junge Welt vom 06.12.2004

Interview

»Wer ist eigentlich den friedlichen Weg gegangen?«

Kein Gedanke an Waffeneinsatz beim Sturm auf die MfS-Dienststelle in Dresden. Auch keine Anordnung zur Aktenvernichtung. Ein Gespräch mit Horst Hillenhagen

Interview: Peter Walter

* Dr. Horst Hillenhagen war Oberst im Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Er leitete 1989 die MfS-Dienststelle in Dresden

F: Am Sonntag gab es in Dresden eine Gedenkveranstaltung: Vor 15 Jahren wurde die dortige Dienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gestürmt. Sie waren damals Leiter dieser Einrichtung, wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Als ich am 6. Dezember zur Dienststelle kam, war das Gebäude bereits gestürmt. Draußen standen diskutierende Gruppen, es gab hitzige Reden, um die Neugierigen aufzuputschen. Zwei meiner Kollegen und ich vereinbarten mit dem Bürgerkomitee, daß alle Fremden das Gebäude verlassen. Immerhin war das ja eine militärische Einrichtung, die mit Waffengewalt hätte verteidigt werden müssen. Das haben wir natürlich nicht getan.

F: Hat jemand eine solche Variante ins Gespräch gebracht?

Niemand. Die Bürger, die sich drinnen aufhielten, begründeten das zum Teil so, sie wollten verhindern, daß Akten vernichtet werden. Aber erstens hatten wir dafür keinerlei technische Ausstattung, zweitens gab es keinen Befehl dazu, es ist also gar nicht erst versucht worden. Allerdings haben einige Mitarbeiter aus eigener Initiative ein paar Akten zerrissen, die sie im Schrank hatten.

F: Mittlerweile sind anderthalb Jahrzehnte ins Land gegangen. Wie empfinden Sie diese Vorgänge heute?

Dieses und andere Gebäude sind von Leuten gestürmt worden, die sich friedliche Revolutionäre nannten. Wir hingegen waren bewaffnet - haben aber in keinem einzigen Fall diese Waffen eingesetzt, obwohl wir gesetzlich dazu verpflichtet gewesen wären. Wer ist also den friedlichen Weg gegangen?

Man muß fragen, was diese friedlichen Revolutionäre in den vergangenen 15 Jahren gemacht haben. Im Grunde nichts, außer daß sie sich am MfS abgearbeitet haben, das ihnen als politische Spielwiese überlassen wurde. Es wurde erwartet, daß Verbrechen aufgedeckt wurden - nichts ist gekommen. Die vorhandenen Unterlagen sind für die Rechtsorgane uninteressant geworden.

F: Es gibt doch zu denken, wenn plötzlich empörte Menschenmassen vor der Dienststelle stehen. Was hat das MfS falsch gemacht?

Nicht das MfS hat in der DDR Politik gemacht, sondern die SED. In den letzten DDR-Jahren wurde die Lage immer komplizierter, es gab Unruhe in der Bevölkerung. Unser Ministerium hat die Partei - bis hin zu Erich Honecker! - immer wieder aufgefordert, mit den Menschen zu sprechen, ihre Anliegen ernst zu nehmen. Das wurde abgelehnt. Statt dessen wurde das MfS vorgeschickt, um Probleme wie Republikflucht oder die Zunahme von Ausreiseanträgen zu lösen. Da ist es kein Wunder, wenn Haß gegen das MfS entsteht.

F: Sie selbst haben nach dem Fall der DDR Ärger mit der Justiz bekommen. Warum?

Die damaligen Bürgerkomitees waren bunt zusammengesetzt. Darunter gab es Leute, die ehrlich interessiert waren, die DDR als demokratisierten Staat zu erhalten - aber auch Leute, die ihr Mütchen an der Staatssicherheit kühlen wollten. Viele von denen sitzen heute in der Birthler-Behörde auf gut bezahlten Planstellen. Diese Leute wollten immer Sensationen herauskitzeln: geheime Gänge, Folterkammern etc. Da sie nichts fanden, konzentrierten sie sich auf mich. Ich wurde wegen Veruntreuung angezeigt, weil ich den Antrag gestellt hatte, Ferienobjekte im Bezirk Dresden dem FDGB zur Nutzung zu übergeben. Das war allerdings eine Weisung der Modrow-Regierung, die in allen Bezirken befolgt wurde. Ich saß vier Monate im Untersuchungsgefängnis, in strengster Einzelhaft. Der Prozeß wurde eingestellt, ich bekam sogar Haftentschädigung.

F: Fühlen Sie sich wohl in diesem Staat, in dem Sie nie leben wollten, in dem Sie jetzt aber seit 15 Jahren leben müssen?

Ich lehne diesen Staat ab, in dem der Kapitalismus nach dem Verschwinden der DDR aufblüht. Ich erinnere an »Hartz IV«, dieser Staat ist menschenfeindlich. Den Bürgerrechtlern, den Revolutionären, die sich angeblich für das Volk einsetzten, ist der Sozialabbau völlig egal. Sie wurden manipuliert, mit gut dotierten Planstellen bestochen oder bekamen Funktionen in bürgerlichen Parteien.