ND vom 15.01.03

 

Wieder einmal wird die Stasi-Keule geschwungen

Verbaler Krieg um die Gedenkstätte Hohenschönhausen zieht weite Kreise

 

Von Peter Kirschey

 

Seit Wochen schon wird das ND mit E-Mail-Botschaften bombardiert, die sich gegen leitende Mitarbeiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen richten. Die Gedenkstätte beherbergte nach der Niederlage der Hitlerdiktatur das sowjetische Speziallager Nr. 3, in dem Kriegsverbrecher, braune Aktivisten und Sympathisanten, zunehmend aber auch Gegner der sowjetischen Besatzungsmacht und Opfer von Denunziationen interniert wurden. Aus dem Speziallager Nr. 3 wurde 1951 die zentrale Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit. An die wechsel- und leidvolle Geschichte erinnern heute Ausstellungen, Führungen und umfangreiche Publikationen. Die Angriffe gegen die Leitung des Hauses kommen nicht aus irgend einer linken Ecke oder einem altstalinistischen Geheimfach, sondern aus den eigenen Reihen. Sie richten sich gegen den wissenschaftlichen Direktor der Gedenkstätte Hubertus Knabe, vor allem aber gegen den bildungspolitischen Referenten Siegfried Reiprich. Die Schlammschlacht wird mit »offenen Briefen« und Erklärungen geführt. Von »Skandalen« in der Gedenkstätte ist da die Rede, von »Entsorgung« der Mitarbeiter, von »Vertreibung«, von »hysterischen Attacken« von »Stasi­-Methoden« und »Herrschaft nach Gutsherrenart«. Hintergrund ist die Nichtweiterbeschäftigung des ehemaligen Gedenkstättenführers Rainer Schubert. Er soll bei seinen Führungen Mithäftlinge, Mitarbeiter und Besucher verbal attackiert und bedroht haben. Besucher, die nicht seiner Meinung waren, wurden beschimpft oder einfach stehen gelassen. Das führte zum Bruch, und seitdem ist Krieg angesagt, der Kreise zieht. Der Westberliner Rainer M. Schubert war ein klassischer Staatsfeind der DDR, sein Job war es bis 1975, gegen Entgelt Leute aus Ostberlin auszuschleusen. So an die 100 Menschen, bevorzugt Mediziner, wurden mit falschen Pässen, falschen Bärten und in präparierten Autos von Ost nach West gebracht - Schubert soll dafür pro Person um die 20000 Mark erhalten haben. Auch soll er im Auftrage amerikanischer Geheimdienste Schwachstellen der DDR ausspioniert haben. Professionelle Schleuser, zu DDR-Zeiten Menschenhändler genannt, befanden sich naturgemäß im Visier des Ministeriums für Staatssicherheit. Das MfS war über die Aktivitäten der Schleuser zum Teil bestens informiert, hatte in den Gruppen seine Leute, die jede Aktion weitermeldeten. So war bekannt, dass Schubert im Januar 1975 zu einem Treff nach Ostberlin kommen werde. Im Fußgängertunnel unter dem Alex wurde er »erwartet«, verhaftet und am 26. Januar 1976 wegen »staatsfeindlichen Menschenhandels, teilweise in Tateinheit mit Sabotage im besonders schweren Fall, Urkundenfälschung, Terrors und staatsfeindlicher Hetze« zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt. Nach acht Jahren und zehn Monaten kam Schubert nach Westberlin frei. Dem Kampf gegen die DDR hat er sein Leben gewidmet. Auch nach der Vereinigung blieb er weiter auf unerbittlichem Kommandoposten - gegen alle DDR-Nostalgiker, Rote Socken und Verräter - oder gegen solche, die er selbst als Knechte der Staatssicherheit einstufte. Auf dem Internet-Schlachtfeld der Bundesbehörde für die MfS-Unterlagen, einst »schwarzes Brett« genannt, dann wegen eines Übermaßes an gegenseitigen Beschimpfungen eingestellt, entlarvte Schubert schonungslos all jene, die nicht auf seiner Wellenlänge schwammen, als gemeine Stasi-Agenten. Deshalb umso enttäuschender für ihn, dass seine Lebensleistung als Antikommunist und Antistalinist in der Bundesrepublik nicht genügend gewürdigt wurden.