jungeWelt

15.08.2007 / Schwerpunkt / Seite 3

Dokumentiert. Schüsse an der anderen deutschen Grenze

Schüsse an deutschen Grenzen eskalieren pünktlich zum Jahrestag der Schließung der Grenze zwischen DDR und BRD 1961 zum Medien-Tagesthema. Am 11. August eröffnete die ARD-Tagesschau ihre Abendsendung mit der Mitteilung, in einem Magdeburger Keller sei ein »sensationeller Schießbefehl« gefunden worden. Kurz darauf wurde der Neuigkeitswert der Nachricht reduziert: Der »Befehl« sei schon vor zehn Jahren publiziert worden, hieß es. Ereignisse an der bundesdeutschen Westgrenze, lange bevor die schon erwähnte Ostgrenze geschlossen worden war, sind bis heute weitgehend unbekannt. Karl Graff dokumentierte in dem im Verlag Spotless erschienenen Taschenbuch »Schüsse an einer anderen deutschen Grenze« unter anderem Meldungen der Aachener Volkszeitung:

Am Mittwoch nachmittag wurde in der Raerener Straße in Aachen-Sief ein junger Schmuggler durch einen Pistolenschuß eines Zollbeamten tödlich verletzt. Wie die Kriminalpolizei mitteilte, führte der etwa 17 bis 18 Jahre alte Schmuggler keinen Ausweis bei sich. Er hatte sechs Pfund Kaffee untergepackt. Die Polizei bittet die Bevölkerung um Auskunft über den unbekannten Toten. Der Schmuggler war in der Nähe der Schule von einem Zollbeamten gestellt worden, der ihn nach Angabe der Zollpressestelle durch zweimaligen Anruf und durch fünf Warnschüsse zum Stehenbleiben aufgefordert hatte. (10.7.1952)

Durch den Fund von fünf Patronenhülsen auf den Wiesen der Landwirte Kerres und Pitz, wo der 18 Jahre alte Schmuggler Hans Schiffers aus Eschweiler von dem Zollassistenten Moitzheim erschossen wurde, sind die Angaben der Zollbeamten über den Hergang der Tragödie so stark in Zweifel gezogen worden, daß die Polizei ihren bereits herausgegebenen abschließenden Bericht zurückgezogen hat. Es besteht der Verdacht, daß Moitz­heim den tödlichen Schuß nicht, wie er angegeben hat, aus 50-60 Meter, sondern aus etwa zwölf Meter Entfernung abgefeuert hat. (14.7.1952)

Ein Schmuggler, der am Donnerstag nachmittag auf der Strecke Richterich-Westbahnhof von Zollbeamten gestellt worden war, versetzte einem der Beamten einen Kinnhaken, riß sich los und versuchte, zu entkommen. Der Beamte versuchte, ihn durch Schüsse zum Stehen zu bringen und traf ihn dabei schwer in den Unterleib. (5.9.1952)

In einem Protestschreiben an die Bundesregierung forderten die Einwohner von fünf Gemeinden des deutsch­luxemburgischen Grenzgebiets am Wochenende die Bestrafung zweier Zollbeamter, die am vergangenen Montag einen flüchtenden Schmuggler durch einen Steckschuß in den Rücken schwerverletzt haben. In dem Protestschreiben wird betont, daß bei einem einzelnen unbewaffneten Schmuggler der Gebrauch der Schußwaffe nicht notwendig gewesen wäre. (22.9.1952)

Im Simmerather Krankenhaus starb am Sonntag morgen ein Schmuggler aus Schmidthof an den Folgen eines schweren Bauchschusses, den er am vergangenen Sonntag in der Nähe von Wahlerscheid bei der Flucht vor ihn verfolgenden Zollbeamten abbekommen hatte. Zollbeamte hatten drei Schmuggler verfolgt ... Kurz darauf hatten die Beamten den Mann aus Schmidthof mit 60 Pfund Kaffee gestellt. Als seine Personalien festgestellt werden sollten, ergriff er abermals die Flucht. Ein gezielter Schuß traf ihn aus 25 m in die linke Gesäßhälfte. (7.10.1952)

Zu einer aufsehenerregenden Schmugglerjagd kam es am Donnerstag nachmittag mitten in der verkehrsreichen Haupstraße am Seitenweg zum Lühberg. Man faßte alle vier Schmuggler. Den Unwillen der Blankenheimer Bevölkerung löste allerdings die Tatsache aus, daß die Zollbeamten mitten im verkehrsreichen Ortszentrum von der Schußwaffe Gebrauch machten. Straßenpassanten konnten sich nur mit Mühe und Not in Sicherheit bringen. (11.10.1952)

In Pannesheide wurde am Wochenende ein Schmuggler von einem Grenzbeamten angeschossen und leicht verletzt, nachdem er sich der Festnahme durch die Flucht entziehen wollte. Nach bisher vorliegenden Meldungen erlitt der Schmuggler, ein Bergmann aus Kohlsfield, eine Fleischwunde am rechten Oberschenkel. Er wurde in ein Krankenhaus eingeliefert. Nach Darstellungen des Grenzbeamten ist der Bergmann trotz Anrufs und zweier Warnschüsse nicht stehengeblieben. Auch nach zwei gezielten Schüssen setzte er die Flucht fort und konnte erst später in der Wohnung seiner Mutter gestellt werden. Sein Schmuggelgut, etwa zwanzig kg Kaffee, zwei kg Tee und 700 Zigaretten, hatte er auf der Flucht abgeworfen. (13.10.1952)

Tödlich getroffen durch einen Schuß aus der Dienstwaffe eines Zollbeamten wurde am Samstag abend in Aachen-Lichtenbusch der 36jährige Friedrich Hasselfeld aus Nütheim, der im belgischen Teil von Lichtenbusch eingekauft hatte und mit seinem Moped nicht beim Zollamt vorgefahren war, um die Waren zu verzollen. Hasselfeld wurde von einem Zollbeamten zum Halten aufgefordert. Wie verlautet, verständigte dieser Beamte einen anderen, der Hasselfeld erneut aufforderte, von seinem Moped abzusteigen. Der Mopedfahrer verlangsamte zwar seine Fahrt, fuhr aber in gebückter Haltung an dem Beamten vorbei... Daraufhin gab der Zollbeamte einen Warschuß ab und aus rund 20 m Entfernung einen gezielten Schuß, der Hasselfeld unterhalb des linken Schulterblattes traf. Der Erschossene, der am 27. August 1957 in Schwerin geboren wurde, war vor einigen Jahren in die Bundesrepublik geflüchtet. Er war Vater von zwei Kindern. Eine Untersuchung der Kleidung und einer Tasche ergab, daß er eineinhalb Pfund Kaffee, 100 Gramm Tee und 20 Eier eingekauft hatte. (24.2.1964)

Am Montag morgen zersplitterte am kleinen Zollhaus in Lichtenbusch eine Fensterscheibe. Der Stein, der die Scherben anrichtete, war eine Demonstration der Empörung über jenen gezielten Schuß aus einer Zolldienstpistole. »Es geht um eine rechtspolitische Frage«, sagte uns Regierungsrat Donhause im Hauptzollamt Bahnhofsplatz, »und diese Frage ist an den Gesetzgeber, an das Parlament zu richten

Genau darum geht es. Mit allem Ernst ist an den Bundestag die Frage zu richten, ob es richtig gewesen ist, noch im März 1961 in dem »Gesetz über den unmittelbaren Zwang bei Ausübung öffentlicher Gewalt durch Vollzugsbeamte des Bundes« für den »Schußwaffengebrauch im Grenzdienst« den Beamten Vollmachten einzuräumen, die weit über die der Polizeibeamten hinausgehen? (25.2.1964)