junge Welt

20.09.2010 / Feuilleton / Seite 13

Siegfried Hähnel verstorben

Robert Allertz

Ende Juni war er noch ins Gericht nach Moabit gekommen. Die Staatsanwaltschaft hatte Anklage gegen Wolfgang Schwanitz erhoben. Hähnel war nicht deshalb erschienen, um sich bei ihm Liebkind zu machen - Schwanitz war schon seit 20 Jahren nicht mehr sein Chef. Da gab es andere Motive. Etwa Solidarität mit Genossen, Geradlinigkeit und Gespür für Gesten. Beginnend mit einem Anruf an Geburtstagen und anregender Korrespondenz, nicht endend mit der Teilnahme an Gerichtsverhandlungen wie dieser. Wir standen vor der Saaltür länger als üblich, und offenkundig fühlte er sich nicht wohl. Er hüstelte, die Stirn schien von Fieber gerötet. Setz dich doch hin, Siggi, sagten die Gefährten und meinten, wie er wohl auch, daß ihn eine Sommergrippe erwischt habe.

Die vermeintliche Grippe war mehr. Tage später schon kam die Nachricht, Siggi läge in Berlin-Buch auf den Tod. Ein besonders aggressiver Krebs habe sich seiner bemächtigt. Zunächst riet man von Besuchen ab, um ihn nicht anzustrengen, dann, ein wenig verklausuliert, man solle ihn besser so in Erinnerung behalten, wie man ihn kennte.

Wie kannten wir ihn?

Er war Generalmajor und letzter Chef der Bezirksverwaltung (BV) Berlin des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS). Er war es seit 1986 und bediente ein wichtiges Klischee: Er war Sachse. Geboren 1934 in Chemnitz, das er bereits mit 18 hinter sich ließ, als man ihn zum Einjahreslehrgang an die Schule des MfS nach Potsdam-Eiche schickte. Die Lautfärbung verlor sich zeitlebens so wenig wie seine Neigung zu lernen. Er absolvierte in einem Vierteljahrhundert zwei Fernstudien- eins an der Fachschule, ein zweites an der Universität -, und als diplomierter Kriminalist machte er auch noch seinen Dr. jur. - neben seinem Job in der Hauptabteilung IX, dem Untersuchungsorgan, das er in den 60er Jahren in der BV leitete.

In den frühen 70ern, als sich die Botschaften des Westens mit ihren Geheimdiensten in der DDR-Hauptstadt niederließen, wurde er »Stellvertreter Operativ des BV-Chefs. Das blieb er zwölf harte Klassenkampf-Jahre.

Wie er damals dort so war, weiß ich nicht. Ich erlebte ihn jedoch als engagierten Buchautor und Diskutanten. Zum Zweibänder »Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS« (edition ost, 2002) steuerte er - gemeinsam mit dem ehemaligen Leiter der Hauptabteilung XVIII des MfS, Generalleutnant a. D. Alfred Kleine - den zehnten Teil bei: mehr als 150 Seiten über die Sicherung der Volkswirtschaft der DDR. Das sei »eines der dunkelsten Kapitel der Ost-West-Auseinandersetzung«, befand Erich Schmidt-Eenboom in seiner Rezension. Seit acht Jahren würdigt der Geheimdienstexperte aus dem tiefsten Westen auf seiner Homepage Textinhalt wie Haltung der beiden Autoren: Sie säßen keiner Verschwörungstheorie zur Liquidierung der DDR auf, sondern machten sichtbar, wie »ein antikommunistischer Grundkonsens im Westen Politik, Wirtschaft und Medien an einem Strang ziehen ließ, wo es um die Schädigung der Volkswirtschaft der DDR ging«.

Keine Autorenberatung, die er ausließ, kaum einer wichtigen Veranstaltung blieb Siegfried Hähnel fern, wo er sich mit seinen Genossen in den eisigen Wind stellte, den Ewiggestrige machten. Selbst wenige Tage, bevor er aufs Krankenlager kam, war er noch mit der jüngsten kollektiven Publikation unterwegs, an der er mitgeschrieben hatte: »Fragen an das MfS«, inzwischen in dritter Auflage erschienen.

Als das Autorenkollektiv am 3. September turnusmäßig zusammenkam, lag vor seinem leeren Platz eine rote Nelke auf dem Tisch. Da hatte sich sein Leben bereits vollendet. Am Freitag wurde Siegfried Hähnel in Berlin-Marzahn beigesetzt, erst danach, so bat die Familie, sollte sein Tod öffentlich werden. »Berlins letzter Stasi-Chef gestorben« - das hätte gewiß eine höhnende Schlagzelle auf dem Berliner Boulevard gegeben. Denn das Verhalten ist in dieser Hinsicht unverändert, wie Siegfried Hähnel einmal am 9. Juni 2006 in einem Brief befand. »Leider wurde zu DDR-Zeiten mitunter von leitenden SED-Genossen der Wahrheitsgehalt von Nachrichten westlicher Massenmedien höher bewertet als der unserer eigenen Informationen. Daran hat sich bei der Linkspartei/PDS nicht viel geändert. Das Wort der Feinde der DDR hat mehr Gewicht als die Berichte und Darstellungen der Zeitzeugen mit Insiderwissen über das MfS«. Damit hat er sich nie abgefunden. Damit werden sich seine Genossen, die er zurückließ, nicht abfinden. Das sind sie auch ihm schuldig.