Üble Laune oder durchsickernde Wahrheiten

Ursprünglich hatte ich nicht die Absicht,  mich zur Medieninszenierung des „Präsidenten der Herzen“, des „Volkslieblings“,  „gefühlten Präsidenten“, „Demokratielehrers“ usw. usf. zu äußern.

Die Übermacht der kapitalhörigen meinungsbildenden Medien und ihre Virtuosität in der Beherrschung der modernen Massenpsychologie können aus einem kleinen Berliner Eisbär das berühmteste Zoo-Tier aller Zeiten machen, warum nicht auch aus einem Apostel des Kapitalismus einen  Bundespräsidenten?

Wer die Volksmeinung manipulieren will, muss gegenteilige oder kritische Meinungen – sofern Totschweigen nicht hilft – relativieren und abwerten. So geschehen in der „Berliner Zeitung“ vom  01.03.2012.  „Eine übellaunige Debatte um Gauck“ titelt hier Bernhard Honnigfort seinen Artikel zur Bundespräsidentenwahl.

Der Artikel geht der Frage nach, ob Joachim Gauck „Bürgerrechtler“ in der DDR war und bezieht sich auf Äußerungen der namhaften DDR-Oppositionellen Heiko Lietz und Hans Jochen Tschiche.

„Für ihn, der Gauck seit 54 Jahren kennt, ist die Sache eindeutig: Natürlich war Gauck keiner. Gauck lebte und arbeitete unter dem Dach der evangelischen Kirche. Er saß nie im Gefängnis. Wie viele Aktivisten, die lange vor 1989 gegen die DDR arbeiteten, sich organisierten, sich trafen, habe es denn gegeben? „Vielleicht 600“, sagt er. „Und 60 als harter Kern“. Er nennt sie Aktivisten oder Dissidenten, Bürgerrechtler, ein West-Wort, wurden sie erst, als die Revolution beendet war. „Gauck war nicht aus diesem Holz“, sagt Lietz.“

 

Nach einer Einschätzung des MfS vom Juni 1989 bestanden damals ca. 160 oppositionelle, unter dem Dach der evangelischen Kirchen der DDR agierende  Zusammenschlüsse mit einem Gesamtpotential von ca. 2.500 Personen, vorwiegend  sog. Kirchliche Basisgruppen, die sich selbst überwiegend als „Friedenskreise“, Ökologiegruppen“ oder gemischte „Friedens- und Ökologiegruppen“ bezeichneten. Nur 10 dieser Zusammenschlüsse firmierten als sog. Menschenrechtsgruppen.

 

Das Etikett „Bürgerrechtler“ erhielten sie erst nach 1989 in zweifellos demagogischer Absicht. Mit dem Begriff „Bürgerrechtler“ werden die Menschenrechte auf die bürgerlichen Freiheitsrechte reduziert, bereits vom Wortstamm her wird der Bezug zu Bürgertum und Bürgerlichkeit hergestellt und die Deutungshoheit der Klasse der Bourgeoisie beschworen.

 

Gauck soll auch niemals behauptet haben, „Bürgerrechtler“ gewesen zu sein. „Fundamentalopposition“ sei seine Sache nicht gewesen.  Den Schutzraum der Kirche hat er erst verlassen, als das Risiko gegen Null tendierte.

Einen „Geschwister-Scholl-Preis“ hat er 2010 trotzdem erhalten.

 

Der Autor des Artikels konstatiert dann weiter: “Vielleicht ist auch ein Quäntchen Neid dabei. Manchmal klingt es jedenfalls so. Gauck reise „ohne Skrupel“ auf dem Ticket des Bürgerrechtlers, attackierte ihn Hans Jochen Tschiche, Pfarrer und 1989 Mitbegründer des Neuen Forums. „Er ist kein Vater der friedlichen Revolution, er hat sie beendet.“ Als hätte Gauck jemals etwas anderes behauptet. Wie lautet eigentlich der Vorwurf? Dass er nur ein Glückskind der friedlichen Revolution war? Sich mit fremden Federn schmückt? Dass er jetzt nicht täglich öffentlich erklärt, er sei leider kein Held gewesen, der sein Leben riskierte?

 

Geht es wirklich nur um üble Laune oder Neid?

 „Würde er Gauck wählen? „Nein“, sagt Lietz, der Freund von früher. „Aber nicht wegen damals. Er hat sich heute mit einem System arrangiert, in dem der Mammon regiert.“

Gauck vertritt  allerdings auch sonst grundlegend andere Anschauungen als einstmals die sog. „unabhängige Friedensbewegung der DDR“. Mit Pazifismus ist seine aktuelle Kriegsbefürwortung nun wahrlich nicht in Einklang zu bringen. Von dem Traum vieler „DDR-Dissidenten“, sie könnten die DDR reformieren und grundlegend verbessern, ganz zu schweigen.

 

W.S.

06.03.2012

 

 

Zur Information:

 

Erklärung von 11  "Bürgerrechtlern" aus dem Jahr 2010 zu Joachim Gauck

 

Brief an den SPD-Vorsitzenden