"Der Spiegel" im Zweifel

 

Beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", bisher eine der verlässlichsten Bastionen und keineswegs zimperlich, wenn es darum ging, Verleumdungen gegen das MfS zu kolportieren, scheint man dumpf zu ahnen, dass die Bundesanwaltschaft mit dem durch sie präsentierten angeblichen DDR-Killer einen peinlichen Flop entgegen steuert.

Ein Artikel dieses Magazins vom 29.09.2003, gezeichnet von Georg Mascolo, Sven Robel und Holger Stark, aus dem die nachfolgenden Zitate stammen, trägt die Überschrift "Serienkiller ohne Leichen".

Dann folgt die Beschreibung der Festnahmeaktion, die bei vergleichbaren Handeln des MfS das blanke Entsetzen ausgelöst hätte: "...ging alles ganz schnell. Vermummte Spezialkräfte des Bundeskriminalamtes (BKA) warfen Jürgen G. auf den Boden, fesselten ihn und verbanden ihm mit Klebeband die Augen. Schwer bewaffnete Beamte sicherten den Rückzug, während ihre Kollegen Jürgen G. blitzartig in eine schwarze Audi-Limousine stießen, die mit quietschenden Reifen davonraste. Nach nur 30 Sekunden war der Mann auf dem Weg zum Haftrichter."

Und weiter heißt es in diesem Artikel: "Mit noch unbekannten Kumpanen soll der einstige Volksarmist, ein gelernter Funker, zwischen 1976 und 1987 mindestens zwei Dutzend Mal als Todesengel des Sozialismus geschickt worden sein, angesetzt auf Verräter und solche, die mit Verrat drohten. Gleich 25 Morde legt die Bundesanwaltschaft ihm als Mitglied "eines im Staatsapparat der ehemaligen DDR angesiedelten Kommandos" zur Last, begangen in Ost wie West. G.s verstörter Freundin deutete ein BKA-Mann viel sagend an, dass man noch "fünf anderen" Killern auf der Spur sei.

Es wäre die wohl spektakulärste Enthüllung aus dem an Abgründen reichen Unterdrückungsapparat der DDR - wenn sie denn stimmt.... Sogar einen verdeckten Ermittler schleuste das BKA vor zwei Jahren an den Verdächtigen heran - der Beamte soll sich nach Angaben von G.s Anwältin als CIA-Mann ausgegeben haben, der einen erfahrenen Killer suchte. Jürgen G. erzählte dem vermeintlichen CIA-Agenten daraufhin so viele Details seiner angeblichen Karriere, dass es für einen Haftbefehl reichte...

Mit diesen Erzählungen konfrontiert, stritt Jürgen G. vor dem Haftrichter alles ab: Er habe sich doch nur wichtig machen wollen. Seitdem schweigt er.

Bei Bundesanwaltschaft und BKA gelten die Ermittlungen als extrem schwierig. Vor allem, weil bislang nicht eine Leiche gefunden wurde, die zu der Mordtheorie passen will - und damit auch kein Fall, in dem dem mutmaßlichen Agenten eine Mordmission im Staatsauftrag nachgewiesen werden könnte. In der Regierung, die die Bundesanwaltschaft direkt nach der Festnahme informierte, kursieren deshalb Zweifel, ob der Fall nicht in die Kategorie gern kolportierter, aber nie bewiesener Stasi-Verbrechen gehört. Aber kann man sich wirklich vorstellen, dass Jürgen G. die ganze Geschichte nur erfunden hat?

Immerhin: Die Liste solch mysteriöser Todesfälle, in die die Stasi involviert gewesen sein soll, ist lang. Nach den ersten Meldungen über die Verhaftung von "Honeckers Killer" ("Bild") wurde eilig spekuliert, Jürgen G. sei womöglich an Uwe Barschels Tod in der Badewanne 1987 oder am Tod des 1983 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommenen Fußballers und Republikflüchtlings Lutz Eigendorf beteiligt gewesen. Auch ein dubioser Fenstersturz eines Spitzendiplomaten der DDR in Bukarest geriet wieder ins Visier.

Die Beispiele sind zwar von Legenden umwoben, aber für die Bundesanwälte untauglich: Die Auftragsmörder, so hat es Jürgen G. erzählt, sollen ihrer Lizenz zum Töten ohne Ausnahme mit einer Neun-Millimeter-Makarow nachgekommen sein, der Standardwaffe der russischen Armee. "Wir haben einfach noch keine passenden Einschusslöcher gefunden", klagt ein frustrierter Fahnder....Selbst die raren Details, die Jürgen G. dem verdeckten Ermittler anvertraute, sind bislang Spuren ins Nichts - wie etwa die angebliche Hinrichtung des früheren "Postministers" des Arbeiter-und-Bauern-Staats in Karlshorst. Jürgen G. soll Schmiere gestanden haben, als der tödliche Schuss fiel. Nur: Einen toten Postminister hat es nie gegeben. Inzwischen mutmaßen die Fahnder, vielleicht sei ja das Ende des früheren Finanzministers Siegfried Böhm gemeint, der mit einer Makarow erschossen wurde - aber von seiner Frau.

Auch die Stasi-Unterlagen-Behörde, seit Monaten auf der Suche nach Belegen, förderte kein Blatt Papier über das Kommando zu Tage. ...Stets freundlich sei der schlanke Mann mit der Brille gewesen, sagen Bekannte. Seine Wohnung durchsuchten BKA-Beamte vergangene Woche mit Spürhunden. Doch auch hier fanden die Staatsschützer keine Hinweise auf eine heimliche Karriere in einer der Undercover-Einheiten, die Mielke in der Hoch-Zeit des Kalten Krieges hatte gründen lassen.

Ähnlich wie es die amerikanische CIA oder die westeuropäische Gladio-Organisation taten, ließ auch Mielke Pläne für Sabotage- und Terroraktionen auf gegnerischem Terrain ausarbeiten. "Wir wissen relativ umfassend, wer dafür ausgebildet wurde. Aber wir wissen wenig über konkrete Anschläge", sagt Thomas Auerbach von der Birthler-Behörde. In deren Archiv finden sich auch der Befehl Mielkes von 1963, eine geheime Sabotagetruppe zu gründen, sowie Berichte über die aus den verschiedenen MfS-Abteilungen rekrutierten Kader und deren Ausbildung. Bloß ein Hinweis auf G. oder auch nur auf ein tatsächlich entsandtes Kommando, dem G. hätte angehören können, fehlt. .."

Soweit der "Spiegel". Was die meisten anderen Medien und Presseorgane in dieser Sache so von sich gaben, ist eher ein Stück nach dem Motto "je größer die Lüge, umso eher wird sie geglaubt". Auch wenn am Ende ein kleinlautes Dementi folgt, etwas hängen bleibt immer.  Diese Art von Volksverhetzung ist in der Bundesrepublik durch das Recht auf freie Meinungsäußerung geschützt, ein Recht das allen gleichermaßen zusteht, nur  verfügt eben nicht jeder über die elektronischen Medien und die Presseorgane.

Wolfgang Schmidt

03.10.2003