junge Welt 04.05.2019

Von wegen Geschichtsklitterung

Dem profilierten DDR-Historiker und MfS-Analytiker Klaus Eichner zum 80. Geburtstag.

Frank Schumann

Es war nach der Jahrtausendwende und das Auto unterwegs nach Hoyerswerda. Ein Huflein Versprengter, ehemalige Genossen diverser Diensteinheiten, wollte mit den beiden ber ein aktuelles Buch diskutieren. Die Publikation war wie meist nur der Aufhnger. Bei solchen Zusammenknften ging es in der Regel um Selbstvergewisserung und Selbstermutigung. Die Revolutionre von einst wollten sich von den Konterrevolutionren und ihren allgegenwrtigen Hilfstruppen nicht einreden lassen, sie htten bis '89 nur Mist gemacht und gehrten darum auf den Mllhaufen der Geschichte. Aber an dieser berzeugung festzuhalten fiel schwer angesichts der Vereinzelung und des gewaltigen Heulens der Wlfe.

Ich hre auf, sagte Klaus Eichner unvermittelt. Ich fhle mich berfordert. Und auerdem bin ich nicht mehr ganz gesund, wie du weit. Gotthold Schramm hinterm Lenkrad schaute unverndert geradeaus und sagte ein paar Kilometer nichts. Dann, ungewhnlich ruhig und ohne Blick auf seinen Beifahrer: Ich nehme die Kndigung nicht an!

Die beiden haben, zumindest in meinem Beisein, nie wieder darber gesprochen. Und weiter gemeinsam Bcher herausgebracht und vorgestellt. Sie waren - Gotthold Schramm verstarb am 18. Mai vor einem Jahr - jene beiden produktiven Personen der Zeitgeschichte, die als profilierte Insider das wahre Bild von der DDR-Aufklrung vermittelten. Unter anderem waren sie mageblich beteiligt an der Entstehung einer achtbndigen Geschichte der HV A. Dafr wurden sie des Geschichtsrevisionismus und der Apologetik geziehen.

Eichner und Schramm gehrten zu den Initiatoren des Insiderkomitees zur Frderung der kritischen Aneignung der Geschichte des MfS, deren erster Sprecher Oberst a. D. Klaus Eichner war. Und von ihm ging in den frhen 90er Jahren auch die Initiative aus fr die Zwiegesprche in der Berliner Erlserkirche, bei denen sich die sogenannten Tter und Opfer sachlich austauschten.

Der gebrtige Vogtlnder Klaus Eichner, mehr als drei Jahrzehnte beim MfS, suchte nmlich stets die Offensive. Er tat dies zeitlebens berlegt, mit Bedacht, ganz wie man es von einem Analytiker erwarten konnte. Eichner leitete nmlich in der Abteilung IX - das war die Gegenspionage in der Aufklrung - den Bereich C, also Auswertung und Analyse. Er war im MfS der Chefanalytiker der Geheimdienste der USA.

Eichner hatte im Fernstudium ein Juradiplom an der Humboldt-Universitt gemacht, nach der Wende studierte er dort auch Umweltschutz und kologie, war in diesem Bereich auch einige Zeit ttig, um sich in der Freizeit ganz der Geschichtsklitterung hinzugeben, der er in der brgerlichen Presse bezichtigt wurde. Nur einmal wurde er dort fair und korrekt behandelt. Das war 2014. Snowden hatte die Aktivitten der US-Spitzelvereinigung NSA offengelegt, und es war publik geworden, dass selbst die Bundeskanzlerin seit Jahren von den US-Amerikanern abgehrt worden war. Und Eichner, darber nur lchelnd, verriet in seinem Buch Imperium ohne Rtsel (Edition Ost), was die DDR-Aufklrung ber die NSA bereits gewusst hatte. Mit Hilfe von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) war die Hauptverwaltung Aufklrung in den Besitz entsprechender Dokumente gekommen. Diese Papiere waren am 4. Oktober 1990 im Auftrag des damaligen Bundesinnenministers Wolfgang Schuble von Beamten des Bundesgrenzschutzes sichergestellt und ohne Sichtung in die USA ausgeflogen worden.

Darber berichtete Klaus Eichner am 15. Mai 2014 auch in den Rumen der Bundeszentrale fr politische Bildung in der Berliner Friedrichstrae. An der Podiumsdiskussion nahmen unter anderem der Whistleblower William Binney und der damalige Washingtoner Spiegel-Korrespondent Holger Stark teil. Sie besttigten dem staunenden Publikum, dass die Mitte der 80er Jahre von der DDR-Aufklrung entdeckte National Sigint Requirements List (NSRL), das Programm der USA zur systematischen Aussphung und damit Beherrschung der Welt, laufend aktualisiert werde. Von wegen Geschichtsklitterung! Ein Bundestagsabgeordneter der Grnen, fr ihre tiefsitzenden Vorurteile und Aversionen gegenber dem MfS bekannt, suchte anschlieend das Gesprch mit Eichner. Und der Spiegel sprach mit dem ehemaligen DDR-Offizier Klaus Eichner (25/2014) - das Kainsmal und Krzel MfS kam in dem Interview nicht ein einziges Mal vor.

Am heutigen Samstag wird der Aufklrer Klaus Eichner 80. Wir ziehen den Hut und sagen: Danke.