Junge Welt

20.11.2007 / Schwerpunkt / Seite 3

Spannendes Experiment

Die Auslandsaufklrung der DDR stand im Mittelpunkt einer internationalen Konferenz im dnischen Odense. Debatten von Sachlichkeit geprgt

Peter Wolter

Es hat auch sein Gutes, wenn eine staatliche Propagandaeinrichtung wie die BStU, besser bekannt als Birthler-Behrde, Diskussionen ber die Rolle des Auslandsgeheimdienstes der DDR boykottiert: Die internationale Konferenz, zu der das Zentrum fr die Studien des Kalten Krieges der dnischen Universitt Odense am Wochenende eingeladen hatte, verlief in sachlicher Atmosphre. Das ist sehr vernnftig gelaufen, es war ein spannendes Experiment, resmierte der Organisator der Konferenz, Thomas Wegener Friis, gegenber junge Welt.

Hitzige Diskussionen

Etwa 250 Gste waren zu der Konferenz gereist, die die politische Einflunahme der Hauptverwaltung Aufklrung (HVA) des DDR Ministeriums fr Staatssicherheit untersuchen sollte. Aus Berlin waren etwa 80 ehemalige Angehrige der HVA gekommen, darunter ein knappes Dutzend ihrer Westagenten - Kundschafter genannt. Das Besondere des Treffens war, da Historiker und ehemalige HVA-Offiziere sich ber ihre unterschiedlichen Sichtweisen austauschen und diskutieren konnten: 13 Referenten aus dem einen und elf aus dem anderen Lager beleuchteten Aspekte wie politische und militrische Spionage, die Geschichte der HVA, die ominsen Rosenholz-Dateien oder die Infiltration des Bundesnachrichtendienstes (BND). Zu den Rednern gehrten Gabi Gast, die jahrelang die HVA mit Interna aus dem BND beliefert hatte, sowie jW-Autor Rainer Rupp, der aus dem Allerheiligsten der NATO berichtet hatte. Nach einigen Referaten gab es zwar hitzige Diskussionen, man ist sich aber nicht an den Kragen gegangen, lobte Wegener Friis.

Das Treffen in Odense war der zweite Anlauf zu der Konferenz, die unter dem Motto Hauptverwaltung A -Geschichte, Aufgaben, Einsichten stand. Ursprnglich hatte die Tagung am 17. Juni in Berlin stattfinden sollen. Die Birthler-Behrde war zwar eingeladen, hatte aber emprt abgesagt, als sie erfuhr, da Zeitzeugen zu Wort kommen sollte. Es folgte eine wste Medienkampagne mit dem Resultat, da die von der Universitt angemieteten Konferenzrume kurzfristig gekndigt wurden. Schlielich wurde auch jede Teilnahme von BstU-Mitarbeitern an dem Treffen in Odense verboten. Einer der hauseigenen Historiker hielt sich nicht daran: Helmut Mller-Enbergs.

Groe Resonanz

Vor allem bei Wissenschaftlern aus dem Ausland stie die Konferenz auf Resonanz. Das war hochspannend. Ich habe noch nie so viele interessante Details erfahren, lobte die niederlndische Historikerin und Autorin Beatice de Graaf. Von der HVA-Seite gab es selbstkritische und gut formulierte Beitrge, bei manchen Referaten wre aber vielleicht etwas mehr wissenschaftliche Reflexion ntig gewesen. Klaus Schulze, Assistenz-Professor an der Universitt Roskilde (Dnemark), zeigte sich berrascht von der problematischen wissenschaftlichen Qualitt von zwei der Bundesregierung nahestehenden Referenten. Der deutsche Friedensforscher Erich Schmidt-Eenboom hob den internationalen Aspekt hervor: Es hat sich ausgezahlt, da Referenten aus Drittstaaten in die Konferenz einbezogen wurden, bemerkte er gegenber jW. Ich hoffe, da diese neue Sachlichkeit auch nach Deutschland berschwappt.

Von derartigen Bewertungen erfhrt das deutsche Medienpublikum allerdings wenig. Durchgngiger Tenor: Stasi-Generle feiern sich selbst. Alte Erfahrung: Durch Recherche macht sich mancher Journalist die Story kaputt.