jungeWelt

29.12.2006 / Feuilleton / Seite 13

Kundschafter Horst Hesse ist tot

Wie jW erst jetzt bekannt wurde, verstarb am 16. Dezember im Alter von 84 Jahren in Schwedt an der Oder der ehemalige DDR-Kundschafter Horst Hesse. Er landete den vermutlich grten Coup des Ministeriums fr Staatssicherheit (MfS), fr dessen Abwehr er arbeitete: 1955 gelang es ihm, nach langwierigen berprfungen in der Wrzburger Zentrale des US-Militrspionagedienstes MID (Military Intelligence Division) Leiter der Agentenwerbung zu werden. Pfingsten 1956 stahl er zwei Panzerschrnke aus dem Hauptquartier und brachte sie in die DDR inklusive einer kompletten Agentenkartei, einigen tausend Blankoausweisen westdeutscher Institutionen, Angaben ber Schweigefunker, die im Kriegsfall aktiviert werden sollten, und zahlreiche andere Dokumente. In der Folge flogen 521 vom MID gefhrte Mitarbeiter auf; Hesse wurde von einem US-Militrgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Seine abenteuerliche Aktion in der Hochzeit des Kalten Krieges lieferte die Vorlage fr einen der erfolgreichsten DEFA-Filme. For eyes only fand 1963 ber zwei Millionen Zuschauer in der DDR und begrndete den Ruf des Hauptdarstellers Alfred Mller als James Bond des Ostens.

Horst Hesse stammte aus einer Arbeiterfamilie, war gelernter Instrumentenfeinmechaniker und arbeitete in den Magdeburger Kruppwerken. Ende der 40er Jahre ging er zur Volkspolizei. ber seine Motivation sagte er in einem jW-Interview 2002: Der Hauptgrund waren meine Kriegserlebnisse. Stellen Sie sich vor: Ich war 1942 als knapp 20jhriger in den Krieg gegangen und kam im Oktober 1945 in meine Heimatstadt Magdeburg zurck. Ich hatte eine heile Stadt verlassen und kam in einen Trmmerhaufen zurck. Meine Gesundheit hatte ich eingebt, denn ich war zweimal schwer verwundet worden. In den Nachkriegsjahren habe er erlebt, wie die einen die Trmmer beiseite schafften und die anderen sich an der Not bereicherten.

Hesse lebte nach seiner spektakulren Flucht zurckgezogen. Das war nicht nur Sicherheitsgrnden geschuldet. Er war ein sehr bescheidener und wenig aufflliger Mann, der allenfalls bei MfS-internen Vortrgen ber seinen Einsatz im Operationsgebiet berichtete. Nach 1990 wurde gegen ihn ermittelt, doch ohne Konsequenzen.

Im 2006 erschienenen Buch Der Botschaftsflchtling und andere Agentengeschichten (edition ost), der letzten von Markus Wolf betreuten Publikation, wird ber diesen Fall und seine Folgen berichtet. Horst Hesse, der in zweiter Ehe verheiratet war, wird am heutigen Freitag beigesetzt.