junge Welt vom 27.08.2003

Kommentar
Rathaus Schöneberg bleibt MfS-frei CDU interveniert gegen Buchvorstellung
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Da, wo die Freiheitsglocke läutet, wo John F. Kennedy Zehntausende Frontstädtler zum Sich-Naßmachen brachte, wo im November 1989 die am schönsten ausgepfiffene Aufnahme des Deutschlandliedes mit Helmut Kohl, Willy Brandt und Walter Momper entstand, dort wollte sich am Freitag dieser Woche das MfS, die »Stasi«, niederlassen - ein Vorhaben, nur vergleichbar mit dem Erscheinen des Gottseibeiuns in Wojtylas Umkleidegemach. Getarnt als Vorstellung des Buches »Kundschafter im Westen« sollten Markus Wolf, Werner Großmann u. a. persönlich auftreten. Daraus wird nichts, denn Gott schläft nie. Mit frontstädtischer Wachsamkeit und starkem Glauben, sozusagen als Schild und Schwert der Freiheit, machte der CDU-Generalsekretär von Berlin und Schöneberger Stadtrat Gerhard Lawrentz der Schwefelbande einen Strich durch die Rechnung und verbot die Buchvorstellung. Die Veranstaltung sei von der PDS als parteipolitische und nicht als kommerzielle Veranstaltung angemeldet worden. Sein Landesgeschäftsführer Matthias Wambach schwenkte in einer Presseerklärung das Exorzisten-Weihrauchfaß: »Frechheit«, »Zumutung für jeden aufrechten Demokraten«, »kein Platz für Glorifizierung der DDR«, »Schergen der Stasi« etc.

Das Resultat? Frank Schumann, der zuständige Lektor des Eulenspiegel Verlags, der das Bösbuch herausbringt, freute sich per Rundfunk öffentlich über die Reklame durch »Kalte Krieger«. Gert Julius, als PDS-Bezirksverordneter Einlader ins Rathaus, läßt die Buchvorstellung nun am Freitag um 10 Uhr in der Lichtenberger Weitlingstraße 89, in den Räumen der Gesellschaft für Bürgerrecht und Menschenwürde, stattfinden. Götter, schaut auf diese Stadt!