Die Partei wollte nichts mehr von uns wissen

Vorabdruck: Die Abwicklung der Stasi. Heinz Engelhardt im Gesprch mit Peter Bhm

Heinz Engelhardt, geboren 1944, war der erste und zugleich letzte Chef des DDR-Verfassungsschutzes, der indessen nur auf dem Papier existierte. Am 15. Januar 1990 wurde Engelhardt, zuletzt im Rang eines Generalmajors, vom Vorsitzenden des Ministerrats der DDR, Hans Modrow, mit der Vollmacht ausgestattet, das Amt fr Nationale Sicherheit (AfNS), hervorgegangen aus dem Ministerium fr Staatssicherheit, in all seinen Gliederungen aufzulsen. Am selben Tag also, als die im Herbst 1989 gegrndete Brgerbewegung Neues Forum zur Demonstration gegen die Stasi bzw. Nasi aufrief. Engelhardt hat sich zu den damaligen Ereignissen in einem umfangreichen Gesprch mit Peter Bhm geuert, das in den kommenden Tagen unter dem Titel Der letzte Mann. Countdown fr das MfS im Verlag Edition Ost erscheinen wird. Wir verffentlichen daraus einen Auszug. (JW)

Am 15. Januar 1990 rief die Brgerbewegung Neues Forum zu einer Demonstration vor der Ruschestrae 103, der Zufahrt zum Komplex des MfS in Berlin-Lichtenberg auf ...

Vor Beginn der fr 17 Uhr anberaumten Demonstration heizte der Zentrale Runde Tisch, dessen Sitzung live im Fernsehen bertragen wurde, die Stimmung noch mchtig an. Es wurden Zahlen ber Mitarbeiter und Bewaffnung des MfS ohne jede sachliche Grundlage in die Welt gesetzt. Das brachte natrlich die Volksseele zum Kochen. Die Demonstration mit Phantasie und ohne Gewalt, zu der die Veranstalter aufriefen, drohte zu kippen. Zumal die Demonstranten aufgerufen wurden, Steine und Mrtel mitzubringen. Man wolle uns einmauern, wenn wir den Komplex nicht freiwillig verlassen wrden. Wir hatten keinerlei Erfahrungen mit derartigen Situationen. Festgelegt wurde, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Gebudekomplex um 15 Uhr zu verlassen haben und nur eine Handvoll Freiwilliger bleiben drfe- so ist es dann auch geschehen.

Wie verbrachten Sie den Tag? Wussten Sie am Morgen, dass am Abend Geschichte geschrieben wrde?

Naja, zu dieser Zeit musste man auf alles gefasst sein, doch konkrete Ahnungen hatte ich nicht. Als ich gegen halb acht mit meinem Lada aufs Gelnde in der Normannenstrae fuhr, berlegte ich, wie wir es bewerkstelligen knnten, dass altes friedlich bleibt, denn wenn einer aufruft, Steine zu einer Demonstration mitzubringen, fhrt er in aller Reget nichts Gutes im Schilde. Mein Arbeitszimmer befand sich im ehemaligen Ministerblock. Ich blickte vom Schreibtisch aus direkt auf das Tor in der Ruschestrae. Zu Dienstbeginn fand die bliche Lagebesprechung statt. Es wurde beraten, wer von der Generalitt an diesem Tag die Stellung halten sollte. Die Aufgabe fiel mir zu: Ich war der Jngste und wohl auch Fitteste. Die Generale Niebling, Mller und Braun, so wurde beschlossen, sollten nach Karlshorst zu unseren sowjetischen Freunden fahren.

Und was war mit der Aufklrung?

Sie stand unter Leitung von Generaloberst Werner Gromann und agierte selbstndig. So war ich dann ab 15 Uhr der kommandierende General im Gebude. Im Laufe des Tages meldeten sich sogenannte Brgervertreter aus den Bezirken bei mir - von wem sie ihr Mandat hatten, blieb zumeist im dunkeln. Die Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen auerhalb Berlins waren zu jenem Zeitpunkt bereits besetzt. Da waren die Bezirke dem Neuen Forum in der Hauptstadt voraus.

ber den genauen Fortgang dieser Demonstration ist viel spekuliert worden.

Vor allem wurde darber spekuliert, wie es dazu kam, dass pltzlich das Tor aufging und sich die Menschenmenge ber das Ministeriumsgelnde ergoss. Die Polizeikrfte im Objekt hatten auf keinen Fall den Befehl, unter allen Umstnden und unter Einsatz polizeilicher Mittel den Gebudekomplex zu schtzen. Dazu reichten die vorhandenen Krfte nicht aus. Die jungen Angehrigen der Bereitschaftspolizei, die im Gebude untergebracht waren, schauten dem Treiben mehr oder weniger amsiert zu - was sollten sie auch sonst tun? Das Ergebnis kennt jeder, doch der konkrete Hergang ist Gegenstand ausufernder Spekulationen. Das Brgerkomitee 15. Januar stellt den Vorgang auf seiner Website wie folgt dar: Um zu deeskalieren und mangels ausreichender Polizeikrfte beschlossen die Vertreter der Brgerkomitees am Tor und die Bewachungsmannschaften der Polizei, nichts dagegen zu unternehmen, als ein bislang unbekannter Demonstrant ber das Tor sprang und es ffnete. Die nachdrngenden Demonstranten ffneten dann von innen ein weiteres Tor, so dass zahlreiche Menschen auf das Gelnde drngen konnten. Wir jedenfalls, die im Objekt verbliebenen ehemaligen Mitarbeiter des MfS, haben das Tor nicht aufgemacht. Ich habe dazu auch keinen Befehl gegeben.

Das wre wohl auch ein wenig lebensmde gewesen.

Wir wollten uns nicht der unberechenbaren Gewalt von der Strae, die vor unseren Augen tobte, aussetzen. Doch keine Spekulation ist konstruiert genug, wenn es darum geht, die ehemaligen Mitarbeiter des MfS an den Pranger zu stellen. So wurde bereits kurz nach den Ereignissen erklrt, dass wir, die Mitarbeiter des MfS, die Tore selbst geffnet htten, um damit Druck auf die Modrow-Regierung auszuben, um doch noch einen Verfassungsschutz zu kriegen. Auch sollen verdeckte Mitarbeiter des MfS die Demonstranten von den Akten weg hin zum Versorgungstrakt gelenkt haben, um unsere IM zu schtzen. Da ich zum Chef dieses Verfassungsschutzes berufen worden war, htten diese aktiven Manahmen von mir oder meinem Stab ausgehen mssen. Doch ich wei nichts davon. Mich hat auch nie jemand dazu befragt. Ich glaube, dass die Ursache fr diese Massenbewegung in einer ganz einfachen psychologischen Tatsache liegt: Die Fenster der Bros waren mit schwarzen, lichtundurchlssigen Vorhngen, wie sie in allen Objekten des MfS blich waren, abgedunkelt, die Fenster und Tren des Sozialtraktes, der demoliert und geplndert wurde, hingegen waren hell erleuchtet. Das Gebude hob sich auch farblich von den anderen Gebuden ab.

Waren Sie zu diesem Zeitpunkt noch in der Ruschestrae?

Ja sicher, es war ja eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag- falls man zu dieser Zeit berhaupt davon sprechen konnte. Uns Generalen wurde spter unterstellt, wir htten das Ganze inszeniert. Das ist Bldsinn. Einzig Karli -Coburger, der Chef der Hauptabteilung VIII, hatte Mitarbeiter in den Demonstrationszug kommandiert. Doch die hatten den Auftrag, das Spektakel zu beobachten, nicht zu lenken. Sie kamen mit Demonstranten sogar in mein Dienstzimmer, was ich, htte ich das Prozedere festgelegt, sicher vermieden htte.

Was waren das fr Leute, die Sie in Ihrem Dienstzimmer besuchten?

Dem Anschein nach war es ein Querschnitt durch die Berliner Bevlkerung. Sie stellten mir Fragen, die ich, so gut ich konnte, beantwortete. Zum Beispiel, ob ich meine Dienstwaffe bei mir trage - das konnte ich verneinen. Unter den DDR-Brgern, die sich in meinem recht kleinen Bro drngten, waren auch Leute, die als Wessis erkennbar waren. Ich gehe davon aus, dies war das erste Mal, dass das MfS von einem gegnerischen Dienst inspiziert wurde. Whrend sich mein Besuch sehr gesittet benahm, plnderten junge Mnner mit Glatze und Bomberjacke den Sozialtrakt. Die Bilder gingen durch die Medien. Die Sicherungskrfte der Polizei nahmen ihnen die Sachen am Ausgang wieder ab. Von anderer Qualitt waren diejenigen, die nach der ffnung des Tores in der Ruschestrae zu den Dienstrumen der Hauptabteilung II, der Spionageabwehr, durchstarteten und ganz gezielt bestimmte Rume aufbrachen. Auch wurde versucht, die Metallschrnke aufzubrechen - von Tresoren oder Safes bei den Blechksten zu sprechen, in denen wir unsere Akten aufbewahrten, ist schlicht bertrieben. Nach meinem Wissensstand wurden sie aber kaum fndig.

Was wurde da gesucht?

Ich kann nur vermuten, dass diese Leute gezielt nach den Ermittlungsergebnissen der Spionageabwehr suchten, die die Abteilung 13 erarbeitet hatte. Eine Rolle spielten dabei sicherlich auch die Aussagen des berlufers Oberstleutnant Rainer Wiegand, Leiter der Arbeitsgruppe Auslnder der HA II/7. Wiegand, ein moralisch labiler Mensch, verlie zusammen mit seiner Sekretrin Anfang 1990 die DDR und gab den gegnerischen Diensten sein Wissen preis. Wie mir Genossen der Spionageabwehr spter erzhlten, wussten wir ber die Kontakte westlicher Journalisten mit westlichen Diensten, vor allem mit dem Klner Bundesamt fr Verfassungsschutz, viel mehr, als der Gegenseite lieb war. Schlielich haben wir den Telefonverkehr von Westberlin in die Bundesrepublik intensiv mitgehrt. Viele Journalisten telefonierten von Westberlin aus recht offen mit ihren Partnern in Kln oder Mnchen, weil sie sich in Westberlin sicher fhlten - das waren sie aber nicht! Diese Kenntnisse sollten natrlich unter der Decke bleiben.

Waren die Safeknacker in den Rumen der Hauptabteilung II erfolgreich?

Wie mir spter berichtet wurde, haben sie zwar die Tren der Dienstrume aufbekommen, jedoch nicht die Stahlschrnke.

Wie haben sich die anderen Demonstranten in der Ruschestrae bewegt?

Das war recht unterschiedlich. Von Aggression bis Neugier war alles vertreten, mitunter sogar Angst.

Wieso Angst?

Die Leute hatten natrlich die Bilder aus Rumnien im Kopf, wo auf Demonstranten geschossen worden war. Und bei der Hysterie, die um sich griff, ich denke nur an die Zahlen ber den gewaltigen Waffenbestand der Stasi, die durch die Medien spukten, hatten einige Angst, aus den verdunkelten Fenstern wrde auf sie geschossen. Doch es fiel kein Schuss.

Warum war das so?

Das war schlicht das Verdienst des besonnenen Handelns der Mitarbeiter unseres Ministeriums, nicht nur an diesem Tag, sondern schon in den Tagen davor, als berall in der Republik die Kreisdienststellen und Bezirksverwaltungen besetzt wurden. Uns war schlielich klargeworden, dass die DDR nicht mehr zu retten war. Jedes Blutvergieen wre unverantwortlich gewesen. Wir waren dazu ausgebildet, die DDR ntigenfalls auch mit der Waffe gegen einen Angriff von auen zu verteidigen. Nicht jedoch waren wir darauf vorbereitet, auf das demonstrierende Volk zu schieen. Die Friedlichkeit dieser Ereignisse ergab sich darum vor allem aus der Einstellung der MfS-Mitarbeiter zu ihrem Staat und zur Bevlkerung. Wir lebten schlielich nicht in Kasernen, wir lebten in den Wohngebieten mit den Menschen zusammen, die nun vor den Toren unserer Einrichtungen standen. Ich bin in meinem Wohngebiet in Frankfurt (Oder) regelmig mit meinem Hund spazieren gewesen, ohne Personenschutz, denn ich hatte nie das Gefhl, dass meine Nachbarn mich bedrohten.

Beruhte diese Friedfertigkeit auf Befehlen und Weisungen von Partei und Regierung?

Dass ich nicht lache! Die Partei wollte bekanntlich lngst nichts mehr von uns wissen, der Staatsapparat lste sich vor unseren Augen auf. Wir haben uns so verhalten, wie unsere Einstellung zu unserem Land das gebot. Das war nicht immer leicht. Als ich im Dezember 1989 den Demonstranten vor der Bezirksverwaltung in Frankfurt gegenberstand, sah ich in so manches hasserfllte Gesicht und sprte, dass ein Funke gengen wrde, um eine Katastrophe auszulsen. Doch wir blieben ruhig und besonnen. Am 15. Januar 1990 war das nicht anders. Angst hatte natrlich meine Frau. Sie machte sich verstndlicherweise groe Sorgen um mich, zumal sie mich telefonisch nicht erreichte. Erschwert wurde unsere Kommunikation zustzlich dadurch, dass wir, gerade von Frankfurt nach Berlin gezogen, zu Hause keinen Anschluss hatten, so dass meine Frau zur Telefonzelle musste, wenn sie anrufen wollte. Sie rief Wolfgang Schwanitz an, der seinerzeit das Amt fr Nationale Sicherheit leitete. Der sagte ihr, sie msse sich nicht sorgen, ich sei bei den sowjetischen Freunden in Karlshorst. Das war zwar gut gemeint, jedoch nicht wahr. Schlielich sah Christa mich im Fernsehen - sie starb fast vor Angst. Was mich an diesem 15. Januar 1990 am meisten gergert und malos enttuscht hat, war die Wurstigkeit, mit der Ministerprsident Hans Modrow uns behandelt hatte. Es wre fr ihn ein Leichtes gewesen, zumindest einen Beauftragten zu uns zu schicken, um zu fragen, wie es uns geht, ob wir Hilfe brauchten. Schlielich waren wir ja seine Mitarbeiter. Das werde ich dem Mann nie verzeihen! Schlielich war er mein Vorgesetzter, sowohl als staatlicher Leiter als auch als Genosse.

Dieser Tag brachte fr mich auch die erste Begegnung mit westlichen Medien. Ein Offizier der Volkspolizei fragte bei mir an, ob ich einem Fernsehteam aus der BRD einige Fragen beantworten wollte. Ich sah keinen Grund, es nicht zu tun. Auf diese Weise lernte ich den 24jhrigen Georg Mascolo kennen, damals Berufsanfnger, heute ein profilierter Journalist. Da die Chemie zwischen uns stimmte, das Team sich sachlich und hflich benahm, war ich es auch. Ich bot Kaffee und spter auch Wodka an. Beides wurde gern angenommen. Ganz uneigenntzig war meine Gastfreundschaft allerdings nicht, denn ich rechnete damit, dass ich durch das westliche Fernsehteam vor berraschungen durch Demonstranten geschtzt sein wrde. Unsere freundschaftliche Verbindung, die am 15. Januar 1990 durch den Besuch von Mascolo in meinem Dienstzimmer entstand, hlt trotz aller Turbulenzen, die das Leben seither mit sich brachte, bis heute.

In verschiedenen Medien wurde berichtet, Sie seien an diesem Abend in Ihrem Dienstzimmer schlafend angetroffen worden.

Mir war an diesem Abend wirklich nicht nach Schlafen zumute! Als kommandierender General war ich mir meiner Verantwortung bewusst. Nachdem das alles vorber war, habe ich mir erst einmal ein Bild von der Lage gemacht. Die Meldungen der einzelnen Diensteinheiten waren recht entspannt. Einzig die Spionageabwehr, die Hauptabteilung II, meldete, dass versucht worden sei, in ihren Bros Panzerschrnke mit brisantem Material aufzubrechen. Im Sozialtrakt hatten Vandalen gewtet. Der Sachschaden war immens. Als ich dort eintraf, waren bereits Vertreter der Brgerkomitees aus den Bezirken damit beschftigt aufzurumen, sichtlich erschttert ber die Verwstungen, die ihr Aufruf zu einer phantasievollen Demonstration zur Folge hatte - so hatten sie sich das sicher nicht vorgestellt. Generell muss ich feststellen, dass die Vertreter der verschiedenen Brgerkomitees, die ich whrend meiner Ttigkeit erlebte, vor allem heillos berfordert waren. Sie sahen in allem, was wir taten, nur Rankne alter Seilschaften, die Geld, Gter, Waffen und vor allem Akten zur Seite schaffen wollten. Dass wir, die ehemaligen Mitarbeiter des MfS, damit beschftigt waren, das Ministerium abzuwickeln und selbst Zukunftsngste hatten, kam den selbsternannten Brgerrechtlern gar nicht in den Sinn. Letztlich, man verzeihe mir das derbe Wort, waren sie die ntzlichen Idioten, die die Lcke fllen mussten, bis die Politprofis aus Bonn das Heft des Handelns in die Hand nehmen konnten.

Aber nahm das Verhngnis nicht bereits seinen Lauf, als man seitens der Regierung darauf verzichtet hatte, trotz dieses Demonstrations-Aufrufs geeignete Sicherheitsmanahmen zu ergreifen?

Wir waren damals formal noch ein souverner Staat. Der Modrow-Regierung standen alle Mglichkeiten zur Verfgung - vom Demonstrationsverbot bis zum verstrkten Polizeischutz -, um eine Eskalation der Ereignisse zu vermeiden. Das tat sie nicht, weil sie es sich nicht mit dem Runden Tisch verderben wollte, und weil, ich verweise da auf Egon Krenz oder Markus Wolf, das MfS als Prgelknabe herhalten sollte, um den Druck von der SED-Nachfolgerin PDS zu nehmen. Und als einer, der mittendrin war, sage ich Ihnen, die Sache war derart aufgeheizt, dass sie schnell htte kippen knnen. Und dann htte es Tote gegeben - auf beiden Seiten! Ich frage mich heute noch, ob diese Demonstration ordentlich angemeldet worden war, wer sie gegebenenfalls genehmigt und mit welchen Auflagen versehen hatte. Das AfNS war ein militrisches Organ. Seine Gebude standen damit unter besonderem Schutz. Die DDR-Regierung hatte den Auftrag, das Gelnde in Berlin-Lichtenberg weitrumig abzusperren. Der energische Angriff auf die Panzerschrnke der Spionageabwehr belegt meines Erachtens deutlich, dass hier gegnerische Dienste versuchten, ihr Schfchen ins trockene zu bringen. Wenn der so oft zitierte Volkszorn in dieser Nacht unterwegs gewesen wre, so htte er sich eigentlich gegen die Hauptabteilung XX richten mssen. Doch fr deren Akten interessierte sich niemand, genauso wenig wie fr die Abteilung XII, das Archiv und die Registratur des MfS.

 

War von dem Schild und Schwert nicht zumindest der Schild briggeblieben, um sich an diesem Abend zu schtzen?

Fr die Mitarbeiter des Amtes fr Nationale Sicherheit stellte sich selbstverstndlich die Frage, was es denn noch zu verteidigen gbe. Klar: Unser Leben und das Leben unserer Familien htten wir bedingungslos geschtzt. Doch den Staat verteidigen, der uns zu Buhmnnern, Blitzableitern und Schmuddelkindern machte? Da die Grenze nach Westberlin am 9. November unter chaotischen Bedingungen geffnet worden war, blutete die DDR frmlich aus. Die Sowjetunion, vierzig Jahre lang unser wichtigster Verbndeter, lie die DDR im Stich, die Regierung Modrow hatte das Heft des Handelns lngst nicht mehr in der Hand. Wir fhlten uns von dieser Regierung verraten. Wen oder was sollten wir also schtzen, auer uns selbst, unsere Familien und unsere IM?

Nun heit ja Geheimdienst nicht nur Geheimdienst, weil er im verborgenen agiert, sondern vor allem, weil er Geheimnisse sammelt. Htte man dies nicht nutzen knnen, um die ffentlichkeit in den 1990er Jahren darber zu informieren, welcher Angriffe von westlicher Seite man sich hatte erwehren mssen?

Wir htten zeigen knnen, wie gegnerische Dienste in der DDR aktiv waren, wo sie einzudringen versuchten und so weiter. Doch Gnther Kratsch, der Chef der Spionageabwehr, hatte sich in den 1990er Jahren geweigert, damit an die ffentlichkeit zu gehen, wie Werner Gromann berichtete. Es htte uns allen sicher sehr geholfen. Auch Horst Mnnchen, der Chef der Funkaufklrung des MfS, htte viel erzhlen knnen. Die Hauptabteilung III, der er vorstand, hinterlie 1989 Zehntausende Tonbnder, auf denen Telefongesprche der politischen, militrischen und Wirtschaftselite der Bundesrepublik mitgeschnitten worden waren. Ihr Inhalt soll so schrecklich gewesen sein, dass sie ohne Auswertung sofort vernichtet wurden. Doch Horst Mnnchen arbeitete nach 1989 lieber mit dem Bundesverfassungsschutz zusammen, als dass er seinen ehemaligen Genossen geholfen htte.

Buchvorstellung in der jW-Ladengalerie am 16. Mai, 19 Uhr.

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