Neues Deutschland vom 4. Juni 2007, Seite 4 (Inland) Politik kontra Wissenschaft

Tagung zur Geschichte der HVA in der Kritik / Birthler zieht Experten zurck

Von Tom Strohschneider

Das Thema Staatssicherheit hat in den vergangenen Jahren die Aufarbeitung der DDR-Geschichte dominiert. Eine Experten-Tagung mit Beteiligung frherer Topspione ist nun ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, die Birthler-Behrde zog ihre Experten zurck. Darunter leidet vor allem die Wissenschaft.

Eigentlich wollte Thomas Wegener Friis von der dnischen Syddansk Universitt in Odense einen Beitrag dazu leisten, die Geschichte der DDR-Spionage im Westen auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Der 1975 geborene Historiker ist Koordinator des Zentrums fr das Studium des Kalten Krieges und hat Experten sowie Zeitzeugen zu einer Konferenz nach Berlin geladen -darunter frhere Topspione wie Rainer Rupp, der bei der NATO unter dem Decknamen Topas wirkte.

Doch die Plne fr die Tagung sind nach Kritik von DDR-Opferverbnden nun Makulatur. Die Birthler-Behrde sagte die Teilnahme ihres Experten Helmut Mller-Enbergs wieder ab. Begrndung: Man lasse sich nicht fr die Legitimation des MfS und seiner Vertreter instrumentalisieren. Hintergrund der Absage der ursprnglich geplanten Beteiligung ist offenbar die vehemente Kritik von DDR-Opferverbnden. So hatte sich unter anderem die Leiterin des Mauermuseums am Checkpoint Charlie, Alexandra Hildebrandt, in Briefen an die Humanistische Fakultt der Odenser Universitt gewandt und gefordert, dafr Sorge zu tragen, dass diese Veranstaltung nicht stattfindet.

Auch der Bund der Stalinistisch Verfolgten hatte protestiert. Unter anderem wurde auf den Termin der Tagung verwiesen, die am 16. und 17. Juni stattfinden soll. Man empfinde es als eine Beleidigung unserer Mitglieder, erklrte die Gemeinschaft ehemaliger politischer Hftlinge, dass die Konferenz ausgerechnet am Jahrestag des Aufstandes gegen die Willkrherrschaft der DDR abgehalten werde. Das Vorhaben sei geradezu makaber und eine politische Provokation, so Hildebrandt. Man knne unmglich den Ttern ein ffentliches Forum zur Selbstdarstellung bieten. Mit derselben Argumentation hat nun auch die Birthler-Behrde auf die Plne zu der Tagung reagiert. Die Verbrechen des Ministeriums fr Staatssicherheit einschlielich der HVA verbieten es nach Auffassung der Bundesbeauftragten, fhrenden Vertretern dieses Apparates ein ffentliches Podium zu verschaffen. Birthler uerte zwar Verstndnis, dass zur Beschftigung mit dem Thema Geheimdienste auch gehre, die Sichtweisen der Tter zu rekonstruieren. Es sei aber nicht ersichtlich, wie die Berichte der auftretenden ehemaligen MfS-Mitarbeiter hermeneutisch wieder eingeholt und reflektiert werden sollen.

Thomas Wegener Friis versteht, dass das Thema in Deutschland starke Emotionen weckt. Die Zeit fr einen Dialog mit den Zeitzeugen sei jedoch berreif, sagte er dem ND. Wichtige Akteure seien bereits in einem hohen Alter, viele Funktionre des MfS bereits verstorben. Hier htten Historiker die Chance, mit Mitteln der Oral History zur Aufarbeitung beizutragen, bereits definitiv verpasst.

Wegener Friis verwahrte sich auch gegen den Vorwurf, frheren Stasi-Mitarbeitern ein Podium zur Selbstdarstellung zu bieten. Nach so vielen Jahren lsst die Erinnerung natrlich auch etwas nach, so der Forscher, deshalb sei natrlich kritische methodische berlegungen gefragt - aber das gehre ohnehin zum historischen Handwerk. Gerade angesichts der teils drftigen Quellenlage msse ein realistisches Bild aus vielen Mosaiksteinchen zusammengefgt werden. Und dabei sind dann auch die Zeitzeugen gefragt. Es sei nicht leicht gewesen, frhere DDR-Spione zur Teilnahme zu bewegen, sagt Wegener Friis.

Der Dekan der Humanistischen Fakultt der Odenser Uni, Flemming G. Andersen, zeigte ebenfalls Verstndnis fr die Proteste. Den Vorwurf eines unkritischen Umgangs mit Zeitzeugen knne man aber allenfalls ausgewhlten Medien machen, nicht jedoch der Wissenschaft. Historiker seien geradezu in der Pflicht, zugngige Quellen nicht zu ignorieren, so Andersen.

Programm der Tagung: www. koldkrigsstudier. sdu. dk