Neues Deutschland vom 7. April 2008, Seite 6 (Meinung) Operation Leinkauf

Von Jrgen Elssser

Es spielen sich in diesen Tagen bei der Berliner Zeitung Szenen ab, die sich eigentlich schon vor 19 Jahren htten abspielen mssen, befindet die Sddeutsche Zeitung. Was das bayerische Zentralorgan in Wallung ber die preuischen Zustnde versetzt, ist eine Geschichte aus den Jugendtagen des Journalisten Thomas Leinkauf. Grund fr die Aufregung sind die 120 Blatt Papier, die die Stasi mit Hilfe Leinkaufs, des Magazinchefs der >Berliner Zei-tung<, zusammengetragen hat. Und zwar von 1975 bis 1977, vor ber 30 Jahren.

Warum der alte Kse von der Spree selbst die fernen Bajuwaren so in Wallung bringt, erschliet sich mir als Badener nur schwer. Mitte der siebziger Jahre trug die Hlfte meiner Kommilitonen den roten Stern an der Jacke und rauchte Joints unter chinesischen Postern, auf denen lljitsch telefonierte oder die Katze auf seinem Scho streichelte. Htte ich von Lenin oder wenigstens von Mischa Wolf einen Anruf bekommen mit dem Angebot, als Kundschafter fr den Frieden zu arbeiten - ich htte nicht Nein gesagt. Einen Grund fr Leinkaufs Ja konnte man aus der Welt erfahren: Er erklrte die Bundesrepublik zu einem Hort von Neonazis, in der eine kriminelle Atommafia ihr Unwesen treibe. Fr die eigenen Brger baue sie Feindbilder auf, um ihren aggressiven Kurs rechtfertigen zu knnen. Man muss schon ein vllig vertrottelter Springer-Journalist sein oder gleich auf der Gehaltsliste des BND stehen, um das fr Stasi-Propaganda zu halten. Die Knppelorgien der Atombttel in Brokdorf, die Hatz auf vermeintliche Terrorsympathisanten wie Heinrich Bll, schlielich der rechtsradikale Bombenanschlag auf das Mnchner Oktoberfest - das war Realitt.

Natrlich ist es ein Unterschied, ob man im imperialistischen Ausland US-Sttzpunkte ausspionierte -oder im eigenen Land die eigenen Leute bespitzelte, bis ins Intimleben hinein. Leinkaufs Schnffeleien waren unappetitlich, der schreckliche bereifer eines halbstarken Kommunisten, fr den sich der Erwachsene schmt. Aber, das schreibt selbst die Sddeutsche, keiner wurde dadurch geschdigt. Eines seiner Observationsobjekte hat ihn jetzt sogar eigens in einem Leserbrief in Schutz genommen.

Wie auch immer: Die Delikte des Studenten Leinkauf sind lngst verjhrt und obendrein weitaus harmloser als die des Straenkmpfers Joschka Fischer. Der ist spter sogar Minister geworden -weil er bereit war, einen Angriffskrieg zu fhren. Die Berliner Zeitung, und das gehrt zu ihren Ruhmesblttern, hat diese Aggression gegen Jugoslawien 1999 nicht immer, aber wenigstens manchmal kritisiert. Erinnert sei an die glnzenden Recherchen des damaligen Redakteurs B Adam ber das unter anderem von Fischer erfundene Massaker von Racak - die wichtigste der Lgen, mit denen das humanitre Massenbombardement gegen die Serben gerechtfertigt wurde. Eine solche Zeitung muss auf Kurs gebracht werden. Es gengt nicht, dass Anfang der neunziger Jahre 70 Leute entlassen wurden. Es gengt nicht, dass man sie einer britischen Heuschrecke zum Fra vorgeworfen hat. Noch immer sind zu viele fhige Schreiber beim Blatt. Josef Depenbrock, in Personalunion Chefredakteur und Geschftsfhrer und damit Politkommissar der Heuschrecke, will die Affre Leinkauf nutzen, um die Arbeit eines jeden einzelnen Journalisten dieser Redaktion zu berprfen. Offensichtlich sollen weitere Kpfe rollen - also die Suberung nachgeholt werden, die sich die ewigen Kalten Krieger schon vor 19 Jahren wnschten.

Man wnscht sich Erich Bhme zurck, der die Zeitung von 1990 bis 1994 fhrte. Ich schnffle keinem hinterher, war sein Credo. Ich habe erklrt, es wird hier freiheitlicher Journalismus gemacht, wer da nicht mitziehen kann, der kann gehen. Zum Beispiel zur Welt oder zur SZ.