Kalenderblatt

<<15. Januar 1990>>

Der „Sturm" auf die MfS-Zentrale in Berlin am 15. Januar 1990 und deren Besetzung durch heute als Bürgerrechtler bezeichnete Personen besiegelte das Ende des MfS inkl. aller Versuche, Nachfolgeeinrichtungen wie ein Amt für Nationale Sicherheit, Auslandsnachrichtendienst oder Verfassungsschutz der DDR zu etablieren. Zugleich verkörperte dieses Datum einen weiteren bedeutsamen Akt der Selbstaufgabe der DDR und einen wichtigen Sieg der Konterrevolution. Die Lage des MfS war zu diesem Zeitpunkt bereits desolat. Kreis- und Objektdienststellen existierten nicht mehr und von 15 Bezirksverwaltungen (BV) des MfS waren acht, darunter so wichtige BV wie Leipzig und Dresden, durch Besetzung nicht mehr arbeitsfähig. Das Wachregiment des MfS war politisch demoralisiert, konnte keinen zuverlässigen äußeren Schutz der MfS-Objekte mehr gewährleisten und war durch Angehörige operativer Diensteinheiten abgelöst worden. Die Ein- und Ausgänge der MfS-Zentrale wurden schon seit Wochen von Angehörigen der Volkspolizei und z. T. zusätzlich von sog. Bürgerrechtlern kontrolliert. Zu diesem Zeitpunkt waren durch die von der Modrow-Regierung veranlaßten Maßnahmen bereits fast alle leitenden Mitarbeiter des MfS (Generale, Leiter von Hauptabteilungen und deren Stellvertreter) aus dem aktiven Dienst ausgeschieden. Der größte Teil des Mitarbeiterbestandes - so auch die Hälfte meiner Hauptabteilung (HA), der HA XX des MfS - war entlassen, weitere Mitarbeiter bereiteten sich auf ihre Entlassung vor. Der sowjetische Verbindungsoffizier zur HA XX, der mich sonst regelmäßig einmal wöchentlich aufgesucht und dabei von mir jede nur denkbare Hilfe und Unterstützung erhalten hatte, war seit Oktober 1989 nicht mehr erschienen. Die „unverbrüchliche Freundschaft" zwischen dem Komitee für Staatssicherheit der UdSSR und dem MfS hatte sich als eine Fiktion erwiesen.

Am 10. Januar 1990 mußten die Mitarbeiter meiner HA - wie die anderen MfS-Angehörigen - ihre Dienstpistolen abgegeben. Die Waffenkammern, in denen sich Maschinenpistolen und andere leichte Infanteriewaffen befanden, waren geleert und sämtliche Waffen abtransportiert worden. So konnte es kein Zufall sein, das genau einen Tag danach, am 11. Januar, in Berlin Plakate und Flugblätter des "Neuen Forum" auftauchten, in denen für den 15. Januar 1990 zu einer "Aktionskundgebung vor dem Stasi-Gebäude Ruschestraße" aufgerufen wurde. Die Teilnehmer sollten Steine mitbringen, angeblich um die Eingänge zuzumauern.

Ich selbst erlebte den "Sturm auf das MfS" am 15. Januar im Dienstgebäude meiner HA, dem Haus 7, in dem heute Aktenbestände der Birthler-Behörde (BStU), lagern und gelegentlich "Archiv-Führungen" stattfinden.

Alle Mitarbeiter waren gegen Mittag nach Hause geschickt worden. Auch mir war freigestellt, das MfS zu verlassen. Ich entschloss mich aber zu bleiben, um die mir unterstellten beiden Offiziere der ständigen operativen Lagegruppe in dieser Situation nicht allein zurück zu lassen. Zusammen mit einem weiteren freiwillig gebliebenen Abteilungsleiter und dem Operativen Diensthabenden hielten damit fünf Mitarbeiter die Stellung der HA XX. Wir verschlossen die Eingangstür zum Haus 7, meldeten unsere Dienststärke dem Zentralen Operativstab (ZOS) des MfS und warteten, wie sich die Lage entwickeln sollte.

Etwa gegen 14.30 Uhr berichteten von mir zur Außensicherung des MfS abkommandierte Mitarbeiter, dass sie - wie alle anderen MfS-Bewachungskräfte auch - ihren Dienst beenden. Der Komplex der MfS-Zentrale war damit nur noch von einzelnen VP-Angehörigen, die auch angesichts der sich abzeichnenden Entwicklung keinerlei Verstärkung erhalten hatten, und sog. Bürgerrechtlern „bewacht". Am späten Nachmittag versammelten sich dann einige tausend Demonstranten vor den Eingängen zum MfS. Nachdem sportlich durchtrainierte junge Männer die verschlossenen Tore übersprungen hatten, wurden diese ohne jeden Widerstand von innen geöffnet und die Masse strömte herein - begleitet von westlichen Journalisten und Medienleuten.

Die aufgeputschte Menschenmenge bewegte sich überwiegend zu einem größeren Gebäude, in dem sich zwei Speisesäle, ein größerer Konferenzraum, eine HO-Verkaufsstelle mit dem DDR-üblichen Angebot, eine Buchverkaufsstelle und weitere kleine Dienstleistungseinrichtungen befanden. Auch dem nach der „Erstürmung" erschienenen Ministerpräsidenten Hans Modrow gelang es mit einer improvisierten Ansprache im Innenhof des MfS-Objektes nicht, die Menschen zu beruhigen und von weiteren Verwüstungen und Plünderungen abzuhalten. Unser Haus 7 blieb verschont. Weniger Glück hatten die Genossen der HA II, der Spionageabwehr im Haus 2. Ein Verräter aus ihren Reihen hatte westlichen Geheimdiensten genau beschrieben, welche Panzerschränke in welchen Zimmern für sie von besonderem Interesse wären. Inmitten der Menschenmenge eingedrungene Agenten verschafften sich Zugang zu diesen Panzerschränken und räumten sie aus.

Unsere kleine Gruppe in der HA XX hatte mit der einbrechenden Dunkelheit die Verdunkelungsvorhänge zugezogen und konnte die Ereignisse bald auch im Fernsehen direkt verfolgen. Zwei Mitarbeiterinnen, die im Wohngebiet Frankfurter Allee-Süd wohnten, hatten sich auf meine Bitte hin unter die Menschenansammlung gemischt und berichteten mir regelmäßig telefonisch, was um sie herum vorging. Gegen 23.00 Uhr hatte sich alles beruhigt, die „Erstürmer" hatten das MfS-Gelände verlassen. Auf Weisung des ZOS registrierten wir alle Beschädigungen an unserem Dienstgebäude, die in diesem Falle aus einer Vielzahl von Schmierereien, auch auf abgestellten Dienst-Pkw, bestanden. Verwüstungen konzentrierten sich im zentralen Dienstleistungsgebäude, die HO-Verkaufsstelle war geplündert und im Konferenzsaal wertvolle Tontechnik demoliert worden. Nach meinen Bericht an den ZOS verließ ich zusammen mit dem anderen Abteilungsleiter der HA XX das MfS durch den Hauptausgang, der nun von sog. Bürgerrechtlern besetzt war, die sich offensichtlich auf eine vollständige Besetzung der MfS-Zentrale vorbereiteten.

Am 16. Januar 1990 gegen 3.00 Uhr wurden dann der Diensthabende und die operative Lagegruppe der HA XX aus dem MfS verwiesen. Meine Genossen brachten am Körper versteckt noch das Telefonverzeichnis der HA XX mit, welches in den folgenden Tagen für unsere Kommunikation besonders wertvoll war.

Mit der Berichterstattung über den "Sturm auf das MfS" erreichte die von den westlichen Medien betriebene Volksverhetzung einen neuen Höhepunkt. Ich erinnere mich, dass Speisekarten, wonach die Mitarbeiter des MfS mit Kaviar verpflegt worden seien, oder dass Gehaltsstreifen mit angeblichen Monatsverdiensten zwischen 6.000,- und 8.000,- Mark der DDR gezeigt wurden. Als später die Zeitung "Die Andere" die Gehaltslisten des MfS veröffentlichte, stellte sich heraus, dass noch nicht einmal Erich Mielke soviel verdient hatte. Bis heute bestimmen Lügenkampagnen der meinungsbildenden Medien das Bild über das MfS. Auch der Abstand von 15 Jahren reicht offenbar nicht aus, Hysterie durch Sachdiskussion zu ersetzen.

Wolfgang Schmidt, Oberstleutnant, a. D, ehem. Leiter der Auswertungs- und Kontrollgruppe (AKG) der HA XX im MfS; Mitautor des zweibändigen Sachbuches „Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS". edition ost im Verlag Das Neue Berlin, ISBN 3-360-01044-2

 

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in den "Roten Kalenderblättern" sowie in der "Roten Fahne" 87. Jahrgang, Nr. 1, Januar 2005