junge Welt vom 14.04.2005

Interview

»In Nato-Geheimarmee dienten ehemalige SS-Leute«

Schweizer Forscher veröffentlichte Untersuchung über »Stay behind«-Strukturen. Militärpakt in Terror verwickelt. Ein Gespräch mit Daniele Ganser

Interview: Peter Wolter

* Dr. Daniele Ganser ist Forschungsgruppenleiter am Zentrum für Sicherheitspolitik der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Ganser ist Autor des Buches »Nato's Secret Armies, Operation Gladio and Terrorism in Western Europe«, der kürzlich in London erschien.

F: Sie haben ein Buch über »Gladio« geschrieben, eine Geheimarmee der NATO. Wahrscheinlich weiß in Deutschland kaum jemand von deren Existenz …

NATO-Geheimarmeen gab es seit den 50er Jahren und vermutlich bis 1990 in ganz Westeuropa. In Italien hieß diese Truppe Gladio, in der Schweiz P 26, in Norwegen ROC, in Belgien SDRA 8 und in der Türkei Counter-Guerilla. In Deutschland arbeitete sie unter dem Tarnnamen »Bund Deutscher Jugend -Technischer Dienst« (BDJ-TD). Diese deutsche Sektion wurde schon Anfang der 50er Jahre aufgedeckt. Diese Geheimarmeen waren Teil der sogenannten »Stay behind«-Strukturen, die von geheimen Abteilungen der Nato koordiniert wurden. Ihre Aufgabe wäre es gewesen, im Spannungsfall hinter den Linien militärisch zu operieren.

F: Wie wurde die deutsche Sektion aufgedeckt?

Ein Mitglied des BDJ-TD hatte sich der Polizei in Frankfurt/Main offenbart. Er sei Mitglied dieser Organisation, wolle aber aussteigen. In Hessen war damals der Sozialdemokrat August Zinn Ministerpräsident. Der bestand auf einer Untersuchung, die schließlich ergab, daß der BDJ-TD über Waffenlager verfügte und Listen von Persönlichkeiten führte, die im Spannungsfall zu liquidieren seien. Zunächst hatte man in Erfahrung gebracht, daß es in Hessen eine Geheimarmee gab. Alles deutete darauf hin, daß sie in Kontakt zum US-Geheimdienst CIA stand - daß letztlich die Nato und das Pentagon federführend waren, konnte man nicht sofort erkennen. Da Geheimarmeen gesetzeswidrig sind, wurden einige dieser Untergrundkämpfer festgenommen. Sie mußten aber auf Weisung des Bundesgerichtshofes wieder auf freien Fuß gesetzt werden.

F: Aus welchen Kreisen rekrutierte sich diese Geheimarmee?

Der BDJ-TD setzte sich aus ehemaligen SS-Leuten und Rechtsradikalen zusammen. Es war eine antikommunistische Geheimarmee, und dafür brauchte man Leute mit passender Gesinnung.

F: Sie unterstellen in Ihrem Buch, daß die NATO über diese Geheimarmeen in Terrorakte verwickelt war. Wo und wann? Welche Beweise haben Sie?

Das sind heikle und komplexe Fragen, da muß man als Wissenschaftler sorgfältig vorgehen. Zunächst haben wir die Netzwerke dieser Geheimarmeen analysiert. Heute steht einwandfrei fest, daß die NATO das ganze Netz von ihrem Hauptquartier in Brüssel aus koordiniert hat. In einigen Quellen wird nahegelegt, die Geheimarmeen hätten in einigen Ländern nicht auf eine russische Invasion gewartet, sondern in Friedenszeiten die Bevölkerung mit Terror manipuliert. Das ist eine weitreichende These, immerhin will sich die Nato heute als Anti-Terror-Allianz positionieren.

In einem zweiten Schritt fanden wir heraus, daß es während des Kalten Krieges z.B. in Deutschland, Italien, der Türkei, Griechenland, Frankreich und Spanien Terroranschläge gab, die wir nie erklären konnten.

F: Konkret bitte, welche Beispiele?

Wir hatten in Deutschland z.B. das Massaker beim Münchener Oktoberfest im Jahre 1980. Die Spur des Täters führte zur »Wehrsportgruppe Hoffmann«, die aussagte, ihre Waffen stammten von einem Heinz Lemke. Ein Jahr später kam heraus, daß Lemke in der Lüneburger Heide ein Riesenwaffenlager unterhielt, das Experten der Nato-Geheimarmee zuschrieben. Lemke wurde verhaftet. Bevor er aussagen konnte, fand man ihn erhängt in seiner Zelle. Beim Militärputsch in Griechenland 1967 war die Geheimarmee LOK beteiligt, in der Türkei wurde General Kenan Evren bei seinem Putsch 1980 von der Geheimarmee Counter-Guerrilla unterstützt, in Frankreich hatte die Geheimarmee Präsident De Gaulle ins Visier genommen, als er Algerien in die Unabhängigkeit lassen wollte.

F: Würde es Sie wundern, wenn auch im Falle der Attentate vom 11. September 2001 ganz andere Fakten ans Licht kämen?

Ich habe mich seit zehn Jahren im Fachbereich Zeitgeschichte auf das Thema verdeckte Kriegführung spezialisiert, auf Terror, Staatsstreiche, Counter-Insurgency etc. Mich wundert überhaupt nichts mehr. Die zentrale Frage ist aber, auch bei 9/11: Was sagen die Quellen? Es hat sich herausgestellt, daß es an diesem Tag Manöver der US-Streitkräfte gab. Es sollte ein Terroranschlag mit Hilfe eines Passagierflugzeuges simuliert werden, Soldaten schlüpften dabei in die Rolle von Terroristen. Die Luftraumüberwachung NORAD der USA war offenbar überfordert, so daß sie nicht mehr zwischen einem realen oder einem fiktiven Angriff unterscheiden konnte.