Rosenholz, ach Rosenholz

Die aus den USA zurückgekehrten Dateien sind bald zur Verwertung aufbereitet


Von Otto Köhler

Marianne Birthler steigt im Bundespressehaus die Stufen zum Saal hinauf, empfangen von den Blitzlichtern der Fotografen ... Dann beginnt ihr Vortrag - mit abgewogenen Sätzen und dosiertem Lächeln. Routiniert referiert Birthler die Bilanz ihres Hauses, spricht über 1600 Meter neu erschlossene Akten, über 94000 zusätzliche Anträge auf Einsicht in die Unterlagen. Sie spricht über die Generationenaufgabe, all das aufzuarbeiten und abzuarbeiten. Charmant, professionell. Doch plötzlich verliert sie die Kontrolle. »Dass die so genannten Rosenholz-Dateien«, liest Birthler vor und räuspert sich, »seit wenigen Wochen für Recherchen«, sie hustet, zögert, »und die Forschung zur Verfügung stehen«, wieder ein Husten, sie trinkt Wasser, entschuldigt sich, »also, das wird neue Erkenntnisse über die Westarbeit der Staatssicherheit ermög...« Husten. Sie hat sich verschluckt. Birthler bricht ab. Sie beugt sich zu ihrem Direktor und raunt ihm zu: »Das muss am Thema liegen Die Journalisten horchen auf; im großen Presseraum der Bundeshauptstadt wird es still. Für einen Moment ist Marianne Birthler aus sich herausgekommen. »Mitten in der Öffent­lichkeit.« So war es zu lesen in der Berliner Zeitung »Der Tagespiegel« vom 26. September 2003. Nun hat sie - nach einem Dritteljahr - endlich ausgehustet. Marianne Birthler ließ, so dpa am Montag dieser Woche, ankündigen, dass ab April die Rosenholz-Dateien über Westspione der Stasi für Auskünfte und Überprüfungen genutzt werden können. Die aus den USA zurückgekehrten Dateien seien dann technisch aufbereitet.

Schon Mitte Januar beim Tag der offenen Tür in der Außenstelle der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen in Frank­furt (Oder) wurde der spektakuläre Fall ei­nes 21-jährigen Hamburgers bekannt, der vor der Einberufung zur Bundeswehr in die DDR flüchtete und Jahre später im Auftrag der Stasi die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese auskundschaftete. Das ist eine gute Nachricht. Wenn - wie am 25. Januar 1995 - der anerkannte und vorbestrafte Rechtsterrorist Manfred Roeder an der Führungsakademie ein Seminar über die »Regermanisierung« Kaliningrads abhalten und ausrangierte Bundeswehrfahrzeuge mitnehmen durfte, dann ist ja wohl das mindeste, was man von einer funktionierenden Hauptabteilung Aufklärung erwarten darf, dass sie sich genau über eine solche Führungsakademie informiert. Bisher ist nur der Deckname »Walther« des Kundschafters bekannt. Wir wollen hoffen, dass auch sein Klarname festzustellen ist, damit er dem Bundespräsidenten für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes vorgeschlagen werden kann - die am Roeder-Seminar beteiligten Offiziere haben sicherlich auch schon ihre Orden bekommen. Ob sich aber »Walthers« Klarname zuverlässig aus den neuen Dateien ermitteln lässt, ist fraglich.

Rosenholz ist schon ein eigen Ding. Der weit gereiste Naturforscher Johann Leonhard Frisch entdeckte als Rektor am Gymnasium des Grauen Klosters zu Berlin in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts, dass das lignum rhodinum »beim Schaben einen rosenartigen Geruch entwickelt«. Auch die in Regensburg von einem »Vereine katholischer Gelehrten« bearbeitete »Allgemeine Realencyclopädie oder Conversationslexicon für das katholische Deutschland« glaubte noch 1848 fest daran, dass das Rosenholz oder Rhodiser-holz, »besonders wenn es geraspelt wird«, von einem »stark rosenartigem Gerüche« sei, der sich insbesondere einem »Aufgusse von heißem Wasser mittheile«. Indes, schon 1867 warnte die weniger katholische »Allgemeine deutsche Real-Encyclo-pädie für die gebildeten Stände« aus dem Hause F.A. Brockhaus in Leipzig vor einem etwas schlechteren Rosenholz, das zur »Verfälschung des echten Rosenholzöls benützt« werde, in der Regel sei »dieses sog. Rosenholzöl oder Rhodiseröl ein Kunstprodukt« und verwies in diesem Zusammenhang auf das »amerikanische Rosenholz«, das »häufig im Handel« vorkomme. Diese Warnungen vor gefälschtem Rosenholz konnte der große Humorist Jean Paul noch nicht kennen, als 1795 in seinem Roman »Hesperus oder 45 Hundsposttage« eine doch etwas dubiose Anleitung verbreitete, mit der man sich der Schädlinge im Land erwehren könne, Jean Pauls Kaplan ist verzweifelt, weil gegenwärtig sein ganzes heiliges Pfarrhaus stinkt, »und die Ratten setzen ihren Nachttanz noch gelassen im Gerüche fort«. Der. Kaplan beteuert: »Wir können Teufelsdreck nehmen und damit die Kaplanei bis zum Dachstuhl ausfüttern, nicht einen Schwanz treiben wir dadurch fort; es gefällt ihnen vielmehr Seine letzte Hoffnung gegen den Rattenauflauf in seinem Haus.- »Aber heute wollt' ich noch vortreffliches Rosenholzöl versuchen

Dass es sich bei den westdeutschen Linksintellektuellen um »Ratten« handele, respektive auch um »Schmeißfliegen«, dies hatte der bedeutende Kammerjäger Franz Josef Strauß schon zu seinen Lebzeiten entdeckt. Warum sie also nicht nach dem bewährten Hausrezept mit Rosenholz bekämpfen? Selbst die »Frankfurter Rundschau« erwartete unter der Überschrift: »Günter Wallraff, die 68er und die DDR« eine Wende: »Die Rosenholz-Akten könnten auch zu einer Revision des deutsch-deutschen Geschichtsbildes beitragen Könnten. Im Hause Springer war man glücklich. Jetzt endlich durfte man mit Rosenholz Rache nehmen an dem Mann, der einst bei »Bild« Hans Esser war. Die »Welt« begann ihre Kampagne gegen den durch Rosenholz zweifelsfrei überführten IM Günter Wallraff. Und bekam von ihm eine Einstweilige Verfügung, die ihr untersagte, zu behaupten, Wallraff sei ein Stasi-IM. 1795, im »Hesperus« des Jean Paul endet der versuchte Rattenfang mit Rosenholzöl so, dass dem Rattenfänger, dem Kaplan, »sich der wohlriechende Ofenschirm zwischen die Schenkel stülpte, und der still lag, während der Feind lief«. Aber nicht in den mit Rosenholzöl getränkten Hopfensack. Dem Kaplan blieb nur ein gotteslästerlicher Fluch, dann ward er ruhig. Die Welt aber wurde fromm. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die »Welt« gewinne, nein, die »Welt« weinte in Erinnerung an die verlorenen Prozesse, die das Haus Springer gegen den Untergrundjournalisten Esser alias Wallraff führte: »Ist es nicht so, dass Günter Wallraff wieder alles gewinnen könnte, alle Prozesse, alle Gegendarstellungsbegehren, einstweiligen Verfügungen, Schadenersatzforderungen, alles, was Paragrafen nur sanktionieren können, und dass er dennoch am Ende alles verliert? Dass er seine Freunde verliert Freunde verliert? Ach Gott, Freund Biermann, der gerade noch in der »Frankfurter Allgemeinen« analysiert hatte, Wallraff sei »von der Stasi gefickt«, spielt - wie aus zuverlässiger Quelle, der FAZ, verlautet -begehrlich mit ihm schon wieder Tischtennis.

Die Qualität des amerikanischen Rosenholzes ist 136 Jahre nach der ersten Warnung durch die Allgemeine deutsche Real-Encyclopädie für die gebildeten Stände erneut ins Gerede gekommen.

 

 

("Neues Deutschland" vom 12.02.2004)