Totgeschwiegen

 

Noch nie habe ich von den Anzeigenblättern, mit denen wöchentlich mein Briefkasten voll gestopft wird, umwerfende Informationen erwartet. In dieser Woche war es aber wirklich spannend.  Immerhin hatte am 13.01.2005 im ehemaligen Dienstkomplex des MfS in der Ruschestraße eine bedeutsame Veranstaltung der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Lichtenberg anlässlich des 15. Jahrestages des „Sturmes“ auf die MfS-Zentrale stattgefunden, eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion vor großem Publikum.

Nur hier und sonst nirgends in Deutschland diskutierten hochrangige Vertreter aller beteiligten Parteien über dieses Ereignis: Hans Modrow, seinerzeit Ministerpräsident der DDR, Dr. Peter-Michael Diestel, letzter Innenminister der DDR, Reinhard Schult, „Organisator des Sturmes“, David Gill, Chef der Bürgerkomitees zur Auflösung des MfS sowie der letzte Chef des ehemaligen MfS im Hause, Heinz Engelhardt und der Zeitzeuge der geheimdienstlichen Plünderung von Akten der Spionageabwehr des MfS, Helmut Wagner.

Die auf Lokalnachrichten spezialisierten Anzeigenblätter, die z.B. regelmäßig auch über den letzten Pups berichten, den Herr Knabe von der „Gedenkstätte Hohenschönhausen“ absondert, hielten diese spannende, informative und logischerweise z. T. auch kontroverse Diskussion über ein Ereignis, dass nun wahrlich nicht als Heldengedenktag des MfS in die Geschichte eingegangen ist, keines Berichtes wert. Das auch praktisch alle anderen Medien diese Podiumsdiskussion totschwiegen sei nur am Rande vermerkt. Die reale „Pressefreiheit“ in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert perfekter als zu Zeiten der Agitationskommission des ZK der SED.

Wolfgang Schmidt

21.01.2005