junge Weit vom 30.04.2003

 

Feuilleton

Im MfS und Spaß dabei

Sie nannten ihn Atze: Zum Tod der Frohnatur Gerhard

Niebling

Robert Allertz

 

Die ihn kannten, nannten ihn Atze. Das war vielleicht deplaziert. Erstens kam er aus Thüringen, nicht aus Berlin, wo man den großen Bruder so rief. Zweitens war er immerhin General bei der Stasi. Da verbieten sich solcherart Koseformen. Wer es nur in Zivil mit ihm zu tun bekam, hielt sie dennoch für durchaus angemessen: Atze Niebling war eine Frohnatur. Freundlich, heiter und offen- ein Typ, den man eher hinterm Tresen einer Eckkneipe als hinter einem Schreibtisch in der Normannenstraße vermutet hätte. Wir wissen, daß Arbeit den Menschen formt. Und manche Tätigkeiten formen besonders. Bei Gerhard Niebling schien diese Regel nicht zu gelten. Erstaunlich.

 

Seit 1983 leitete Niebling die Zentrale Koordinierungsgruppe im Ministerium. Die befaßte sich mit den verschiedenen Formen der Übersiedlung in die Bundesrepublik einschließlich der kommerziellen, also Menschenhandel und dazugehörige Bandenkriminalität. Er mußte also das ausbaden, was die Politik angerichtet und schließlich ans MfS delegiert hatte. In dem Buch »Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS« (edition ost, 2 Bd., ab Mai auch als Paperback erhältlich) hat Niebling auf gut 80 Seiten darüber berichtet.

 

Nieblings Vater war Bergmann, er wurde es auch. Als 20jähriger aber ging er zum MfS, das war 1952. Nach dem 17. Juni 1953 kam er zu den Untersuchungsorganen in Berlin, zuletzt, von 1979 bis 1983, war er stellvertretender Leiter dieser HA IX auf zentraler Ebene. Das trug ihm in den 90er Jahren etliche Ermittlungsverfahren und Prozesse ein - alle endeten mit Freispruch. Gewichtiger als die Kompetenz der Verteidiger war wohl der Charakter des Angeklagten. Niebling verhielt sich immer korrekt. Ihm ließ sich beim besten Willen nichts am Zeug flicken. Er war nicht nur seit 1984 Generalmajor, sondern auch promovierter Jurist und diplomierter Kriminalist. Ihm konnte niemand was vormachen. Das gab ihm jene souveräne Gelassenheit, die ihn auch das Ende des MfS überstehen ließ. (Er berichtete einmal, wie sie damals ihre Akten in Stahlwerken vernichten wollten, doch die Werktätigen dort bangten um die Qualität der Schmelze und schickten die LKW vom Hof. Da verging nicht nur ihm das Lachen.)

 

Nach seiner Entlassung aus dem MfS war er zunächst als Berater des Staatlichen Komitees zur Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit tätig. Dann zog er sich in die Uckermark zurück, nicht in die Untätigkeit. Er engagierte sich in der GRH und in der DKP, thematisierte die politische Strafverfolgung und wirkte in entsprechenden Publikationen und Filmen mit. Wer ihn bei hitzigen Debatten erlebte, wollte nicht glauben, daß er schwer krank war an Herz und Nieren. Dreimal in der Woche mußte er zur Dialyse.

 

Nach einer Nierenoperation am vergangenen Donnerstag verstarb er am Sonntag, einige Monate vor seinem 71. Geburtstag. Die Urne wird am 19. Mai, 13.30 Uhr - wie sich das für einen aufrechten Sozialisten gehört - in Berlin-Friedrichsfelde beigesetzt.