RotFuchs  Januar 2016

Zur Gegenoffensive in der Erinnerungsschlacht

Seit 25 Jahren tobt die Erinnerungsschlacht. Die Behauptungen, wie das Leben in der DDR angeblich gewesen sein soll, werden immer grotesker, die Lügen dreister und die Verdrehungen dümmer. Besonders anhaltend sind sie, wenn es um das Thema „Stasi“ geht. Deshalb ist Widerspruch notwendiger denn je. Das ist auch die Botschaft des nunmehr vorliegenden zweiten Bandes der Erinnerungen von Menschen, die für die DDR auf besondere Weise einstanden. Nachdem 2014 die Erinnerungen von MfS-Angehörigen (Unbequeme Zeitzeugen, Verlag am Park) für Wirbel sorgten, haben Wolfgang Schwanitz und Reinhard Grimmer unlängst den zweiten Band „Wir geben keine Ruhe ...“ herausgegeben. Darin kommen Frauen und Männer – Wirtschaftskapitäne und Werftarbeiter, Theologen und Pädagogen, aber natürlich auch hauptamtliche und inoffizielle Mitarbeiter des MfS – zu Wort, deren Beitrag zum Schutz der DDR zugleich Friedensdienst war. Obwohl noch immer an den Rand gedrängt, ausgegrenzt und geschmäht, verstummen sie nicht. Ihre Unruhe ist lobenswert und wird zur rechten Zeit an den Tag gelegt. Die BRD-Oberen feierten im Oktober 2015 den 25. Jahrestag der Einverleibung der DDR, bereits mit etwas gedämpftem Trommelschlag. Ein großer Teil der einstigen DDR-Bürger erinnert sich mit überwiegend positiven Gefühlen, aber auch mit Wehmut an sein Leben und Wirken im untergegangenen Staat. Das steht ihnen zu. Schon im „Sachsenspiegel“, dem ältesten deutschen Rechtsbuch, las man: „Eenes Mannes Rede ist keenes Mannes Rede, man muß hören alle beede.“

31 Zeitzeugen kommen mit ihren Sichten zum Thema MfS zu Wort. Die Herausgeber haben die Beiträge in sieben unterschiedliche Blöcke gegliedert. Im Block „Vom Beginn und vom Ende“ erinnert sich Ingeborg Dummer an den Aufbau der MfS-Dienststelle Greifswald im Jahre 1950. Dr. Karl Döring, Generaldirektor des Eisenhüttenkombinats Ost, schildert seine Verbindungen zu einem General des MfS. Detlef Mauch berichtet von der Tätigkeit seines Vaters, eines Werftarbeiters. Hartmut Gruner war im Oktober 1989 dabei, als in Leipzig unbewaffnete Mitarbeiter des MfS eingesetzt wurden. Sein Fazit lautet: „Um das Land zu erobern, mußten dessen Schutz- und Sicherheitsorgane weg. So einfach war die Logik.“ Der zweite Block enthält Beiträge zur Traditionspflege und Erinnerungspolitik „hüben“ wie „drüben“. Konstantin Brandt und Hansjoachim Tesch schildern antifaschistische Vorbilder und verweisen darauf, daß der Antifaschismus in der DDR nach heutiger Darstellung nicht mehr nur als angeblich verordnet, sondern sogar als falsch attackiert wird. Dieter Skiba, letzter Leiter jener Abteilung im MfS, die sich besonders mit dem Aufspüren von Nazi- und Kriegsverbrechern befaßte, verweist u. a. darauf, daß zwischen 1945 und 1989 insgesamt 12 890 Nazitäter in SBZ und DDR abgeurteilt worden sind. Skiba setzt sich überzeugend mit „Aufarbeitern“ auseinander, die dem MfS andichten wollen, es habe Naziverbrecher geschont. Meine Empfehlung: Man sollte gleich nach Skibas Beitrag den Report Reiner Stenzels lesen. Er beschreibt darin seine Tätigkeit als Vernehmer des Gestapo-Massenmörders Josef Blösche. Im dritten Teil des Bandes werden „Geheime Paten“ und „Öffentliche Geheimnisse“ vorgestellt. Besonders aktuell ist der Beitrag von Gerda Lück, die in einer Internatsoberschule das Abitur machte, Lehrerin wurde und in DDR-Kinderheimen arbeitete. Sie ist Kronzeugin in der Auseinandersetzung mit jenen, welche die Heimerziehung der DDR verteufeln. Im umfangreichsten vierten Block des Buches („Im Dienst“) geben neun Mitarbeiter des MfS Einblick in ihren Arbeitsalltag, u. a. als Personenschützer, Paßkontrolleur, Analytiker und Untersuchungsführer. Für alle gilt, was der Spionagefunkfahnder Volker Liebscher bekennt: „Mit vielen Gleichgesinnten war ich daran beteiligt, geheimdienstliche Angriffe auf mein Land aufzuklären und abzuwehren. Eine legitime Tätigkeit, auf die man stolz sein darf.“ Im fünften Block („Inoffizielle Mitarbeiter, Quellen und Bekehrte“) berichten vier Autoren über ihre staats- und friedenssichernden Aktivitäten und Erfahrungen. Die Lebenserinnerungen von Wolfgang Clausner, zuletzt stellvertretender Chefredakteur der außenpolitischen DDR-Wochenzeitung „horizont“, sind historisch-politisch besonders wertvoll. Er berichtet, wie er dazu beitrug, die „Fluchthelferorganisation“ Kay Mierendorffs zu entlarven, die am Beginn der 80er Jahre die DDR massiv schädigte. Damals galten Schleuser in den Augen sogenannter Menschenrechtler als Freiheitshelden. Theologieprofessor Hanfried Müller, von 1982 bis 2006 Herausgeber der „Weißenseer Blätter“, hat das MfS viele Jahre über kirchliche Vorgänge informiert, die durchaus weltlichen Charakter trugen. Im Kalten Krieg gegen die DDR waren Kirchen bisweilen eine getarnte Variante von Geheimdiensten zur Unterstützung staatsfeindlicher Kräfte. Der intime Sachkenner Karl Rehbaum nimmt den Leser zur Brüsseler NATO-Zentrale mit. Und Bernd Trögel beschreibt eine der spektakulärsten Aktionen von MfS-Aufklärern unter dem Titel „Der Verfassungsschutz als Dienstleister der HV A“.

Im sechsten Komplex („Auf außenpolitischem Parkett“) haben drei Autoren Wichtiges auszusagen. Wilfried Schubert erinnert sich an Details des Treffens von Erich Honecker mit Helmut Schmidt, das Mitte Dezember 1981 in Güstrow stattfand. Reinhard Kluge beschreibt, welche Hürden er bewältigen mußte, um als Kapitän auf Großer Fahrt den Rostocker VEB Deutsche Seereederei in Indien, Indonesien, Malaysia und Singapur zu vertreten. Und spannender als mancher Krimi liest sich die Schilderung von Rudolf Herz, damals Offizier der HV A des MfS. Er berichtet, wie die DDR-Regierung nach dem faschistischen Putsch in Chile 1973 dabei half, Spitzenpolitiker der Unidad Popular in Sicherheit zu bringen. Unter den so Geretteten befand sich auch Carlos Altamirano, Generalsekretär der Sozialistischen Partei Salvador Allendes. Der letzte Block des Buches trägt die Überschrift „Inquisition und Akten“. Renate Schönfeld erlebte als Pfarrerin kirchliche „Überprüfungen“, die an mittelalterliche Verhöre erinnerten. Dr. Klaus Emmerich war 1989/90 als Staatsrechtler mit dabei, als es um eine neue Verfassung für die DDR ging. Dr. Fritz Hausmann reagiert mit seinem „Zwischenruf“ auf „Spitzelvorwürfe“, während Herbert Kierstein, als Autor und Herausgeber einschlägiger Editionen bekannt, sich des Themas „StasiAkten“ annimmt. Da diese Unterlagen bei der Verteufelung des MfS und der Diffamierung der DDR als „Unrechtsstaat“ noch immer ganze Heerscharen selbsternannter Kommunismusforscher, zeitgeistverpflichteter Journalisten und skrupelloser „Aufarbeiter“ beschäftigt, ist dieser Beitrag wie das Nachwort der Herausgeber zum Erfassen des Kampffeldes „Interpretation der DDR-Geschichte“ von besonderem Wert.

Alles in allem: Mit dem zweiten Band der „Erinnerungen unbequemer Zeitzeugen“ ist der bereits voluminösen Bibliothek von Memoiren und Sachbüchern zum MfS ein weiteres beachtliches Werk hinzugefügt worden.

Prof. Dr. Horst Schneider

Wolfgang Schwanitz/Reinhard Grimmer (Hrsg.): Wir geben keine Ruhe. Unbequeme Zeitzeugen II. verlag am park in der Edition Ost, Berlin 2015, 424 S., 19,99 €. ISBN 978-3- 945187-39-5