© Tageszeitung »neues deutschland« vom 18./19.05.2019

Jenseits von Anklage und Apologie

Es braucht ein Archiv zur Geschichte der DDR, nicht nur zur SED-Dikatur. 

Von Simone Barrientos und Karsten Krampitz

In der Auseinandersetzung zur DDR-Geschichte hat es lange Zeit zwei getrennte Diskurse gegeben – Ankläger oder Apologeten des SED-Staats. Während die einen die DDR von ihrem Ende her erzählten und damit zugleich verdammten, den Zusammenbruch und die Unterdrückungsmechanismen betonten, begann die andere Seite ihre Erzählung mit der Staatsgründung; die DDR erschien hier als Aufbauwerk ehrlicher Antifaschisten. Der außerordentliche Eifer, mit dem beide Seiten argumentierten, ohne dass sich die Diskurse auch nur ansatzweise miteinander vermengten, lässt sich nicht allein mit einem Interesse an der Aufarbeitung erklären. Die Deutungshoheit zur DDR-Geschichte verspricht noch heute einen beachtlichen Stellungsvorteil im Ringen um die geistige Hegemonie in der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Eine Frage, die sich immer an die Historiker stellt: Wie viel Gegenwart steckt in ihrem Geschichtsbild?

Das zukünftige Archivzentrum zur DDR-Geschichte, geplant auf dem Gelände des einstigen Stasi-Hauptquartiers in Berlin Lichtenberg, bietet die Chance, wieder Bewegung in die Debatte zu bringen. Im Gebäudekomplex Normannenstraße soll das Stasi-Unterlagen-Archiv seinen Platz finden, ebenso die Bestände der ehemaligen DDR-Behörden, das SED-Archiv sowie die Archive der sogenannten Blockparteien und der Massenorganisationen der DDR. Bereits jetzt befindet sich auf dem Areal das Archiv der DDR-Opposition, betrieben von der Robert-Havemann-Gesellschaft. Für die Historiker der Zukunft entstehen hier womöglich erstklassige Arbeitsbedingungen, ist doch das Land zwischen Elbe und Oder keineswegs »ausgeforscht«: So gibt es etwa immer noch keine brauchbare Wilhelm-Pieck-Biografie oder auch keine vergleichenden Studien zu den Zwangserziehungsheimen in Ost- und Westdeutschland. Überhaupt fehlt es an Forschungsarbeiten, die davon erzählen, wie die Arbeiter und – sie traf es besonders hart – die Arbeiterinnen die Wende in den Betrieben erlebt haben – immerhin verstand sich die DDR als Arbeiter- und Bauernstaat.

Die DDR war aber mehr als ihr Staat, sie war mehr als eine Diktatur. Der geplante Name – »Archivzentrum zur SED-Diktatur« – reduziert dieses Land auf seine politischen Strukturen und lässt befürchten, dass die politische Instrumentalisierung der Stasi-Akten ihre Fortsetzung finden wird. Die Prinzipien, die Tradition und Philosophie des Bundesarchivs müssen auf jeden Fall gewahrt bleiben. Das Bundesarchiv ist grundsätzlich orientiert auf das Erschließen und Bereitstellen der archivalischen Überlieferungen, über deren Interpretationen die jeweiligen Benutzer entscheiden. Wohingegen die Stasi-Unterlagen-Behörde wiederholt direkt in das politische Geschehen eingegriffen hat.

Eine multiperspektivische Sichtweise auf die DDR, die von der Repression berichtet, aber gleichzeitig auch vom Leben und Alltag erzählt, braucht verschiedene Zugänge, das heißt verschiedene Quellen. Die DDR sollte weder dämonisiert noch verklärt werden. Einen solchen »dritten Weg« forderte bereits Mitte der 90er Jahre Konrad Jarausch. Der langjährige Kodirektor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam sprach davon, die DDR immer wieder neu zu denken. Das zentrale Paradox bestünde darin, dass das Regime ohne die Mitarbeit der Bevölkerungsmehrheit nicht so lange hätte überleben können, das Gros der »einfachen Leute« aber zugleich versuchte, ein Leben außerhalb der Reglementierung zu führen. »Die intellektuelle Herausforderung beim Aufarbeiten der DDR-Vergangenheit besteht (…) nicht in vorschneller Etikettierung, sondern im Ausloten dieser Doppelbödigkeit.«

Zum besseren Verständnis eben dieser »Doppelbödigkeit« würde der ungehinderte Zugriff zu einem ganz anderen Parteienarchiv beitragen: Die CDU der DDR zum Beispiel hatte Ende der 80er Jahre mehr als 130 000 Mitglieder. Die Partei gehörte dem Ministerrat und dem Staatsrat an und hatte fast eintausend hauptamtliche Funktionäre, eine eigene Volkskammerfraktion und auf örtlicher Ebene, in den Kreis- und Bezirkstagen über 22 000 »Volksvertreter«. Was die Frage aufwirft, warum nicht auch die Archivbestände der Block-CDU, derzeit noch in Sankt Augustin bei Bonn, in das geplante Archivzentrum überführt werden sollen.