„Neues Deutschland“, Mittwoch, 9. Februar2005

 


Birthlers Totenjagd

Zur Herausgabe von Akten über Verstorbene

Von Peter-Michael Diestel

»Die Ruhe eines Toten zu stören, ist dem jüdischen Gefühl ein unerträglicher Gedanke, eine Vorstellung, die den Lebenden erschauern lässt Das schrieb der holländische Rabbiner de Vries 1927. Ein solches Gefühl, ein solcher Gedanke scheint der einstigen Katechetin und Gemeindehelferin der evangelischen Kirche und heutigen Chef-Aktenverweserin Marianne Birthler fremd zu sein. Ebenso der altchristliche Wunsch für Heimgegangene: »Ruhe in Frieden«. Im Gegenteil: Sie will mit ihrer Richtlinie, MfS-Unterlagen von Verstorbenen herauszugeben, gewissermaßen Steine auf die Gräber von einstigen Prominenten und Amtsträgern werfen und werfen lassen. Totenjagd auf Teufel komm raus.

Betroffen wäre beispielsweise Professor Dr. Gerhard Riege. Der Katechetin Vorgänger, der evangelische Pfarrer Gauck, muss als damaliger Chef-Aktenverweser den Freitod des langjährigen Hochschullehrers und Mitgliedes der frei gewählten Volkskammer (und anderer) mit seinem Gewissen ausmachen. Seine Behörde gab widerrechtlich zusammengetragene Informationen des ostdeutschen Geheimdienstes bereitwillig an die mediale Verwertungsindustrie, die sie als Stasi-Keule nutzte, deren massiven Schlägen der dreifache Familienvater am 15. Februar 1992 unterlag. Nun könnte diese Keule auch nach seinem Tod weiterwuchten, bestimmt die Katechetin in christlicher Nächstenliebe. Gegen andere Verstorbene ebenso.

Dreierlei sei zu diesem Vorhaben angemerkt.

Zum einen stößt ab, dass sich die Ungleichbehandlung von Deutschen über den Tod hinaus fortsetzen soll. Denn so sicher
wie das Amen in der Kirche richtet sich die Totenjagd vor allem auf Hingeschiedene im Osten. Motto: Konnten wir ihnen im Leben nichts am Zeug flicken, dann wenigstens im Tod. Sie sollen -ginge es nach dem Willen dieser sich gottähnlich dünkenden Menschenverurteiler - gefälligst bis zum Jüngsten Tag für die Ungnadeder Geburt auf der falschen Seite büßen. Dass mit der postmortalen Freigabe verlogenen Geheimdienst-Materials die Hinterbliebenen ebenfalls getroffen werden, ficht die Gauck-Birthler-Akten-Profiteure nicht an.

Denn man erkennt zum anderen die pekuniäre Absicht und ist verstimmt: Birthler und Co. kämpfen verbissen um ihre Arbeitsplätze. Viele von ihnen wissen, dass sie anders als Papierverwalter und Papierschnitzelkleber ihren Lebensunterhalt nicht verdienen können. Wer aber braucht solche? Fünf Millionen Arbeitslose winken ihnen zu, und Hartz IV lässt grüßen. Da sei die steuerbezahlte Behörde vor. Also schafft man flugs »Arbeitsfelder«, um die weitere Daseinsberechtigung nachzuweisen. Was schon macht's, die Ruhe von Toten zu stören, deren Hinterbliebe­nen das Leben schwerer zu machen und den Graben zwischen Ost und West zu vertiefen! Hauptsache die eigene Kasse stimmt.

Drittens schließlich verwundert die Geduld der Steuerzahler in Ost und West. Hunderte Millionen € verschlingt diese längst überflüssig gewordene, aufgeblähte Bundesbehörde mit ihren Dependancen in den neuen Bundesländern, derweil sich die täglichen sozialen und anderen Hiobsbotschaften kaum ertragen lassen. Deutschland hat weiß Gott andere Sorgen, als einer hoch dotierten und selbstgerechten Katechetin und Tausenden Mit-»Arbeitern« einen geruhsamen Job zu finanzieren.

Wer das friedliche Zusammen­leben von Ost und West und wer die Ruhe von Toten stört, hat keine Ruhe verdient. Wie Rabbi de Vries uns lehrt.

Der Autor war letzter Innenminister der DDR und ist heute Rechtsanwalt.