jungeWelt

05.10.2007 / Thema / Seite 10

Spurensuche in Jamlitz

»Das hat's bei uns nicht gegeben! - Antisemitismus in der DDR«: Hintergründe einer Verleumdungskampagne über einen der »größten Skandale der DDR«

Hans Daniel

Ende September wurde die federführend von der Amadeu-Antonio-Stiftung betreute und vorwiegend von der »Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur« gesponserte Wanderausstellung »Das hat's bei uns nicht gegeben! - Antisemitismus in der DDR« nach ihrer Premiere im April erneut in Berlin präsentiert. Weitere Stationen werden in den nächsten Wochen Fürstenwalde, die Berliner Bezirke Pankow und Neukö'lln, Pirna und Bernau sein. Die hier (meist auf der Grundlage von Akten der staatlichen Ermittlungsbehörden) zusammengetragenen Einzelbeispiele antisemitischer Vorfälle in der über 40jährigen Geschichte der DDR sollen das generelle Verdammungsurteil rechtfertigen: »Der Bodensatz blieb unangetastet«.

Man wird lange in den Archiven der im Springer-Verlag erscheinenden Tageszeitung Die Welt suchen müssen, um eine Übereinstimmung des Blattes mit dem ostdeutschen Faschismusforscher Prof. Dr. Kurt Pätzold zu finden. In einer umfangreichen Würdigung der Antisemitismus-Ausstellung gibt es aber eine solche. »Sachlich durchaus richtig«, resümiert Die Welt einen ND-Beitrag des Historikers vom 7. April dieses Jahres, »faßt Pätzold die Kernaussagen der Ausstellung zusammen: >Der untergegangene deutsche Staat soll seines Charakters als antifaschistisches Staatswesen entkleidet werden. Daß er sich so darstellte, wird als bloße Lüge zum Zwecke seiner Legitimation dargestellt. In Wahrheit habe er die Hinterlassenschaften des Naziregimes, hier Bodensatz genannt, unangetastet belassen«.« (Die Welt, 27. Juli 2007, S. 30: »Die Opfer weisen viel Zahngold auf«)

Am 30. Juli wird dieser Artikel noch einmal bei WeltOnline nachgereicht - mit einer verschärften Schlagzeile: »Stasi schändete die Leichen von KZ-Opfern«. Die Ausstellung zeige, daß Antisemitismus in der DDR »alltäglich war«, heißt es in der Einleitung und: »Die schockierendste Erkenntnis der Aufarbeitung: Stasi-Mitarbeiter raubten die Zahnfüllungen jüdischer KZ-Opfer«. Bezug genommen wird auf eine der 36 Ausstellungstafeln. Was hier zu sehen ist, wird - drei Wochen nach dem Pätzold-Beitrag -im Neuen Deutschland vom 27. April wie folgt resümiert: »Eine Tafel beschreibt, wie 1971 im brandenburgischen Jamlitz ein Massengrab ehemaliger jüdischer KZ-Häftlinge entdeckt wurde und wie MfS-Mitarbeiter, bevor die menschlichen Überreste entgegen jüdischem Brauchtum feuerbestattet wurden, ihnen insgesamt >1080 g Zähne und Zahnprothesen« entnahmen.« (Die Welt: »Irritierend ist, daß ausgerechnet das PDS-Blatt Medienpartner der Ausstellung ist.«)

Folgt man dieser Darstellung, so bietet Jamlitz in der Tat den Stoff, mit dem - über das einstige Ministerium der Staatssicherheit der DDR als immer willkommenem Vehikel - im Geiste der Totalitarismusdoktrin eine der übelsten Aktionen zur Delegitimierung des Antifaschismus der DDR inszeniert werden kann. Willkommene Gelegenheit auch, jenen Mitarbeitern des MfS am Zeug zu flicken, die zu DDR-Zeiten dazu beigetragen haben, die tiefbraunen Westen und so manche blutbefleckte Hand bundesdeutscher Prominenz ans Licht zu holen.

Rückblende Jamlitz 1945

Ende 1942/Anfang 1943 beschloß die Reichsführung der SS, vier neue Truppenübungsplätze zu errichten. Einer davon, »der größte Truppenübungsplatz der deutschen Waffen-SS in Europa«, so entschied der oberste SS-Führer Heinrich Himmler, sollte in der »Kurmark, Kemland der Mark Brandenburg« entstehen. Dazu brauchte man billige Arbeitskräfte. Deshalb wurde im Herbst 1943 in dem Dorf Jamlitz, etwa vier Kilometer von der brandenburgischen Ortschaft Lieberose entfernt, im Umfeld des dortigen Bahnhofs das Konzentrationslager Lieberose (SS-intern »Liro«) als Nebenlager des KZ Sachsenhausen gebaut. Tausende Häftlinge aus fast allen Ländern Europas, vor allem polnische und ungarische Juden, kamen bei den dort herrschenden mörderischen Arbeitsbedingungen ums Leben. Das KZ wurde von der SS als »Straflager« geführt.

Den größten Anteil stellten Jugendliche und Männer, die bei den Selektionen im KZ Auschwitz für arbeitsfähig erklärt und auf Transport nach Liebrose geschickt worden waren. Für sie galt die Losung des Lagerkommandanten Wilhelm Kersten: »Die Juden müssen zittern!« Anfang Februar 1945 begann angesichts der näherrückenden Roten Armee die »Evakuierung« der Häftlinge, von denen viele in Sachsenhausen in der »Station Z« umgebracht wurden. Am 2. Februar wurden die im Lager verbliebenen kranken, marschunfähigen Häftlinge auf Lastwagen zu einer Kiesgrube gefahren und dort von SS-Einheiten abgeladen, erschossen und verscharrt.

Nach 1945 wurde das Lager Jamlitz von der sowjetischen Besatzungsmacht übernommen; es diente von September 1945 bis April 1947 als Internierungslager für Naziaktivisten und dem NKWD als »Speziallager Nr. 6«, in dem auch zu Unrecht festgenommene Menschen inhaftiert waren.

Rückblende Jamlitz 1971

 

Im Mai 1971 stoßen Bauarbeiter in der Nähe des Dorfes Staakow in einer nicht mehr ausgebeuteten Kiesgrube auf die Gebeine der dort von der SS verscharrten Menschen. Daraufhin übernehmen Angehörige der Volkspolizei die Grabungen. Sie fördern weitere Skeletteile und Schädel mit Einschußlöchern am Hinterkopf zutage. Federführend für die ersten Ermittlungen wird die Bezirksstaatsanwaltschaft in Cottbus. Schnell steht fest, daß es sich hier um die Skelette der ermordeten Häftlinge aus den Februartagen des Jahres 1945 handelt - das größte Massengrab aus der Zeit des Faschismus, das auf DDR-Boden gefunden wurde.

Darum wird die Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) verständigt, die ein Ermittlungsverfahren einleitet zur Aufklärung des Verdachts eines NS-Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Dafür gibt es im Ministerium die Hauptabteilung IX/10, eine Spezialabteilung zur Untersuchung von Nazi- und Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Generalstaatsanwaltschaft in Berlin zieht das Ermittlungsverfahren an sich. Gerichtsmedizineraus Dresden beginnen mit der Exhumierung und den Ermittlungen zu Todesursachen, Geschlecht, Alter, Herkunft der Opfer.

Eine Gedenkstätte für die Opfer

Parallel zu den Ermittlungen nach noch lebenden Tätern fahren MfS-Mitarbeiter nach Budapest, um hier Aufklärung über die Opfer zu erhalten, da die Hinterlassenschaften der SS keine personenbezogenen Daten der Ermordeten enthielten. So konnten auch keine Verwandten ermittelt und befragt werden. Ein Umstand, der mit dazu beigetragen hat, die ursprüngliche Absicht aufzugeben, die Skelette der Exhumierten nach Abschluß der gerichtsmedizinischen Untersuchungen und ihrer folgenden Freigabe in 30 Särgen in der Gedenkstätte Sachsenhausen beizusetzen. Die sterblichen Überreste wurden am 24. Mai 1971 in das Krematorium Forst zur Feuerbestattung überführt. Das entsprach der damaligen Bestattungsordnung. Das Kulturministerium entschied, in Lieberose/Jamlitz eine Gedenkstätte einzurichten.

So geschah es. Auf einem Hügel neben dem Friedhof von Lieberose wurde ein Ringgrab angelegt, in dessen Mitte bei einer feierlichen Zeremonie am 12. September 1971 eine Urne mit der Asche der Toten beigesetzt wurde. Am 6. Mai 1973 erfolgte die Einweihung des Mahnmals, einer weithin sichtbaren Mauer, auf der neben einem roten Winkel die unmißverständliche, und nicht - wie heute immer noch behauptet - auf kommunistische Widerstandskämpfer einengende Inschrift zu lesen ist: »Ehrendes Gedenken den Opfern des Faschismus, die im Nebenlager Lieberose/Jamlitz des KZ Sachsenhausen von der SS ermordet wurden. 1943-1945«. Am 12. September 1983 schließlich konnte ein Museum am Fuße des Mahnmals eröffnet werden.

Penible Protokollführung

Dr. Karli Coburger war zur damaligen Zeit Oberst und stellvertretender Leiter der Hauptabteilung IX/10 im MfS. Im jW-Gespräch schildert er Mitte September 2007 die komplizierten Bergungsarbeiten durch die Gerichtsmediziner. Diese stellten bei den Grabungen fest, daß »sich Goldzähne und andere Zahnkonstruktionen von den Körpern gelöst hatten bzw. bei der Exhumierung durch Austrocknung herausfielen. Eine Zuordnung der gefundenen Gegenstände zu den einzelnen Toten war nicht mehr möglich. Da es sich aber um mögliche Beweise handelte, die eventuell Auskunft über die Herkunft der Toten geben konnten, und auch, um illegale Zugriffe von Dritten auszuschließen, wurden diese Gegenstände gesammelt. Noch mit den skelettierten Körpern fest verbundene Goldzähne und Konstruktionen verblieben selbstverständlich in dem aufgefundenen Zustand.«

In einem »Sachstandsbericht zum Untersuchungsvorgang gegen >Unbekannt<« der Cottbuser Bezirksverwaltung des MfS vom 27. Mai 1971 wird festgestellt, daß aufgrund des Zahnstatus und anderer Kriterien, die eine Altersbestimmung möglich machten, ein Durchschnittsalterzwischen 25 und 35 Jahren, aber auch von Personen unter 18 und bis zu 60 Jahren ermittelt wurde. »Durch das Gerichtsmedizinische Institut Dresden wird versucht, die Nationalität auf der Grundlage der Bestimmungen der Blutgruppen festzustellen. Außerdem werden in Verbindung mit einem Stomatologen Untersuchungen des Zahnstatus vorgenommen, um insgesamt aussagekräftige Hinweise zur Nationalität geben zu können.«

Alle Vorgänge der Exhumierung sind penibel protokolliert. »Wir hatten nichts zu verbergen und waren uns in Erinnerung an die faschistischen Verbrechen der hochsensiblen Problematik voll bewußt«, sagt Coburger. Vor der Feuerbestattung sind, laut einem Protokoll der MfS-Bezirksverwaltung vom 17. Mai 1971, die aufgefundenen Goldprothesen »durch die Gerichtsmedizin Dresden an das Untersuchungsorgan übergeben« worden. Die am Tatort gefundenen persönlichen Gegenstände der Toten (Medaillons, Schnitzfiguren u.a.) wurden, da das Ermittlungsverfahren noch nicht abgeschlossen war, einschließlich des geborgenen Zahngoldes als Beweismaterial in den Asservatendepots des MfS aufbewahrt. Ein Aktenvermerk der zuständigen Hauptabteilung IX/10 des MfS vom 27. Juli 1972 hält dazu fest: »Die zusammen mit dem Gutachten der Gerichtsmedizin übergebenen Gegenstände, einschließlich der Edelmetalle, sind als Beweismaterial zu betrachten und dementsprechend zu sichern.« Dazu Karli Coburger: »Es konnte nicht ausgeschlossen werden, daß aus dem In- und Ausland doch noch neue Erkenntnisse eingehen, die zur Identifizierung einzelner Opfer oder zur Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens hätten führen können.«

Laut einer »Verfügung« vom 3. März 1975 »in der Strafsache gegen Unbekannt wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit im ehemaligen KZ Sachsenhausen, Außenlager Lieberose, wird das Verfahren gemäß § 150 (1) StPO vorläufig eingestellt.« Für die Durchführung des Verbrechens seien nach den bisherigen Feststellungen »mindestens 18 ehemalige SS-Angehörige verantwortlich. Zwei der Täter sind nachweislich gestorben. Zur Auffindung der übrigen 16 Täter wurden umfangreiche Maßnahmen eingeleitet, die bisher ergebnislos verlaufen sind. Daher wird das Verfahren vorläufig eingestellt.«

»Vorläufig eingestellt«, das heißt eindeutig, der »Vorgang« ist nicht abgeschlossen und kann jederzeit wieder aufgenommen werden. Entsprechend war also auch mit dem Beweismaterial umzugehen.

»Verwahrung« statt »Abverfügung«

In einem Vermerk eines Hauptmanns der Cottbuser Bezirksverwaltung des MfS vom 26. März 1975 heißt es: »Nach Rücksprache mit Gen. Oberst Coburger, stellv. Leiter der HA IX, ist das Gold aus dem Vorgang gegen Unbekannt im derzeitigen Zustand, eingeschweißt, an die HA IX/10 zu übersenden. Es verfolgt Verwahrung bei der Kasse des MfS...« Dazu gibt es ein »Übergabeprotokoll« vom 30. Mai 1975: »Am heutigen Tage, 30.5.75, werden der Hauptabteilung IX/10 aus dem Untersuchungsvorgang gegen >Unbekannt< wegen Kriegs- und Naziverbrechen insgesamt 1080 g (eintausendachtzig) Zahngold mit Zähnen (verpackt in einem Plastikbeutel) zur weiteren Verwendung übergeben.« »Verwendung«, das heißt, wie ein weiteres Übergabeprotokoll mit Datum vom 16. Juli 1975 präzisiert, daß laut Weisung von Coburger diese 1080 Gramm »Zahngold und Zahnprothesen mit Gold« dem Leiter der Abteilung Finanzen »zur Verwahrung übergeben« wurden. »Die Verwahrung soll sich vom Datum der Übergabe an auf fünf Jahre erstrecken. Nach Ablauf dieser Frist erfolgt die Entscheidung über den weiteren Verlauf. Die Herausgabe kann nur mit Genehmigung des Leiters der HA IX oder seines Stellvertreters erfolgen. Das Gold wird in einem mit der Petschaft Nr. 8011 versiegelten Päckchen übergeben

Dann gerät der Vorgang als abgeschlossen in Vergessenheit. Das Päckchen liegt irgendwo in den Panzerschränken des Ministeriums. Ein Protokoll über eine »Abverfügung« oder eine Verarbeitung existiert nicht. Coburger, der im übrigen weder von einem der so eifrigen Enthüllungsjournalisten noch von den Ausstellungsmachern befragt worden ist, schließt die Möglichkeit nicht aus, daß sich womöglich auch jemand in den »wirren Tagen nach der »Wende« unkorrekt verhalten hat. Der Abteilung Finanzen sei bei der Auflösung des MfS von der Staatsbank jedenfalls die völlige Korrektheit ihrer Bestände und Unterlagen bestätigt worden. Darüber gebe es auch ein Protokoll.

Rückblende Jamlitz 2001

 

Nicht das Päckchen mit der Petschaft Nr. 8011, aber die Geschichte mit der Sicherung des Goldes bei der Exhumierung der Opfer des Faschismus aus dem Maitagen des Jahres 1971 taucht drei Jahrzehnte später wieder auf. Allerdings nicht als Erinnerung an das SS-Massaker in Jamlitz oder die Bemühungen der Gerichtsmediziner, der Justiz und des MfS bei der Bergung der Opfer. Der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg gibt am 2. Oktober 2001, als Beitrag zum »Tag der deutschen Einheit«, in der Sendung »Klartext« über die »geschändeten KZ-Opfer von Jamlitz« den Auftakt zur Verleumdungsaktion. Zwei Tage später mutiert das Geschehene in der Bild-Zeitung zu einem »der größten Skandale der DDR«. Überschrift: »Leichen von KZ-Häftlingen gefleddert«. Natürlich durch die »Stasi«. »Sie hatte es auf das Gold der KZ-Opfer abgesehen Sie hat »nach ihrem elenden Tod die Nazi-Opfer nochmals mißbraucht. Ausgerechnet in Erich Honeckers antifaschistischen DDR.« Bild spricht von einem »unglaublichen Skandal«. Antenne Brandenburg vermeldet die »Plünderung eines Massengrabs«.

Mit etwas Abstand und weniger Krawall brachte die Süddeutsche Zeitung einen ganzseitigen Beitrag. In dem finden sich einige aufschlußreiche Details aus der Erinnerung von Dr. Karl-Heinz Frank, der damals an den gerichtsmedizinischen Untersuchungen beteiligt war. Sie fanden weder bei Bild noch Welt Erwähnung. Denn: Frank bestätigte weitgehend die Darstellungen von Karli Coburger: »An der Böschung liegen schräg an der Hangebene in einem 24 Meter langen und zwei bis vier Meter breiten Streifen die Skelette in mehreren Schichten, meist quer zum Hang oder mit Kopf und Brust oberflächlich, Becken und Beine von anderen Schichten bedeckt bzw. mit dem Kopf in der Tiefe und die Beine anderen Skeletten aufliegend. (...) Die Toten mußten einfach abgekippt worden sein, ihre Knochen lagen unter- und übereinander, die Bergung war schwierig. Auf einer planierten Fläche wurden die Skelette in Reihen aufgebahrt und begutachtet Dr. Frank weiter: »Ein Teil des Zahngolds war lose Die Kiefer seien durch Schüsse zertrümmert, Schädel von Baumwurzeln durchwachsen gewesen, Brücken und Prothesen hätten im Sand gelegen oder sich beim Umbetten gelöst. Es gab Bedenken, daß etwas verlorengeht oder gestohlen wird. Also hätten die Ärzte alles, was lose war, auch »das Zahngold in Beuteln gesammelt. Für jedes Skelett einen Beutel.« Das alles, so Frank, sei 30 Jahre her, an viele Details erinnere er sich nicht mehr. »Er wisse nur, daß es keine Anordnung gab, Zahngold herauszubrechen«, notierte die Süddeutsche Zeitung (8. November 2001, S. 3: »Das Erbe einer doppelten Vergangenheit«)

Infamie mit Totschlagkeule

 

Als Kronzeuge dieses exemplarischen Beitrags zur staatlich verordneten »Delegitimierung der DDR« (Klaus Kinkel im Jahr 1991 als Bundesjustizminister), die nun 2007 in der Wanderausstellung zu einem Kernbeweis für den »Bodensatz« Antisemitismus in der DDR neu aufgelegt wird, dient der als »Historiker« bezeichnete Andreas Weigelt. In der kleinen KZ-Gedenkstätte Lieberose hatte er eine ABM-Stelle zur Erforschung der beiden Lagergeschichten von Jamlitz erhalten. Die Süddeutsche weiß: »Inzwischen bezahlt eine Stiftung seine Stelle und die Fahrten in die Archive nach Berlin, Potsdam, Moskau. In Cottbus fand er die Ermittlungsakte Nr. 73 der Stasi

Das ist die Akte mit dem gesamten Vorgang Jamlitz und allen hier aufgeführten MfS-Dokumenten, die auch dem Autor (mit dem bei der Birthler-Behörde gebräuchlichen Stempel »Kopie BStU«) vorliegen. Sie werden nun von Weigelt auseinandergenommen, in Frage gestellt, nach Gutdünken interpretiert und ausgedeutet. Der ob der Brisanz der Angelegenheit nachvollziehbare vorsorgliche Vermerk eines Mitarbeiters der DDR-Generalstaatsanwaltschaft - »Die Opfer weisen zum Teil viel Zahngold auf. Dieser Faktor darf bei der Umbettung nicht ganz unberücksichtig bleiben« - wird als Aufforderung zum Raub interpretiert. »Er bleibt nicht unberücksichtigt«, kommentiert denn auch Die Welt am 27. Juli 2007. »Den weitgehend verwesten Leichen entnehmen (!) Männer der Staatssicherheit insgesamt 1080 Gramm Zahngold, bevor die Leichen entgegen dem jüdischen religiösen Recht eingeäschert werden.« Und dann die Stasi-Totschlagkeule: »Erschütternd daran: Nicht wesentlich anders haben es auch die Nazis gehalten - der SS-Hauptsturmführer Bruno Melmer lieferte ab 1942 insgesamt 76mal Zahngold bei der damaligen Reichsbank ab. Es war in den Vernichtungslagern aus den Kiefern ermordeter Juden herausgebrochen worden

Es gehört schon eine ganze Portion Infamie dazu, die Bergung der Opfer eines faschistischen Massenmordes mit der industriemäßigen Ermordung der Juden in den Vernichtungslagern und der Verwertung des dabei geraubten Goldes für die Kriegsführung des Regimes durch die Firma Degussa auf eine Stufe zu stellen. Und was die Gleichsetzung des MfS mit den für die Judenverfolgung und -ermordung Verantwortlichen angeht: Erst dieser Tage ist auf einer Veranstaltung in Frankfurt/Main neuerlich belegt geworden, in welchem Ausmaße in der Alt-BRD die Gründerväter des Bundeskriminalamtes von »Judenverfolgern zu Kommunistenjäger« werden konnten.

Die angeprangerte Einäscherung der Exhumierten und die damit verbundene Verletzung jüdischen Brauchtums ist sicher aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar und nur aus der Zeit erklärbar. Sie und die Ereignisse in Jamlitz insgesamt jedoch als »nur ein wenig bekanntes Beispiel für den Antisemitismus in der vermeintlich antifaschistischen DDR« und eines von vielen »Beispielen für die Judenfeindschaft unter dem SED-Regime« (Die Welt) darzustellen, bestätigt die eingangs zitierte Feststellung des Springerblattes, nach der die Bewertung dieser Wanderausstellung durch Kurt Pätzold »sachlich durchaus richtig« ist: Die DDR soll ihres Charakters als antifaschistischer Staat entkleidet werden ...