondere ehemalige Bürgerrechtler vertreten einen Alleindeutungsanspruch. Sie haben Platz und Stimme im Kuratorium der Stiftung. Den Titel der Ausstellung "Duell im Dunkel" hat man allerdings trotzdem von einer viel beachteten gleichnamigen Veranstaltung des Insiderkomitees im Jahre 1994 "übernommen".

 

Während im Zeitgeschichtlichen Forum die Geschichtet der Geheimdienste im einstmals geteilten Deutschland gezeigt wird, machen die Geheimdienste weiter Politik.

Um im März 2003 die Zustimmung des Sicherheitsrat der Vereinten Nationen für den Krieg der USA gegen den Irak zu erreichen, fälschten und fabrizierten z.B. der amerikanische und britische Geheimdienst Unterlagen, die beweisen sollten, daß Saddam Hussein UN-Resolu­tionen zur Abrüstung seines Landes verletzt.

 

Solange sich Klassen, Nationen und Religionen feindlich gegenüber stehen und es Gründe gibt, dem anderen zu mißtrauen, wird es das Bedürfnis geben, den vermeintlichen Gegner auszuforschen und sich dadurch Vorteile zu verschaffen. Solange es Konkurrenz um Macht, Profite und Ressourcen, wie das Öl gibt, wird es Versuche geben, den Konkurrenten auszuschalten. Dazu sind geheimdienstliche Methoden bestens geeignet.

Die Frage nach Abschaffung der Geheimdienste bleibt deshalb aktuell, auch wenn die Bedingungen dafür gegenwärtig hoffnungslos erscheinen.

Für den Einzelnen und damit auch den Besucher des "Duell im Dunkel" bleibt die Erkenntnis, daß die Folgen nicht voraussehbar sind, wenn er sich mit einem Geheimdienst einläßt.