Vom ND unveröffentlichter Leserbrief zu einem Beitrag von Andreas Fritsche „Die Stasi im ND - Gedenkstätte Hohenschönhausen informiert über konspirative Wohnungen“

(ND 20.04.2019 - siehe Anlage)

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Interesse habe ich den Beitrag von Andreas Fritsche „Die Stasi im Neuen Deutschland“ (ND vom 20.04.19) gelesen. Ich war langjährig als leitender Analytiker in der Hauptabteilung XX tätig, die u.a. auch für die Gewährleistung der staatlichen Sicherheit im ND verantwortlich war und gehöre als Geschäftsführer der ISOR e.V. auch zu jenen ehemaligen MfS-Mitarbeitern, die heute in einem Büro im Gebäude des ND arbeiten.

Ich kann Ihnen versichern, dass es nicht Aufgabe des MfS war, eine Redakteurin des ND zu „belauschen“. Absolute Priorität bei der Absicherung des ND hatte die Gewährleistung eines störungsfreien Druckes des Zentralorgans der SED, die vorbeugende Erkennung und rechtzeitige Beseitigung entsprechender Gefährdungen und die Untersuchung eingetretener Störungen und Havarien auf ihre Ursachen, die auch staatsfeindlicher Natur sein konnten. Spektakuläre Vorkommnisse sind mir nicht in Erinnerung, aber immer wieder einmal musste überprüft werden, wie es zu bestimmten Druckfehlern, vertauschten Bildunterschriften oder zu durch den Rasterdruck entstandenen Bildelementen kommen konnte, die von ND-Lesern als Hakenkreuze gedeutet wurden. Die Kontrolle der ND-Journalisten auf ideologische Klarheit und Reinheit war nicht Aufgabe des MfS. Dafür sorgte schon deren enge Anbindung an das ZK der SED.

Der für das ND (zusätzlich auch für die ZENTRAG) zuständige Mitarbeiter der Hauptabteilung XX arbeitete im ND keineswegs anonym. Er unterhielt ständige offizielle Kontakte zu verantwortlichen Mitarbeitern und Parteifunktionären des ND und seiner Druckerei und sprach bei Erfordernis auch mit einzelnen Angestellten. Das gemeinsame Anliegen, das reibungslose Funktionieren der Zeitung, stand dabei im Mittelpunkt der von gegenseitigem Respekt geprägten und - wie unter Genossen der SED üblich – kameradschaftlich geführten Gespräche. Dazu stand dem MfS auch ein Zimmer im ND-Gebäude zur Verfügung. Möglicherweise unterhielt das MfS im ND-Gebäude zusätzlich auch eine konspirative Wohnung, die unter irgendeiner Legendierung zur Durchführung von Treffs mit IM (vermutlich ohne jeden Bezug zum ND) genutzt wurde.

Im ND hatte das MfS nur wenige Personen als IM geworben, schwerpunktmäßig an neuralgischen Positionen beim Druck des ND. Operative Vorgänge zur gezielten Bearbeitung von ND-Angehörigen, die im Verdacht staatsfeindlicher Aktivitäten standen, sind mir nicht bekannt.  Die für Parteiobjekte zuständige Abteilung 10 der HA XX verfügte auch über keinen einzigen für eine solche Bearbeitung geeigneten IM. Nur 2,25 % der Gesamtzahl der IM des MfS waren nach den MfS-Statistiken IMB, also solche IM, die über Feindverbindungen verfügten und zur unmittelbaren Bearbeitung im Verdacht feindlicher Tätigkeit stehender Personen eingesetzt wurden. Dass solche IM innerhalb der Familie (wie im Fall des Ehemannes von Vera Lengsfeld) tätig wurden, bildete eine äußerst seltene Ausnahme, wird aber aus durchsichtigen Gründen immer wieder als typisches Paradebeispiel für die IM-Arbeit des MfS präsentiert. Zumeist nicht erwähnt wird, dass der Vater von Vera Lengsfeld Offizier des MfS war.

Als 1987/1988 ein Reisekader des ND vom BND angeworben und kurze Zeit darauf enttarnt wurde, war das ein Erfolg der Spionageabwehr des MfS.

Mit der neuen Ausstellung in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen soll das MfS unter Hinweis auf eine vorgebliche Überwachung der gesamten Bevölkerung in Berlin weiter als Inkarnation alles Bösen dargestellt werden. Im Kern handelt es sich aber um einen moralisierenden Vorwurf, losgelöst vom tatsächlichen Inhalt der Arbeit des MfS und deren Folgen für die Berliner. Übrigens müssen die 11.000 Angehörigen des Wachregimentes des MfS in die Gesamtzahlen von 90.000 insgesamt bzw. 40.000 in Berlin eingerechnet werden. Zu beachten ist außerdem, dass von den 90.000 hauptamtlichen Mitarbeitern des MfS nur ca. 12.000 IM geführt haben. Die konspirativen Wohnungen des MfS stellten kein Netz der totalen Überwachung der Berliner Bevölkerung dar. Ihre Inhaber hatten lediglich die logistische Aufgabe, Treffs operativer Mitarbeiter mit ihren IM unter konspirativen Bedingungen zu ermöglichen. Eine Observierung von Wohnungsnachbarn war weder ihre Aufgabe noch waren sie dafür geeignet. Die Inhaber solcher Wohnungen waren hauptsächlich zuverlässige Mitglieder der SED, darunter viele anerkannte Opfer des Faschismus. Ihre politische Haltung war im Wohngebiet bekannt und niemand wäre auf die Idee gekommen, ihnen feindliche Pläne oder Absichten anzuvertrauen. Entsprechend der Aufgabenstellung der jeweils IM-führenden Diensteinheiten, die diese konspirativen Wohnungen eingerichtet hatten, dienten diese Treffs der Informationsgewinnung z.B. aus Schwerpunktbereichen der Volkswirtschaft, des Verkehrswesens, des Staatsapparates, im Rahmen des Auslandsaufklärung, der Spionageabwehr usw. Abwegig ist die Vorstellung, das eine Konzentration konspirativer Wohnungen in der Innenstadt Ausweis einer besonders engmaschigen Überwachung gewesen sei. Es handelte sich einfach um Standorte, die für Mitarbeiter und IM besonders verkehrsgünstig zu erreichen waren. Die 11 konspirativen Wohnungen in der Oderberger Str. in Prenzlauer Berg dienten nicht der Überwachung der dortigen alternativen Szene sondern den Aufgaben jener Diensteinheiten, die sie eingerichtet hatten, manche sicherlich bereits in einer Zeit, in der von dieser Szene noch gar keine Rede war. IM aus dieser Szene sind bestimmt nicht im eigenen Wohngebiet getroffen worden, soviel Konspiration musste schon sein.

Wenn Sie unter den dargestellten Fakten anführen, dass das MfS täglich 400 bis 600 Telefongespräche abgehört habe, so ist das nur die halbe Wahrheit. Abgehört werden konnten gleichzeitig maximal 400 bis 600 Telefonanschlüsse. Nicht wenige davon sind über längere Zeit abgehört worden. Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit einem Journalisten aus den USA. Ich erläuterte ihm, dass meine Hauptabteilung maximal 40 Telefonanschlüsse abhören konnte. Ein neuer Abhörauftrag konnte nur erteilt werden, wenn ein laufender Auftrag beendet wurde. (Bei Betrachtung der umfangreichen Aufgaben der HA XX werden auch Sie sicherlich zu dem Schluss kommen, dass die Wahrscheinlichkeit des Abhörens von ND-Mitarbeitern gegen Null geht). Der betreffende USA-Journalist kommentierte meine Bemerkung mit einem lauten Lachen. Die NSA würde regelmäßig zwei Drittel aller Telefonanschlüsse in den USA abhören. Dabei kann man wohl davon ausgehen, dass fast alle USA-Bürger über ein Telefon verfügen, während gegen Ende der DDR hier nur ca. 25 % der Haushalte ein Telefon hatten.

Angesichts der heutigen Möglichkeiten der Geheimdienste, die praktisch jedes Telefon, jedes Handy, jeden Computer, jedes GPS-System und alle sozialen Netzwerke im Internet überwachen, die Inhalte automatisch digital speichern und auswerten können, ist der moralisierende Vorwurf der Überwachung gegen das MfS einfach nur lächerlich. Wem das alles noch nicht reicht, der kann seine Haushaltsgeräte digital vernetzen oder sich eine „Alexa“ anschaffen. Ich erinnere mich noch an die Empörung, als gegen Ende der DDR bekannt wurde, dass der Berliner Alexanderplatz von einer Videokamera überwacht wurde. Wie viele Lämpchen würden auf der Berlinkarte in Berlin-Hohenschönhausen aufleuchten, wenn alle heute in Berlin installierten Anlagen zur Videoüberwachung sichtbar gemacht würden. Die Arbeiten an der Personenidentifizierung per Videoaufnahmen sind schließlich erfolgversprechend und werden weiter forciert.

Wolfgang Schmidt

 

Anlage                                                                                                        

 

© Tageszeitung »neues deutschland« vom 20.04.2019

„Bis zur Wende war die Belegschaft der Tageszeitung »Neues Deutschland« so groß, dass nicht jeder jeden Kollegen kannte. Doch im Redaktionshaus am Berliner Franz-Mehring-Platz 1 gab es in der fünften Etage ein Zimmer, in dem Männer ein- und ausgingen, die hier niemand kannte. Gerüchten zufolge handelte es sich dabei um Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). »Die belauschen uns«, soll eine Redakteurin der Abteilung Volksbildung, die ihr Büro direkt nebenan hatte, damals entrüstet gesagt haben. Entrüstet deswegen, weil doch bis auf wenige Ausnahmen für untergeordnetes, technisches Personal beim SED-Zentralorgan sowieso nur überzeugte Genossen eingestellt wurden, die man nicht hätte überwachen müssen.

Von dieser Regel gab es nur ganz wenige Ausnahmen: Einen Lehrling in der Druckerei, der aus der Berufsschule flog, weil er einen der in kirchlich-­oppositionellen Kreisen beliebten pazifistischen Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen« auf dem Rucksack trug, einen Auslandskorrespondenten, der sich in Indien verliebte und deswegen der Aufforderung zur Rückkehr nach Berlin nicht Folge leistete.

Sensible Bereiche abzusichern, das gehörte nun einmal zu den Aufgaben des MfS. Dass es beim »ND« ein Zimmer hatte, steht heute fest. Die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen zeigt gegenwärtig eine Ausstellung, die das offenlegt. In dem Ausstellungsraum laufen die Besucher über ein Luftbild von Berlin und können auf einem Tablet sehen, wo sich MfS-Objekte befanden. Zum Teil gibt es dazu Fotos, Filme und erklärende Texte. Einen Kurzfilm gibt es beispielsweise zu dem Fußballstadion, in dem der BFC Dynamo seine Heimspiele austrug. Minister Erich Mielke war Fan und saß als Zuschauer auf der Tribüne.

Für den Franz-Mehring-Platz 1 ist eine »konspirative Wohnung« der Hauptabteilung XX erfasst, die für die Bereiche Staatsapparat, Kirche, Kultur und Opposition zuständig war. Der Begriff »Wohnung« ist hier missverständlich. Doch das MfS benutzte auch echte Wohnungen - beispielsweise, um sich dort mit »Inoffiziellen Mitarbeitern« (IM) zu treffen oder um von dort aus Nachbarn zu observieren. Es gab Wohnungen, die allein diesem Zweck dienten, aber auch Quartiere von verlässlichen Genossen, die dafür ein Zimmer in ihrer Wohnung zur Verfügung stellten.

Auch Knud Wollenberger, IM »Donald«, traf sich in einer konspirativen Wohnung mit seinem Führungsoffizier. Die Verabredung dazu erfolgte am Telefon mit den Worten: »Wir treffen uns bei den Grünpflanzen.« Denn mit diesen Pflanzen sei die Wohnung voll gewesen, erzählte Wollenberger vor seinem Tod im Jahr 2012. Den Führungsoffizier schilderte er als einen vernünftigen Mann, der zur Reformpolitik von »Glasnost« (Offenheit) und »Perestroika« (Umbau) des sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow neigte - eine Haltung, die in der Hauptabteilung XX keine Seltenheit gewesen sein soll, obwohl die DDR ihre Probleme damit hatte. Wollenberger sah sich bis zuletzt als Mann der Opposition, der dem MfS offen seine Meinung sagte, aber sich an die Regeln der Konspiration hielt und seiner Frau, der späteren CDU-Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld, nichts von den Treffs bei den Grünpflanzen verriet.

4200 solcher Adresspunkte mit Stasiobjekten verzeichnet die Ausstellung. Es verblüfft, wie dicht die konspirativen Wohnungen in der Innenstadt beieinander lagen, etwa die jeweils gleich um die Ecke gelegenen Wohnungen »Finnland«, »Meyer« und »Kurt« in der Czarnikauer, Driesener und Paul-Robeson-Straße in Prenzlauer Berg. Das sei auch die Absicht zu zeigen, wie engmaschig das Netz gewesen sei, das die Stasi über die Stadt geworfen hatte, bestätigt Andre Kockisch, Sprecher der Gedenkstätte Hohenschönhausen.

Im nd-Gebäude gehen die Offiziere von einst heute offen ein und aus. Sie belauschen niemanden mehr. Vielmehr finden sie Hilfe bei der Initiativgemeinschaft zum Schutz der sozialen Rechte ehemaliger Angehöriger bewaffneter Organe und der Zollverwaltung der DDR und bei der Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung. Diese haben hier Büros angemietet. Es wäre interessant zu erfahren, wo sich der Verfassungsschutz mit seinen Spitzeln trifft. Doch um das aufzudecken, muss auch dieser Geheimdienst erst aufgelöst werden.

Fakten

Die am 29. März 2019 eröffnete interaktive Ausstellung »Stasi in Berlin -Überwachung und Repression in Ost und West« ist bis zum 31. März 2019 täglich von 9 bis 18 Uhr in der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Genslerstraße 66 in 13055 Berlin, zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.

Knapp zweieinhalb Jahre wurde an dieser multimedialen Ausstellung gearbeitet. Dafür sind im Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen mehr als 600 teils mehrbändige Akten ebenso gesichtet worden wie Fotos und Filme. Recherchiert wurde außerdem im Deutschen Rundfunkarchiv, im Archiv des Senders rbb sowie in Bildarchiven. Darüber hinaus wurden Interviews mit Zeitzeugen und Experten geführt.

Die Ausstellung zeigt mehr als 90 Adressen des sowjetischen Geheimdienstes aus der zweiten Hälfte der 1940er Jahre, etwa 50 Adressen aus den Anfängen des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit und rund 300 seiner Dienstsitze und Stützpunkte der 1980er Jahren. Außerdem vermerkt sind Tausende konspirative Wohnungen.

Das Ministerium für Staatssicherheit beschäftigte 1989 etwa 90 000 hauptamtliche Mitarbeiter, davon allein 40 000 in Berlin. Dazu kamen 11 000 Soldaten und Offiziere des Wachregiments »Feliks Dzierzynski«.

Ende der 1980er Jahre hörte das MfS täglich 400 bis 600 Telefongespräche ab und beschlagnahmte zwischen 1984 und 1989 32 Millionen D-Mark aus Westpaketen.

In Berlin gab es allein elf konspirative Wohnungen in der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg, wo sich in den 1980er Jahren eine alternative Szene geformt hatte, af