Neues Deutschland vom 24. November 2007, Seite 22 (Geschichte)

Wie kam die Hauptverwaltung Aufklärung an die dänische Universität Odense?

Natürlich ohne Verbrüderungsszenen

Am vergangenen Wochenende fand an der Universität Odense in Dänemark eine Konferenz unter dem Titel »Hauptverwaltung A - Geschichte, Aufgaben, Einsichten« statt. Diese Tagung war für den 17. Juni in Berlin geplant gewesen, ist jedoch wegen massiver Proteste sowie der Aufkündigung der Mitarbeit seitens der Behörde für die Unterlagen der Staatssicherheit der DDR (BStU) abgesagt worden (ND berichtete). Unter den 250 Teilnehmern in Odense waren 60 ehemalige Mitarbeiter der HVA. ND sprach mit zwei von ihnen, Klaus Eichner, Jg. 1939, einst für Gegenspionage CIA und MI 6 zuständig, und Gotthold Schramm, Jg. 1932, spezialisiert auf bundesdeutsche Geheimdienste, vor allem BND.

Was hat Odense mit der HVA gemein?

Schramm: Die dortige Universität ist ganz sicher nicht eine Residentur der HVA gewesen, wenn Sie das meinen. Aber am dortigen Institut für Studien des Kalten Krieges arbeiten eben echte Wissenschaftler, die sich von Forschungsinteressen und nicht Vorurteilen leiten lassen. Dort entstand auch die Idee zu einer solchen Konferenz. Der ursprünglich für Juni in Berlin angesetzten Konferenz waren Gespräche und Abstimmungen vorausgegangen, an denen Vertreter der dänischen Universität, der Birthler-Behörde und ehemalige HVA-Mitarbeiter teilnahmen. Übereinstimmung bestand darin, dass Wissenschaftler und Zeitzeugen gemeinsam einen neuen Abschnitt in der Aufarbeitung der Geschichte der HVA einleiten sollten.

Wegen der in Deutschland aufgepeitschten, in eine Sackgasse geratenen Diskussion?

Schramm: So ist es. Wobei es von vornherein keine Zweifel gab, und dies auch für die Konferenz ausdrücklich gewünscht war, dass unterschiedliche und gegensätzliche Positionen aufeinandertreffen.

Deutschen Presseberichten zufolge war der Trip nach Odensee ein »Brigadeausflug der Stasi«?

Eichner: Unsinn. Die Zahl der Wissenschaftler übertraf bei Weitem die der ehemaligen HVA-Mitarbeiter. Es waren renommierte Wissenschaftler aus den USA und Großbritannien anwesend.

Eine nostalgische, verklärende Rückschau war also den »Ehemaligen« dort nicht gestattet?

Schramm: Die elf Referenten der HVA haben zu ihren Erfolgen und Problemen gesprochen. Sie verhehlten auch nicht, dass sie ihre Arbeit in der Zeit des Kalten Krieges als einen Beitrag für die Erhaltung des Friedens und zur Verhinderung eines heißen Krieges verstanden haben. Und sie haben ihre Genugtuung darüber zum Ausdruck gebracht, dass dies gelungen ist. Werner Großmann, letzter Leiter der HVA, bemerkte in seinem Referat, dass die HVA nicht wie andere Geheimdienste an Staats­streichen, Ermordungen und Entführungen beteiligt war. Das wurde in einigen Presseveröffentlichungen hierzulande gleich als »Rechtfertigung« oder gar »Lebenslüge« disqualifiziert.

Was ist beispielsweise mit der Entführung von Heinz Brandt aus West- nach Ostberlin 1961? Eichner: Für diesen Vorgang war keine Diensteinheit der HVA verantwortlich.

Schramm: Ein Ruhmesblatt war das sicher nicht. Man muss aber die damalige politisch aufgeheizte Situation sehen.

Wie verhielten sich in Odense die Wissenschaftler zu den »Ehemaligen«? Hart oder herzlich?

Eichner: Ein britischer Historiker hat die Ausführungen von Rainer Rupp als ehemalige Spitzenquelle »Topas« im NATO-Hauptquartier in Brüssel attackiert. Sein unlogischer Einwand, ob Rupp mit seinen Informationen nicht das Geschäft der CIA oder des BND besorgt habe, wurde jedoch von anderen Teilnehmern belächelt.

Bei anderer Gelegenheit hat übrigens Milton Beardon, Deutschland-Chef der CIA, später Leiter der Sowjet- und Osteuropa-Abteilung im CIA-Hauptquartier in Langley, gesagt: »Die HVA hat auch der Sache des Friedens gedient.«

 

Sie hat aber fast die Fortsetzung der Neuen Ostpolitik von Willy Brandt gefährdet, mit Guillaume.


Eichner: Der Fall wurde von den Gegnern der Entspannungspolitik, darunter Verfassungsschutzpräsident Günther Nollau, manipuliert und als Vorwand zum Sturz von Brandt und zur Torpedierung seiner Ostpolitik missbraucht. Leitende HVA-Mitarbeiter sahen diesen Vorgang im Rückblick zwar auch kritischer und haben sich öffentlich entschuldigt, die HVA hat aber nie wissentlich die Entspannungspolitik gefährden wollen, schon gar nicht bekämpft, wie manche behaupten. Dieses Thema sollte auch in Odense diskutiert werden, doch dazu kam es aus Zeitgründen nicht. Da hätte man an das Scheitern des Misstrauensantrages gegen Brandt 1972 durch die von der HVA besorgte Stimme des CDU-Abgeordneten Steiner erinnern können. Da wäre zu sprechen gewesen über die nachweisbare HVA-Einflussnahme zur Fortsetzung des Entspannungsprozesses. Das betraf sowohl die Informationsbeschaffung als auch operative Kontakte im Rahmen der »back channels«.

Können Sie diesen »nachweisbaren Einfluss« konkretisieren?

Eichner: Dazu sprach in Odense Professor Herbert Bertsch. Er zitierte Markus Wolf 1994: »Wenn wir in gewisser Weise eine friedenserhaltende Funktion ausgeübt haben, so glaube ich, dass wir dies teilweise durch Kontakte vermochten, ähnlich wie das sonst ja auch Diplomaten tun.«

In jüngster Zeit hat es vor allem öffentlichen Streit hierzulande darum gegeben, inwieweit das MfS alte Nazis rekrutierte. Womit Sie sich in Ihrem neuen Buch »Angriff und Abwehr« auseinandersetzen. War das ein Thema in Odense?

Eichner: Ja. Ein dänischer Assistenz-Professor zeigte sich allerdings überrascht über die in diese Kerbe schlagenden Vorträge von zwei der Bundesregierung Deutschland nahestehenden Referenten. Man kann sich dazu in unserem, bei Edition Ost erschienenen Buch über die deutschen Geheimdienste nach 1945 schlau machen. Bemerkenswert ist, dass jetzt die FDP-Bundestagsfraktion eine kleine Anfrage gestartet hat, um sich über die Aufarbeitung der Gründungsgeschichte bundesdeutscher Nachrichtendienste zu informieren. Sie will wissen, welche Kontinuitätslinien aus der Nazi-Zeit es bei Verfassungsschutz und BND gab, und fragte direkt an, ob es zutrifft, dass in den 50er und 60er Jahren frühere Gestapo-Mitarbeiterführende Positionen beim Verfassungsschutz innehatten.

Wie stand es mit selbstkritischen Reflexionen der »Ehemaligen« in Odense?

Schramm: Eine niederländische Historikerin wusste einige Beiträge von HVA-Vertretern als selbstkritisch zu schätzen. Dahingegen hat der Mitarbeiter am Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik Armin Wagner nach dem Beitrag eines ehemaligen HVA-Mitarbeiters über die Bearbeitung der bundesdeutschen Nachrichtendienste gefordert, er möge nun auch die Misserfolge des MfS darlegen.

Warum auch nicht?

Schramm: Wagner ist Koautor eines Buches über die Militärspionage des BND gegen die Sowjetarmee in der DDR. Darin gibt es kaum Hinweise auf die Misserfolge und Pannen des BND, keine Erwähnung des Überläufers einer Westberliner Filiale der Organisation Gehlen 1953, kein Hinweis auf die Rolle des KGB-Spions Heinz Felfe bei der Neutralisierung der Gegenspionage des BND, erst recht nicht über die Paralysierung der DDR-Spionage des BND durch die HVA-Quellen der 70er und 80er Jahre.

Waren das nun Mitarbeiter aus ideelen oder eher rein materiellen Motiven?

 

Schramm: Wagner behauptete auf der Konferenz, 90 Prozent der HVA-Quellen seien aus schnöden finanziellen Gründen für die DDR-Aufklärung tätig gewesen. Dabei stützt er sich auf die Ausarbeitung eines Mitarbeiters der Birthler-Behörde, der in Auswertung von Gerichtsverfahren diese Zahl ermittelt haben will. Dort wurden alle finanziellen Zuwendungen an die Quellen, einschließlich Aufwands- und Reiseentschädigungen, als »Agentenlohn« zusammengezählt. Bei einer solchen Milchmädchen-Rechnung sollte man nach wissenschaftlicher Qualität fragen.

Eichner: Interessanterweise wertete der langjährige Leiter der Geschichtsabteilung der CIA, Benjamin B. Fisher, es als einen der schwerwiegendsten Fehler der CIA, über Jahrzehnte die HVA in ihrer Professionalität unterschätzt, sie nur als einen kleinen Ableger des KGB betrachtet zu haben. Die Quittung dafür sei gewesen, dass alle Agenten der CIA vom MfS als Doppelagenten geführt wurden. Er sagte, die HVA sei einer der effektivsten Nachrichtendienste des Warschauer Vertrages gewesen.

 

Balsam für die geschundene Agentenseele? Also war die Konferenz doch ein »Brigadeausflug«?

 

Eichner: Die Fakten lassen sich doch durch solche Titulierungen nicht leugnen. Geheimdienst-Experte Erich Schmidt-Eenboom legte dar, dass 1988 der BND rund 180 Agenten gegen die DDR geführt hatte. Davon waren 160 Doppelagenten des MfS, 20 Quellen blieben unentdeckt, unter jenen jedoch nur zwei, drei mit dem Anspruch einer Innenquelle. Und der walisische Historiker Paul Mad-drell meinte, die DDR sei durch Spionageangriffe westlicherseits gezwungen gewesen, mit Gegenaktionen zu antworten. Es gab keine eingebildeten Bedrohungen.

Über solchen Konsens müssen Sie erfreut gewesen sein?

Schramm: Es gab keine Verbrüderungsszenen. Es wurde kein Abschlusskommunique verabschiedet. Es gab eine kontroverse, teils hitzige Diskussion. Das hat der Konferenz nicht geschadet, im Gegenteil. Sie brachte Erkenntnisgewinn für beide Seiten, Ex-Geheimdienstmitarbeiter und Wissenschaftler. Beide Seiten standen sich auch nicht in Blockkonfrontation gegenüber. Mehrere Teilnehmer haben sich positiv über den Ertrag der Konferenz geäußert. Eine Historikerin aus den USA sah sich angeregt, entgegen ihren ursprünglichen Plänen weiter auf diesem Gebiet zu forschen. Und die schon erwähnte Niederländerin, die sich zwar etwas mehr wissenschaftliche Reflexionen gewünscht hätte, meinte dennoch, die Konferenz sei »hochspannend« gewesen. Der Leiter des gastgebenden Zentrums, Thomas Wegener Frijs, schätzte ein, dass die Konferenz »vernünftig« abgelaufen sei. Presseverlautbarungen wie »ein lächerliches und enthüllendes Stelldichein der Gespenster« oder Versammlung »alter Männer auf Krücken und in Gesundheitsschuhen« diskreditieren auch die Wissenschaftler. Fragen: Karlen Vesper