jungeWelt

20.11.2007 / Schwerpunkt / Seite 3

Die Konferenz hat neue Anregungen gegeben

US-Wissenschaftlerin pldiert fr die Zusammenarbeit von Zeitzeugen und Historikern. Ein Gesprch mit Kristie Macracis

Peter Wolter

Professorin Dr. Kristie Macracis lehrte bisher Geschichte an der Michigan State University in den USA, demnchst arbeitet sie in Harvard. In Odense hielt sie am Wochenende einen Vortrag ber die Rosenholz-Dateien - ein dem US-Geheimdienst in die Hnde gefallenes Dokument der Hauptverwaltung Aufklrung (HVA) der DDR

Sie sind US-Brgerin und arbeiten wissenschaftlich zur Rolle von Geheimdiensten in der Politik. Hat die Konferenz in Odense Ihre Erwartungen erfllt?

Ja, sehr. Ich bin begeistert, es herrschte eine sehr angenehme Stimmung. Vor der Tagung hatte ich von Befrchtungen gehrt, die Diskussion knnte sehr kontrovers werden, das hat sich nicht besttigt. Im Gegenteil: Ich glaube, da sowohl die Geheimdienstler als auch die Historiker zufrieden waren. Es war sehr wissenschaftlich, auch wenn es hin und wieder heftige Debatten gab. Das gehrt aber zu Tagungen dieser Art hinzu.

Ursprnglich sollte die Konferenz in Berlin stattfinden - nach einer ffentlichen Kampagne dagegen mute sie aber abgesagt werden. Hauptargument war, man drfe den ehemaligen Offizieren der DDR-Aufklrung kein Forum bieten. Haben Sie Propagandaabsichten versprt, die diese Befrchtung htten rechtfertigen knnen?

Es hat mich ziemlich schockiert, da die Konferenz in Berlin nicht stattfinden durfte. Das ist sehr ungewhnlich und schlgt zurck auf diejenigen, die fr die Absage gesorgt haben. Deutschland ist immerhin eine Demokratie, und die lebt schlielich vom Austausch von Meinungen. Ich persnlich habe hnliche Erfahrungen gemacht, als ich mein zweites Buch ber die Wissenschaften in der DDR geschrieben habe. Da wurde mir von deutscher Seite entgegengehalten, bestimmte Leute drften nicht zur Geschichtsschreibung beitragen. Auch das war schon ein Schock fr mich.

Sind weitere Konferenzen sinnvoll?

Ja sicher, es gibt viele offene Fragen. Mein Interesse gilt der Geheimdienst-Geschichte, und das ist fr Deutschland offenbar ein ziemlich neues Thema. Zeitzeugen sind wichtig, deswegen mssen ihre Beitrge auch festgehalten werden.

Wird es hnliche Veranstaltungen auch ber die Rolle der US-Geheimdienste geben?

Es gab schon eine, das war 1999, als ich gerade in Deutschland war. Es war eine Geheimdiensttagung auf dem Teufelsberg in Berlin, wo die USA whrend des kalten Krieges eine riesige Abhrstation betrieben. Historiker waren dabei und Persnlichkeiten des ehemaligen sowjetischen Geheimdienstes sowie der CIA. Vertreter der DDR-Auslandsaufklrung waren nicht eingeladen, worber ich mich sehr gewundert habe.

Gerade die htten einiges beisteuern knnen - immerhin hatte die HVA auf dem Teufelsberg mit Jim Hall einen sehr wichtigen Agenten plaziert.

Den Vorgang kenne ich gut, ich habe darber auch in meinem Buch geschrieben.

Wie beurteilen Sie als US-Historikerin die Auseinandersetzung im heutigen Deutschland ber die Konfrontation der Geheimdienste whrend des kalten Krieges? Spielen da wissenschaftliche Kriterien eine Rolle oder ist es vorwiegend gegenseitige Polemik?

Da mu man differenzieren, es gibt sehr verschiedene Leute, die sich mit diesem Komplex befassen. Die Frage lt sich pauschal also schlecht beantworten. Vielleicht kann man das Dilemma auch anekdotisch umreien: In Odense wohnten die DDR-Geheimdienstler in dem einem Hotel, die Historiker waren in einem anderen untergebracht. Ich habe die Veranstalter darauf angesprochen, da ich gerne auch abends bei einem Glas Wein mit Zeitzeugen htte sprechen wollen - daraufhin kam die erschrockene Antwort: Um Himmels willen, das htte nur Streit gegeben.

Der von der Bundeswehr ausgebildete Historiker Armin Wagner erregte Widerspruch mit seiner Behauptung, 90 Prozent der von der HVA gefhrten Agenten seien auf finanzieller Basis geworben worden. Auch Sie haben ihm widersprochen.

Ich habe mich mit dem Bereich Wissenschaft und Technik intensiv befat. Nach meiner Einschtzung war es lediglich die Hlfte, der Rest wurde auf ideologischer Grundlage geworben. - immerhin habe ich 300 Spionageflle dieser Art untersucht. Natrlich spielen oft zustzliche Motive auch noch eine Rolle. Wagner berief sich auf den Historiker Georg Herbstritt - was aber falsch ist, denn mit genau dem habe ich selbst zusammengearbeitet. Der finanzielle Anreiz kann aber nicht so gravierend gewesen sein, denn die HVA hat nie viel Geld gezahlt.

Haben Sie Impulse fr neue Forschungen bekommen?

Ich wollte eigentlich die Beschftigung mit diesem Komplex abschlieen, bevor ich nach Odense kam. Jetzt sehe ich aber, da es weitere reizvolle Themen gibt. Die Konferenz hat viele neue Anregungen gegeben.