Tageszeitung neues deutschland 16.05.2013

Zeitschrift Cicero: Nazi-Netzwerk NSU ist eine linke Legende

Schuld ist der Osten

Von Thomas Blum

Dr. rer. pol. Wolfgang Bok, der fr diverse Lokalbltter und die Wirtschaftswoche ttig ist, und zwar laut Selbstauskunft fr die Kemthemen Politik und Wirtschaft in Baden-Wrttemberg, bietet auch Reklamedienstleistungen an (kreative Kommunikations- und Medienstrategien). Das ist kein Wunder, hat sich der ausgewiesene Experte fr das Kernthema provinzieller Wohlfhljournalismus (zwlf Jahre Chefredaktion bei der Heilbronner Stimme) seiner Homepage zufolge doch auch lnger als Werbeonkel hervorgetan: An die journalistische Karriere schlssen sich Jahre bei der renommierten Kommunikations- und Werbeagentur Scholz & Friends, Berlin. Da wchst zusammen, was zusammengehrt: die Beschftigung mit Top-Themen wie der Erffnung des neuen Designbadewannen-Studios in der Innenstadt oder dem Vereinsjubilum der Freiwilligen Feuerwehr und der feiste Stolz auf die eigene Provinz i alitt (Wir knnen alles. Auer Hochdeutsch).

Bok, der sich anscheinend auch ums Kemthema Nazis kmmert, wei auch mehr als wir alle. Er wei beispielsweise, dass es eine Neonazi-Terrororganisation namens NSU nie gegeben hat und auch keine Verfassungsschtzer, die mit ihr paktiert haben knnten. Was es dagegen gegeben hat, sind drei durchgeknallte Ossis und eine Legende vom groen braunen Netzwerk, an dem die Linkspartei eifrig strickt.

Herr Bok, einer, der einen Neonazi vermutlich noch nicht einmal erkennen wrde, wenn man ihm einen in seine Wohnzimmerecke stellen wrde, hat herausbekommen, worum es beim NSU-Prozess in Wirklichkeit geht: Auf der Anlagebank (sie!) sitzt auch Deutschland. Und damit letztlich wir alle. Also auch Sie - und ich. Deutschland soll vorgefhrt werden, und zwar als Hort, wo neonazistische Umtriebe unter den Augen der Obrigkeit gedeihen knnen.

Ja, ist das denn die Mglichkeit? Deutschland, seit je bekannt fr seine Berge, Tler, blhenden Gnseblmchen, Anlagebanken, das Kthchen von Heilbronn, den guten schwbischen Trollingerwein sowie fr seine weltweit erfolgreichen Philosophen (Heidegger), Literaturpreistrger (Grass) und Krimiserien (Derrick) und den besten Autobahn der Welt, ein verkapptes Naziland? Unmglich!

Bok, der sich wohl wenig begeistert zeigen wrde, wenn man ihn einen durchgeknallten Wessi nennen wrde, und der vermutlich eher als Fachmann auf dem Gebiet der politischen Wissenschaft bezeichnet werden muss, hat per Blitzrecherche przise ermittelt, wer die Schuld trgt am jahrelangen Morden militanter Neonazis: Linke Jugendliche und kommunistische Zahnrzte. Wie knnte es auch anders sein? Beate Zschpe hat ihren mrderischen Irrweg in einer linken Jenaer Gruppe namens >Zecke< begonnen. Sie ist ein Kind der DDR und deren Krippenerziehung, in die sie ihre Mutter, eine Zahnrztin, bereits ab der zwlften Woche gesteckt hat. Linke Zecke! DDR! In die Krippe gesteckt! Man htte es vorher wissen knnen, wenn man nur Wolfgang Bok, den knallharten investigativen Rechercheur, der den Dingen auf den Grund geht, unseren Geschichtsprofessor ehrenhalber, zurate gezogen htte: Weil Zschpe bereits als hilfloses Kleinkind im Krippen-Gulag per Bananenentzug und Zwangsbespa ung gefoltert wurde, ist es kein Wunder, dass sie als Erwachsene das Auslndertotschlagen befrwortet. Sowas kommt von sowas.

Eine Beweisfhrung, wie sie scharfsinniger kaum sein knnte. Schlielich legt Bok ausweislich seiner eigenen Homepage groen Wert auf analytischen Tiefgang, wenn er, so wie vier, vielerlei verschiedene Buchstaben in einer bestimmten Reihenfolge auf Papier malt. Am Ende knnte sich schlimmstenfalls ein schrecklicher Verdacht besttigen: Htte es keine Kinderkrippen in der DDR gegeben, wre uns vielleicht gar am Ende der Nationalsozialismus erspart geblieben. Vielleicht kann Bok in dieser Sache mal ein bisschen nachrecherchieren.

Stattdessen aber wiederholt er das hundertfach widerlegte geschichtsrevisionistische Mantra von den Antifaschisten, die schlimmer als die Nazis seien: Rechts- und Linksextremisten sind sich hnlicher, als sie wahrhaben wollen, schreibt Bok. Auf das Konto politisch rechts motivierter Gewalt gingen 2012 insgesamt sechs >versuchte Ttungen<, Linksextremisten werden acht beabsichtigte Ttungsdelikte zur Last gelegt.

Es gab eine Zeit, in der man solcherart Mischung aus ahnungslosem Extremismusgequatsche und Textbausteinen aus dem Fundus des Bundes der Vertriebenen nur in einschlgigen Publikationen wie der Jungen Freiheit und NPD-Propagandablttern lesen konnte. Heute liest man solches in der Angeber-Illustrierten Cicero, die mit dem US-amerikanischen Magazin New Yorker, dem sie nachzueifern vorgibt, ungefhr so viel zu tun hat wie eine vertrocknete Knckebrotscheibe mit der Auslage eines Pariser Delikatessengeschfts.

Journalistisch tritt Wolfgang Bok vor allem als Kolumnist und Autor in Erscheinung. Hier zeichnet ihn der Mut zur klaren Meinung aus, die auch gerne vom blichen Mainstream abweicht, ist auf seiner Homepage zu lesen. Anders gesagt: Bei ihm, dem ausgebufften Werbefuzzi, haben wir es mit einer Art Bonsai-Ausgabe von Martenstein, Fleischhauer & Co. zu tun, der Sorte analytischem Tiefgnger also, die sich gern als tapferen Tabubrecher inszeniert, whrend sie Journalistendeutsch, Antikommunismus, ressentimentgeladene Altherrenstammtischmeinung und regierungsoffizielle Propaganda so grndlich vermischt, dass am Ende das dabei herauskommt, was der deutschnationale Kleinbrger gerne hrt: das immergleiche, seit Jahrzehnten ertnende Gejammer vom Deutschen als Opfer. Davon, dass man vom Krieg und den Nazis geflligst nichts mehr hren wolle (Selbstkasteiung, kollektivschuldig, Berhemd) und dass die Kommunisten schuld seien an allem Schlimmen in der Welt (Extremismus, Nazis, Ostzone).

In der DDR htte man Wolfgang Bok niemals schreiben lassen, meint der Titanic-Chefredakteur Leo Fischer und zieht daraus den Schluss: So schlecht kann dieses Land nicht gewesen sein.