Junge Welt

23.06.2014 / Politisches Buch / Seite 15

Den Klassenfeind im Blick

Klaus Eichner beschreibt in »Imperium ohne Rätsel«, wie die USA gegen die DDR und
die Bundesrepublik
spionierte - und wie das MfS darüber Bescheid wußte
Roland Zschächner

Rund ein Jahr nach den Enthüllungen des ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden über die weltweite Überwachung durch die National Security Agency bzw. den Central Security Service (abgekürzt: NSA) meldet sich ein ehemaliger Analytiker des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR zu Wort. Das neue Buch von Klaus Eichner, »Imperium ohne Rätsel«, erscheint am heutigen Montag und wirft ein Schlaglicht auf die Spionagetätigkeit der Vereinigten Staaten gegen die DDR sowie in der Bundesrepublik.

Eichner zeigt auf, daß die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des MfS über die Überwachungsmaßnahmen der NSA und anderer US-Geheimdienste In der DDR sowie auch in der Bundesrepublik zum Teil detailliert Bescheid wußte.  Damit unterstreicht der ehemalige Oberst die Notwendigkeit der Spionageabwehr des sozialistischen Staats: »Der Klassengegner war kein Hirngespinst, er existierte nicht nur, sondern arbeitete real gegen die DDR

»Imperium ohne Rätsel« ist das Werk eines Fachmanns. Eichner arbeitete von 1957 bis 1990 für das Ministerium für Staatssicherheit. Seit 1974 war er als Analytiker der HVA auf die Geheimdienste der USA spezialisiert. Zuletzt war er als Leiter des Bereichs Auswertung und Analyse der Abteilung Gegenspionage tätig. Sein Wissen ist seit dem vergangenen Jahr wieder gefragt, denn er gibt Einblicke und Analysen in das Denken und über die Methoden der NSA. Hinter der Massenüberwachung sieht Eichner den »imperialen Drang nach Beherrschung der Welt« durch die USA. Ein Ziel, wofür Washington jedes Mittel Recht ist.

Spionage kennt keine Grenzen. Wie die Möglichkeiten der Geheimdienste mittels fernmeldetechnischer und elektronischer Aufklärung (SIGINT; siehe dazu auch jW-Thema vom 7. und 8.8.2013) einen rapiden Schub erfuhren, so wurden sie mit dem Internet - einer Erfindung des US-Militärs - nochmals auf eine neue Qualitätsebene gehoben. Die fünfte strategische Dimension neben Land, Luft, See und Weltall nennt Eichner den Cyberspace, der mittlerweile sogar zum Kriegsschauplatz wurde. Auch dort wollen die USA ihre Hegemonie aufrechterhalten.

Wie aus einem Spionageroman sind die Schilderungen über die Informationsbeschaffung der HVA. Eichner schreibt über zwei Quellen, die der HVA streng geheime Dokumente lieferten. Der türkische Kfz-Meister Hüseyin Yildirim - Deckname BLITZ - war beim US-Militär in Westberlin beschäftigt. Er warb den Unteroffizier James W. Hall - Deckname HALL, später PAUL - an, der in der Abhörstation auf dem Teufelsberg diente. Anschließend wurde PAUL nach Frankfurt am Main versetzt. Dort arbeitete er für eine zentrale Auswertungseinheit. PAUL und BLITZ besorgten Material, das weitreichende Einblicke in die Spionagetätigkeit Washingtons zuließ, darunter auch die National SIGINT Requirements List (NSRL). Darin war genau aufgeführt, was im einzelnen die US-Dienste über andere Länder herausfinden sollten. Insgesamt umfaßte die NSRL zehn Aktenordner, 35 Seiten waren der BRD gewidmet. Federführend bei der Beschaffung der gewünschten Daten war die NSA. Auch heute noch besteht eine solche nachrichtendienstliche Wunschliste. Das Nachrichtenmagazin Spiegel hat darüber im vergangenen Jahr berichtet. Verwundert stellt Eichner fest, daß Hall als Unteroffizier Zugang zu einem solch brisanten Schriftstück hatte. Ein laxer Umgang, der Parallelen zum Fall Snowden aufweist.

Nach dem Anschluß der DDR an die Bundesrepublik wurde das Wissen der HVA über die Spionage der USA zur Beute des Westens. Gegen geltendes Recht und bisher ohne juristische Konsequenzen wurden die gesammelten Dokumente und die Analysen des MfS von der BRD freimütig an Washington überstellt. Daran beteiligt war neben der neugeschaffenen Gauck-Behörde, die für die Verwahrung der Unterlagen verantwortlich war, auch das Bundesinnenministerium unter Wolfgang Schäuble. 1992 waren in einer geheim gehaltenen Aktion die Bestände - darunter auch die N5RL - übergeben worden. »Als die HVA-Akten das Archiv verließen und in die USA ausgeflogen wurden, verschwanden sie auf Nimmerwiedersehen, wodurch es unmöglich wurde, den Amerikanern schwarz auf weiß zu beweisen, wie sie gegen die DDR und gegen die Bundesrepublik Deutschland in den 70er und 80er Jahren spioniert haben«, resümiert Eichner die damaligen Ereignisse.

Klaus Eichner: Imperium ohne Rätsel - Was bereits die DDR-Aufklärung über die N5A wußte. Edition Ost, Berlin 2014, 128 Seiten, 9,99 Euro