junge Welt

14.11.2006 /Sport /Seite 16


Stasijäger auf glattem Eis

Drei gegen alle: Ingo Steuer, Eiskunstlaufpaartrainer, feiert Weltcup-Erfolge

Hans Brandt

Das Eiskunstlaufpaar Aljona Savchenko und Robin Szolkowy belegte beim Cup of China in Nanking, der am Sonnabend endete, hinter den chinesischen Favoriten Rang drei. Ein komfortables Ergebnis für das deutsche Spitzenpaar, das von seinem Trainer Ingo Steuer hervorragend auf den Wettkampf eingestellt war.

Hier nun endet zunächst der sportliche Teil. Wer darüber informiert sein wollte, mußte das Handelsblatt nehmen oder die Neue Zürcher Zeitung. Unter Bild.online war nichts zu finden. Neues Deutschland brachte immerhin eine Kurzmeldung. Es drängt sich der Verdacht auf, daß das Eiskunstlauftrio aus Zwickau von den Medien geschnitten wird, dem Innenministerium zuliebe.

Bevor Aljona Savchenko und Robin Szolkowy am vergangenen Mittwoch die Maschine nach China zum ersten Weltcup der Eiskunstläufer 2006/2007 bestiegen, hatten sie beim Landgericht München vorgesprochen. Dort erwirkten sie per einstweiliger Verfügung, daß ihr Trainer Ingo Steuer sie begleiten durfte. Der Richter entschied, daß die Deutsche Eislauf-Union Ingo Steuer als offizielles Teammitglied beim Cup of China akkreditieren muß. Zum dritten Mal ging das Trio nach einem Gerichtsbeschluß an den Start. Seit Januar werden das beste deutsche Eiskunstlaufpaar und einer der besten deutschen Trainer vom Bundes­innenministerium verfolgt, auch auf die Gefahr hin, alle drei für den deutschen Eiskunstlauf zu verlieren.

Warum? Ingo Steuer hatte sich 1986 als 18jähriger bei der Staatssicherheit als IM (»Inoffizieller Mitarbeiter«) verpflichtet und über die DDR-Eiskunstlaufgruppe informiert. Katharina Witt erklärte dazu, er habe auch über sie geschrieben, aber das sei doch Kinderkram gewesen. Es sollten sich jene melden, deren Karriere gelitten habe. Gemeldet hat sich niemand.

Steuer versicherte in einem Bild-Interview im März, daß er sich für den Schandfleck in seiner Karriere schämt. Er fragte: »Warum werde ich jetzt fertiggemacht? Das hätten sie auch schon 1994 haben können. Aber da war ich erfolgreich mit Mandy (Wötzel).« Der Zeitpunkt der »Enttarnung« Steuers zur Winterolympiade in Turin Anfang 2006 erklärt sich möglicherweise mit damaligen Schwierigkeiten der Birthler-Behörde, die öffentliche Aufmerksamkeit brauchte. Nach einer Medienkampagne sollte Steuer in der Versenkung verschwinden.

Da geschah etwas völlig Unerwartetes. Savchenko und Szolkowy, gerade erst im Besitz deutscher Papiere, weigerten sich, ohne ihren Trainer zu laufen und gingen vor Gericht. Um sie umzustimmen, bot man ihnen ein Training bei dem berühmten Oleg Wassiljew in Chicago an. Savchenkos Antwort: »Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, um bei einem russischen Trainer in Chicago zu laufen.« Die Standhaftigkeit der beiden ist bewundernswert, weil sie selbst mit Rausschmiß rechnen mußten. Für sie ist nicht die Akte, sondern die Persönlichkeit entscheidend. Steuer ist ihnen ein Vorbild. Diese Bürgschaft für den Menschen müßte eigentlich gewichtiger sein als Akten.

Mitte des Jahres zeichnete sich endlich eine vernünftige Lösung ab. Im Juli war das Präsidium der Deutschen Eislauf-Union neu besetzt worden. Eine seiner ersten Amtshandlungen war ein Gespräch mit Steuer, Savchenko und Szolkowy. Der neue Präsidiumschef, Dieter Hillebrand, wollte zweifellos einlenken. Das Präsidium gab dann auch grünes Licht für eine weitere Zusammenarbeit mit Steuer. Szolkowy sagte der Freien Presse in Zwickau: »Es war ein sehr positives Gespräch. Wir haben gespürt, daß die Leute gewillt sind, uns zu unterstützen Und Hillebrand bestätigte: »Wir haben kein gestörtes Verhältnis zu Steuer oder dem Paar, wir können ihre Situation verstehen

Da schlug Innenminister Wolfgang Schäuble, auch für den Sport zuständig, mit aller Wucht zu. Bis dahin hatte das Ministerium nur die Gelder für die Bezahlung von Ingo Steuer gestrichen; jetzt wurden 200000 Euro DEU-Fördermittel storniert. Mit dieser Pistole im Genick teilte die DEU der Presse mit, daß die Zusammenarbeit mit dem Eiskunstlaufpaar beendet werde, wenn es weiter auf seinem Trainer bestehe.

Nun sind die drei in Nanking sehr erfolgreich gewesen. Ende dieses Monats starten sie beim »Cup of Russia«, wieder mit richterlicher Rückendeckung. Weiter wird gegen sie intrigiert. Dringend nötig wäre ihr Sieg gegen den Innenminister.