Tageszeitung junge Welt

02.02.2006 / Sport / Seite 16

Marianne, die Nominatorin

Zum Fall Ingo Steuer

Klaus Huhn

Das NOK der BRD hat ein Kapitel Sportgeschichte geschrieben. Zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele hat es eine Art Behrde an der Auswahl seiner Mannschaft beteiligt, die niemand vorher bemht hat. Gemeint ist jene Instanz, die hinterlassene Akten eines hchst umstrittenen DDR-Ministeriums verwaltet. Auf ihr Betreiben wurden drei Mitglieder der Mannschaft fr Turin von der Liste gestrichen. Ihre Namen wollte man nicht nennen, aus Rcksicht auf die Persnlichkeitsrechte von Personen, deren Rechte durch die Streichung bereits arg geschdigt waren.

Der inzwischen bekannt gewordene Name des Olympiamedaillengewinners im Eiskunstlauf und heutigen Trainers eines Kunstlaufpaares, Ingo Steuer, lie den Stil dieses Vorgehens ruchbar werden: Es wrden Akten vorliegen, die Berichte Steuers fr die Staatssicherheit enthielten, hie es seitens der Behrde. Niemand hielt es fr ntig, ihn mit diesen Akten zu konfrontieren, was ihn daran hinderte, einen Rechtskundigen zu beauftragen, diese zu prfen. Niemand wute, wie echt sie sind, wann sie zustande gekommen waren.

Die erwhnte Behrde, das offenbarte der Fall in eklatanter Weise, geniet juristische Narrenfreiheit: Ein Papier mit ihrem Absender reicht aus, um eine Olympiamannschaft zu verndern und um - wie in diesem konkreten Fall - ein lange trainierendes Eiskunstlaufpaar durch einen absurden Nervenkrieg um seine Olympiachance zu bringen.

Am Montag hat das Landgericht Berlin eine Einstweilige Verfgung erlassen, die das NOK zwang, Ingo Steuer bis zum Meldeschlu fr die Spiele - Dienstag, 23.59 Uhr - auf die Mannschaftsliste zu setzen. Das Gericht scheint die Ungesetzlichkeit des Eingriffs der Birthler-Behrde in das nationale olympische Geschehen damit vorlufig besttigt zu haben.

Erst am Dienstag verffentlichte der unter Druck geratene Jagdverein gegen Ostdeutsche (Hagen Bodorf) via FAZ und Sddeutsche dann schlielich Dokumente, nach denen Steuer als IM Torsten fr die MfS-Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt ttig gewesen sein soll. Steuer berlegt jetzt, ins Ausland zu gehen.

Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den vom Internationalen Olympischen Komitee nie beanstandeten Fall eines berhmten Agenten, der 1936 und 1948 als Chef des britischen alpinen Teams fungiert hatte: Peter Lunn. Er hatte sich in den frhen 50er Jahren einen Namen gemacht als einer der Verantwortlichen fr den Bau eines Tunnels, der von Westberlin in die DDR fhrte und dazu dienen sollte, sowjetische Fernmeldeleitungen anzuzapfen. Sein Pech: Das Projekt wurde vorher von einem anderen Briten den Sowjets signalisiert. In wenigen Wochen wird das Alliierte Museum in Berlin zum 60. Jahrestag der offiziellen Entdeckung des Tunnels eine Sonderausstellung erffnen. Ob Vertreter des NOK sie besuchen werden?