junge Welt

02.05.2006 / Interview / Seite 8

»Wir wenden uns gegen die permanente Gleichsetzung«

Antifaschistische Initiative kritisiert Gedenkstätte auf ehemaligem MfS-Gelände in Berlin-Hohenschönhausen. Ein Gespräch mit Mario Gartner

* Mario Gartner ist Mitglied der antifaschistischen Bürgerinitiative »Unabhängige Anlaufstelle für Bürgerinnen« (uab) in Berlin Lichtenberg-Hohenschönhausen. Er hat in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) am vergangenen Mittwoch das Konzept der »Gedenkstätte Hohenschönhausen« kritisiert

F: Aus welchem Anlaß hat Ihre antifaschistische Initiative begonnen, sich mit der Berliner Gedenkstätte Hohenschönhausen, auch Gedenkstätte für Opfer der SED-Diktatur genannt, auseinanderzusetzen?

Eine um den 8. Mai letzten Jahres in der Gedenkstätte Hohenschönhausen gezeigte Ausstellung »Zivilcourage und Widerstand 1933-1989« und die Veröffentlichungen des wissenschaftlichen Direktors Dr. Hubertus Knabe zum 8. Mai mit dem Titel »8. Mai - Tag der Befreiung?« waren für uns der Anlaß, aufmerksamer hinzuschauen. In seinem Buch vertrat Knabe die Auffassung, daß die wirkliche Befreiung vom Faschismus für die Bürgerinnen und Bürger der damaligen DDR erst 1989 stattfand.

F: Was kritisieren Sie an der Gedenkstätte Hohenschönhausen?

Wir wenden uns insbesondere gegen die permanente Gleichsetzung der DDR mit Nazideutschland. Die Verharmlosung des Faschismus relativiert rechtsextremistische Tendenzen in der Gegenwart und erschwert unsere Arbeit. Aber unsere Kritik richtet sich auch gegen die Arbeitsweise der Gedenkstätte, die sich auf dem Gelände der ehemaligen zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) befindet. Ich selbst war viele Male dort, das erste Mal Anfang der 90er Jahre. Da gab es noch keine Gedenkstätte, es gab so etwas wie Privatführungen auf dem Gelände mit Geschichten von Häftlingen und Anekdoten vom Hörensagen. Ein Zahnarztstuhl im Krankenzimmer war der Beleg dafür, daß die Staatssicherheit Häftlinge mit dem Bohrer gefoltert hat. Wir befinden uns heute auf ähnlichem Niveau. Die Darstellung der Geschichte der Haftanstalt ist geprägt durch die Sichtweise ehemaliger Häftlinge. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung gibt es nicht, obwohl dies die Aufgabe des Direktors der Gedenkstätte wäre. Hier wird, übrigens unbestrittenes, individuelles Leid eins zu eins zur allgemeingültigen historischen Wahrheit gemacht. Das halten wir für falsch und im Sinne politischer Bildung für nicht zielführend.

F: Wie sollte man Ihrer Meinung nach mit dieser Gedenkstätte weiter umgehen?

Die Gedenkstättenarbeit sollte auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt werden. Dazu gibt es genug Material. Genaue Darstellungen der Haftbedingungen müßten entsprechend den historischen Entwicklungen geschehen. Die waren im sowjetischen Internierungslager nach 1945 andere als 1988. Das hat die Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit nicht zum Sanatorium gemacht, aber es gehört zu einer wissenschaftlichen Darstellung, diese Differenziertheit zu beschreiben. Diese wissenschaftliche Genauigkeit ist notwendig. Schließlich spiegelte sich in den Veränderungen der Haftbedingungen die politische Entwicklung insgesamt. Auch hinsichtlich der zunehmenden Einschränkungen von Bürgerrechten in der Gegenwart würde ich mir wünschen, daß die Gedenkstätte sich zu diesem Thema meldet und nicht, wenn ein Honecker-Duschbad auf den Markt kommt.

F: Ihnen wurde in der Lichtenberger Bezirksverordnetenversammlung vorgeworfen, die Opfer der Staatssicherheit zu verhöhnen. Ein Mitarbeiter der Gedenkstätte bezeichnete Sie als Linksfaschisten.

Ich stelle die Erfahrungen ehemaliger Häftlinge nicht in Frage und kann auch bis zu einem gewissen Grade nachvollziehen, daß sie meine Kritik an der Gedenkstätte nicht von ihren persönlichen Erfahrungen und Emotionen trennen können. Problematisch wird es, wenn sie sich mit derartigen Beschimpfungen selbst disqualifizieren. Es muß doch möglich sein, eine Diskussion auf einer sachlichen Ebene zu führen. Deshalb hatte ich mich in meiner Rede mit den Unzulänglichkeiten der Gedenkstätte auseinandergesetzt. Auch wir haben bei unseren Recherchen zu der Gedenkstätte die Erfahrungen von Zeitzeugen einfließen lassen. Bei unserem letzten Besuch war ein prominenter Bürgerrechtler dabei.

Interview: Gerd Bedszent