junge Welt

14.02.2006 / Thema / Seite 10

Kalter Krieg auf dem Eis

Der Fall des Eiskunstlauftrainers Ingo Steuer: Wie sich das Nationale Olympische Komitee der BRD zum Instrument der Politik macht

Von Klaus Huhn

Um es deutlich zu sagen: Olympia hatte in seiner Geschichte genug Ärger mit den Deutschen: Zwei Weltkriege - die dreimal die Spiele verhinderten, und zur verständlichen Folge hatten, daß man die Deutschen für drei Olympiaden ausschloß - und der perfektionierteste Mißbrauch von Olympia bei den Spielen 1936 durch Hitler dürften als Belege für diese Feststellung hinreichen.

Und nun 2006 ein im Vergleich zu den Millionen Menschenleben kostenden Kriegen auf den ersten Blick fast harmloser Krimi. Kein Blut, keine Opfer. Als Randereignis kann er dennoch nicht abgetan werden, weil er als schwerwiegendes Nachtragskapitel zum Kalten Krieg eingeordnet werden muß. Tagelang lieferte er denn auch den für den deutschen Antikommunismus-Frontabschnitt zuständigen Medien fette Schlagzeilen. Juristisch betrachtet muß er zudem als - mißlungener - Versuch betrachtet werden, das olympische Regelwerk nach deutschen Wünschen zu manipulieren.

Der Tatbestand: Als das Nationale Olympische Komitee der Bundesrepublik Deutschland Ende Januar seine Mannschaft für die Olympischen Winterspiele 2006 in Turin benannte, ließ es die Öffentlichkeit wissen, daß drei vornominierte Betreuer von der Liste gestrichen worden seien. Offenbar bei diesem in der Geschichte der Spiele beispiellosen Fall doch von Spuren schlechten Gewissens geplagt, verband man diese Mitteilung mit der Versicherung, daß die Namen der Ausgesperrten nicht preisgegeben würden. Eine an Naivität kaum zu überbietende Ankündigung, denn jeder halbwegs Eingeweihte erfuhr durch einen Blick auf die Liste, wer gelöscht worden war. Zwei aus dem Trio zogen sich wortlos zurück, vermutlich, weil sie überzeugt waren, daß jeder Versuch, diese Aussperrung rückgängig zu machen, aussichtslos war. Diese Skepsis war bei allen in den neuen Bundesländern Aufgewachsenen erklärlich, denn der Vorwurf, den man gegen sie erhob, hatte dort seit 1990 schon Tausende von Existenzen zerstört und an die hundert Selbstmorde verschuldet. Er lautete: Tätig gewesen für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Er mußte nicht vor Gericht nachgewiesen werden, wie das nach den geltenden Gesetzen für alle Verstöße gegen das Recht vonnöten ist, weil man sich daran gewöhnen mußte, daß ein Papier des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen alle sonst üblichen Beweismittel ersetzte.

Der Dritte im Bund der Verdammten war der Eiskunstlauftrainer Ingo Steuer. Zu seiner Person: Geboren am 1. November 1966 in Karl-Marx-Stadt, schon in früher Jugend begeisterter Eiskunstläufer, mit 18 Jahren Junioren-Weltmeister im Paarlaufen. Er errang danach noch viele internationale Erfolge, wurde mit Mandy Wötzel 1995 Europameister, 1996 Vizeweltmeister und 1998 bei den Olympischen Spielen in Nagano Bronzemedaillengewinner. Später wurde er Profi, tourte mit seiner Partnerin durch die Welt und entschloß sich dann, Trainer zu werden. Das von ihm betreute Paar Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy wurde für viele überraschend im Januar 2006 Vizeeuropameister. Damit stand auch fest, daß es Deutschland bei den Olympischen Spielen vertreten würde.

„Vergangenheitskontrolle“

Den Auftakt für den Krimi lieferte die Mitte der neunziger Jahre in Deutschland eingeführte »Vergangenheitskontrolle« aller im Sport die deutschen Farben Vertretenden. Verfügt hatten diese beispiellose Überprüfung die führenden Männer des Nationalen Olympischen Komitees und des Deutschen Sportbundes. Fortan - so war angeordnet worden, ohne daß je verbürgte und demokratisch gebilligte Beschlüsse bekannt wurden - mußte für jeden in offiziellen Funktionen die Bundesrepublik vertretenden Aktiven oder Betreuer -vorausgesetzt, er stammte aus der DDR - ein Papier beigebracht werden, in dem bescheinigt wurde, daß er nie für den Geheimdienst der DDR tätig gewesen sei. Auch dieses Papier lieferte die »Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik«. Indes: Auch für deren Vorgehen existieren verbindliche Regeln, die man sogar schon auf der Internetseite jenes Amtes finden kann.

Zum Beispiel: »Im Stasi-Unterlagen-Gesetz ist festgelegt, daß in einigen Bereichen Personen daraufhin überprüft werden können, ob sie früher für den Staatssicherheitsdienst der ehemaligen DDR hauptamtlich oder inoffiziell tätig gewesen sind

Bleibt nur die Frage: Wer definierte den Begriff »einige Bereiche«? Wo ließe sich eine gesetzliche Grundlage für die »Bereiche« finden. Die Internetseite der Bundesbeauftragten gibt keine Antwort auf diese Fragen.

Doch damit erschöpfen sich die Unklarheiten keineswegs. Wie fragwürdig das Gesetz ist, verrät auch ein leicht zu überlesender Nebensatz im Abschnitt: »Anträge von Forschern und Medienvertretern«: »Die Bundesbeauftragte unterstützt ... bei der historischen ... Aufarbeitung der Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes oder der nationalsozialistischen Vergangenheit...«

Die Bundesbeauftragte wollte mit dieser Formulierung natürlich ihre politische Absicht bekunden, Staatssicherheit und Nationalsozialismus auf eine politische Ebene zu stellen. Diese Absicht ist keineswegs neu, aber im konkreten Fall der Absicht nicht sehr dienlich. Bislang wurde nämlich kaum ein Fall bekannt, mit dem die Bundesbeauftragte die Aufarbeitung nationalsozialistischer Vergangenheit unterstützt hätte, obwohl niemand bestreitet, daß das Ministerium für Staatssicherheit zahlreiche Dokumente zu diesem Thema gesammelt hatte. (...)

Zweierlei Maßstäbe

In jenen Überprüfungsrichtlinien geht es also vor allem um Tätigkeiten für den Geheimdienst der DDR. Dort ist auch der Personenkreis benannt, der daraufhin überprüft werden soll: »... als größte Gruppe die Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Laut Gesetz sind aber auch überprüfbar: Minister und bestimmte hohe Amtsträger, Abgeordnete und Angehörige kommunaler Vertretungskörperschaften, Rechtsanwälte und ehrenamtliche Richter, kirchliche Funktionsträger und Betriebsräte sowie leitende Personen in Wirtschaftsunternehmen, Parteien und Verbänden Olympiateilnehmer wurden nicht genannt, und einige der erwähnten Gruppen schienen obendrein sehr großzügig überprüft worden zu sein. (...)

Aufschlußreich auch der Satz im Internettext: »Zuerst einmal: Es gibt keine durch das Stasi-Unterlagen-Gesetz vorgeschriebene >Regelanfrage< Das sahen die Sportoberen offensichtlich anders. Die Bundesbeauftragte beantwortete vorsorglich auch diese Frage: »Welche Entscheidungen werden von den Empfängern der Informationen getroffen? Soweit aus Rückinformationen der empfangenden Stellen, aus Medienberichten oder anderen Publikationen bekannt ist, reichen die Folgen einer mitgeteilten MfS-Tätigkeit vom Fehlen jeder Konsequenz über begrenzte Maßnahmen ... bis zur einvernehmlichen oder einseitigen Trennung. Auch dagegen können die Gekündigten oder Entlassenen mit den Mitteln des Rechtsstaates vorgehen und eine solche Entscheidung gerichtlich überprüfen lassen

Auffällig bei diesem Blick in die geltenden Gesetzesregeln: Gesucht wird nach Geheimdienstmitarbeitern, wobei ungeachtet des ständig zitierten Prinzips vom gleichberechtigten »Zusammenwachsen« der einst zwei deutschen Staaten nirgends nach dem BRD-Geheimdienst gefragt wird.

So blieb nur die sich aus dem konkreten Fall ergebende logische Frage, ob denn je zuvor bei Olympischen Spielen Geheimdienstmitarbeiter tätig - und wenn ja später deswegen verfolgt worden - waren? Diese Frage ließe sich verläßlich nur durch ein Studium der Akten verschiedener Geheimdienste beantworten oder - bei weiterzurückliegenden Fällen - durch historische Recherchen. Bis zu jenen »Stasi«-Ausforschungsaufträgen des NOK der BRD war kein Fall bekannt geworden, in dem Geheimdienstmitarbeiter durch olympische Offizielle entweder aufgefordert worden waren, Olympia zu meiden oder - siehe Beispiel BRD - von zuständigen »Beauftragten« ausgeforscht wurden.

Ob man davon ausging, daß ein Geheimdienstmitarbeiter privat durchaus auch um olympisches Edelmetall kämpfen kann - es existiert keine Liste von Berufen, die bei Olympia nicht zugelassen wären -, konnte deshalb nie geklärt werden, wohl auch, weil es nie jemanden interessierte.

Meine Recherchen lieferten allerdings Fakten in verschiedener Richtung: Der Brite Peter Lunn war 1936 bei den Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen Teamchef der britischen Alpinen und bekleidete 1948 in St. Moritz die gleiche Funktion, war also ein olympischer Offizieller. Im Hauptberuf war er einer der führenden Männer des britischen Geheimdienstes und schrieb nicht nur Personendossiers, sondern organisierte auch Anfang der fünfziger Jahre den Bau eines Tunnels, der aus dem US-amerikanischen Sektor Berlins in die DDR vorgetrieben wurde, um dort DDR-deutsche und sowjetische Telefonleitungen anzuzapfen. Lunn hatte das Pech, daß in seinem Büro einer saß, der die Tunnelskizze schon vor Baubeginn nach Moskau geliefert hatte, so daß die Operation bald aufflog. Das war bald nach Lunns olympischem Auftritt in St. Moritz.

Das IOC nahm auch keinen Anstoß daran, als der langjährige CIA-Agent Philip Agee, nachdem er den Geheimdienst quittiert hatte, seine Erinnerungen schrieb und darin auch aus Mexiko-City unter dem Datum des 15. Juli 1967 mitteilte: »Dieser Einsatz bei der Olympiade ist großartig ... Scott ermunterte mich, möglichst viele Leute kennenzulernen und meine olympische Tarnung gut auszubauen. Das Hauptinteresse der Abteilung Operationen gegen die Sowjets ... ist die Identifizierung und Kontaktaufnahme mit möglichen Agenten ... Die CIA-Abteilung will meine Einschätzung der Pressevertreter des Olympischen Komitees, die als Medienagenten eingesetzt werden könnten (Agee, »CIA intern«, Frankfurt/M. 1981, S. 423 f.) Damit wäre hinreichend bewiesen, daß sich Geheimdienste schon lange für Olympia interessiert hatten.

Gauck klärt auf

Daß man im Fall Steuer solche Tatsachen ignorierte - ganz abgesehen davon, daß er sich weder mit dem Fall Lunn noch mit dem Fall Agee vergleichen ließe -, ist mit dem Hinweis auf die politische Gegenwart leicht zu erklären: In Deutschland führt man noch heute Kalten Krieg! Das geschieht auch, indem man der vor vier Olympiaden (griechische Zeitrechnung, entspricht 16 Jahren) untergegangenen DDR pausenlos neue Verbrechen andichtet, die jede Sympathie für das untergegangene Land - in dem es, um nur ein Beispiel zu nennen, keinen Obdachlosen gab - massiv unterdrücken soll. Verschiedene Varianten dieses Feldzugs haben sich zwar im Laufe der Jahre abgenutzt, aber die »Stasi« gilt als noch rund um die Uhr tauglich. (...)

Eifer wird zum Beispiel in Schulen entfaltet. Am 17. Januar 2006 erschien der frühere Bundesbeauftragte Joachim Gauck im Zwickauer Käthe-Kollwitz-Gymnasium, und was er dort trieb, beschrieb die Freie Presse (18.1.06) mit folgenden Worten: »Ohne Blauhemd ist Kati Witt ihm lieber. >Kati Witt, die dürften einige noch kennen. Die konnte in dem Alter, in dem Sie sind, schon sehr gut Eislaufen<, erzählte Joachim Gauck in der Aula des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums seinem aus vielen Klassenstufen gemischten Publikum. Als er die Eisprinzessin jüngst im FDJ-Hemd in einer TV-Ostalgie-Show sah, habe er das als geschmacklos empfunden ... Verglichen mit diesem Aufzug, meinte der ehemalige Pfarrer, seien doch >die Bildchen viel geschmackvoller«, für die Kati einige Jahre früher posierte, für den Playboy, und nicht nur ohne Blauhemd.« (...)

Er sei dagegen, predigte er den Schülern, daß die DDR »nie beliebter gewesen sei, als seit sie tot war«. Und diesem Vorwurf fügte er allen Ernstes die Warnung hinzu, die Schüler mögen nicht den Eltern glauben, was sie ihnen über die DDR erzählen. Er hob die Stimme: »Fallen Sie nicht darauf rein Es klang wie eine Warnung vor dem Leibhaftigen.

Das bedeutet: Der hoch berentete Ex-Bundesbeauftragte reist durch die neuen Länder und rät den Kindern, ihren Eltern nicht zu glauben! Würde da jemand einwenden wollen, der Verweis auf den »Kalten Krieg« sei übertrieben?

Medienwalze rollt los

Die Frage, ob man Kati lieber hüllenlos oder im Blauhemd sehen mochte, könnte Gedanken über Gaucks Gedanken angeregt haben, sie wurden aber augenblicklich vertrieben, als die deutsche Olympiamannschaft formiert und Ingo Steuer mit Stasi-Vorwürfen belegt wurde. Dafür sorgte schon der Umstand, daß die große Medienwalze sogleich angelassen wurde. Nur ein Beispiel: Die Süddeutsche Zeitung in München ließ Hans Leyendecker einen Artikel schreiben, dessen Überschrift schon alle Ziel-Zweifel ausräumte: »Sport in der DDR -Im festen Griff der Stasi« (2.2.06). Dabei hatte Leyendecker nur in die Mottenkiste gelangt und den Lesern abgedroschene Redensarten offeriert: »Die von SED-Größen wie Walter Ulbricht oder Erich Honecker oft und gern gepriesene Überlegenheit des sozialistischen Systems war lediglich in einem Bereich real - im Spitzensport. Die DDR leistete sich das aufwendigste Sportsystem der Welt, und dabei fiel dem Ministerium für Staatssicherheit eine weitreichende Rolle zu (...)

Nichts hat die Bundesrepublik Deutschland und auch ihre Journalisten vier Jahrzehnte lang mehr gewurmt als die ständigen Sportniederlagen gegen die DDR. Vierzig Jahre hinterherhecheln und den Lesern, Zuschauern und Hörern ständig erklären sollen, warum die »Roten« wieder einmal besser waren, mehr Medaillen gewonnen hatten und in der Welt als die - in diesem Fall - eindeutig besseren Deutschen gefeiert wurden - das erzeugte Wut und war so entnervend, weil niemand es zu erklären vermochte. Bis heute nicht! Deshalb muß immer noch das MfS herhalten.

Es war schon die Rede davon, daß sich zwei Bezichtigte trollten und mit den Vorwürfen abfanden. Warum? Weil die Atmosphäre in Deutschland längst in Regionen geraten ist, in denen jedermanns Existenz ruiniert wird, wenn sein Name auch nur im Zusammenhang mit dem Begriff »Stasi« fällt.

In diesem Fall aber sorgte der Dritte dafür, daß die Affäre zum handfesten Krimi wurde. Noch einmal die juristische Vorgeschichte. Neun Personen - so wurde verbreitet - seien »Stasi«-belastet gewesen. Sechs wurden »freigesprochen« für Olympia. Die anderen drei wurden »gesperrt«. Ein Blick in deren Akten beweist: Alle drei waren zwischen 1990 und 2006 mehrfach im Auftrag von Sportverbänden der Bundesrepublik Deutschland bei Welt- und Europameisterschaften tätig, alle drei trugen demzufolge offizielle Mannschaftskleidung mit dem Bundesadler und wurden weltweit demzufolge offiziell als »Deutsche« betrachtet und geführt. Als Deutsche ohne Abstriche!

Das wirft die juristische Frage auf: Wer entscheidet im deutschen Sport, wer Deutschland bei Weltmeisterschaften vertreten darf und wer bei Olympischen Spielen? Die Frage, ob es dafür irgendeine Regel gibt, muß gestellt werden, weil alles im Sport durch Regeln geregelt wird.

Die einzige Auskunft stammte von einem Mitglied einer vom NOK und dem DSB gebildete Kommission, die diese Entscheidung getroffen haben soll. Befragt hatte die Süddeutsche Zeitung (1.2.06) den »Maler Matthias Büchner,52, aus Zella-Mehlis«: »Wie läuft das ab, wenn die Kommission eine Entscheidung zu treffen hat?

Büchner: Bei der Konstituierung haben wir uns auf eine Formel geeinigt, die sinngemäß heißt: Es geht darum, ob und inwieweit eine Person mit dem Sicherheitsapparat der SED verstrickt war, für diesen wissentlich tätig war und in dieser Tätigkeit Dritten schadete oder eine Schädigung billigend in Kauf nahm ... Frage an den Maler: »Warum wurden Steuer und Glaß nach mehreren Einsätzen bei Olympia erst jetzt ausgemustert? Büchner: Wir können uns immer erst damit beschäftigen, wenn wir die Unterlagen auf den Tisch bekommen. ... Und dann müssen wir uns der Mühe unterziehen, das alles zusammenzutragen, abzuwägen und nach unserem Gewissen zu entscheiden

Aufschlußreich, daß keine Silbe dazu fiel, ob jemand die Glaubwürdigkeit der Akten kontrolliert, bei juristischen Verfahren bekanntlich die erste Frage. (...)

Es blieb der Fakt: Ein Birthler-Hinweis genügte, und NOK-Präsident Klaus Steinbach erklärte, daß drei verdammt worden seien und Leyendecker und andere schalteten ihre Laptops ein! Alles schien in gewohnten Bahnen zu verlaufen, als sich auch noch Wolfgang Schäuble zu Wort meldete: Der »Bundesinnenminister ... begrüßte gestern die bislang größte Stasiüberprüfung im deutschen Sport ... Zwischen NOK und Birthler-Behörde sei >ein gangbarer Weg gefunden und gemeinsam beschritten worden« (Die Welt, 28.1.06) Man erinnert sich: Schäuble war einer der beiden Deutschen, die den »Einigungsvertrag« konzipiert hatten.

Und immer lieferten die Medien Flankenschutz. Selten einfallsreich, aber immer nach dem gleichen Strickmuster. Wieder die Süddeutsche, diesmal vom 6.2.2006: »Täuschen, schummeln, lügen. Auf diese Pfeiler war der Mustersport des Überwachungsstaates gebaut. Wer nicht mit der Stasi kooperierte, war eben ins Doping verstrickt - diese doppelte Verschwörung unterschied den Sport von allen anderen Gesellschaftsbereichen. Und wo der Staat so allgegenwärtig war, brauchte es geeignetes Personal. Unter Funktionären und Athleten wurde knallhart selektiert, Individualisten waren unerwünscht, Querdenker wurden früh aussortiert und stillgelegt - die Opferakten sind voller Belege. Wer will, kann Einsicht nehmen

Das galt offensichtlich nicht für die Betroffenen. Steuer zum Beispiel konnte im MDR-»Sachsenspiegel« den Leiter der Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, mit einer 30-Seiten-Akte hantieren sehen, die er selbst nie gesehen haben soll. Noch mal: Knabe ist Gedenkstättenchef, von Bindungen an das NOK war bislang nichts bekannt.

Die Welt hatte schon Tage vorher (27.1.06) die Zukunft so geweissagt: »Das Handy mit italienischer Nummer, das sich Ingo Steuer für die Olympischen Winterspiele vom 10. bis zum 26. Februar in Turin zugelegt hatte, wird nicht klingeln. Die Deutsche Eislauf-Union (DEU) bestätigte gestern, daß der Eiskunstlauftrainer ... keine Akkreditierung für Turin erhalten wird

Wie schon manches Mal irrte Die Welt auch in diesem Fall, Steuer hatte längst eine einstweilige Verfügung gegen den von Frau Birthler initiierten NOK-Bescheid beantragt. Indessen hetzten Journalisten durchs Land, um Zuspruch für die Anti-»Stasi«-Entscheidung zu sammeln. Das Ergebnis war fatal. Eine Umfrage unter Besuchern in Oberhof landete im Papierkorb: 98 Prozent hatten sich gegen die Sperre ausgesprochen. Das Naiv-Magazin Super-lllu zitierte die ehemals weitbeste Eiskunstlauftrainerin Jutta Müller (77): »Die Thematik möchte ich überhaupt nicht besprechen. Nicht mit Ihnen und nicht mit jemand anderem.« Von der früheren Eis-Partnerin Steuers, Mandy Wötzel, wurde berichtet: »Bei ihrem Handy springt nur die Mailbox an. Keine Reaktion auf Anfragen von Super-lllu-Redakteuren. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2.2.2006) bekam deutliche Antworten von Katarina Witt: -»Waren Sie erstaunt darüber, daß auch Sie zu denjenigen gezählt haben, auf die Ingo Steuer als >IMTorsten< ein wachsames Auge hatte?< - >lch habe bereits 1993 meine Akten eingesehen und wußte daher, wer über mich an den Staatssicherheitsdienst der DDR berichtet hatte. Doch hatte ich mich damals entschieden, nicht mit dem Finger auf jemanden zu zeigen oder eine öffentliche Jagd zu eröffnen. Dies tun jetzt aber Personen, die weder in dieser Form betroffen waren noch einen Bezug zu unserer damaligen Situation in der DDR haben.< (...) >lst es Ihres Erachtens an der Zeit, die Aufarbeitung der Stasi-Fälle nach so vielen Jahren einzustellen?« >Mir gefällt die Art und Weise nicht, wie mit der Problematik umgegangen wird. Ich kenne Steuers Akte nicht, aber ich denke, daß 16 Jahre nach dem Mauerfall einerseits die Dinge so langsam aufgearbeitet sein sollten und andererseits, daß es an der Zeit ist, wichtigere Themen in den Vordergrund zu rücken. 14 Tage vor den Olympischen Spielen wird das plötzlich wichtig. Das alles trägt jetzt doch nicht dazu bei, daß Ost und West besser zusammenwachsen, und es trägt auch nicht zu besseren Olympischen Spielen bei.<«

Ein Kommentar erübrigt sich. Die Medienmeute war ohnehin schon auf dem Weg in den Berliner Gerichtssaal. Den wohl treffendsten Report lieferte die Berliner Morgenpost am 7. Februar: »Gleich zu Beginn gab Richter Wolfgang Krause zu erkennen, was er sich vorgenommen hatte: väterliche Milde. Im Saal 102 des Berliner Landgerichts hatte er die Zivilklage 5 0 39/06 Sawtschenko und andere gegen das Nationale Olympische Komitee zu verhandeln. Schon die Auflistung der Verfahrensgegner an der Tür war irreführend: In dem Eilverfahren ging es darum, ob der Eiskunstlauftrainer Ingo Steuer heute mit seinen Athleten Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy zu den Winterspielen nach Turin fliegen darf, obwohl das NOK ihn für untauglich hält, Deutschland zu repräsentieren, weil er fast fünf Jahre fleißig für die Stasi spitzelte.

Er darf, urteilte Krause gestern. Am Schluß rutschte ihm der heimliche Grund heraus: Die Stasisache >ist sehr lang her<, sagte er, >das ist ja fast Geschichte. <

In der Sache rechtfertigt er sein Urteil mit schlampiger NOK-Arbeit. Im Fall Steuer hätten die Olympier sich nicht an Grundsätze eines rechtsstaatlichen Verfahrens gehalten: Sawtschenko und Szolkowy >wurden gar nicht gehörts monierte Krause, Steuer >mußte sich von einem Tag auf den anderen erklären. Es war nicht zu erkennen, wie das Ermessen ausgeübt wurde«

Des Richters Kommentar war deutlich und erinnerte die Öffentlichkeit daran, daß der so gern gepriesene Rechtsstaat auch noch »Grundsätze eines rechtsstaatlichen Verfahrens« einfordert, selbst, wenn es sich um die »Stasi« handelt! Der Präsident des Deutschen Sportbundes, der Freiherr von Richthofen, sah das indes anders: »Ein in der Endkonsequenz völlig unverständliches Urteil« und fürchtete daß es »Konsequenzen für die künftige Bewertung von Stasi-Vorgängen im Sport hat Da mag er recht haben!

Steuer und seine Schützlinge flogen nach Turin und wurden dort von einem Beamten des deutschen Bundeskriminalamtes abgeholt. Kein Geheimdienstangehöriger, aber immerhin ein Kriminalist! Der richtige Mann also für diesen Krimi.

Die drei waren zu Spaßen allerdings nicht aufgelegt, zumal sie vor Ort nicht von Funktionären empfangen wurden, die sich wenigstens zurückzuhalten wußten. Thomas Bach, »der am Freitag in Turin zum Vizepräsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewählt wurde, sprang dem empörten NOK bei: Es könne ja wohl nicht angehen, daß eine Nationalmannschaft vom Amtsgericht Tiergarten aufgestellt werde« (Der Spiegel, 13.2.06).

Die anderen eiferten Bach nach: »Auch den Sportfunktionären ging es vorige Woche nur noch darum, die Angelegenheit irgendwie durchzustehen: Wenn nicht ohne Steuer, dann halt mit ihm. So traf sich NOK-Chef Steinbach am Donnerstag abend mit dem Eislauftrainer. Ingo Steuer erfuhr, daß das NOK beim Berliner Gericht nur eine normale Berufung gegen das Urteil einlegte und keinen Eilantrag stelle, der umgehend hätte verhandelt werden müssen (Ebenda) Der Reporter konnte weder mitteilen, daß der NOK-Präsident das Eiskunstlaufpaar und seinen Trainer in Turin willkommen geheißen hätte, noch daß jemand den Verzicht auf den Eilantrag hätte etwa noch würdigen wollen. Zumal die Aussichten dieser Revision nicht sonderlich hoch eingeschätzt werden. So startete das ungeliebte deutsche Eiskunstlaufpaar nach einem beispiellosen Streß mit einem Trainer an der Bande, den man hatte ruinieren wollen, in den Kampf um die Medaillen. Der Auftakt der beiden war brillant, aber der dreifach geworfene Salchow mißriet und so gelangten sie nach dem Kurzprogramm nur auf den siebenten Rang. Steuer in das Fernsehmikrofon: »Für das, was sie durchgemacht haben, war es eine tolle Leistung Und was immer sie danach noch durchmachen mögen - es bleibt dabei!