„Neues Deutschland vom 18./19. Mai 2019 (Seite 20 – 21)

Aktenberge als Splitterbomben

Kilometerlange Stasi-Akten prägten das politische Klima der Wendezeit – nun werden die Archive der Stasi-Unterlagen-Behörde in das Bundesarchiv überführt. Eine Bilanz

Von Simone Barrientos und Karsten Krampitz

Der Kalte Krieg ist zu Ende, und das vielleicht auch auf dem Gebiet der DDR-Geschichte. Jedenfalls deutet einiges darauf hin. Die Debatte zum Arbeiter- und Bauernstaat hat in den meisten Medien einen sachlichen Ton gefunden. Ob beim Deutschlandfunk oder im »Tagesspiegel«, im dreißigsten Jahr nach dem Herbst ’89 hat in den Berichten zur DDR die Lautstärke abgenommen. Ungeachtet der Forderung, bis zum Jahr 2030 leitende Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst auf eine MfS-Vergangenheit zu überprüfen, ist das DDR-Bild in den meisten Medien erheblich differenzierter als noch vor zehn Jahren. Allenfalls die Springerpresse und rechtskonservative Blogger fordern heute noch, dass die DDR in der Erinnerungslandschaft der Deutschen den gleichen Raum einnehmen soll wie das verbrecherische NS-Regime. Mit einem Schlussstrich hat das nichts zu tun; Geschichte ist nie abgeschlossen. Allein schon, weil jede Generation das Recht hat, die Geschichte noch einmal neu zu schreiben. Aber offenbar ist die Geschichtsschreibung zum SED-Staat in eine neue Phase getreten: Hubertus Knabe ist nicht mehr Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen; der erzkonservative Forschungsverbund SED-Staat hat sich selbst ins akademische Abseits manövriert – die im Handbuch zu den Grenzopfern angegebene Zahl von 327 muss um mindestens 50 Fälle nach unten korrigiert werden –, während gleichzeitig an den Universitäten die Zahl der Forschungsprojekte zur DDR-Geschichte erheblich zugenommen hat. Von dieser Entwicklung zeugt auch die geplante Überführung der Stasi-Unterlagen ins Bundesarchiv. Und diesmal, ganz überraschend, keine Empörung oder gar Schaum vor dem Mund von jedweder Seite. Die Zeiten sind schnelllebiger geworden, befeuert durch globale Themen wie Fake News, Datenklau oder eben auch digitale Überwachung. An die dubiose Rolle diverser V-Leute in der Neonaziszene bis hin zum NSU haben sich gerade diejenigen Menschen gewöhnt, die heute von existenziellen Sorgen geplagt werden. An die hitzigen Stasi-Debatten von damals erinnern sich nicht mehr alle. Wie alles anfing. Auch wenn es sich empirisch nicht belegen lässt, ist zu vermuten, dass noch bis in den Wendeherbst ’89 hinein weite Teile der DDR-Gesellschaft dem MfS nicht ablehnend gegenüberstanden, sondern eher eine gleichgültige Haltung einnahmen. Nicht wenigen galt die Staatssicherheit als Elitetruppe der Partei und manchen gar als einzige politische Kraft im Land, die Gorbatschows Reformimpulse irgendwie hätte umsetzen können. In »Krieg ohne Schlacht« sagt Heiner Müller: »Ich habe von einigen Leuten gehört, die zu Verhören in Stasi-Büros waren, dass da schon früh Gorbatschow-Porträts hingen.« Es habe deutliche Signale gegeben, dass die Diskrepanz zwischen dem Wissensstand der führenden Funktionäre und der Staatssicherheit zunahm. »Die Intelligenz war bei der Staatssicherheit«, so Heiner Müller, »die Blindheit bei der Parteiführung. Und natürlich hatte die Staatssicherheit nicht erst seit Gorbatschow bessere Kontakte zu den Russen.« Markus Wolf, als Chef der Stasi-Auslandsaufklärung lange Zeit der große Unbekannte im SED-Machtapparat, sorgte im Frühjahr 1989 republikweit für Aufsehen; die Menschen pilgerten in seine Lesungen! Mit dem Dokumentarbericht »Die Troika«, den er aus dem Nachlass seines Bruders Konrad Wolf zusammengestellt hatte, war der Stasi-Ruheständler über Nacht zum vielleicht interessantesten Intellektuellen des Landes geworden. Erstmals wurden in der DDR in aller Öffentlichkeit die Verfolgungen unter Stalin diskutiert – mit einem ehemaligen Stasi-General als Zeitzeugen. »Mischa« Wolfs Lektor Günter Drommer weiß von Veranstaltungen zu berichten mit mehr als 300 Leuten im Publikum – so etwa im Berliner Club der Kulturschaffenden »Johannes R. Becher«. Pfiffe und Buhrufe hörte der Generaloberst a. D. erst am 4. November 1989 bei seiner Rede auf dem Alexanderplatz – und selbst dort bekam Wolf noch Beifall. Der Zeitgeist jener Tage war ein gänzlich anderer als oft kolportiert wird, keineswegs antikommunistisch. Erhard Neubert, Religionssoziologe und prononcierter Vertreter der DDR-Opposition, der schon bald einen Vergleich von MfS und Gestapo durchaus für legitim halten sollte, forderte noch im Herbst 1989 einen »demokratischen Sozialismus«. Sein Parteifreund vom Demokratischen Aufbruch, Rainer Eppelmann – der spätere CDU-Bundestagsabgeordnete und Chef der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur – sprach damals sogar von »uns Linken«. Nicht zuletzt der ungehinderte Zugang zu den Stasi-Akten für westdeutsche Journalisten brachte den Wandel im gesellschaftlichen Bewusstsein und freilich auch im DDR-Geschichtsbild. Wenn heute für die Umbruchszeit 89/90 von einer »Friedlichen Revolution« die Rede ist, rechtfertigt allein der Sturm auf die Stasi-Zentralen das Attribut »revolutionär« – ein im damaligen Ostblock einmaliger Vorgang: Gegen den Willen der Regierenden besetzten Demonstranten am 4. Dezember 1989 die MfS-Bezirksverwaltung Erfurt, am 15. Januar 1990 den Gebäudekomplex in der Berliner Normannenstraße und wenig später überall in der DDR die Bezirks- und Kreisverwaltungen des MfS. Die Besetzer verhinderten die weitere Beseitigung der Stasi-Akten und durchkreuzten die Pläne der kurzlebigen Modrow-Regierung, das einstige MfS in einen »normalen« Nachrichtendienst umzuwandeln. Im Oktober 1989 hatte das MfS über 90 000 äußerst gut bezahlte hauptamtliche Mitarbeiter und über 170 000 inoffizielle Mitarbeiter. Die Hinterlassenschaft des DDR-Geheimdienstes – in der Summe circa 111 Kilometer Stasi-Akten, circa 1,8 Millionen Fotodokumente und 2800 Filmdokumente – dokumentierte eine Einflussnahme auf das Leben der Menschen, deren Ausmaß, Mittel und Methoden selbst die Bürgerbewegung überraschte. Was manche geahnt hatten – dass sie selbst Opfersubtiler Maßnahmen des MfS geworden waren, dass die Stasi nicht nur ihr Leben bespitzelt, sondern gezielt zerstört hatte –, wurde durch die Offenlegung operativer Vorgänge und Zersetzungsmaßnahmen traurige Gewissheit. Die Folge war eine tiefgreifende Zäsur im politischen Klima. Ein jeder Bürger erhielt jetzt auf Wunsch Auskunft über die ihn betreffenden Stasi-Akten. Nicht wenige Menschen verzichteten bewusst auf Einsicht, um sich den Kummer zu ersparen. Andere gelangten aber auch an Wissen über Freunde, Nachbarn, Angehörige. Dieses Wissen hat das Leben, hat die Gesellschaft in Ostdeutschland verändert – nicht immer zum Guten. Klimawandel in der ostdeutschen Gesellschaft Im Leben vieler Menschen bekam die Staatssicherheit jetzt ein noch größeres Gewicht, als sie zu DDR-Zeiten gehabt hatte. War die Stasi früher allgegenwärtig, schienen ihre Akten nun, nach dem Ende der DDR, allmächtig geworden zu sein. Nicht alle haben das ertragen: Der Arbeitsmediziner Rudolf Mucke war in der Charité angestellt. Anfang der 70er Jahre hatte er einen Anwerbungsversuch des MfS mit Dekonspiration abgewehrt; es gab seinerseits keine Verpflichtungserklärung, nicht einmal einen IM-Namen. Dennoch erklärte der »Ehrenrat« der Humboldt-Universität ihn für untragbar und befürwortete eine Entlassung. Rudolf Mucke, seinerzeit Vorsitzender der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Lichtenberger Rathaus, nahm sich daraufhin das Leben. Dem Westberliner Journalisten Reinhard Henkys erschienen die Stasi-Aktenberge damals wie Splitterbomben; man habe den Eindruck, es könne jeden treffen. Überall im Öffentlichen Dienst, jedoch nur in Ostdeutschland, liefen die Überprüfungsverfahren der Gauck-Behörde mit schweren Konsequenzen für das Berufs- und Privatleben. Der soziale Absturz vieler »Inoffizieller Mitarbeiter« betraf oft genug auch deren Familien, das heißt Menschen, die nun ganz sicher keine Schuld trugen. Im November ‘94 sollte Stefan Heym als Alterspräsident den Bundestag eröffnen. Tage vorher gelangten personenbezogene Akten aus den 50er Jahren unter Verletzung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes an die Öffentlichkeit. Offenbar wollte man um jeden Preis Heyms Eröffnungsrede verhindern. Der Sozialwissenschaftler Peer Pasternack schreibt dazu: »In Abweichung von vergleichbaren Fällen, in denen Nachrichtenhändler und Journalisten dafür verantwortlich waren, beteiligten sich hier Polizeibeamte und Minister an der Gesetzesverletzung.« Wegen der gesetzeswidrigen Aus- und Verwertung der Akten habe es keine disziplinarrechtliche Ermittlung gegeben. Überhaupt habe zwei Tage später niemand mehr über die – augenscheinlich haltlosen – Vorwürfe gegen Heym geredet. Der Leipziger Historiker Manfred Kossok, Experte für vergleichende Revolutionsforschung, fragte bereits im Jahr 1990: »Die Revolution hatte die richtigen Verlierer. Aber wird sie auch die richtigen Gewinner haben?« In Anbetracht der bis heute anhaltenden Dominanz westdeutscher Eliten in den meisten Führungspositionen der ostdeutschen Gesellschaft sei die Frage gestellt, inwieweit denn wenigstens die Gauck//Birthler/Jahnbehörde die ursprünglichen Ziele der Bürgerbewegung verfolgt hat: Aufklärung, die einhergehen sollte mit einer allgemeinen Sensibilisierung der Menschen für das Thema Denunziantentum, nicht zuletzt was den Umgang mit künftigen Versuchungen durch Geheimdienste betraf. Eine Aussöhnung war offenbar nie das Ziel. Initiativen für Täter-Opfer-Gespräche verliefen im Sand, nachdem bei vielen hauptamtlichen MfS-Mitarbeitern der Eindruck entstanden war, hier würde ein Staat über den anderen richten. Unvergessen auch der Versuch vor zehn Jahren, aus Otto Dibelius einen Kämpfer für Menschenrechte und Demokratie zu machen: Der einstige Bischof von Berlin-Brandenburg und langjährige EKD-Vorsitzende hatte zwar Ulbricht die Stirn geboten, von seinem Westberliner Amtssitz aus sogar die StVO der DDR für illegitim erklärt – derselbe Dibelius war aber auch der Festredner am »Tag von Potsdam«, der Siegesfeier der Nazis, ein bekennender Antisemit und wohl auch deshalb kein Vorkämpfer bei der Entnazifizierung seiner Kirche nach dem Krieg. Auf einer Tagung der Stasi-Unterlagen-Behörde im Jahr 2009 in der Französischen Friedrichstadtkirche, organisiert gemeinsam mit der Evangelischen Akademie Berlin, spielte dieser Teil der Dibelius-Biografie jedenfalls keine Rolle. Überhaupt hat die Stasi-Unterlagen-Behörde seit ihrer Gründung 1990 nachhaltig dazu beigetragen, dass DDR-Geschichte grundsätzlich einseitig erzählt wird. Die DDR war eine Diktatur, aber nicht nur. Die Denkfiguren Täter, Opfer und Mitläufer reichen nicht aus, um vom Alltag und freilich auch von der Repression zu erzählen. Noch im Juni 1988 schätzte das MfS die Zahl der politischen Gegner im Land auf nicht mehr als 2500 – bei etwas über 16 Millionen Einwohnern. Doch was war eigentlich mit den Menschen, die sich in der DDR eingerichtet hatten? Was ist mit der Generation, für die das Leben in der DDR Normalität war? Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lebte nur nach außen hin systemkonform. Der Theologe Heino Falcke spricht vom DDR-Syndrom: »der in äußerer Anpassung und innerer Verweigerung gespaltene Mensch«. Diese Grundhaltung – genährt durch zahlreiche Frustrationserfahrungen und das Wunschbild von der westlichen Überflussgesellschaft – sei dann im November 1989 mit Macht an den Tag gekommen, habe sich auf der Straße manifestiert und eine neue Realität geschaffen. – Und was wurde eigentlich aus der linken DDR-Opposition? Leute wie Bernd Gehrke und Thomas Klein kamen in der Erinnerungspolitik der Behörde kaum zu Wort. Und überdies würde kein Historiker auf die Idee kommen, die Sozialgeschichte Westdeutschlands allein über Polizei, Parteien, Regierung und Gerichte erzählen zu wollen und über den Widerstand dagegen. Mit Blick auf die DDR war dergleichen aber jahrelang Praxis. Und wer schreibt eigentlich die Geschichte der Stasi-Unterlagen-Behörde? Eine Geschichte, die für Historiker kommender Generationen genug Stoff bietet, ganz im Sinne einer Aufarbeitung der Aufarbeitung. Von daher ist die Überführung der MfS-Akten unter das organisatorische Dach des Bundesarchivs grundsätzlich zu begrüßen, im Sinne einer gesamtdeutschen Betrachtung der DDR-Geschichte, aber auch einer längst überfälligen Aussöhnung. Die Stasi-Unterlagen-Behörde hat nachhaltig dazu beigetragen, dass DDR-Geschichte grundsätzlich einseitig erzählt wird. Die Überführung der Akten ermöglicht auch eine Aufarbeitung dessen.